Albus

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald Jacob Kowalski Newt Scamander Percival Graves Queenie Goldstein
10.09.2019
15.09.2019
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10.09.2019 6.850
 
Hallo ihr Lieben,
und noch eine Grindeldore-Story von mir! Ich war mir nicht sicher, ob ich sie im normalen Harry-Potter-Fandom oder im Phantastische-Tierwesen-Fandom einordnen soll, aber da doch sehr viel von Phantastische Tierwesen vorkommt, habe ich sie hier gepostet.
Diese FF ist entstanden, weil ich selbst einmal unbedingt in Gellerts Perspektive schreiben wollte, und weil ich mich darüber geärgert habe, dass in "Grindelwalds Verbrechen" Grindelwalds Reaktion darauf, dass ihm der Blutpakt gestohlen wurde, irgendwie überhaupt nicht gezeigt wurde (warum nicht? Das wäre doch so, als hätte man im "Feuerkelch" Voldemorts Wutreaktion, als Harry vom Friedhof entkommen ist, einfach weggelassen!).  Sie sollte ursprünglich ein Oneshot werden, doch ist so ausgeartet, dass ich einen Twoshot daraus machen musste.
Und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen des ersten Teils!
Eure Silverblue


I



Als er ihn zum ersten Mal wiedersieht, ist es nicht mehr Sommer.
Nein, diesmal ist es Winter; Ende November, fast Dezember. Draußen ist es nicht warm und sonnig, sondern kalt, der Wind heult und der Regen prasselt gegen die Fenster der großen Halle, in der die Gala der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit stattfindet. Und er, Gellert, trägt das Gesicht von jemand anderem.
Er bemerkt Albus‘ Anwesenheit sofort, als dieser den Raum betritt; spürt die Aura der Magie, die er ausstrahlt, noch ehe er ihn sieht, wie er dort steht und interessiert die vielen verschiedenen Menschen beobachtet. Gellert versucht, ihn so unauffällig wie es nur geht, anzusehen. Er betrachtet die Gesichtszüge, die so vertraut und doch so fremd sind; die über die ganzen Jahre hinweg nichts an ihrer Schönheit eingebüßt, sondern eher noch an ihr dazugewonnen haben. Er mustert seinen unscheinbaren dunkelblauen Anzug, seine Hand, die ein Glas Feuerwhiskey hält – dieselbe Hand, auf deren Innenfläche sich, wie Gellert weiß, eine schmale weiße Narbe befindet – , seine kurzen dunkelbraunen Haare, die im Schein der vielen Lampen in der Halle rötlich-golden schimmern, und die weicher, viel weicher sind als sie aussehen.
Er sollte es nicht tun, das weiß er ganz genau. Es ist gefährlich und ein vollkommen unnötiges Risiko. Aber er kann nicht anders, kann sich nicht zurückhalten – seine Füße scheinen sich wie von selbst zu ihm hin zu bewegen, als ginge von ihm eine Magnetkraft aus, der er sich nicht entziehen kann. Der Anhänger, der unter seiner Kleidung versteckt an seiner Brust ruht, scheint aufzuglühen und zu pulsieren, lässt ihn noch zügiger, noch zielstrebiger auf ihn zugehen.
Albus ist mittlerweile ganz in die Musterung seines Glases versunken und scheint ihn nicht zu bemerken. Erst als er direkt vor ihm steht, schaut er auf und seine Augen blicken das erste Mal seit vielen Jahren wieder in seine.


***



Seine Augen waren von einem durchdringenderen Blau, als Gellert es je gesehen hatte. Sie erinnerten ihn an den klaren Himmel über den österreichischen Alpen, an den funkelnden blauen Bergsee, in dessen Nähe er aufgewachsen war. Alleine in die Augen dieses unbekannten Jungen zu schauen gab ihm das Gefühl von Ruhe; das Gefühl, angekommen zu sein.
„Nun, mein Junge, willst du dich nicht vorstellen?“ In Tante Bathildas Stimme lag ein leicht tadelnder Unterton und ihm wurde bewusst, dass er den anderen schon eine ganze Weile lang nur stumm angesehen haben musste, denn in dessen Zügen zeichnete sich nun leichte Verunsicherung ab.
„Verzeihung“, sagte er rasch und hielt dem anderen seine Hand hin. „Ich bin Gellert. Gellert Grindelwald.“


