Ein Funken Hoffnung

von Hyrule
GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Hela Loki Thor
10.09.2019
11.10.2019
6
14230
9
Alle Kapitel
26 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Wer ist auch maßlos enttäuscht über Lokis Zwei-Minuten-Schicksal in Infinity War und dem Kurzauftritt in Endgame bestehend aus altem Footage-Material und 2 Minuten neu gedrehter Screenzeit? Ja, klar - er bekommt eine ganze Serie in der neu erschaffenen Zeitlinie. Aber dennoch. Ich kann mich nach wie vor  nicht damit anfreunden, dass Loki von Thanos einfach getötet worden sein soll. Und mit einem lapidaren „keine Wiederbelebung diesmal“ lasse ich mich erst recht nicht abspeisen. Bisher hat Loki immer einen Weg zurück gefunden – auch wenn bei den vorherigen Toden die Vorzeichen sicherlich andere waren. (AU Infinity War/Endgame, die Avengers werden auch mit dabei sein, aber erst später)

Denjenigen, denen es genauso geht wie mir... Viel Spaß! :-)

***

Dunkelheit und Stille umfingen ihn, als er schwerelos hinfort getragen wurde. In seinen Ohren hallte das Geräusch seines brechenden Genicks wider. Vor seinen Augen hatte sich das Bild seines Bruders eingebrannt, gefangen in Schrottteilen der Statesman, die sich an seinen Körper hefteten und ihn auf die Knie zwangen, zur Hilflosigkeit verdammt und zwangsweise verstummt mit Tränen in den Augen. Stumme Schreie verließen die versiegelten Lippen. Flehende und verzweifelte Blicke richteten sich an seinen Bruder.

‚Die Sonne wird wieder für uns scheinen, Bruder.‘ Das waren Lokis Worte gewesen. Er hatte sie ernst gemeint. Er hatte gehofft, dass sein Bruder es verstehen würde. Er hatte es selbstverständlich nicht verstanden.

Aber Loki war sich noch nie so sicher gewesen, das Richtige zu tun, wie in diesem Moment. Das Leben seines Bruders zu retten. Das Leben, das ihm mehr wert war als sein eigenes. Das war es schon immer. Früher hatte er diese Tatsache nicht wahrhaben wollen. Er hatte aufbegehrt. Seinen Bruder bekämpft, wo es nur ging, um sich selbst an seine Stelle zu setzen. Und warum? Nur der Anerkennung Willen. Ebenbürtig zu sein, geliebt zu werden. Es war der falsche Weg gewesen, das wusste Loki jetzt. Er hatte sich durch sein Verhalten selbst in einen Abgrund gestoßen, der immer noch seiner Seele anhaftete. In dieser dunklen Zeit hatte der die Macht Thanos‘ unmittelbar zu spüren bekommen. Geblieben waren physische und psychische Narben, die nie verheilen würden, und das Wissen um die Pläne des verrückten Titanen.

Doch um diese Pläne umzusetzen brauchte Thanos zunächst alle sechs Infinity-Steine. Zwei der Steine hatte Thanos nun in seinem Besitz. Der Machtstein hatte es Thanos leichtgemacht, die Statesman einzunehmen. Der Träger des Steines hatte die Macht, ganze Planeten auszulöschen. So ein kleines Raumschiff war im Vergleich dazu nicht der Rede wert. Wie Thanos an das violette Juwel gekommen war, war Loki jedoch unbegreiflich. Eigentlich sollte Thanos über überhaupt keinen der Steine verfügen können. Als Loki das letzte Mal gezwungenermaßen Kontakt mit der Black Order hatte, war nur der Gedankenstein im Besitz Thanos‘ gewesen. Er hatte den Stein Loki überlassen, um sich von ihm im Austausch für die Herrschaft über Midgard den Raumstein, der sich im Tesserakt verbarg, beschaffen zu lassen. Dieser Plan schlug fehl. Der Gedankenstein war nun irgendwo auf Midgard und den Tesserakt hatte Loki aus Odins Schatzkammer an sich genommen, nachdem Thor ihn dort im Auftrag des Allvaters in sichere Verwahrung gegeben hatte. Und der Raumstein war nicht der einzige Gegenstand, den er sich in diesem Moment zu eigen machte. Magisch verborgen blieben die beiden Artefakte unbemerkt bei Loki. Er empfand es als Schande, sie in den Verwüstungen des kommenden Weltenendes untergehen zu lassen. In schwachen Momenten der brüderlichen Verbundenheit war Loki beinahe dem Wunsch verfallen, Thor über den Verbleib der Gegenstände in Kenntnis zu setzen. Letztlich obsiegte in Loki das Gefühl, dass es für Thor besser wäre, in Unkenntnis zu bleiben. Und nun? Loki hatte dem Titanen eines der Artefakte, den Raumstein, direkt in die Hände gegeben.

