Emily

von Marukaro
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
09.09.2019
17.09.2019
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Irgendetwas piekte mich in die Seite, als ich erwachte. Ich schlug die Augen auf, wo war ich? Dunkler Holzboden, eine alte Kommode. Ein kleines Fenster, mit selbst gehäkelten Gardinen, durch das das Licht einer Straßenlaterne herein viel. Ein blauer Plüsch Teppich. Ich lag auf einem kleinen Bett, war zugedeckt mit einer Decke und mir gegenüber stand noch ein Stuhl. Auf diesem Stuhl saß Jemand. Wer war das? Und wo war ich hier? Der Mann auf dem Stuhl betrachtete mich aufmerksam, nun konnte ich sehen dass hinter ihm ein weiterer stand.
" Glaubst du sie lebt noch?", fragte der zweite Mann. " Sie hat sich bewegt!", sagte der sitzende Mann.
" Quatsch."
" Nein, sie hat sich bewegt!"
Lauthals begangen die Beiden zu streiten: " Nein!" -"doch!" - "Nein!"  
...

Mein Kopf dröhnte und meine Kehle war trocken, ich glaubte, ich hätte noch nie ein Wort gesagt. Und ich wusste es auch nicht besser. Hatte ich jemals gesprochen? Als ich versuchte, mich bemerkbar zu machen- denn sprechen fiel mir gerade ganz schön schwer- brachte ich nur ein heiseres Krächzen zustande.
" AAAAAAHHHHHH!" , die beiden Männer sprangen zurück, der Sitzende riss seinen Stuhl damit um und lag halb auf dem Boden halb saß er noch. Als hätten sie den Teufel persönlich gesehen. Panisch klammerten sie sich aneinander.
" Ich sagte doch sie hat sich bewegt! ", sagte der eine und zeigte mit seiner knochigen Hand auf mich. Ich sah die beiden Männer vor mir genauer an.
Beide hatten längeres blondes Haar, bläuliche Augen und waren recht dünn. Sieht trugen Jeans, weiße T-Shirts und grüne Sneaker. Ihre Haut war gebräunt. Sie sahen eigentlich ganz nett aus. Obwohl man demjenigen, der gerade gesprochen hatte die Angst deutlich ansehen konnte, konnte dieser einen selbstgefälligen Ton nicht unterdrücken. Ich rappelte mich auf und saß nun vor den Beiden auf dem Bett. Ihre Nasen die waren irgendwie ganz klein und zitterten oder bildete ich mir das nur ein? Der Mann, der zuvor auf dem Stuhl gesessen hatte, lächelte ängstlich. Spitze Zähne blitzten mir entgegen. Vorsichtig stand ich auf und lief den beiden entgegen. Die Männer standen auch auf und drängten sich in einer der Ecken des Raumes, indem ich mich befand. Einer der beiden hielt sich seine Augen mit seinen Händen zu.
" Was machst du denn da?", fragte der, der gestanden hatte, den anderen.
" Ich habe den Tarnmodus aktiviert. Das siehst du doch. Obwohl du siehst es nicht, denn ich habe ja jetzt den Tarnmodus aktiviert.",  antwortete der erste darauf, als sei es das natürlichste der Welt über einen Tarnmodus zu verfügen.
"Warum hast du SIE auch gerettet ?!"
" Ich dachte... Ich dachte,... Also ich dachte sie wäre nett!"
"Du DACHTEST ?! Seit wann denkst du?"
Der Mann der gestanden hatte schubste den Anderen.
" Hey!", sagte der Mann, der gesessen hatte. Der Mann, der geschubst hatte lachte den anderen aus. Er lachte nicht mehr, als der andere ihn zu Boden riss. Sie schlugen einander und rollten herum und kurrten ein grässliches Knurren, das tief aus ihrer Kehle kam.
Was für ein Spektakel. Völlig perplex saß ich auf dem Boden und sah den beiden dabei zu, wie sie fluchend um mich herum rollten.

