Neuanfang

von Wren
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
11.09.2019
11.09.2019
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Ganz still saß sie da.
Inmitten einer großen, lauten Masse aus Menschen.
Alles um sie herum wuselte und lärmte. Menschengruppen zogen an ihr vorbei. Die einen lachten, die anderen stritten laut. Weiter weg hörte man ein Kind stolpern und dann weinen. Dann die Mutter die es tröstete.
Doch sie saß inmitten dieser Menge auf einer kleinen Holzbank. Niemand nahm Notiz von ihr. Wie als wäre sie unsichtbar. Sie alle waren so eingenommen von der Welt und den Läden um sich herum, sodass sie all die kleinen Sachen nicht mehr wahrnahmen.
Doch sie tat es.

An ihren beiden Seiten standen kleine Bäumchen. Perfekt zu einer Spitze zugeschnitten. Jeder einzelne Ast gerade und sauber gekürzt, ohne nackt auszusehen.
Wie lange das wohl gedauert hat, fragte sie sich.

Sie beobachtete das kleine Kind. Die Wangen noch ganz rosig vom Weinen lachte sie bereits schon wieder, als ihr Vater ihr eine komische Fratze zeigte.
Das leicht aufgeschürfte Bein schon längst wieder vergessen.
Der Vater nam sie lachend in den Arm und wiegte sie in die Luft. Das Kind quietschte vor Freude.
Sie wandte den Blick ab. Es war ihr unangenehm ihnen zuzusehen. Vor allem dem Kind.
So sorglos. So einfach. So glücklich.
Viel zu glücklich.

Also betrachtete sie stattdessen all die anderen Menschen.
Das tat sie oft und gern. Einfach nur zuhören und -sehen.
Mitfühlen, wenn sie es gerade nicht konnte.

Sie erinnerte sich an den gestrigen Tag.  
An eine junge Frau die glücklich an den frischen Strauß roch, den ihr Liebhaber ihr gebracht hatte.
Es war ein frischer roter Rosenstrauß. Die Blätter so herrlich grün und das Rot glich die Farbe von Blut.
Sie hatte ihre Augen geschlossen.
Sie konnte die Rosen riechen. Die Dornen leicht durch das Papier fühlen. Die Farben vor ihren inneren Auge sehen. So kräftig, dass es sich in ihren Gedanken einbrannte.
Für einen Moment war sie jemand anderes. Für einen Moment stand sie dem Mann gegenüber und genoss den Geruch des Blumenstrauß.
Sie war so glücklich.
Lächelnd öffnete die Augen.
Und sie saß wieder auf der Bank. Aus ihrer Fantasie herausgerissen.
Das Paar war verschwunden.
Die wilde Freude verschwand abrupt und Leere trat wieder ein.
Und sie hielt für den restlichen Tag an.

Sie seufzte leise und wandte den Blick gen Boden.
Sie konnte nicht mehr denken. Nicht mehr fühlen. Es war unerträglich.
Jeder Atemzug zu viel. Jeder Augenschlag zu anstrengend.

Sie setzte sich auf und wandte sich zum gehen.
Ihr Blick nach wie vor auf den Boden gerichtet, steckte sie ihre Hände in die Tasche und machte sich auf den Weg zurück.
Der Lärm der Stadt um sie herum nahm sie kaum noch wahr. Wie eine Schnecke hatte sie sich in ihr innerstes Häuschen zurückgezogen.





