Traumschiff Surprise Periode 70 - Die Narzisstische Nymphomanin

GeschichteParodie, Sci-Fi / P16 Slash
James T. Kirk Jean-Luc Picard Spock Sybok William T. Riker Worf
08.09.2019
08.09.2019
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Computerlogbuch von unserem Traumschiff, Captain Pissoir.
Ja, ich bin wohl ebenso überrascht wie der Leser und/oder die Leserin (oder das Leser als Angehörige/r/s des Dritten Geschlechts), daher möchte ich nach diesem Nebensatz gleich zur Auflösung kommen: Dieses Mal beginnt die Geschichte mit einem Computerlogbucheintrag von meiner Wenigkeit und nicht etwa, wie die geneigte Leserschaft es wohl gewohnt ist, mit dem von Captain Jürgen Thorsten Kork vom unserem Traumschiff Surprise aus dem ebenso einfachen wie tragischen Grund, dass die gesamte Kernbesetzung der Surprise entführt wurde! Ja, diesmal handelt es sich in der Tat um die gesamte Besetzung und nicht etwa nur um die Sekretärin Bora-Bora, wie es beim letzte Mal noch der Fall war.
Und diesmal auch nicht etwa von den Klingonen oder der selbst- und fremdgefährdenden Spezies der sogenannten „Dimmu-Borg“ oder gar von deren selbsternannten Anführer Harald Girgl. Oh nein. Diesmal ist es sogar noch schlimmer!
Ja, Herrschaftszeiten, wo fange ich denn eigentlich an? Ich weiß ja noch nicht einmal, wo mir der eigene Kopf steht! Angefangen hat die ganze Tragödie mit dem Besatzungswechsel meines Schiffes, der ESS Kreisler. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Willi Reiher vom Planeten Vegan, ein ziemliches Greenhorn der Sternenflotte, zu meinem ersten Offizier befördert worden war! Nein, das reichte anscheinend nicht, obwohl wir wegen diesem Veganer die ganze Zeit einen Umweg fliegen müssen, weil der feine Herr sich weigert, die Abkürzung über die Milchstraße zu nehmen. Nein, wir haben jetzt auch noch einen Klingongen an Bord! Dabei handelt es sich noch dazu um keinen Geringeren als den Leutnant Wurf, den wohl schlimmsten Angehörigen dieser Rasse. Außerdem war er derart ungepflegt und hat auch aus allen möglichen und unmöglichen Körperöffnungen gestunken, sodass wir ihm nicht nur einen Besuch bei Starfriseur Udo Walz sondern auch einen Wellness-Aufenthalt in Ampflwang am Hausruck finanzieren mussten. Jetzt riecht er einigermaßen gut und hat auch einen stylischen Kurzhaarschnitt statt der für Klingonen üblichen verfilzten Lockenmähne, aber diese Manieren! Vielleicht bin ich als gebürtiger Franzose etwas dazu geneigt, in manchen Fällen überzureagieren, aber wenn jemand beim Essen aussieht wie ein Schwein, dann vergeht mir einfach der Appetit. Zum Glück hat Udo Walz dem Leutnant auch seinen struppigen Bart gestutzt, in dem sich zuvor Essensreste und weiß unser lieber Herrgott was noch alles angesammelt hatte.
Ich bemerke gerade, dass ich schon wieder zu sehr ausschweife. Aus diesem Grund lassen die mich sonst nie den Logbucheintrag verfassen, aber aus einer Not heraus komme heute ich sozusagen zum Handkuss. Denn die einzige Sprache, die Leutnant Wurf in Wort und Schrift beherrscht ist leider nur Klingonisch und unsere Prinzessin vom Planeten Vegan hat sich beim letzten Mal Tippen einen Fingernagel abgebrochen, sodass Kommandant Willi Reiher in nächster Zeit wohl keine Computertastatur mehr anfassen wird.
Der langen Rede kurzer Sinn: Leutnant Wurf, Kommandant Reiher und meine Wenigkeit wurden von meinem Schiff, der ESS Kreisler, auf die Surprise gebeamt. Mein Schiff befindet sich zur Zeit in der Obhut von Captain Kathrin Schlampe, die extra zu diesem Zweck von ihrem eigentlich wohlverdienten Bauernhof-Urlaub auf dem Neptunmond Galatea zurückgebeamt wurde. Ich hoffe, die noch sehr junge Kapitänin parkt mein Schiff einigermaßen unfallfrei ein und stellt es auch nicht im Halteverbot ab (denn das würde teuer werden, ich weiß, wovon ich spreche...)

Aber begonnen hat unsere äußerst dubiose Geschichte damit, dass auf dem Berliner Raumflughafen (der nach all den Jahrhunderte noch immer nicht fertiggestellt ist) ein Schiff vom Typ ZRX 243 mit dem Volumen eines Sternenzerstörers gelandet war und einen Schaden von bisher unbestimmtem Ausmaß angerichtet hatte. Ergo, es hatte sich dabei um eine Notlandung, beziehungsweise eine Bruchlandung gehandelt. Nun ist es aber so, dass auch Not- und Bruchlandungen genaugenommen auch Landungen sind und es sich dabei nicht etwa um einen Absturz handelt. Daher konnte man sich nicht erklären, wie um alles in der Welt (und im Rest des Universums) es dem einzigen lebenden Wesen, das sich zur Zeit der Landung an Bord des Schiffes befand, ein derart kühnes Manöver gelungen war.