" Was machen wir jetzt mit ihr?" , fragte der, der gesessen hatte, als die beiden sich beruhigt hatten und schwer atmend vor mir standen.
" Gefährlich scheint sie ja nicht zu sein." , fügte er hinzu und nahm mich genauer unter die Lupe.
" Warum stinkt sie so?"
" Vielleicht hat sie eine ansteckende Krankheit! "
"Wuahh!" , Beide sprangen von mir weg. Verwirrt legte ich meinen Kopf schief. Waren die Beiden verrückt?
"Sie ist nicht so wie wir.", stellte der, der gesessen hatte, fest.
" Blitzmerker! Dass du überhaupt noch weißt wie man atmet ist ein Wunder! "
Die beiden fingen wieder an, sich lautstark zu beschimpfen. Also... So langsam machten mir die beiden Angst! Ich verstand nicht, warum sie die ganze Zeit nur brüllten und tobten. Ich setzte mich wieder aufs Bett legte mich unter die Decke, versteckte mich darunter. Und begann, jämmerlich zu weinen.
Ich hörte, dass die Beiden mit dem streiten aufgehört hatten.

" Jetzt hast du sie zum Weinen gebracht!" , sagte Einer vorwurfsvoll.
"Ich?! Duu!"
Der andere war taktvoll genug, um dieses Mal nicht darauf einzugehen, sondern beugte sich zu mir herunter. Vorsichtig hob er die Decke ein Stück an mein Gesicht zu sehen. Ich war sicher, mein Gesicht zeugte davon, dass ich geweint hatte. Bestimmt war ich wieder rot fleckig.
" Hallo kleine." , sagte er mit einem Lächeln. Jedenfalls nahm ich an, dass es ein Lächeln war, denn wie ich später feststellen musste, wusste man nie, ob solche Wesen wie die Männer, die jetzt vor mir standen, lächelten oder die Zähne bleckten.
Aber ich war davon überzeugt, wenn sie mir etwas Böses wollten, hätten sie es bereits getan, als ich ohnmächtig war. Vielleicht war das auch eine Lüge, denn wenn ich mich recht erinnere, weiß ich nicht, warum ich mich nicht vor ihnen in diesem Moment fürchtete. Natürlich, sie waren nicht zum Fürchten, die beiden waren die größten Feiglinge und absolut harmlos, doch das erfuhr ich erst viel später. Aber noch haben wir nicht später.

Er ging in die Hocke und schaute mich mit ganz großen Augen an, als wollte er herausfinden, was ich dachte. Eigentlich könnte ich ihm sagen, was ich dachte. Auch wenn meine Gedanken noch immer nicht wirklich von herausragender Tiefsinn gekennzeichnet waren. Gut? Oder böse? So wog ich gerade die Situation ab.

Aber wie ich bereits gesagt hatte, die beiden Männer kann mir nicht wirklich wie eine Bedrohung vor, sie sahen lustig aus. Also nicht, dass ich über sie lachen würde, aber... Ich fand sie niedlich. Ich streckte meinen Arm aus, mit der Hand voran und drückte mit meinem Daumen auf die Nase des Mannes. Ich  heißer, als der Mann erschrocken zurück weg. Lachend klatschte ich in die Hände.
im Nachhinein habe ich mich sehr oft gefragt, warum ich das tat, was ich nun tat, und ich komme immer zu dem Schluss: weil ich es lustig fand.