***



Seine Hand in seiner ist warm und weich, wie damals; seine Stimme noch genauso ruhig und sanft wie er sie in Erinnerung hat. Alleine sie zu hören gibt Gellert das altbekannte Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit.
„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. …?“
„Gr-Graves“, erwidert Gellert hastig. „Percival Graves. Auror, und Direktor der Magischen Sicherheit. Mich freut es ebenfalls, sehr sogar. Ich lese regelmäßig Ihre Artikel in der Verwandlung heute und muss sagen, sie begeistern mich jedes Mal aufs Neue.“
Albus‘ Lächeln vertieft sich. „Vielen Dank. Ich gebe mir Mühe.“
Einige Momente schauen sie sich nur gegenseitig an. Dann bemerkt Gellert mit einem Ruck, dass ihre Hände immer noch miteinander verschränkt sind. Albus scheint es ebenfalls aufgefallen sein, denn sie ziehen beide gleichzeitig ihren Arm zurück.
„Verzeihung“, murmelt Gellert, doch Albus schüttelt den Kopf – er wirkt leicht verlegen, scheint sogar ein bisschen zu erröten. Und plötzlich wird Gellert wieder bewusst, dass er nicht wie er selbst aussieht; dass Albus sich in dem Glauben befindet, er sei dieser Auror – und eine Welle des Hasses gegen den echten Graves überkommt ihn, lässt ihn die Hand, die sich in der Tasche seines Jacketts befindet, zur Faust ballen; und er muss sich zusammenreißen, muss sich davon abhalten, sofort zu dem Versteck zu apparieren, wo er ihn gefangen hält; er darf sich nichts anmerken lassen, muss sein Lächeln aufrechterhalten, auch wenn ihm das Blut in den Ohren rauscht und der Drang, den schmutzigen Auror zu bestrafen, immer stärker wird …
„Verwandlung war immer schon eines der Fächer, das mich am meisten faszinierte“, fährt Albus unterdessen fort, als hätte sie nichts unterbrochen. „Ich hätte es sehr gerne unterrichtet.“
„Ah ja, Sie sind Lehrer, nicht wahr? An der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei? Die Schule in Großbritannien?“
„Genau. Ich bin dort selbst zur Schule gegangen und muss sagen, ich habe Hogwarts wirklich ins Herz geschlossen. An einer anderen Schule zu unterrichten kam für mich nie in Frage.“
„Welches Fach unterrichten Sie denn, wenn nicht Verwandlung?“
„Verteidigung gegen die dunklen Künste“, erwidert Albus. „Es macht Spaß, keine Frage … aber ich glaube, Verwandlung zu unterrichten wäre mir lieber gewesen.“
Gellert muss sich zwingen, ein abfälliges Schnauben zu unterdrücken. „Und Ihnen gefällt die Arbeit? Verzeihung … ich muss zugeben, da ich all Ihre Artikel verfolgt habe, halte ich Sie, was das Unterrichten angeht, für deutlich überqualifiziert. Mir scheint, ein Geist Ihres Kalibers könnte sich an einer Schule wie dieser sehr schnell langweilen …“
Albus lacht. „Oh, es ist alles andere als langweilig, glauben Sie mir. Es ist sehr abwechslungsreich. Ich finde es faszinierend, junge Menschen auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens begleiten und unterstützen zu können. Nein, ich glaube, ich bin genau da, wo ich hingehöre.“
Gellert unterdrückt das Bedürfnis, ihm heftig zu widersprechen, und nickt stattdessen kurz. „Das freut mich für Sie.“
Albus lächelt ihn dankbar an, und wieder tritt Schweigen ein, in dem sie sich nur gegenseitig in die Augen sehen.
Schließlich räuspert sich Albus verlegen. „Und Sie? Gefällt Ihnen Ihre Arbeit als Auror? Sie muss mit viel Gefahr und Gewalt verbunden sein, nicht wahr?“
„Das ist sie“, sagt Gellert. „Aber an die Gefahr bin ich mittlerweile gewöhnt, und was die Gewalt angeht … nun ja. Ich bin immer der Überzeugung gewesen, dass es in manchen Fällen durchaus gerechtfertigt ist, sie einzusetzen – aber dann auch nur die Gewalt, die notwendig ist, und nicht mehr.“
Nur für den Bruchteil einer Sekunde zögert Albus. Dann neigt er mit einem höflichen Lächeln den Kopf und wechselt das Thema.
Das Gespräch zwischen ihnen verläuft fließend und unangestrengt, wie schon damals, in jenen goldenen Monaten. Fast wünscht sich Gellert, er könne einfach vergessen, mit wem genau er hier gerade redet – dass Albus sein Feind ist; derjenige, der seiner Sache am allermeisten im Weg steht … aber das kann er nicht, das darf er nicht. Er darf sein Ziel nicht aus den Augen verlieren … selbst, wenn ihn diese strahlend blauen Augen förmlich dazu zwingen wollen. Die Revolution ist wichtiger als seine persönlichen Angelegenheiten mit Albus, und er wird tun müssen, was in seiner Macht steht, um ihren Erfolg zu sichern.
Ein Teil von ihm hasst sich dafür, dass er sich offensichtlich immer noch so leicht – viel zu leicht – von seiner Sache ablenken lässt, wenn es um Albus geht, und trotzdem … mit ihm zu reden ist so einfach, so tröstlich. So natürlich wie das Atmen es ist. Das Gefühl, verstanden zu werden, wirklich und wahrhaftig verstanden zu werden, ist eines, das nur Albus ihm geben kann, und eines, nach dem er sich in all den Jahren immer wieder so sehr gesehnt hat. Er weiß nicht, wie lange sie reden – es fühlt sich gerade einmal an wie ein paar Minuten, und trotzdem muss es länger gewesen sein, denn vor den Fenstern ist es plötzlich stockdunkel – doch irgendwann kommt das Gespräch unweigerlich auf die „mysteriöse Erscheinung“, die New York seit wenigen Wochen terrorisiert.
„Ich hoffe, es musste bisher niemand durch es sterben“, sagt Albus und Gellert kann nicht anders als leise zu lachen. „Sterben wir nicht alle ein wenig?“