Bei dem Mann, der das Schiff zweifelsohne völlig auf sich allein gestellt gelandet hatte, wenngleich diese Landung auch nicht unbedingt graziös gewesen war, handelte es sich – sofern man ihn überhaupt als Mann im eigentlichen Sinne bezeichnen konnte – um einen Angehörigen der Spezies 'Vulkanette Vulgaris' vom Planeten Vulkaning. Aber damit nicht genug, der Vulkaninger hörte auf den Namen Bernadette Spuck, was ihn zu keinem Geringerem als dem Zwillingsbruder (oder der Zwillingsschwester, je nachdem, von welchem Planeten man kommt und ob man politisch eher links, rechts, in der Mitte, draußen, innen oder wo auch immer steht) des ersten Offiziers von unserem Traumschiff machte. Nun war es aber so, dass Bernadette nicht nur zwei Minuten zu früh auf die Welt gekommen war und damit bereits gegen die erste Vorschrift der Gesellschaft der Vulkaninger verstieß. Nein, er weigerte sich auch gegen die strikt vorgeschriebene Frisur, den sogenannten Pisspotthaarschnitt und verzichtete sofort, nachdem bei ihm nach der Pubertät der Bartwuchs eingesetzt hatte, auf die rituelle Rasur der Vulkaninger. Schon bald nannte man ihn nur noch die 'Bärtige Bernadette', doch Brigitte Spucks Zwillingsbruder funktionierte diesen Spottnamen schon bald in einen Künstlernamen um – denn er frönte den verschiedenen Künsten wie Musik, Malerei und sogar dem Dichten. Dadurch machte er sich nicht nur optisch sogleich zum Außenseiter dieser engstirnigen Gesellschaft. In der Schule versuchte man zwar noch, Bernadette Spuck in den vorgegebenen Rahmen der Vulkaninger zu pressen, doch gelang dies nur bedingt. Der Vulkaninger verweigerte zudem strikt die Tradition, sich (außer natürlich zu Fortpflanzungszwecken) sich ausschließlich mit dem eigenen Geschlecht zu paaren. Dies wurde dem Ältestenrat der Vulkaninger schließlich zu viel, weshalb man schon bald beschloss, die renitente Vulkanette Bernadette vom Planten Vulkaning zu verbannen.
Bernadette hatte aber Glück im Unglück, ebenso wie sein Bruder Brigitte, der bekanntlich zur Sternenflotte gegangen war. Beide Vulkanetten waren nämlich nicht anwesend, als der Planet Vulkaning, der seine Bevölkerung nicht länger ertragen konnte, sozusagen Selbstmord beging. Der inzwischen schwer depressiv gewordene Planet hatte noch dazu an einem schweren Bore-Out-Syndrom gelitten und sich das Leben genommen, indem er schlicht und einfach implodiert war und die unsägliche Rasse der Vulkanetten natürlich mit sich in den Tod gerissen hatte.

Wie dem auch sei, die Vulkanette Bernadette Spuck wurde nach der Landung des Schiffes vor den obersten Gerichtshof der Königin Metapha gebracht. Die Anklage lautete auf dringenden Verdacht, die gesamte Besatzung des Schiffes, das übrigens die Bezeichnung ESS Dildo besaß, ermordet zu haben. Bei der Untersuchung des Schiffes war nämlich festgestellt worden, dass der sich an Bord befindliche Beamer mehrere Male betätigt worden war – eigentlich genau so oft, wie sich Crew-Mitglieder auf dem Schiff befunden haben dürften. So war Bernadette Spuck in Verdacht geraten, die gesamte Besatzung der ESS Dildo einfach in den Weltraum hinaus gebeamt und auf diese, nebenbei bemerkt ausgesprochen grausame, brutale und noch dazu verachtenswerte Art und Weise, ermordet zu haben.
Natürlich bestritt Bernadette Spuck die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen. Eigentlich war es ja allgemein bekannt, das Vulkanetten nicht lügen können und so war das hohe Gericht kurz davor, Bernadette Spuck sogar schon freizusprechen. Doch dann kam Senator Bean auf die blendende Idee, doch den Zwillingsbruder der Vulkanette, also natürlich Kommandant Brigitte Spuck, gegen den abtrünnigen Vulkaninger auszusagen. Da sich die ESS Surprise zufälligerweise gerade auf Landurlaub befand, holte man Mister Spuck sofort als Zeuge in den Gerichtssaal. Man ließ dabei natürlich außer Acht, dass Spuck eigentlich gar kein Zeuge war sondern einer anderen Glaubensgemeinschaft angehörte.
Mister Brigitte Spuck sagte anschließend dennoch gegen seinen Zwillingsbruder aus, obwohl sich eigentlich alles in ihm dagegen gesträubt hatte. Doch seine Natur als Vulkanette drängte ihn dazu, die Wahrheit zu sagen. So kam letzten Endes ans Licht, dass Brigitte und Bernadette Spuck keine reinrassigen Vulkanetten waren, sondern Mischlingsrüden. Da Bernadette Spuck allerdings zwei Minuten zu früh geboren war, war sie auch zwei Minuten früher gezeugt worden, was auch ein Indikator dafür war, dass Bernadette sogar einen anderen Vater hatte als Brigitte. Womöglich war es sogar der Fall, dass Bernadette eine andere Mutter hatte, was die beiden noch nicht einmal zu Halbbrüder machen würde. Dennoch war sich Brigitte Spuck ziemlich sicher, dass Bernadette und er zumindest eine gemeinsame Mutter hatten, was sie nach vulkaningischem Recht natürlich zu Brüdern machte. Aber, was noch viel wichtiger war, war die Tatsache, dass Bernadette Spuck in der Tat lügen konnte! Dies hatte den Grund, dass er sich schon in frühen Jahren gegen die strikten Regeln der Vulkaninger entschieden hatte und, obwohl er genetisch gesehen noch eine Vulkanette war, Bernadette Spuck daher als Vulkanette einer neuen Generation galt – und gleichzeitig als Vulkanette der alten Generation. Denn die frühen Bewohner Vulkanings waren in der Tat emotionale Wesen, die es mit den Regeln und der Wahrheit nicht so genau genommen hatten. Bevor die strikte Gesellschaft mit all den engen Regeln entstanden war (weshalb der Planet sich letzten Endes sogar das Leben genommen hatte), waren die Vulkanetten nämlich ganz anders gewesen. Sie hatten der Lust und dem Laster gefrönt, waren Wein, Weib und Gesang ebenso wenig abgeneigt wie Sex, Drugs und Rock 'n' Roll, ergo, sie genossen das Leben in vollen Zügen. Ebenso wie die heutigen Menschen waren sie auch nicht Willens, die Konsequenzen für ihr Verhalten zu übernehmen. Da wurden schon mal Radarstrafen, Parkgebühren und auch die einen oder anderen Alimente einfach nicht bezahlt, es wurde Musik- und Videopiraterie betrieben und, und, und. Ich könnte noch weiter ausschweifen, da ich mich persönlich ja als Vulkanetten-Experte bezeichne, wobei dies in Zeiten wie diesen völlig ohne Bedeutung ist, da es ja nur noch zwei Exemplare gibt und es sich bei diesen noch nicht einmal um reinrassige Vulkanetten handelt.