Der Mann, der zurückgesprungen war, mit seiner zitternden kleinen Nase, hatte nun die Hände vor seine Brust gehoben und hielt sie zitternd vor sich. Ich stürtzte mich auf den Mann und biss ihn in die Hand.
"Mach sie weg!" , kreischte der Mann und sprang auf und ab.
"Sie will mich fressen!"
" Sie hat doch gar keine Zähne."
"Oh!... Tut auch gar nicht weh.",  er zog mich von seiner Hand weg.
"Böses Ding!" , schimpfte er mit erhobenen zeigefinger, als er mich auf dem Boden setzte. Voller Schuld senkte ich den Blick. Wie ich schon bereits sagte, ich habe keine Ahnung, warum ich das tat.
Ich musste schniefen und mir kamen wieder die Tränen.
"Jetzt hast du sie schon wieder zum Weinen gebracht!"  Voller Vorwurf sah der eine Mann den anderen an und gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
" Was sollen wir nur mit ihr machen? Sie weint die ganze Zeit nur!"
Ja so ist das. Wenn man überhaupt keine Ahnung hat, wer man eigentlich ist, wo man ist, wer die Menschen um einen herum sind, dann weint man halt immer, aber nicht weil man furchtbar emotional ist, sondern, weil man sonst keine Möglichkeit findet, sich zu verständigen. Denn, was sollte ich schon sagen?
"Kann sie hier bleiben?", fragte der eine quengelnd.
"Was? Warum?"
"Ich finde sie... Einfach niedlich."
"Niedlich? Sie sabbert, heult und beißt! Hast du gesehen wie sie aussieht? Sie sieht so rosig aus, diese kleinen Beine und ich wette, sie ist nicht mal ansatzweise eine von uns!" er zeigte auf mich.
Die beiden sahen mich eine Zeit lang schweigend an. Worauf warteten sie? Was erwarten sie von mir?
" Gut! " , gab der eine den unzähligen Bitten das andere nach.
"Aber du sorgst für sie!"
Der andere hüpfte glücklich in die Luft und hüpfte und hüpfte und hüpfte. Hatte er denn keine Angst sich den Kopf an zu schlagen? Die Decken in dem Raum waren nämlich nicht sonderlich hoch.
und kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, sprang er so hoch, dass er sich den Kopf an der Decke schlug, sich jammernd den Kopf hielt und von dem anderen Mann auch noch einen auf den Hinterkopf bekam, weil er so dämlich gewesen war an die Decke zu springen. die beiden fingen wieder an, sich an zu schreien. So langsam bekam ich das Gefühl, dass das bei denen immer so wahr.

Mein Leben bei den beiden war im Grunde ziemlich unkompliziert. Ich wusste mittlerweile, dass sie so zitternde Nasen und Hände hatten, weil sie, sobald der Mond ganz groß war, also sobald es Vollmond war, die beiden keine Männer mehr waren, sondern Mäuse. Aber das störte mich nicht. Mäuse waren niedlich. Und man brachte mir Essen, gab mir Trinken und spielte mit mir.
Die Beiden waren furchtbar schreckhaft wie ein kleines Kätzchen, doch wenn man es ihnen sagte, waren sie natürlich beleidigt. Warum verschlossen sie die Augen vor den Tatsachen?

Die Wermäuse lebten in einem großen Haus mit Garten, es gab bestimmt vierzig Wermäuse im Haus. Häufig kamen auch andere zu Besuch und deswegen bekam ich den Eindruck, dass nur ganz wenige wirklich in dem Haus lebten. Sie waren insgesamt recht friedlich die Wermäuse, so bekam ich zumindest den Eindruck. Sie lebten in ihrem großen Haus mit dem schönen Garten, abseits der Monster und Schrecken, die es sonst in der Stadt gab.

