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Rostig

von Yotsune
OneshotAllgemein / P12 / Gen
Belle Electra Wrench
10.09.2019
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„Wo bleibt er denn schon wieder?“, seufzte Carrie und verschränkte die Arme, „Das ist das dritte Mal, dass er zu spät kommt!“
Belle, die am Bahnsteig lehnte, gähnte und sah hoch zur Uhr: „Wir stehen gerade mal zehn Minuten hier.“
„Bei Ruhrgold nichts Neues, aber Electra? Für jemanden, der uns täglich vorhält, er sei perfekt, ist das ganz schön nachlässig, findest du nicht?“
Der Gepäckwagen klang vorwurfsvoll, aber ihre Freundin blieb entspannt: „Sieh es ihm nach. Vielleicht nimmt es ihn ja immer noch mit, dass er gegen Rusty verloren hat.“
Belle grinste vielsagend, fuhr kurz darauf aber erschrocken zusammen, als sie eine kalte Hand auf ihrer Schulter spürte. Carrie sah überrascht an ihre vorbei.
Electra war lautlos hinter den beiden aufgetaucht und sah sie nun wenig begeistert an.
Doof gelaufen.
Die zwei Wagen warfen sich noch unsichere Blicke zu, ehe sie wortlos ankuppelten und sich von dem E-Zug zum nächsten Bahnhof ziehen ließen. Dort sammelten sie, wie üblich, noch weitere Personenwagen ein, die sie auf der täglichen Rundfahrt begleiteten.
An diesem Tag lief die Tour sehr gut und sie hatten die Verspätung schnell wieder drin. Ein guter Grund, nie wieder ein Wort darüber zu verlieren, fand Electra.
Sie hielt er es auch mit den anderen beiden Fällen, aber allmählich musste er aufpassen. Sonst sprach es sich womöglich noch herum!

Am Abend kehrten die Waggons zurück in ihr Depot. Pearl kam ihnen sofort entgegen und begrüßte sie fröhlich.
„Gibt es etwas zu feiern?“, fragte Carrie lachend, als der Erste-Klasse-Wagen sie stürmisch umarmte.
„Bestimmt war sie mit Rusty unterwegs“, flüsterte Belle mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Pearl, die die Bemerkung gehört hatte, schüttelte den Kopf, behielt ihre gute Laune aber bei: „Leider nein, aber Dinah bleibt heute bei uns und sie hat gekocht!“
Das zauberte auch ihren Freundinnen ein ehrliches Lächeln ins Gesicht. Ohne länger zu zögern kamen sie ins Depot und beeilten sich, einen Platz am Tisch zu finden.
Noch bevor Dinah das Essen überhaupt abgestellt hatte, wurde sie von ihren Freundinnen ausgefragt. Immerhin war sie eine ganze Weile nicht da gewesen! Nach dem letzten Rennen war sie zunächst mit Greaseball in die Staaten zurückgekehrt, aber nun hatte der Diesel sich erbarmt, noch einmal mit ihr herzukommen und das musste man ausnutzen. Also hatten die vier sich direkt am ersten Abend zusammengesetzt und ließen es sich gut gehen. Bis spät in die Nacht unterhielten sie sich über alles, was geschehen war und so saßen sie schließlich in der spärlichen Beleuchtung des Depots, als Belle verkündete, sie wolle allmählich schlafen gehen. Doch gerade, als sie aufgestanden war und sich zum Gehen wandte, hielt Pearl sie am Arm.
„Warte mal, was hast du denn da?“, sie deutete auf Belles Schulter.
Der Barwagen hielt verwirrt inne und versuchte zu sehen, was ihre Freundinnen nun anstarrten.
Carrie erbarmte sich, sie aufzuklären: „Sieht fast aus, wie schwarze Farbe… Oder Lack?“
„Wo kommt das denn her?“, fragte der Barwagen schockiert.
„Vielleicht hast du dich irgendwo gegen gelehnt“, schlug Dinah vor.
„Der Bahnsteig, heute Morgen!“, erinnerte sich Carrie.