Die letzte Instanz, ergo Königin Metapha, befand den abtrünnigen Vulkaninger schließlich für Schuldig im Sinne der Anklage – und sogar in allen Anklagepunkten. So wurde Bernadette Spuck für den Mord an siebenundzwanzig unschuldigen, zum Teil jedoch nicht mehr jungfräulichen Personen zur Abschiebung auf den Gefängnisplaneten Vaselina verurteilt. Die Tatsache, dass es eine schier unglaubliche Leistung gewesen war, die ESS Dildo völlig allein auf einem Planeten zu landen – wenngleich auch 'nur' notzulanden – wurde dabei vom Hohen Gericht aber völlig außer Acht gelassen. Da ein solches Manöver eigentlich als unmöglich galt, müsste Bernadette Spuck gesetzt diesen Falles nämlich als einer der besten Piloten des bekannten Universums gelten! Aber in diesem Moment waren alle, einschließlich Metapha, derart angepisst. Der gesamte Prozess wurde übrigens hauptsächlich von Emotionen dominiert, was wiederum sehr paradox erscheint, da es sich um die Anklage einer Vulkanette handelte – einem Angehörigen einer Spezies, von der man bis dato vermutete, sie hätten gar keine Emotionen!
Vollstreckt sollte das Urteil von der Besatzung der ESS Surprise werden. Natürlich wurden Einsprüche erhoben, da sich Bernadette Spuck ja auch auf der ESS Dildo in Gefangenschaft befunden haben soll, aus der er sich befreit hatte und somit jenes Verbrechen begangen haben soll, das ihm zur Last gelegt worden war. Mit der Begründung, dass die Gefängniszellen der Surprise eine höhere Sicherheitsstufe aufweisen (da man die Gefangenen dort nicht nur anketten sondern auch auspeitschen kann), wurden alle Einsprüche letzten Endes von Königin Metapha abgelehnt. Auch Senator Bean, der für eine Verurteilung der Vulkanette Bernadette zum Tod durch den Strang gewesen wäre, wurde zum Schweigen gebracht.
So wurde Bernadette Spuck im der sogenannten 'Freudenzelle' der ESS Surprise festgeschnallt und das Traumschiff machte sich auf den Weg zum Gefängnisplaneten Vaselina, wo der Gefangene von Bord hätte gebeamt werden sollen. Wie wir heute aber wissen, kam die Surprise dort aber nie an.

Wie der Zufall, der Teufel oder zumindest irgend eine ziegenbärtige Fügung des Schicksal es wollte, erreichte der Hilferuf von der Surprise zuerst die ESS Kreisler, was wohl in erster Linie etwa daran lag, dass wir jenes Schiff waren, welches der Surprise am nächsten war, sondern einzig und allein den Grund hatte, dass Captain Kork meine Nummer noch immer nicht gelöscht hatte. Ich weiß, dass die kleine Schlampe sich noch immer Hoffnungen bei mir macht, obwohl ich ihm schon klipp und klar gesagt habe, dass er einfach nicht mein Typ ist!
Wie dem auch sei, wir mussten dem S.O.S.-signal natürlich Folge leisten. So näherten wir uns der ESS Surprise, natürlich von hinten, und ließen uns von Jim Beam an Bord beamen.
Die Stille war grauenhaft und erdrückend. An Bord des Traumschiffs befand sich keine Menschenseele mehr und auch keine Angehörigen irgend einer anderen Spezies konnten wir dort noch antreffen. Am Boden befanden sich Pfützen von Prosecco, in denen wir Splitter der dazu gehörigen Sektflöten finden konnten. Natürlich waren diese zerbrochen. Im Kühlschrank, der sich bereits außer Betrieb befand, entdeckten wir bereits schimmlig gewordene Käse-Sahne-Rationen. All das erweckte den Anschein, die gesamte Crew wäre fluchtartig aufgebrochen. Irgend etwas – oder irgend jemand – hatte sie wohl derart erschreckt, dass sie sich einfach panisch von Bord gebeamt hatte. Vorerst deutete alles darauf hin, dass sie ebenfalls – wie es scheinbar bei der Crew der ESS Dildo der Fall war – jämmerlich im Vakuum des Alls erstickt wären... oder besser gesagt, dass ihre jämmerliche Existenz im Vakuum des Alls ein angemessenes Ende gefunden hätte. Der Veganer hatte aber die blendende Idee, sich die Aufzeichnungen anzusehen, die vor dem Tathergang (von dem wir damals noch nicht einmal wussten, dass es einer war) gemacht worden waren. Leider sind die meisten Bilder verwackelt und der Ton ist von relativ schlechter Qualität, dennoch konnten wir in etwa rekonstruieren, was in den letzten Stunden und Minuten vor dem nicht allzu mysteriösen Verschwinden der gesamten Crew der Surprise anscheinend vorgefallen war.

Am 09. September, Sternzeit 12:26
Captain Kork und Dip.-Ing. (FH) Schrotty spielen Federball auf der Kommandobrücke, während Mr. Spuck verzweifelt versucht, einen Zauberwürfel zu lösen, der auf drei Seiten pink und auf drei Seiten weiß ist. (Anm.: Uninteressant. Der Veganer spult das Band vorwärts.)

Sternzeit 13:33
Captain Kork, Spuck und Schrotty singen dreistimmig das politisch unkorrekte Lied: „Lustig ist das Zigeunerleben.“ Dreistimmig ist dabei relativ, da jeder von ihnen die Tonlage Tenor hat. Dennoch entstehen durch das falsche Katzengejaule drei unterschiedliche Singstimmen. Wir hören uns das Lied an, da der Veganer Willi Reiher vermutet, dass  darin eine geheime Botschaft versteckt sein könnte. Er kann nichts finden.
Die drei „Tenöre“ stimmen anschließend das politisch noch viel unkorrektere Lied „Zehn kleine Negerlein“ an. Der Veganer und ich beschließen einstimmig, dass wir uns nicht auch noch durch diese Darbietung quälen wollen und wir spulen das Lied weiter nach vorne.