Sie sollte sich eigentlich Gedanken machen um ihre Arbeit.
Nein, korrigierte sie sich selbst, um das Arbeitsamt.
Sie brauchte Arbeit. Dringend. Aber sie schaffte es einfach nicht.
Jeden Tag nahm sie es sich vor.
Doch immer wenn sie Anzeigen durchschaute, Bewerbungen schrieb machte sie einen Rückzieher.
Was wenn sie angenommen wird? Was wenn nicht? Was dann? Und wie? Und wo? Wer? Was?
Was wenn sie wieder durch den Stress zusammenbrach? Vom möglichen Gespött der Kollegen?
Ihre Mutter hatte nur den Kopf geschüttelt. „Dummes Mädel“, sagte sie dann immer. „Dummes dummes Mädel“

Sie spürte plötzlich etwas Nasses auf ihrer Stirn. Sie blickte gen Himmel.
Ein weiterer Tropfen. Diesmal auf ihrer Nase.
Sie hatte keinen Schirm dabei. Sie würde tropfnass nach Hause kommen. Ihre Mutter würde wieder schimpfen.
Es war ihr egal.
„Hey“
Sie ging weiter durch die Straßen. Vertieft in ihren trübseligen Gedanken.
„Hey du“
Meint er mich? Nein kann nicht sein. Diese Uhrzeit.. keiner den ich kenne ist da jemals unterwegs. Ich hab alles überprüft. Das kann nicht sein.
Panik durchfuhr sie und sie beschleunigte ihren Gang.
Schnell schnell.
„Hey warte doch mal verdammt.“
Tu einfach so als würdest du ihn nicht hören.
Eine Hand fasste sie plötzlich an der Schulter und erschrocken blieb sie stehen.
„Oh mann bist du taub?“
Vorsichtig drehte sie sich um.
Ein Junge in ihren Alter stand vor ihr. Er grinste breit von einen Ohr zum anderen.
Sein braunes Haar war kurz und stand von allen Seiten ab. Er trug ein schon etwas mitgenommenes Fußballtrikot und eine schwarze Hose. Seine Sneaker sahen auch nicht besser aus. Sie standen regelrecht in Dreck.
Sie starrte ihm ins Gesicht. Wortlos.
„Woah guck nicht so gruselig ich will nur ein bisschen reden.“
„Lass mich in Ruhe“, sagte sie nur und drehte sich von ihn ab
„H-hey oke sorry. Aber hast du einen Regenschirm?“
Sie schüttelte den Kopf und ging weiter.
„Oh ok. Äh auch egal“
Er rannte ihr hinterher bis er neben ihr ging.
„Wie heißt du?“
Keine Antwort.
„Ok cool. Ich heiße Jonas. Hab gerade ein Fußballmatch hinter mir. Mann das war viel zu einfach. Die Gegner waren ja nichts.“
Sie sah aus den Augenwinkel wie er sie verstohlen musterte.
Was will der von mir? Ich hab ihn noch nie gesehen. Und er benimmt sich wie ein kleines Kind.
„Naja das Nächste wird schwieriger. Die haben uns das letzte Mal fertig gemacht. Echt peinlich.“
Er grummelte.

Der Regen wurde immer schlimmer. Inzwischen waren schon ihre Haare durchnässt. Und die Kälte biss sich durch die Kleidung. Sie presste ihre Arme fester gegen ihren Körper.
„Dir ist kalt“, stellte er plötzlich fest.
Sie konnte nicht anders. Sie musste lachen.
Die lähmende Leere verschwunden. Es war wie als wäre ein Schalter in ihr umgelegt worden. Natürlich war ihr kalt. Es war arschkalt hier. Ihr ging es scheiße. Ihr Leben war scheiße. Nichts funktioniert. Nichts klappt. Sie war die Enttäuschung ihrer Familie. Ein Nichts in der Gesellschaft, welches nichts anderes zustande bekam, außer jeden Tag sich auf die Bank zu setzen und wie ein Junkie sich die tägliche Dosis von Gefühlen abzuholen.
Sie wollte nicht mehr. Sie war wütend. So wütend. Frustriert.
Er lachte nervös mit als er ihren Gesichtsausdruck sah.
„Verschwinde.“, schnitt sie sein Lachen ab. „Hau ab. Lass mich in Ruhe. Spiel dein verdammtes Fußballspiel, aber lass mich allein. Kapiert?“
Mit diesen Worten wandte sie sich erneut ab.
So ein aufgeblasener, blöder-
Weiter dachte sie nicht als sie vor sich eine Meute erblickte.