Eric, mein Retter kümmerte sich rührend um mich. Er brachte mir vieles über die Welt bei, in der ich jetzt lebte. Er erzählte mir von den verschiedenen Werwesen, er brachte mir soviel über Mythologie bei, und dass in jeder Legende und in jeder Geschichte doch ein Körnchen Wahrheit steckte. Er brachte mir das Tanzen bei, das Verstecken, das Rennen, das Laufen. Er brachte mir das Kochen bei, das Gärtnern und alle anderen Sachen, die man vielleicht einmal benötigen würde. Nur einen Namen, den gab er mir nicht. Für  Wermäuse waren Namen nicht einfach nur Namen. Der Name sollte immer größer als die Wermaus  selbst sein, denn er ließ einen wachsen. Wenn man schlief, war es der Name, der einen weckte. Er war etwas sehr persönliches, jeden Namen gab es bei den Wermäusen nur einmal.
" Verstehst du?" , fragte Eric.
" Wenn du deinen Namen bekommst, kannst du nie wieder anders heißen. Dein Name, der bist ganz zu. So schmeckst du, so riechst du. Dein Name ist nur für dich bestimmt und einzig allein für dich!"
Eric redete oft mit mir, obwohl ich ihn nie verstand. Also nicht wirklich "nie". Aber ich wurde immer besser darin, das was er erzählte zu verstehen. Ich begriff mittlerweile, dass es nicht nur Menschen gab, es gab auch Wesen, die aussahen wie Menschen und sprachen wie Menschen und sich bewegten wie Menschen, nur dass es eben keine Menschen waren.
"Ja ich weiß, irgendwann muss ich dir einen Namen geben, doch bis jetzt habe ich noch keinen gefunden, bei dem ich mir sicher bin. Ich muss mir absolut sicher sein, verstehst du?"
Bisher hatte ich es noch nicht geschafft Eric etwas zu antworten. Ich hatte das Gefühl, dass er gar nicht wollte, dass ich antwortete.
Eric erhob sich und blickte sich in dem Zimmer um.
" Ich muss noch Früchte für das Abendbrot aus der Küche holen."
Die Wermäuse ernährten sich rein vegetarisch. Das fand ich merkwürdig. Denn soweit Eric es mir erzählt hatte, waren die meisten Wertiere Fleischkonsum deutlich mehr gewohnt.
Eric ging hinaus aus dem Zimmer und ich folgte ihm.
Er lief das Treppenhaus hinab, und ich wusste, dass ich ihm nicht würde nachgehen können. Ich war keine Wermaus. Und deswegen durfte ich mich nicht alleine frei im Haus bewegen. Ich sollte immer auf der Etage bleiben, in der Eric wohnte. Ich stand also oben am Treppenaufgang und sah ihm nach, dann lief ich in den Gemeinschaftsraum.
Im Gemeinschaftsraum gab es immer einen Tisch auf dem ganz viele Früchte lagen und ich staunte jedesmal über alles, was sie dort auf diesem Tisch liegen hatten.
Ich schnupperte. Im Raum roch es nach frischem Brot und Früchten. In meinem Bauch begann es zu rumoren. Obwohl eigentlich strahlendes Sonnenlicht in den Raum scheinen müsste, fiel ein Schatten auf mich.
"Komm ich hol dir was zu essen.", Sagte Erik. Erik war einer der beiden Männer aus meiner ersten Nacht bei den Wermäusen, der sich sehr oft mit Eric stritt. Soweit ich das wusste, waren Erik und Eric Brüder und keiner ihrer Streitereien war wirklich ernst zu nehmen.
Ich trottete neben Erik her, der sich über allerlei beschwerte, allem voran über Eric. Nur mit halbem Ohr hörte ich ihm wirklich zu. Es war mir egal warum sich die beiden wieder stritten, hauptsache ich bekam etwas zu Essen. Ich war egoistisch, das wusste ich, doch das war mir egal. Ich hatte nämlich Hunger. Dass Eric losgegangen war, um Essen für das Abendbrot zu besorgen, war mir auch egal. So würde ich halt doppelt Essen. Ausmachen tat mir das nichts.
"Wie ist es eigentlich von den Schatten gepackt zu werden?", fragte Erik plötzlich. Ich zog den Kopf ängstlich ein, als ich all das zurück dachte.

