Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Vampire Academy- In Liebe entzweit

von Alvadas
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Rosemarie "Rose" Hathaway
08.09.2019
10.11.2019
21
116.485
6
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
15.09.2019 5.400
 
Kapitel 4
Hotelzimmer in Provo, Arizona

„Ach, Adrian! Wir können das doch nicht hier machen, es schauen doch alle zu!“, kicherte Angela im Schlaf, während ihre kleinen Händchen über eine imaginäre Männerbrust glitten. Man, die ist echt total verknallt!, registrierte ich, drehte mich auf die andere Seite und drückte mir mein Kissen auf die Ohren, damit ich dieses Liebesgeträume nicht mehr mitbekommen musste. Seit geschlagenen zwei Stunden versuchte ich nun den bitter benötigten Schlaf zu erhalten, doch er wollte einfach nicht kommen! Immer wieder gingen mir die Szenen aus der Gasse durch den Kopf. Der Kampf mit den beiden Strigoi, Shade der mir geholfen hatte und dabei so... ich weiß nicht wie, gewirkt hatte. Wie ein Wächter..., flüsterte eine leise Stimme in meinem Kopf. Und sicherlich meinte sie nicht irgendeinen Wächter, sondern einen ganz bestimmten, der aus Sibirien stammte... Doch ich wollte nicht Shade mit Dimitri vergleichen! Nicht nur, dass die beiden Welten von einander trennten, ich hatte schlicht und ergreifend einfach keine Lust an du weißt schon wen-Belikov zu denken! Der kann mir doch gestohlen bleiben!, meinte ich entschlossen zu mir selbst und versuchte an etwas anderes zu denken, zum Beispiel an heiße Typen auf mechanischen Bullen oder Jetskis. Aber immer wieder blitzte Shade in meinem Verstand auf. Er hat wirklich cool ausgesehen!, musste ich eingestehen. Auch wenn er nicht nur ein Strigoi, sondern dazu auch ein ziemlich Arsch war! Er hatte nämlich sofort diesen monumentalen Moment zerstört, in dem er mich zurecht gewiesen hatte, dass ich in dieser Gasse nichts zu suchen gehabt hätte und wir uns doch beim Wagen hatten treffen wollen. Selbst als ich ihn daran erinnerte hatte, dass wir uns schon längst dort hatten begegnen sollen, nur er nicht aufgetaucht war, hatte er mich nur geringschätzig angesehen und gemeint, dass er halt wichtigeres zu tun gehabt hätte, als shoppen zu gehen. Danach hatte ich ihn einfach ignoriert und war zurück zum Auto gegangen. Anschließend waren wir gemeinsam ins Hotel gefahren, wo Angela auf uns gewartet hatte. Natürlich hatte niemand von uns erwähnt, dass wir einen kleinen Zwischenfall gehabt hatten. Ich hatte geschwiegen, weil... mir das ganze vielleicht ein klitzekleines bisschen peinlich gewesen war und Shade... na, wusste der Teufel, warum er es der Moroi nicht gleich unter die Nase gerieben hatte! Ob ich ihn hätte besiegen können?, fragte ich mich aus einer Laune heraus. Einfach wäre es sicher nicht gewesen! Selbst Der Wächter, dessen Name nicht genannt wurde-Belikov hätte seine Schwierigkeiten gegen diesen Strigoi gehabt, vermutete ich stark. Seufzend versuchte ich mich wieder auf meinen Schlaf zu konzentrieren und meinen Geist zu leeren. Wie es Lissa wohl ergeht?, kam es mir in den Sinn und sofort fühlte ich Scham, dass ich schon so lange nicht mehr nach meiner besten Freundin gesehen hatte. Ein Blick sollte nicht schaden, dann kann ich wenigstens beruhigt einschlafen!, meinte ich und tastete sogleich nach dem Band, welches mich mit der königlichen Moroi verband. Das vertraute Gefühl ihres Geistes erfüllte mich und für den Augenblick fühlte ich mich geborgen. Sofort erkannte ich wo sie war und ich freute mich für sie, dass sie bei Christian war. Der Moroi saß neben ihr gegen das Bettgestell gelehnt und ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter. “Ich hoffe nur es geht ihr gut!“, sagte Lissa zu ihm und ihre Gedanken verrieten mir, dass sie von mir sprach. Sie war aufgewühlt, weil sie nicht wusste, was mit mir los war, ob ich überhaupt noch am Leben war. Schuldgefühle kamen mir durch das Band entgegen und Lissa schämte sich, dass sie mich in den letzten Wochen so vernachlässigt hatte. Das brauchst du doch nicht, Liss!, dachte ich, auch wenn es sie nicht erreichen würde. Trotzdem versuchte ich ihr meine Anwesenheit zu vermitteln, indem ich einen Teil der negativen Gefühle nahm. Sicher wird es ihr gut gehen! Es ist immerhin Rose, von der wir hier sprechen!“, entgegnete Christian aufmunternd. “Ja, ich weiß, aber...“ “Aber, du fühlst dich schuldig, nicht wahr?“, beendete der Moroi ihren Satz. Lissa nickte und ich begriff, dass ich nicht die einzige war, die in Lissas Gefühlswelt tauchen konnte. Auch ihre große Liebe, Christian, wusste wie sie tickte und es beruhigte mich ein wenig zu wissen, dass dort jemand war, der sich um sie kümmerte, wenn ich es nicht konnte. “Das Schlimmste ist, dass alle sie jetzt jagen und es niemanden mehr interessiert, dass sie unschuldig ist!