Es waren mehrere große und kräftige Jungen. Alle um die 18 Jahre alt. Sie standen wie ein Ring um einen einzelnen, kleineren Jungen.
Er trug eine Brille die viel zu groß für ihn war. Seine Kleidung war einfach. Ein braunes Hemd mit einer Jeans. Sichtlich abgenutzt und schon zu oft getragen.
Er blickte unsicher die Mauer aus Menschen um sie herum an.
„Was ist Wiesel? Machst dir schon in die Hosen?“, hänselte einer der Jungen.
„Hat er doch schon längst. Und hat sein Hemdchen als Klopapier benutzt“, meinte der andere.
Alle lachten.
Sie blieb stehen und starrte die Meute an.
Inzwischen schubsten sie den Kleinen von einen zum anderen. Jedesmal etwas härter.
Ihre Gedanken rasten fieberhaft. Nein nein nein nein.
Ich muss was tun. Ich kann das nicht ignorieren.
Doch ihre Beine waren schwer wie Blei.
Verdammt.
Aus den Augenwinkel nahm sie plötzlich eine Bewegung wahr.
Jonas stand neben ihr.
„Willst du nicht etwas unternehmen?“, sagte er ernst.
„Ich-„
Sie sah immer noch das Geschehen an. Schluckte schwer.
„Mach schon. Geh vor und zeig denen was Sache ist“
„Du sagst das so leicht. Mach es doch selber!“, sagte sie verteidigend.
Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Nein. Das hier ist dein Kampf.“
Jonas trat von ihr zurück und stoß ihr fest in den Rücken, sodass sie einige Schritte nach vorne stolperte.
Sie nahm all ihren Mut zusammen und ging mit zitternden Knien nach vorne.
Die Meute hatten inzwischen den Knaben an eine Häuserwand gedrängt. Er stand ganz fest an der Wand gepresst. Seine Hose am Knie gerissen. Ein wenig Blut sickerte aus einer Verletzung.
Die Typen um ihn herum lachten noch mehr als sie den Halbkreis enger zogen.
„Hey ihr Pisser!“, schrie sie so laut wie sie konnte. „Seit ihr echt solche Feiglinge oder warum traut ihr es euch nur in einer Gruppe gegen einen Einzelnen?“
Oh. Das klang mutiger als erwartet.
Sie hörte Jonas hinter sich leise lachen und etwas murmeln.
Sie alle drehten sich langsam zu ihr um.
Schlecht. Ganz schlecht.
Sie schluckte schwer.
Was habe ich mir da nur eingebrockt?

Ein etwas größerer Typ, ganz offensichtlich ihr Anführer, trat nach vorne.
„So so wen haben wir denn hier.“
Erneut kam die Schwere in ihren Beinen hoch.
Oh Gott was hab ich getan? Bin ich lebensmüde?
„Eine kleine Fliege kommt angeflogen um eine noch mickrigere Fliege zu helfen. Welch glorreiche Rettung“, höhnte er.
Die anderen lachten laut und stimmten ihn zu.
Alles in ihren Kopf blockierte. Blieb stehen.
Wieder setzte die Leere in ihren Kopf ein. Diesmal gemischt mit Verzweiflung.
Sie sah wie ihre Mutter sie schlug. Sie sah ihre ehemaligen Arbeitskollegen die sie auslachten und in die Enge trieben.
Sie spürte einen Knoten in ihrer Brust und das Atmen wurde auf einmal schwer.
„Was ist? War das etwa alles, Mücke?“, blaffte der Typ sie an.
Ihr Atem ging immer schwerer. Ihr ganzer Körper war taub. Sie schloss die Augen.
Der Junge spuckte vor ihr auf den Boden und holte zum Schlag aus.
Sie hörte ein Keuchen. Aber es war nicht ihres.
Sie öffnete erneut die Augen und sah Jonas vor sich stehen.
Der zu groß geratene Junge wiederum kniete am Boden und hielt sich am Bauch.
Die Truppe brüllte empört auf, als sie sahen was mit ihren Anführer geschehen war.
Sie starrte Jonas an.
Er stand vor ihr, die Hände in den Hüften.
Sie sah zwar nur den Rücken, aber sie wusste das er erneut sein breites Grinsen aufgesetzt hatte.
Sie wusste weder was sie fühlen noch sagen sollte.
Er stand einfach nur da.
Einer der Kerle zeigte mit einen Finger auf Jonas. „Schnappt sie euch!“, brüllte er.
Alle anderen stürmten los ohne zu zögern. Die Fäuste geballt und im Kampfesgeschrei.
Sie warf den schmächtigen Jungen, den die Meute schon längst vergessen hatte, einen kurzen Blick zu.
Er verstand und machte sich aus den Staub.
Jonas drehte sich zu ihr um.
„Besser weg hier.“
Sie nickte und zusammen nahmen sie die Beine in die Hand.

