Albus

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald Jacob Kowalski Newt Scamander Percival Graves Queenie Goldstein
10.09.2019
15.09.2019
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So, hier kommt der zweite und letzte Teil.
Vorab eine kleine Anmerkung: Dieses Kapitel, und allgemein dieser Twoshot, enthält "Teile" und Anspielungen auf meine anderen Grindeldore-Oneshots ("Juni", "Sterne", "Leben und Lügen"). Das mag vielleicht auf den ersten Blick seltsam erscheinen, aber ich mache das, weil ich Wert auf Kontinuität lege, also darauf, dass meine Oneshots dort, wo sie sich inhaltlich überschneiden, einander nicht widersprechen. Das Duell läuft hier beispielsweise also genauso ab wie in "Juni". Also, wer die FFs kennt, nicht wundern; ansonsten kann man es natürlich aber auch mühelos verstehen, ohne die anderen Oneshots zu kennen, also keine Sorge!
Und jetzt viel Spaß beim Lesen!
Eure Silverblue





II



Er weiß nicht genau, wie er so viele Jahre später merkt, dass Albus den Pakt aufgelöst hat. Eines Morgens wacht er auf einmal auf, setzt sich in seinem Bett auf, eine Hand an seine Brust gepresst. Es ist kaum spürbar, aber dennoch bemerkt er es sofort: es fühlt sich an, als sei irgendetwas, das vorher tief in seinem Inneren existiert hat, nun nicht mehr da, als hätte jemand es ihm weggerissen. Überrascht ist er nicht; seit ihm der Anhänger vor so langer Zeit gestohlen worden ist, hat er beinahe tagtäglich mit so etwas gerechnet. Nein, was ihn verwundert, ist vielmehr, dass er die Verbindung zwischen Albus und ihm immer noch spüren kann … denn das muss heißen, dass Albus den Pakt nicht in seiner Gesamtheit, sondern nur die Verbindlichkeit ihrer Eide, einander nicht zu bekämpfen und nicht zu verletzen, widerrufen haben muss. Den wichtigsten Teil, nämlich die Verbindung zwischen ihrem Innersten hat er bestehen lassen.
Warum?
Wenn er diesen Teil unbeschadet gelassen hat, muss es doch bedeuten, dass Albus nach wie vor mit Gellert verbunden sein will. Aber wenn er das will, warum hat er ihn dann verlassen? Wenn ihm an Gellert noch etwas liegt, warum hat er ihn dann durch Scamander ersetzt?
Gellert schüttelt den Kopf. Wen kümmert es? Albus ist nach wie vor sein Feind und muss vernichtet werden – dass er ihre Eide aufgehoben hat, beweist es doch: er will ihn bekämpfen können, er ist gegen ihn. Vermutlich hat er es einfach nur nicht geschafft, den Pakt ganz aufzulösen – Blutmagie soll schließlich sehr tief gehen und schwer zu entschlüsseln und aufzuheben sein.
Und doch … er kann nicht widerstehen, seine Augen zu schließen und vorsichtig nach Albus‘ Präsenz zu tasten … er will sie noch einmal spüren, diese Wärme – es ist schon so lange her, seit er sie das letzte Mal gespürt hat; so lange, dass er mittlerweile das Gefühl hat, zu erfrieren … es ist ihm egal, ob er dabei auf die Mauer stoßen wird, die Albus um sich herum aufgebaut hat …
… doch die Schutzschilde sind diesmal nicht da. Albus‘ Geist ist ungewöhnlich verletzlich, so viel verletzlicher als sonst. Fast wie von selbst strömen Gedanken und Gefühle auf ihn ein, die nicht seine eigenen sind: Reue, unermessliche Reue, Trauer, Schmerz, das Gefühl von furchtbarer Einsamkeit und er sieht sich selbst, als Sechzehnjähriger in jenem Sommer in Godric’s Hollow, wie er lächelt und die Hand ausstreckt, und Albus‘ Hand, die seine ergreift; ihre Finger, die sich ineinander verschränken …
Albus?
Sofort verstärken sich die Schutzschilde wieder, schneiden die Flut von Empfindungen abrupt ab und Gellert fühlt wieder die kalte Mauer, die ihn von Albus‘ Geist fernhält. Er hat seine Gedanken nur ganz sanft berührt, doch Albus muss es sofort gemerkt und ihn ausgeschlossen haben … er hat wirklich kein bisschen nachgelassen. Leicht zitternd lässt Gellert sich wieder zurück in die Kissen sinken; wünscht sich, er hätte nichts gesehen, nichts gefühlt – denn diese eine Erinnerung hat gereicht, um in ihm eine so starke Sehnsucht hervorzurufen, wie er sie sonst nur in Bezug auf den Erfolg seiner Revolution kennt; eine Sehnsucht nach einem goldenen Sommer, der nun schon so viele Jahre zurückliegt …


***



Das Pergament raschelte leise in seinen Fingern, als er den darauf geschriebenen Text noch ein letztes Mal las, seine Finger über die schräge Handschrift gleitend. Er liebte sie immer noch, sie war so fein, so vertraut.

