Mitternachtsmaskerade

von Stormlamp
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P16
Christoph Saalfeld Eva Saalfeld
11.09.2019
11.09.2019
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Hier bin ich mal wieder mit einem weiteren Oneshot. Nach einigen sehr stressigen Monaten habe ich jetzt wieder etwas mehr Zeit zum Schreiben. Deshalb werden auch die anderen Wunschtexte bald folgen.
Dies ist ein Text, den sich MerylsMagicMoments von mir gewünscht hat. Ich hoffe, ich habe Deinen Geschmack getroffen. Viel Spaß beim Lesen!

Für alle, die es gar nicht mitbekommen haben: Ihr könnt euch von mir Geschichten wünschen, wenn ihr das möchtet, und zwar hier.




✿ ❀ ❁ ✾ ✽ ❃ ✽ ✾ ❁ ❀ ✿





Eva läuft auf ihrem Weg nach unten ins Restaurant an einem Fenster vorbei. Im Nachhinein gesehen hätte sie das nicht tun sollen, denn es ist gekippt, und so hört sie das Hundegebell, dass sich sehr nach einem wütenden Bären anhört.
Es ist nichts, sagt sie sich und versucht, das unangenehme Gefühl einfach abzuschütteln. Draußen vor dem Fenster ist kein Bär. Nirgendwo auf dem Gelände des Fürstenhofs ist ein Bär. Sie könnte nachsehen gehen, und kurz denkt sie tatsächlich darüber nach, umzudrehen und sich die Hunde anzusehen, aber das ist der Moment, in dem ihre Beine zu zittern beginnen.
Robert. Wo ist er? Weg mit Werner. Nicht in Reichweite.
Valentina? Besser nicht.
Atmen.
Der Bär ist vor der Tür.
Ihre Tabletten. Wo? In der Wohnung. Oder?
Atmen.
Taschen durchsuchen. Nichts.
Eva stützt sich an der Wand ab und krümmt sich, als sie keine Luft mehr bekommt.
Atmen. Schneller.
Draußen brüllt der Bär. Er ist vor der Tür. Was jetzt?
Sie werden sterben. Christoph hält sie. Wo ist er?
Sie kneift ihre Augen zu und bleibt stehen, aber das bringt nichts. Wenn ihr nicht bald jemand hilft, wird sie ersticken.
Atmen.
Da ist Christophs Tür. Am Ende des Flurs. Ist er da? Hoffentlich. Er kann ihr helfen. Er wird sie beschützen, wenn der Bär kommt. Nein, er darf nicht alleine rausgehen!
Atmen.
Sie bringt einige weitere Schritte hinter sich. Dann verkrampfen ihre Beine, und mit einem stummen Schrei auf den Lippen sinkt sie auf den Boden. Wenn sie doch nur Luft bekäme!
Jemand schlingt seine Arme um sie und hält sie fest. Mühsam dreht sie den Kopf und erkennt Christoph. Vor Erleichterung gelingt ihr ein tiefer Atemzug, dann lehnt sie sich schwer an ihn.
„Es ist alles gut“, flüstert er. „Ruhig atmen, Eva. Du bist in Sicherheit. Wir sind in Sicherheit. Hier kann uns nichts passieren. Ich bin ja da.“
Langsam lässt er sie los und hilft ihr, sich so hinzusetzen, dass sie ihre Beine ausstrecken kann. Die Krämpfe haben ein wenig nachgelassen, aber aufstehen kann sie trotzdem noch nicht. Sie kann jetzt wieder atmen, noch immer schnell, aber nun kommt die Luft auch in ihren Lungen an. Als sie zu ihm aufsieht, streicht er ihr mit einem Daumen sanft die Tränen von den Wangen.
Sie will gerade versuchen, sich wieder aufzurichten, als das Brüllen von draußen wieder ertönt.
Nein. Nicht schon wieder.
Atmen.
Christoph ist ja da. Dort ist kein Bär. Ihr wird nichts passieren.
„Es ist alles gut“, wiederholt er. „Das war nur ein Hund. Hier gibt es keine Bären. Und selbst wenn, mit dem nehme ich es auf. Für dich.“
Wieder bellt der Hund. Wieder beginnt ihr Atem schneller zu werden.
Christoph seufzt, legt sich ihren Arm um die Schultern und zieht sie einfach mit sich hoch, als er aufsteht. Sie versucht, nicht wieder einzuknicken, aber ihre Beine kooperieren noch nicht. Kurzerhand hebt er sie hoch und trägt sie.