Sternzeit 16:55
Der Alkoholspiegel der Besatzungsmitglieder hat sich offensichtlich verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht (Anm.: Wahrscheinlich durch den permanenten Konsum von Prosecco, der auf der Surprise wie Wasser getrunken wird). Es gibt die wahrscheinlich dritte oder vierte Ration Käse-Sahne-Torte des Tages. Mr. Spuck ist in hysterisches Dauerkichern ausgebrochen, der Auslöser dafür ist nicht erkennbar. Captain Kork und DI Schrotty spielen Boccia im dafür eigens angelegten Sandkasten der Brücke. Der Veganer spult das Band weiter nach vorne.

Sternzeit 22:15
Ab jetzt wird es interessant.
Die Crew-Mitglieder, die sich auf der Brücke befinden, laufen hysterisch und aufgebracht herum, wie aufgescheuchte Hühner. Man erkennt sofort, warum: Auf dem Hauptschirm ist plötzlich ein schier grauenhaftes Szenario zu bemerken. Es handelt sich dabei, wie könnte es auch anders sein, um eine Frau. Leider ist kaum etwas zu erkennen, doch was wir sehen, lässt uns das Blut in den Adern gefrieren. Obwohl sich in mir innerlich alle Haare sträuben, bitte ich Kommandanten Willi Reiher, die Aufzeichnung dieser Videoübertragung zu suchen. Er wird schließlich fündig.

Im Gegensatz zu den schlechten, verwackelten und verpixelten Aufzeichnungen der Aktivitäten auf der Brücke der Surprise vor dem Verschwinden der Crew-Mitglieder war die Aufzeichnung über das Gespräch nicht nur ausgesprochen gut erhalten sondern besaß auch hervorragende Bild und Tonqualität. Kommander Willi Reiher und ich sahen uns das Video an und hofften bereits nach wenigen Sekunden, wir hätten es nicht getan.
Captain Kork, wahrscheinlich der einzige der Crew, der noch einigermaßen seinen kühlen Kopf behalten hatte, hatte wohl über den Schirm Verbindung mit dieser Frau aufgenommen. Ich kann nur ahnen, welch unsägliches Leid der Kapitän allein schon durch ihren Anblick durchgestanden haben muss. Noch nicht einmal das Grauen der sogenannten 'Sexy Sportclips', die früher nach Mitternacht auf einem Sportsender ausgestrahlt worden waren, den es zum Glück schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gibt, reichte an den Anblick dieser Frau heran.
Sie saß auf einen Billardtisch und räkelte sich dabei in Posen, die zwar jeder heterosexuelle Mann in vollen Zügen genossen hätte, die in Captain Jürgen Thorsten Kork aber wohl das blanke Entsetzen hervorgerufen haben mussten. Man beachte dabei, dass er durch seine Sekretärin Bora-Bora dabei aber schon so Einiges gewohnt war! Dennoch musste dieser Anblick wohl dafür gesorgt haben, dass bei ihm alle Sicherungen durchgebrannt waren.
Als ob all dies noch nicht ausreichend gewesen wäre, hatte diese Beckenrandschönheit des Billard-Pools auch noch ein schwarzes Top an ihrem schier perfekten Leib, dessen Ausschnitt ein Dekolleté sehen ließ, von dem selbst jede Kellnerin auf dem Oktoberfest nur hätte träumen können. Dies entlockte Captain Kork natürlich ein eifersüchtiges: „Die kann so was anziehen, bei der Figur!“ Man konnte Jürgen Thorsten Korks Gesicht in dem Moment nicht sehen, aber ich bin mir sicher, er war vor Neid grüner als ein Christbaum.
Da ich bis heute ihren Namen nicht kenne, bezeichne ich sie noch immer nur als die 'Narzisstische Nymphomanin'. Der Leser und/oder die Leserin dieses Computerlogbucheintrags soll mir bitte nicht böse sein, diese Bezeichnung stammt natürlich nicht von mir sondern von dem Veganer, Kommandant Willi Reiher.
Zu allem Überfluss hatte diese offensichtliche Traumfrau – für mich und Kork eben Albtraumfrau – ihre prallen Schenkel und die perfekt gerundeten Pobacken, die man mit einem Kurvenlineal nicht besser hätte zeichnen können, in eine enge, schwarze Hose gehüllt, kurz, sie zeigte schier alles, was sie zu bieten hatte. Auf dem dunklen, perfekt geföhnten, geglätteten und zu allem Überdruss noch makellos gestylten Haar trug sie ein silbernes Krönchen mit funkelnden Swarovski-Kristallen, was ihr fein geschnittenes Puppengesicht noch einmal mehr zur Geltung brachte und in den perfekt manikürten Fingern trug sie einen Zauberstab, an dessen Spitze sich ein Sternchen befand.
Als sie sprach, tat sie das mit der wohl unangenehmsten Stimme, die das menschliche Ohr noch wahrnehmen kann. Oh Gott! Ich hoffe, dass ich diese Stimme nie wieder hören muss!