***



Gellert hatte sich noch nie so über eine neue Bekanntschaft gefreut, wie er es jetzt tat.
Albus wusste von den Heiligtümern; nein, mehr noch – er glaubte an ihre Existenz! Er war der erste Mensch, dem Gellert begegnet war, der ein genauso großes Interesse an ihnen hatte wie er selbst. Nach kürzester Zeit verbrachten sie fast jeden Tag miteinander. Es war faszinierend, mit Albus zu diskutieren – sein Verstand mochte so scharf wie sein eigener sein, aber er hatte dennoch eine andere Art, zu denken und zu analysieren, eröffnete ihm immer neue Sichtweisen; neue Möglichkeiten, um an das gewünschte Ergebnis zu kommen. Es war so erfüllend, mit jemandem reden zu können, der einen verstand, so vollkommen verstand, und bald schon war Gellert fast süchtig nach Albus‘ Gesellschaft, fühlte sich einsam und unvollständig in den wenigen Stunden, in denen sie nicht zusammen waren.
Drei Tage nachdem sie sich kennengelernt hatten, saßen sie gemeinsam am Grab von Ignotus Peverell und blätterten durch die Notizen, die sich der jeweils andere zu den Heiligtümern gemacht hatte, als Albus auf einmal das Wort ergriff.
„Der Stein ist von allen dreien irgendwie das seltsamste Objekt, findest du nicht?“
Gellert schaute auf. „Wieso?“
„Na ja …“, Albus strich sich eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn und seine ohnehin schon leuchtend blauen Augen schienen noch mehr zu strahlen, als sie in seine eigenen sahen, „ … überleg mal. Überall liest und hört man, dass Magie ihre Grenze erreicht, wenn es darum geht, jemanden wieder zum Leben zu erwecken. Dass man niemanden mit Magie von den Toten zurückholen kann. Und doch tut der Stein ja genau das.“
„Hm …“ Einen Moment lang verlor Gellert sich in der Betrachtung von Albus‘ Augen und Lippen, dann schüttelte er den Kopf, um sich wieder zu sammeln. „Du holst sie nicht wirklich zurück, Al. Erinnere dich an das Märchen. Was der Stein hervorbringt, sind Wesen, die trotzdem nicht mehr lebendig sind. Wie Geister … oder Inferi.“
Albus runzelte die Stirn. „Inferi? Wie kommst du denn ausgerechnet darauf? Aber nein, wirklich lebendig macht der Stein Verstorbene nicht, das weiß ich. Aber er holt eine verstorbene Seele – oder zumindest einen Teil oder ein Abbild davon – aus der nächsten Welt zurück. Der Verstorbene existiert also in irgendeiner Form wieder, und das soll ja nach allgemeiner Meinung unmöglich sein.“
„Es gibt nichts Unmögliches“, sagte Gellert zuversichtlich. „Das sind nur die Ausreden derer, die zu untalentiert und unbegabt waren, es selbst zu schaffen. Manche Dinge können nur durch außergewöhnliche Magier erreicht werden, und von dieser Sorte gibt es nun einmal nicht so viele. Die Peverells waren solche … und du und ich sind es.“
Eine leichte Röte legte sich über Albus‘ Wangen und Gellert spürte den Drang, die Hand auszustrecken, seine Finger über die warme, weiche Haut gleiten zu lassen –
„Trotzdem“, murmelte Albus, fast wie zu sich selbst. „Angenommen, wir würden den Stein haben und ihn benutzen … dann wären wir von Menschen umgeben, die eigentlich längst gestorben sind, und die Vorstellung finde ich seltsam …“
„Warum?“ Gellert ließ seinen Blick über die sie umgebenden Grabsteine gleiten. „Ich fände es interessant, sie kennenzulernen. Und sind wir denn wirklich lebendig? Wir, die sich mit jedem Tag Leben ein Stück mehr dem eigenen Tod nähern?“
Albus verfiel in Schweigen, schien über Gellerts Worte nachzudenken. „Wenn man es so betrachtet, hast du Recht“, sagte er schließlich. „Ja, es stimmt, das Leben läuft im Endeffekt immer auf den Tod hinaus. So gesehen … sterben wir sozusagen alle ein wenig.“
Gellerts Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln, während er sich diese Formulierung, diese elegante, kluge Formulierung, wieder und wieder durch den Kopf gehen ließ. Und ein paar Tage später, als er einen Zauber ausprobieren wollte und Albus verzweifelt versuchte, ihn davon abzuhalten – „Hier steht, dass man, wenn man etwas falsch macht, sterben könnte, Gellert!“ –  , lachte er, zog Albus das Buch weg, klappte es zu und flüsterte ihm ins Ohr:
„Sterben wir nicht alle ein wenig?“


***



Er wird sich erst bewusst, was er da gerade gesagt hat, als der Blick von diesen wunderschönen blauen Augen plötzlich aufmerksam, forschend wird.
„Entschuldigen Sie mich, mir ist gerade eingefallen, dass ich vergessen habe, etwas Wichtiges zu erledigen“, sagt er in Graves‘ fremd klingender Stimme, dreht sich um und verlässt zügig den Raum, Albus‘ Blick immer noch in seinem Nacken spürend.
Wie hat er nur so dumm sein können, ihn anzusprechen? Wie hat er nur so leichtsinnig sein können, sich so zu offenbaren? Wie kann er sich Albus nach all dem, was er ihm angetan hat, immer noch so vollkommen öffnen, dass er vergisst, auf seine Worte zu achten? Es hat nur Albus‘ bloße körperliche Anwesenheit gebraucht, um ihn prompt alle Vorsicht in den Wind schießen zu lassen; allein um mit ihm reden, seine Stimme wieder hören und die Wärme seiner Hand wieder fühlen zu können – und das hat ihn einen hohen Preis gekostet. Er hat sich mit diesen Worten verraten, da ist er sich sicher. Vielleicht ist Albus ihm noch nicht ganz auf der Spur, aber mit Sicherheit schon auf dem Weg dorthin. Er ist zu intelligent, als dass es ihm entgehen wird.
Und so ist es keine Überraschung für ihn, als er knapp zwei Wochen später gefasst wird; gefasst von einem Mann, der einen Koffer voller magischer Tierwesen mit sich nach New York gebracht hat, und der so offensichtlich von Albus höchstpersönlich geschickt worden ist. Gellert kann sich nicht zurückhalten, die Worte, seinen Fehler noch einmal zu äußern, nur dass sich diesmal Verwirrung statt Vorahnung auf dem Gesicht seines Gegenübers ausbreitet … Sterben wir nicht alle ein wenig?
Er wehrt sich nicht gegen die Auroren, die ihn daraufhin abführen, lässt sich von ihnen widerstandslos in eine Zelle bringen, ohne auch nur zu versuchen, sich loszureißen und zu fliehen. Erst als sie ihm den silbernen Anhänger wegnehmen, schlägt und tritt er wild und panisch um sich; schreit und brüllt sich die Seele aus dem Leib, als würde er unter dem Cruciatus-Fluch stehen – „Nein! Nein! Al! Al!“doch sie lachen nur, bevor sie ihn fesseln und in dem dunklen engen Raum einsperren, die schwere Eisentür zuschlagen und seinen letzten Schrei ungehört verhallen lassen.
Albus!“


