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Schlagfertigkeit

von KiraCat
Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft / P12 / Gen
10.09.2019
10.09.2019
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Unruhig tigerte Alan vor dem Zelt der Heilkundigen auf und ab. Sein Freund Lance war da drin, schwer verwundet. Mit jedem Schritt, den der rothaarige Kavalier machte, wuchs die Anspannung. Hoffentlich, hoffentlich waren die Wunden, die dieser Idiot davongetragen hatte, nicht lebensgefährlich. Schnell verbannte Alan die Bilder seines blutüberströmten Freundes, die ihn wie ein grässliches Gespenst verfolgten, aus seinem Kopf. Er wollte Lance nie wieder so sehen. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, stoßweise nach Atem schnappend, die leuchtend grüne Rüstung mit tiefrotem Blut verschmiert. Die Minuten, in denen Alan panisch den Verletzten auf sein Pferd gehievt hatte und in halsbrecherischem Tempo ins Lager zurückgeritten war, waren die vermutlich schlimmsten seines Lebens gewesen. Warum machte dieser grünhaarige Dummkopf aber auch so etwas Leichtsinniges? Sich einfach wie ein Verrückter vor die gegnerische Attacke werfen... Und wegen Lances' Leichtsinn durfte Alan jetzt krank vor Sorge sein. Es würde ihn nicht wundern, wenn er nach dieser Aktion graue Strähnen in seinem roten Haar fand. „So ein Vollidiot...“, murmelte Alan aufgebracht und lief zum unzähligsten Male die Meter vor dem Zelt entlang. Am liebsten würde er dort sofort hineinstürmen und nach seinem Freund sehen, aber das hat man ihm strikt verboten. Die Heiler bräuchten ihre Ruhe, um ihrer Arbeit konzentriert nachgehen zu können, hatte man ihm erklärt und ihn danach ratlos draußen stehen gelassen. Dabei wollte er doch einfach nur in Lances' Augen schauen. Nicht in die vor Schmerz und Pein fest zusammengekniffenen Augen. Er wollte in seine lebendigen, klugen, grünen Augen schauen und ihm mitten ins Gesicht sagen, dass er ein hirnrissiger Idiot und zu blöd zum Kämpfen sei, nur, damit Lance diese Beleidigungen müde lächelnd abwinkte und etwas meinte wie: „Ach, solche Sprüche von dir bin ich gewohnt.“ Bei dem Gedanken, dass sich dieses altbekannte Szenario vielleicht bald nie wieder abspielen könnte, wurde Alan bange ums Herz. Unwillkürlich ballte er die Hand zur Faust und presste sie sich gegen die Brust, in der Hoffnung, dieses beklemmende Gefühl irgendwie unterdrücken zu können.

Er wusste nicht, wie lange er schon wartete. Vielleicht waren es nur ein paar Minuten, vielleicht auch eine ganze Stunde. Vielleicht noch länger. Er wusste nur sicher, dass er müde war. Sich um jemanden zu sorgen war kräftezehrend, besonders, wenn man es nicht gewohnt war. Alan war es nicht gewohnt. An Lance zu denken bedeutete für ihn, sich ein einziges Ziel zum wiederholten Male vor Augen zu führen: Er wollte besser als Lance sein, besser als sein Freund und Rivale. Nie hatte er es in Erwägung gezogen, ihn als eine Person anzusehen, die Schutz oder Aufsicht brauchte – warum auch, immerhin hatte Lance ihm oft genug seine Klugheit und sein Geschick im Kampf bewiesen. Außer heute. Heute hatte er bewiesen, dass er im Kampf auch dumm und unfähig sein konnte. Und dass Alan sich ein Leben ohne diesen dummen und unfähigen Freund nicht mehr vorstellen konnte.

