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Die Romantik der Traurigkeit

von Opalith
KurzgeschichteDrama, Horror / P18 / MaleSlash
Dorian Gray Ethan Chandler Gordon Ives
08.09.2019
08.09.2019
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6.734
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Vorweg: Ich liebe die Serie „Penny Dreadful“. Sie ist so unsagbar düster, sie hat den Charme und die dunkle Ausstrahlung und Anziehung der besagten Gothic Novels, aus denen ihre Charaktere stammen. Ein Aufgebot all jener dunklen Literaturgestalten, die seit Jahrzehnten zum Schauern und zwischen den Zeilen verlieren einladen. Ich war mehr als entzückt meinen Lieblingscharakter Dorian Gray dort anzutreffen. Und haben die Serienmacher jenen Literaturmeilensteinen noch mehr Tiefe und Projektionsfläche geschenkt, haben sie für mich den Charakter des Dorian Gray endlich einmal so dargestellt, wie er für mich sogar noch reizvoller als durch Mister Wilde erschaffen wurde. Hier bekommt Dorian nicht nur ein hübsches Gesicht. Es ist gerade diese jugendliche Unschuld, die mit einer so beängstigenden Dekadenz einhergeht, die der Dunkelheit und der Langeweile des Seins eine solche Tiefe verleiht, dass sie dem Charakter sogar noch eine Hintergrundgeschichte eingebaut haben, die mich vielleicht auf die falsche Spur gebracht hat; sie aber so stetig ausgearbeitet und benannt wurde, dass ich mich gerne in ihr verliere. Dorian Gray ist in der Serie nicht nur der hübsche Junge Mann, dem seine Unsterblichkeit (in der Serie klingt es nach Jahrtausenden an Lebenszeit) als Erkenntnis nur Frust und Langeweile bereitet, ihn die Suche nach Neuem nur kurz erheitert, bevor er wieder in die Lethargie des Seins verfällt. Er scheint eine entscheidende Rolle zu spielen, sobald er auf die anderen Charaktere trifft. Als sei seine Rolle ein Dominostein, der bei all jenen, auf die er trifft, etwas in Gang setzt. Oder vielmehr: er erweckt in allen Personen, die auf ihn treffen ihre dunkle Seite. Um nicht zu sagen, er erweckt ihre Dämonen. Irgendetwas muss also so verlockend an ihm sein, dass er diese dunklen Mächte ungewollt in den anderen heraufbeschwört. Dazu dann immer wieder so Bemerkungen seinerseits, dass man das Gefühl hat, Dorian Gray scheint nicht von dieser Welt. Und er sucht in ihr nur etwas, was ihm vielleicht einstmals als sehr verlockend erschien.

Und diesen Gedanken möchte ich hiermit weiter ausmalen …

Triggerwarnung: wer Penny Dreadful kennt weiß, dass es hier blutig dahergeht.



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Die Romantik der Traurigkeit



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Boy with a broken soul


Heart with a gaping hole


Dark twisted fantasy turned into reality


Kissing death and losing my breath


Midnight hours, cobble street passages


Forgotten savages, forgotten savages


Broken dreams and silent screams


Empty churches with soulless curses


And the romance of sadness


(MS MR „Bones“)


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London.

England.

Sanfte Nebelschwaden webten ihre zarten Fäden durch die noch halbdunklen Kopfsteinpflastergassen. Kehlige Rabenschreie durchdrangen die kalte Luft und läuteten einen neuen Morgen ein. Schillernder Morgentau zierte die herbstlich verfärbten Blätter und zauberte Tausende von kristallschimmernden Tränen auf die Grasehalme des Hyde und Regent’s Parks. Von fern hallten die Hufe der sanften Kaltblüter wider, die in den frühen Morgenstunden schwere Kohlewagen durch die Gassen zogen. London erwachte unter den regen Geräuschen der Arbeiterwelt nur ganz langsam.

Die Standuhr schlug gerade einmal halb sechs Uhr, als die schwere Holztüre des Murray Anwesens in ihre Angeln zurückfiel. Ethan schüttelte sich sanft die Kälte aus den steifen Knochen und hängte seinen schweren Lodenmantel an die zierlichen Garderobenhaken. Immer wieder ertappte ihn ein leichter Schauer, wenn ihn abermals das taube Gefühl umklammerte, dass er aus einer anderen Welt kam und hier nicht hingehörte. Jedoch bevor das Gefühl an Intensität gewann, reichte ihm Sir Malcolm einladend lächelnd eine heiße Tasse Tee. Jedes stetige Mal. Als hätte der ältere Mann ein Gespür für Ethans trübe Gedankengänge. So erwartete ihn auch an diesem frühen Morgen Sir Malcolm mit einer filigranen Porzellantasse, aus der geisterhafte Dampfschwaden ihren verlockenden Inhalt preisgaben.

„Malcolm …“, Ethan schüttelte seine Zweifel mit Leichtigkeit ab und nahm mit beiden Händen die Tasse dankend entgegen. Er folgte ihm in den Salon zu ihrer rechten Seite. Beide Herren nahmen Platz vor dem Kamin, in dem ein verlockendes Feuer leise prasselte und den Raum in goldenes Licht tauchte.

„Du warst wieder einmal zu frühen Stunden unterwegs?“  eine Spur von Besorgnis konnte sich Malcolm nicht verkneifen. Es hatte nicht lange gedauert und die beiden Männer waren zu der persönlichen Anrede übergegangen. Schließlich führten beide einen Männerhaushalt und mochten sie in Trauer vereint sein, ihre neuen Familienbande knüpften und pflegten beide sehr gerne. Daher war die Anrede nur noch eine Frage der Zeit. So war der eine von ihnen zum verlorenen Vater und der andere zum verlorenen Sohn geworden. Zu einem Neuanfang. Vater und Sohn geboren aus Dunkelheit, Schmerz und Trauer. Verzweiflung suchte sich ihre Hoffnung. Vereint in Freundschaft und durchlebter Vergangenheit mit all ihren Schrecken. Wunden wurden nicht gepflegt. Sie wurden mit dem sicheren Mantel ihrer neuen Familienbande überdeckt. Man wusste um sie. Man litt unter ihnen, aber der Schutz und der Beistand der sanften Kleidungsstücke ihrer familiären Liebe und Achtung zueinander, war heilender Verband genug.

Ethan nahm einen kräftigen Schluck aus der Teetasse und atmete angespannt aus. Er setzte das filigrane Porzellan auf die Untertasse und stellte das Gedeck sicher auf seinen Oberschenkeln ab.

