Emily

von Marukaro
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
09.09.2019
03.10.2019
6
13893
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Jede Geschichte braucht einen Anfang. Also eigentlich. Meine hat Keinen. Oder zumindest kann ich mich an keinen mehr erinnern…
Meine erste Erinnerung ist, wie ich in einer schmutzigen Seitengasse hinter einem Müllcontainer aufwache, und mich ein Waschbär anfauchte. Vielleicht habe ich vor Angst geschrien. Wer weiß das schon? Beweisen kann man Nichts. Der Waschbär muss sich auf jeden Fall dadurch erschreckt haben, denn er rannte weg. Ich roch testweise an meinem Arm. Ich stank nach Müll. Sehr ansprechend.
Doch davon ließ ich mich nicht entmutigen. Denn ich dachte nach. Denke ich… Ich dachte darüber nach, wie ich in eine Gasse wie diese gekommen war, wie ich hier wegkommen sollte und… wer ich überhaupt war. Und dass ich Hunger hatte, darüber war ich mir ebenfalls sehr bewusst. Also…. Neue Kleidung, Unterschlupf finden oder Essen? Mein grummelnder Magen nahm mir die Entscheidung für das Erste ab. Wundervoll. Doch wo sollte ich etwas Essbares finden? Soweit es ging, wollte ich von einem weiteren Abstecher in die Müllcontainer Abstand nehmen, wer wusste denn schon, ob da nicht noch viel gefährlichere Kreaturen als Waschbären lauerten? Zum Beispiel zwei Waschbären. Also tat ich das, was mir jetzt am logischsten erschien. Ich fing hemmungslos zu weinen an. Ich weinte nicht wie die Schauspieler es im Fernsehen machten, so wunderschön und traurig vor dem malerischen Sonnenuntergang. Nein, meine Tränen flossen in Strömen, meine Nase lief, mein Gesicht wurde rot und ganz fleckig und meine Augen quollen zu. Das musste wahrlich kein schöner Anblick sein, wie ich da weinend stand. Sicher sah ich so aus, als hätten sämtliche Pollenallergien und andere Unverträglichkeiten zugleich zugeschlagen. Ich fühlte mich zumindest so. Ich wurde unglaublich wütend. Sah denn Niemand, dass ich Hilfe brauchte? Vor Rage stampfte ich fest mit den Füßen auf, warf meine Fäuste in die Luft und sprang dann noch wütend auf und ab. Fast hätte ich mir meinen Kopf an der Fassade einer der Häuser an der Gasse angeschlagen. Der Waschbär, den ich eigentlich erfolgreich in die Flucht geschlagen hatte, war zurückgekehrt. Wo ich nun nicht mehr am Schreien war, ließ er sich nicht weiter fernhalten. Und mein Geheule irritierte ihn nicht im Geringsten. Wütend brüllte ich, dass mir Jemand Etwas zu essen besorgen solle. Der Waschbär ließ sich davon nicht sonderlich beeindrucken, er saß weiter auf dem Müllcontainer und fauchte mich an.

In meinem Machen bemerkte ich nicht, wie still es in der Gasse geworden war. Keine Waschbären durchwühlten mehr den Müll, sämtliche Gullys hatten aufgehört zu gluckern und selbst der Wind hatte aufgehört, sich zu regen. Es war, als hätte Jemand den Moment genommen und ihn in Bernstein gegossen. Als hielte die gesamte Welt die Luft an. Aber ich bemerkte diese Stille nicht. Bemerkte nicht ihre Schwere. Spürte nicht, dass sie einen wie Samt umhüllte. Diese Stille, die Gefahr und Abenteuer verspricht. Doch ließ diese Stille dennoch ein Geräusch erklingen: ein sanftes Atmen, das Tapsen von Füßen, aber kein Herzschlag. Eine Zunge, die über Zähne und Lippen streicht, eine Nase, die scharf einatmet und ein Mund, der die Luft anerkennend wieder ausstößt. So kündigt sich Gefahr an.
Doch davon nahm ich nicht das Geringste war. Und selbst wenn, ich hätte diese Geräusche und ihre Bedeutung nicht einzuschätzen gewusst. Genug davon.
Nahm ich schon nicht diese bedeutungsschwangere Stille wahr, dann umso deutlicher doch die Stimme, welche durch die Gasse hallte. Sie um schmiegte mich wie Samt, ließ mich warm und geborgen fühlen.
„Warum weinst du?“, fragte sie einfühlsam.
Panisch sah ich mich um. Da war Niemand! Ich war es nicht gewohnt, dass Stimmen erklangen, wo keine Menschen zu sehen waren. Ich konnte mich zwar nicht mehr an meinen Namen erinnern, wer ich war, oder wie ich hierherkam, ganz zu schweigen davon, dass ich auch nicht wusste, wo „hier“ überhaupt war, aber sofern ich mich recht erinnerte, war es nicht üblich, dass man Stimmen hörte, ohne dass es Jemanden gab, der redete.
