Das Supergirl von nebenan

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Donatello OC (Own Character)
10.09.2019
16.09.2019
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Ohne ihn aus den Augen zu lassen, machte ich ein paar Schritte rückwärts und betrachtete ihn von hinten.
„Was ist dir denn passiert?“, fragte ich.
„Ich bin ein Laborexperiment.“
Vor meinem inneren Auge erschienen die schrecklichen Bilder von Affen, Kaninchen, Hunden und anderen gequälten Tieren, die in engen Käfigen saßen und der Gnade der Labormitarbeiter ausgeliefert waren.
„Autsch! Hat man dir sehr weh getan?“, fragte ich und sah mitleidig zu ihm auf.
„Nein, eigentlich nicht. Eine Injektion und das wars schon.“
„Du willst sagen, du warst eine Schildkröte, hast eine Spritze gekriegt und bist dann so in die Höhe geschossen?“, versuchte ich zusammen zu fassen.
„Einfach zu sagen, ja.“
Ich nickte und tat so, als würde ich alles verstehen und hoffte, ich sah einigermaßen schlau aus. Dann fiel mir etwas ein.
„Wieso dachtest du eigentlich, das ich da runter springen will? Sehe ich so verzweifelt aus?“, fragte ich.

Jetzt kam er etwas näher und ich sah jetzt erst die vielen technischen Sachen, mit denen er überall bestückt war. Ich hatte so viele Fragen auf den Lippen, wartete aber erst einmal ab. Denn ich bemerkte, das er nicht besonders entspannt war in meiner Gegenwart. Er sah sich immer wieder um und schien nicht ganz zu wissen, ob er bleiben oder verschwinden sollte. Aber jetzt, wo er schon mal hier war, wollte ich mich auch unterhalten. Er rückte seine Brille nervös zurecht aber dann entschied er sich wohl, zu bleiben, denn er setzte sich auf den Dachfirst.
„Was würdest du denn denken, wenn du jemanden so nahe am Abgrund siehst?“, fragte er.
„Ich wollte nur meinen Frust raus schreien, nichts weiter. Es war zwar ein echt blöder Tag aber abtreten kommt nicht in Frage! Da kann ich dich beruhigen! Kommst du eigentlich öfter aus dem Dunklen und rettest Jungfrauen in Nöten?“
Ich grinste verschmitzt und bekam ein verlegenes Lächeln zurück.
„Nein, ganz im Gegenteil, ich hätte mich auch heute lieber im Hintergrund gehalten aber...“
Er stoppte abrupt und ich wartete, ob noch was kam aber da kam nichts.
>Liebe Güte, der ist aber schüchtern!<, dachte ich als er nach ein paar Minuten immer noch schwieg und ziemlich nervös auf der Mauer hin und her rutschte.

„Aber?“, half ich ihm schließlich weiter.
„Ich...wollte…dich kennen lernen“, platzte es schließlich aus ihm heraus.
Huch, ich war dezent geschmeichelt aber dann kam mir ein Gedanke.
„Dann… bist du gar nicht aus Zufall hier?“
„Nei...n...“
„Aha! Hilf mir auf die Sprünge, du hast mich vorher schon gesehen?“
Herrgott, ihm musste man ja alles aus der Nase ziehen!
„Du… musst mich für einen vollkommen durchgeknallten Freak halten, wenn ich es dir erzähle aber… also...“
Ich sah wie er unter seiner violetten Maske schwitzte und Schweißtropfen an den Seiten herunter tropften und ich musste mich zurückhalten, nicht amüsiert zu grinsen, damit er nicht dachte, ich würde ihn auslachen.
„Nur zu, ich kann das ab, egal was es ist“, versuchte ich ihm Mut zu machen.
„Vor einer Woche war ich nachts mit meinem Bruder Mikey unterwegs und wir machten gerade Pause, da… also dein Fenster stand offen und… es war Musik da und du hast… gesungen. Da sind wir zu deinem Fenster und haben hineingesehen“, erklärte er stotternd.
Meine Gedanken gingen zurück zu diesem Abend. Ich hatte das neueste Album von Justin Bieber gehört, dazu gesungen und getanzt… im Nachthemd. Entsetzt starrte ich ihn an.