————————

„Ich glaube wir haben sie abgehängt.“
Jonas keuchte neben ihr.
Sie war selbst außer Atem und ließ sich an der Wand hinter ihr hinabrutschen.
Sie sind beide unter eine Brücke geflüchtet. Schutz vor den Regen und vor allem Schutz vor den Schlägern.
Jonas rutschte neben ihr runter.
Sie saßen beide schweigsam nebeneinander und erholten sich von der Hetztour durch die Stadt.
Sie starrte den Bach an der vor ihnen sich seinen Weg bahnte.
„Serah“, sagte sie leise.
„Was?“
„Mein Name.“
„Achso. Nett dich kennenzulernen.“
Serah antwortete nichts darauf und er ebenfalls nicht.
„Was ich dir vorhin sagen wollte… du sitzt ganz schön oft auf dieser Bank auf der Straße oder? Ich hab dich da schon oft gesehen. Eigentlich jeden Tag.“
Sie nickte.
„Was machst du denn da immer?“
„Nichts.“
Da habe ich nicht mal so ganz Unrecht.
Sie sah zu wie der Regen langsam nachließ. Nun war ihr nicht mehr so kalt wie vorhin, dank der Flucht.
Immer weniger Tropfen fielen auf die Oberfläche des Flusses. Selbst die Wolken am Himmel lichteten sich langsam.
Nun versiegte der Regen endgültig.
Beide standen auf und machten sich auf den Weg hinauf zur Brücke.
Sie war groß und noch relativ neu. Gebaut aus Stein und Beton trotzt sie der Belastung durch den starken Wind und den hin und wieder stark anschwellenden Fluss.
Eine Stufe nach der anderen ging Serah nach oben auf die Straße. Jonas voran.
Endlich oben angekommen setzten sie ihren Weg über die Brücke fort.
Sie waren alleine auf den Fußgängerweg.
„Danke, dass du mir geholfen hast.“ Die Worte stolperten so plötzlich aus ihren Mund hervor, dass sie sie nicht zurückhalten konnte.
Jonas blieb stehen und drehte sich zu Serah um.
Er grinste breit.
Und Serah lächelte zurück.
Und das war seit Jahren ihr erstes echtes Lächeln.

———————-


Die Sonne schien warm auf die Erde hinab.
Die Wolken waren wie aufgelöst und der Himmel von einen strahlenden klaren blau.
Jeder einzelne Strahl des riesigen Himmelskörpers beleuchtete jeden einzelnen Fleck vom Land.
Schenkten Leben. Spendeten Wärme.
Blumen wiegen sich im Wind. Die Bäume rascheln leise, doch glücklich. Wie als frohlockten sie das Licht.
Die Luft roch noch frisch von den vielen regenreichen Wochen. Wenn man genau hinsah, konnte man einen leichten Dunst über den Boden erkennen. Das Wasser verdunstete bereits auf den Straßen.