Belle sah sie skeptisch an: „Aber da war doch keine Farbe. Und der ist viel zu niedrig.“
Pearl wollte ihre nächste Überlegung gerade aussprechen, da fiel es dem Barwagen wieder ein: „Electra stand doch plötzlich hinter mir! Er hat mir auf die Schulter gefasst.“
„Dann hatte er Farbe an der Hand?“, hakte Pearl nach, „Wieso denn das?“
„Ich hätte jetzt auch gedacht, er wäre der Erste, der auf so etwas achtet“, meinte Dinah.
„Ich wüsste jedenfalls nicht, wo es sonst herkommen soll. Und wenn er mir die Klamotten versaut, dann soll er das auch wieder in Ordnung bringen!“
Die anderen drei tauschten nachdenkliche Blicke.
„Willst du das jetzt noch regeln? Warte doch lieber bis morgen früh“, schlug Dinah vor.
Aber Belle tat das mit einem Wink ab: „Ach was, seine Leute sind doch alle nachtaktiv.“

Es sollte sich schnell zeigen, dass der Barwagen damit recht hatte. Schon von Weitem sah man, dass in der Werkstatt und dem nahegelegenen Depot noch Licht brannte. Kurzentschlossen fuhr Belle mit ihren Freundinnen zur Werkstatt – Wrench würde die Farbe, oder was es nun war, schon abbekommen. Und wenn ihr Boss daran schuld war, dürfte sie nicht einmal Geld verlangen!
Gut so, denn, wie er selbst, ließen auch seine Components sich für jede Arbeit gut bezahlen.
Gerade, als sie die Halle betreten wollte, hielt Belle jedoch inne. Beinah wären die anderen Wagen gegen sie gestoßen, wollten sich schon beschweren, warfen dann aber auch einen neugierigen Blick durch das halb geöffnete Tor. Sie sahen, entgegen ihrer Erwartung, nicht Wrench, sondern Electra selbst. Er stand mit dem Rücken zu ihnen an einen der Tische gelehnt und sah konzentriert auf woran auch immer er herumwerkelte. Eine Weile beobachteten die vier das Geschehen, mussten aber einsehen, dass sie nicht erkennen konnten, was die E-Lok dort tat.
Sie wichen ein Stück vom Tor zurück und warfen sich unsichere Blicke zu.
„Was nun…?“, fragte Pearl vorsichtig.
Carrie und Dinah zuckten nur kurz die Schultern, aber Belle verschränkte entschlossen die Arme.
„Er kann es auch direkt selbst in Ordnung bringen“, meinte sie und fuhr kurzerhand in die Werkstatt.
Als er sie hörte erschrak Electra und sich ruckartig um. Er sah beinah so aus, als hätte man ihn bei etwas ertappt.
„Was willst du hier?“, fragte er unwirsch.
Belle war etwas überrascht über diese Reaktion, gab aber in gleichermaßen zickigem Tonfall zurück: „Du hast meine Klamotten versaut, also sieh zu, dass du dieses schwarze Zeug wieder rausbekommst.“
Sie deutete auf den Fleck an der Schulter und man konnte meinen, Electras eh schon helle Haut wäre gerade noch eine Nuance weißer geworden. Für ein paar Sekunden stand er wie erstarrt da und sah auf den Fleck.
„Also?“, fragte Belle fordernd.
Electra zuckte leicht, schüttelte den Kopf und meinte kühl: „Ich sage Wrench Bescheid.“
Nach dem knappen Satz war er auch schon verschwunden und keine zwei Minuten später stand Wrench an seiner Stelle – etwas irritiert aber trotz der späten Stunde hellwach.
Während Belle ihr die Situation erklärte, kamen auch die anderen drei herein und sahen sich ein wenig um. Alles schien auf den ersten Blick chaotisch und unordentlich, aber bei genauerem Hinsehen konnte man eine gewisse Ordnung erkennen. Jedem das seine, dachte Dinah noch, da hörte sie die verwunderte Stimme des Reparaturwagens.