Er nickte schwach und fuhr sich mit seiner rechten Hand durch seine Haare.

„Ich war an Vanessas Grab. Schon wieder lag dort ein Bündel aus weißen Lilien. Jede Nacht legt jemand sie dort ab. So sehr ich diese Geste unseres Unbekannten schätze, frage ich mich jedes Mal von Neuem, wer sie dort zu ihren Ehren niedergelegt hat?“

„Jemand, der sie sehr geliebt und geschätzt haben muss. Sonst wären es ihm nicht diese durchaus teure Geste wert.“

„Hmm…“, Ethans Blick schweifte ins Feuer ab. Schnell besann er sich seines Abdriftens in trübe Welten und nahm mit einem schüchternen Lächeln wieder die Teetasse auf.

„Ethan. Wann warst du das letzte Mal aus? Wann bist du ins Theater gegangen oder durch die Straßen spaziert, wenn London nicht im halbdunkeln liegt?“ Malcom lehnte sich vor und schenkte sich selbst eine Tasse Tee aus dem Gedeck auf dem Tisch vor ihm ein.

Ethans Mundwinkel verzogen sich schnell von links nach rechts. Er kratzte sich mit einer raschen Handbewegung seine Nase: „Wann hast du länger als fünf Uhr am Morgen geschlafen?“

Beide Männer sahen sich mit liebevollen Augen an, in denen die Besorgnis des jeweils anderen geschrieben stand, um gleich daraufhin in Lachen zu verfallen.

„Erwischt, mein lieber Ethan. Aber! Dennoch meine ich meine Frage im sicheren Ernst. Wann bist du in der letzten Zeit deinen Wünschen nachgegangen? Du nimmst mit mir an gesellschaftlichen Anlässen teil, wir gehen zusammen ins Theater, wir beide treffen uns mit Mister Lyle und wir haben auch zusammen Freude an den kurzweiligen Unterhaltungen mit Victor. Aber, mein Lieber, wann hast du etwas unternommen, was Männer in deinem Alter machen? Du pflegst die Gesellschaft eines alten Mannes. Dem du dich bitte auch zu nichts gegenüber verpflichtet fühlen musst“, Sir Malcolm sah seinen Freund eindringlich an. Seine Augen wägten jede Regung seines Gegenübers wertschätzend ab.

Ethan setzte die Teetasse vorsichtig vor ihm auf dem Beistelltisch ab, beugte sich entspannt nach vorne, griff mit seinen Händen nach Malcolms und drückte sie sanft: „Ich fühle mich dir gegenüber zu nichts verpflichtet. Du bist meine Familie. Hier möchte ich sein. Und mit dir möchte ich so viel Zeit zusammen verbringen, wie du mich läßt. Ich …“, sein Blick schweifte in die knisternden Flammen, er sammelte sich etwas und richtete seine Aufmerksamkeit wieder an seinen Vater im Geiste, „ich …“ er machte eine verzweifelte Handbewegung, unterstrich seine fehlenden Worte mit einem Zucken seiner Schultern.

Malcolm rückte auf seinem Sessel etwas näher an Ethan heran: „Ich weiß deine Liebe zu schätzen. Du bist wie ein Sohn für mich. Du bist auch zu meiner Familie geworden, Ethan. Somit gebe ich gern meinem Sohn den Ratschlag, nicht in diesen Mauern mit seinem Vater zu versauern, sondern sich dem Leben vor diesen Türen anzuschließen.“

Ethan sah auf und tauschte für lange Zeit in die Augen seines Vaters. Drückte wieder seine Hand, die er während der geraumen Zeit nie losgelassen hatte: „Ist es das noch? Leben? Ich habe das Gefühl mein Leben verläuft parallel zu dem Leben dort draußen vor den Türen unseres Heimes. Was wir gesehen haben, das Wissen, um das wir nie gebeten haben …“

„Geh raus und amüsiere dich!“ erwiderte Malcolm Ethans Händedruck. Energisch sah er seinem Ziehsohn in die Augen: „Gehe raus in einen Salon, spiele, gehe tanzen, begib dich in die Arme einer Frau.“

Ethan schüttelte vehement den Kopf, in seine Augen war ein Schatten der Trauer getreten. Der die stumme Bitte beinhaltete, nicht das von ihm zu verlangen, da sein Herz noch verzweifelt an dem festhielt, was es verloren hatte.

„Was ist mit dem jungen Mann, dem auch Vanessa solche Liebe entgegenbrachte?“

Ethans legte seinen Kopf leicht schräg, seine Augen sahen Malcolm fragend an.

„Der junge Mann, von dem Vanessa behauptete, dass du zusammen mit ihm …“, Malcolm hielt für einen kurzen Moment inne, als würde er seine Worte abwägen wollen, „das Bett geteilt hast.“

„Mister Gray?!“ kam mit der Frage gleich die Erinnerung an die Nacht mit dem unverschämt gutaussehenden jungen Mann zurück.

„Ich glaube, das war sein Name. Deine Reaktion scheint ihre Behauptung zu bestätigen. Ethan, ich verurteile dich nicht, wenn du auch die Gesellschaft von Männern bevorzugst.“

„Bevorzuge ich die Gesellschaft von Männern?“ wenngleich die Frage an sich selbst gerichtet war, konnte er ihren Ausspruch nicht unterdrücken. Beinhaltete sie doch zu viel Vergegenwärtigung.

„Ich habe mich nie nach Männern umgesehen, geschweige denn ihre Gesellschaft zwischen den Bettlaken gesucht. Einzig Mister Gray hat da etwas in mir …“ die Beichte erstarb mit der Erkenntnis der Tragweite ihrer Feststellung auf Ethans Lippen.

Sir Malcolm nickte Ethan aufmunternd zu: „Mister Gray ist es so dann. Wir sollte uns erst einmal ein schönes Frühstück machen und dann solltest du deinen Gedanken weiterverfolgen, den du gerade gefunden hast“, er klopfte zur Unterstreichung des geplanten Vorhabens fest auf seine Oberschenkel und erhob sich forsch.

Ethan nickte anerkennend. Obwohl sich seine Gedanken in dunkle Schatten wandelte. Fast meinte er die sanfte Stimme Vanessas zu hören, die ihm vor dem schönen jungen Mann warnen und gleichzeitig ermutigen wollte; es kam ihm vor, als würde ihre Stimme von einem unsichtbaren Wind davongeweht werden, auf das Warnung und Vorfreude sich nicht duellierten. Er schüttelte verwirrt seinen Kopf. Es fröstelte ihn ein wenig, wenn er sich gewahr wurde, in welche dunklen Gefilde seine Gedanken abzudriften drohten, wann immer sie sich um Mister Dorian Gray drehten.