Schatten, so nannten die Wermäuse jene Wesen, die mich in der Nacht, in der ich zum ersten Mal (soweit ich mich denn erinnern konnte, eigene Erinnerungen gemacht hatte) aufgewacht war, gepackt hatten und mich zu entführen versucht hatten. Schatten waren nicht einfach nur Schatten, sondern sie waren Bestien, die nur darauf warteten, dass sie jemanden packen könnten, um sie dann in die ewige Finsternis zu ziehen. Sie ernährten sich von diesen Menschen oder Wesen. Erik und Eric hatten mir erzählt, dass die Schatten schon viele ihre Art gefressen hätten. Die Schatten schlichen sich wie ein dunkler Fleck, wie ein Gedanke in die Köpfe ihrer Opfer und spielten ihm friedliche Szenarien vor, beruhigten sie und wiegten sie in Sicherheit, während dessen sie langsam damit  begannen, sie bei lebendigem Leibe zu verdauen. Also war es reines Glück gewesen, dass die Schatten, denen ich begegnet war, nicht so gerne in der Öffentlichkeit speisten. Erik und Eric hatten mir erzählt, dass die Schatten nicht nur den Körper der Person fraßen, sondern auch die Seele. Also wusste wirklich eigentlich gar keiner, wie die Schatten nun die Person aßen. Also zumindest keine lebende Person. Und selbst die Seele konnte im Tod noch nicht einmal sprechen, denn die wurde von den Schatten ja auch gefressen.
Später traf ich einmal einen Mann, der mir sagte, es gäbe im gesamten Universum nichts begehrenswerteres als eine Seele. Man glaubte, das Waffen Macht bedeutete oder Geld ein Wert besäße. Waffen schlugen Wunden in Körper und Geld war nur Papier und Metall. Aber eine Seele zu besitzen, wirklich zu besitzen, war das einzige was eine Macht verlieh, denn sie war Leben. Und genau von diesem Leben ernährten sich die Schatten. Aber dass eine Seele und Leben so bedeutsam war, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Doch schon damals kam es mir unendlich böse vor, einem Wesen seine Seele zu nehmen es gab nichts schlimmeres.

Kalter Schweiß rann mein Rücken herab und ließ die Kleidung ,die die Wermäuse mir gegeben hatten feucht werden. Erik nahm mich in die Arme, als er sah wie sehr ich zitterte. Seine Arme umschlossen mich wie ein Zelt und beschützten mich vor der Außenwelt.
"Schhhh.", machte er und strich mir beruhigend mit der Hand über den Rücken.
"Tut mir leid dass ich gefragt habe."
"Du!", brüllte plötzlich eine Stimme hinter mir. Eric fletschte die Zähne, als er auf seinen Bruder zuging.
"Du!" , sagte er wieder. "Du mieser Kerl hast sie schon wieder zum Weinen gebracht?!" Außer sich vor Wut stapfte er auf ihn zu und verpasste ihm einen Haken.
Erschrocken sprang ich auf und versteckte mich hinter einem Tisch.
"Aber ich wollte das nicht!", sagte Erik, während er sich die blutende Nase hielt.
"Du dummer Dummkopf!" Er stürzte sich (mal wieder) auf Eric und beide fielen zu einem tretenden und schlagenden Haufen mit Armen und Füßen und Fäusten und Zähnen aufeinander. Immer mehr Zuschauer stellten sich um die beiden. Ich konnte sehen wie bereits die ersten Wetten abgegeben wurden.
"Wetten wir, gleich verliert Einer ein Auge?", fragte eine der Wermäuse in die Menge. Die anderen lachten. Wütend starrte ich sie an. Wollte niemand eingreifen oder sie trennen? Und seit wann waren Wermäuse so blutrünstig?