‚Gellert
Ich habe das Buch, das du mir ausgeliehen hast, gerade zu Ende gelesen und muss sagen, ich fand es brillant! Ich freue mich jetzt schon darauf, es morgen mit dir besprechen zu können.
Außerdem möchte ich nebenbei noch erwähnen, dass ich immer noch auf eine Entschädigung warte, dafür, dass du meine letzten Zitronenbonbons aufgegessen hast.
Dein Albus.‘

Seine Lippen hatten sich, ohne dass er es wirklich gemerkt hatte, zu einem leichten Lächeln verzogen. Er erinnerte sich noch genau daran, dass er in den ersten Wochen in Godric’s Hollow kaum geschlafen hatte, weil er zu sehr damit beschäftigt gewesen war, mit Albus Briefe auszutauschen. Dies hier war eine der ersten Notizen, die Albus ihm geschickt hatte und allein sie zu lesen gab ihm das Gefühl der Ruhe, das er immer mit Albus in Verbindung gebracht hatte; dem Jungen, der ihm Sicherheit gegeben, der ihn unterstützt hatte, der ihm als Einziger ebenbürtig gewesen war. Er vermisste es; vermisste das Gefühl, von einem anderen Menschen so vollkommen verstanden zu werden. Er würde es wohl nie wieder fühlen, das wusste er. Albus war der Einzige, der ihm auf diese innige Weise ähnlich war … und er hatte ihn verlassen, verraten.
Er hatte sie alle behalten, die Briefe, die Albus ihm über die zwei Monate hinweg geschickt hatte, nur zwei – einen Brief und ein Foto von ihnen mit einer Notiz darauf – hatte er inmitten seiner überstürzten Abreise offenbar liegen lassen. Aber das war jetzt auch egal. Er konnte sie sowieso alle nicht mehr gebrauchen.
Gellert holte tief Luft und warf den Brief, den er in den Händen hielt, in das noch glühende Kaminfeuer. Sofort fing das Pergament Flammen, schwärzte sich und schrumpelte langsam in sich zusammen. Es war noch nicht einmal ganz verbrannt, als schon der nächste Brief ihm folgte. Und noch einer. Und noch einer. Und noch einer.
Schließlich hielt Gellert den letzten Brief in den Händen, las mit zusammengepressten Lippen die Worte, die auf dem schmalen Streifen Pergament geschrieben standen. Seine Finger verkrampften sich einige Momente lang um ihn, dann schüttelte er den Kopf und ließ ihn ebenfalls in die Flammen fallen. Unwirsch wischte er sich über die nassen Wangen. Er hatte jetzt Wichtigeres, viel Wichtigeres zu tun, als sich mit der Vergangenheit aufzuhalten. Und das war alles, was Albus Dumbledore war: Vergangenheit.
Jetzt, in der Gegenwart, war alles, was zählte, die Pläne endlich umzusetzen, an denen sie beide – nein, er allein – so lange gearbeitet hatte. Den silbernen Anhänger würde Gellert behalten: Albus war der Einzige, dessen Fähigkeiten an seine heranreichten – sollte er sich je gegen ihn wenden und versuchen, ihn aufzuhalten, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass er ihn tatsächlich würde besiegen können. Er war die größte Bedrohung für Gellerts Pläne, und der Pakt, der ihnen verbot, sich zu bekämpfen oder zu verletzen, war eine hübsche Absicherung; würde Albus ein für alle Mal davon abhalten, sich ihm nochmals in den Weg zu stellen. Er verstaute ihn sorgfältig in seiner Brusttasche, warf sich seinen Reiseumhang über und verließ das Zimmer, ohne einen einzigen Blick auf das Feuer zurückzuwerfen, in dem Albus‘ letzter Brief nun endgültig zu Asche zerfiel.
Für das Größere Wohl.