„Ethan? Kommst du? Frühstücken.“

Er zuckte leicht zusammen. Wie lange hatte er im Salon gestanden und war seinen Gedanken verfallen? Wie lange hatte ihn Traum von Wirklichkeit getrennt, wenn es um Mister Gray ging?

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Die ferne Turmuhr der kleinen St. Barnabas Church schlug halb acht, als sich Ethan auf die andere Straßenseite gegenüber dem Hause von Mister Dorian Gray positionierte und seine Hände fester um den Regenschirmgriff schlossen. Der Regen hatte ihn auf seinem Weg zu Dorians Anwesen begleitet, als würde jeder einzelnen Tropfen eine Möglichkeit suchen, sich in Ethans Kleidungsstücken zu verstecken, mit der stummen Bitte mitgenommen zu werden. Sir Malcolm hatte Ethan selber einen Regenschirm in die Hand gedrückt und gemeint, dass es sich nicht so gut machen würde, wenn er pitschnass vor Dorians Türe auftauchen würde. Der erste Eindruck zähle bekanntermaßen. Ethan hatte innerlich gegrinst und entschieden, es besser für sich zu behalten, dass er Mister Gray zutraue, dass für ihn gerade das Hässliche wohl auch einen bestimmten Reiz darzustellen vermöge.

Hier stand er nun. In Mitten des Regens, der immer noch seine Mitreisemöglichkeiten abzuwägen schien.

Das Anwesen lag noch im Halbdunkel. Die Lichter der Straßenlaternen waren mit Ethans Eintreffen erloschen. Er nahm es mit einem verschmitzten Grinsen zur Kenntnis. Als hätte sich das Licht mit seinen Gedanken verbündet und unterstütze seine dunklen Erwartungen.

Noch während er das Anwesen studierte und mit einem leichten Knoten im Magen feststellen musste, dass die Lichter im Hause noch verloschen waren, näherten sich Schritte. Die Schritte von Damenstiefeln. Er sah aus seiner Lethargie auf und richtete seinen Blick auf die Dame, die sich ihm näherte.

„Miss Lilly?“ konnte er seine Überraschung nicht verstecken. Wollte sie etwa auch zu Mister Gray? Ein weiterer Blick vergewisserte ihm, dass Miss Lilly wohl vom morgendlichen Markt zurückgekehrt war.

Miss Lilly schaute kurz zwischen dem Anwesen Dorians und Ethan hin und her. Sie schien über etwas nachzudenken. Suchte sie nach Ethans Namen? Hatte er solch einen flüchtigen Eindruck auf Menschen? Vielleicht war es besser so.

„Mister Chandler, richtig?“ Lilly lächelte ihn freundlich an, "was machen Sie bei diesem Wetter hier?“

„Ich …“, er räusperte sich verlegen, seine Stimmbänder versagten ihren Dienst und verrieten seine wirkliche Gefühlslage, wenn es um Mister Gray ging, „ich bin spazieren und verweile für einen Moment.“

Lilly nickte. Ihr war seine ausflüchtigen Worte Antwort genug. Sie straffte ihre Schultern, richtete ihren Schirm gerade und umschloss das Netz mit dem frischen Marktgemüse fester. Die blendend weißen Hausmauern des Straßenzuges schienen grausamer Weise ihren Einfluss auf alle Passanten zu nähren. Ethans verdrängte den Gedanken, dass es sich hierbei wohl alleine um den Einfluss von Dorians Haus handelte.

Lilly nickte ihm zum Abschied und hielt noch einmal kurz inne, bevor sie ihren Weg fortsetze.

„Ich war in den Markthallen in Soho. Weiß‘ der Teufel, was mich von dort hierhin getrieben hat. Ich meinte mich an eine Prostituierte zu erinnern, die mir unter Verwunderung und Scham erzählte, dass sie Tuberkulose habe. Sie war dem Herrn in diesem Hause dort zu Diensten und er habe sie mit den Worten genommen, dass er noch nie etwas Sterbendes gefickt habe“, sie sah mit glasigem Blick auf die Haustüre von Dorians Anwesen, als würde sie im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Fassade blicken, nur um sich mit einem Schulterzucken Ethan zuzuwenden, „was muss das für ein Wesen sein, dass daran Freude empfindet?“

Ethan öffnete verlegen den Mund, aber ihm wollten kein passender Kommentar dazu einfallen, was ihre Frage beantwortet hätte. Ihn bedrängte der Gedanke, dass sie nur seine dunklen Gedanken bestätigte. Seine Finger umschlossen mit festem Griff den Schirmstock, so dass die Fingerknöchel weiß unter der Haut hervortraten. Er musste zu Dorian. Egal, wie früh die Morgenstunde sein mochte. Er brauchte Gewissheit.

Lilly erwartete keine Antwort, sie verließ ihn ohne eines weiteren Blickes zu würdigen und nahm ihre Feststellung mit sich hinfort.

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Die Kirchturmuhr schlug die achte Stunde, als Ethan den Türklopfer betätigte.

Kurze Zeit später knarzte die Türe und es öffnete ihm ein Butler die Türe.

„Guten Morgen, Sir!“ wurde er mit einem Lächeln begrüßt.

„Ich würde gerne mit Mister Gray sprechen. Ist er schon auf?“

„Noch nicht, Sir, aber Sie können gerne im kleinen Salon platznehmen“, der Bedienstete machte einen Schritt zur Seite und lud ihn mit einer einladenden Geste ins Haus ein.

Ethan war sich mit dem Überschreiten der Türschwelle nicht sicher, ob es so etwas wie Angstschweiß war, dass ihm an seinem Rückgrat hinablief oder ob es letztendlich doch nur die Regentropfen waren, die sich freuten, ihr Reiseziel erreicht zu haben.

Ethan wurde in einen hübschen kleinen blauen Salon geführt. Wofür er insgeheim ganz dankbar war. Er wollte nicht in den großen Saal zurückkehren. So früh am Morgen wollte er sich der lauthalsschreienden Dekadenz in diesen Räumlichkeiten nicht aussetzen, geschweige denn, dass er die Blicke der unzähligen Portraits hätte ertragen können.

