Der Tag, an dem die Welt still steht

KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Draco Malfoy Harry Potter
11.09.2019
11.09.2019
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Der Tag, an dem die Welt still steht


Kapitel 1


Harry Potter war der Junge, der überlebte. Der Junge, der den Dunklen Lord besiegte. Und der Junge, der den Frieden in die Welt der Zauberei zurückbrachte. Er war für viele Hexen und Zauberer der Retter ihrer Welt. Doch das war damals gewesen. Heute, acht Jahre später, erzählte man sich noch immer diese Geschichten. Doch das Leben des nun erwachsenen Mannes hatte sich grundlegend verändert. Es war normal geworden. Normal, aber alles andere als langweilig.

Nach seinem siebten Jahr in Hogwarts, das er nach dem Ende des Krieges begonnen hatte, war er zum Zaubereiministerium gegangen und hatte die vierjährige Ausbildung eines Auroren durchlaufen. Und dank seines Rufes war er schnell die Karriereleiter hinaufgeklettert bis er den Posten des Stellvertretenden Leiters der Magischen Strafverfolgungsbehörde und Leiters der Aurorenzentrale erreicht hatte. Ein Posten, der ihm geregelte Arbeitszeiten, einen wirklich guten Lohn, und einen Arbeitsalltag, der kaum von erschreckenden Überraschungen geprägt war, versprach.

Jeden Morgen, wenn er die Augen aufschlug, lag Harry in seinem Bett, wohlbehütet von der dicken Daunendecke, die ihn warm hielt, gestützt von einem weichen Kissen, das seine Albträume fern hielt. Denn noch vor wenigen Jahren hatten sie ihn jede Nacht begleitet. Schweißgebadet war er hochgefahren, die Narbe auf seiner Stirn hatte vor Schmerz gepocht, obwohl Voldemort schon seit Jahren tot war, und er hatte das Zittern, das seinen Körper befallen hatte, kaum mehr unter Kontrolle bringen können.

Daran dachte er an jedem Morgen zurück und war dankbar dafür, dass er nun in Frieden leben konnte. Frei von diesen Bildern, frei von den Fetzen der Vergangenheit, die ihn immer wieder an das erinnerten, was ihm in den vergangenen fünfzehn Jahren alles geschehen war.
Es waren seine Freunde gewesen, die ihm aus dieser Phase geholfen hatten, In den Momenten, in denen er sich so hilflos gefühlt hatte wie nie zuvor, hatten sie ihn gehalten, im Trost gespendet und ihm eine Schulter zum weinen gegeben.

Dann, wenn er sich in der kuscheligen Umarmung seines Bettes räkelte und sich geborgen fühlte, dachte er an diese Zeit zurück. Und das tat er mit Genugtuung. Harry hatte es nämlich geschafft das alles hinter sich zu lassen. Er blickte nach vorne, nahm seinen Job im Ministerium ernst und genoss jeden Augenblick, den er auf seiner Arbeit erlebte. Für jemanden, der nie ein ruhiges Leben gehabt hatte, war der Umstand jeden Morgen im eigenen Bett aufwachen zu können und einen geregelten Arbeitsalltag zu haben der reinste Segen. So hatte der junge Zauberer es geschafft seine Vergangenheit zu überwinden. Vergessen würde er sie allerdings wohl nie können. Dafür war zu vieles geschehen.

Jeden Tag, wenn Harry die Treppen des großen Hauses am Grimmauld Place 12 rauf und runter lief, musste er an seinen Paten denken, der ihm dieses Haus vermacht hatte. Ein Haus voller Erinnerungen an Sirius. Das war einer der vielen Gründe, wieso er in diesem Haus lebte – und das schon seitdem er Hogwarts verlassen hatte. Harry fühlte sich seinem Paten an diesem Ort so verbunden wie nirgends sonst. Überall, in jedem Gegenstand, in seinem Bild an der Wand, in jedem Zimmer sah er ihn, spürte seine warme Hand auf der Schulter und hörte seine sanfte Stimme, wie sie ihm Mut zu flüsterte. Und Harry brauchte diesen Mut und die Unterstützung, die sein verstorbener Pate ihm gab. In den letzten Tagen und Wochen noch mehr als sonst.