***



Für das Größere Wohl – das ist auch der Gedanke, der ihm durch den Kopf geht, als schließlich, nach langer Zeit, der Tag gekommen ist, an dem er Albus endgültig gegenübertreten muss. Er hat so oft versucht, dem aus dem Weg zu gehen, die Sache anders zu erledigen, aber es ist gescheitert, und nun steht er hier, feuert Flüche auf den Mann ab, in dessen Augen er immer noch Bruchstücke des Jungen sehen kann, den er damals gekannt hat. Vielleicht, denkt er, vielleicht ist dies immer ihr Schicksal gewesen. Am Ende sind es nur sie beide, die zählen.
Albus ist älter geworden, aber er ist immer noch so wunderschön. In den blauen Augen lodert immer noch das Feuer, das er schon damals so geliebt hat, und sein Haar schimmert rötlich-golden in dem Sonnenlicht, das auf sie beide hinabfällt – Gellert wünscht sich nichts lieber als seine Finger durch es hindurchgleiten lassen zu können und hasst sich im nächsten Moment dafür, dass Albus es immer noch so mühelos schafft, ihn von seiner Revolution, dem Größeren Wohl abzulenken. Dies hier ist sein Todfeind, der Einzige, der ihm im Weg stehen könnte; den, den er schon so viele Jahre lang beseitigt haben wollte, um seine Revolution endlich erfolgreich zu Ende führen zu können. Nur das zählt noch, nichts mehr sonst. Nicht Albus, nicht der vertraute silberne Anhänger, der ihm um den Hals hängt. Nur noch die Revolution.
Beide kämpfen erbittert, so erbittert, dass der Boden unter ihnen von der Macht ihrer Magie langsam Risse bekommt. Albus‘ Kräfte haben kein bisschen nachgelassen; sind, wenn möglich sogar noch schöner geworden. Gellert presst die Lippen aufeinander, wirbelt den Elderstab unermüdlich durch die Luft, doch Albus weicht allen Flüchen flink aus und schickt einen Schockzauber zurück, dem Gellert nur knapp entgeht.
„Gib auf, Gellert!“, ruft er durch das Knistern und Knallen ihrer umherfliegenden Zauber. „Bitte, ich will dich nicht töten müssen!“
„Versuch’s doch!“ Gellert wirft einen Lähmzauber nach ihm, den er flink mit dem Schildzauber abblockt. „Du weißt genau, dass du dabei bist, zu verlieren, Albus! Ich habe den Elderstab!“ Er hält den Zauberstab in die Höhe und lacht. „Siehst du? Niemand kann mich besiegen! Du solltest aufgeben, Albus – gib auf und schwör mir die Treue, und vielleicht verschone ich dich …“
„Niemals“, sagt Albus. „Du hast einen Weg eingeschlagen, auf den ich dir niemals folgen werde.“
Gellert brüllt wütend auf und schickt blaue Flammen gegen Albus, der unter ihnen hindurchtaucht. „Es war unser Weg! Unsere Pläne! Streite es ruhig ab, ich kenne die Wahrheit! Wir haben ihn gemeinsam gehen wollen, du hättest an meiner Seite sein sollen! Du hast es versprochen und bist dann doch weggerannt, wie ein Feigling! Aber ich nicht, Albus, ich bin kein Feigling! Ich werde mich nie abwenden! Ich werde ihn bis zum Ende gehen, und wenn ich dich dafür töten muss, dann soll es so sein!“ Er lacht bitter. „Verräter verdienen schließlich auch nichts anderes als den Tod, nicht wahr? Avada Kedavra!
Grünes Licht blitzt auf, ein scharfes Sirren durchschneidet die Luft … doch der Todesfluch verfehlt Albus um fast zehn Meter, und Albus steht da wie angewurzelt, starrt ihn mit vor Schreck geweiteten Augen an, für eine Sekunde lang vollkommen abgelenkt …
… und Gellert nutzt diese Ablenkung und schleudert blitzschnell einen weiteren Fluch hinterher, der ihn mit voller Wucht oberhalb des Knies trifft.
Albus stößt einen Schmerzensschrei aus und bricht zusammen, sein Zauberstab fliegt in hohem Bogen davon. Seine Hände umklammern seinen nun heftig blutenden Oberschenkel, in den der Fluch eine große, tiefe Wunde gerissen hat. Gellert lässt seinen Zauberstab sinken und sieht ihm dabei zu, wie er verzweifelt versucht, wieder auf die Beine zu kommen, doch es nicht schafft. Es ist getan, er hat gewonnen. Es fehlt nur noch der letzte Schlag.
Langsam geht er auf ihn zu, auf den Mann, der ihn vor so vielen Jahren verraten, verlassen hat, kniet neben ihm nieder, schaut ihm ins Gesicht. Er hasst es, will es nicht tun, will nicht sehen, wie diese wunderschönen blauen Augen für immer leer werden … aber er muss, er hat keine andere Wahl …
Albus ist blass, zittrig – er muss durch die Wunde sehr viel Blut verlieren – doch sein Blick ist ruhig, und fest auf Gellerts gerichtet. Er schaut ihn an, und nur ihn, als sei er das Einzige, was für ihn zählt, schenkt dem Zauberstab, den Gellert auf sein Herz gerichtet hält, kein wenig Beachtung.
Gellert öffnet den Mund, um die beiden Worte auszusprechen, die das hier für immer beenden werden … aber er kann es nicht, er kann es nicht … sie wollen ihm nicht über die Lippen … das ist Albus, sein Albus, er kann ihn doch nicht …
Expelliarmus“, wispert Albus.
Und der Elderstab wird ihm aus den Fingern gerissen, zieht eine elegante Kurve in der Luft, ehe er wieder herabfällt und von Albus‘ bebender Hand aufgefangen wird. Gellert starrt ihn an; kann seinen Augen nicht trauen – Albus hat keinen Zauberstab gehabt und dennoch hat er einen erfolgreichen Entwaffnungszauber durchgeführt – noch nie, noch nie hat er das jemanden schaffen sehen …
„Du … du bist ein Genie, Albus“, flüstert er, kann es nicht lassen, ein letztes Mal sein Haar zu berühren, eine glänzende Haarsträhne aus seiner Stirn zu streichen.
Langsam und schwerfällig zieht Albus sich in eine sitzende Position, die Spitze des Zauberstabs unentwegt auf Gellert gerichtet. Irgendwo hinter ihnen apparieren die ersten Auroren, aber Gellert beachtet sie nicht – der Mann vor ihm ist viel wichtiger ...
„Ich habe dich geliebt“, flüstert Albus.
Gellert kann nichts erwidern. Erinnerungen ziehen vor seinen Augen vorbei; Erinnerungen an jenen goldenen Sommer vor so vielen Jahren, an die Wärme, die damals geherrscht hat, die Ruhe, Albus‘ Lachen und seine wunderschöne Magie … und dann sind sie wieder hier, zusammen und doch für immer voneinander getrennt … und seine Augen beginnen zu brennen, er streckt seine Hand aus – nur noch ein letztes Mal, ein letztes Mal will er ihn noch berühren, will er noch einmal seine Hand in seiner fühlen …
… doch mehrere Paar Hände packen ihn, reißen ihn gewaltsam zurück, zwingen seine Arme auf seinen Rücken und fesseln ihn, während er dabei zusehen muss, wie Albus nun endgültig bewusstlos zu Boden sinkt und von anderen Auroren auf eine heraufbeschworene Trage gehoben wird. Sie zerren Gellert auf die Füße und drängen ihn weg, führen ihn in die entgegengesetzte Richtung … weg von Albus, für immer weg von Albus …
Er hört sich selbst schreien, spürt, wie er vergeblich gegen den eisernen Griff der Auroren ankämpft – doch all das scheint jetzt weit weg von ihm zu passieren; es ist unwichtig, so unwichtig im Gegensatz zu den Worten, die er Albus hat sagen wollen, und die jetzt für immer ungesagt und unausgesprochen in seinem Kopf widerhallen werden.
Ich habe dich auch geliebt, Al. Ich liebe dich immer noch.