Der Raum war einladend mit weichen blauen Polstersesseln und wunderschönen Kandelabern dekoriert, das Interieur wirkte edel, aber dennoch zurückhaltend. In diesem Raum hing kein einziges Bild, nur die reichverzierte Damasttapete, die in feinen dezenten Blauabstufungen strahlte, schenkte den Wänden eine heimelige Atmosphäre. Der Butler hatte mit geschickten Fingern ein Feuer im Kamin entzündet und hatte das Licht angenehm reduziert. Lediglich feine Schatten spielten ihre stummen Spiele zwischen Samt und Damast. Kurze Zeit später öffnete sich die Türe ein weiteres Mal, um durch einen zweiten Diener frischen Tee auf einem Teewagen servieren zu lassen. Als der junge Mann sich zurückzog und sich verbeugte, um die Türe wieder zu schließen, vernahm Ethan Schritte auf der großen Eingangstreppe, von der er wußte, dass sie in die oberen Schlafgemächer führte.

„Sebastiane, ich habe Besuch gehört?“ vernahm Ethan sogleich Dorians weiche Stimme.

„Sehr wohl mein Herr. Mister Ethan Chandler erwartet Sie, Sir. Ich habe ihn im kleinen Salon Platznehmen lassen, bis Ihr -“

„Mister Chandler?“ wurde die Ansprache des Bediensteten unterbrochen. Hörte Ethan da so etwas wie Interesse oder gar Freude heraus?

Die Türen öffneten sich schwungvoll und vor ihm stand in einem weichen bordeauxroten Morgenrock Mister Dorian Gray. Das gute Kleidungsstück schien in Eile übergeworfen worden zu sein, denn es war nur halbherzig in der Körpermitte zusammengeknotet worden und somit gab ein großer Spalt die nackte Brust seines Besitzers frei. Ethan konnte sich ausmalen, dass auch die Körperregion weiter unten von keiner zusätzlicher Nachtwäsche bedeckt worden war. Er schluckte trocken. Welcher Gentleman zeigte sich in dieser Aufmachung seinen Bediensteten oder gar seinem Besuch? Ethan räusperte sich und lächelte Dorian kurz an.

„Mister Chandler!“ Dorian trat sicheren Schrittes auf ihn zu, nahm seine Hand in seine und zog ihn freudig in seine Arme. Die stürmische Umarmung erwischte Ethan kalt, er ließ sich wortlos an die halbnackte Brust Dorians ziehen und atmete das teure Parfüm ein, dass den jungen Mann wie eine mysteriöse Robe umgab.

„Mister Gray“, erwiderte Ethan den Gruß, sah sich um und setzte sich auf die auffordernde Handbewegung Dorians wieder in seinen Sessel.

„Bitte verzeihen Sie die frühe Stunde, in der ich Sie aufsuche, aber …“ Ethan realisierte, dass er gar keine Entschuldigung benötigte, um an Dorians Tür zu klopfen. Mister Grays selbstverliebter Blick sprach Bände. Somit erstarb sein Entschuldigungsversuch, der im Grunde genommen nur reiner Etikette entsprungen war.

Ethan war nicht der Mann, der wie ein verängstigtes Kaninchen vor dem Mann kauerte, mit dem er das Bett geteilt hatte. Er hatte sich von diesem außerordentlich filigranen, hübschen Kerl ficken lassen. Er hatte diesem Mann seine Seele in die Hände gelegt, hatte durch ihn für einen Moment vergessen, was es bedeutete, vor sich selbst davon zu laufen. Hatte Dorian seine schwache Seite gezeigt. Hatte ihm wortwörtlich seine empfindsamste Seite offenbart. Und Dorian hatte ihm einen Mantel umgelegt, der so wärmend und so schützend vor allem da draußen gewesen war. Wenngleich sein Mantelstoff aus Verlangen und unbändiger Sehnsucht gewoben war. Beides war durch Dorian mehr als befriedigt worden. Ethans Blick schweifte kurz ab, suchte sogleich darauf wieder Dorians Aufmerksamkeit. Nur um innezuhalten. Was hatte er dort in seinen Augenwinkeln stehen sehen? In der hintersten Ecke des Salons? Feinsäuberlich aufbewahrt? Ein Bouquet aus weißen Lilien!  Natürlich! Die weißen Lilien auf Vanessas Grab stammten von Dorian! Ethan wußte um Mister Grays Zuneigung für Vanessa. Die Erkenntnis hatte ihn etwas aus seinem Konzept gebracht. Dorian schien seine Unsicherheit zu bemerken.

Seine Augen folgten Ethans Blick und so brachte er gerne Licht ins Dunkel:

„Das sind weiße Lilien aus Frankreich. Sie kommen noch mit verschlossener Blüte hierherüber. Und erst wenn sie kurz vorm Aufblühen sind, bringe ich sie persönlich an Miss Ives Grab.“

„Außergewöhnlich schöne Blumen für eine außergewöhnliche Frau.“

„Auf Miss Ives“, Dorian nickte andächtig. Eine kleine Geste, in der so viel Bedeutung lag. Ethan gestand sich, dass er soviel Ehrgefühl gar nicht erwartet hatte. Und da er nun mal nicht ein Mann der ausschmückenden Worte war und er hierhergekommen war, um sich der Wahrheit zu stellen, verlangte er sogleich danach.

„Ich wußte nicht, dass Ihr dem Tod so ehrenvoll und bedächtig gegenübersteht.“

Dorian zog fast empört eine Augenbraue hoch: „Erscheine ich Euch so oberflächlich, Mister Chandler?“

Ethans Tonfall war schwer und ruhig: „Nein. Eher das Gegenteil.“

„Oh.“

„Ich weiß nicht, ob diese Unterredung im Morgenrock geführt werden sollte, aber verdammt noch mal, ich brauche Antworten!“ Ethan konnte sein Temperament schwer unterdrücken. Sein Blut geriet in Wallung und er wollte es erst gar nicht unter Kontrolle halten. Dann wiederum war ihm aber dieses Gespräch so wichtig, dass er es auf keinen Fall falsch aufzäumen wollte. Der schlimmste Fall wäre, wenn er keine Antworten erhalten sollte. Er korrigierte sich. Wenn er seine Bestätigung nicht erhalten sollte.

„Eine Unterhaltung über den Tod? Wahrscheinlich nicht. Das wäre unangemessen. Vor allem der guten Miss Ives gegenüber. Das schickt sich nicht.“ Dorians Worte waren frei von Hohn und seiner sonst so leicht arroganten Art.