“, sprach Lissa empört und hob ihren Kopf etwas an, um Christian direkt in seine blauen Augen zu schauen. “Ich meine: Sie haben uns alle stundenlang verhört, ob wir etwas mit ihrer Flucht zu tun gehabt hätten, dabei hätten sie diese Zeit lieber darin investieren sollen, den wahren Mörder zu finden!“, beschwerte sie sich und mein Herz ging auf, als ich spürte, dass sie ihre Worte wirklich so meinte. Sie glaubt fest an meine Unschuld!, bemerkte ich überrascht, doch ich schallte mich selbst eine Närrin. Natürlich tut sie das, Rose! Sie ist immerhin deine beste Freundin!, hielt ich mir vor. “Leider konnte Adrian sie seit ihrer Flucht nicht erreichen, deshalb mache ich mir große Sorgen, dass ihr etwas passiert sein könnte!“, sagte Lissa traurig und senkte ihren Blick, damit Christian ihre Tränen nicht sehen konnte, doch vor mir konnte sie die nicht verstecken. Bitte, nicht weinen, Liss!, dachte ich reumütig. So gerne hätte ich sie jetzt in den Arm genommen und ihr gesagt, das alles wieder gut werden würde, doch das konnte ich nicht... Eine Weile blieb ich noch bei Lissa, doch als das Gespräch langsam von mir weg driftete, gönnte ich den beiden etwas Zweisamkeit und zog mich zurück. Sie hat nicht erwähnt, dass Dimitri nach mir gefragt hat..., dachte ich niedergeschlagen, aber wenigstens schien es Lissa einigermaßen gut zu gehen, was die Hauptsache für mich war. Aber immer noch weigerte der Schlaf seine Arbeit zu tun und mich ins Reich der Träume zu schicken. Wieder schoss mir ein gewisser Strigoi durch den Kopf und als ich es nicht mehr aushielt, stand ich leise auf, um Angela nicht zu wecken. Ich schlich in den Wohnbereich des Hotelzimmer, wo ich Shade wieder auf der Couch liegend vorfand. „Willst du mir wieder ein Messer ins Herz rammen?“, fragte er leise und mit geschlossenen Augen, als ich neben ihm am Sofa stand. „Nein, das will nicht“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Was ist es dann, was dich vom Schlaf abhält und zu mir treibt?“, wollte er wissen und öffnete seine Augen. Kurz zögerte ich, weil es mir nicht leicht fiel über meinen Schatten zu springen, doch ich glaubte, dass es mir endlich Ruhe bringen würde, wenn ich es tat. „Danke!“, flüsterte ich und schlug den Blick nieder, weil mein Gesicht drohte rot zu werden. „Keine Ursache!“, entgegnete Shade, eine Spur verblüfft über mein plötzliches Geständnis. Schweigen breitete sich zwischen uns aus, aber ich wollte nicht einfach so wieder zurück gehen, also fragte ich ihm nach seinem Messer. „Es ist ein Tanto“, verriet er mir und zog das besagte Messer unten seinem Kopfkissen hervor. Dieses Mal steckte es aber in der entsprechenden Scheide, sodass es nicht allzu bedrohlich wirkte. Neugierig und ein bisschen ehrfürchtig nahm ich entgegen und musterte die Hülle, die aus einem edlen und dunklen Holz bestand, welches polierte schimmerte. Ich kannte mich ein wenig mit Waffen aus, etwas was als Wächterin nicht ausblieb, und so wusste ich, dass es eine japanische Klinge war, die berühmt für ihre Schärfe waren. Die Schneide war etwa Unterarm lang, der Griff, der keinen Handschutz besaß, maß noch einmal etwa die Hälfte davon und war mit einem Stoffband umwickelt. Vorsichtig zog ich daran und das Messer glitt mit einem leisen Schleif-Geräusch aus der Scheide. „Es ist wunderschön!“, hauchte ich ergriffen, als ich die Schneide betrachtete. Diese war leicht gekrümmt und nur einseitig geschliffen, was es aber zu einer gefährlichen Hiebwaffe machte, wenn man damit umgehen konnte. Was Shade definitiv tut!, überlegte ich, steckte das Messer wieder weg und gab es dem Strigoi zurück. „Ja, das ist es!“ Stimmte mir dieser zu und legte es wieder unters Kissen. „Es war ein Geschenk von jemanden, der mir sehr wichtig ist!“ Überrascht schwieg ich, doch wieder einmal musste mein Blick meine Gedanken verraten haben, denn Shade fing leise an zu lachen. „Du kannst es wohl nicht glauben, dass es für einen Strigoi etwas geben kann, das ihm wichtig ist, außer Blut und Tod, nicht wahr?“, traf er es auf den Punkt. Ich fühlte mich etwas vor den Kopf gestoßen, denn dieser Strigoi entsprach nicht meinem fest eingebläuten Bild der untoten Blutsauger. Klar, er war arrogant und irgendwie unnahbar, doch gleichzeitig hatte er etwas an sich, was ihn... lebendig... wirken ließ. „Naja, ich wollte mich nur bedanken und sagen, dass es aber nichts daran ändern wird, wer wir beide sind!“, stellte ich klar. Er hat mir das Leben gerettet, doch wir stehen auf zwei unterschiedlichen Seiten!, erinnerte ich mich und drehte
mich wieder um. Ich hatte schließlich alles gesagt, was ich hatte sagen wollen, und hoffentlich konnte ich jetzt endlich schlafen.