Als sie an der Treppe stehen bleiben, hat sich Evas Atem so weit wieder beruhigt, dass sie sprechen kann.
„Danke“, sagt sie rau. „Ich weiß nicht, was ich ohne dich gemacht hätte.“
Er lächelt, während er sie vorsichtig herunterlässt. „Hast du nicht gesagt, du hast Tabletten für diesen Fall?“
Schwach nickt sie. „Ich sollte mir angewöhnen, die bei mir zu tragen, ich weiß.“
In seiner Tasche vibriert sein Handy, und Eva kann sehen, wie er zögert, bevor er es hervorholt. Er liest etwas, verzieht das Gesicht und steckt sein Handy wieder weg.
„Meinst du, ich kann dich alleine lassen?“, fragt er. „Ich würde nicht fragen, wenn das nicht wirklich wichtig wäre.“
„Geh nur.“ Ihre Atmung geht wieder normal, und jetzt, da sie weit weg von diesem grässlichen Geräusch ist, wird sie nicht noch eine Panikattacke bekommen. „Ich komme schon klar. Danke.“
Er lächelt ein letztes Mal, dann eilt er die Treppe hinab.
Zeit für einen Kaffee, denkt Eva, während sie viel langsamer als Christoph zuvor die Treppe hinuntersteigt. Wenn schon ihre Tabletten nicht in Reichweite sind, kann ein heißes Getränk ihre Nerven sicher beruhigen.
In der Pianobar wird sie von einer Kellnerin freundlich begrüßt. Am Rande bemerkt Eva, dass sich die Frau genauso verhält, wie sie es ihr ungefähr hundertmal gesagt hat: Wenn sie selbst oder jemand aus der Geschäftsführung in die Bar kommt, wird derjenige wie ein wichtiger Gast behandelt.
Wahllos setzt sie sich an einen Tisch, bestellt einen Kaffee und hat wenig später die dampfende Tasse vor sich stehen. Während sie darauf wartet, dass sie sich daran nicht mehr Zunge und Lippen verbrennen wird, lässt sie ihre Gedanken schweifen. Die Richtung kann sie dabei nur schwer kontrollieren.
Sie gibt Robert nicht die Schuld an ihrer Krise. Natürlich nicht. Allerdings ist er auch nicht unschuldig daran – das sind sie beide nicht. Sie wünscht sich bloß, er würde ihr etwas mehr Zeit geben und sie nicht unter Druck setzen. Stattdessen geht er jedes Mal an die Decke, wenn das Gespräch auf Christoph kommt. Noch immer versteht er nicht, welch eine große Hilfe es für Eva ist, jemanden zu haben, der das gleiche wie sie durchgemacht hat.
Ihre Hände zittern noch ein wenig von ihrer kaum vergangenen Panikattacke, als sie ihre Kaffeetasse vom Tisch hebt. Wieder einmal ist Christoph zur Stelle gewesen und hat sie beruhigen können wie niemand sonst es kann. Nicht einmal Robert. Vor allem nicht Robert – er belastet sie eher zusätzlich, was wiederum ihre Ehe belastet.
Es ist eine verfahrene Situation. Einerseits will sie ihren Mann nicht vor den Kopf stoßen, aber sie muss zugeben, dass er ihr im Moment gar nicht gut tut. Ihre Sachen fertig gepackt bei den Sonnbichlers zu finden hat ihr nicht gerade geholfen. Eigentlich hat sie vorgehabt, ihn danach zu fragen, aber dann hat sie der Mut verlassen. Sie hat Angst vor dem, was er vielleicht sagen könnte.
Eine ganze Weile später steht Eva auf und verlässt die Pianobar, ohne wirklich zu wissen, was ihr Ziel ist. Soll sie Robert anrufen? Nein, eher nicht. Im Moment würde es ihr nicht gut tun, sich aufzuregen, denn sie fühlt sich irgendwie… zittrig. Nicht so, wie direkt vor einer Panikattacke, aber ähnlich. Und das ist nicht gut. Sie wäre jetzt lieber nicht allein, aber ausgerechnet jetzt ist Robert nicht da. Er würde ohnehin nicht ganz über ihren Streit hinwegsehen können um ihr beizustehen. Christoph kann ihr beistehen. Auch wenn er gar nichts sagt – alleine seine Anwesenheit tut ihr gut, denn er weiß auch so, wie sie sich fühlt.