Mit diesen Gedanken trottete der Kavalier weiterhin vor dem Zelt auf und ab, hilflos, ratlos, ruhelos, bis plötzlich der Stoffvorhang des Eingangs beiseitegeschoben wurde und die Heilkundigen ins Freie traten. Angespannt hielt Alan inne und beobachtete, wie die starren, müden Gesichter eines nach dem anderen an ihm vorbeiliefen und ihm keine Beachtung schenkten. Warum waren ihre Mienen so finster? Warum sprachen sie nichts? Das alles wollte Alan wissen, aber er traute sich nicht, nachzufragen. Zuletzt kam eine junge Frau aus dem Zelt und verhüllte den Eingang sorgfältig mit dem Stoffvorhang, damit kein Licht hineinfiel. Auch sie wollte gehen, bemerkte dann jedoch den beunruhigten Kavalier und näherte sich ihm. „Entschuldigung, Sir... Seid Ihr ein Freund von dem Verletzten?“, erkundigte sie sich schüchtern. Sie war ziemlich klein und unscheinbar mit ihrem braunen, zusammengebundenen Haar. Zuerst war Alan von ihrer Frage überrascht, dann bejahte er sie: „Ja, ich bin ein Freund.“ Er zögerte und fügte leise hinzu: „Zumindest hoffe ich, dass ich es noch bin und nicht war.“
„Oh, ich verstehe...“ Erschöpft schloss sie die Augen. Alans Herz machte einen Sprung. Was bedeutete der wehmütige Ausdruck in ihrem Gesicht? Rasend schnell breitete sich ein ungutes Gefühl in ihm aus, erfüllte jede Faser seines Körpers. Nein, das war nicht irgendein ungutes Gefühl, das war Angst, wenn nicht sogar Panik, und sie schien ihn von innen regelrecht zu zerfressen. Alan war übel, er wollte nach Luft schnappen, aber er schluckte und konzentrierte sich auf eine normale Atmung. Wortlos starrte er die Heilkundige an. Obwohl er glaubte, bereits zu wissen, was sie ihm gleich offenbaren würde, brachte ihr langes Schweigen ihn um. „Jetzt sagt schon, was Ihr wisst“, forderte er sie auf, um den Qualen ein Ende zu setzen. Langsam öffnete sie die Augen. Und lächelte. „Er hatte Glück. Er ist über den Berg und auf dem Weg der Besserung.“
Alans Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Wirklich? Ist das wahr?“
„Ja. He, nicht zusammenbrechen!“
Der rothaarige Kavalier taumelte einige Schritte nach hinten. Er war fassungslos vor Freude, betrunken vor Glück. Lance lebte, er lebte noch. Endlich würden sie sich doch wieder gegenseitig ärgern und spaßeshalber beleidigen können, genau wie früher. „Kann ich ihn sehen? Darf ich ins Zelt?“, erkundigte er sich und bekam allmählich wieder festen Halt unter den Füßen. In seiner Stimme lag eine freudige Ungeduld, die er beim besten Willen nicht unterdrücken konnte. Doch zu seiner Enttäuschung schüttelte die junge Frau den Kopf. „Nein. Lasst ihn schlafen. Am besten kommt Ihr heute Abend noch einmal und besucht ihn. So lange könntet Ihr Euch im Lager eine Beschäftigung suchen, um die Wartezeit zu verkürzen.“
Alan seufzte, aber er verstand ihre Gründe. „Stimmt auch wieder...“
„Dann verabschiede ich mich mal. Ich wünsche euch beiden viel Glück in kommenden Kämpfen. Hoffentlich passiert so etwas nicht noch einmal.“ Mit diesen Worten wollte sie gehen, allerdings bat Alan sie, noch kurz zu warten. „Ich wollte mich nur schnell bedanken, dass du dir die Zeit für die Auskünfte genommen hast. Das hat mich sehr beruhigt.“ Er lächelte und die Heilkundige tat es ihm gleich. „Nichts zu danken, Sir. Als sein Freund hattet Ihr das Recht dazu.“ Dann hob sie zum Abschied die Hand und zog ihrer Wege. Auch der rothaarige Kavalier brach auf, um sich eine Beschäftigung zu suchen.