***



Albus‘ Magie und sein genialer, wunderschöner Intellekt raubten ihm immer wieder aufs Neue den Atem – genau genommen raubte ihm alles an dem anderen Jungen den Atem. Das tiefe Blau seiner Augen, sein glänzendes Haar, seine Stimme, das Gefühl seiner warmen Haut unter seinen Fingerspitzen, die Form und Farbe seine Lippen, die er mittlerweile in- und auswendig kannte, so oft wie er sie betrachtet hatte …
Noch nie war Gellert jemals so von einem anderen Menschen fasziniert gewesen; noch nie hatte er eine solche starke Bindung gespürt; einen solchen Drang, einen anderen Menschen unbedingt an seiner Seite zu behalten – im Gegenteil: er war immer zufriedener, glücklicher gewesen, wenn er alleine gewesen war. Aber jetzt? Innerhalb von noch nicht einmal einer Woche hatte Albus alles auf den Kopf gestellt.
Albus musste ihm gehören. Er durfte ihn nicht verlieren. Niemals. Nicht nur, weil sie zusammen unbezwingbar sein würden, sondern weil er ihm auch sonst zu wichtig war, als dass er sich ein Leben ohne ihn noch vorstellen könnte. Kein anderer würde ihm je die Ruhe und die Sicherheit geben können, die Albus ihm gab. Kein anderer besaß diese Wärme, dieses Verständnis. Kein anderer faszinierte ihn jeden Tag immer wieder aufs Neue.
Keinen anderen Menschen auf der Welt liebte er so sehr wie diesen Jungen, der neben ihm im Gras lag; dessen Hand sich so dicht an seiner eigenen befand, dass er ihre Wärme spüren konnte; dessen Haar so berauschend nach Büchern, frischem Pergament und Zitrone duftete, dass Gellert am liebsten für immer sein Gesicht darin vergraben würde.
Als er das erste Mal seine Lippen auf Albus‘ legte, ihn hinunter ins Gras drückte und spürte, wie der Körper des anderen Jungen unter ihm langsam nachgab, seine Umarmung und schließlich auch seine Küsse zögerlich erwiderte, flammte Triumph in Gellert auf; Triumph und Liebe. Liebe, in einer Form, wie er sie noch nie gespürt hatte; Liebe, die sein Inneres in Brand zu setzen schien und seine Sinne rauschen ließ – Albus gehörte ihm, Albus Dumbledore gehörte endlich vollständig und vollkommen ihm, ihm allein.
Er musste dafür sorgen, dass es auch so bleiben würde. Für immer.


***



Seine Finger schließen sich fest um den silbernen Anhänger. Monatelang ist er von ihm getrennt gewesen, doch nun ist die Spur von Wärme, die von ihm ausgeht, endlich wieder zurück. Ihn bei sich zu tragen, ist riskant, das weiß er – er könnte leicht verlorengehen, ihm leicht abgenommen oder gestohlen werden. Aber er hat keine andere Wahl. Er hat schon einmal versucht, ihn an einem sicheren Ort zu verwahren und ohne ihn herumzureisen, aber er hat es keinen Tag ausgehalten. Er braucht dieses Stück, dieses eine winzige Stück, das er noch von ihm hat. Er braucht den Beweis dafür, dass es vor so langer Zeit wirklich geschehen ist; dass Albus‘ Blut durch seine und Gellerts Blut durch Albus‘ Adern fließt – dass sie verheiratet sind, wie sie damals gescherzt haben.
Wenn er die Augen schließt und sich in sein Innerstes zurückzieht, kann er die weit entfernte Wärme von Albus‘ Präsenz auch spüren, ohne den Anhänger bei sich zu haben … doch dann fühlt er auch die Distanz; die Mauer, die Albus schützend um sich herum aufgebaut hat, um sich von Gellerts Geist abzuschirmen. Gellert hasst dieses Gefühl, diese Erinnerung an Albus‘ Verrat. Der Anhänger ist verlässlicher, tröstender. Er trägt nur den Albus von damals in sich; den Jungen, der ihm treu gewesen ist, ihm überallhin gefolgt ist.


***



„Gellert? Gellert, was ist los?“
Eine sanfte Berührung an seiner Wange ließ ihn seinen Kopf drehen und hinabschauen, hinabschauen in dieselben verblüffend blauen Augen, die eben noch ausdruckslos ins Leere gestarrt hatten. Er konnte nichts erwidern, atmete immer noch schwer, die Hand gegen seine schmerzende Schläfe gepresst.
Albus richtete sich auf, stützte sich mit einer Hand auf der Matratze ab und strich ihm mit der anderen sachte eine lockige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Hattest du wieder eine Vision?“
Gellert griff nach seiner Hand, umklammerte sie fest in seiner. „Wir … wir hatten Streit…“, flüsterte er. „Du … du warst … du warst tot!
Albus sah ihn verständnislos an. „ … Also …“, sagte er langsam, „noch einmal ganz von vorne. Wir beide haben uns gestritten, und dann …“
Gellert schüttelte den Kopf. „Nicht nur wir beide! Aberforth und Ariana waren auch da … und überall sind Flüche umhergeflogen, dann gab es eine Art Explosion und …“ Er brach ab und schüttelte nochmals heftig den Kopf. „Ich hatte diese Vision schon öfter, und immer ist jemand am Ende gestorben, und diesmal … diesmal …“ Er verbarg den Kopf in seinen Händen. „Ich … ich werde dich töten, Albus!“
„Gellert“, sagte Albus, und die Ruhe und Sicherheit, die er ausstrahlte, umfing Gellert, wie schon so oft, besänftigte ihn, ließ ihn wieder klarer sehen – wie sollte er ohne ihn jemals leben können – , „das hättest du doch gar nicht tun können. Wir haben doch das hier.“ Er zog den silbernen Anhänger, der um seinen Hals hing, hervor.
Gellert starrte ihn an. Der Blutpakt … Albus hatte Recht … und dennoch, da war auch noch dieser Streit gewesen …
Er packte den anderen fest an den Schultern. „Du musst immer bei mir bleiben, egal was kommt!“, verlangte er. „Al, du darfst mich nie verlassen, hast du verstanden? Nie!“
Albus schüttelte den Kopf und zog ihn behutsam in seine Arme. „Natürlich werde ich das nicht tun“, sagte er ernst. „Ich werde dich nicht verlassen, Gellert.“
„Egal was kommt?“
Er spürte, wie Albus nickte. „Egal was kommt.“


