Schatten der Vergangenheit

von MonaGirl
GeschichteDrama, Familie / P12
Gabriella Martinez-Torres OC (Own Character) Ricardo Torres
08.09.2019
23.10.2019
3
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Sunset Beach Police Department

Ricardo Torres saß an seinem Schreibtisch im Sunset Beach Police Departement, als das Telefon schellte. Als er abnahm hörte er eine aufgeregte Männerstimme.

„Kommen sie schnell! Auf dem Dach des Hochhauses an der Central Station steht eine junge Frau. Es sieht ganz so aus, als ob sie herunterspringen wollte."

„Nun beruhigen sie sich erst einmal", sagte Ricardo ruhig. „Wo genau sagten sie befindet sich das Hochhaus?"

Während der Mann ihm weitere Informationen gab, kritzelte Ricardo die Adresse auf einen Notizblock.

„In Ordnung, wir werden gleich dort sein", versprach er und legte auf. „Ruiz!", rief er seinem Kollegen zu. „Wir haben einen Einsatz an der Central Station!"

Die beiden Polizisten verließen eilig das Polizeirevier und stiegen in ihren Streifenwagen. Ricardo setzte das Martinshorn aufs Dach, und mit Blaulicht rasten sie los.

Central Station

Unterhalb des Hochhauses hatte sich bereits eine Gruppe von Schaulustigen eingefunden, die alle nach oben starrten und darauf warteten, was als nächstes passieren würde. Ricardo sprang aus dem Einsatzfahrzeug und gab Ruiz Anweisung, zur Verstärkung die Feuerwehr zu rufen. Er schaute nach oben. In schwindelerregender Höhe saß ein junges Mädchen auf der Dachumrandung des Hochhauses. Ihre Beine baumelten über dem Abgrund, und Ricardo hielt für einen Moment den Atem an. Solche Einsätze erforderten ein besonderes Maß an Fingerspitzengefühl, etwas, was ihm so gar nicht lag. Er ging zurück zum Wagen.

„Ruiz, du hältst hier die Stellung! Ich gehe jetzt nach oben und rede mit ihr“, gab Ricardo Anweisung. So ganz wohl war ihm bei der Sache nicht, aber er hatte keine andere Wahl, als dort hochzugehen, um das junge Mädchen davon abzubringen, eine Dummheit zu begehen.

Zweifelnd sah der junge Polizist Ricardo an. „Meinst du nicht, es wäre besser, wenn wir eine Polizistin rufen würden, die eine zusätzliche psychologische Ausbildung hat?", fragte er.

Ricardo schüttelte den Kopf. „Wir können nicht länger warten“, sagte er bestimmt. Er schaute wieder nach oben, wo das Mädchen immer noch auf der Dachkante hockte. „Ich fürchte wirklich, dass sie bald springen wird", seufzte er.

„Soweit muss es ja nicht kommen“, hörte er plötzlich eine weibliche Stimme hinter sich. Er drehte sich um und sah sich einer jungen Frau gegenüber, deren Gesicht mit einer Sonnenbrille bedeckt waren.

„Wer sind sie?", fragte er unwirsch.

Die junge Frau hielt die Kamera hoch, die um ihren Hals hing. „Ich bin Presse-Fotografin beim 'Sentinel'“, antwortete sie.

Ricardo sah sie missbilligend an. „Immer auf der Suche nach einer guten Story, was?", meinte er höhnisch. „Hören sie Miss..."

„Martinez ... Gabriella Martinez“, stellte sie sich vor, während sie langsam ihre Sonnenbrille abnahm. Sie streckte Ricardo ihre Hand entgegen, zog sie jedoch wieder zurück, als er sie scharf ansah.

„Ich kann mir schon denken, weshalb sie hier sind", sagte Ricardo und verzog säuerlich das Gesicht. „Ihr Pressefritzen seid doch alle gleich!", stieß er verächtlich hervor.

Der Blick, der ihn dann traf, war eine Mischung aus Empörung und Fassungslosigkeit.

„Sie irren sich, wenn sie glauben, dass es mir nur um Fotos für eine gute Story geht!", verteidigte sie sich. „Ich habe vorhin zufällig ihr Gespräch mit angehört", erklärte sie. „Und da dachte ich, dass ich vielleicht helfen könnte."

Ricardo sah Miss Martinez stirnrunzelnd an. „Sie wollen helfen?", fragte er überrascht. Ich glaube, ich verstehe nicht, was sie meinen."

„Ich habe, bevor ich zum 'Sentinel' kam, einige Semester Psychologie studiert“, erklärte sie. Sie hob den Kopf und sah nach oben. „Vielleicht kann ich mit ihr reden", schlug sie vor.