„Huch, wieso liegt das denn hier? Die habe ich doch vorhin erst weggeräumt…“, murmelte sie und stellte zwei kleine Geräte beiseite, die allem Anschein nach zum Lackieren verwendet wurden.
„Wart ihr da etwa dran?“, wollte sie dann wissen.
„Nein!“, sagten Belle und Carrie zeitgleich.
Auch Dinah und Pearl schüttelten entschlossen die Köpfe.
„Sicher?“, hakte Wrench nach, „Ich habe sie vorhin weggestellt. Jetzt sind sie wieder hier, du hast den Lack an der Schulter und wirfst meinem Boss vor, er wäre es gewesen.“
Ihr vorwurfsvoller Blick traf den Barwagen.
„Willst du mir unterstellen, ich hätte das gemacht, um mich beschweren zu können?“, fragte Belle aufgebracht.
„Nein“, flötete der Reparaturwagen unschuldig, „Ich will nur wissen, wer zum wiederholten Mal meine Sachen durcheinanderbringt.“
Nun schaltete Carrie sich ein: „Das ist schon öfter vorgekommen? Nur mit diesen Geräten?“
„Ich wüsste nicht, was euch das angeht, wenn ihr es nicht gewesen sein wollt.“
Mit diesen Worten machte Wrench sich daran, den schwarzen Lack von Belles Schulter zu entfernen und die Stelle im Anschluss auszubessern. Zum Glück für die vier Personenwaggons wurde sie beim Arbeiten etwas redseliger und beantwortete nach einer Weile ihre Fragen in einem normalen Tonfall.
„Also, wie oft war schon jemand deinen Sachen? Und hast du gesehen, wer es war?“, fragte Carrie noch einmal.
Wrench hielt nachdenklich inne: „Vor anderthalb Wochen und letzten Montag muss jemand hier gewesen sein. Aber entweder spät nachts oder in den frühen Morgenstunden. Ich habe nie etwas bemerkt. Wenn Electra das wüsste. Er würde mich zur Sau machen und Killerwatt gleich mit…“
Nach der Aussage lachte sie bitter. Was würde ihr Boss nur von ihr halten, wenn sie nicht einmal auf ihre Sachen Acht geben konnte?
„Du hast noch niemandem etwas gesagt“, schlussfolgerte Pearl.
Wrench druckste ein wenig herum: „Naja, es ist ja nichts passiert und ich will keinen unnötigen Ärger… Ich dachte, irgendwann sehe ich, wer es ist, oder es hört einfach auf.“
Ein Seufzen ging durch die Runde, die Waggons tauschten vielsagende Blicke, sahen dann ale hinüber zu Wrench.
„Du solltest vielleicht deinem Boss Bescheid sagen“, begann Belle.
„Und sehen, wie er reagiert“, ergänzte Carrie.
Auf Wrenchs verwirrten Blick hin fuhr Pearl fort: „Er war gerade hier, stand genau dort, wo du eben aufgeräumt hast und wenn ich ehrlich bin sah er ziemlich schockiert aus, als er uns bemerkt hat.“
„So, wie wir das sehen, kann die Farbe auch nur von ihm gekommen sein“, ergänzte Dinah, „Sieh dir vielleicht mal seine Hände an.“
Etwas verunsichert beendete Wrench ihre Arbeit, betrachtete kurz das Ergebnis und drehte sich dann weg.
„Ihr meint, er verheimlicht uns etwas…?“
„So sehen wir das“, bestätigte Carrie.
„Wann, sagtest du nochmal, haben die Geräte woanders gestanden?“, wollte Belle noch wissen.
„Vor anderthalb Wochen, am Montag und heute“, wiederholte Wrench.
Der Barwagen nickte wissend: „Die Tage, an denen Electra zu spät war.“

Mit einem unguten Gefühl kam Wrench zurück ins Depot. Sie hatte die Werkstatt nach dem kleinen nächtlichen Einsatz abgeschlossen – wie immer eigentlich – und wollte Electra zur Rede stellen. Nach dem Gespräch mit den vier Wagen wollte sie der Sache unbedingt nachgehen. Aber als sie ankam, sah sie nur die anderen Components, die noch zusammensaßen. Zeitgleich hoben sie die Köpfe.