***



Lügner!
Albus hat ihn verraten, sobald er die erste Gelegenheit dazu gehabt hat! Er hat sich, ohne zu zögern, dafür entschieden, einen lächerlichen Unfall über ihn, über ihre Mission zu stellen; sich von ihm abgewandt, als hätten sie sich nie gekannt, nie geliebt. Alle seine Versprechen, die er ihm jemals gegeben hat, sind von jetzt auf gleich nichts mehr wert gewesen – Gellert ist ihm nichts mehr wert gewesen. Und jetzt … jetzt steht Gellert hier in der Pariser Wohnung, allein, und Albus … Albus, feige wie er ist, versteckt sich in einer Schule und verschwendet seine Talente darauf, einfältigen Kindern beizubringen, wie man einen Zauberstab richtig hält. Gellert hätte ihm alles gegeben, er hätte ihm die Welt gegeben! Er hätte alle seine Versprechen eingehalten, alles mit ihm geteilt – und er würde es immer noch! Obwohl Albus ihn so verraten, ihn so hintergangen hat, würde er ihn immer noch mit offenen Armen empfangen, würde er zu ihm zurückkommen!
Er hasst sich dafür, dass er sich immer noch so sehr mit ihm verbunden fühlt, immer noch so viel Liebe und Respekt für einen Mann empfindet, der nichts anderes getan hat als ihn zu verraten, zu hintergehen, seine Pläne zu vereiteln – dieselben Pläne, die einmal ihre gemeinsamen gewesen sind, denkt Gellert verbittert, und die er nun verleugnet, genau wie er ihn verleugnet, und stattdessen seine Wärme und seine Zuneigung – die Gellert und nur Gellert gehören sollten! – lieber einem wildfremden Auror oder einem verrückten Tierliebhaber widmet.
Wütend ballt Gellert die Hand zur Faust. Albus hat kein Recht, kein Recht, jemand anderen als Gellert zu lieben! Er gehört nirgendwo anders hin als an seine Seite! Er gehört ihm, ihm allein! Und Scamander … nun ja, Graves hat schon erfahren, was denjenigen passiert, die versuchen, ihm Albus wegzunehmen, und er wird es sehr bald auch noch lernen – er wird sich schon sehr bald wünschen, dass er niemals geboren worden wäre.
Die Flammen, die Gellert aus dem Elderstab hervorbrechen lässt, um seine Feinde von sich selbst und Scamander ein für alle Mal von Albus fernzuhalten, sind blau; blau und eiskalt.


***



Die Flammen, die Albus im Kamin seines Schlafzimmers entfachte, waren von einem leuchtenden Orange. Während sie auf Albus‘ Bett gesessen und über ihre Pläne und die Heiligtümer diskutiert hatten, war es, ohne dass sie es bemerkt hatten, Nacht geworden, und die Luft draußen so sehr abgekühlt, dass Gellert schon bald zu frieren begonnen hatte. Nun saß er dort auf Albus‘ Bett und konnte nichts anderes tun als die tanzenden Flammen im Kamin anzustarren, fasziniert davon, wie sie knisterten, loderten und das Zimmer augenblicklich wärmer, gemütlicher und freundlicher werden und die ringsherum ausgebreiteten Pergamentbögen mit ihren Notizen darauf in einem sanften Gold leuchten ließen.
Eine warme Hand schloss sich um seine. „Besser?“
„Viel besser.“ Gedankenverloren streckte er die andere Hand aus, ließ seine Finger durch Albus‘ dunkelbraunes Haar gleiten. „Deine Haare glänzen immer so schön rotgolden, wenn Licht darauf fällt. Fast wie … wie die Federn eines Phönix.“
Albus lachte verlegen und seine strahlend blauen Augen funkelten. „Vielleicht liegt das daran, dass es in meiner Familie wirklich einen alten Mythos gibt, der mit dem Phönix verbunden ist.“
Gellert zog ihn an sich, um seine Wärme noch besser spüren zu können. „Tatsächlich?“
„Ja.“ Albus lehnte den Kopf gegen seine Brust. „Es heißt, dass jedem Dumbledore, der sich in höchster Not befindet, ein Phönix erscheinen wird.“
„Hm“, machte Gellert, schloss die Augen und stellte sich Albus mit einem Phönix auf der Schulter vor. Zu ihm passen würde es perfekt. „Wie würdest du ihn nennen? Den Phönix?“
Albus‘ Daumen streichelte nachdenklich über seinen Handrücken, während er überlegte. „Also zuallererst hoffe ich natürlich, dass ich nie einen bekommen werde, in Anbetracht dessen, dass sie nur in höchster Not auftauchen sollen. Aber wenn doch … dann würde ich ihn Fawkes nennen.“
Gellert runzelte die Stirn. „Fawkes? Wieso Fawkes?“
„Nach Guy Fawkes“, erwiderte Albus. „Kennst du seine Geschichte?“
Gellert schüttelte den Kopf.
„Guy Fawkes war ein Muggel, der vor ungefähr zweihundert Jahren hier in England lebte“, erklärte Albus. „Er gehörte einer Gruppe an, die wegen ihrer abweichenden religiösen Überzeugung von der damaligen Muggelregierung verfolgt wurde, und um sich von dieser Verfolgung und Unterdrückung zu befreien, versuchte er, das Regime zu stürzen.“ Albus richtete sich halb auf und sah Gellert direkt in die Augen. „Der Revolutionsversuch misslang zwar und er wurde hingerichtet … aber sein Mut hat mich sehr beeindruckt und ich bewundere ihn dennoch sehr.“
„Hm.“ Gellert hatte, während Albus geredet hatte, die Hand ausgestreckt und fuhr nun mit seinen Fingerspitzen sanft über dessen Wange. Albus‘ Augen schlossen sich wie von selbst, und er lehnte sich in die Berührung, atmete leicht zittrig aus. „Weißt du …“, fuhr er nun leiser fort, „in gewissem Maße erinnert mich seine Herangehensweise an die Revolution an dich.“
„Wirklich?“
„Ja. Du wärest auch jemand, der ohne Weiteres versuchen würde, das Zaubereiministerium in die Luft zu sprengen.“
Gellert fühlte, wie seine Lippen sich zu einem Lächeln verzogen. „Aber mir würde es nicht misslingen.“
Albus lachte. „Doch, das würde es. Du bist viel zu theatralisch in deinen Plänen und Vorgehensweisen, als dass sie dich nicht erwischen würden.“
„ … Vielleicht“, lenkte Gellert ein und nun hielt er Albus‘ Gesicht in beiden Händen, zog ihn näher zu sich heran. „Aber ich habe ja dich. Du wirst schon dafür sorgen, dass ich nicht wie Guy Fawkes ende, oder?“
„Ja“, murmelte Albus und nun waren sie einander so nahe, dass er seinen Atem auf seinen Lippen spüren konnte. „Ja, das werde ich.“
„Zusammen?“, wisperte Gellert, und mehr als dieses eine Wort musste er nicht sagen; Albus verstand auch so, was er meinte.
„Immer“, erwiderte er, und im nächsten Moment lagen seine Lippen auf seinen, entfachten in ihm ein Feuer, das dem dort drüben im Kamin nicht unähnlich war; Albus war noch nicht nahe genug, er wollte mehr, er wollte sich in ihm verlieren, so viel von seiner Wärme mitnehmen, wie er kriegen konnte, ihn noch mehr zu seinem Eigen machen, als er es ohnehin schon war. Er küsste Albus so heftig, wie er ihn noch nie zuvor geküsst hatte, seine Hand fuhr durch sein weiches, glänzendes Haar, seine Brust hinab und schließlich unter den Stoff seines Leinenhemdes, während seine andere Hand sich auf Albus‘ Schulter legte und ihn sanft, aber nachdrücklich in die Kissen hinunterdrückte.
Der andere Junge keuchte in den Kuss hinein, sein Körper zitterte leicht unter den tastenden Berührungen von Gellerts Hand, und Gellert löste sich angestrengt von ihm – musste es tun, ehe er sich nicht mehr würde zurückhalten können, ehe er völlig die Kontrolle verlieren würde –  stützte sich auf einer Hand ab und schaute auf ihn hinab.
Albus‘ Brust hob und senkte sich rasch und er konnte Unsicherheit und leichte Angst in seinen Zügen sehen, angesichts dessen, was sie so offensichtlich gleich tun würden – aber sie war gering, so gering im Vergleich zu der unermesslich tiefen Liebe, die in seinen wunderschönen blauen Augen loderte. Er strich mit einer Hand sanft eine verirrte lockige Haarsträhne aus Gellerts Gesicht und schaute ihn einfach nur an, ruhig und fest, und Gellert spürte, wie Stück für Stück die Anspannung aus dem Körper unter ihm wich, er sich ihm mehr und mehr vollends hingab.
„Vertraust du mir?“, flüsterte Gellert.
Albus atmete kaum hörbar aus, legte eine Hand in Gellerts Nacken und zog ihn zu sich hinunter.
„Immer.“