***



„Sie lieben ihn.“
Gellert fuhr herum. Queenie Goldstein stand nur wenige Meter hinter ihm; sie musste, ohne dass er es bemerkt hatte, den Raum betreten haben.
„Bitte unterlassen Sie es, meine Gedanken zu erfassen, Miss Goldstein.“ Er konnte die leichte Verärgerung aus seiner Stimme nicht verbannen, während er fast automatisch die okklumentischen Schilde um seinen Geist herum dort, wo sie durchlässig geworden waren, erneuerte, sodass sie nichts mehr würde erkennen können.
„Verzeihung“, sagte sie sofort ängstlich. „Ich … ich tue das nicht absichtlich, wissen Sie, ich … es passiert mittlerweile einfach von alleine. Aber ich … ich werde es natürlich trotzdem versuchen.“
Gellert schenkte ihr nur ein knappes Nicken und wandte sich wieder zum Fenster, betrachtete die schneebedeckten Berggipfel am Horizont und den Himmel über ihnen, der von demselben tiefen und gleichzeitig strahlenden Blau war wie Albus‘ Augen.
Wie aus weiter Entfernung hörte er, wie Miss Goldstein sich ihm zögerlich näherte, bis sie schließlich neben ihm stand.
„Sie lieben ihn“, sagte sie wieder. „Albus. Albus Dumbledore. Sie … Sie denken sehr oft an ihn, wenn Sie glauben, Sie seien alleine im Raum oder unbeobachtet, wissen Sie.
Gellert zog die Augenbrauen zusammen; ihm gefiel es nicht, dass sie so viel wusste. Und dennoch … zu ändern war es jetzt ohnehin nicht mehr, also warum sollte er dieses Wissen nicht nutzen, um sie zu einer noch treueren Anhängerin zu machen? Verletzlichkeit, so hatte er gelernt, konnte, wenn man sie richtig einsetzte, eine unglaubliche Anziehungskraft ausüben.
Also nickte er und öffnete seinen Geist wieder um ein winziges Stück. Wie erwartet schnappte Miss Goldstein nach Luft.
„Sie waren ein Paar. In einem Sommer vor langer Zeit.“
Er nickte wieder. „All das hier sind ursprünglich unsere gemeinsamen Pläne gewesen. Wir wollten gemeinsam eine Welt schaffen, in der freies Leben, freie Liebe möglich ist.“
„Sie konnten Ihre Liebe nicht frei ausleben, weil Sie beide … nun ja … dem gleichen Geschlecht angehörten, nicht wahr?“
„Ja.“ Gellert wandte sich nun ganz zu ihr und sah ihr offen ins Gesicht. „Die Muggel halten nicht viel von romantischer Liebe, wenn sie nicht zwischen einem Mann und einer Frau besteht. Sie bestrafen sie, teilweise sogar mit dem Tode. Und, wie viele andere ihrer engstirnigen Denkweisen, hat auch diese Auswirkungen auf das Leben von uns Zauberern. Albus und ich unterlagen vielen Regeln und Gesetzen, die uns angeblich vor der Entdeckung und Verfolgung durch die Muggel ‚schützen‘ sollten, und die größtenteils immer noch gelten. Eine Heirat ist uns beispielsweise ebenso unmöglich wie Ihnen und Jacob Kowalski.“
Miss Goldstein hatte eine Hand auf ihre Lippen gepresst und sah ihn mit geweiteten Augen an. „Sie können auch nicht … ?“
„Nach zwei Monaten hatten wir einen Streit“, fuhr Gellert fort, „und Albus verließ mich. Er gab sowohl mich als auch unsere Pläne für eine freiere Welt auf. Doch mein Herz gehört noch immer ihm. Es wird nie jemand anderem gehören.“ Er wandte seinen Blick ab, ließ ihn durch den Raum gleiten. „Ich hoffe immer noch, dass er zu mir zurückkommt.“ Das war noch nicht einmal eine Lüge. Dass er … dass er versteht, dass dies alles hier zu seinem, zu unserem Besten ist.“
Miss Goldstein schwieg. Er schaute sie prüfend an, dann lächelte er. „Sie sehen, wir beide sind uns gar nicht so unähnlich in unseren Sorgen.“
„Wenn Jacob nur verstehen würde“, flüsterte sie. „Ich tue das alles doch nur für ihn. Für uns. Aber er denkt, ich sei verrückt ...
Gellert legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. „Er wird es irgendwann begreifen. Irgendwann, so hoffe ich, werden sie es beide verstehen. Sie werden irgendwann einsehen, dass all dies wirklich zu ihrem Besten ist, wirklich für das Größere Wohl ist.“
Sie nickte. „Ja. Für das Größere Wohl.“
Gellert drehte sich wieder dem Fenster zu und in ihm mischte sich Verbitterung mit Triumph, als er in den strahlend blauen Himmel hinaufsah. Wenn er die Liebe zu Albus schon nicht niederringen konnte … dann sollte sie ihm zumindest als Waffe dienen können.


***



Liebe … ist es das wirklich gewesen?
Gellert geht in der engen Zelle auf und ab, zerbricht sich wieder und wieder den Kopf darüber, während draußen vor dem winzigen Fenster unerbittlich die Jahreszeiten vorbeiziehen. Er hat es immer für Liebe gehalten, es nie anders eingeordnet, sich nie auch nur Gedanken darüber gemacht, ob er damit vielleicht falsch liegen könnte. Doch jetzt, hier, innerhalb der steinernen Mauern, die ihn sein ganzes restliches Leben lang umschließen werden, beginnt er zu zweifeln.
Hat er wirklich Albus geliebt? Albus, den Menschen? Oder ist es nicht doch eher das gewesen, was Albus ihm geben konnte, das Gellert geliebt hat – die Ruhe, die Sicherheit, die Wärme? Er hat ganz sicher etwas für Albus selbst empfunden, etwas sehr Starkes sogar … aber ist dieses Gefühl, dieses Verlangen, Albus um jeden Preis bei sich zu haben, wirklich Liebe gewesen? Ähnelt es nicht vielmehr dem Gefühl, das man für Eigentum hat – dem Drang, zu besitzen?
Wenn er es genau betrachtet, hat er es nie wirklich verstanden, denkt er, während er in den Nächten zusammengekauert auf der steinernen Pritsche liegt und versucht, aus seiner dünnen Bettdecke so viel Wärme wie möglich zu gewinnen, während draußen der Wind heult. Er hat nie wirklich verstanden, was es wirklich bedeutet, jemanden zu lieben.