Denn da gab es noch jemanden. Jemand anderes als seine Freunde, die ihm durch seine schwere Zeit geholfen hatte. Jemand, der eigentlich nichts in seinem Leben zu suchen haben sollte. Jemand, der ihm immer wieder aufs neue das Herz brach, ihn verletzte und dennoch immer wieder aufbaute. Diese Person war es, die es schaffte ihm in seinem sonst so perfekten Arbeitsalltag Steine in den Weg zu legen und ihm auch sein restliches Leben schwer zu machen. Dabei handelte es sich um niemand geringeren als Harry Potter´s absoluten Erzfeind – und das bereits seit seinem ersten Abend in Hogwarts. Eine Feindschaft, die die Hälfte seines Lebens bestand. Eine Feindschaft, an der Harry nun schon seit bald einem Jahr zweifelte.

Es war der siebte Jahrestag der Schlacht von Hogwarts gewesen. Der Tag, an dem in den Räumlichkeiten des Zaubereiministeriums jegliche Art von Arbeit eingestellt und ein großes Fest unter den Straßen von London veranstaltet wurde. Doch nicht nur dort, auch in den versteckten Gassen, die vor den Augen der Muggel, verborgen waren, feierten die Menschen. An diesem Tag floss das Butterbier in Strömen, Feuerwhiskey flutete die Straßen, auf denen Zauberer und Hexen ausgelassen tanzten, und schlechte Gedanken waren jedem fremd. Das war der Tag gewesen, an dem Draco Malfoy für Harry mehr geworden war, als sein alter Erzfeind. An diesem Tag, oder um genauer zu sein am Abend dieses Tages, war Draco sein gewesen. Und Harry war zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr allein gewesen.

Harry wusste am Tag darauf nicht mehr, wann er nach Hause gekommen war. Er wusste nicht mehr, wie sie zu ihm gekommen waren. Er wusste nicht mehr, wann sie ihre Kleidung ausgezogen hatten. Und er wusste nicht mehr, wieso er es getan hatte. Doch was er noch wusste war, dass dies die beste Nacht seines Lebens gewesen war.

Ja, Harry Potter hatte in dieser Nacht mit Draco Malfoy geschlafen. Und ihm war egal wieso. Das einzige, das für ihn zählte, war, dass er zum ersten Mal seit langem nicht mehr dieses nagende Gefühl der Einsamkeit verspürte. Zum ersten Mal hatte es jemand geschafft dieses klaffende Loch in seiner Brust zu füllen. Deswegen war egal, wer es war. Malfoy hatte es geschafft, was niemand zuvor geschafft hatte. Dass es nicht so egal war, wie Harry zuerst angenommen hatte, wurde ihm erst einige Wochen später bewusst.

~oOÖOo~

Es war ein später Freitagnachmittag gewesen. Die meisten Mitarbeiter des Zaubereiministeriums verabschiedeten sich ins Wochenende, wodurch die Büroräume der Magischen Strafverfolgungsbehörde wie leer gefegt wirkten. Harry saß noch als letzter in seinem gemütlichen Büro, bearbeitete die meterhohen Pyramiden an Pergamentrollen, die sich auf und um seinen Schreibtisch herum türmten, und arbeitete wie jeden Freitag länger. Während seine Angestellten schon früh das Büro verließen, blieb er länger, manchmal bis spät in die Nacht, damit er Montagmorgens nicht dasselbe Chaos vorfand, das er vor dem Wochenende zurückgelassen hatte.

Der junge Mann mit den pechschwarzen Haaren war so vertieft in das Verhaftungsprotokoll eines Zauberers, der verdächtigt wurde, Handel mit schwarzmagischen Objekten zu betreiben, dass er nicht mitbekam wie es an seiner Tür klopfte. Auch das zweite Klopfen drang nicht bis an seine Ohren. Und so betrat Draco Malfoy kurzerhand das Büro des Leiters der Aurorenzentrale.

Der Blonde staunte nicht schlecht über den Anblick, der sich ihm bot: Harry Potter, angesehenster Zauberer ihrer Zeit, saß mit verrutschter Brille, verstrubbelten Harren und einem grüblerischen Blick in einem Berg an Pergamentrollen und las. Ein belustigtes Lächeln umspielte die Lippen des Zauberers, ehe er die Tür hinter sich schloss und auf den überladenen Schreibtisch zu ging. Erst durch das laute Knallen der Tür, die ins Schloss fiel, wurde Harry´s Konzentration gestört.