***



Fawkes – so hat Aurelius den Phönix auf Gellerts Vorschlag hin genannt.
Gellert hat sich nicht zurückhalten können – wie auch, wenn dieses wunderschöne Wesen ihn so sehr an Albus erinnert, dass es wehtut? Sein Blick ist aufmerksam und durchdringend, genau wie Albus‘ es gewesen ist, als Gellert sich damals in New York auf der Gala verraten hat – hat der Vogel seine vorherige Lüge etwa durchschaut? – und er strahlt dieselbe sengende Hitze aus, die auch von Albus ausgegangen ist, in den wenigen Momenten, in denen er ihn aufgebracht erlebt hat. Und die Farbe seiner Federn … für einen kurzen Augenblick sieht Gellert wieder Albus’ im Feuerschein schimmerndes Haar vor sich.
Albus ..
Für einen kurzen Moment scheint er wieder zurück in New York zu sein, und in die funkelnden blauen Augen zu sehen. Er lässt sich in einem der beiden Sessel sinken, die an dem großen Fenster seines Gemachs stehen, nieder und blickt in den anderen, leeren Sessel ihm gegenüber, stellt sich vor, Albus würde dort sitzen, ihn anlächeln mit diesem Lächeln, das Gellert so gemocht hat, seine Hand auf seine legen und ihm sagen, dass alles gut werden wird. Er ist der Einzige gewesen, dem Gellert das je geglaubt hat.
Warum? Warum nur hat er ihn so verraten? Er hat gesagt, er würde ihn nie verlassen … und doch hat er es. Gellert hat ihm vertraut und er? Er hat all seine Versprechen gebrochen, die er Gellert je gegeben hat, hat ihn und ihre gemeinsame Zukunft fallen gelassen, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Er hat Gellert gehen lassen, ohne ihm zu folgen; ihm und ihren ganzen Plänen den Rücken zugekehrt, um sich ihren ursprünglich gemeinsamen Feinden anzuschließen. Hat ihn gezwungen, jetzt hier zu stehen, alleine und mit einem Plan, der in Albus‘ Tod enden wird.
Dabei sollte Albus doch hier sein; hier bei ihm in Nurmengard. Er sollte ihm gegenübersitzen, ein Buch lesen, mit ihm reden oder ihn einfach nur anschauen. Er sollte mit ihm das große Bett dort hinten teilen, nachts in seinen Armen liegen und morgens neben ihm aufwachen. Er gehört hierhin, an Gellerts Seite.
Wie von selbst fährt bewegt sich Gellerts Hand an seine Brust, tastet nach dem Anhänger, nur um die vertraute Spur von Wärme noch einmal zu spüren …
… doch er ist nicht da.
Was …
Sofort ist Gellert auf den Beinen, tastet nochmals danach, mit plötzlich zitternden Fingern … bitte lass ihn nur verrutscht sein … bitte
– nichts, er fühlt ihn nicht mehr, er fühlt ihn nicht mehr –
„Nein …“
Er reißt sich die Weste so heftig vom Leib, dass sie zerreißt und die Knöpfe in alle Richtungen davonfliegen – nichts; er findet sie nicht mehr, Kette und Anhänger sind verschwunden …
„NEIN!“
verschwunden, das letzte Stück, das er noch von diesem Sommer, von Albus besessen hat, ist weg, fort –
Und er lässt den Elderstab sprechen, peitscht ihn durch die Luft, reißt alles, was sich im Raum befindet, auseinander, obwohl er genau weiß, dass es nichts nützen wird, dass es umsonst ist … dass er ihn verloren hat … wie kann er ihn nur – er muss gestohlen worden sein, das weiß er, irgendjemand muss ihn gestohlen haben – nur wer …?
… Scamander.
Er war es, das spürt er, das weiß er … es war dieser jämmerliche schwache Idiot, der ihn ihm weggenommen hat … der ihm Albus weggenommen hat …
Wie aus weiter Ferne hört er, wie Glas zersplittert und jemand schreit, brüllt – „SCAMANDER!“ – vielleicht ist es er selbst, vielleicht jemand anderes, er weiß es nicht und es interessiert ihn auch nicht; in seinen Ohren rauscht es, während bruchstückhaft Erinnerungen an seinem geistigen Auge vorbeiziehen: Albus, wie er lacht; Albus‘ Hand, die in seiner liegt; Albus‘ nervöser Blick und dann das Gefühl seiner weichen Lippen auf seinen eigenen; Albus, wie er in der dämmrigen Scheune seine blutende Handfläche gegen Gellerts presst und mit leicht zitternder Stimme sein Treuegelöbnis aufsagt; Albus, wie er ihn auf der Gala in New York anlächelt …
… und Hass durchströmt ihn; Hass auf den Mann, der ihm nicht nur Albus, sondern nun auch seine letzte Erinnerung an ihn weggenommen hat; Hass, der so stark ist wie er es gegen die letzte Person gewesen ist, die versucht hat, ihm Albus wegzunehmen; damals, an jenem schrecklichen Tag …