Albus hat ihn geliebt. Albus‘ Liebe ist rein gewesen. Er hat den Menschen Gellert geliebt, nicht nur das Gefühl, das er ihm gegeben hat. Er hat ihn so akzeptiert und genommen, wie er war, hat ihm Halt gegeben, wenn er es brauchte, hat ihm Freiheit gegeben, wenn er es brauchte, hat ihm Sicherheit gegeben. Und er liebt ihn immer noch. Gellert hat es in seinem Urteilsspruch gehört, in dem das Gericht verkündet hat, Professor Dumbledores Bitten nachzukommen und die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe in Nurmengard umzuwandeln. Er hat es in Albus‘ Augen gesehen; in der einzelnen Träne, die seine Wange hinuntergeronnen ist, als Gellert zum allerletzten Mal aus dem Gerichtssaal geführt worden ist. Albus hat ihm alles gegeben. Und Gellert hat genommen und genommen … und niemals etwas zurückgegeben.
Er hat sich nie für Albus selbst interessiert; es hat ihn nicht interessiert, ob Albus glücklich gewesen ist. Albus ist in seiner tiefsten unterbewussten Wahrnehmung nie ein eigener Mensch gewesen, sondern etwas, das zu jeder Zeit hat funktionieren müssen, wie Gellert es gewollt hat. Und als er es schließlich nicht mehr getan hat, hat er ihn sofort gehasst und einen Verräter genannt.
Wie dumm, wie blind er doch gewesen ist; so vollkommen blind für das, was er Albus nur kurz zuvor angetan hat! Er hat seinen Bruder angegriffen, einen Kampf provoziert, der seine Schwester getötet hat – und dann ist er weggerannt, hat Albus vor einem Scherbenhaufen zurückgelassen und dann erwartet, dass er ihm nachkommt, obwohl er seinen Bruder gefoltert hat, obwohl seine kleine Schwester gerade vor seinen Augen gestorben ist. Wie hat er nicht begreifen, ja, nicht einmal daran denken können, wie Albus sich gefühlt haben muss? Er muss sich ebenso verraten gefühlt haben wie er es getan hat; verraten von jemandem, den er geliebt, dem er vertraut hat, und der ihn verlassen hat, als er ihn am dringendsten gebraucht hätte.
Erst jetzt begreift er, wie verdorben die „Liebe“ gewesen ist, die er geglaubt hat, zu fühlen. Sie ist genauso vergiftet gewesen wie die Liebe, die Queenie Goldstein Jacob Kowalski entgegengebracht hat – auch sie hat ihre Bedürfnisse über seine gestellt; ihr ist ihr eigener Drang nach Heirat wichtiger gewesen als das, was er vielleicht gewollt hat. Genau wie Gellert seine Pläne – seine sinnlosen, dummen Pläne – über Albus gestellt hat, statt Liebe Macht gewählt hat; sich für den Weg entschieden hat, der ihn am weitesten von Albus weggeführt hat. Und wohin hat er ihn geführt? In starre Mauern, in ein ewiges Dasein inmitten von kaltem Stein, inmitten von Einsamkeit … inmitten von Erinnerungen an die, die unter ihm haben leiden müssen.

Albus ist nur einer von ihnen, der Einzige, der ein Gesicht hat. Die anderen sind nur Schatten, Formen, die in seinem Gefängnis umherhuschen, ihre Kreise um ihn ziehen, und mit tonlosen Stimmen unentwegt auf ihn einflüstern. Nachts werden sie lauter, verwandeln sich manchmal in Schreie und Flehen, und Gellert kauert sich auf seiner Pritsche zusammen, während ihr Schmerz in ihm widerhallt, hält sich die Ohren zu, während sich ihre Schreie mit seinen eigenen mischen. Manchmal sieht er einige von ihnen wieder deutlich vor sich: das nichtmagische Kleinkind, das er damals in Paris hat ermorden lassen, die zahllosen gesichtslosen Muggel, die er hat foltern und einsperren lassen, die Familien, die er für immer auseinandergerissen hat. Irgendwann kann er nicht mehr auf den Boden seiner Zelle hinunterschauen, ohne ihn blutdurchtränkt zu sehen; nicht mehr seine Hände betrachten, ohne sie mit ebenjenem Blut bedeckt zu sehen; dem Blut von tausenden Unschuldigen, dem Blut, das er selbst vergossen hat, im Namen des Größeren Wohls.
Und was für eine Lüge das alles gewesen ist. Tief im Inneren, so weiß er, kann es ihm gar nicht um das Größere Wohl, um eine bessere Welt gegangen sein, denn diese kann nicht durch solche Gewalt und durch solches Leid geschaffen werden. Nein, es ist ihm immer nur um sein eigenes Wohl, seine eigene Macht gegangen. Albus hat es schon sehr früh verstanden, hat immer wieder auf seine sanfte Art versucht, ihn zu korrigieren, ihn in eine andere Richtung zu lenken, doch er hat es ignoriert, es vollkommen ignoriert … und jetzt, jetzt muss er dafür bezahlen: die Schatten und Stimmen seiner Opfer werden ihn bis ans Ende seines Lebens begleiten …
Und er kann nichts mehr rückgängig machen. Die Toten können nicht wiederbelebt, das Leid nicht aufgehoben werden. Es wird bleiben, für immer, egal wie sehr er sich herbeisehnt, in die Vergangenheit reisen und alles ändern, alles ungeschehen machen zu können. Das ist es, was ihn am meisten zerreißt; dieses Wissen, dass er nichts mehr tun kann außer hier zu sitzen, älter zu werden, und zu lernen, mit seiner Schuld zu leben und seiner schrecklichen Trauer, dem Preis für seine Schandtaten, seine furchtbaren Fehler.