„Ich bin“, begann die laszive Göttin auf dem Billard-Pool, „die Herrin des Universums. Ob ihr nun Miss Austria, Miss Europe oder Miss Waikiki seid, ist mir, gelinde gesagt, schnurzpiepscheißegal. Denn ich bin Miss Universe – und zwar die echte! Das gesamte verdammte Universum gehört mir, mir allein! Ihr werdet alle nach meiner Pfeife tanzen, ihr werdet tun, was ich sage und ihr werdet mir zu Diensten sein! Denn ich bin das perfekte Wesen, dem ihr die Füße küssen werdet – und auch den Arsch! Ihr werdet meinen Speichel von der Spitze meiner Stiefel lecken und mich ehren, denn allein Ehre ist es, die mir gebührt. Und allein mir gebührt die Ehre. Wenn ich euch behandle wie die Maden, die ihr seid, erwarte ich, dass ihr euch dafür bedankt. Warum? Na, weil ich mich in meiner unermesslichen Gnade auch noch auf eure Stufe herablasse, ihr Gewürm! Also betet mich an, die Herrin auf dem Thron, ihr Amöben aus der Kanalisation!“ Dabei fuchtelte sie wie eine wild gewordene Furie mit ihrem Zauberstab herum. „Die Vinyl-Göttin vom Mars kann sich schon mal warm anziehen“, spöttelte sie dann, „denn nicht einmal die ist noch eine Konkurrenz für mich. So badet im Licht meiner gewaltigen Ausstrahlung, bevor ich euch zerquetsche wie das Ungeziefer, das ihr seid! Aber davor...“, sie wedelte wieder mit dem Zauberstab, „werdet ihr mir alle zu Füßen liegen! Alle!“
„Ich hab's gewusst, der Herrgott ist eine Frau!“, entfuhr es Schrotty. „So gehässig kann aber auch nur ein Weib sein! Pfui Teufel!“
„Ach, halt's Maul, Schrotty!“, schimpfte Captain Kork. „Das ist doch nie im Leben der Herrgott! Das ist doch nur wieder eine von diesen Emanzen, die sich aufspielen, als würden's ganz allein sein im Universum. Keine Panik auf der Titanic... ich meine, auf der Surprise, natürlich. Das kriegen wir schon wieder hin. Ich glaube nämlich, dass es sich hier um einen klassischen Fall von 'Große Klappe und nix dahinter' handelt. Tja, so sind's halt, die Weiber. Ich weiß schon, warum ich...“
„Pah!“, unterbrach ihn die narzisstische Nymphomanin. „Oh Captain, my Captain, diesmal irrst du dich aber gewaltig. Noch in wenigen Minuten wirst du das Ausmaß meiner unendlichen Macht zu spüren bekommen. Das heißt, natürlich in jener Dosis, die dein primitives Gehirn überhaupt verarbeiten kann! Mein Reich wird kommen, Captain Jürgen Thorsten Kork!“
„Wieso“, fragte Mr. Spuck eher sich selbst als die nymphomanische Erscheinung, „wird dein Reich erst kommen, wenn du behauptest, du wärst bereits die Herrin des Universums? Ich bin nicht gerade der Schlauste, aber... so viel verstehe ich schon, dass... nun ja, das eine ist Präsens und das andere ist Futur... oder vielleicht sogar Futur Zwei?“
„Schnauze, Unwürdiger!“, herrschte die Frau auf dem Billardtisch die Vulkanette an. „Mein Reich ist nicht an diese Raumzeit gebunden, denn ich stehe über allen Dingen! Ihr wollte Beweise sehen? Nun gut, ich kann euch dazu bringen, euch selbst von Bord zu beamen. Mein Zauberstab ist dabei nicht vonnöten, den habe ich nur aus einer leeren Seifenblasendose. Nein, es ist mein Geist, der derart weit über jeglicher Materie steht, dass er jeden von euch kontrollieren kann – ich habe die Macht über jedes einzelne eurer primitiven Gehirne! Genau so war es auch bei dem letzten Schiff, dass ich überfallen habe. Die gesamte Besatzung der ESS Dildo ist nun mir zu Diensten, alle sind sie meine Sklaven geworden!“
„Mit Verlaub, Miss Universe“, meldete sich Mr. Spuck dann wieder zu Wort. „Aber ich glaube nicht, dass Sie alle erwischt haben. Denn es gibt da so ein Gerücht, dass es ein Mann geschafft hat, Ihnen zu widerstehen. Und zufälligerweise gehöre ich der selben Spezies an wie eben dieser Mann.“
„Pah!“, machte die Frau nun wieder. „Gerüchte! Nur Gerüchte! Zumal die ESS Dildo in den Weiten des Universums verloren gegangen ist – oder vielleicht wurde sie in den Orbit irgend eines Planeten gezogen und ist in deren Atmosphäre verglüht. Wen interessiert's?“
„Mich interessiert's“, bemerkte Captain Kork dann und streifte unterstreichend mit einer Hand über sein Kinn. „Weil die USS Dildo während unseres Landurlaubes auf der Erde gelandet ist, nämlich! Genau! Und? Was sagst du jetzt, du hinterfotziges Luder, du?“
„Das“, entfuhr es der Frau, die sich vor einiger Zeit noch als die Herrin des Universums ausgegeben hatte, „ist doch vollkommen unmöglich! Meinen Berechnungen zufolge...“
Nun war es an Kork, die Dame zu unterbrechen. „Dann haben Sie in der Schule wohl im Mathe-Unterricht nicht aufgepasst“, sagte er schnippisch. „Oder Sie haben gefehlt, wenn es um die Berechnungen zur Krümmung des Raumes ging... Miss Universe“, fügte er dann noch spöttisch hinzu. „Vielleicht sind Sie mächtig, aber so mächtig sind Sie dann auch wieder nicht. Auf jeden Fall scheinen Sie nicht gerade allmächtig zu sein. Da gibt’s ja immer diese blöden Witze, ob der liebe Herrgott vielleicht so allmächtig ist, dass er einen Stein erschaffen kann, den er selber nicht mehr aufheben kann. In deinem Fall handelt es sich bei diesem Stein wahrscheinlich um die Spezies der Vulkanetten vom Planeten Vulkaning, Gott sei seiner Weltenseele gnädig. Denn ohne jeden Zweifel können Sie die Vulkanetten weder kontrollieren noch manipulieren. Das können Sie vielleicht mit uns Menschen, mit Hirschen, Hasen, Rehen oder Hunden machen – aber nicht mit unserem lieben Freund Brigitte Spuck hier.“
„Beim letzten Mal“, knurrte die noch immer unbekannte Frau, „habe ich vielleicht einen Fehler gemacht. Ja, ich gebe zu, dass meine telepathischen Kräfte nicht ausreichen, die Gehirne der Vulkanetten vom Planeten Vulkaning zu kontrollieren. Aber in dem Fall macht das nichts. Auch der Supermann hat eine Schwäche – das Kryptonit. Vielleicht bin ich nicht ganz allmächtig, aber ich bin zumindest mächtiger als ihr Menschen. Wenn demnach die Vulkanetten meine Schwäche sind, dann ist das absolut kein Problem – denn, wie mir zu Ohren gekommen ist, ist euer lieber Mr. Spuck hier einer der letzten seiner Art. Vielleicht ist er sogar der letzte? Um auf meinen Fehler vom letzten Mal zurück zu kommen: ich bin nicht derart betriebsblind, dass ich nicht etwa aus meinen Fehlern lernen würde. Beim letzten Mal habe ich die Vulkanetten wahrscheinlich unterschätzt. Ich unterschätzte ihre Macht – oder zumindest ihre Sturheit. Das Problem dabei war, als ich das erkannt habe, war die Vulkanette bereits der letzte Passagier an Bord. Ich konnte den Vulkaninger also nicht dazu manipulieren, sich selbst von Bord zu beamen. Aber heute ist es anders – heute kann ich einen von euch Menschen dazu bringen, mir zuerst einmal die Vulkanette hier rüber zu beamen, noch bevor er sich selbst wegbeamt. Ich weiß, dass ihr wisst, was ich meine.“ Mit ihrer grauenvollen Stimme ließ sie ein schauderhaftes Lachen erschallen.