„Und nur, weil sie Hobby-Psychologin sind denken sie, dass sie eine Lebensmüde davon abbringen können, sich umzubringen?", fragte Ricardo skeptisch.

„Es tut mir leid, dass ich mich ihnen aufgedrängt habe", sagte sie kühl, und an dem Funkeln in ihren braunen Augen konnte Ricardo erkennen, dass sie wütend war. „Es war wohl eine blöde Idee von mir." Sie drehte sich um, um zu gehen, als Ricardo sie aufhielt.

„Warten sie!" Während sie sich langsam umdrehte, sah er sie entschuldigend an. „Wenn sie der festen Überzeugung sind, dass sie qualifiziert genug sind, um diese Aufgabe zu bewältigen, sollten wir es versuchen."

„Sicher bin ich qualifizierter als sie!", entgegnete sie schnippisch.

Ricardo sah sie verblüfft an. Er erinnerte sich, dass sie dem Gespräch mit Ruiz gelauscht hatte und verkniff sich eine Antwort. Stattdessen fühlte er direkt Erleichterung, dass er nun Unterstützung in dieser Sache bekam.

Das Torres' Anwesen

Carmen Torres saß auf der Terrasse ihres Hauses und schaute gedankenverloren in die Ferne. Nachdem ihr Mann vor drei Jahren ganz plötzlich an Herzversagen gestorben war und kurze Zeit später ihre Tochter Maria Sunset Beach verließ, fühlte sie sich in dem großen Haus sehr einsam. Einzig ihr ältester Sohn Ricardo bewohnte noch eines der acht Zimmer. Ihr jüngster Sohn Antonio studierte Theologie in Los Angeles und hatte es vorgezogen, im Studentenwohnheim zu leben. Carmen hatte es nie verstanden, wie ein Kind aus reichem Hause es überhaupt in Erwägung ziehen konnte, in eins dieser primitiven Studentenheime zu ziehen. Aber Antonio hatte ihr auf ihren Vorwurf hin geantwortet, dass Bescheidenheit das erste wäre, was die jungen Theologiestudenten lernen würden. Carmen schaute zum Strand hinüber, wo drei Kinder mit einem Ball spielten. Schmerzliche Erinnerungen wurden dabei wach. Sie hatte alles verloren, was ihr lieb und teuer gewesen war, ihren Mann, ihre geliebte Tochter, die nun Tausende von Meilen von ihr entfernt lebte, und nun würde sie auch noch Antonio an die Kirche verlieren und somit auch die Hoffnung auf Enkelkinder. Sollte Maria eines Tages einmal Kinder haben, würden diese in London aufwachsen. Wie sehr hatte Carmen gehofft, dass Maria den Nachtclubbesitzer Ben Evans heiraten würde, doch diese Hoffnung wurde zerstört, als Maria den englischen Bankierssohn Ross Cooper kennenlernte und sich in ihn verliebte. Sie hatte ihre Verlobung mit Ben gelöst und war mit Ross nach England gegangen, wo die beiden nur wenige Monate später heirateten. Seufzend drehte Carmen den Brief in ihren Händen, den das Dienstmädchen vor wenigen Minuten gebracht hatte. Ihre Gedanken waren jedoch ganz woanders. Ricardo hatte damals besonders darunter gelitten, als seine zwei Jahre jüngere Schwester Sunset Beach verließ. Er und Maria hatten ein ganz besonders inniges Verhältnis zueinander gehabt, und Ricardo war noch heute davon überzeugt, dass Ben Evans nicht ganz unschuldig an der Trennung gewesen war. Carmens Blick fiel auf ein eingerahmtes Bild auf ihrem Schreibtisch. Es zeigte ihre drei Kinder, als sie noch glücklich und vereint waren. Eine Sorgenfalte erschien auf ihrer Stirn, während sie über ihren Ãltesten nachdachte. Wieso nur konnte Ricardo sich nicht endlich eine standesgemäße Frau suchen und sesshaft werden? Er war bereits 27 Jahre alt und sicher nicht zu jung, um zu heiraten, wie er immer behauptete. Doch jede Frau, die Carmen ihm vorgestellt hatte, und es waren nicht gerade wenig gewesen in den letzten drei Jahren, war entweder nicht nach seinem Geschmack oder es gab sonst irgendetwas an ihr auszusetzen. Mit einem Ruck riss Carmen das Briefkuvert auseinander und ein Foto fiel dabei heraus. Es zeigte eine junge Frau mit langem, kastanienrotem Haar. Sie trug ein rotes Abendkleid, das einen reizvollen Kontrast zu ihren katzenartigen, grünen Augen bildete. Carmen runzelte die Stirn. Sie konnte sich nicht erinnern, die junge Frau schon jemals gesehen zu haben. Neugierig faltete Carmen den Brief auseinander, der mit im Kuvert gelegen hatte und begann zu lesen ...