Zu leben … früher ist das einfach gewesen. Aber jetzt, mit all dem Schmerz, mit all der Reue, die ihn zu zerreißen scheint … manchmal wünscht er sich, er könnte einfach aus dem engen Fenster klettern – mager genug dafür wäre er inzwischen – und sich in die kalte Tiefe fallen lassen. Doch die unsichtbare magische Barriere hindert ihn daran, hält ihn unerbittlich in diesen kalten Mauern gefangen, hält ihn in diesem Leben gefangen, obwohl es immer mehr Momente gibt, in denen er sich eher tot als lebendig fühlt. Sein Geist wandert immer mehr umher, wird immer rastloser – das Einzige, was ihn festhält, was ihn noch in der realen Welt verankert und davon abhält, sich völlig zu verlieren, ist die entfernte, aber stete Wärme von Albus, zu dessen Geist die Verbindung, die sie damals geschaffen haben, immer noch besteht, und nach dessen Präsenz Gellert immer und immer öfter tastet. Anfangs sind die altbekannten Schilde um Albus‘ Geist noch makellos gewesen, doch dann sind sie über die Jahre hinweg nach und nach durchlässiger geworden, haben immer öfter Einblicke in Albus‘ Gedanken und Gefühle gewährt. Albus hält es anscheinend nicht mehr für nötig, ständig darauf zu achten, seinen Geist vor Gellert zu verschließen ... oder es ist etwas anderes gewesen, das seinen Widerstand hat schmelzen lassen; das dazu geführt hat, dass er irgendwann, als Gellert zögerlich und leicht seine Gedanken berührt, nicht mehr zurückschreckt, wie er es damals getan hat, sondern nach einer kurzen Stille die Berührung ganz sanft erwidert.
... Gellert.
Gellert atmet aus, als dieses Wort, dieser Gedanke ihn durchströmt; die Wärme, die unermessliche Wärme, die von ihm ausgeht, überwältigt ihn, lässt Tränen seine Wangen hinunterlaufen. Albus, antwortet er, versucht, ihm genauso viel Ruhe und Liebe zurückzugeben, öffnet sich noch mehr und fühlt, wie auch Albus die restlichen Schilde fallen lässt, und nun ist seine Wärme fast schon greifbar, fühlbar – schlagartig fühlt er die Kälte, die Müdigkeit und das Alter in seinen Gliedern nicht mehr; ihn erfüllt nur Geborgenheit und die Erinnerung an blaue Augen, funkelnde blaue Augen. Wie aus weiter Ferne hört er sich selbst schluchzen und seine Gedanken wirbeln durcheinander, können nur noch einige wenige richtige Worte formen, verzeih mir, Albus, verzeih mir, während Albus’ Geist in ihm widerhallt wie der Gesang des Phönix, und ihn umarmt, ihn hält, wie Albus ihn vor so vielen Jahren in Godric’s Hollow gehalten hat, wenn er aufgewühlt aus Visionen hochgeschreckt ist.
Es wird alles gut, Gellert, es wird alles gut.

Aus Jahrzehnten wird schon bald ein halbes Jahrhundert, das er nun schon innerhalb dieser Mauern verbracht hat. Die Zeit rinnt unerbittlich weiter davon, doch die gelegentlichen vorsichtigen Berührungen zwischen seinen und Albus’ Gedanken bleiben bestehen. Irgendwo im fernen England ist der dunkle Zauberer Lord Voldemort zum zweiten Mal auf dem Vormarsch, und Gellert spürt, wann immer er mit Albus’ Geist in Berührung kommt, seine wachsende Sorge, seine Unruhe, und schließlich, zu seinem Entsetzen, wie Albus immer und immer schwächer zu werden scheint. Er geht in seiner Zelle auf und ab, frustriert, wütend. Albus leidet, das spürt er; sein Geist entgleitet ihm jeden Tag mehr, als würde ein Fluch ihm Stück für Stück vereinnahmen, ihn dort hinziehen, wo Gellert ihn nie mehr wird erreichen können. Wenn er Albus’ Gedanken fragend berührt, spürt er nur tröstende Wärme, die ihm sagt, dass er sich keine Sorgen machen soll, dass alles gut ist, aber er spürt es, er weiß, dass es eine Lüge ist; weiß, dass Albus etwas vor ihm verbirgt. Aber was kann er anderes tun als hier zu stehen und die Wände anzustarren, die ihn eisern gefangen halten? Er kann ihm nicht helfen, er kann ihn nicht retten.
Auch das hat er im Grunde selbst zu verantworten.
Gellert, spürt er Albus’ Gedanken irgendwann wieder und wieder sagen, während dessen Geist sanft den seinen berührt. Gellert. Bitte verzeih mir.
Und als er am nächsten Morgen aufwacht, herrscht in Gellert nur noch Kälte und Stille.
Er presst die Hand fest gegen seine Brust, dort, wo gestern noch Albus’ Wärme gewesen ist, wo sie verschwunden ist, und er muss gar nicht darüber nachdenken, was passiert sein kann, warum Albus weg ist; er hat es sofort gespürt, weiß es, noch ehe die Zeitung zusammen mit seinem Frühstück durch die kleine Klappe in der Tür in seine Zelle geschoben wird.
ALBUS DUMBLEDORE ERMORDET“.
Gellert lässt sich auf seine Pritsche zurücksinken und starrt zur Decke. Er gibt keinen Laut von sich; weint nicht, schreit nicht, schluchzt nicht. Warum sollte er auch? Er ist längst selbst tot. Albus, sein Albus ist fort und hat seine Seele, sein Herz gleich mitgenommen. Eigentlich sind es nur noch sein Körper und ein kläglicher Rest seines Geistes, die noch in der Welt der Lebenden verbleiben. Leben, das tut er nicht mehr. Wie auch? Albus’ Wärme ist das Einzige gewesen, das ihn all die Jahre lebendig gehalten hat. Ohne sie, ohne ihn gibt es keinen Grund mehr. Keinen einzigen.
Die Leere in ihm ist das Schmerzhafteste, was er jemals gefühlt hat. Von Albus getrennt zu sein, zerreißt ihn. Er will sich befreien, sich losreißen von diesen eisernen, unsichtbaren Ketten, die ihn fest hier verankert halten, in dieser Welt, in die er nicht mehr gehört. Er gehört zu Albus, er gehört zu seiner Liebe, seinem Ehemann. Warum versteht es nur keiner? Warum muss er weiter hier verharren, wenn es doch gar keinen Grund mehr für ihn gibt, hier zu sein?
Gellert versucht alles; alles, was ihm möglich ist, um schneller zu Albus zu kommen. Er versucht, mit dem Essen aufzuhören, aber schafft es nicht, und er hat keinen Zauberstab, keine Magie mehr übrig, die ihn zu Albus bringen könnte. Schließlich gibt er auf, resigniert, kraftlos. Ihm bleibt wohl nichts anderes mehr übrig als zu warten, das verloren geglaubte Foto von Albus und ihm in Godric’s Hollow, das auf wundersame Weise den Weg zu ihm zurückgefunden hat, in den Händen zu halten, und immer wieder flüsternd seine Versprechen, seine Bitten gegenüber Albus zu erneuern.
„Albus ... warte auf mich.“
„Ich werde dich beschützen, Al, er wird dein Grab nicht anrühren.“
„Bitte, Albus. Bitte befreie mich.“
„Albus ... Liebster, bitte ... ich will nicht mehr länger hier bleiben ...“
„ ... bitte ...“