Leicht verwirrt blickte er auf – direkt in die eisblauen Augen des ehemaligen Slytherinschülers. Der Schwarzhaarige kannte dieses Gesicht. Er kannte jede Falte, jede Pore und jedes noch so kleine Härchen auf der reinen, makellosen Haut seines Gegenübers. In so vielen Prügeleien war er ihm noch während ihrer Schulzeit immer nah gekommen. Und in ihrer gemeinsamen Nacht vor einigen Wochen hatte er noch viel mehr gesehen, als nur sein Gesicht.

Deswegen schlich sich ein sanfter Rotschimmer auf das Gesicht des Auserwählten, während Bilder aus eben jener Nacht vor seinem inneren Auge aufblitzten. Nackte Haut auf nackter Haut, zwei Körper, die sich lustvoll aneinander rieben, ein lautes Stöhnen, das in der Luft lag. Plötzlich waren es nicht mehr nur die Bilder, sondern alle anderen Sinneswahrnehmungen dieser Nacht prasselten auf den Schwarzhaarigen nieder. Nur schwer konnte er sich von der Erinnerung eines Draco Malfoys im Adamskostüm losreißen.

„Was tust du hier, Malfoy?“, brachte Harry angestrengt ohne zu stottern hervor. Er legte die Akte, die er in den Händen gehalten hatte, aufgeschlagen vor sich auf den Schreibtisch und stützte die Ellenbogen ab – allerdings nur um das Zittern seiner Arme zu kaschieren.

„Ich arbeite hier.“, war die trockene Antwort, die Draco Harry mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Blick, als würde er am geistigen Zustand des Anderen zweifeln, gab. „Nein, im Ernst jetzt, Potter, der Zaubereiminister schickt mich. Mr. Shacklebolt verlangt deine morgige Anwesenheit bei einer außerordentlichen Tagung des Zaubergamots, da der Leiter der Magischen Strafverfolgung verhindert ist. Du als sein Stellvertreter und Chef der Aurorenzentrale nimmst daher seinen Platz interimsmäßig im Präsidium des Gamots ein.“

Mit neutralem Blick und eintönigem Tonfall hatte Malfoy seinen Text heruntergerasselt. Und der Auror stöhnte innerlich auf. Nicht aufgrund des Blonden. Nein, aufgrund dessen, dass er seinen freien Samstag schon wieder vergessen konnte. Fast schien es schon so, als wolle der Minister ihn immer dann sehen, wenn er gerade einmal nicht arbeiten musste. Und immer schickte er Draco. Immer war es der blonde Assistent des Ministers, der ihm diese Nachrichten überbrachte.

Harry seufzte. „Na gut. Wann soll ich morgen da sein?“
„Morgen Vormittag. Neun Uhr. Zehnter Stock. Gerichtssaal des Zaubergamots.“, sagte Malfoy. „Verspäte dich nicht, Potter! Der Minister wartet nicht gerne.“

Harry verstand einfach nicht, wieso Kingsley Draco in dem Jahr angestellt hatte, in dem Harry selbst seine Ausbildung zum Auroren beendet hatte. Was hatte er davon, jemanden aus einer Todesser-Familie in seinem näheren Umfeld sitzen zu haben? Jemanden, der dem Dunklen Lord ohne Widerworte gehorcht hatte. Aber noch weniger verstand er, wieso Malfoy eigentlich arbeitete. Er hatte das Geld seines Vaters geerbt, nachdem dieser als Todesser für seine Verbrechen verurteilt und nach Azkaban gesteckt worden war. Aus finanzieller Sicht hatte er es alles andere als nötig für das vergleichsweise mickrige Gehalt eines Ministeriumsangestellten zu arbeiten.

„Was beschäftigt dich, Potter?“, fragte der blonde Assistent des Zaubereiministers, ohne Anstalten machen zu wollen, das Büro des Auroren zu verlassen. Er stand immer noch an Ort und Stelle, machte keine Anstalten sich vom Fleck zu rühren und blickte den Dunkelhaarigen mit einem für diesen undefinierbaren Blick an.

„Wieso willst du das wissen,?“, fragte Harry sichtlich überrascht und dementsprechend verwirrt. Damit, dass der Blonde ihr Gespräch mit einer solchen Frage weiter in die Länge ziehen würde, hätte er in seinen seltsamsten Träumen nicht erwartet.
„Dein Blick.“, sagte Malfoy. „Er spricht Bände.“

Jetzt musste Harry vorsichtig sein mit dem, was er sagte und tat. Nur das kleinste Zucken seiner Mundwinkel, nur ein verräterisches, wackelndes Härchen seiner Augenbrauen und der Blonde würde das Gefühlschaos bemerken, welches im Inneren des Auserwählten herrschte. Der junge Malfoy war ein Meister darin Gestik und Mimik seines Gegenüber zu lesen und zu deuten. Er würde sofort wissen, wie es um den Schwarzhaarigen stand.