"Halt!", sagte eine Stimme in der Menge. Sie sprach nicht laut, nicht bestimmend oder aggressiv, doch sogleich hörten die beiden auf, sich zu streiten, und die Menge verstummte.
Ich erblickte Calvin den Ältesten der Wermäuse und zog den Kopf ein. Er machte mir Angst. Seine Augen blickten starr ohne zu blinzeln auf Erik und Eric.
"Warum streitet ihr euch?", fragte er ruhig.
Beide blickten betreten zu Boden.
"Naja..." fing Eric an. "Erik hat sie zum weinen gebracht. Und sie ist doch unter meinem Schutz..."  
Sofort fielen die Blicke aller Wermäuse auf mich. Nervös fing ich an meine Hände zu kneten und tänzelte von einem Bein auf das andere.  
"Ah ja.", Calvin sah mich von oben herab an und rümpfte seine Nase.
Es war kein Geheimnis, dass er mich nicht mochte.
"Deine erinnerungslose Missgeburt."
Ich sah wie Eric hinter seinem Rücken rot wurde. Eric öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Erik packte seinen Arm und schüttelte kaum merklich den Kopf. Erics Lippen kräuselten sich.
"Ich verstehe nicht, wie ihr solch ein Wesen in eurem Hause dulden könnt. Lächerlich dünne Arme und seht euch die Nase an!", er ging um mich herum und betrachtete mich eingehend. Am liebsten wäre ich im Erdboden verschwunden. "Diese großen Ohren.", Calvins Worte trafen mich wie Peitschenhiebe. Ich schluckte, Tränen traten in meine Augen.
"Solch eine Kreatur sollte nicht bei den Wermäusen leben! Menschen haben nichts mit uns gemein!", Dabei sprach er 'Menschen' so aus, als gäbe es kein schlimmeres, niederträchtigeres Lebewesen als "Menschen". Vielleicht glaubte er das sogar. "Wer weiß, ob sie   gefährlich ist? Wenn nicht sie selbst, kann sie noch immer die Gefahr anziehen. Und wir müssen unsere Art doch schützen!", seine Stimme klang nun wie flüssiges Öl, jedenfalls stellte ich mir vor, dass Öl sich so anhörte: schmierig und absolut widerlich. Meine Angst vor Calvin wandelte sich in Wut. Was fiel Calvin bloß ein?!
Er lachte spöttisch und wandte sich Eric zu. "Hat dein Mensch auch einen Namen?", fragt er höhnisch. "Wie nennt man eine Abscheulichkeit? Wie nennt man Jemanden, der sogar als Mensch für nichts zu gebrauchen ist? Der noch nicht mal weiß, wer er ist?"  
Eric war ganz weiß im Gesicht.    
"Ihr Name ist... "., Er stockte und wich den Blicken aus. "Sie hat noch keinen Namen."
Ein Raunen ging durch die Menge. Ich wollte Calvin die Augen auskratzen. Er stellte nicht nur mich, sondern auch Eric bloß.
"Sie hat keinen Namen?", lachte der Älteste. Sollte mit dem Alter nicht ein gewisser Grad an Weisheit folgen?
Ich knurrte und fletschte die Zähne. Sie waren während der Zeit mit den Wermäusen ordentlich spitz geworden. Es würde weh tun, wenn ich damit zubeißen würde. Doch Calvin nahm von der drohenden Gefahr meines Bisses Nichts wahr.
"Du willst deinen Menschen nach Werrecht taufen?", Setzte Calvin Eric weiter zu. Die Menge hatte aufgehört zu lachen. Ein Raunen wurde laut.
Calvin legte den Kopf in den Nacken und lachte laut und hallend. Er wischte sich seine Lachtränen aus dem Gesicht.
Was war daran so witzig?
Ich ballte meine Hand zur Faust.
"Was für ein Name passt denn zu solch einem Monster? Was drückt das innere Wesen dieser abartigen Kreatur aus?",  forderte Calvin zu wissen.
Ich zitterte vor Wut, wie konnte er es wagen? Und plötzlich war es, als könnte ich mir selbst bei dem, was ich als nächstes tat, zusehen. Ich sah mich dabei, wie ich mit hochroten Kopf auf Calvin zustürzte. Ich hob meine geballte Faust und schlug ihm auf die Nase. Blut spritzte aus Calvins Gesicht und er verzerrte es zu einer  schmerzerfüllten uns wütenden Grimasse. Ich schlug wieder zu.