Und so fuhr er weiter fort: „Ich mag die Riten des Katholizismus im Allgemeinen. Aber gerade der Ritus des Todes hat eine besänftigende Art. Sie gibt den Mensch zurück an die Erde, aus der er stammt. Adam wurde von Gott aus Lehmboden erschaffen. Der Zyklus des Lebens. Staub zu Staub.“

„Ihr sagt das so, als würdet Ihr über dem Leben stehen.“

„Das wäre anmaßend. Leben ist etwas sehr Wertvolles. Wenngleich auch nur ein Wimpernschlag im Angesicht der Zeit.“

Ethan schniefte leise. Vanessa hatte er nicht in dieses Gespräch verweben wollen. Zu sehr war der Schmerz des Verlustes noch lebendig. Zu tief ihre Wunden. Sie bluteten immer noch.

„Ich bin nicht hier, um mit Euch über Vanessa zu reden. Oder den Tod.“

Dorian setzte sich, lehnte sich ebenfalls in dem gegenüberliegenden Sessel zurück und schlug ein Bein kokett über das andere. Der Morgenrock teilte sich schon fast auf obszöne Weise und gab einen großen Schlitz bis hin zu Dorians rechter Lende frei. Verhüllte und eröffnete gleichermaßen genug, um die Sinne zu verwirren. Mit wachem Blick sah er Ethan gespannt an. „Sondern ..?“

„Ich möchte die Wahrheit über euch.“

Dorian lachte kurz auf: „Die Wahrheit? Das klingt so, als würde ich Leichen im Keller haben. Womit wir wieder beim Thema Tod wären. Meine ich das nur oder drehen wir uns gerade im Kreis?“

Ethan kniff seine Augen zusammen. Der junge Kerl war wunderbar aufsässig. Ein Privileg unter denen, die nichts zu fürchten haben. Ein Umstand, der diesen teuflisch jungen Mann noch aufregender machte. Ethan musste ein leichtes Knurren unterdrücken. Mister Gray hatte den Umstand etwas in ihm zu erwecken, dass er so gerne verschlossen hielt. Und von dem er am liebsten gar nichts wissen wollte. Dorian erweckte die Dämonen in ihm. So wie die Tatsache, dass es alleine Dorian war, den Ethan begehrt hatte. Und er es verdammt noch mal immer noch tat. Sein lässiger Aufzug mit der fehlenden Nachtwäsche, deren sich Ethan ganz sicher war, schürte das Feuer noch mehr.

Ethan erhob sich langsam. Selbstsicher schritt er auf Dorians Sessel zu. Er griff nach Dorians Hand, um mit dem anderen Arm Dorians Schultern zu umfassen und ihn ruckartig zu sich hochzuziehen. Ethan hielt Dorians Handgelenk fest umschlossen. Seine andere Hand gab seine Schultern frei und mit einer zärtlichen Handbewegung fuhren seine Finger sanft durch Dorians Haare. Strichen ihm liebevoll einige widerspenstige Strähnen aus dem Gesicht. Dorian zeigte sich neugierig. Erst die entschlossene Geste Ethans, ihn zu seiner Brust zu ziehen, dann die gegensätzliche liebevolle Geste. Seine Augen versuchten in Ethans Gesicht zu lesen. Er schwieg allerdings. Getrieben von Neugierde, was noch kommen mochte.

Sanft zeichnete Ethan mit seinen Fingern Dorians Wangenknochen nach. Streichelte ihn, als wolle er nach etwas suchen. Dorian folgte den einfühlsamen Fingern und legte seinen Kopf etwas seitlich in Ethans Hand.

Er streichelte Dorians Wangenknochen weiterhin, seine Finger fuhren seine Augenbrauen nach, erst jetzt fiel ihm auf, wie perfekt die dünnen Härchen sich zu einem reizvollen Ganzen zusammenfügten und mit welch elegantem Schwung sie die neugierigen Augen freigaben. Seine Finger kehrten zu den Wangenknochen zurück, streichelte sie mit den Außenkanten seiner Finger, um seine Erkundungen dann mit den Fingerkuppen hin zu Dorians Lippen weiterzuführen. Gefühlvoll zeichneten sie die Lippenkante nach. Dorians Lippen öffneten sich einen Spaltbreit, so dass Ethans Finger die sinnliche Wärme des Mundes an seinen Fingerspitzen fühlen konnte.

„So zart und unschuldig. Jede noch so verruchte Geste von Euch wirkt wie die neugeborene Unschuld. Und dennoch seid Ihr fern von allem, was unschuldig ist“, fasste Ethan seine Studien zusammen.

Dorian reagierte auf diese Feststellung lediglich mit einem Augenbrauenzucken: „Das klingt nach einem Kompliment.“

„Ich habe Dinge von euch gehört, dass ihr todgeweihte Freudenmädchen fickt, weil ihr wissen wollt, wie es ist, etwas Sterbendes zu ficken, ich habe euch töten sehen ohne mit der Wimper zu zucken. Präzise und gradlinig wie ein Mörder. Diese filigranen Hände können nicht nur Lust schenken“, gezielt griff er nach Dorians Hand und umschloss sie mit beiden Händen, streichelte über jede einzelne Fingerkuppe von Dorians schlanken Fingern, „sie bringen auch den Tod. Vanessa verfiel dem Wahnsinn, wurde von einem furchtbaren Dämon besessen, nachdem sie mit Euch geschlafen hatte. Sie konnte in jedem Lesen, konnte für jeden die Karten legen. Nur in Euch konnte sie nicht lesen. Sie erzählte, dass Eure Haltung nichts offenbare. Ihr wart verschlossen für sie. Als Ihr mir den Genuss von Absinth und Eurem Körper schenktet, habt Ihr gesagt, dass jeder eine Rolle spielen würde. Eure schwerste Rolle sei die, menschlich zu wirken. Damals habe ich es nicht verstanden.“

Ethan umschlang Dorians Hüften mit festem Griff und zog ihn leidenschaftlich noch dichter zu sich und obgleich die Folgeweise eine stürmische war, so war der Kuss, den seine Lippen Dorian schenkte von unendlicher Sanftheit. Dorian ergab sich dem sanften Kuss, überließ ihm die Führung und öffnete erst seine weichen Lippen, als Ethans Zunge zwischen sie drängte.