Arbeit im Lager zu finden war nie ein Problem. Auch diesmal nicht. Alan wurde schnell fündig und half einigen anderen Soldaten dabei, benutzte Waffen auszusortieren. Es war eine langweilige, monotone Arbeit, die aber immerhin massig Zeit verschlang, was Alan auf jeden Fall zugute kam. Wäre er weiterhin tatenlos vor dem Zelt herumgelaufen, hätte das Warten sich unendlich in die Länge gezogen. So dauerte es jedoch nicht allzu lange, bis die Sonne endlich unterging und den Abend ankündigte, woraufhin er sich prompt von den anderen Soldaten verabschiedete und sich zum Zelt seines Freundes aufmachte. Als er vor dem Eingang stand, wich die Vorfreude auf das Wiedersehen dem Gefühl absoluter Planlosigkeit. Angenommen, Lance wäre wach. Wie sollte Alan ihn begrüßen? Wie begrüßte man einen Freund, der dem Tod vermutlich nur um eines Haares Breite entronnen war und wegen dem man nichts als kalte Angst verspürt hatte? Noch so eine Sache, die der rothaarige Kavalier nicht wusste. Energisch schüttelte er den Kopf und blendete jeglichen Gedanken aus. War doch auch egal, dann würde er eben spontan handeln. Langsam schob er das Stofftuch, das den Eingang verdeckte, beiseite und spähte hinein. Sofort schlug ihm der Geruch – nein, Gestank – von Medizin und verschiedensten Kräutern entgegen, sodass ihm fast schwindelig wurde. Ansonsten war das Zelt dunkel und sehr spärlich eingerichtet. Im Grunde lagen nur viele Stoffteppiche, zusammengefaltete Decken und eine Matte auf dem Boden. Und auf der Matte lag er. Lance. Alan musterte ihn lange von Weitem, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, bevor er das Zelt betrat. Lance schlief. Leise kniete er sich neben ihn. Was jetzt? Aufwecken wollte er ihn nicht. Weggehen allerdings auch nicht. Also beobachtete er stumm seinen schlafenden Freund. Er inspizierte die Kratzer und Schrammen in seinem Gesicht, die man verarztet hatte. Er sah zu, wie sich seine Brust regelmäßig hob und senkte. Wenn der rothaarige Kavalier den Atem anhielt, konnte sogar den seines Freundes hören. Zuletzt fiel sein Blick auf Lances' Arm. Der Arm, auf den die gegnerische Waffe voller Wucht eingeschlagen war. An diesen schrecklichen, blutigen Augenblick wollte Alan gar nicht zurückdenken. Es grenzte an ein Wunder, dass der Arm überhaupt noch dran war. Jedenfalls war er in viele Schichten dicken Verbands eingewickelt. Wie viele von denen es wohl gebraucht hatte, um die Blutung zu stillen? Sicher eine Menge. Ganz vorsichtig berührte Alan die verbundene Stelle. Der grünhaarige Kavalier reagierte nicht. Also schien die Verletzung zumindest nicht verdammt höllisch wehzutun. Die Heilkundigen mussten wirklich ihr Bestes gegeben haben und Alan verstand endlich, warum sie alle so erschöpft ausgesehen hatten.

Still zog er die Hand zurück und überlegte, was er jetzt tun sollte. Lance schlief immer noch. Sowohl Aufwecken als auch Weggehen waren nach wie vor keine Option. Dann würde er eben leise im Zelt warten. Er unterdrückte ein Seufzen und wechselte in eine bequemere Sitzposition, da ihm das Knien zu anstrengend wurde. Obwohl er dabei jegliches Geräusch zu vermeiden versuchte, bemerkte er plötzlich, wie Lances' Augenlider zuckten. Aufgeregt hielt der rothaarige Kavalier den Atem an und hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. War er trotz seiner Bemühungen zu laut gewesen? Jetzt begann sein Freund auch noch irgendein komisches, unverständliches Zeug zu murmeln. Mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis beugte Alan sich über ihn. „Lance?“, flüsterte er. Stöhnend öffnete Lance die Augen und blinzelte mehrmals. Endlich konnte Alan sie wieder sehen. Lances' Augen, seine lebendigen, klugen, grünen Augen. Sie blickten noch ziemlich müde drein, aber sie lebten. „Guten Morgen, Kumpel. Oder eher guten Abend. Hab ich dich geweckt?“, fragte er etwas schuldbewusst, konnte sich ein freudiges Lächeln jedoch nicht verkneifen. Es war einfach zu schön, wieder mit einem Freund zu reden, um den man so lange Angst gehabt hatte. Der war allerdings noch nicht ganz wach. „Nein, ich glaube, ich bin von selbst wach geworden... Aber warum Abend?“, nuschelte Lance, noch im Halbschlaf.