Ich hörte also diese Stimme. Mein Wutanfall, der mich noch vor wenigen Minuten in festem Griff hielt, war nun ebenso vergessen wie mein Name. Denn diese Stimme machte mir Angst.
Wimmernd zog ich die Schultern hoch und versuchte meinen Kopf zwischen ihnen zu verstecken. Ich schlang meine Arme um meinen Körper und kniff die Augen zusammen. Vielleicht würde ich die Stimme nicht mehr hören, wenn ich jetzt ganz fest die Augen schloss und ich mich nicht mehr bewegen würde?
„Was machst du da?“ Die Stimme klang gleichermaßen irritiert wie amüsiert.
„Alles in Ordnung?“ Nun klang noch eine Spur Besorgnis mit.
Aber das wusste ich nicht. Für mich war diese körperlose Stimme nur furchterregend. Wieder wimmerte ich laut auf. Ich hatte schreckliche, furchtbar panische Angst. Sie kroch durch meine Füße, meine Beine ´, ließ meine Hände und Arme taub werden, ich konnte mich nicht mehr bewegen, nur mein Herz raste, als würde es mir gleich aus der Brust springen und davonrennen. Ein Knoten bildete sich in meinem Bauch. Mein Hunger war vergessen. Und dann rannte ich, als seien die Dämonen aller neun Höllenkreise hinter mir her, aus der Gasse hinaus, nur noch mit dem Wunsch, nie wieder zurückkehren zu müssen und nicht den Ursprung der Stimme herauszufinden.
Erst später fiel mir auf, dass es nicht zwingend von Intelligenz zeugte, ohne eine Idee zu haben wo man war (und wer), sich alleine aus einem halbwegs sicheren Schlupfwinkel zu wagen. Aber immerhin hatte ich jetzt eine Aufgabe. Manchmal muss man eben alles verlieren was man hatte, um zu erkennen, wer man wirklich ist. Bestimmt war ich eine Person, die alles viel zu wörtlich nahm. Ich musste schmunzeln, so lächerlich fand ich die ganze Situation. Ich war vollkommen orientierungslos und meine einzigen Gedanken schienen daraus zu bestehen, was für einen Charakter ich wohl haben musste. Ich rannte weiter. Tränen verschleierten mir die Sicht, ich konnte kaum mehr sehen, wo ich entlanglief. Entgegen lief. Laterne. Warte, was? Doch da durchfuhr mich schon stechender Schmerz, ich kauerte auf dem Boden und hielt meine Nase. Verflucht…. Tat das weh. Ich sah meine Finger an. Wenigstens war kein Blut zu sehen. Mit fahrigen Fingern betastete ich meine Nase. Es fühlte sich nicht so an, als ob sie gebrochen wäre… Ich stand wieder auf, zog mich dabei an der Laterne hoch und stand erstmal testweise. Die Laterne gab mir Halt dabei. Aber ich musste mehr Abstand zwischen mich und die Stimme bringen! Ich taumelte weiter. Meine Füße trugen mich immer weiter fort von der Gasse, in der ich zu mir gekommen war, weg von dem gruseligen Ort, an dem körperlose Stimmen sprachen und Waschbären einem auflauerten. Ich stolperte geradewegs auf eine große, hellerleuchtete Straße zu, welche sich hinter der nächsten Kreuzung anschloss.
„Nein!“, hörte ich noch die körperlose Stimme rufen, „Nicht auf die Straße! Das ist viel zu gefährlich!“ Doch das veranlasste mich nur noch dazu, noch schneller auf die Straße zu taumeln.
Plötzlich stand ich inmitten von Menschen. Ich riss meinen Kopf herum. Autos, Hupen, Geschrei, Gerufe, Rauschen. Die Häuser erstreckten sich bis weit in den Himmel hinein. Und mich ergriff das Gefühl der Platzangst. Mir war, als bekäme ich keine Luft mehr.
Doch da war noch Luft, die meine Lungen gierig aufsaugten. Diese Luft war kalt und es fröstelte mich. Die Häuser waren so unglaublich hoch, als wollten sie in den Himmel greifen. Wenn die Sonne jetzt strahlen würde, und es nicht später Abend wäre, würden nur wenige Sonnenstrahlen ihren Weg bis hier herunter auf die Straße schaffen. Aber diese Sonnenstrahlen wären dann grau und leblos, als würden sie durch schmutzverkrustetes Glas scheinen.
Ich kniff die Augen zusammen. Nur langsam gewöhnte ich mich an die Flut an Eindrücken, die mich umgaben.