„Wach auf, Angela!“, rief ich der Moroi zu und schüttelte sie sanft. „Würdest du nach den Kleinen sehen, Adrian? Sicher ist Jonathan wieder so unruhig ohne seinen Daddy!“, murmelte Angela mit einem dümmlichen Grinsen auf dem Gesicht. Oh, man..., dachte ich und zog nun unsanft die Decke weg. „Steh endlich auf, wir müssen bald los!“, sagte ich etwas lauter und endlich schien meine Stimme durch ihren Traum zu dringen und Angela öffnete blinzelnd die Augen. Sie musste sich erst einmal orientieren und begreifen, dass sie hier in diesem Hotel zusammen mit mir war und nicht verheiratet mit Adrian Ivashkov und mit drei gemeinsamen Kindern. „Du glaubst gar nicht, was ich für einen schön Traum hatte, Rosella!“, gähnte die Moroi und streckte sich. „Ne, keinen blassen Schimmer!“, erwiderte ich leicht sarkastisch und schob das Mädchen aus dem Bett. „Hopp, hopp! Wir haben nur wenig Zeit!“, ermahnte ich sie zur Eile, dabei hätte ich selbst gern noch die eine oder andere Stunde im Bett verbracht. Zwar hatte ich nach meiner Aussprache mit dem Strigoi Schlaf finden können, doch es hatte nicht lange gedauert, da hatte mich der Wecker an die harte Realität meines Daseins erinnert. Heute wollten wir die letzte Strecke zur St. Adriana-Akademie zurücklegen, wo Angela einen Termin hatte. Ich sollte sie als ihre Wächterin begleiten und nebenbei den genauen Standort des Spezial-Gefängnisses heraus finden. Da es nur ein Bad für drei Personen gab, wechselten wir uns ab und während einer sich schick machte, aßen die anderen beiden oder packten die Sachen zusammen, da wir auch heute aus dem Hotel auschecken würden. Na, dann wollen wir mal!, dachte ich, als ich an der Reihe war, das Bad benutzen zu dürfen. nach einer schnellen Dusche holte ich die Klamotten heraus, die ich extra für diesen Anlass gekauft hatte und zog mich an. Es war ein komisches Gefühl in den beschlagenen Spiegel zu sehen und die verzehrten Züge einer Wächterin zu entdecken. Ob ich je wieder in dieses Leben zurück kam?, fragte ich mich zweifelnd. Es war nicht so, dass ich aufgeben würde, doch... Es wird sicher nicht einfach!, seufzte ich und verließ das Badezimmer. „Wow, Rosie! Du siehst ja umwerfend aus!“, lobte mich Angela, die bereits in ihrem weißen Sommerkleid steckte. „Danke!“, sagte ich etwas verlegen und drehte mich ein bisschen, damit die Moroi die volle Pracht ihrer neuen Wächterin zu Gesicht bekam. „Was sagst du dazu, Shade? Sie sieht doch Bombe aus!“, wollte Angela die Meinung des Strigois hören, der wie immer seine schwarzen Sachen anhatte. Shade sah nur flüchtig auf und widmete sich dann wieder seiner Tasche, die vor ihm auf dem Bett stand. „Ja, mit ein wenig Glück geht sie als eine Wächterin durch!“, meinte er lahm. Ich ignorierte seine Aussage beflissentlich, denn ich wusste wie gut ich aussah. Meine teure schwarze Hose, die weiße Bluse, darüber der dunkle Kurzmantel... Das alles saß wie perfekt und wirkte gleichzeitig edel und doch dezent. Abgerundet hatte ich das Dienst-Outfit mit einer Sonnenbrille, einer Armbanduhr und mit einem hochgesteckten Zopf, der meinen Nacken entblößte. Man konnte über mich sagen, was man wollte, doch die Ansammlung meiner Molnija-Abzeichen sprach für sich! „Gut, lasst uns loslegen!“, sagte ich mit viel Elan und ging zu meiner eigenen Reisetasche hinüber, die ich ergriff und hochhob. Nun da wir alle fertig waren, konnten wir aufbrechen! Angela ging voran, Shade und ich folgten ihr. „Hier, das ist für dich!“, meinte Shade plötzlich und hielt mir ein Bündel hin. Überrascht nahm ich es entgegen und schlug den Stoff zurück. darunter kam eine Pistole zum Vorschein, die in einem Holster steckte. Daneben lag ein Rsservemagazin, eine kleine Stabtaschenlampe und ein militärisches Springmesser. „Woher hast du das?“, fragte ich perplex. „Habe ich gestern besorgt“, meinte der Strigoi nüchtern. Sein stechender Blick fixierte mich. „Damit kannst du mich nicht umbringen, aber du bist wenigstens in der Lage dich und vor allem Angela zu verteidigen!“, erklärte er seinen Beweggrund, mir diese Waffen zu überlassen. „Und nebenbei komplettieren sie dein Erscheinen als Wächterin.“ „Danke!