„Na ja, du hast den halben Tag verschlafen“, antwortete Alan ihm.
„Wie bitte? Warum weckt mich niemand früher?“, empörte sich der grünhaarige Kavalier. Prompt wollte er sich mit beiden Armen aufstützen, um sich aufzurichten, doch sein verletzter Arm knickte weg, sodass Lance zurück auf die Matte fiel und vor Schmerz entgeistert nach Luft schnappte. Seine Augen waren weit aufgerissen. „Was zum... Was stimmt mit meinem Arm nicht?“, keuchte Lance und presste seine Hand gegen den Verband.
Der Rothaarige schüttelte den Kopf. „Klären wir gleich. Tut's arg weh?“
„Geht.“
„Na schön. Weißt du nichts mehr vom Kampf heute Vormittag?“
Der grünhaarige Kavalier überlegte. „Doch“, meinte er schließlich. „Da war ein Kampf.“
„Genau. Dort hast du dir die Verletzung zugezogen.“
„Verstehe...“ Ein zweites Mal versuchte Lance sich aufzusetzen, diesmal erfolgreich, da er den verletzten Arm gar nicht erst belastete. Er schaute Alan in die roten Augen. „Ich erinnere mich. Ich weiß, was auf dem Schlachtfeld passiert ist“, teilte er ihm mit und wand dann den Blick ab. Beide schwiegen eine Weile. Alan war der Erste, der die Stille durchbrach. Er musste einfach diese eine Sache nachfragen. „Du weißt also, was passiert ist... Weißt du auch, warum es passiert ist?“
Lance betrachtete weiterhin den Boden. „Ja“, gab er zurück.
„Dann sag doch mal: Wozu hast du das gemacht? Warum hast du den Schlag für mich abgefangen?“
Immer noch vermied der Grünhaarige Blickkontakt. „Ganz einfach. Hätte ich es nicht getan, hätte der Gegner dich mit voller Wucht getroffen. Du warst unachtsam. Du hättest sterben können“, antwortete er und senkte die Lider ein wenig. Ach, tat er jetzt einen auf noblen Retter? Erkannte Lance denn nicht, dass seine Rettungsaktion tödlich für ihn hätte ausgehen können? Ärger über die Uneinsichtigkeit seines Freundes flammte in Alans Brust auf. „Du wirfst mir vor, ich wäre durch meine Unachtsamkeit fast gestorben? Du bist nicht besser, Lance! Um ein Haar hättest du dich selbst umgebracht, du Idiot! Warum machst du so etwas Leichtsinniges?“
„Hab ich doch gerade gesagt. Hätte ich es nicht getan, wärst du getötet worden“, wiederholte Lance geduldig.
„Und was ist dir? Du hättest genauso getötet werden können!“, rief Alan ungehalten, seine Stimme wurde bewusst lauter.
„Dann wäre es für einen guten Zweck gewesen. Prinz Roy braucht dich. Du musst ihn weiterhin beschützen.“
„Spinnst du? Wir beide sollen Roy beschützen! Da kannst du dich doch nicht einfach vor deiner Pflicht drücken und uns wegsterben! Hängst du denn gar nicht am Leben?“

Lance zögerte und schloss die Augen. „Nein“, meinte er schließlich nach einem etwas längeren Schweigen.