Eine junge Frau im Blumenladen öffnete ihre Ladentür. Sie blickte in den Himmel und strahlte über das ganze Gesicht.
Sie stürmte wieder in das Geschäft und kam kurz darauf mit einen kleinen Tisch heraus.
Sie platzierte ihn gleich neben der Tür und - sie verschwand erneut im Haus - stellte frische Blumenstöcke und -töpfe darauf.
Perfekt.
Sie begutachtete kurz ihr Werk, nickte dann und betrat erneut ihren Laden.
Innen rückte sie einige ihrer kostbaren Pflanzen zurecht, wischte hie und da ein bisschen Erde weg.
Sie stemmte ihre Hände in die Hüften.
„Ok. Ich kann das. Das läuft schon.“, murmelte sie zu sich.
„Klaaar läuft das!“
Eine Hand klatschte auf ihre Schulter und sie zuckte so heftig zusammen, dass beinahe eine Vase neben ihr zu Bruch ging. Sie konnte sie gerade noch auffangen.
„Um Himmels willen Jonas! Wir haben doch darüber geredet! Kein Anschleichen mehr!“
„Sorry Serah. Ich konnte es mir nicht verkneifen.“
Jonas grinste sie an, doch Serah wandte sich beleidigt ab und stellte das Porzellan vorsichtig auf die Ablage.
„Das ist mein erster Tag okay? Versau ihn mir nicht“
„Ich? Niemals.“
Serah seufzte und ging durch die kleinen Gänge aus Tischen zur Kasse.
Jonas folgte ihr wie selbstverständlich.
Heute trug er eine knielange schwarze Hose, dazu ein einfaches blaues T-Shirt ohne Muster. Alles überraschend sauber.
„Hast du später wieder Zeit für unser Treffen? Ich glaube das Wetter hält noch den ganzen Tag“
Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Bestimmt.“
„Cool“, er grinste erneut.
Schweigen entstand als Serah sich im Geschäft umsah und Jonas währenddessen verschiedene Tontäfelchen begutachtete.
Schließlich fragte er: „Du bist ziemlich nervös oder?“
Sie nickte nur.
Der erste Job nach Monaten. Ohne Jonas hätte sie nie den Mut gehabt, es überhaupt zu versuchen.
Sie hatten beide einen kleinen Aushang am Rathaus gesehen, wonach eine Stelle in einen kleinen Blumenladen im Ort gesucht wurde. Klein ja, aber besser als nichts.
Aber die Besitzerin des Laden ist eine sehr nette alte Dame.
„Die Blumen und Pflanzen besorgen, habe ich einfach nicht mehr geschafft“, hatte sie ihr erzählt. „Mein Rücken sticht und meine Finger schmerzen vom Rheuma. Manchmal sind sie sogar so geschwollen, dass ich nicht mehr die Schere benutzen kann. Ich möchte diesen Laden nicht verlieren.“
Serah hatte gelächelt und gesagt, dass sie sich darum kümmern werde.
„Kein Problem. Ich kann gut mit Pflanzen umgehen.“
Dass konnte sie wirklich sehr gut.
Danach hatte die Oma gelacht und ihr prompt einen Kuchen angeboten, der köstlich schmeckte.

„Keine Sorge. So klein wie der Laden ist, werden wahrscheinlich nicht viele Leute kommen. Kannst gar nichts falsch machen.“
Sie strafte ihn mit Blicken und er zuckte mit den Schultern.
„Wir sehen uns später.“
„Ja bis später.“
Und damit rannte er hinaus und war verschwunden.
Serah stand alleine im Raum, der ihr plötzlich furchtbar groß vorkam.
Ganz ruhig, dachte sie. Das schaffst du.
Also krempelte sie die Ärmel hoch und wartete auf ihre ersten Kunden.