„Was war los?“, wollte Joule wissen.
„Nicht so wichtig, wo ist Electra?“, stellte Wrench eine Gegenfrage.
Volta legte den Kopf schief: „Nachdem er dich gerufen hat ist er auch wieder verschwunden. Ich dachte eigentlich, er ist wieder mitgekommen, aber dann streunt er wohl draußen herum.“
Mit besorgtem Blick wandte der Reparaturwagen sich nun an Killerwatt: „Kannst du nicht eben auf den Kameras nachschauen?“
Der zuckte nur mit den Schultern und wenige Sekunden später deutete er nach Norden: „Er muss an einem der Abstellgleise hinter dem letzten Depot sein. Ich kann ihn zwar nicht sehen – toter Winkel – aber den Bereich hat er noch nicht wieder verlassen.“
Gedanklich machte er sich eine Notiz, dort schnellstmöglich die Kameras neu auszurichten, dann wollte er Wrench fragen, ob er sie begleiten sollte. Aber so schnell konnte er gar nicht schauen, da war sie schon weg.
Dafür ging er aus Neugier mit Joule und Volta die Aufnahmen aus der Werkstatt durch. Wenn Wrench keine Zeit hatte, etwas zu erzählen, dann sahen sie es sich halt an. Die ersten, die man sah, waren allerdings nicht die Personenwagen, die zu Anfang nur vor dem Tor gestanden hatten. Joule stieß Volta ganz aufgeregt an, als sie beobachtete, wie Electra kurz vor ihnen allein die Werkstatt betrat. Der Kühlwagen stöhnte genervt und Killerwatt schaltete auf die nächste Kamera.
„Was macht er denn da? Er nimmt Wrenchs Werkzeug“, stellte Joule fest und sah genauer hin.
„Sieht aus, als hätte er etwas an der Hand“, murmelte Volta, „Hey, geh mal näher ran.“
Nun wurde auch Killerwatt aufmerksam: „Rotbraune Farbe? Oder…“
Die drei sahen sich an.
„Wäre es nur Farbe, wüsste wir es.“
„Er hätte sich beschwert.“
„Und wäre direkt zu Wrench gegangen.“
Bedrückende Stille verschlang das Depot, als ihnen bewusst wurde, was sie gerade gesehen hatten.

Wrench erreichte gerade die Abstellgleise und sah sich aufmerksam um. Es war stockfinster, kein einziges noch so kleines Licht brannte und auf den ersten Blick schien es, als wäre niemand dort. Also schaltete sie die Lampe an ihrem Helm an und ließ den grellen Schein über die Schienen wandern. Sie hörte ein erschrecktes Geräusch, in dem Moment als das Licht auf silbernem Lack reflektiert wurde.
„Electra, hier bist du ja…“, sagte sie leise und kam auf ihn zu, „Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“
Die E-Lok brachte kein Wort heraus. Als Wrench vor ihm stand hielt er lediglich die linke Hand hinter seinen Rücken und mied ihren Blick.
„Was ist denn los?“, wollte sie wissen.
So kannte sie ihren Boss nicht.
„Nichts.“
„Im Lügen warst du mal besser. Sag mir die Wahrheit.“
„Es ist alles in Ordnung!“
„Zeig mir deine Hand.“
„Nein!“
Allein daran, wie aufgebracht er antwortete, erkannte sie, dass etwas ganz gehörig falsch lief. Aber sie wusste auch sofort, dass er nicht mehr antworten würde.
Also griff sie kurzerhand nach seinem Arm und zog ihn nach vorne. Ein Stromschlag traf sie und Electra versuchte, seinen Arm mit einem Ruck aus ihrem Griff zu befreien, aber darauf war sie vorbereitet. Sie hielt ihn weiter fest und sah im Schein ihrer Lampe auf seine Hand.