Fassungslos riss Alan die Augen auf. Es war ein kleines Wort, dass sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlte. „Nein?“, wiederholte er ungläubig. Als er bei all seinem Entsetzen endlich begriff, was die Antwort seines Freundes bedeutete, sprang er auf und richtete wütend seinen Zeigefinger auf ihn. „Vergiss es, Lance! Komm mir bloß nicht wieder mit dieser Geschichte! Ich dachte, die Phase hätten wir hinter uns!“
Auch Lance erhob sich vom Boden, sodass sie beide auf Augenhöhe waren. „Alan, hör doch zu. Sollten wir in Zukunft wieder vor die Entscheidung gestellt werden, wer von uns beiden lebt und wer stirbt, ist es ganz klar, dass ich den Tod wählen werde und du das Leben. Der Grund dafür ist--“
„Sei verdammt noch mal leise!“, unterbrach Alan seinen Freund und sah, wie er zusammenzuckte. Daraufhin verhärteten sich dessen Gesichtszüge, ansonsten zeigte er jedoch keine Regung. Dass Lance so ruhig bleiben konnte, regte den rothaarigen Kavalier nur noch mehr auf. Wenn er einen Streit vermeiden wollte, wäre jetzt der richtige Augenblick gewesen, um das Zelt zu verlassen. Aber Alan wollte einen Streit. Er wollte Lance anschreien und seinem Ärger Luft machen. Also tat er es auch.

„Du nervst mich, und zwar gewaltig! Immerzu verfällst du in Selbstmitleid, sprichst über den Tod, als ob du es kaum erwarten könntest, bis er dich holen kommt! Es ist einfach erbärmlich, lächerlich!“
„Ich bemitleide weder mich selbst, noch bin ich auf den Tod aus. Es ist so, dass du Prinz Roy schon von Kindesbeinen an kennst. Ich hingegen bin erst seit wenigen Jahren hier in Pherae. Also ist es nur logisch, dass das Band des Vertrauens zwischen euch beiden stärker ist. Prinz Roy braucht dich dringender als mich. Um seinetwillen musst du leben und kämpfen, Alan, koste es, was es wolle! Mein Leben ist da ein geringer Preis, den ich zu zahlen bereit bin.“
Der rothaarige Kavalier zischte verächtlich. „Du solltest dich selbst reden hören. So spricht nur ein dämlicher Idiot. Du bist doch kein Gott, der über den Wert eines Menschen urteilt!“, spie er die Worte förmlich aus. „Im Ernst, wie oft soll ich es dir noch klarmachen? Wie lange man in einem Land lebt, sagt absolut nichts über den Wert eines Menschen aus! Du hast dein Können und deine Treue zu Prinz Roy oft genug unter Beweis gestellt. Er vertraut dir mindestens genauso sehr wie mir. Wann verstehst du das endlich? Es hat seinen Grund, warum wir beide die Leibwächter des Prinzen sind. Ich habe dich nicht umsonst damals durch den Palast geführt und dir alles erklärt. Ich habe nicht umsonst so viele Monate mit dir trainiert. Und wir beide haben uns nicht umsonst ein Versprechen gegeben!“
„Aber das ändert nichts an der Tatsache--“
„Halt die Klappe!“
Und dann passierte es. Alan handelte schneller als er nachdachte. Ehe er sich irgendwelche Gedanken darüber machen konnte, schlug er Lance mitten ins Gesicht. Der taumelte daraufhin einige Schritte nach hinten, hielt aber das Gleichgewicht. Perplex betastete er sein Gesicht und konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Im Grunde konnte Alan es ja selbst nicht fassen. Niemals hätte er gedacht, dass er seinen Freund tatsächlich ernsthaft schlagen würde. Er wusste, er sollte etwas wie Reue spüren, doch da waren nur Wut und Zorn, die in ihm brannten. „Ich habe genug von dir und deinen Minderwertigkeitskomplexen! Egal, wie oft ich es dir erkläre, du lernst es ja doch nie. Bei einem hoffnungslosen Fall wie dir sind alle Mühen vergebens!“, bellte Alan aufgebracht und machte auf dem Absatz kehrt. Er wollte weg von hier, weg von Lance. Seine Hand tat vom Zuschlagen immer noch etwas weh.