Er weiß, dass es nicht mehr lange dauern kann, er spürt es, sieht es in den schwachen Visionen, die gelegentlich noch vor seinem Inneren Auge vorbeiziehen – und doch dauert es ihm immer noch zu lange. Jede Minute ohne Albus fühlt sich an wie Jahre; der Schmerz, zwischen zwei Welten gefangen zu sein, ist schlimmer als der Cruciatus-Fluch es jemals sein könnte. Und irgendwann kann er selbst die Zeit nicht mehr einschätzen – wann ist Albus gestorben? Vor ein paar Jahren oder waren es doch nur ein paar Monate? – , kann noch nicht einmal mehr Tag und Nacht unterscheiden, da ohne Albus die Welt immer dunkel ist. Er hat nicht mehr die Kraft, aufzustehen, sondern liegt stattdessen nur noch auf seiner Pritsche, starrt die Decke, die Mauern an, ohne sie wirklich zu sehen, und atmet, ohne es wirklich zu wollen.
Dann, endlich – endlich, nach endlosem Warten, nach endlosem Sehnen, das ihn fast zerrissen hat – spürt er ihn eines Nachts oder Tages in greifbarer Nähe. Er spürt ihn fliegen, näherkommen, fühlt, wie er durch das Fenster seiner Zelle eindringt. Schwerfällig wendet er sich um und öffnet die Augen. Lord Voldemort steht da, das schlangenartige Gesicht bleich wie der Tod. Gellert lächelt. Dann ist es also endlich so weit. Er kann die letzte Pflicht gegenüber Albus noch erfüllen, um ihm dann danach endlich zu folgen.
„Du bist also gekommen“, sagt Gellert mit vom vielen Schweigen rau gewordener Stimme. „Ich wusste, dass du kommen würdest ... eines Tages ... Doch deine Reise war umsonst. Er war nie in meinem Besitz.“
„Du lügst!“
Er spürt seinen Zorn, doch es amüsiert ihn nur. Er lacht, während dieser lächerliche Wicht ihm Schmerzen zufügt, die er überhaupt nicht mehr spürt, ihm mit dem Tod droht – versteht er denn nicht, dass es für ihn keine Drohung, sondern ein Geschenk ist? Wie dumm er doch ist, zu dumm, um zu verstehen, dass es viel schrecklichere Dinge gibt als zu sterben. Er kann sie in seinen Augen sehen, die Angst vor dem Tod, die er nie gehabt hat und nie mehr haben wird. Sterben ist nichts Schreckliches, sondern etwas Schönes. Sterben wird ihn dorthin bringen, wo er wirklich hingehört.
„Töte mich doch“, verlangt er wieder und wieder und lacht, als er sieht, dass es wirkt, dass Voldemort immer zorniger wird, immer mehr erpicht darauf wird, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Es ist einfach, so einfach, ihn zu manipulieren, denkt Gellert – der mächtigste dunkle Zauberer aller Zeiten, so unfassbar leicht zu beeinflussen, dass es wehtut – , er weiß genau, dass es nur noch wenige Worte braucht, um ihn dorthin zu bekommen, wo er ihn haben will.
„Dieser Zauberstab wird nie und nimmer dir gehören.“
Voldemorts Wutschrei mischt sich mit seinem Lachen und einem scharfen Sirren, als endlich der lang ersehnte grüne Lichtstrahl aus seinem Zauberstab hervorbricht. Wie am Rande fühlt er, wie sein Körper in die Luft gewirbelt wird, und auf unerklärliche Weise ist das Letzte, was Gellert sieht, nicht die steinerne Mauer seines Gefängnisses, sondern ein Gesicht, das Gesicht eines Jungen mit wunderschön glänzendem Haar und funkelnden blauen Augen. Albus, denkt er nur noch, und dann nichts mehr.