Als erste fiel ihr auf, dass der Lack dort noch nicht angetrocknet war – er war es also wirklich gewesen, der an ihre Geräte gegangen war. Blieb nur noch die Frage, warum?
Mit einem Tuch wischte sie grob über Electras Handfläche.
„Agh…!“, zischte er, zuckte zusammen und versuchte noch einmal, seine Hand wegzuziehen.
„Du hast mir eine gewischt, das hast du verdient“, murrte der Reparaturwagen und putzt auch den restlichen Lack ab, den ihr Boss selbst aufgetragen hatte.
Vorsichtig ging sie dabei nicht vor, aber als sie sah, was Electra versucht hatte zu verstecken, verflog ihre Wut sofort wieder.
„Oh nein, das ist-“
„Sag es nicht!“
„Electra-“
„Ich will es nicht hören!“
Wrench atmete tief durch, sah Electra dann direkt in die Augen und sagte eindringlich: „Nur, weil ich es nicht ausspreche, wird es nicht einfach verschwinden. Das ist Rost. Und jetzt lass diese Heimlichtuerei, dann kann ich dir auch helfen.“
Electra zuckte erneut zusammen, aber aus der Aggression, mit der er alles zu überspielen versuchte, wurde schnell ein nervöser, fast ängstlicher Ausdruck.
Die unangenehme Spannung in der Luft verschwand, als er kaum hörbar nuschelte: „Bitte hilf mir…“
Wrench lächelte erleichtert, als Electra aufhörte, sich zu wehren. Ihr war aber auch direkt klar, dass alles Weitere noch in dieser Nacht geschehen musste.
„Dann fahr zur Werkstatt“, verlangte sie und griff nach seiner Kupplung.
Ohne zu zögern setzte Electra sich in Bewegung. Den Weg zur Werkstatt fuhr er ohne Licht, aber unterwegs wollte er von Wrench wissen, wie genau sie nun davon erfahren hatten.
„Belle hat dich beschuldigt, ihre Klamotten versaut zu haben und ich wollte wissen, wer in letzter Zeit an meine Geräte gegangen ist“, erklärte sie knapp, „Vielleicht wäre es gar nicht aufgefallen, wenn du die Sachen zurückgestellt hättest, aber das ist natürlich keine Lösung. Das ist dir doch klar, oder?“
„Die letzten zehn Tage hat es gut funktioniert“, erwiderte Electra kleinlaut, „Aber der Mist ist ständig abgegangen.“
„Natürlich, du hast ja auch die Hälfte vergessen“, seufzte Wrench.
Auf Electras verwirrten Blick hin schüttelte sie nur den Kopf. Den Rest würde sie ihm erklären, wenn sie diesen Makel wieder in Ordnung brachte.
Darauf musste er auch gar nicht lang warten, denn wenige Minuten später standen beide in der Werkstatt. Wrench knipste das Licht an, wies Electra an, sich an den Arbeitstisch zu setzen und er leistete der Aufforderung Folge.
Mit unsicherem Blick sah er auf seine Handfläche, während Wrench einige Werkzeuge zusammensuchte. Das Rotbraun stach auf dem Schwarz deutlich hervor. Und nicht nur, dass es unschön aussah, es fühlte sich auch merkwürdig an und schmerzte sogar bei manchen Bewegungen.
„Ich dachte, Edelstahl kann nicht rosten“, murmelte Electra nachdenklich und hob den Kopf, als Wrench sich zu ihm setzte.
„Kann er auch nicht“, bestätigte sie und begann, den verrostete Teil zu entfernen, „Aber das hier…“
Mit einem leisen Knacken löste sich das schmale Metallteil und sie hielt es gegen das Licht.
„Das hier ist kein Edelstahl“, stellte sie fest, „Es ist Eisen.“
„Das kann doch gar nicht sein…“
Während Wrench die kleine Platte ersetzte, überlegte sie angestrengt, woher diese stammen könnte.