„Warte!“, rief sein Freund ihm hinterher.
Ignoriere ihn, dachte Alan sich und hielt nicht an.
„Hörst du nicht? Warte, hab ich gesagt!“
Zornig schlug Alan die Hand weg, die seine Schulter berührte, und blieb stehen, drehte sich aber nicht um. „Was willst du?“
„Schau mich an, bitte.“
Dreh dich nicht um, befahl der rothaarige Kavalier sich selbst und drehte sich doch um, wenn auch widerwillig.

Das Erste, was er sah, war der rote Fleck in Lances' Gesicht, den seine Faust verursacht hatte, ungefähr auf Höhe des Wangenknochens. Danach fielen ihm seine grünen Augen auf, in denen Zorn glomm. Nur einen winzigen Moment später spürte er, wie etwas so kraftvoll gegen seine Wange schlug, dass es seinen Kopf zur Seite schleuderte. Ein kribbelnder Schmerz breitete sich in der betroffenen Partie und sogar etwas weiter aus. Irritiert befühlte Alan seine Wange, die von diesem Kribbeln wie betäubt war. Dann fiel sein Blick auf Lances' Hand, deren Finger gerade ausgestreckt und angespannt waren. „Sag mal, hast du mich gerade allen Ernstes...“
„Das ist dafür, dass du unser Versprechen gebrochen hast.“
„Was?“
„Du hast es vorhin selbst gesagt. Wir haben uns dieses Versprechen nicht umsonst gegeben. Wir haben uns versprochen, Seite an Seite zu kämpfen und einander nicht im Stich zu lassen. Aber im heutigen Kampf... Ich wusste dich die ganze Zeit in meiner Nähe. Und dann warst du auf einmal weg. Nicht mehr an meiner Seite.“
„Ach, jetzt stellst du dich aber an! Ich wollte mich nur schnell um die feindliche Verstärkung kümmern, bevor sie sich ins Kampfgeschehen einmischt. Du überlebst doch wohl zumindest für eine Weile ohne--“
„Du hast unser Versprechen gebrochen!“, fiel Lance ihm ungestüm ins Wort. „Und ich hatte Angst um dich. So wie du um mich“, fügte er versöhnlicher hinzu.
„Moment, das...“, wollte Alan protestieren, aber sein Widerstand bröckelte schnell, als er das vielsagende Lächeln seines Freundes sah. „Na gut, du hast recht. Wir haben beide Mist gebaut. Tut mir leid, dass ich einfach abgehauen bin“, gestand er seufzend.
Lance grinste. „Wie schön, dass du es eingesehen hast. Ich muss mich aber auch entschuldigen. Dafür, dass ich so etwas Leichtsinniges gemacht habe. Kommt nicht wieder vor.“
„Woher weiß ich, dass ich dir diesbezüglich trauen kann?“, bemerkte Alan mit gerunzelter Stirn. „Ich schätze, um auf Nummer sicher zu gehen, sollten wir das in unser Versprechen aufnehmen. Wir versprechen uns, immer Seite an Seite zu kämpfen UND keine leichtsinnigen Dinge mehr anzustellen“, schlug er Lance vor und streckte ihm die Faust hin. Als Zustimmung schlug sein Freund mit seiner eigenen Faust dagegen. „Was für ein Déjà-vu. Es fühlt sich so an, als wäre gestern der Tag gewesen, an dem wir uns das erste Versprechen gegeben haben. Du scheinst echt auf so etwas zu stehen, Alan.“
Genervt trat dieser ihm spaßeshalber gegen das Schienbein. „Sei leise, du Idiot.“
Lance konterte das, indem er lachend mit dem Zeigefinger gegen Alans Stirn schnipste. „Ja ja, ich dich auch.“
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