Die Straße war grau und aus einem groben Material. Mittlerweile weiß ich, dass es kaputter Asphalt war. Ich taumelte einen weiteren Schritt vorwärts. Und fiel sogleich hin. Wie lief man noch einmal? Gerade konnte ich noch halbwegs vorwärts taumeln, doch jetzt versagten mir meine Beine wirklich jeden Dienst. Ich rempelte einen Mann an. Er roch streng nach billigem Rasierwasser und nach noch billigerem Schnaps. Er stand mit einigen anderen Männern im Schatten und lehnte sich dabei an eine Hauswand an. Sie reichten immer eine Schnapsflasche herum und beobachteten dabei die Menge, die an ihnen vorbei wogte. Kein Gesicht entging ihnen, kein Schritt wurde gemacht, ohne dass es einer von Ihnen nicht bemerkte.
Der Mann hatte schütteres, braunes Haar, das an den Schläfen schon leicht grau wurde. Er trug ein abgewetztes braunes Flanellhemd, schwarze Stiefel und eine fleckige Jeans. Ich rempelte ihn an. Er hielt mich am Ellbogen fest, halb, um mich am Fallen zu hindern, halb, um mich herum zu wirbeln und mir die Hölle heiß zu machen. In die anderen Männer war Bewegung gekommen. Sie hatte die Schnapsflasche abgestellt, ihren Platz an der Wand verlassen und waren nähergekommen. Obwohl ich eigentlich fürchterliche Angst haben sollte, fühlte ich mich mit einem Mal behütet. Geschützt. Meine Angst war völlig verflogen. Ich spürte keinen Hunger mehr, keine Kälte. Nur unendliche Ruhe durchflutete mich, ich war endlich in Sicherheit. Ich lächelte. Alles war gut.
Ich bemerkte nicht, dass die anderen Männer noch nähergekommen waren. Sie umringten mich jetzt. Der Mann mit dem schütteren Haar lächelte nicht mehr. Aus seinem Gesicht war jegliche Regung gewichen. Ich war damit beschäftigt, zufrieden zu sein. Die Männer kamen immer näher und der Mann mit dem schütteren Haar zog mich am Arm mit sich mit, in Richtung einer engen Gasse. Bestimmt würden er und die anderen mich jetzt in Sicherheit bringen.
„Hey!“, hörte ich plötzlich eine Stimme. Sie machte mich nervös. An den Rändern meines Bewusstseins war mir klar, dass mir gerade ebenso Gefahr drohte, wie schon zuvor in der Gasse. „Hey!“, rief wieder die Stimme, diesmal erklang sie deutlich lauter. Warum störte sie uns? Sah sie denn nicht, dass ich gerade gerettet wurde?
„BLEIBT STEHEN!“, brüllte nun die Stimme. Genervt runzelte ich die Stirn. Ich war wütend. Endlich wurde ich gerettet, endlich wollte mir Jemand helfen und dann kam Jemand herbei und wollte mir das ruinieren? Demjenigen würde ich jetzt mal gehörig die Meinung sagen! Ich wollte mich von dem Arm des Mannes mit dem schütteren Haar losmachen, wollte der Stimme entgegenlaufen, doch desto stärker ich versuchte, mich loszumachen, desto fester drückte er meinen Arm. Er zog mich weiter. Vor meinen Augen tanzten schwarze Flecken, so verzweifelt rang ich nach Luft. Ich kam von einer schrecklichen Situation in die nächste. Ich würde sterben, nicht wahr? Doch ich würde niemals kampflos aufgeben. Das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Alle meine Sinne waren zum Zerreißen gespannt. Mein Herz schlug so unglaublich schnell und laut, dass ich glaubte, dass alle es hören müssten. Kalter Angstschweiß bedeckte meine Haut. Voller Verzweiflung begann ich wild um mich zu schlagen. Der Mann hielt meinen Arm noch fester umspannt, hatte seine Zähne zusammengekniffen und zerrte mich mit sich. Ich schrie. Ich zog meine Knie an, stemmte mich in den Boden, wollte nicht weiter mit ihm mitgehen. Er machte mir Angst. Und ich hatte genug Angst für eine Nacht gehabt. Ach was, genug Angst für ein ganzes Leben! Mit all meiner Kraft holte ich mit meinem freien Arm aus und schlug zu. Ich traf etwas Warmes. Der Mann grunzte, ließ meinen Arm los. Und ich rannte. Musste hier weg. Rannte schneller. Ich wimmerte und weinte. Ich hörte Niemanden hinter mir herkommen. Die Männer waren in dem Schatten verschwunden. Vielleicht waren sie der Schatten selbst.
„Hey! Ich bin bei dir. Es ist jetzt alles in Ordnung. Ich passe jetzt auf dich auf.“, hörte ich die Stimme sagen, die mich aus meiner naiven Zufriedenheit gerissen hatte. Die mich gerettet hatte. Meine Muskeln brannten und begannen zu krampfen. Ich sackte in die Knie. Schwarze Flecken begannen vor meinen Augen zu tanzen.
„Hey!“, hörte ich noch, sah wie eine Person auf mich zulief, eine Hand nach mir ausstreckte und dann wurde endlich alles in Finsternis gehüllt.
Was für eine Nacht!