„Mein Gott, Spucky!“, entfuhr es Kork. „Sie hat Recht... leider hat sie Recht.“
„Ja, Captain“, sagte Mr. Spuck traurig und ließ die Ohren hängen. „Dann ist das hier wahrscheinlich unser letztes Abenteuer.“

Zumindest war dies das letzte Lebenszeichen der Kernbesatzung des Traumschiffs ESS Surprise.
Das nächste, was der Veganer und ich hörten, war der gellende Schrei einer Frau.
Sofort stürmten wir in Richtung Heck, da wir vermuteten, das Gekreische würde von dort kommen. Wir hatten Recht. Doch das Grauen nahm kein Ende, denn was wir dort fanden, schockierte uns dermaßen, dass ich es noch immer nicht richtig fassen kann.
Das erste, was ich sah, war meine neue Praktikantin Santonina. Offensichtlich war sie es gewesen, die geschrien hatte, denn ihr standen all jene Haare zu Berge, sie sie sich nicht zugunsten ihrer sogenannten „Undercut-Frisur“ abrasiert hatte. Der Schock hatte die Neunzehnjährige wohl in eine Art Starre versetzt, sie bewegte sich kaum, war kalkweiß im Gesicht (was eigentlich nichts Neues bei der bekennenden Anhängerin der Gothic-Kultur war) und spielte nervös mit einem ihrer zahlreichen Piercings. Ich bedeutete dem Veganer mit dem Kopf, dass er sich um die Praktikantin kümmern solle und Willi Reiher verstand natürlich sofort. Er trug das Mädchen sofort aus dem Raum, was ihm nicht besonders schwer fiel, da der durchtrainierte Veganer körperlich relativ stark war und Santonina steif war wie ein Bügelbrett.
Erst dann erkannte ich, was das Mädchen derart entsetzt hatte. Ich stand mitten in einem Raum, den ich zwar in dem Film „Fifty Shades of Gay“ aber noch nie zuvor in Natura gesehen hatte. Die Wände der sogenannten „Freudenzelle“ waren rot gestrichen. Vielleicht hatte dies aber auch nur den Anschein, da das Zimmer mit roten Neonröhren ausgeleuchtet war, vielleicht war aber auch beides der Fall. Oder aber, was die absolute Härte wäre, war das Zimmer rot und es handelte sich bei den Neonröhren um handelsübliche Leuchtstoffröhren, die gar kein rotes sondern weißes Licht produzierten. Wie dem auch sei, ich kann es heute nicht mehr sagen, zumal ich diesem Raum seither meide wie der Teufel das Weihwasser. Was ich noch sagen kann, ist, dass an den Wänden alles mögliche und unmögliche Spiel- und Werkzeug herumhing. Wenn ich Spielzeug sage, meine ich damit aber nicht etwa, was man bei Toys R Us kaufen kann, im Gegensatz dazu war das Werkzeug aber in der Tat von jener Natur, wie man es bei Hornbach oder Obi oder dergleichen bekommt. Daneben gab es jede der Menschheit bekannte Form von Peitschen, Gerten, Ruten und Paddeln. Einige Liegen, Tragen und auch Betten standen überall herum und auch von der Decke baumelten Ketten mit Handschellen, an denen man wohl sein Opfer von der Decke „schweben“ lassen konnte. Wohl um die Opfer noch zusätzlich zu quälen drangen aus den Boxen, die in allen Ecken des Raumes angebracht waren, die größten Hits von Helene Fischer und Andreas Gabalier.
In der Mitte des Raumes befand sich aber der Gipfel dieser Perversion.
Es handelte sich dabei um ein Andreaskreuz, das aber nicht etwa dazu da war, einen beschrankten oder gar unbeschrankten Bahnübergang zu markieren. Nein, an diesem Kreuz hing jemand, der auf den ersten Blick wie ein Mensch aussah. Zum Großteil schien er nackt zu sein (so genau wollte ich mir diesen armen Teufel gar nicht erst ansehen), er trug aber etwas wie einen Keuschheitsgürtel und eine Maske, die den gesamten Kopf verhüllte. Beides hätte der Veganer wohl nicht einmal mit einem Stock angefasst, ich konnte mich aber dazu überwinden, der armen Sau zumindest die Ledermaske vom Kopf zu ziehen. Das Gesicht, das darunter zum Vorschein kam, war zweifelsohne das einer bärtigen Vulkanette. Unweigerlich musste ich trotz des Bartes und seiner langen Haare, die der Vulkaninger zu einem kunstvollen Man Bun verarbeitet hatte, an meinen Kollegen Spuck denken. Die Vulkanette hatte nämlich spitze Ohren, wenngleich diese auch nicht so stark ausgeprägt waren wie es bei seinem Zwillingsbruder der Fall war, und nach oben hin zulaufende Augenbrauen. Diese waren zwar nicht so gepflegt oder gar gezupft, trotzdem identifizierten sie den Mann, der noch immer auf dem Andreaskreuz festgeschnallt war, zumindest als Mischlingsrüden der Spezies „Vulkanette Vulgaris“.
„Hey, Pimmelbirne“, spie der Vulkaninger mir sogleich viel zu unfreundlich entgegen. Er hielt es offenbar nicht einmal für notwendig, sich dafür zu bedanken, dass ich ihn von seiner engen Maske befreit hatte. „Wie lange willst du mich denn noch anglühen? Ich weiß, ich bin ein schneidiger Bursche, aber falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Ich bin hier festgeschnallt. Und zwar nicht gerade auf einem Schlafsystem von Wenatex sondern auf einem gottverdammten Andreaskreuz. Ich meine... wenn's nach mir ginge, könnte ich ja noch weitere fünf Tage in dieser Position verbringen, aber dann bräuchte ich mindestens jeden Tag eine Thai-Massage. Außerdem, wenn ich schon die Möglichkeit habe, aus dieser Lage befreit zu werden, würde ich die dann doch ganz gern in Anspruch nehmen.“ Man kann sich vorstellen, dass ich zuerst einmal so perplex war, dass ich gar nichts sagen konnte. Der Vulkaninger fasste dies aber wohl falsch auf und stöhnte kurz. „Also noch einmal, ganz langsam und zum mitschreiben: Ich will hier runter!“, schrie er mich dann plötzlich an.