***



Gellert hätte dem dummen Ziegenknaben schon längst eine Lektion erteilt, aber bisher hatte er sich, wenn auch nur Albus zuliebe, immer zurückhalten können. Doch jetzt … jetzt fiel es ihm immer und immer schwerer.
„Du Narr!“, sagte er laut. „Du willst einfach nicht verstehen, dass wir das auch für Ariana tun, oder? Deine arme Schwester wird überhaupt nicht mehr versteckt werden müssen, wenn wir einmal die Welt verändert und die Zauberer aus dem Untergrund geführt haben! Aber das willst du ja nicht sehen, oder?“ Er lachte verächtlich. „Wie dumm du doch bist! Nichts als ein dummer kleiner Junge, der versucht, sich mir und seinem viel klügeren und weiseren Bruder in den Weg zu stellen! Willst du das wirklich? Überleg‘ es dir genau!“
„Gellert, bitte …“, sagte Albus, doch Aberforth unterbrach ihn.
In den Weg stellen! Hörst du nicht, wie er redet, Albus? Er ist völlig durchgeknallt!“
„Sag das noch mal!“, rief Gellert zornig und in der gegenüberliegenden Ecke zersprang eine Vase in tausend Scherben. „Sag das noch mal, und – “
Aberforth lachte spöttisch. „Und was? Was wirst du dann machen, Grindelwald? Hm? Zeig mir doch, was du dann machen wirst … du Irrer!“
Gellerts ganzer Körper zitterte vor Wut. Hass durchströmte ihn, wie noch nie zuvor in seinem Leben; Hass auf diesen Jungen, der nicht nur Albus, sondern auch noch ihre gemeinsamen Pläne, ihre Revolution, ihn selbst angriff.
„Hört auf!“ Albus versuchte, sich zwischen sie zu schieben. „Hört sofort auf, alle beide!“
„Willst du mich etwa herausfordern, Dumbledore?“, brüllte Gellert und schubste Albus unwirsch zur Seite.
„Ja, eigentlich schon!“, entgegnete Aberforth nicht minder wütend, und zückte seinen Zauberstab.
Blitzschnell hatte Gellert den seinen in der Hand, den Zauberspruch schon auf der Zunge.
„Crucio!“
Augenblicklich fiel Aberforth zu Boden und schrie, schrie aus vollem Halse, während er sich vor Schmerzen zusammenkrümmte und zuckte, und Gellert verzog die Lippen zu einem zufriedenen Lächeln, sog es alles in sich auf, denn das hatte er sich gewünscht, schon so lange gewünscht; diesem dummen, einfältigen Kind zeigen zu können, was denjenigen passierte, die ihn beleidigten, die es wagten, sich ihm zu widersetzen –
„NEIN!“
Albus hatte sich neben seinem Bruder zu Boden geworfen, offenbar in dem Versuch, ihm zu helfen. „Aberforth! Ab! Nein, schrie er, so verzweifelt wie Gellert ihn noch nie erlebt hatte, nein, hör auf, Gellert, bitte, aufhören, lass es aufhören – “
Gellert runzelte die Stirn. „Er hat es verdient, Albus“, erwiderte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Das weißt du doch.“
Albus schien jetzt den Tränen nahe. „Bitte! Bitte, lass es aufhören!“
Was war denn jetzt nur auf einmal in ihn gefahren? „Al, er hat sich uns widersetzt. Er verdient es. ‚Die Gewalt einsetzen, die notwendig ist‘, weißt du noch?“
Albus schüttelte heftig den Kopf. „Nein, nein, ich wollte nicht … bitte!“, flehte er. „Es ist alles meine Schuld, oh bitte, bitte lass es aufhören – “
Was redete er da bloß? Gellert sah verständnislos auf ihn hinunter. Was war nur auf einmal mit ihm los? Aber er konnte es nicht ertragen, Albus so zu sehen und so langsam sollte Aberforth seine Lektion auch verstanden haben … und so schwang er seinen Zauberstab und der Fluch löste sich, Aberforth verstummte und blieb heftig zitternd liegen.
Gellert steckte seinen Zauberstab ein. „Lass uns gehen, Albus“, sagte er.
Doch Albus rührte sich nicht. Stattdessen sah er ihn an, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen.
„Lass uns gehen“, wiederholte Gellert ungeduldig, trat zu ihm, zog ihn auf die Beine und auf die Haustür zu.
„Ich will nicht …“, flüsterte Albus. „Ich will nicht … zwing mich nicht … lass mich los …“
Gellert starrte ihn an. Hatte er gerade richtig gehört?
Doch ehe er etwas erwidern konnte, musste er sich ducken, um einem Fluch auszuweichen, der ihn nur knapp verfehlte. Aberforth war wieder auf den Beinen, blass und zittrig, aber das Gesicht voller Wut und Entschlossenheit. Zornig zückte Gellert abermals seinen Zauberstab.
„Nein!“ Albus riss sich von ihm los und stellte sich mit ausgebreiteten Armen schützend vor Aberforth. „Tu ihnen nicht weh, Gellert, tu ihnen nicht weh!“
„Albus. Halt. Dich. Verflucht noch mal. Raus!“, knurrte Gellert und drängte ihn abermals beiseite.
Und dann ging alles ganz schnell. Er feuerte Flüche, Aberforth feuerte Flüche, Albus feuerte Flüche, um die ihren aus der Bahn zu lenken, von irgendwo her schien Arianas Stimme zu kommen … und plötzlich hatte Gellert das Gefühl, das schreckliche Gefühl, das hier schon einmal erlebt zu haben … in einem Traum? Nein, es war kein Traum gewesen … es war diese Vision, diese verdammte, fürchterliche Vision, die er so oft gehabt hatte, die immer gleich und dennoch unterschiedlich ausgegangen war, wie hatte ihm das nicht früher auffallen können … und plötzlich wusste er, was passieren würde …
Es knallte und blitzte von allen Seiten, Gellert schloss die Augen … und dann fiel etwas Schweres zu Boden.
Augenblicklich wurde es still. Gellert wagte es einen Moment lang nicht, die Augen zu öffnen, und als er es dann tat …
… konnte er im ersten Moment nichts als eine Mischung aus Erleichterung und Glück fühlen, als er sah, dass es nicht Albus‘, sondern Arianas Körper war, der dort lag, die großen blassen Augen leblos zur Decke gerichtet.