“, sagte ich noch ein wenig irritiert. Schnell steckte ich mir das Holster mitsamt Reservemagazin hinten an den Gürtel und schlug dann meinen Mantel darüber, damit nicht gleich jeder sah, dass ich bewaffnet war. Taschenlampe und Messer kamen jeweils in die Seitentasche meines Mantels. Hoffentlich werde ich das nicht brauchen!, überlegte ich noch, als wir auf den Wagen zu gingen. Denn Shade hatte Recht: Ihm und allen anderen Strigoi würde ich damit nicht gefährlich werden, also blieben nur die Lebenden, gegen die ich diese Waffen richten konnte. Wir fuhren sofort los, da die Fahrt einige Stunden dauern würde. Etwa drei Meilen vor der Akademie hielt ich kurz an und ließ Shade hinaus, der uns nicht zur Akademie begleiten konnte. „Pass auf dich auf!“, sagte Angela besorgt zu ihm. Shade nickte nur und warf mir dann noch einen Blick zu, der mich daran erinnern sollte, meine Pflicht zu tun und die Moroi zu beschützen. Auch ich nickte, dass ich verstanden hatte und schon schlug der Strigoi die Tür hinter sich zu und ich gab wieder Gas. Umso näher wir dem Gelände der Schule kamen, desto nervöser wurde ich. Schließlich war ich recht bekannt, oder viel mehr berüchtigt, was mir jetzt aber überhaupt nicht passte. Sie werden dich schon nicht erkennen, Rose, keine Sorge!, versuchte ich mich zu beruhigen. Dann war es soweit und das Tor der Akademie tauchte vor uns auf. Automatisch wurde ich langsamer und rollte auf den Eingang zu. Ein Dhampir gekleidet wie ein Wächter, trat aus dem kleinen Torhäuschen hinaus und winkte mich heran. Langsam ließ ich das Fenster hinunter und streckte den Kopf hinaus. „Wir sind...“, fing ich an, doch nun fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, wer wir überhaupt waren. Ich konnte ja schlecht sagen: Rosemarie Hathaway und Angela! Nicht einmal den Nachnamen der Moroi kannte ich, also bleib mein Mund offen, doch der Wächter bemerkte nichts, sondern nickte nur und sprach kurz in sein Knopfmikrofon. Ratternd schoben sich die beiden Torflügel auseinander und gaben den Weg weiter. „Alles klar, fahren Sie einfach gerade aus, dann kommt rechts der Parkplatz! Sie werden bereits erwartet. Einen angenehmen Aufenthalt!“, sagte der Wächter dann und bedeutete mir mit einer Geste weiter zu fahren. „Danke, Ihnen auch!“, brachte ich noch hervor, bevor ich wieder beschleunigte. Puh, das ging noch einmal gut!, dachte ich. „Wie willst du mich eigentlich nennen?“, fragte ich Angela, die hinten saß, durch den Rückspiegel. „Ich glaube ich nenne dich einfach Mary!“, erwiderte sie, während sie durch die getönten Scheiben der Fenster blickte. Nicht gerade einfallsreich, aber das sollte klappen!, meinte ich dazu und konzentrierte mich wieder auf den Weg vor mir. Das Gelände der St. Adriana-Akademie lag in einem Waldgebiet und das war wohl auch der Grund, warum die Moroi des hier trotz des warmen und trockenen Klimas aushalten konnten. Ein breiter Kiesweg führte uns näher an die Gebäude heran, die in der Ferne aufragten. Dann kam der bereits genannte Parkplatz rechts des Weges und so lenkte ich den Wagen dorthin und stellte ihn ab. Ohne ein weiteres Wort stieg ich aus, ging nach hinten und hielt Angela die Tür auf. „Danke, Mary!“, meinte diese mit einem leichten Lächeln und kam heraus. Ohne Probleme fand die Kleine den Weg und ich folgte ihr einfach den schmalen Sandweg hinauf, der von vielen Laubbäumen gesäumt war, sodass er selbst bei der stärksten Sonne im Schatten gelegen hätte. Diese Baumreihen zogen sich durch das komplette Bild des Schulgeländes, soweit ich es einsehen konnte. Jeder Pfad war so abgeschattet worden und fügte sich perfekt in die Wald-Landschaft ein. Ich glaubte sogar das Plätschern eines fernen Baches zu hören, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. Dafür sah ich die Gebäude der Schule umso mehr, als wir auf diese zu hielten. Sie waren ganz anders als die der St. Vlad und doch hatten sie vom Baustil gewisse Ähnlichkeiten. Drei Gebäude aus dickem, dunklen Stein, gleich eines Schlosses erhoben sich aus dem Waldboden und bildeten ein eckiges U. Das Haus in der Mitte war das größte und verfügte über mindestens vier Stockwerke. Dort ist