„Hast du dir letztlich von jemand anderem helfen lassen?“
„Unsinn. Wieso sollte ich zu jemand anderem gehen, wenn ich einen eigenen Reparaturwagen habe?“
„Stimmt, blöde Frage… Hm, wann war die Stelle denn das letzte Mal beschädigt?“
Electra legte den Kopf schief: „Das passiert nicht allzu oft… Vor einem guten Monat ist dieser Volltrottel von Regionalzug gegen mich gestoßen, aber da meintest du noch, es lohnt sich nicht, etwas daran zu machen. Ansonsten kann ich mich nur an den `Unfall` bei der Weltmeisterschaft erinnern.“
„Dann muss es da schon passiert sein.“
„Also ist es deine Schuld.“
„Was?!“, Wrench hielt inne und sah ihren Boss entgeistert an.
„Soweit ich weiß, warst nur du mit der Reparatur beauftragt“, erklärte er, „Also hast du auch dieses Teil eingebaut.“
„Zu meiner Verteidigung“, sagte sie schnell, „Zu der Zeit war hier viel los und Greaseballs Leute waren auch hier und haben gearbeitet!“
Ihre Rechtfertigung konnte in Electra noch etwas Verständnis wecken, denn er antwortete relativ gelassen: „Dann haben die billiges Material benutzt.“
„Und alles durcheinandergebracht!“, ergänzte Wrench, „Sonst wäre das nie passiert. Ich schwöre dir, es war ein Versehen. Ein kleiner Fehler, nichts weiter.“
Sie wollte sich schon darüber wundern, wie ruhig ihr Boss blieb, da sprang seine Stimmung merklich um und Ungeduld stand in seinem Ausdruck.
Beinah zickig fuhr er sie nun an: „Dann bring es jetzt in Ordnung! Und sorge dafür, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Was sollen denn die anderen denken, wenn ich Rostflecken habe? Ich bin doch keiner von diesen veralteten Schrotthaufen.“
Wrench hörte sich den Vortrag kommentarlos an und nickte zwischendurch. Erstaunlich, wie schnell seine Laune umschlagen konnte, sobald ein Schuldiger gefunden war, fand sie. Aber um richtigen Ärger zu vermeiden, wollte sie keine neue Diskussion anfangen. Stattdessen mutmaßte sie darüber, wie das Eisen hatte rosten können. Einfach so geschah das ja auch nicht.
Unter Electras Zustimmung kam sie zu dem Schluss, dass nach dem erneuten Zusammenstoß Feuchtigkeit an das Metall gelangt sein musste und sich dann dort festgesetzt hatte.
Zu guter Letzt sagte sie noch: „Und falls du wieder ungefragt mit meinen Sachen herumhantieren willst, mach es wenigstens richtig: Erst die Grundierung, dann Farbe und als letztes dieser Lack hier zum Versiegeln.“
Während sie die Schritte erklärte, führte sie sie auch direkt aus. Dann hielt sie Electras Arm fest, bis alles richtig getrocknet war.
„Damit nicht noch jemand sagt, du hinterlässt Flecken“, meinte sie lachend auf seinen beleidigten Blick hin.
Es dauerte ihm also schon wieder zu lange.
„Die sollen sich nicht so anstellen“, murrte er noch, „Und wehe sie erzählt das herum.“
Wrenchs Blick wurde ernster, als sie sagte: „Eine Drohung wird sie kaum davon abhalten.“
„Sondern?“
„Entschuldige dich bei ihr.“
Da Antwort kam in einem so kalten, direkten Tonfall, dass Electra für einen Moment die Worte fehlten. Wrench hingegen sah ihn auffordernd an. Sie meinte es durchaus ernst.
„Schon gut, ich mach es morgen…“, gab er schließlich nach.
Zufrieden ließ der Reparaturwagen von ihm ab.
Und seufzend musste Electra sich eingestehen, dass es so am besten war. Auch, wenn es nicht zu ihm passte. Aber das war besser, als wenn sich Gerüchte herumsprachen und bald der ganze Bahnhof wusste, was geschehen war.
Wie oberflächlich, dachte er ein wenig amüsiert über sich selbst.
Aber er und Rost?
Ein No-Go.
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