Ethans gab für einen kurzen Augenblick schweren Herzens Dorians Lippen frei: „Ich habe so viel Schrecken gesehen. So vielen Monstern gegenübergestanden“, wieder suchten seine Lippen Dorians. Verlangend trafen sich ihre Lippen und Ethan konnte sich ein leises Aufstöhnen nicht unterdrücken, „Ihr schenkt wahrlich den Tod. Sei es durch Eure Hände oder durch Eure Lippen. Ich habe gegen so Vieles fern dieser Welt und jeder Vorstellungskraft in den letzten Wochen gekämpft, dass ich das Offensichtlichste gar nicht gesehen habe“, wieder verlangten seine Lippen nach dem süßen Ambrosia zwischen Dorians Lippen. Ethans Schwanz reagierte mittlerweile auf das Zusammenspiel von der direkten, einladenden Körpernähe Dorians und ihren leidenschaftlichen Küssen. Ethan schämte sich nicht, dass sich sein Geschlecht hart gegen Dorians nacktes Bein drückte. Der hübsche jungen Mann nahm es mit einem kehligen Stöhnen zur Kenntnis. „Das wahre Monster seid ihr“, wieder ein Kuss, gefolgt von einem leichten Stoß von Ethans Lenden, woraufhin Dorian seine Beine öffnete und mit beiden schlanken Beinen Ethans Beine umtänzelte, ein weiterer Kuss, Dorian drängte seine Lenden dichter an Ethan, „was seid Ihr? Warum sucht Ihr Leidenschaft in Dingen, die fern von menschlicher Vorstellung sind? Wobei ich das Gefühl habe, Ihr seht vieles als verbotene Frucht an, von der ihr, habt Ihr einmal gekostet, schnell wieder gelangweilt seid. Als stündet Ihr über uns.“

Ethans rechte Hand glitt zu Dorians Mitte, tauchte zwischen den dünnen Brokatstoff des Morgenrockes und umschloss Dorians Schwanz fest und schenkte ihm mit geschickten Fingern einen kurzen Einblick, auf das, was folgen mochte.

Dorian hisste auf, warf seinen Kopf sinnlich zurück und seine Hände suchten Halt an Ethans starken Schultern, während er seinen Schwanz weiter ungeniert an Ethans Fingern rieb. Er hob seinen Kopf und sah Ethan mit festem Blick direkt an: „Ich sitze an einem reich gedeckten Tisch und bekomme so viele neue Speisen aufgetischt, wie ich kaum überblicken kann. Die Tafel ist nimmer endend. Gedecke, einst so primitiv, nur aus Blättern und Geäst bestehend, bis hin zum teuersten Porzellan wird aufgedeckt. Aber ihre Dekadenz berührt mich nicht mehr. Tausende von unterschiedlichen Gerichten mit den verschiedensten und feinsten Gewürzen aus aller Herren Länder, die der Mensch je für sich erobert hat und keines ihrer Gewürzrichtungen kann ich mehr herausschmecken, alles hat den gleichen faden Beigeschmack. Die Tafel kann unter den üppigen Speisen zerbersten, Etageren mögen die Speisen nicht mehr fassen; und dennoch werde ich nicht satt und mich peinigt ein stetiger Hunger, den ich nie und nimmer stillen kann. Ich verdurste in einem Meer aus Wasser, mein Geist hat die grüne Fee schon so lange gejagt, dass sie mir überdrüssig wurde. Ich habe ihre zarten Flügel gebrochen, sie zittert ein jedes Mal, wenn ich mich versuche in ihre Arme zu flüchten, da sie nicht mehr weiß, wohin sie mich führen soll. Sie stirbt an ihrer Verzweiflung, mich nicht mehr befriedigen zu können. Einen Tod, den ich nie gewollt habe.“

Ethans Augen weiteten sich bei dem Gehörten, seine Finger drückten das zarte Geschlecht Dorians schmerzhaft zusammen. Dorian entwich dabei ein schmerzvolles Stöhnen, sein Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei: „Ich wollte nur ich selbst sein. Ohne jegliche Einschränkung. Mein Vater hat euch so viele Möglichkeiten geschenkt und ihr habt sie nicht mal zu einem Drittel genutzt. Ihr hattet einen freien Willen, etwas von dem ihr nicht einmal erahnen konntet, was dieses Geschenk bedeutet.“

Er keuchte unter Schmerzen weiter lustvoll auf.

„Ich bin für euch gefallen. Ich suchte einen jungen Mann auf und lehrte ihn die Kunst der künstlerischen Fertigkeiten. Auf das er mir ein Portrait meiner selbst anfertige, in das ich meine Seele verschließen konnte. Als Austausch für mein göttliches Geschenk der Unsterblichkeit. Auf das es meine Seele beherbergen sollte und es für meine Sünden stehen möge, die mir mein Vater verboten hatte. Damit meine ich gar nicht mal die Sünde des Fleisches. An erster Stelle stand die Sünde, dass ich euch zeigte, was ihr mit dem euch gegebenen Verstand anfangen könnt, außer Feldboden zu bestellen und zu ernten und zu schuften. Für alles weitere bin ich ein Kind meiner Natur“, Dorian beugte sich vor, ignorierte den stahlharten Klammergriff an seinem Schwanz und leckte Ethan kokett über seine Wange: „Ich war immer nur die Legislative in der Geschichte.“

„Du warst die Schlange“, stellte Ethan unter geräuschvollem Schlucken fest, „daher liebst du auch die Riten des Katholizismus.“

„Ich bin der Morgenstern, dessen Licht der Mensch nicht verkraftet. Ihr seid zu schwach. Mein Licht bringt euch den Schatten eurer Selbst. Ich habe darum nicht gebeten. Ich wollte immer nur ich selber sein. Meine Sünden überlasse ich meiner Seele, die mittlerweile unter schweren Ketten gefangen ist und ihr Licht verloren hat. Hier bin ich nun gefangen unter diesen Ketten.“

„Höre ich da so etwas wie Mitleid heraus?“

Dorians Augen verzogen sich anklagend: „Ihr hattet kein Anzeichen von Mitleid mit mir, als ich Euch erzählte, dass ich hier bei ausgestreckter Hand verhungere. Spart Euch bitte jeden Anstand davon auch weiterhin.

Die Zeit vergeht. Und die Welt mit ihr. Nur ich nicht. Es ist ein göttliches Geschenk. Macht über andere zu haben. Die Macht andere zu überleben. Die Macht, das weder Feuer, noch Tod und Krankheit mir nicht schaden können …“ Dorians Hände glitten zu Ethans stahlhartem Griff an seinem empfindlichen Schwanz, „sie legen meine Seele in Ketten und lassen mich bei lebendigem Leibe sterben. Jeden Tag seit Jahrtausenden. Mein Licht ist nichts für Euresgleichen. Die Schatten, die es in euch hervorruft, kann ich nicht überblicken. Ich versuche sie bei mir geliebten Menschen zu vermeiden, aber ich schaffe es nicht. Der Fluch mitanzusehen, wie Geliebte verblühen, ich aber weiterlebe. Daher habe ich dieses Vorhaben vor Jahrhunderten aufgegeben. Einzig-“ seine Stimme brach ihm weg, ohne dass er es verhindern konnte.