sicher die Direktion und die Aula!, vermutete ich stark und blickte zu den beiden seitlichen Gemäuern. Sie waren nicht ganz so hoch wie das mittlere, aber fast genauso imposant. Wahrscheinlich waren es Unterrichtsräume, da die Wohnhäuser oft etwas entfernt von dem Haupttrakt waren, um den Schülern etwas Privatsphäre zu gönnen. Einige Hundert Meter links von mir, wo sich die Baumreihen lichteten, entdeckte ich den Turm einer kleinen Kapelle, was mich nicht überraschte. Die meisten Moroi waren von Natur aus sehr religiös, einen Umstand, den ich nicht mit ihnen teilte, dafür hatte ich einfach schon zu viel gesehen. „Wir werden erwartet!“, flüsterte mir Angela aus dem Mundwinkel zu und ich richtete sofort meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Am Ende des Weges standen drei Personen, die tatsächlich auf uns zu warten schienen. Es waren zwei Moroi, ein Mann und eine Frau, und ein Wächter. Die Frau trug einen strengen Rock und einen modischen Blazer, beides in Mint-Grün. Zusammen mit ihrer schmalen Brille, den geschürzten, blassen Lippen und dem hoch geknoteten Haar,
machte sie Kirova alle Ehre und ich würde mein nicht existierendes Wächtergehalt darauf verwetten, dass sie die Direktorin hier war. Der Moroi-Mann sah hingegen wie ein Lehrer aus, alt mit weißen kurzen Haaren, glatt rasiert und in einer Kordhose mit einem Pullunder über einem weißen Hemd. Der Wächter trug das, was alle Wächter trugen und wirkte auf mich nicht wirklich besonders. Er hatte einen wachen Blick, mit dem er mich sofort scannte und einstufte. Dasselbe tat ich auch mit ihm und entschied mich ihm mit einer Mischung aus Respekt und Desinteresse zu begegnen. Denk daran, Rose. Du spielst bei diesem Besuch nicht die Hauptrolle!, ermahnte ich mich still keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. „Lady Zeklos! Schön Sie hier zu sehen!“, begrüßte die Frau Angela. Lady Zeklos?, echote ich und betrachtete die Kleine Moroi vor mir aus dem Augenwinkel. Du bist also eine Königliche! „Mein Name ist Mrs. Stoica, die Leiterin dieser Einrichtung! Dies hier sind Mr. Bedea, unser Vertrauenslehrer, und Wächter Conrad, Hauptmann hier an der Akademie!“, stellte die Direktorin das Trio vor. „Sehr erfreut, Mrs. Stoica, meine Herren! Ich bin Angela Zeklos und ich danke Ihnen, dass sie sich Zeit für mich nehmen!“, erwiderte Angela hoheitsvoll und verneigte sich kurz. Zum Glück war ich gut darin, eine starre Maske als Gesichtsausdruck darzubieten, sonst hätte ich bestimmt ziemlich dümmlich ausgesehen mit weit aufgerissenen Glubschaugen. Ich erkenne dich gar nicht wieder, Mädchen!, dachte ich, denn Angela wirkte wie ausgewechselt. Sie war nicht mehr das kleine und verrückte Mädchen, sondern die wohlerzogene und Salon-fertige Königliche, wie man es von einer Moroi ihres Standes erwartete. „Dies ist meine Wächterin Mary, sie begleitet mich heute!“, nannte die Kleine auch meinen Namen und ich nickt einmal förmlich den Dreien zu, sagte aber nichts. „Erst einmal möchte ich Ihnen im Namen aller hier an der St. Adriana-Akademie mein tiefstes Beileid ausrichten, Lady Zeklos! Das, was mit Ihrer Familie passiert ist, ist ein eine wahre Tragödie und falls wir etwas für Sie tun können, dann zögern Sie bitte nicht uns danach zu fragen!“, sagte die Direktorin und wieder wurde ich hellhörig. Ihre Familie, eine Tragödie?, schoss mir das Gesagte durch den Kopf. „Vielen Dank, Mrs. Stoica. Ich weiß Ihre Anteilnahme zu schätzen!“, meinte Angela mit einer leichten Verbeugung. So tut sie das?, fragte ich mich grübelnd, doch das hatte auch noch Zeit bis später. „Dann kann der Rundgang ja beginnen!“, meinte die Direktorin. Angela nickte zwar zustimmend, öffnete aber trotzdem ihren Mund für einen Einwand. „Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir das Gelände zeigen würden, aber wäre es vielleicht möglich, dass man meiner Wächterin näher die Sicherheitsvorkehrungen erläutert, die an dieser Einrichtung herrschen?“, fragte sie und setzte eine bekümmerte Miene auf, als wäre ihr dieses Thema unangenehm. „Ich habe versucht ihr zu erklären, dass es an der St. Adriana-Akademie keinerlei Bedrohung für mich gibt, doch seit dem Überfall auf die Akademie in Montana...