Jonas hatte mit seiner Vorhersage Recht behalten. Viele Kunden sind nicht gekommen.
Nun es waren immerhin mehr als fünf.
Serah schaltete die Lichter im Zimmer aus und machte sich auf den Weg nach draußen.
Die meisten der Kunden waren ältere Herrschaften, die etwas für das Grab ihrer Lieben holen wollten.
Aber zwischendrin kam auch ein kleines Mädchen. „Ein Geburtstagsstrauss für Mama!“, hatte sie verlangt.
Serah hatte gelacht und gefragt welchen sie den wollte.
„Den Besten“, hatte sie drauf prompt geantwortet.
Also hatte sie sich einen Schönen rausgesucht und ihn ihr gegeben.
Die Kleine hatte sich tierisch gefreut und gestrahlt wie die Sonne.
Klingeling.
Sie schloss die Tür hinter sich und sperrte sie geschwind ab. Die Glocke verstummte.
Die Sonne war nach wie vor zu sehen, auch wenn sie sich schon langsam dem Horizont näherte.
Aber das Klima war immer noch angenehm mild.
Herrlich.
Sie lächelte leicht während sie sich auf den Weg zu ihren üblichen Treffpunkt auf der Brücke machte.
Fast jeden Abend treffen sie sich dort und erzählten sich gegenseitig wie ihr Tag gelaufen war.
Häufig setzten sie sich an den Rand der Brücke und ließen ihre Beine über das Wasser baumeln.
Jonas hatte einmal lachend zu ihr gesagt, wenn sie nicht aufpasse, würde er sie hineinschubsen.
Darauf hatte sie ihm gedroht, sie würde ihn mit hineinziehen.
Sie haben beide bei dieser Vorstellung gelacht, bis ihnen die Tränen in die Augen kamen.

Inzwischen war sie bei der Brücke angekommen.
Sie entdeckte Jonas wie er an der Kante saß und den Blick über den Fluss schweifen ließ.
Er sah etwas abwesend aus.
Gut gelaunt setzte sich Serah neben ihm und grinste ihn an.
„Na was schaust du denn so ernst? Hat dich jemand geärgert?“
„Serah….“
„Nein wirklich. Hast du deinen Fußball verloren?“
„Serah.“
„Hast du?“
Jonas wandte den Blick vom Gewässer ab und starrte ihr direkt in die Augen.
„Serah. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“
Sie zuckte die Schultern.
„Schieß los“

Jonas wandte den Blick wieder ab.
„Ich hätte es dir schon früher sagen sollen, es tut mir Leid. Wobei.. vielleicht weißt du es ja schon.. wer weiß?“
Serah beschlich ein unangenehmes Gefühl.
„Jonas was….“
Er fing an zu lachen.
„Du weißt es nicht!“
Sie spürte Wut aufsteigen.
„Jonas! Was soll das? Wenn das ein Scherz sein soll, dann hör damit auf. Es ist nicht lustig!“
Er hob abwehrend seine Hände.
„Okay okay tut mir Leid. Ich dachte nur… egal.“
Er verstummte.
Serah atmete tief ein und wieder aus.
„Also?“

„Wer bin ich?“
Serah stutzte.
„Was soll das denn heißen? Du bist du. Du bist Jonas.“
Jonas lächelte schwach. „Eben nicht.“
Sie starrte ihn an.
Ihr Gehirn ratterte wie verrückt, aber kam auf keine plausible Lösung. Sie war vollkommen verwirrt.
Was hatte das zu bedeuten?

„Nächste Frage: Wer möchtest du gerne sein?“
„Jonas was…“
„Denk nach Serah. Und sag es mir. Ganz einfach.“
Sie wandte den Blick von ihm ab und starrte auf das Wasser.
Beobachtete wie es sich um das Treibholz und die Steine windete und schlängelte.
Die Wasserpflanzen wiegten im Wind.
Sie hörte das leise Rauschen in ihren Ohren. Doch es klang dumpf. Wie aus weiter Entfernung.
Wer möchte sie denn gerne sein?

Minuten vergingen während sie nachdachte.
Ich will stark sein. Unabhängig. Voller Energie. Niemals zögernd und immer bereit zu helfen.
Nicht nur anderen Menschen. Sondern auch mir selbst.
Ich will nicht nur für andere leben, sondern auch für mich selbst.
Frei sein.