***



Gellert schlägt die Augen auf. Ohne es zu merken, ist er an der Wand hinuntergesunken und kauert nun auf dem Boden, beide zitternden Hände auf die linke Seite seiner Brust gepresst, wo eigentlich die sanfte Wärme des Anhängers sein sollte. Jetzt ist dort nur noch Kälte. Er hat ihn verloren, wie er Albus verloren hat.
Scamander … wieso hat er ihn genommen, woher weiß er davon? Hat Albus ihn beauftragt? Hat er seinem neuen Geliebten gesagt, er solle Gellert den Anhänger entwenden und zu ihm bringen? Ist dies ein weiterer Verrat von ihm? Will er nun auch noch den Anhänger, das letzte Band, was sie noch verbindet, zerstören; sie endgültig voneinander trennen?
Schwerfällig steht Gellert auf und tritt ans Fenster, schaut hinaus auf die schneebedeckten Bergspitzen der österreichischen Alpen. Er braucht einen Plan; einen Plan, um einen gewissen Mann mit einem Koffer voller Tierwesen endgültig auszuschalten. Und er wird sich nun von jetzt an ernsthaft und vollständig Aurelius‘ Ausbildung widmen.
Wenn er Albus nicht haben kann, soll niemand ihn haben können.


***



„Albus“, flüsterte er. „Albus, wo bleibst du?“
Er wusste, dass Albus ihn hören konnte. Sie hatten ihn selbst entworfen: den Deluminator, der nach außen hin wirkte wie ein normales Feuerzeug, mit dem man Lichter an- und ausschalten konnte, dessen wahre Funktion aber eine andere war: wenn ein Mensch, den der Besitzer liebte, seinen Namen sagte, würde er seine Stimme hören und mithilfe des Deluminators zu ihm apparieren können. Er hätte sozusagen als ihre Absicherung gedient: Falls sie irgendwann einmal, sei es während ihrer Reisen oder ihrer Revolution, voneinander getrennt worden wären – aus welchen Gründen auch immer – , hätte er ihnen dabei geholfen, zueinander zurückzufinden. Aber jetzt … jetzt war er schon zwei Monate von Godric’s Hollow fort, und Albus … Albus war ihm bis jetzt noch nicht gefolgt …
Gellert wusste genau, dass er den Deluminator noch hatte, dass er ihn hören konnte. Und er hatte es schon so oft versucht, wieder und wieder Albus‘ Namen gesagt, doch Albus war nie gekommen und hatte auch auf andere Weise nie geantwortet, ihm keinen Brief geschrieben, nichts. Er verstand es einfach nicht … normalerweise wäre Albus ihm doch schon längst nachgekommen. Er war ihm immer nachgekommen, in den seltenen Momenten, in denen sie sich ernsthaft gestritten hatten und Gellert sich daraufhin zurückgezogen hatte.
„Albus“, wisperte er nochmals.
Die Stille drückte auf seine Ohren und plötzlich bemerkte er, wie kalt es hier, in dem Zimmer der kleinen, heruntergekommenen Pension, in die er sich für die Nacht eingemietet hatte, war. Er zog die dünne Decke noch ein Stück höher, fast bis ans Kinn und starrte auf die leere Betthälfte neben sich; die Stelle, wo eigentlich Albus liegen sollte.
Warum? Warum kam er nicht? War er immer noch wütend auf Gellert? Gellert hatte sie beide doch nur verteidigt, das musste er doch verstehen, er war doch auch sonst immer derselben Ansicht wie er. Und das mit Ariana … das war ein Unfall gewesen. Niemand von ihnen hatte es gewollt, auch er nicht. Das konnte Albus ihm doch in keiner Weise unterstellen. Also warum …?
Gellert schloss die Augen und ließ den Kopf auf das Kissen sinken. Vielleicht würde er ja gleich da sein. Vielleicht musste er nur noch ein bisschen warten.
Er musste eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal die Augen öffnete, war es schon wieder hell vor den Fenstern … und das Zimmer immer noch leer.
Und plötzlich durchspülte ihn eine Welle von unbändigem Zorn. Dieser Junge wagte es, ihn einfach im Stich zu lassen? Ihn mit ihren gemeinsamen Plänen – den Heiligtümern, dem Größeren Wohl, einfach allem – allein zu lassen? Albus hatte kein Recht dazu, kein Recht! Er gehörte ihm, und er hatte bei ihm zu bleiben, wenn Gellert es verlangte!
Mit einem Wutschrei warf er den Stuhl um, der am Fenster stand. „Du kannst mich nicht verlassen!“, brüllte er, so laut, dass es ihm in der Kehle wehtat. „Hörst du, Albus?! Du hast es mir versprochen, versprochen!“ Er fegte eine Vase um, die zersprang und den Boden mit tausenden Scherben bedeckte.
„Du musst immer bei mir bleiben, egal was kommt! Al, du darfst mich nie verlassen, hast du verstanden? Nie!“
„Natürlich werde ich das nicht tun. Ich werde dich nicht verlassen, Gellert.“
„Egal was kommt?“
„Egal was kommt.“
„Verräter!“
Gellert stieß den kleinen Tisch, auf dem die Vase gestanden hatte, so heftig um, dass ein Bein absplitterte. „Du bist nichts weiter als ein dreckiger Verräter, Albus Dumbledore! Du hast es mir versprochen! Du … du hast mich angelogen …“
Etwas, das fast klang wie ein Schluchzer, kam ihm über die Lippen und er ließ sich schwer atmend zurück auf die Bettkante sinken. „Du kannst nicht gehen“, wiederholte er immer wieder, „du kannst nicht gehen, du darfst nicht gehen, ich erlaube es dir nicht, ich erlaube es nicht, Albus – “
Doch tief im Inneren hatte er es schon längst begriffen. Albus hatte ihn verlassen, für immer. Und das Einzige, was er noch von ihm hatte, waren ein Stapel Briefe und eine letzte Spur seiner Wärme, die von dem silbernen Anhänger ausging, der über seinem Herzen ruhte.
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