Die Sonne wird wieder für uns scheinen…

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Dieses Mal war sein Tod endgültig, das konnte er spüren. Er hatte geplant, Thanos zuerst durch seinen Schwur der unendlichen Treue in Sicherheit zu wiegen, um ihm dann mit einem seiner magisch herbeigerufenen Dolche die Kehle zu perforieren. Eigentlich wollte Loki vorher schnell eine Illusion seiner selbst vor Thanos projizieren, die dann den Dolch geführt hätte, und sich aus der Gefahrenzone teleportieren. Aber die Magie, die dem Handschuh innewohnte, ließ nicht zu, dass sich Loki unbeschadet aus der Situation hatte winden können. Loki wusste, dass der Handschuh in den Schmieden des Planeten Nidavellir von den Zwergen erschaffen wurde, die auch Gungnir, den Speer Odins, und Mjölnir, den nun zerstörten Kriegshammer seines Bruders Thor, geschmiedet hatten. Wie Thanos an den unversehrten Handschuh gekommen ist, war ein weiteres Rätsel für Loki. Eigentlich sollte die goldene Kostbarkeit genauso zerstört und pulverisiert sein, wie Asgard selbst. Loki erinnerte sich genau, dass er den Handschuh in der Schatzkammer des Allvaters liegen sah, als er die Krone Surturs in die Flamme der Ewigkeit gelegt und damit den Untergang des Planeten Asgard hervorgerufen hatte. Unabhängig davon, was für ein Exemplar nun an Thanos' Hand steckte, es schien zu funktionieren. Die Zwerge hatten ganze Arbeit geleistet. Der Handschuh war ein Meisterwerk. Ein Meisterwerk in den Händen eines selbsternannten Richters, der in seinem intergalaktischen Schuldspruch Massenmord als probates Mittel der Vollstreckung ansah. Der Tod der Hälfte der Bevölkerung einer jeden Rasse im Universum für das Leben der anderen Hälfte. Milliarden Seelen ohne Chance. Thanos selbst hatte Loki diese Pläne durch den Anderen offenbaren lassen. Er wusste auch, dass sich Thanos für das gerechteste und unparteiischste Wesen des Universums hielt. Loki hingegen hielt ihn einfach nur für maßlos verrückt – und das wollte etwas heißen.

Er wusste nicht, wie lange er schon in dieser Dunkelheit umhertrieb. Er wusste nicht einmal, ob er sich überhaupt bewegte. Zumindest fühlte es sich so an, als ob der von einem Fluss dahingetrieben wurde. Hatte er eigentlich einen Körper? Oder war es nur sein Geist, der ihm die Bewegung suggerierte, weil Stillstand noch nie Teil von Lokis Lebenskonzept gewesen war.

Sekunden, Minuten, Stunden – oder waren es Tage, Monate, Jahrhunderte – gingen an Loki vorüber und ließen ihn mit seinen Gedanken allein. Nur sie waren ihm geblieben. Gedanken und Erinnerungen. Immerhin waren die Gedanken seine eigenen. Er hatte bereits andere Tage erlebt, in denen sich ein dunkles Wesen auf seinen Geist gesetzt hatte. Es hatte ihm Begehrlichkeiten, Ziele und Wünsche eingeflüstert. Er war wie ein trockener Schwamm gewesen, hatte alles in sich aufgesogen, ohne erkennbar eigenen Willen. Wie im Nebel stiegen Erinnerungsfetzen und Gefühlsfragmente aus der Zeit damals in ihm auf. Schreie, Schmerz, Lichtblitze, Explosionen, der Drang, sich Midgard Untertan zu machen, und die Hoffnung, man möge ihn aufhalten.