Natürlich machte ich ihn sofort los. Die Vulkanette plumpste wie ein nasser Sack auf den Boden, da sie ja bereits fünf Tage an dieses Kreuz geschnallt gewesen war und daher noch kaum Gefühl in ihren Gliedern hatte. Höflich, wie ich nun mal bin, beugte ich mich zu dem Gefangenen hinunter und wollte ihm auf die Beine helfen. Die Vulkanette stieß mich aber weg. „Bleib mir bloß vom Leib!“, keuchte der Mann vom Planeten Vulkaning. „Du hast nicht den blassesten Schimmer, was ich durchgemacht habe! Wer zum Geier hatte denn diese Schnapsidee, drei kranke Tucken bei der Sternenflotte der ESA einzustellen und denen auch noch ein eigenes Schiff zu geben? Hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, was diese drei Prinzessinnen auf dem Schiff den lieben langen Tag so alles treiben? Und ich wähle bewusst den Terminus 'treiben', du kannst dir also vorstellen, was hier los war! Ich will dir jetzt nicht alles erzählen, vor allem, weil ich für die meisten Perversionen gar keine Worte finde, aber... nun ja, du siehst ja dieses Zimmer, oder nicht? In Zusammenhang mit dem, was du schon alles über die Kernbesatzung der Surprise gehört hast, kannst du dir vielleicht so einiges ausmalen. Aber glaube mir, selbst deine kühnsten Vorstellungen und Fantasien reichen nicht an das Grauen heran, das ich hier gesehen habe! Versteh mich nicht falsch, Pimmelkopf, ich bin nicht etwa homophob, aber... man kann sich doch zumindest ein bisschen zusammenreißen. Ich meine... wir sind ja schließlich keine Tiere!“ Er machte eine kurze Pause. „Schlimm genug, dass mein Bruder da auch dabei ist! Ich hab ihm ja schon immer gesagt, dass die Menschen einen schlechten Einfluss auf ihn haben! Aber er wollte ja nicht auf mich hören. Gott sei Dank mussten meine Eltern das nicht mehr miterleben... so eine Schweinerei!“
„Ich kann Sie zum Teil ja verstehen“, entgegnete ich, „ aber ich helfe Ihnen nur weiter, wenn Sie mich nicht mehr 'Pimmelkopf' nennen.“ Inzwischen hatte ich mich ein paar Schritte von dieser armen Sau wegbewegt, die weiß Gott was alles durchgemacht hatte. Ich konnte mir schon einige Dinge vorstellen, aber ob ich das auch wollte? Leider lief mein Kopfkino gerade auf Hochtouren.
„Helfen?“, stöhnte die Vulkanette. „Mir ist nicht mehr zu helfen. Außerdem... hat dir noch nie jemand gesagt, dass dein Kopf aussieht, wie 'ne Eichel? Nein? Schön, irgendwann musstest du's ja erfahren. Du kannst dich demnach sogar bei mir bedanken, dass ich dir diese Information endlich mitgeteilt habe.“ Mühsam kroch er auf die Beine. „Nebenbei bemerkt, kann mal bitte jemand einen anderen Sender einstellen? Ich höre dieses Gejaule jetzt schon fünf Tage und vier Nächte. Drei Nächte konnte ich nicht schlafen, die letzte Nacht bin ich dann vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen. Ich meine... wer hört sich denn so was auch noch freiwillig an?“
„Ich habe keine Ahnung“, entgegnete ich, „wo die Quelle für diese Musik ist, also das Abspielgerät.“ Leider äußert sich mein französischer Akzent besonders dann, wann ich aufgeregt oder über die Maßen aufgebracht bin und in diesem Fall war ich sogar von beidem etwas.
„Scheiß die Wand an“, lachte die Vulkanette plötzlich. „Du bist doch nicht etwa ein Franzose? Ach du meine Güte! Ich weiß bis heute nicht, was Gott sich dabei gedacht hat, als er die Franzosen erschaffen hat.“ Er ließ noch ein kurzes, gackerndes Lachen erschallen, dann streckte er sich und schüttelte seine Gliedmaßen aus. Dabei schüttelte er den Kopf. „Mannmannmann“, gab er dann von sich. „Versteh mich bitte nicht falsch“, sagte er dann etwas ruhiger, „ich bin nicht immer so. Aber wenn man fünf Tage und vier Nächte auf einem Brett festgeschnallt ist, noch dazu unter einer Maske, mit der man kaum Atmen kann... da geht es einfach mit einem durch. Nicht zu vergessen ist dieses gottverdammte Ding hier!“ Er deutete mit beiden Händen auf seinen Keuschheitsgürtel. Dann verschwand er im hinteren Teil des Raumes, wo sich ein Paravent befand. Man konnte ein lautes, schepperndes Geräusch hören, dem ein erleichtertes Stöhnen folgte. Dann kam der Mann vom Planeten Vulkaning wieder zum Vorschein, in einen bodenlangen, seidenen Bademantel gehüllt. „Bei der großen, heiligen Galapagosschildkröte, jetzt brauche ich erst 'mal 'nen Drink“, keuchte er. Noch immer etwas ungelenk steuerte er auf eine Vitrine zu, die sich am unteren Ende des Raumes befand und die ich davor gar nicht bemerkt hatte. Diese öffnete er und holte zu meiner Verwunderung keine Flasche mit hochprozentigem Inhalt heraus sondern eine Phaser-Pistole. Mit dieser schoss er sofort alle vier Lautsprecher herunter, dabei war er zu meiner großen Überraschung ausgesprochen behände und auch zielsicher, sogar mit seinen noch etwas steifen Handgelenken. „Ah“, machte er dann. „Diese Ruhe! Geradezu himmlisch!“ Er weitete die Arme und schien die Stille noch etwas zu genießen, bevor er den Rauch vom Lauf der Pistole blies, diese wieder in die Vitrine legte und dann damit begann, sich einen Drink zu mixen.