Greifbare Stille hing zwischen ihnen. Erfüllte den Raum mit fast physischer Präsenz. Bis Ethan das Ungesagte aussprach:

„Einzig Miss Ives.“

Dorian konnte Ethans Blick nicht standhalten, er schluckte krampfhaft, schnappte verzweifelt nach Luft und suchte gleich darauf wieder die Augen seines Gegenübers. Eine Träne löste sich und suchte sich langsam den Weg zu Dorians Lippen. Als würde sie versuchen wollen, mit ihrem Salz den Verdurstenden zu tränken und den Durst des Gefallenen zu lindern.

Ethan war sich gleich dessen gewiss, das Tränen etwas waren, dass Dorian nicht kannte. Daher tangierte ihn das überraschte Aufhissen nicht.

„Du bist der Teufel, mein Hübscher.“

Ein Grinsen huschte über Ethans Gesicht: „Wir haben alle unsere Dämonen. Du erweckst sie lediglich. Ich habe weitaus Schlimmeres gesehen“, er schluckte hart, „Vanessa hat sich für weitaus Schlimmeres geopfert. Unsere Welt wäre in Dunkelheit verfallen. Die wolltet Ihr, soweit ich weiß, nicht. Ihr seid einfach nur ein Dominostein in einem filigranen Spiel. Von mir aus seid Ihr ein göttlicher Dominostein.“

„Das klingt danach, als könnet Ihr mit der Wahrheit leben?“

Ethan bestätigte mit einem kurzen Nicken.

„Ich danke Euch für Eure Ehrlichkeit.“

„Absinth?“ Dorians Lippen verzogen sich zu einem schelmischen Grinsen.

„Nein. Um Gottes Willen, bitte nicht mehr! Also, um … Eures Vaters Willen nicht mehr“, Ethan gab den Schwanz von Dorian wieder frei und streichelte mit seinen Händen über die halb entblößte Brust des jungen Mannes, weiter hin bis hin zum Stoff. Er tätschelte den Morgenrock zärtlich.

„Ich habe meine Antworten und … mehr wollte ich nicht.“

„Mehr wolltet Ihr nicht? Ich würde sagen, Euer Körper spricht da eine andere Sprache.“

Ethans Augenbrauen verzogen sich, seine Lippen wurden zu einem schmalen Strich: „Ich würde Euch hier sofort auf der Stelle auf Eure Knie zwängen und euch von hinten nehmen wollen, aber es ist Vollmond. Ich habe mir für meine Gewissheit eine, für mich, sehr ungewisse Zeit ausgesucht.“

„Was habt ihr mit dem Vollmond zu schaffen?“ gab Dorian zu, Ethan nicht ganz folgen zu können.

Ethan trat einen Schritt zurück, klopfte seine Hände an seinem Jackett ab und sah dann zur Türe. Für einen Moment hielt er inne, sah entschuldigend zu Dorian und verneigte sich dann. Er atmete geräuschvoll aus und wandte sich zum Gehen Richtung Türe. Seine Beine folgten ihm nur widerspenstig. Als er seine Hand gen Türgriff streckte, hielt er wie von einer unsichtbaren Macht ergriffen inne. Wem machte er hier etwas vor?

Gleich eines Schattens ihrer ersten Zusammenkunft, drehte er sich abrupt um und ging schnellen Schrittes auf Dorian zu, griff zielstrebig in seine Haare und zog ihn in einen sehnsuchtsvollen Kuss: „Ich gehöre hier genauso wenig hin, wie Ihr.  Meine Rolle habe ich aufgegeben. Meinen Wunsch jemand anderes zu sein. habe ich begraben. Ich habe schmerzhaft meine Natur anerkennen gelernt. Bis zur Nacht ist noch Zeit und ich will Dich so sehr, Dorian! Ich weiß nicht, wie ich mich in diesem Terrain zu verhalten habe. Es ist neu für mich, aber deine Schatten erwecken in mir das Licht,“ seine Hände zitterten, als er Dorians Wangen streichelte, aber er brachte sich schnell unter Kontrolle und küsste den jungen Mann vor sich mit zärtlicher Leidenschaft, die Dorian genauso sehnsuchtsvoll erwiderte.

Beide Männer fanden sich in Dorians großem Bett wieder, ihrer Leidenschaft nachgebend. Ethan knurrte begehrlich auf, als er den filigranen jungen Mann an diesem Tag mehrmals nahm, der sich ihm so uneingeschränkt hingab. Auch als Ethans Verlangen grober wurde und er mit seinen scharfen Fingernägeln tiefe, blutige Kratzer auf Dorians Haut hinterließ, stöhnte der Junge ihm immer noch anspornend zu mehr in sein Ohr. Gegenseitig erkannten sie, dass sie beiden Vorlieben für blutige Liebesspiele hatten und so war es kein Wunder, als Dorian einen Dolch hervorholte, und Ethan seinerseits tiefe Schnitte zufügte, von denen er lustvoll naschte. Mit jedem weiteren blutigen Schnitt bohrte sich Ethan tiefer in das zarte Innere seines Geliebten und trieb beide durch alle Ebenen ihrer gemeinschaftlich erfüllten Höhepunkte.

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Sanftes Sonnenlicht kitzelte Ethans Nasenspitze und weckte ihn mit ihrer neckischen Begrüßung.

Ethan fand sich unter einem großen Fenster wieder.

Ein wohlbekannter Schmerz durchfuhr Ethans Knochen. Hatte sie sich in sein Gedächtnis gebrannt, wie heißes Eisen in zartes Fleisch. Seine Arme fühlten sich wie taub an. Sein Kiefer schmerzte, als würde ein übergroßes Stück Holz ihn aufbrechen und gleichzeitig seine Splitter in die Mundhöhle bohren wollen. Ethan stöhnte gequält auf. Es bedurfte eines Augenblickes, als er sich seiner Umgebung bewusstwurde: er befand sich in Dorians Schlafgemach.

Ein eiskalter Schauer durchfuhr sein Rückgrat. Eine eisenkalte Klammer umschloss sein Herz und drückte es schmerzvoll zusammen. Er hatte es nicht geschafft, sich vor Mondaufgang aus Dorians Anwesen zu entfernen! Er kniff verzweifelt die Augen zusammen. Der Wolf in ihm hatte die Kontrolle mit Einbruch des Vollmondes gewonnen und Ethan wollte sich nicht ausmalen, welches Bild sich ihm eröffnen würde, wenn er seinen Blick durch das Zimmer gleiten ließ.