“ Das Mädchen ließ ihren Satz unbeendet, doch alle Anwesenden wussten, was sie meinte: Die Spielregeln hatten sich verändert und vieles, was früher als sicher gegolten hatte, musste nun auf den Prüfstand gestellt werden. „Das sollte kein Problem sein, denke ich, Lady Zeklos!“, schaltete sich Wächter Conrad ein. „Vielen Dank, Wächter Conrad!“, antwortete Angela erleichtert, bevor sie sich zu mir umdrehte. „Dann sehen wir uns später, Mary!“ „Ja, Lady Zeklos! Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Besichtigung!“, erwiderte ich und schon gingen die drei Moroi los. „Folgen Sie mir doch, bitte!“, bat mich der Dhampir und nickte in Richtung Westen. „Wenn ich ehrlich bin, dann hat es mich überrascht, dass Lady Zeklos überlegt, sich hier an die St. Adriana-Akademie einzuschreiben. Nachdem was mit ihrer Familie passiert ist...“, brummte der Wächter, als wir voran gingen. „Ja, das kann man wohl sagen“, erwiderte ich, ohne wirklich zu wissen, was er eigentlich meinte. „Sie müssen wissen, dass die ältere der beiden Zeklos-Schwestern einst Schülerin hier war... Genau wie ihr Wächter!“ „Ach, echt? Das höre ich zum ersten Mal!“, sprach ich ehrlich überrascht und sah zu Conrad hinüber. Dieser nickte und fuhr weiter: „Ja, beide waren wirklich talentierte Kinder, vor allem Jonas... Am Anfang hielt ich ihn für einen Versager, doch als er das Zeklos-Mädchen kennen gelernt hatte, hat er sich um hundertachtzig Grad gedreht!“ Ich hörte Erstaunen aus der Stimme des Dhampirs heraus und auch wenn ich nicht sicher war, dass er mit Jonas denjenigen meinte, an den ich gerade dachte, eröffnete es ein ganz neues Licht auf die Verbindung von Angela zu Shade. „Ja, leider verglühen die hellsten Flammen als schnellstes“, meinte ich melancholisch. Schweigend gingen wir weiter. Wir nahmen den Kiesweg, bis dieser scharf abbog und weiter ins Gelände hineinführte. Er führte zu einem schlichten Kasten aus Glas und Beton. Es passte nicht wirklich in das sonstige Ambiente, denn es war viel zu modern als die sonstigen Alt-Herren-Schlösser, die hier herum standen. Das ist bestimmt das Hauptquartier der Wächter!, vermutete ich und als Conrad seinen Wächterausweis zückte, diesen vor ein kleines Feld neben der Tür hielt und diese sofort aufsprang, sah ich meine Vermutung als bestätigt an. „Ohne so einen kommt hier niemand herein!“, erzählte mir der Wächter und winkte mich hinein. „Sonst hat hier ja auch niemand etwas zu suchen, oder?“, erwiderte ich halb im Spaß. „Leider muss ich Ihrer Klientin, Lady Zeklos, Recht geben: Der Überfall auf die Schule in Montana hat gezeigt, dass es noch einige Defizite in der Sicherung unserer Territorien gibt, die noch ausgemerzt werden müssen!“, erläuterte der Wächter und wies mir mit einer Handbewegung den Weg durch einen schlichten Flur. „Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Schutzzauber nicht versagen? Sei es durch einen Silberpflock oder durch Magieanwendung?“, fragte ich meiner Rolle entsprechend. „Ja, das war anfangs ein heikles Thema“, gestand Conrad. „Aber ich denke wir habe eine einfache und zuverlässige Lösung gefunden! Sie wissen bestimmt, dass man ursprünglich die Schutzzauber am Rande der Geländegrenze gezogen hat.“ Ich nickte, das war die standardmäßige Vorgehensweise! „Um eine Sabotage von Außen zu verhindern, haben wir die Zauber zwei Meter weiter nach innen verlegt, sodass man erst über den Zaun herüber müsste, um die Zauber mit Hilfe eines Pflocks zu zerstören. Gegen, sagen wir mal, einen übermütigen Schüler haben wir einfach einen weiteren Zaun gezogen, der die Zauber abgrenzt.“ Ich nickte anerkennend, denn es schien in meinen Augen eine gute Lösung für das Problem zu sein. „Das hört sich doch solide an!“, lobte ich die Arbeit des Hauptmanns, der schwach lächelte. „Danke, so etwas höre ich gerne, denn es hat mich einiges an Überredungskunst gekostet die Schulleitung von den Maßnahmen zu überzeugen!