Dabei hatte er leider nicht allzu viel Auswahl. Neben Prosecco, den es dort in Massen gab, konnte ich nur ein paar Flaschen Rotwein, weißen Rum und etwas Whiskyartiges erkennen. Die Vulkanette schien die Spirituosen aber kaum zu beachten und mixte nur Ananassaft, Kokosmilch, braunen Zucker und Sahne zu einem sogenannten „Virgin Colada“. Mittlerweile wunderte ich mich aber nicht mehr darüber, da mich an diesem Mann wohl nichts mehr überraschen konnte. Er war – und ist – der wohl schrägste Vogel, dem ich je begegnet bin.
„Also“, begann Bernadette Spuck, um den es sich bei der Vulkanette zweifelsohne handelte. Er setzte sich auf einen Barhocker und gab den Blick auf sein Bäuchlein frei, das oberhalb des Gürtels seines Bademantels heraushing. „Wie viel hast du schon herausgefunden, Pimmelbirne?“ Er nahm einen kräftigen Schluck an seinem alkoholfreien Cocktail.
„Hauptsächlich“, bemerkte ich, „dass Sie für eine Vulkanette nicht nur ausgesprochen emotional sondern auch eher extravertiert zu sein scheinen... ganz im Gegensatz zu Ihren... nun ja... Artgenossen. Vor allem im Gegensatz zu Ihrem Bruder, Kommandant Brigitte Spuck.“
„Tahahahaha!“, lachte Bernadette grob. Dabei spuckte er mir Tropfen seines „jungfräulichen Pina Colada“ entgegen. „Tatsache ist, dass eigentlich alle Vulkanetten ziemlich emotional sind. Wir sind eben introvertierte Fühler... also nach Carl Gustav Jung oder diesem Myers-Briggs-Scheiß.“
„Ihr wart introvertierte Fühler, wenn überhaupt“, korrigierte ich den Vulkaninger.
„Was?“ Bernadette Spuck stutzte. Er hörte plötzlich damit auf, an seinem Strohhalm zu saugen.
„Haben Sie es etwa nicht mitbekommen, dass Ihr Planet Selbstmord begangen hat?“, fragte ich.
„Oh doch“, antwortete die Vulkanette. „Ach so, das meinst du!“ Er lachte erneut hysterisch auf. „Aber das ist doch erstens Schnee von Gestern... und zweitens haben wir Vulkanetten derart viele Kolonien in anderen Galaxien, dass es noch so einige von uns gibt, die fröhlich... nun, ich meine natürlich, die im Universum ihre Runden ziehen. Natürlich kriegt man kaum etwas von ihnen mit, da sie ja ausgesprochen pflegeleichte, umgängliche Zeitgenossen sind.“
„Ganz im Gegensatz zu Ihnen“, entfuhr es mir. Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten.
„Hey, immer langsam mit den Pferden!“ Bernadette hob eine Hand. „Ich bin nicht wirklich so! Wie ich schon sagte, ich befinde mich in einer Ausnahmesituation, Pimmelbirne.“
„Und wie ich schon sagte“, knurrte ich, „werde ich nicht gerne Pimmelbirne genannt!“
Er lachte wieder hysterisch. „Wie soll ich dich denn sonst nennen? Kastanienkopfmännchen? Schwanzrübe? Johannes-Beere? Prinz Albert? Seine Heiligkeit Papst Glandes der Erste?“, er lachte erneut. „Eichelhäher?“, fügte er dann noch hinzu. „Ich meine... du hast dich ja noch nicht vorgestellt. Hat deine Mama dir damals das nicht beigebracht? Ich dachte immer, ihr Franzosen seid so höflich!“
„Mein Name“, stellte ich mich dann vor, da ich vermutete, es könnte ohnehin nicht noch schlimmer werden, „ist Captain Jean-Baptiste Pissoir.“
Sofort wünschte ich, ich hätte ihm meinen Namen nicht genannt, denn der Vulkaninger bekam einen Lachkrampf. Er lachte und lachte, bestimmt eine Viertelstunde lang, und hielt sich dabei den Bauch. Als er damit fertig war, wischte er sich die Tränen aus den Augen und widmete sich wieder seinem alkoholfreien Pina Colada. „Na, schön“, prustete er dann. „Weiter im Text... ich wollte eigentlich wissen, was du über das Verschwinden meines Bruders und seinen warmherzigen Brüdern herausgefunden hast, Captain Pissoir.“
„Ich habe herausgefunden“, gestand ich, „dass sie von einer verhältnismäßig jungen Frau entführt wurden, die sich als die Herrin des Universums aufspielt. Dabei ist diese Kleine wohl noch jünger als ich – vielleicht sogar noch jünger als meine Praktikantin. Zumindest ist sie hübscher.“
„Das ist ein Bingo“, antwortete Bernadette Spuck. „Leider muss ich etwas weit ausholen bei meiner Geschichte, Captain, denn wenn man's genau nimmt, bin ich an der ganzen Angelegenheit nicht ganz unschuldig. Genaugenommen bin ich sozusagen der Hauptverantwortliche der ganzen Misere. Tja, wir Vulkanetten können ja nicht lügen. Sogar vor Gericht habe ich die Wahrheit gesagt, ich bin tatsächlich kein Mörder. Außerdem habe ich oft das gegenteilige Problem – manchmal bin ich einfach zu ehrlich. Das ist auch der Grund dafür, dass ich dir gesagt habe, dass deine Rübe wie 'ne Eichel aussieht. Tut mir leid, so bin ich eben. Die meisten Vulkanetten können diese Ehrlichkeit dadurch umgehen, dass sie manche Dinge einfach umformulieren, dass sie etwas durch die Blume sagen oder so 'n Scheiß. Leider habe ich den vulkaningischen Drill nicht in seinem vollen Ausmaß erlebt, darum hab' ich mich manchmal einfach nicht im Griff.“
„Was meinst du damit“, wollte ich dann doch wissen, dass du der Hauptverantwortliche bist?“
„Na, ich war es“, gestand Bernadett Spuck schließlich, „der diese Alte aus ihrem Gefängnis raus gelassen hat.“
An dieser Stelle machten meine Nerven leider nicht mehr mit.
(Pissoir Ende)
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