"Emily!", schrie ich dabei laut. Nun wusste ich wie ich hieß.
Ich hatte einen Namen, der tief aus meinem Inneren kam: Emily! Calvin versuchte mich mit seiner vom Alter und vielen Wandeln schon ganz schrumpeligen Hand weg zu drücken. Ich biss ihm in die Finger. Meine Zähne waren so spitz und ich hatte derartig hart zugebissen, mit all der Kraft und Wut, die ich aufzubringen wusste, dass ich Blut schmeckte.
Calvin schrie auf.
Ich spuckte Calvins Blut aus und er knurrte ein widerliches Knurren. Um mich herum erwachten die Wermäuse aus ihrer Schockstarre. Einer griff nach mir, doch ich duckte mich und schlug seine Hand weg. Dann sprang ich auf und lief im Zickzack durch die Menge. Immer mehr Hände versuchten nach mir zu greifen. Einer stellte mir ein Bein, ich sprang über es hin weg und setzte meinen Weg fort. Ich bückte mich und rutschte mit dem Schwung, den ich noch hatte, unter einen weiteren Tisch. Einer der Wermäuse versuchte mich zu erreichen, doch ich trat nach ihm und zog ihm die Beine weg.
Dann handelt rappelte ich mich auf und rannte weiter. Wie kam ich hier in diesem Gewühl bloß aus dem Raum heraus?
Plötzlich griffen zwei Hände nach mir und hielten mich fest. Ich begann mich zu winden und um mich zu treten, doch dann merkte ich, dass es sich um Eric handelte. Er zog mich weg von der Menge, die immer noch Jagd nach mir machte und mich suchte, weg aus dem Gemeinschaftsraum, den Flur hinunter, bis in sein Zimmer, das für mich mein Zuhause geworden war.  Hastig verschloss er die Tür hinter uns und sah sich panisch um.
"Was hast Du getan?!", fragte er völlig aufgelöst, "Das wird großen Ärger geben!"
Er begann  Schubladen und Schränke aufzureißen. "Du musst fliehen!"
Ich verstand nicht warum. Was hatte ich Falsches getan? Wermäuse sund doch stolz auf ihre Ehre und Calvin hatte Erics verletzt. Und Eric und Erik prügelten sich doch auch immer, wenn sie miteinander Streit hatten! Ich hatte doch nur Eric schützen wollen.
"Lauf raus aus dem Haus, die Hauptstraße entlang, lauf einfach soweit wie dich deine Beine tragen und dann lauf weiter! Calvin darf dich niemals erwischen, denn seine Rache wird grausam sein!"
Eric drückte mir einen Rucksack an die Brust. Er war gefüllt mit Brot und Obst, Wasser, Kleidung und einer Decke.
Tränen lagen in seinen Augen und er umarmte mich. "Geh und schau nicht mehr zurück."
Er öffnete die Tür und erschrak. Erik stand im Türrahmen, schaute mich an und fletschte die Zähne "Du willst einfach gehen?" Bedrohlich kam Erik näher. Eric schob sich dazwischen. "Ohne dich zu verabschieden?!" Erik schubste Eric beiseite und zog mich in seine Arme. "Sei vorsichtig in der Stadt, hast du gehört? Und bleib am besten Nachts in einem sicheren Unterschlupf, dass dich keine Schatten erwischen. Du wirst mir fehlen Emily." Ich spürte, wie meine Schultern und Hals nass wurde. Erik weinte wie ein Schlosshund.
Und erst jetzt wurde mir bewusst, welche Konsequenzen mein Handeln forderten. Ich musste mein Zuhause verlassen, meine Freunde. Tränen liefen nun auch mein Gesicht runter, als ich mich ein letztes Mal umdrehte, Eric und Erik ansah, ihnen ein letztes Mal zuwinkte und dann möglichst leise aus dem Haus und in die Nacht hinaus rannte. Ich würde sie vermissen. Eric und Erik und ihre Streitereien, der Gemeinschaftsraum, der immer von Lachen widerhallte und erst die Blumen im Garten,.... Ich würde all das vermissen.  Ich betete zu allen mir damals bekannten Göttern, Calvin würde Eric und Erik nicht zu hart bestrafen. Ich war so unglaublich niedergeschlagen, dass es mich noch nicht einmal aufheitern konnte, dass ich jetzt einen Namen hatte.