Minuten später steht sie vor der Tür seines Zimmers und klopft zögerlich an. Hoffentlich ist er überhaupt da. Gerade will sie noch einmal klopfen, als er öffnet. Er muss ihr alles angesehen haben, was er wissen will, denn er tritt zur Seite und bittet sie herein. Wortlos, aber mit einem sanften Lächeln auf den Lippen weist er auf einen der Sessel, während er ihr ein Glas Wasser einschenkt.
Es braucht keine Worte um zu erklären, warum Eva zu ihm gekommen ist. Zumindest fragt er nicht, daher geht sie davon aus, dass ihr Gesicht alles verrät. Er nimmt ihr gegenüber Platz und sieht sie einfach nur an. Irgendwie beruhigt sie das, denn sie weiß, er wird sie nicht dazu drängen zu reden, wenn sie nicht möchte. Natürlich will Robert wissen, was ihr in den Karpaten passiert ist, und sie hat fest vor, ihm irgendwann alles zu erzählen, doch er scheint einfach nicht zu verstehen, dass sie noch nicht so weit ist.
„Wenn ich bei dir bin, kann ich an die Karpaten denken, ohne eine Panikattacke zu bekommen“, gibt sie zu, bevor sie es sich anders überlegen kann.
Er nickt langsam, als hätte er mit diesem Geständnis gerechnet. Seine Stimme klingt sanft und ein wenig rau, als er antwortet: „Ich kann dich verstehen; ich weiß, was du durchgemacht hast.“
Und das weiß Robert nicht, würde der Satz enden, aber er spricht es nicht aus. Das muss er auch nicht, denn sie wissen es ohnehin beide. Sie fühlen auch die Verbundenheit, ohne darüber sprechen zu müssen.
„Ich bin jederzeit für dich da“, sagt er leise.
„In einem anderen Leben“, beginnt sie und verdrängt gleichzeitig die Zweifel daran, ob sie das wirklich aussprechen soll, „in einem anderen Leben wärst du ständig an meiner Seite. Ich müsste keine Panikattacke mehr alleine durchstehen.“
So. Jetzt ist es raus. Christoph öffnet seinen Mund, sagt aber nichts und schließt ihn wieder. Sein Blick, irgendwie dunkel und unglaublich intensiv, liegt unerschütterlich auf ihr, und sie könnte nicht wegschauen, selbst wenn sie es wollte.
„Eva“, bringt er schließlich hervor.
Sie steht auf, weiß aber nicht, warum eigentlich. Will sie flüchten, nach dem, was sie gerade gesagt hat? Christoph erhebt sich ebenfalls, sodass er ihr gegenüber steht. Will er sie aufhalten? Will sie überhaupt wirklich gehen?
Langsam, so langsam, kommen sie sich näher, ohne einander aus den Augen zu lassen. Sie legt ihre Hände in seine, und ihr Blick huscht zwischen seinen Augen und seinen Lippen hin und her. Er erwidert ihren Blick, aber er drängt sie nicht dazu, irgendetwas zu sagen oder zu tun – er wartet einfach ab.
Irgendwie schafft Christoph es immer wieder, durch eine einfache Berührung die Zeit gefrieren zu lassen. Wieder einmal vergisst sie alles, was in ihrem Kopf gerade vorgegangen ist, solange er ihre Hände hält.
„Ich glaube, ich sollte gehen“, sagt sie leise.
Er lässt eine ihrer Hände los und spielt mit einer Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hat, bevor er dieser hinter ihr Ohr steckt. „Wird dich jemand suchen?“
Kurz überlegt sie, aber Robert wird über Nacht weg sein, was Valentina genutzt hat, um sich bei Fabien einzuquartieren, also wird niemand sie vermissen. Sie schüttelt den Kopf.
„Dann bleib doch.“
Irgendeine kleine Stimme irgendwo in ihrem Kopf sagt, dass sie besser seine Hände loslassen und zur Tür gehen sollte, aber diese Stimme ist zu schwach, um sie zu überzeugen. So steht sie da, unfähig ihren Blick von Christophs Augen abzuwenden. Er kommt ihr näher; sie zuckt nicht zurück. Nicht einmal, als sich seine Lippen federleicht auf ihre senken.
Er zieht sie ein wenig dichter an sich, wartet auf eine Reaktion, aber es kommt keine. Eva kann ihn nur ansehen. In seine Augen. Von dort auf seine Lippen. Und wieder zurück. Ihre Gedanken sind wie leergefegt – alles, was da noch ist, ist die Erinnerung daran, wie seine Lippen sich gerade eben auf ihren angefühlt haben.