“ Das glaubte ich ihm gerne, denn obwohl den Akademien ein recht großzügiges Budget zur Verfügung stand, gaben diese es nur widerwillig für, laut Moroi, unnütze Sachen wie Zäune und andere Schutzmaßnahmen aus... Auf dem Weg passierten wir einen großen Raum, der lauter PCs war. Mindestens acht Wächter saßen vor jeweils einem Computer und nur das leise Tippen der Tastaturen war zu vernehmen. Für mich war es eine surreale Atmosphäre. Mir gefällt es irgendwie lieber, wenn alle herum laufen und sich laut unterhalten, das... fühlt sich irgendwie lebendiger an!, musste ich mir eingestehen. Die Versicherungsverkäufer-Methode lag mir einfach nicht! „Das hier ist unser neues Datenverarbeitungscenter. Nach der Umstellung auf die digitale Datenbank sparen wir einiges am Herum-Gelaufe und Papier, natürlich!“, sagte Conrad und wies auf die Arbeitsplätze. Haben Sie wirklich gar keine Unterlagen mehr auf Papier?“, fragte ich mit einem unguten Gefühl im Bauch. „Nicht einmal mehr im Archiv?“ „Nein, das haben wir vor wenigen Wochen abgeschafft. Heute gibt es alles auf Festplatte“, erwiderte der Wächter stolz. „Natürlich haben Sie das!“, murmelte ich und versuchte mir meine anwachsende Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. Verdammt noch mal! Was mache ich denn jetzt?, fragte ich mich. Wie sollte ich denn an die benötigten Informationen kommen, wenn alles auf irgendeinem ollen Computer lag, auf die man nur mit einem Wächterausweis Zugriff hatte, welchen ich gerade nicht bei mir hatte! Vielleicht kann ich ja an einen unbenutzten PC heran kommen... Oder einen Ausweis stehlen..., überschlug ich meine Möglichkeiten, doch keine davon überzeugten mich sofort. „Lassen Sie uns weitergehen!“, schlug Conrad vor und ging voraus. Während ich ihm folgte, zermarterte ich mir weiter das Hirn über mein Problem, welches wie aus dem heiteren Himmel heraus vor mich gestürzt und gesagt hatte: deal with it!. Leider blieb mir nicht viel Zeit, um eine Lösung zu finden, denn wir würden nicht ewig hier an der Akademie bleiben und bis dahin musste ich den genauen Standort des Gefängnisses in Erfahrung gebracht haben! Kurz darauf standen wir auch schon vor dem Büro des Hauptmanns und Conrad öffnete mir die Tür. „Nach Ihnen!“, meinte er höflich und ich ging mit einem dankbaren Lächeln an ihm vorbei und betrat das Zimmer. Dieses Büro war mal so etwas von anders als alles, was
ich von Alberta Petrov, die Haupmännin der Wächter der St. Vlad-Akademie, gewöhnt war. Jegliches altertümliches Flair mit den Holzmöbeln und Statuen suchte man hier vergeblich. Stattdessen gab es einen modernen Designer-Schreibtisch aus verbogenen Metallstreben, auf dem ein großer PC-Monitor stand. Die Wände waren in einem blendenden Weiß gehalten, die nur durch wenige rote Karos verziert waren. Ein echter Mode-Liebhaber!, meinte ich schmunzelnd über den Wächter hinter mir zu wissen. „Sie haben ein beeindruckendes Büro!“, sagte ich anerkennend und schaute zu dem Fenster, welches gegenüber der Tür eingelassen war. In der Spiegelung des Glases konnte ich mich selbst und die Tür erkennen. Schaute ich sogar etwas genauer hin, dann konnte ich Wächter Conrad sehen, der mich auf eine komische Art ansah. „Äh...Ja...Danke...“, antwortete der Dhampir mit einer deutlichen Verzögerung. Ich runzelte verwirrt die Stirn über dieses plötzlich veränderte Verhalten des Wächters, der bisher sehr klar und aufmerksam gewirkt hatte. Conrad schloss die Tür und trat an seinen Schreibtisch heran. „Mary...Ich darf Sie doch Mary nennen, oder?“, fragte er mich und sah zu mir. Mit den Schultern zuckend gab ich ihm die Erlaubnis dazu. „Wo, sagten Sie, hatten Sie gleich noch Ihre Ausbildung absolviert?“, wollte er wissen. Was soll denn diese Frage jetzt?, wunderte ich mich. Ein seltsames Gefühl kam in mir auf und eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte mir zu, dass der Wächter mich durchschaut hatte. Aber wie soll er das gemacht haben? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich musste mich zusammenreißen, um nicht meine Fassade zu verlieren. Dennoch wurde mir schwindelig und mein Gesicht brannte vor Aufregung. Natürlich, er hat meinen Nacken gesehen, als ich an ihm vorbei gegangen bin! Klar, Molinja-Abzeichen waren an sich kein Identifizierungsmerkmal, doch wenn man zum Beispiel ein weiblicher Dhampir war, jung, hatte den ganzen Nacken voll davon und dazu auch noch ein Zvedza-Zeichen, welches man erst durch einen Kampf mit vielen Strigoi verliehen bekam, sah das anders aus. „Äh...Montana, Sir!