„Ich war einfach in Gedanken.“, zuckte Harry möglichst gleichgültig mit den Achseln. Dass sein Herz ihm beinahe aus der Brust sprang versucht er sich dabei nicht anmerken zu lassen. Und auch sonst bemühte er sich darum, nicht zu schnell zu atmen oder gar den Atem anzuhalten. Oder aber das verräterische Zucken seiner Mundwinkel, das immer dann auftrat, wenn er versuchte etwas zu verheimlichen.

Irgendwie schaffte er es, denn es passierte nichts. Zumindest nicht für eine gefühlte Ewigkeit, die in Wahrheit jedoch nur wenige Sekunden lang andauerte. Doch mit jedem einzelnen Wimpernschlag wuchs die Nervosität des Schwarzhaarigen. Verbessert wurde das ganze auch nicht durch den Blick, den der Blonde mir durchgehend zuwarf. Es war eine Mischung aus unverhohlenem Interesse, Anzüglichkeit und Belustigung. Unruhig verlagerte Harry bereits sein Gewicht von der einen zur anderen Pobacke und noch immer war nichts passiert.

„Du bist unruhig.“, stellte Malfoy fest. Echt? Das hätte Harry ohne dessen Bemerkung gar nicht mitbekommen. „Bist du nervös?“
Schnell schüttelte Harry mit dem Kopf. Etwas zu schnell. Dem jungen Malfoy entging diese Reaktion natürlich nicht und sogleich schoss ein siegessicheres Grinsen über seine Züge.
„Mache ich dich etwas nervös, Harry?“, flüsterte er und war einen Schritt näher gekommen. Seine Oberschenkel berührten nun das Holz des Tisches und Draco beugte sich nach vorne, stützte sich dabei auf herumliegenden Pergamentrollen ab und zwinkerte dem Schwarzhaarigen verschwörerisch zu. Harry konnte sich keinen Millimeter mehr rühren. Der Duft seines Gegenübers, der ihn traf, als wäre er gegen eine Wand gerannt, setzte jegliche kognitiven und motorischen Funktionen außer Gefecht.

Der Schreibtisch war alles andere als klein. Doch irgendwie hatte es der Blonde geschafft von der anderen Seite des Tisches bis kurz vor Harrys Gesicht zu gelangen. Und dieser wich auch nicht aus. Nicht, als ihrer beider Lippen nur noch wenige Fingerbreiten von einander entfernt waren. Auch nicht dann, als sie sich bereits berührten. Es passierte eher das Gegenteil: Sobald Harry die Wärme des anderen spürte, lehnte er sich nach vorne und verstärkte so den Druck ihrer Lippen aufeinander. Und dann begann Draco ihn zu küssen.

Ein Stöhnen kam über die Lippen des Auserwählten. Bei Merlin! Draco küsste einfach so unverschämt gut! Die durch sein Stöhnen leicht geöffneten Lippen wurden von Malfoy junior natürlich sofort genutzt. Seine weiche und flinke Zunge drang nach vorne und es dauerte nicht lange, da fochten die beiden Zauberer ein kleines Duell um die Vorherrschaft in Harrys Mund aus.

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten sie sich keuchend und nach Luft ringend voneinander. Der belustigte Ausdruck in den Augen des Blonden war verschwunden und durch lodernde Leidenschaft ersetzt worden. Leidenschaft, die sich auch in Harrys Augen widerspiegelte.

Doch anstatt das Ganze zu vertiefen, richtete sich der Blonde plötzlich auf, strich seinen Anzug glatt, richtete seine schwarze Krawatte mit dem doppelten Windsor und räusperte sich hörbar.
„Also, Potter, dann bis morgen. Sei pünktlich!“
Dann ließ er den Leiter der Aurorenzentrale mit rasendem Herzen, geröteten Wangen, einer viel zu engen Hose und einem verwirrten Ausdruck im Gesicht zurück. Was war denn bitte das gewesen?

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Meine erste Geschichte in diesem Fandom! Ich hoffe sie hat euch gefallen :)
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