Herzschläge später ergreift sie die Initiative. Beide Hände legt sie um sein Gesicht und zieht ihn zu sich hinab. Zuerst ist der Kuss sanft, und als er einen Arm um sie legt und sie fest an seine Brust zieht, verfliegen auch die restlichen rationalen Gedanken wie Kerzenrauch im Wind. Sie krallt sich an ihm fest und küsst ihn, bis sie irgendwann keine Luft mehr bekommt.
Seine Augen haben noch nie so dunkel ausgesehen wie jetzt. Und noch nie so offen. Sie kann alles darin sehen, wenn sie nur genau hinschaut. Dazu kommt sie nicht, denn er zieht sie schon wieder an sich.
Das Jackett stört. Offenbar hat Christoph den gleichen Gedanken zu ihrem Blazer, denn während sie versucht, ihm sein Jackett von den Schultern zu schieben, zieht er an ihrem Blazer, was die Sache nicht gerade einfacher macht. Kurz halten sie inne, und als die störenden Kleidungsstücke auf dem Boden liegen, reißt er sie mit so viel Schwung an sich, dass sie nach hinten kippen und glücklicherweise auf dem Bett landen.
Atemlos schaut sie auf ihn hinab. Seine Lippen ziert ein breites Lächeln, und sie kann nicht umhin es zu erwidern, während er ihren Zopf löst, sodass ihr Haar wie ein Vorhang um ihre Gesichter fällt. Mit zwei Fingern schießt er den Zopfgummi in eine Ecke des Zimmers, bevor er sie beide schwungvoll herumrollt. Wieder finden sich ihrer beider Lippen, und falls Eva noch einen leisen Zweifel gehabt hat, ist der nun vollends vergessen. Seine Hände auf ihrem Körper fühlen sich einfach zu gut an, als dass sie jetzt noch an irgendetwas anderes denken könnte.


Es ist dunkel draußen, als sie irgendwann aus dem Fenster schaut. Christoph legt seine Arme um sie und zieht sie an sich, und sie hat sich lange nicht mehr so geborgen gefühlt. Sie sind nicht mehr in den Karpaten, es droht keine Gefahr, aber trotzdem fühlt es sich gut an zu wissen, dass sie hier und jetzt sicher ist.
„Möchtest du lieber gehen?“, fragt er irgendwann.
Sie dreht sich ein wenig in seinen Armen, sodass sie ihn ansehen kann. „Wie kommst du darauf?“
Für einen Moment sieht er sie bloß an. Dann küsst er sie, ehe er antwortet: „Ich weiß nicht. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste das fragen.“
Eva kann ihm ansehen, dass er damit eigentlich etwas anderes fragen wollte. ‚Bereust du es?‘, hätte die Frage lauten müssen. Wahrscheinlich hat er geglaubt, sie damit aus seinem Bett zu vertreiben.
Bereut sie es? Während sie es sich wieder mit ihrem Kopf auf seiner Brust gemütlich macht, denkt sie über diese Frage nach. Immer wieder wird sie dabei von Christophs Fingern oder seinen Lippen unterbrochen, denn noch immer lässt jede Berührung sie vergessen, woran sie gerade gedacht hat. Und wenn ihre Gedanken so flüchtig sind, dass sie sich von einer Berührung vertreiben lassen, können sie nicht so wichtig sein, oder?
„Ich liebe dich“, sagt er, und seine Stimme zittert ein wenig.
Sie schließt ihre Augen und unterdrückt ein Seufzen. Seit den Karpaten hat sie ihn das nicht sagen hören, aber er hat ja auch keine Gelegenheit dazu gehabt.
„Ich weiß“, erwidert sie kaum mehr als flüsternd.
Er drängt sie nicht dazu, ihm zu sagen, was sie für ihn fühlt. Zum Glück. Evas Herz ist eine verwirrende Sammlung von Gefühlen, und sie könnte nicht sagen, was sie für ihn fühlt, selbst wenn sie wollte.
„Bleibst du bei mir?“, fragt er in die Stille des Zimmers hinein.
Sie dreht sich wieder herum, küsst ihn und findet dann eine noch bequemere Position in seinen Armen. Nichts auf der Welt könnte sie jetzt dazu bringen, aus diesem Bett zu steigen und in die kühle Einsamkeit ihres eigenen Schlafzimmers zurückzukehren.
„Ich bleibe bei dir“, sagt sie und ist sich gar nicht sicher, ob er das noch gehört hat, bevor er eingeschlafen ist.
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