Als Gellert das nächste Mal seine Augen öffnet, liegt er auf einem warmen Untergrund, und um ihn herum ist es strahlend hell. Mühsam setzt er sich auf; seine Glieder sind schwer, als wäre er aus einem sehr langen und sehr tiefen Schlaf erwacht, doch als er auf seine Hände hinuntersieht, sind diese nicht mehr alt und runzlig, sondern glatt und makellos. Vorsichtig hebt er sie hoch, tastet sein Gesicht ab, das sich ebenso ebenmäßig anfühlt, fährt sich ins Haar, das ihm in goldenen Locken auf die Schultern fällt. Auf unerklärliche Weise scheint er wieder das Aussehen seines sechzehnjährigen Selbst angenommen zu haben.
Schwerfällig kommt er auf die Füße und sieht sich um, blinzelt. Er steht offenbar auf einer Art Ebene, einer endlosen ebenmäßigen Fläche, umgeben von strahlend hellem Licht. Außer ihm ist niemand da, und es ist still, ganz still. Nervös wendet Gellert sich nach allen Seiten um, sucht nach etwas, irgendetwas, das ihm zeigt, dass er nicht ganz alleine hier ist, doch er findet nichts.
„Albus?“, ruft er und fährt zusammen, als auch seine Stimme so klingt wie damals und laut in der leeren Umgebung widerhallt. Niemand antwortet. Albus ist nicht da.
Gellert presst die Lippen aufeinander, ignoriert das Brennen in seinen Augen, und setzt sich zurück auf den glänzenden Boden, der Marmor ähnelt; weißem Marmor, wie dem von Albus’ Grabstein. Kurz fragt er sich, wo man seinen eigenen Körper wohl begraben wird – bestimmt nicht neben Albus, obwohl das der einzige Ort ist, wo er sein will. Er wird dort, genau wie hier, auf ewig von ihm getrennt sein, denkt er und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Nicht dass er es nicht verdient hätte, bei all dem, was er getan hat; er hat diese Strafe verdient. Aber er hat nicht erwartet, dass es so wehtun würde. Zu glauben, dass er Albus hier wiedersehen wird, ist dumm gewesen, das sieht er nun ein. Sowohl in der Welt der Lebenden als auch hier ist er dazu verdammt, alleine zu sein.
Er weiß nicht, wie lange er dort sitzt und versucht, die Tränen, die immer noch in seinen Augen brennen, zurückzuhalten; es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Irgendwann aber steht er schwankend wieder auf, mit der Absicht, sich wenigstens ein bisschen mehr hier umzusehen ... und da sieht er ihn.
Die Silhouette eines Jungen ist weit vor ihm aufgetaucht und kommt immer näher. Sein Haar schimmert rötlich-golden im Licht und sein Lächeln ist breit, strahlend, lässt seine blauen Augen noch mehr funkeln als sie es ohnehin schon tun.
Gellert keucht auf. Seine Füße stolpern wie von selbst auf ihn zu, rutschen beinahe aus, und als sich endlich seine Arme um ihn legen und ihn der vertraute Geruch nach frischem Pergament, Büchern und Zitrone umfängt, brechen alle Dämme. Er presst sich so fest wie möglich gegen ihn, während ihm die Tränen über die Wangen strömen und sein Körper vom heftigen Schluchzen bebt. Albus hält ihn, streicht ihm übers Haar und über den Rücken, während er weint, wieder und wieder seinen Namen flüstert. „Es ist alles gut, Gellert“, hört er ihn sagen. „Es ist alles gut.“
Irgendwann lassen die Tränen nach und sie stehen nur noch da, ineinander verschlungen, einander festhaltend. „Verzeih mir“, flüstert Gellert. „Verzeih mir, Albus ... was ich dir angetan habe ... was ich allen angetan habe, war ...“
Albus löst sich von ihm und streicht ihm sachte eine lockige Haarsträhne aus der Stirn. Obwohl sein Gesicht ebenso jugendlich ist, wie es in jenem Sommer vor so vielen Jahren gewesen ist, liegt in seinen Augen die Schwere, die Weisheit, die ein langes, beschwerliches Leben mit sich bringt. „Ich vergebe dir.“
Gellert starrt ihn ungläubig an. Albus lächelt.
„Ich habe immer an dich geglaubt, weißt du“, sagt er, während er nachdenklich seine eigene Handfläche betrachtet, mit den Fingern über die schmale weiße Narbe fährt, die sich dort befindet. „Ich habe gewusst, dass ich mich nicht völlig in dir getäuscht hatte – dass es immer noch Gutes in dir gegeben hat, selbst damals ...“
Gellert schüttelt den Kopf, fährt mit seinen Händen wieder und wieder durch Albus’ weiches Haar. „Ich hatte dich nicht verdient, Liebster. Ich werde dich nie verdienen.“
Albus schweigt kurz, dann legt er seine weichen, warmen Lippen in einem federleichten Kuss auf seine. „Wir haben einander verdient.“
Gellert atmet aus, lehnt seine Stirn gegen Albus’ und schließt die Augen. Eine Weile stehen sie einfach nur so da, atmen die Nähe des jeweils anderen ein. Schließlich lässt Gellert ihn wieder los und lässt das kastanienbraune Haar ein weiteres Mal durch seine Finger gleiten; lächelt, als er sich an etwas erinnert. „Deine Haare glänzen immer so schön rotgolden, wenn Licht darauf fällt. Fast wie die Federn eines Phönix.“
Albus lacht und küsst ihn auf die Wange. „Nun? Wollen wir gehen? Das nächste Abenteuer wartet schon auf uns.“
Gellert nickt, und Albus’ überwältigend warme Hand schließt sich um seine eiskalte.
Vielleicht sind sie immer so gewesen, denkt Gellert, während sie gemeinsam in das immer heller werdende Licht schreiten. Vielleicht sind sie immer wie Feuer und Eis gewesen, wie Licht und Dunkelheit: gleich und dennoch grundverschieden. Gegensätze, die sich dennoch perfekt ergänzen ... und die jetzt endlich wieder miteinander vereint sind.
Für immer.





So, das war's; ich hoffe, diese "kleine" Geschichte hat euch gefallen! Über Rückmeldung würde ich mich natürlich freuen; ansonsten liest man sich ja vielleicht bald wieder! Bis dann!
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