Weitere schmerzliche Erinnerungen drangen zutage. Erinnerungen an ein glückliches Leben am Hofe Asgards, als er noch nicht mit dem Wissen um seine Herkunft belastet gewesen war. Wichtigster Lebensinhalt waren damals die Studien der Magie und seine Zankereien mit Thor gewesen. Welch unschuldige Zeit. Wie naiv und dumm er gewesen ist. König wollte er werden. Doch über welches Volk? Diese Frage war ihm damals nie in den Sinn gekommen. Asgard verfügte nur über einen Thron. Und der stand seinem Bruder Thor als erstgeborenen Sohn des Allvaters zu. Das Schicksal wollte es, dass er durchaus Anspruch auf einen Herrschersitz hatte. Als erstgeborener Sohn des Eisriesenkönigs Laufey hätte er den Thron in Jötunheim beanspruchen können. Aber was hatte er getan? In seiner Wut und Verzweiflung über die Lüge seiner Herkunft hatte er Jötunheim zerstören wollen. Direkt nach der Geburt namenlos ausgesetzt, zum Sterben zurückgelassen vom eigenen Vater. Aufgenommen und großgezogen zu Zwecken, die nur dem Allvater bekannt waren, war er nur Spielball der asischen Politik gewesen. Ein Pfand, dass der Allvater irgendwann einzutauschen gedachte. Aber gegen was? Frieden? Kontrolle? Warum also hätte er Anspruch auf Laufeys Thron erheben sollen? Um Odin in seinen Zielen zu bestätigen, ihm zu gefallen? Nein. Das wollte Loki nicht. Rückblickend musste sich Loki eingestehen, dass er vielleicht etwas subtiler hätte vorgehen können. Ihm wäre einiges erspart geblieben. Wahrscheinlich auch die Situation, in der er sich nun befand.

‚Tot‘, dachte Loki, ‚Du bist tatsächlich tot. Du Narr. Und warum? Was hast du damit erreicht? Nichts. Gar nichts.‘

Loki wusste, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen war, dass ihn der Tod ereilte. Nur war er sich nicht darüber gewahr, dass das endgültige Sterben so schmerzhaft hätte sein können. Und damit meinte er nicht die Qual des Erstickens und das erlösende Brechen seines Genicks. Es waren die Augen seines Bruders. Verzweifelt, angsterfüllt, gepeinigt – und doch auch durchtränkt mit tiefer Verbundenheit zu ihm, seinem trotz allem geliebten Bruder.

Die Sonne wird wieder für uns scheinen…

Loki hatte versucht, Thor in Sicherheit zu wiegen. Als Lokis Plan zerplatzte wie eine Seifenblase, war auch Loki klargeworden, dass die Sonne für die beiden Brüder für immer untergehen würde. Wenigstens war dieses grüne Monster entkommen, auch wenn es das Leben Heimdalls gekostet hatte. Aber auch das war unwichtig geworden. Vielleicht hatte Thor überleben können. Dann wären die Herausgabe des Raumsteins, die Vernichtung des halben asischen Volkes und sein eigener Tod wenigstens nicht sinnlos gewesen.

‚Mach dir nichts vor, du Dummkopf. Thanos hat die überlebende Hälfte des asischen Volkes unter Führung der Walküre fliehen lassen. Thor gehörte der anderen Hälfte an, genau wie du. Er wird ihn nicht leben lassen. Schon aus Prinzip nicht.‘

Verzweiflung ob der Sinnlosigkeit seiner Taten brandete erneut in Loki auf. Tränen stiegen in ihm auf. Loki wusste nicht, ob es real oder nur eine Suggestion seines Verstandes war. Er ließ es zu, dass ihn die Welle der Trauer überrollte. Was sollte er auch machen?

Ein Schmerz stach plötzlich in Lokis Bewusstsein. Loki war sofort hellwach, seine Sinne geschärft. Das Gefühl war unbegreiflicherweise unmittelbar mit seinem Bruder verbunden. Vor seinem geistigen Auge sah er Thor tränenüberströmt inmitten der explodierenden Statesman, an Lokis eigenen toten Körper geklammert. Der Schmerz über dieses Bild flutete Lokis Bewusstsein und zog ihn in ein erlösendes Reich der allumfassenden Schwärze.

Er hatte versagt. Einmal mehr. Es war alles umsonst gewesen.
Review schreiben