„Dein Ernst? Da war ich schon im Nachthemd? Oh Gott, das schäbigste Teil meines Kleiderschranks! Ungeschminkt und ungekämmt! Das ist der Supergau für ein Mädchen in meinem Alter! Also echt, fast könnte ich nachträglich noch wütend werden“, jammerte ich drauflos.
„Aber… du wirst es nicht?“, fragte er vorsichtig nach.
Ich drehte meine Stimmenlautstärke wieder runter und atmete kurz durch, ich hatte mich heute schon genug aufgeregt.
„Nein, wenigstens weiß ich jetzt, das ich nicht paranoid bin. Ich fühlte mich seit ein paar Tagen ziemlich beobachtet und dachte, ich wäre komplett gaga. Aber nun weiß ich, ich bin es nicht! Gehe ich recht in der Annahme, das du in der Zwischenzeit schon öfter in meiner Nähe warst?“
Er nickte zögerlich.
„...´Tschuldigung nochmal...“
„Schon gut, du hättest ja auch kaum ans Fenster klopfen können oder Ähnliches, ohne das ich vor Schreck tot umgefallen wäre“, erwiderte ich versöhnlich.

Plötzlich kam, wie aus dem Nichts, eine Gestalt aus dem Dunklen und landete mit einem Ruck vor uns beiden nieder. Ein Typ, kleiner als mein neuer Freund, mit orangefarbener Maske, tauchte auf.
„Mikey, hättest du nicht noch ein paar Minuten warten können?“, zischte es ihm entgegen.
„Ich konnte es nicht mehr mit anhören, wie du hier herum gestottert hast. Sag ihr doch einfach, das du dich verknallt hast. Ist doch nicht so schwer, oder? Hi Prinzessin, ich hoffe mein verehrter Bruder hat dich nicht zu sehr gelangweilt. Ich bin übrigens Mikey!“
„Hi, Luna.“
Zu mehr brachte ich es in diesem Augenblick nicht. Ich konnte es einfach noch nicht so richtig begreifen, das ich mit zwei genmanipulierten Schildkröten auf dem Dach meines Hauses stand. So, als wäre es das Normalste der Welt! Jetzt, wo der andere sich vorgestellt hatte, merkte ich, ich kannte den Namen meines neuen Verehrers noch gar nicht.
„Ach ja, wie heißt du eigentlich?“, fragte ich nun.
„Donnie!“
„Mikey, Donnie und Luna, schön. Ich habe Kopfschmerzen, es wäre wohl am Besten, wenn wir uns jetzt verabschieden. Das war alles etwas zu viel heute.“

Ich hatte nicht nur Kopfschmerzen, mein Kopf dröhnte regelrecht. Es gab zwar noch so Vieles, was ich gern wissen wollte aber ich spürte, für heute wars genug.
„Dann komm, Donnie, Leo wird schon wütend genug sein, wenn er erfährt, das sie uns nun kennt. Gehen wir uns unseren Anschiss abholen. Schlaf gut, Prinzessin, und vergiss uns nicht!“
Mikey zwinkerte mir zu, mir gefiel der Typ. Jungs begeisterten mich, wenn sie einen lockeren Spruch auf den Lippe hatten. Wer Leo war, diese Frage hob ich mir für das nächste Mal auf. Das nächste Mal?….
„Hey, kommt ihr bald wieder vorbei?“, rief ich den beiden zu, die sich für den Heimweg rüsteten.
„Wenn du möchtest?“
Sehr viel Hoffnung lag in Donnies Stimme und ich nickte.
„Sehr gern, ich will noch so viel wissen!“, rief ich überschwänglich.
Während Mikey sich bereits auf den Rand des Daches positioniert hatte, holte Donnie einen Zettel aus der Tasche und steckte ihn in meine Hosentasche.
„Bis bald… Luna!“
Und dann waren beide lautlos in der Dunkelheit verschwunden und ich war wieder allein. Ich verließ das Dach und war felsenfest davon überzeugt, das ich alles nur geträumt hatte.