Im Apartment der Martinez-Schwestern

Cecilia Martinez stand vor der Kommode in ihrem Zimmer und bürstete ausgiebig ihr schulterlanges, dunkelbraunes Haar, bis es seidig glänzte. Während sie danach in ein flaches bequemes Paar Sandalen schlüpfte fragte sie sich, für wen sie sich überhaupt so hübsch machte. Die Männer warfen ihr zwar bewundernde Blicke zu, doch wer hatte schon ein Interesse daran, mit einer Kellnerin auszugehen? Cecilia nahm ihre Haarbürste und schleuderte sie quer durchs Zimmer. Stöhnend ließ sie sich dann aufs Bett fallen. Wie das Leben sie hier anödete! Ihre Gedanken wanderten zurück ...

Sie war so voller Enthusiasmus und Lebensfreude gewesen, als sie vor 15 Jahren mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester Gabi nach Sunset Beach gekommen war. Ihr Vater Lorenzo, von Beruf Anwalt, hatte damals sogar eine eigene Kanzlei unterhalten und seinen beiden Töchtern jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Gabi hatte Reit- und Klavierunterricht nehmen dürfen und Cecilia Ballettstunden. Cecilia setzte sich auf und starrte aus dem Fenster. Wie schön hätte das Leben sein können, doch dann wurde ihr Vater ganz plötzlich schwer krank … Cecilia kämpfte mit den Tränen, als sie daran dachte, wie er damals von Pflegern abgeholt und ins Sanatorium gebracht wurde. Zwei Jahre lebte Lorenzo Martinez nun schon im Pflegeheim, und Gabi und Cecilia, die aus Kostengründen ein gemeinsames Appartement bewohnten, hatten jeden Pfennig ihres Verdienstes in die Pflege ihres Vaters gesteckt. Cecilia hatte damals ihre klassische Ausbildung zur Tänzerin abbrechen müssen, weil sie einfach nicht mehr die finanziellen Mittel dafür gehabt hatte. Zum Glück wurde damals im 'Deep', einer bekannten Bar in Sunset Beach, eine Kellnerin gesucht, und Cecilia hatte sofort zugegriffen. Doch tief in ihrem Inneren war dieser Job nicht die Erfüllung ihres Lebens. Missmutig erhob sie sich und griff nach ihrer Handtasche. Es wurde Zeit, aufzubrechen. Ihr Boss mochte es gar nicht, wenn sich seine Angestellten verspäteten. Nach einem letzten, prüfenden Blick in den Spiegel, verließ Cecilia das Apartment.

Central Station

Zielstrebig ging Ricardo zum Eingang des Hochhauses und drehte sich dann noch einmal nach Miss Martinez um, um zu sehen, ob sie ihm auch folgte. Er hielt ihr die Fahrstuhltür auf, nachdem sie das Gebäude betreten hatten. Während der Fahrstuhl dann in das oberste Stockwerk glitt, hatte er Gelegenheit, sie näher zu betrachten. Sie trug ein hellbeiges, enganliegendes Kostüm, das ihre zierliche Figur und die langen, wohlgeformten Beine sehr vorteilhaft zur Geltung brachte. Ihre Sonnenbrille hatte sie nach oben, in die Mitte ihres Scheitels geschoben, was ihrem kurzgeschnittenen, dunklen Schopf ein freches Aussehen verlieh. Es waren jedoch ihre wunderschönen rehbraunen Augen, die ihn vom ersten Augenblick an fasziniert hatten und die ihn nun mit einem fragenden Blick ansahen. Ricardo senkte hastig den Kopf. Er fühlte sich mit einem Mal seltsam befangen, und er räusperte sich, um den Kloß loszuwerden, den er plötzlich in seinem Hals spürte. Die Stille wirkte geradezu bedrückend, und Ricardo war erleichtert, als der Fahrstuhl in der obersten Etage hielt. Er schob die Fahrstuhltür auf und ging die schmale Eisentreppe hinauf, die zum Dach führte. Bevor er die Tür öffnete, drehte er sich noch einmal zu Gabriella Martinez um.

„Ich hoffe, sie vermasseln es nicht", sagte er eindringlich.

„Ich werde mir die größte Mühe geben“, versprach sie.

Ricardo öffnete vorsichtig die Tür, und beide betraten das Dach.