Unendlich langsam öffnete er erst ein Augenlid, dann das andere. Noch sah er auf seine blutüberströmten Hände, die wieder zu ihrer menschlichen Form zurückgekehrt waren. Er schluchzte. Er traute sich nicht weiter zu sehen. Er hatte Blut an seinen Händen, sein kompletter nackter Körper war damit bedeckt und er wollte sich nicht vorstellen, von wem das Blut stammen könnte. Er zog die Beine verzweifelt an sich heran, umschloss sie in purer Hilflosigkeit. Suchte Halt an sich selber, krallte seine Fingernägel, die schärfer als menschliche waren, in sein Fleisch. Es schmerzte, aber er hieß den Schmerz willkommen. Es war ihm ein Unverständnis, wie Dorian hatte unter seinen Nägeln so lustvoll aufstöhnen können. Der Teufel sehnte sich nach allem, was fern dieser Welt war, um sich lebendig zu fühlen. Menschlich. Er hatte mit ihm zusammen zu dieser Vollendung gefunden. Denn so wie er Dorian Lust und Erfüllung geschenkt hatte, hatte der junge Mann auch ihn befriedigt: einen ebenbürtigen Partner, bei dem er sich nicht zu verstellen brauchte. Heiße Tränen vermischten das Blut in Ethans Gesicht, als er sich der Angst der Tragweite seines Ausmaßes stellte. Sein Körper wurde von einem heftigen Zittern ergriffen. Er wollte sich das Schlachtfeld nicht ansehen. Er wollte seinen Geliebten nicht in Stücke gerissen vorfinden. Ethan heulte verzweifelt auf. Das durfte so nicht enden! Wer wußte schon, ob ein göttliches Wesen nicht durch dunkle Mächte, zu denen er gehörte, seinen Tod finden konnte. Teufel hin oder her.

Ethan musste sich vergewissern. Was mochte die Dienerschaft mitbekommen haben? Hatte er ihr Leben verschont? Erfahrungsgemäß überlebte kein Wesen in seinem Umfeld die Vollmondnacht.

Mit zitternden Händen stütze er sich ab, robbte von Pein getrieben auf den in Blut getränkten Dielen Stück um Stück nach vorne zum Bett. Sein Blick fiel auf etwas kleines Fleischiges. Kaum hatte er den Gegenstand ausgemacht, verschlossen sich seine Augen vor Scham. In der Blutlache lag ein kleiner Finger. Ethan wußte sogleich, wem dieser gehörte. Es befand sich noch Dorians Ring an dem Knochen. Der innerliche Schmerz bei diesem Anblick zerfraß ihn. Er wollte nicht mehr leben, wenn er Dorian in seinem Anfall aufgefressen hatte. Bittere Galle stieg in ihm auf. Ethan würgte verzweifelt. Tränen liefen ihm nun ohne Unterhalt über seine Wangen. Sein Blick streifte die umgestürzten, teilweise zu Kleinholz verarbeitet Möbelstücke, an denen auch Blut klebte. Er machte Überreste eines Lungenflügels aus, dann einen Unterarm, von dem das Fleisch genagt worden war und nur noch in Fetzen herunterhing. Ethans Blick glitt weiter hoch zum Bett. Das weiße Laken schimmerte an vielen Stellen tiefrot. Ihm wurde schwindelig, machte sich innerlich auf das Schlimmste gefasst, dass er nur noch Haut und Knochen von Dorian finden würde. Aber war er das dem jungen Mann nicht schuldig? Begrub man den Teufel? Oder seine Überreste? Konnte man ihn auf dem Friedhof beisetzten? Ethan drohte einer Ohnmacht einheim zu fallen, wenn er sich vorstellte, wie er Dorians Überreste ehrenvoll verschwinden lassen konnte. Nur unter reiner Willensanstrengung erhob sich Ethan unendlich langsam. Er verschloss seine Augen, machte sich für den Anblick bereit und malte sich aus, wie er das Malcolm erklären konnte. Wissend, dass Malcolm keine Erklärung brauchte.  Sich ängstlich der Realität stellend, öffnete er unter starkem Zittern schwerfällig seine Augen.

Die Laken schimmerten an einigen Stellen noch von dem Nass, dass sie getränkt hatte. Dunkles Rot zeugte von dem Schlachtfeld, dass er zwischen den Laken herbeigeführt hatte. Schmerzvoll drangen Erinnerungen in sein Bewusstsein, wie er über Dorian thronte, tief und hart in ihn stieß und des Teufels hübsches Gesicht so von Vertrauen und Leidenschaft gezeichnet war; und wie er gleich darauf mit klauenartigen Fingern den Brustkorb seines Geliebten aufgerissen hatte. Er zuckte selbst jetzt noch bei der Erinnerung zurück, als das Blut dabei auf seine Lippen spritze und er sein Gesicht zwischen filigrane Rippenknochen getaucht hatte, er erinnerte sich mit ersticktem Laut an den süßen Geschmack des Fleisches des Teufels.

Zwischen den blutgetränkten Laken, die immer noch frisch von Blut schimmerten, lag Dorian Gray wie ein Neugeborenes: seine Haut war so weich und elfenbeinfarben, wie Ethan sie in Erinnerung hatte. Keine noch so kleinste Schramme erinnerte an das Gemetzel, dass er hier veranstaltet hatte. Ethans Beine gaben schlussendlich nach und er schlug lautstark und hart auf den Holzdielen auf.

Dorian wurde von dem Geräusch wach und erhob sich lasziv langsam. Er öffnete unter schweren Augenlidern seine haselnussbraunen Augen zum ersten Mal nach seiner Genesung der Nacht und sah sofort zu dem Mann zu seinen Füßen. Ein freudiges Lächeln huschte über seine Lippen und er streckte seine Hand verlangend nach Ethan aus.

Ethan glaubte, in dem Moment sterben zu müssen.

Wer, anders als der Teufel, hätte das Überleben können?

Die ausgestreckte Hand war ihm Absolution und Einladung.

Er hatte doch wahrhaftig im Tod Leben gefunden.

Sein neues Leben.



Ende.




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Wer die zwei Süßen nicht zuordnen kann, der mag sich vielleicht dieses Video ansehen:

https://youtu.be/ogZ2iUdffrY
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