Sie spürte den Blick von Jonas auf ihr und ihr ging auf, dass sie unbewusst ihre Gedanken gerade laut ausgesprochen hatte.
Serah wurde rot.

„Merkst du nicht, was du gerade getan hast?“
Sie sah ihn wieder in sein ungewöhnlich ernstes Gesicht.
„Siehst du nicht wen du gerade beschrieben hast?“
Er konnte ihre Verwirrung scheinbar im Gesicht sehen denn er antwortete auf seine eigene Frage:
„Du hast mich beschrieben, Serah. Ich bin alles was du sein möchtest.“

„Worauf willst du hinaus?“, presste sie heraus.


Jonas breitete seine Hände vor ihr aus.
„Ist das nicht offensichtlich? Ich bin du.“

Serah war der festen Überzeugung, dass sie träumte. Das hier war irgendein komischer verrückter Traum und nun würde sie bald aufwachen in ihrem Bett….
„Nein das ist kein Traum.“
Woher wusste er was ich dachte?
„Weil ich du bin, Serah. Versteh endlich. Das alles war nicht ich. Das warst du. Das hast du alles alleine geschafft, weil du es wolltest!“
Sie traute ihren Ohren nicht.
„Du nimmst mich gerade wirklich auf den Arm, oder? Bitte sag ja“
„Nein.“

Serah fluchte.
„Aber wie du diesen Typen aus der Gang in den Bauch geschlagen hast….“
„Das warst du.“
„Aber… ich stand doch hinter dir…“
Jonas beugte sich vor.
„Bist du dir da auch ganz sicher?“

Serah war so als würden ihre letzten Tage wie ein Film in ihren Kopf ablaufen.
Aber da war kein Jonas. Nirgends.
Sie hatte sich mit der Gang angelegt. Sie war weggerannt. Sie hatte sich unter der Brücke versteckt. Sie hatte sich einen Job gesucht. Im Laden sich vorbereitet.
Allein.

„Siehst du?“
Jonas grinste.
„Ich bin nicht real und ich denke es ist Zeit, dass du mich loslässt.“
„Was?“ Serah schreckte auf. „Wieso? Du bist mein einziger Freund“
„Es gibt genug andere Leute hier. Echte Menschen“, lachte Jonas. „Halte mich da raus.“

Serah senkte ihren Blick.
Plötzlich verspürte sie Angst.
Wenn sie Jonas losließ, würde sie wieder alleine sein. Einsam. Ohne Hoffnung.

Jonas packte sie an den Schultern und erschrocken blickte Serah auf.
Er starrte ihr in das Gesicht und sagte fest: „Hast du mir nicht zugehört? Ich bin du. Ich werde immer ein Teil von dir sein. Du wirst niemals alleine sein“

Ein paar Sekunden sagte Serah nichts, dann lächelte sie schwach.
„Okay.“

Jonas ließ sie los.
„Vergiss nicht wozu du in Stande bist Serah. Vergiss das niemals.“
Er wandte sich dem Wasser zu.
„Schließ deine Augen.“

Serah nickte und zögernd folgte sie seinem Wunsch.
Sie kniff sie mehrere Minuten zu.
Wartete. Wartete. Wartete.
Auf irgendwas. Oder irgendwen.




Aber als sie, nach gefühlter Endlosigkeit, ihre Augen wieder öffnete war dort niemand.
Sie saß alleine auf der Brücke.
Aber Serah wusste dass das nicht stimmte.
Sie wird nie wieder alleine sein.

Serah stand auf, streckte sich und warf noch einen letzten Blick auf den Fluss.
Das Rauschen des Wasser konnte sie nun kristallklar vernehmen.
Dann wandte sie den Blick ab und ging los.

Wohin wusste sie nicht.
Aber das musste sie auch nicht.
Sie wird ihren Weg finden.



Anmerkung zum Schluss:
Ich habe an den Film "Fight Club" gedacht, als ich diese Kurzgeschichte geschrieben habe.