Gabriella Martinez legte ihre Kamera ab, bevor sie sich vorsichtig dem Mädchen näherte, das mit dem Rücken zu ihr saß. Sie machte Ricardo ein Zeichen, dass er sich im Hintergrund halten sollte. Langsam, Schritt für Schritt, ging sie dann näher auf den Abgrund zu. Anscheinend hatte das junge Mädchen bemerkt, dass jemand hinter ihr stand, denn sie dreht sich erschrocken herum.

„Nein!", wimmerte sie, während sie abwehrend ihre Arme ausstreckte. „Kommen sie nicht näher, sonst springe ich!"

Gabriella Martinez ging einen Schritt zurück, während sie das Mädchen nicht aus den Augen ließ. Sie schätzte, dass es nicht viel älter als 10 oder 12 sein konnte. „Ich möchte nur mit dir reden", sagte sie ruhig. „Sonst nichts."

Das junge Mädchen sah sie misstrauisch an. „Reden?", fragte sie stirnrunzelnd. „Worüber denn?"

Die junge Fotografin ging in die Knie und hockte sich auf den Boden. „Nun vielleicht darüber, weshalb du hier oben sitzt." Sie beugte sich vor und streckte dem Mädchen die Hand entgegen. „Ich heiße übrigens Gabi", sagte sie lächelnd. „Verrätst Du mir auch deinen Namen?"

Ãngstlich sah das junge Mädchen Gabi an. „Miranda“, sagte sie dann schließlich zögernd.

„Miranda, was für ein schöner Name", sagte Gabi. „Ich möchte dir gerne eine Geschichte erzählen. Möchtest du sie hören?" Scheu nickte Miranda mit dem Kopf, und Gabi begann zu erzählen.

Das Torres' Anwesen

Liebe Madame Torres,

sie kennen mich vielleicht nicht, aber sie kannten meine Mutter, Otilia Mendez. Ich weiß, dass sie einmal sehr gute Freundinnen waren und sich auch noch einige Jahre nachdem sie Mexiko verlassen hatten, regelmäßig geschrieben und telefoniert haben. Nun muss ich ihnen leider mitteilen, dass meine Mutter vor 14 Tagen verstorben ist. Eine unheilbare Krankheit riss sie mit nur 44 Jahren aus dem Leben. Meine Mutter hat sie in ihrem Testament bedacht. Sie vermacht ihnen einige kostbare Schmuckstücke, an denen sie sehr gehangen hatte, u. a. ein kostbares Perlen-Diadem, ein Geschenk meines Vaters zum Hochzeitstag. Da es sich um Familienbesitz handelt, möchte ich die Übergabe des Schmuckes gerne persönlich übernehmen. Ich hoffe, sie finden meine Bitte nicht zu aufdringlich, aber der letzte Wunsch meiner Mutter liegt mir sehr am Herzen. Ich würde mich freuen, wenn sie mir bald eine positive Nachricht zukommen lassen würden.

Mit lieben Grüßen,
Raquel Mendez


Carmen ließ den Brief sinken. Otilia ... Wie lange hatte Carmen nicht mehr an ihre einst beste Freundin gedacht. Sie und Otilia waren zusammen aufgewachsen, hatten Freud und Leid miteinander geteilt und sich über den ersten Liebeskummer hinweggetröstet. Sie waren wie eineiige Zwillinge gewesen, hatten alles gemeinsam getan. Erst als Eduardo, Carmens Ehemann, in ihr Leben trat, veränderte sich das Verhältnis. Ein Jahr, nachdem Ricardo geboren war, zogen Carmen und Eduardo Torres nach Sunset Beach, und nur wenige Jahre später brach der Kontakt zu Otilia vollends ab. Jede ging ihrer Wege, und sie hatten keine Gemeinsamkeiten mehr.

„Sie hat also eine Tochter bekommen", dachte Carmen laut nach. Sie sah sich das Foto genauer an. Erst jetzt erkannte sie die Ãhnlichkeit mit ihrer Freundin. Schon Otilia war in jungen Jahren eine sehr schöne und begehrenswerte junge Frau gewesen, die sich vor Verehrern kaum hatte retten können. Ihre Tochter war nicht minder attraktiv, stellte Carmen fest. Sicher gab es keinen Mann, der ihr widerstehen konnte. Ein vielsagendes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ein Blatt von ihrem Schreibblock abriss und es sorgfältig vor sich ausbreitete. Sie überlegte einen Moment, bevor sie nach ihrem Füllfederhalter griff und anfing zu schreiben:

„Liebe Raquel,

natürlich sind sie jederzeit herzlich in meinem Haus willkommen ...!"
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