“, antwortete ich hastig. Bleib ganz ruhig, Rose! Noch scheint er sich nicht Hundertprozentig sicher zu sein, dass du du bist, sonst hätte er längst Verstärkung gerufen! Dazu durfte es natürlich nicht kommen, dessen war ich mir bewusst, denn noch einmal würde mir keine Flucht aus einem Gefängnis gelingen. „Ach so, daher also Ihre Zvedza-Tätowierung!“, meinte Conrad, drehte sich um und lehnte sich gegen die Tischkante. „Sie haben also den Angriff der Strigoi zurückgeschlagen.“ Mit einem leisen Lacher, der mal so gar nicht meine innere Anspannung repräsentierte, schüttelte ich den Kopf. „Na, soweit würde ich nicht gehen! Ich habe lediglich ein Fenster im ersten Stock bewacht!“, schmälerte ich meine Verdienste ohne weit von der Wahrheit abzuweichen, denn ich hatte tatsächlich ein Fenster verteidigt, zu mindestens die erste halbe Stunde lang, bevor ich losgezogen war, Christian zu retten. „Aber sicherlich waren Sie dann bei der folgenden Rettungsmission dabei, oder?“, ließ Conrad nicht locker. Ich bemerkte seinen analysierenden Blick, als achtete er auf jedes Muskelzucken von mir. Er ist auf der Hut!, erkannte ich. Die ganze Haltung des Wächters, egal wie locker sie auch aussehen mochte, war angespannt. Seine Hände waren in einer gestellten Haltung, der linke Arm vor den Bauch verschränkt, der rechte mit dem Ellenbogen darauf während die Handfläche das Kinn stützte. Es war eine Lauerstellung, nur darauf wartend, dass ich mich verriet und er endgültig wusste, dass ich Rose Hathaway war, eine gesuchte Flüchtige. „Ja, das habe ich... War ein erschütternder Moment...“, sprach ich mit belegter Stimme, als ich mich an die Szene zurück erinnerte, wo Dimitri kurz vor dem Umgang der Höhle, die wir damals angegriffen hatten, überwältigt und zurück gezehrt worden war. Damals habe ich ihn verloren, dachte ich erschrocken. Und jetzt? Es sieht nicht viel besser für mich und ihn aus, oder? Ich zwinkerte die aufkommenden Tränen weg und machte einige harmlose Schritte in den Raum hinein. Natürlich brachte auch ich mich in eine bessere Position, falls es mir nicht gelingen sollte, die Zweifel an meiner falschen Identität zu zerschlagen. „Wenn Sie mich fragen, dann gehen wir seit Jahren viel zu nachsichtig mit den Strigoi um!“, meinte Conrad unvermittelt und blieb stehen und sah ihn an. Dieser Meinung war ich auch! „Ich finde, dass wir schon längst einige Trupps an Wächtern präventiv hätten einsetzen sollen, doch die Regierung...“ „Wartet lieber ab!“, vollendete ich seinen Satz. „Ja, leider! Schweigen kam auf und ich schlenderte weiter, bis ich neben der Anrichte, oder eher Sideboard, stand. Darauf stand in einer Halterung ein Handgroßer Metallwürfel. Welchen Zweck er hatte, falls er überhaupt einen besaß, entzog sich meiner Kenntnis, aber vielleicht konnte ich da abhelfen! „Wissen Sie, was ich noch mehr verabscheue als Strigoi?“, fragte mich Conrad und ich schüttelte den Kopf, während meine Finger über das glatte Metall des Würfels glitten. Aber du wirst es mir sicher gleich verraten!, dachte ich und machte mich bereit. „Verräter!“, rief Conrad verächtlich aus und stieß sich von der Tischkante ab. „Leute, die ich als meine Brüder und Schwestern betrachtet habe und die dann den gemeinsamen Weg verlassen, all unsere Prinzipien verraten, nur um...“ Bevor er ganz ausgesprochen hatte, griff ich nach dem Würfel und warf ihn auf den Wächter zu. Dieser reagierte sofort, als hätte er einen Angriff von mir erwartet. Sein Blick zeugte von der erbarmungslosen Härte, die er mir gegenüber walten lassen würde. Aber auch ich werde nicht zimperlich sein!, schwor ich mir und stürzte auf den Dhampir los, der den Gegenstand abwehrte, der auf sein Gesicht zugeflogen kam. Er darf nicht schreien oder es wird hier nur so von Wächter wimmeln!, ermahnte ich mich, doch es würde kein leichtes Unterfangen sein, den erfahrenen Wächter leise auszuschalten.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast