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Vampire Academy- In Liebe entzweit

von Alvadas
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Rosemarie "Rose" Hathaway
08.09.2019
10.11.2019
21
116.485
6
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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10.11.2019 6.448
 
Kapitel 21

Daniella Ivashkov riss sich aus dem Griff des Wächters los und zog dessen Pistole aus dem Schulterholster. Sie hielt die Waffe mit der Mündung an Mias Schläfe. „Bleibt wo ihr seid oder dieses Mädchen hier stirbt!“, rief sie entschlossen aus und drehte sich von links nach rechts, um ja alle Wächter im Blick zu haben. „Lady Ivashkov, bitte! Das wollen Sie doch gar nicht!“, versuchte Lissa sie zu beruhigen, doch Adrians Mum lachte nur hysterisch. „Halt den Mund, du Göre! Du und deine Schoßhündin seid doch erst an allem schuld!“, behauptete sie, dann wandte sie sich wieder um. „Keinen Schritt näher, ich warne euch!“, schrie sie und die Wächter, unter ihnen meine Mum, die sich vorsichtig vorwärts bewegt hatten, blieben mit erhobenen Armen stehen wo sie waren. „Warum, Daniella?“, fragte ich sie leise. „Warum musste Tatjana sterben?“ Das Gesicht der Moroi verzerrte sich vor Wut, als ich den Namen der verstorbenen Königin aussprach. „Das hätte sie nicht gemusst, wenn sie nicht so verdammt stur gewesen wäre! Oder wenn sie weniger auf diese Göre einer Prinzessin gehört hätte!“, meinte sie und deutete mit einem verächtlichen Kopfnicken auf Lissa. „Von ihr hatte sie doch erst diesen Floh ins Ohr gesetzt bekommen, dass wir Moroi unseren Beitrag leisten müssen im Kampf gegen die Strigoi!“ „Mum? Was redest du denn da?“, mischte sich Adrian ein und wollte auf seine Mutter zu gehen. „Nicht, mein Schatz! Halt dich hier heraus, ja?“, bat sie ihn und packte Mia fester. „Ich verstehe nicht..., Mum“, sagte Adrian unsicher und sah auf die Waffe in der linken Hand seiner Mum. „Natürlich nicht, wie solltest du auch? Diese Hexe hat dich doch total in ihren Bann gezogen!“, sagte sie, dieses mal klagte sie mich an. Ich versuchte das Muster zu verstehen, doch ich tat es nicht. „Also wollten sie die Königin gar nicht töten, nicht wahr?“, schoss ich einfach mal ins Blaue. Daniella schüttelte den Kopf. „Nein, das wollte ich nicht! Aber sie wollte nicht auf mich hören, als ich ihr sagte, dass ich nicht kämpfen könnte. Doch sie bestand darauf, dass ich weiterhin an diesem dämlichen Training teilnehme!“ „Und warum haben Sie mir meinen Pflock gestohlen?“, wollte ich nun wissen. Ich musste einfach erfahren, ob es Absicht gewesen war oder doch nur ein Zufall. Aber so wie sich mich hasserfüllt anblickte, bezweifelte ich letzteres. „Das fragst du noch? Du bist doch diejenige, die mir meinen Sohn wegnehmen will! Du und deine Prinzessin! Wenn ihr beide nicht wärt, dann müsste mein Adrian nicht so leiden! Dann wäre das mit dem Geist-Element niemals heraus gekommen und er könnte ein normales und ruhiges Leben leben, studieren gehen, so wie sein Dad und ich es für ihn erträumt hatten! Aber du musstest ja deine Fänge in ihn schlagen und ihn gegen uns aufwiegeln!“, Beschuldigte sie mich und Lissa gleichzeitig. „Mum, bitte! Rose hat mich doch nicht aufgewiegelt! Bitte, lass diesen Unsinn, ja?“, redete Adrian auf sie ein, doch seine Mum sah ihn nur wehleidig an. „Schatz, das alles sollte nicht so für dich laufen! Ich wollte doch nur, dass du das bekommst, was du verdienst und das ist ganz gewiss nicht die da!“, keifte sie und zeigte wieder auf mich. Sie schluckte, den Tränen nahe, als sie zu ihrem Sohn sah. „Ich... ich hatte nach dir gesucht, weil ich mit reden wollte. Du solltest doch für so ein Flittchen nicht deine Zukunft aufs Spiel setzen! Als ich dich nicht in deinem Zimmer gefunden hatte, da...da...“, sie brachte die Worte nicht über ihre Lippen, doch mir ahnte schon, was sie sagen wollte. „Da sind Sie zu mir gegangen..“, beendete ich ihren Satz und sie erdolchte mich mit ihren Blicken. „Und du, du Hure, hast die Gelegenheit genutzt, um meinen Sohn, meinen Adrian, zu verführen!“, eine Träne rann ihre Wange hinab und verschmierte ihr Make-Up. „Ich war so bestürzt als ich euch dort im Bett gesehen habe. Dieses Flittchen nackt und du, Adrian, du hast von ihr getrunken! Da bin ich so sauer geworden, dass ich etwas tun musste! Da habe ich den Pflock gesehen, denn die da auf ihrer Kommode neben der Tür liegen gelassen hatte. Ich schwöre, dass ich damit niemanden töten wollte! Ich wollte nur, dass diese Dhampirin versteht, dass sie lieber ihren Pflichten als Wächterin nachkommen sollte, als unschuldige junge Männer zu verführen und auszunehmen!“ Ich wusste nicht, was mich härter traf, die Tatsache, dass Adrians Mutter mich nackt gesehen hatte, dass sie mich für ein Flittchen hielt oder dass sie dachte, Adrian wäre unschuldig... Aber es war egal, denn was diese Moroi danach getan hatte, war durch keines dieser Dinge zu rechtfertigen! „Sie wollten mit Tatjana reden, nicht war? Sie wollten, dass Sie nicht mehr kämpfen lernen mussten und wenn Sie schon mal dabei waren, wollten Sie auch, dass die Königin etwas gegen mich unternimmt, stimmt's?“, schlussfolgerte ich weiter. Langsam lichtete sich der Nebel und die Wahrheit offenbarte sich mir. Daniella nickte. „Irgendjemand musste ja mal etwas tun! Doch Tatjana... ich dachte, sie wäre auf meiner Seite, egal wie wir beide zu diesem lächerlichen Training standen, aber da hatte ich mich getäuscht! Erst beharrte sie darauf, dass ich weiter machen solle, weiter üben wie man mit einem Pflock gegen Strigoi kämpft, kann man das glauben? Aber als ich dann anfing von Adrian zu reden, da fingen ihre Augen an zu leuchten, als wäre sie total irre. Sie erzählte mir von der Zukunft, die sie für meinen Jungen vorgesehen hatte, an der Seite von Vasilisa Dragomir! Sie wollte das perfekte Paar, beide umwerfend schön, politisch gebildet und beide auf das Geist-Element spezialisiert. Mit ihrer Hilfe wollte sie die nötigen Reformationen einläuten. Ich habe sie angefleht, dass sie Adrian aus ihren Spielchen heraushalten solle, doch sie hat mich nur ausgelacht und gesagt, dass ich doch nur eine Glucke sei, die ihrem Sohn im Wege stehen würde. Ich sagte, dass sie aufhören solle, doch sie hat immer weiter gelacht und sich über mich lustig gemacht!“ Die Moroi schnaubte wütend aus, als sich zurück erinnerte. „Und wäre das alles nicht schon schlimm genug gewesen, musste sie mir noch den Brief unter die Nase reiben, in dem stand, dass es noch ein weiteres Mitglied der Dragomir-Familie gab, irgendeinen Bastard, den Eric gezeugt hatte. Die ach so herrliche Königin erzählte mir stolz, dass sie mit der Hilfe dieses bei einem Seitensprung gezeugten Jungen, Vasilisa zu neuer Macht verhelfen wollte. Sie war besessen davon, dass Adrian und Vasilisa gemeinsam die Welt verändern sollten, da musste ich doch etwas tun! Als seine Mum konnte ich es doch nicht zulassen, dass man ihn so aufrieb, nur weil diese altes Vettel meinte, er müsse an der Spitze stehen! Aber das wollte Adrian doch nicht, das wusste ich genau! Ich musste handeln, ich musste es einfach! Also habe ich sie gepackt und ihr gedroht, doch sie lachte einfach weiter, weil sie mich nicht als eine Bedrohung angesehen hatte, pah!“, sprach die Moroi und lachte bitter auf. „Sie hätte sich daran erinnern sollen, dass sie mich gezwungen hatte mit einem Pflock kämpfen zu lernen!“, sie stockte kurz und blinzelte mehrmals, was ich für kein gutes Zeichen hielt. Generell zweifelte ich an der geistigen Gesundheit dieser Frau, die wahnhaft ihren Sohn zu beschützen versuchte, auch vor Gefahren, die nur sie zu sehen schien. „Also haben Sie Tatjana getötet“, sagte ich knapp. „Ja! Ja, ich habe sie getötet, aber... aber es war nur ein Unfall! Notwehr! Sie...sie hat mich angegriffen, verbal!“, rief Daniella aus und sah sich suchend um. Sie hoffte wohl, dass jemand ihr zustimmen würde, doch das tat niemand. Ich schaute in schockierte und fassungslose Gesichter, die alle sprachlos die Moroi anstarrten, von der sie gedacht hatten, sie wäre eine von ihnen. „Und weil es ein Unfall war, Notwehr, haben Sie nicht die Wächter verständigt, sondern haben alle Beweise verwischt, den Wächter, der sie beim Betreten der Privatgemächer der Königin beobachtet hatte, mit einem Zauber das Gedächtnis gelöscht und haben darüber hinaus auch noch den Beweis, dass ich einen Bruder habe, mitgehen lassen?“, fragte Lissa leise, aber deutlich. Ich schaute zu der jungen Moroi, die aufrecht neben dem Rednerpult stand und auf Daniella herunter blickte. Da war keine Angst in ihren Augen, keine Zweifel oder Unsicherheit. Lissa Dragomir stand dort als Vertreterin der Wahrheit und Gerechtigkeit, wo alle anderen sich duckten. Pass auf, Lissa! Die ist doch total durch geknallt, also provoziere sie nicht!, dachte ich und versuchte ihr mit Mimik zu verdeutlichen, dass sie gefälligst die Klappe halten sollte. Natürlich dachte Lissa nicht daran, nein, sie ging im wahrsten Sinn des Wortes noch einen Schritt weiter. „Bleib stehen oder ich schwöre, ich drücke ab!“, drohte Daniella und presste die Mündung der Pistole fester gegen Mias Schläfe. Kurz schaute ich zu ihr, doch Mia machte ein grimmiges Gesicht zum bösen Spiel. Sie hält das noch eine Weile durch, registrierte ich, doch allzu lange durfte diese Szene hier nicht mehr gehen, wenn niemand dabei verletzt werden sollte. Zu mindestens niemand, der unschuldig ist..., fügte ich in Gedanken hinzu. Aber Lissa blieb nicht stehen, sie ging weiter auf Daniella zu. „Sie reden von Ungerechtigkeit, Daniella, doch sie haben eine Unschuldige einen Mord in die Schuhe gezogen, den Sie begangen haben! Das war nämlich kein Unfall und schon gar keine Notwehr! Sie haben Könign Tatjana ermordet , ermordet, weil Sie nicht die Wahrheit vertragen konnten! Ihr Sohn, Adrian, ist alt genug, um
seinen eigenen Weg zu gehen und das tut er auch! Und darüber hinaus kann sich jeder Mann glücklich schätzen, wenn eine Frau wie Rosemarie Hathaway ihm ihre Aufmerksamkeit schenkt!“, rief sie in den Raum hinein uns zeigte anklagend auf Daniella. „Sie sind eine Mörderin, Daniella. Schon allein Ihre Einstellung, eine unschuldige, junge Moroi mit einer Waffe zu bedrohen, anstatt den Konflikt mit Worten zu lösen, so wie wir es schon ewig getan haben, zeigt das!“ „Halt den Mund! Du hast doch keine Ahnung wovon du...“, erwiderte Daniella aufgebracht. Während sie so umher schrie flog ihr Speichel nur so durch die Gegend und ihr wahnhafter Blick kreuzte den hartnäckigen von Lissa. „Ich habe sehr wohl Ahnung wovon ich rede! Doch Sie, Daniella, haben sie nicht! Sie versuchen Ihre Taten zu rechtfertigen indem Sie anderen die Schuld geben. Sie sehen Ihre eigenen Fehler nicht und sind nicht im Stande Veränderungen zu akzeptieren. Das ist auch der Grund, warum Tatjana mir ihr Ohr geliehen hat, weil ich in der Lage bin Veränderungen zu akzeptieren und mich an diese anzupassen!“ Lissa hob ihren Kopf und sah zu den versammelten Moroi im Saal. Einem nach dem anderen blickte sie in die Augen, bevor sie ihre Stimme erhob. „Viel zu lange haben wir uns hinter Gegebenheiten versteckt und uns der Illusion hingegeben, dass wenn wir nur still genug sind, uns die Welt da draußen nicht einholen würde, doch das ist ein Irrtum! Wir sind Teil dieser Welt und wenn weiterhin in ihr leben wollen, dann müssen wir uns anpassen, wir müssen uns verändern!“ Lissa blickte zu mir und schenkte mir ein flüchtiges Lächeln. „Die Wächter geben alles, um uns zu beschützen, ihre Zeit, ihre Kinder, ihre Zukunft und oft genug auch ihr eigenes Leben. Ist es das, was wir wollen? Wollen wir Moroi uns einfach hinter dem Rücken anderer verstecken oder wollen wir endlich anfangen die Probleme, die auch uns betreffen, selbst anzugehen?“ Alle Beteiligten waren still, in ihren Gedanken versunken, die durch Lissas mutige Ansprache angeregt worden waren. Nur Daniella schwieg nicht, sondern lachte schrill auf. „Was können wir schon ausrichten? Wir sind keine Dhampire, wir sind nicht zum kämpfen geschaffen! Daran wird auch so ein kleines, naives Mädchen wie du nichts ändern!“, erwiderte sie, doch Lissa schüttelte nur traurig den Kopf. „In der Vergangenheit haben wir Seite an Seite gekämpft, warum sollten wir es nicht wieder tun können? Einige von uns haben bereits bewiesen, dass es möglich ist!“, sagte Lissa und wies auf Tasha Ozera, die neben Christian stand. „Aber das ist doch etwas vollkommen anderes! Wir anderen, wir haben ein Leben, einen Beruf! Unser Geld finanziert die Ausbildung der Wächter, was sollen wir denn noch alles geben in diesem Krieg?“, wollte Daniella wissen. „Wie wäre es mit unserem Leben?“, fragte Lissa. Sie hob ihren Kopf und sah zu Mia hinüber. Ich musste erst gar nicht das Band benutzen, um zu wissen was sie vorhatte. Lissa will ihren Worten Taten folgen lassen!, dachte ich alarmiert. Die Todes verachtende Entschlossenheit in Lissas Gesicht bestätigte meine schlimmsten Vermutungen. Nein, Lissa tu das nicht!, flehte ich sie an, doch selbst wenn sie mich gehört hätte, hätte sie nicht auf mich gehört, da war ich mir sicher. Wie in Zeitlupe sah ich wie sich Lissas Fuß anhob und sich anschickte einen weiteren Schritt auf Daniella zu zumachen. Im selben Moment bewegte auch ich mich und zwar auf Lissa zu, während mein Blick einzig und allein auf die Waffe in Daniellas Hand gerichtet war, die sich quälend langsam bewegte. Die Pistole entfernte sich von Mias Kopf und zielte in Richtung Lissa, die weiterhin auf Daniella zuhielt. In diesem Augenblick dachte ich nichts, rein gar nichts. Ich handelte einfach. Gerade als der schwarze Schlund der Mündung auf Lissa gerichtet war, sprang ich ab. Der Knall ertönte, doch in meinen Ohren war er nur ein leises Sirren, gedämpft durch das Blut und das Adrenalin, welche mir durch die Adern rasten. Mir schien es sogar so, dass die Zeit so langsam verging, dass ich das Geschoss sehen konnte, was natürlich totaler Schwachsinn war! Aber als ich mitten im Flug von etwas getroffen und zurück geschleudert wurde, war ich irgendwie... glücklich. Lissa ist in Sicherheit!, wusste ich. Alle Anspannung wich mir aus dem Körper und ich schlug schlaff auf dem Boden auf. „Rose!“, hörte ich noch einen Schrei, alle anderen Geräusche drangen aber nur noch verzehrt zu mir durch. Ich wollte etwas erwidern, etwas sagen, doch das konnte ich nicht. Ich fühlte mich so... so schwer und doch so erleichtert. Meine Pflicht war erfüllt und das, weil ich es so wollte. Nun konnte ich loslassen und das tat ich auch. Meine Welt explodierte, danach folgte nur noch Schwarz…

Den Übergang hatte ich nicht bemerkt. Auf einmal war dort wieder etwas. Eine Art Empfinden oder so. Es war nur zart, dennoch änderte es alles für mich. Wie lange es dann noch dauerte bis ich meinen Körper wieder spüren konnte, wusste ich auch nicht mehr, doch irgendwann tat ich es und ich war überrascht, dass er sich so schwer anfühlte. Ein Stöhnen entwich meiner Kehle, als ich versuchte mich zu bewegen. „Ganz ruhig, Rose! Es ist schon okay!“, hörte ich jemanden in meiner Nähe reden. Wer....wer ist das?, fragte ich mich, denn es hatte sich für einen Moment wie Lissa angehört, doch ich konnte sie nicht spüren. In mir herrschte nur eine Leere. Unter größter Anstrengung schaffte ich es die Augen zu öffnen und nachdem ich den Schleier weg geblinzelt hatte, saß dort tatsächlich die junge Moroi mit den goldenen Haaren und grünen Augen auf einem Stuhl neben meinem Bett. „Liss?“, fragte ich krächzend und Lissa nickte. „Ja, ich bin hier, Rose! Mit geht es gut, dank dir!“, antwortete sie und beugte sich in ihrem Stuhl weiter zu mir vor. „Wie geht es dir?“, wollte sie wissen. Das war eine gute Frage, fand ich, die ich nicht recht beantworten konnte. „Wie tot!“, stöhnte ich dann und an Lissas erschrockenem Gesicht, sah ich, dass es wohl auch fast so gekommen wäre. „Danke, dass du mich geheilt hast!“, sprach ich, doch Lissa schüttelte langsam den Kopf. „Das habe ich nicht, Rose!“, meinte sie und ich horchte auf. „Wer dann? Adrian?“ Wieder ein Kopfschütteln. „Nein, Rose. Nach dem Schuss wurden wir alle von den Wächtern gepackt und hinaus geschafft. Es...es hat dich niemand geheilt...“, eröffnete sie mir. Wie bitte?, dachte ich. „Warum lebe ich dann noch?“, wollte ich wissen und horchte wieder in mich hinein. „Oder lebe ich gar nicht mehr? Ich bin tot, stimmt's? deshalb kann ich dich auch nicht spüren, weil ich tot bin!“, verstand ich langsam und lies mich wieder in mein Kissen zurück fallen. „Nein, du Sturkopf!“, lachte Lissa leise und zwickte mich in den Oberarm. „Aua!“, schrie ich auf und rieb mir die schmerzende Stelle. Nein, wenn ich tot wäre, dann würde das nicht so höllisch weh tun!, überlegte ich. „Aber der Schuss...“, versuchte ich meine Zweifel in Worte zu fassen. Die Kugel hatte mich voll erwischt, das hatte ich gespürt. Lissa zuckte nur mit den Schultern. „Es soll ja vorkommen, dass gewisse Wunden auch ohne Magie heilen sollen!“, sagte sie und verzog dann das Gesicht. „Und unser Band... es hat sich aufgelöst, glaube ich. Sofort als du getroffen wurdest, habe ich es gespürt, wie es zerrissen ist“, erklärte sie die Leere in mir. Also bin ich jetzt allein, dachte ich. Wahrhaftig allein. Lissa blieb noch eine Weile bei mir und erzählte mir, was ich verpasst hatte während ich bewusstlos gewesen war. Zwei Tage waren seitdem Schuss vergangen und es hatte sich einiges geändert. Keine Stunde nachdem Lissa ihre Rede gehalten hatte, war sie zu neuen Königin ausgerufen worden, ihre Vereidigung würde morgen von statten gehen. Adrians Mum, Daniella, war wegen Mordes und versuchten Mordes verhaftet und angeklagt worden. Sie erwartete nun dasselbe Schicksal, was auch mich erwartet hatte. „Wie hat er es aufgenommen?“, fragte ich nach Adrian. Bei seinem Namen zuckte Lissa schuldig zusammen und sie wandte den Blick ab. „Lissa?“, fragte ich nach und langsam rückte Lissa mit der Sprache heraus. „Adrian.... er ist gegangen...“, berichtete sie mir mit einer mitleidigen Miene. „Wie... er ist gegangen?“, hakte ich nach. „Rose, es hat nichts mit dir zu tun, glaub mir, aber er...“, sie vollendete ihren Satz nicht, sondern reichte mir stattdessen einen Brief. „Den hat er geschrieben, darin sollte alles drin stehen, hat er gesagt.“ Mit zittrigen Fingern nahm ich das Papier entgegen. Aber er wollte doch auf mich warten!, dachte ich ängstlich. Adrian hatte auf mich warten wollen, auf uns! So hatte er es mir versprochen! „Ich lass dich erst einmal allein, okay? Du brauchst noch etwas Zeit, um das alles zu verarbeiten!“, rief Lissa aus und erhob sich. Ich konnte nur nicken, denn mein Blick war wie gebannt auf den Brief gerichtet.

Liebe Rose,
Ich weiß, du bist enttäuscht von mir, dass ich nicht bei dir sein kann, aber ich kann das mit uns nicht mehr. Zu mindestens jetzt nicht. Bitte vergib mir, dass ich mein Versprechen gebrochen habe und nicht auf dich gewartet habe. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob ich einfach zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt war oder einfach nicht aufmerksam genug, dass ich nicht bemerkt habe, dass meine Mum... vom Weg abgekommen war. Ich fühle mich schuldig, weil ich sie alleine gelassen habe und diese Schuld ist es, die mich von dir fern hält. Du musstest unter meiner Mum leiden und gleichzeitig bist du diejenige, weswegen meine Mum nun leiden muss. Dies und meine Schuld euch beiden gegenüber sind die einzigen Dinge, die ich spüre, wenn ich an dich denke, weswegen ich Abstand brauche. Meine Gefühle für dich sind ungebrochen, doch nach all diesem Mist, der passiert ist, können wir beide nicht mehr zusammen sein. Bitte hasse mich nicht dafür, Rose! Um etwas Zeit für mich zu haben, habe ich mich freiwillig gemeldet auf Jack aufzupassen, weil er bestimmt zur Zielscheibe werden wird, sobald Lissa Königin ist. Ich hoffe nur, dass du mir eines Tages verzeihen kannst und wir Freunde werden können, wenn wir uns wiedersehen.
In Liebe, Adrian

Mit einem Wutschrei schmiss ich den Brief weg. Aufgebracht atmete ich und versuchte den Schmerz zu verdrängen, der in meiner Brust herrschte. Wieso tun sie mir alle das an?, wollte ich wissen. Wieso werde ich immer wieder von den Menschen verletzt, die ich liebe? Ich hatte keine Antwort darauf und das machte mich fertig. Es schlich sich der Gedanke in meinen Kopf ein, dass es an mir liegen könnte, dass ich schuld an allem bin. Erst verlässt mich Dimitri, dann stellt sich Lissa, wenn auch nur für eine Zeit, gegen mich und jetzt flieht auch Adrian vor mir! Es tat weh und ich wusste nicht was ich jetzt machen sollte. Das zweite Mal, nein, das dritte Mal in meinem Leben, wenn ich die Episode berücksichtigte, als Dimitri nicht aus der Höhle zurück gekehrt war, wurde mir der Boden unter den Füßen weg gezogen. Ist es denn so schwer ein glückliches Leben zu haben?, fragte ich mich verzweifelt und wischte mir über meine feuchten Augen. Ich war enttäuscht von Adrian, dass er einfach so gegangen war, aber ich hasste ihn dafür nicht. Irgendwie konnte ich es verstehen, dass er Abstand haben wollte, dennoch war ich enttäuscht. Ich malte mir aus, dass wenn er mich lieben würde, wirklich lieben, dann hätte er mich nicht verlassen. Vielleicht liegt es wirklich an dir, vielleicht bist du es einfach nicht wert!, flüsterte die gehässige Stimme in meinem Kopf mir zu. „Ach, halt doch die Klappe!“, erwiderte ich leise. Was sollte ich nur machen? Das war die Frage, die ich mir stellte. Was soll ich jetzt machen? Lissa war nun Königin und sicher würde sie wollen, dass ich wieder ihre Wächterin würde. Dann müsste ich zusammen mit Dimitri arbeiten und ihn jeden Tag sehen. Mein Magen zog sich allein bei dem Gedanken daran zusammen. Nein, das halte ich nicht aus!, dachte ich sofort. Aber wollte ich überhaupt wieder Lissas Wächterin werden oder generell von irgendjemandem? Ich horchte in mich hinein, versuchte den Sturm von Emotionen zu umschiffen und mein inneres Ich zu finden, was mir sagen konnte, was ich wollte oder nicht. Wirklich gesprächig war mein innerstes Ich nicht, aber es sagte unmissverständlich, dass ich nicht in mein altes Leben zurück wollte. Aber was will ich dann? Ich hatte keine Antwort. Naja, erst einmal könnte ich aus diesem Bett aufstehen und eine andere Unterkunft bekommen!, setzte ich mir kleine, erreichbare Ziele. Okay, los gehts!, machte ich mir Mut und hob meine Beine über die Bettkante. Allein diese Anstrengung reichte aus, um mir den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Dann stemmte ich mich hoch und stand stolz auf meinen eigenen Beinen, ganze zwei Sekunden lang, bevor meine zitternden Glieder ein knickten und ich der Länge nach hinfiel. Polternd schlug ich auf den Boden auf. „Autsch, verdammt!“, fluchte ich, doch irgendwie war der Schmerz auch befreiend. Plötzlich wurde die Tür geöffnet und ein Paar Schuhspitzen kam in mein Sichtfeld. Es waren die Arbeitsschuhe eines Wächters. Wächterin, korrigierte ich, als ich die Größe und die Form der Spitzen sah. „Rosemarie! Warum liegst du nicht im Bett?“, fragte mich die Stimme meiner Mum. „Bin gefallen!“, erwiderte ich und hob den Kopf, um in das Gesicht meiner Mum zu blicken. Als ich sie sah, kamen mir wieder die Tränen und sofort kniete die kleine Dhampirin neben mir und nahm mich in den Arm. „Hey, ist schon gut!“, tröstete sie mich und hob mich hoch, um mich wieder auf das Bett zu sitzen. „Mum, ich fühl mich so allein!“, gestand ich ihr heulend und drückte mein Tränennasses Gesicht an ihre Schulter. „Aber das bist du doch nicht, Rose! Du bist nicht allein!“, meinte meine Mum und strich mir über den Rücken. Fühlt sich aber nicht so an!, dachte ich und schluchzte weiter. „Hey, meine Kleine! Es wird schon alles wieder in Ordnung kommen! Du wirst sehen, in ein oder zwei Wochen bist du wieder ganz die Alte und dann bist du wieder eine Wächterin!“, versicherte sie mir, doch ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es so schnell gehen wird!“, nuschelte ich ihn ihre Bluse hinein. „Ach was, Rose! Du hast doch noch nie aufgegeben, also fang jetzt bitte nicht damit an, ja?“ Trotz meiner Trauer erkannte ich, dass meine Mum in diesem Punkt Recht hatte. Ich werde nicht aufgeben!, beschloss ich, löste mich von meiner Mum und wischte mir wieder übers Gesicht. „Danke, Mum!“, meinte ich. „Gerne, mein Schatz!“, sagte sie und lächelte mich an, was bei meiner sonst so gefühlskalten Mum schon komisch wirkte. Dennoch tat es mir gut und ich konnte mich wieder etwas beruhigen. „Und nun? Was machen wir jetzt, Rose?“, wollte sie wissen. „Ich würde gerne von der Krankenstation runter!“ „Na dann!“, rief meine Mum aus und half mir aufzustehen. Gemeinsam gingen oder humpelten eher durch die Flure. Auf dem Weg kam mir eine wichtige Erkenntnis, nämlich, dass egal wie beschwerlich der Weg auch sein mochte, ich meinen eigenen finden und begehen müsste. Wo auch immer er mich hinführt!, dachte ich. Als wir endlich bei meiner Unterkunft angekommen waren und meine Mum sich verabschiedet hatte, schnappte ich mir einen Zettel und einen Stift und besiegelte meine weitere Zukunft.

Am nächsten Tag

Seufzend legte Vasilisa Krone und Umhang zur Seite, bevor sie an den Tisch stand, um den auch Dimitri und ich standen. Ansonsten war der kleine Raum leer. Die vielen Anderen, die der Krönungszeremonie beigewohnt hatten, würden sich wohl gerade im Festsaal versammelt haben, um auf ihre neue Königin anzustoßen. Nur wir drei hatten uns abgesondert, weil Lissa noch etwas besprechen wollte. Ich konnte mir schon denken, worum es ging und Aufregung kam in mir auf, als ich an meinen eigenen Plan dachte. „Also, ihr beiden...“, fing Lissa an und schaute hoch. „Ich bin nun wohl die neue Königin!“ Dimitri und ich nickten synchron. Lissa seufzte erneut. „Kommt schon... ihr seid doch beide meine Wächter! Wird es ein Problem geben, wenn ihr beide zusammen arbeitet?“, wollte sie von uns wissen und blickte uns die Reihe nach an. Dimitri schüttelte mit einer eisernen Miene auf dem Gesicht den Kopf. „Nein, es wird kein Problem geben, Majestät!“, meinte er. Dann war ich an der Reihe und ich holte noch einmal tief Luft, denn der Schritt, den ich nun gehen wollte, würde mich ins Ungewisse führen. „Nein, es gibt kein Problem!“, erwiderte auch ich und Lissa strahlte. „Das ist schön, dann können...“ „Es gibt kein Problem, weil ich nicht deine Wächterin bin, Liss“, unterbrach ich sie. Stille. Sowohl Lissa, als auch Dimitri sahen mich überrascht an. Die Moroi runzelte die Stirn, als hätte sie den Sinn meiner Worte nicht richtig verstanden. „Aber natürlich bist du meine Wächterin, Rose! Klar, wegen des Mordverdachts bist du suspendiert worden und ich habe unseren Vertrag aufgekündigt, doch das sind doch nur Formalitäten, die ich sofort ändern lassen werde!“, sprach sie aus, aber ich schüttelte den Kopf. „Es ist nett von dir, Lissa, dass du das für mich tun würdest, aber darum geht es nicht“, versuchte ich ihr zu erklären. „Worum geht es dann?“, fragte Lissa mich unsicher. Es geht um mich, dachte ich. Um mich und meinen Weg, den ich gehen muss. „Ich werde aus dem Wächterdienst ausscheiden!“, sagte ich nur und Lissa riss die Augen auf. „Wieso? Liegt es an mir?“, hakte sie nach. „Nein, zu mindestens nicht hauptsächlich!“, begann ich mit meiner Erklärung, denn ich fand, dass Lissa eine verdient hatte. „Mein ganzes Leben wollte ich nur dich beschützen, Liss. Solange bis Dimitri gekommen ist, da wollte ich auch mit ihm zusammen sein. Nun sind Dimitri und ich kein Paar mehr und werden auch keines mehr werden, da lief es ganz gut mit Adrian, der mich ebenfalls verlassen hat!“, ich stockte kurz, um meine aufkommenden Gefühle zu unterdrücken, bevor ich weiter redete. „In all dieser Zeit ging es fast nie um mich, Liss! Darum was ich möchte oder nicht, verstehst du? Ich muss meinen eigenen Weg gehen und zu mir selbst finden!“ Fassungslos starrte Lissa mich an. „Aber...Rose...Du kannst mich doch nicht zurück lassen!“, meinte sie. Ernst sah ich ihr in ihre wunderschönen grünen Augen. „Doch, das kann ich, Lissa! Und genau das werde ich tun!“ Etwas versöhnlicher fügte ich noch hinzu: „Wir beide sind Freundinnen und werden es auch immer sein, aber ich kann nicht mehr deine Wächterin sein! Überlege mal, wie oft ich schon fast gestorben bin, Liss! Einmal bin ich es sogar und ich bin noch keine zwanzig!“ Ich deutete auf Dimitri. „Du hast hier den besten Wächter der Welt an deiner Seite, da brauchst du mich nicht mehr!“ Unwille spiegelte sich in Lissas Miene ab und ich wusste, dass sie sich mit meiner Entscheidung nicht zufrieden gab. „Ich werde deine Kündigung nicht akzeptieren, Rose!“, meinte sie entschlossen. „Hast du aber schon“, antwortete ich ruhig. „Meine Unterlagen habe ich gestern schon dem zuständigen Hauptmann gegeben, der diese bereits unterzeichnet hatte. Das Dokument befand sich unter den Unterlagen, die du direkt nach der Zeremonie unterschrieben hattest!“ „Du hast mich ausgetrickst!“, sprach Lissa bockig und stampfte mit dem Fuß auf. Lächelnd sah ich sie an. „Natürlich habe ich das, immerhin bist fast ein genauso sturer Dickschädel wie ich es bin!“ Tränen rannten Lissa übers Gesicht und auch ich merkte, wie meine Augen feucht wurden, doch ich verbat mir das Weinen, als ich auf Lissa zu ging. „Es tut mir Leid, Liss, aber du wirst zurecht kommen, da in ich mir ganz sicher! Du hast Dimitri und Christian und all die anderen, die auf dich aufpassen werden... Du wirst mich nicht vermissen!“ „Das tue ich aber jetzt schon!“, erwiderte sie schluchzend und ich nahm sie in den Arm und drückte sie kurz. „Mach's gut, Liss!“, flüsterte ich ihr zu, küsste sie auf die Stirn und ließ sie dann los. Lissa weinte und ihr Anblick zerriss mir fast das Herz, dennoch blieb ich stark, drehte mich um und verließ das Zimmer. „Rose!“, ein Ruf hielt mich zurück und wie angewurzelt blieb ich in dem Gang stehen. Hatte nicht gerechnet, dass er mir hinterher läuft, dachte ich still und drehte mich zu Dimitri um. „Was willst du?“, fragte ich ihn ruhig und sah ihn an. Der große Dhampir zögerte, als wüsste er selbst nicht, was er wollte, dann aber kam er auf mich zu. „Was hast du nun vor, Rose? Wo willst du hin?“, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht“, gestand ich ehrlich. „Weißt du es nicht oder willst du es mir einfach nur nicht sagen?“ „Beides!“, kommentierte ich und der Wächter schüttelte traurig den Kopf. „Es tut mir leid wie es zwischen uns gelaufen ist, Rose, aber deshalb musst du deine Träume doch nicht aufgeben!“, versuchte er mich zur Rückkehr zu Lissa zu bewegen. Ich schmunzelte. „Ja, mir tut es auch leid, Dimitri! Um meine Träume hättest du dir früher Sorgen machen sollen, als du unsere gemeinsame Zukunft mit Füßen getreten hast! Ich brauche dein Mitleid und deine altklugen Ratschläge nicht mehr!“, sagte ich und nickte ihm zu. „Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast und ich verabscheue dich für alles, was du mir angetan hast, Dimitri! Tu mir nur einen Gefallen und pass auf Lissa auf, ja?“ Dimitri nickte. „Keine Sorge, das werde ich!“, erwiderte er entschlossen. „Mach's gut, Rose. Auf Wiedersehen!“ „Lebe wohl trifft es eher, Dimitri“, verabschiedete auch ich mich und wandte mich um. Meine Schritte waren die einzigen, die durch den Flur hallten, denn Dimitri lief mir nicht noch einmal hinterher und ich war froh darüber. Weder wollte ich zu traurig darüber werden, was ich alles mit ihm verloren hatte oder zu wütend darüber. Ich sollte meine Sachen packen und verschwinden, bevor die Nachricht noch andere erreicht!, überlegte ich und beschleunigte meine Schritte. Meine Mum und mein Dad würden meine Entscheidung nicht so ohne weiteres billigen und ich wollte dieser Diskussion möglichst aus dem Weg gehen. Ja, vielleicht war es feige und egoistisch, aber ich dachte mir, dass auch ich etwas Feigheit und Egoismus verdient hatte, nach all den Jahren, in denen ich mutig und selbstlos gewesen war. Als ich in meiner Unterkunft war, suchte ich schnell die nötigsten Dinge zusammen, die ich mitnehmen wollte. Viel war das aber nicht. Neben ein paar Wechselklamotten, dem bisschen Geld, was ich hatte, fanden nur noch mein Laptop, der Silberpflock, mit dem die Königin getötet worden war, und einige Erinnerungssachen ihren Weg in meinen Rucksack. Das Amulett, welches mir meine Mum zu Weihnachten geschenkt hatte, dem silbernen Armband von Lissa und einem Foto, auf dem sie und ich abgelichtet worden war, als wir damals bei unserer Flucht auf irgendeiner Halloween-Party gewesen waren. Mehr brauche ich nicht!, entschied ich, doch dann zögerte ich kurz und nahm noch zwei Dinge an mich, die mich erinnern sollten. Das eine war der silberne Ring, denn ich einst von Oxanna bekommen hatte, als ich in Russland gewesen war und der Kaschmir-Schal meines Dads aus derselben Zeit. Nun war ich aber fertig, fand ich und bereit zum aufbrechen. In diesem Moment klopfte es an der Tür, welche sich ungefragt öffnete. Seufzend wandte ich mich meinem Besuch um, in der Befürchtung es sei Lissa oder meine Eltern, die mich aufhalten wollten. Dementsprechend überrascht war ich, als ich Cass vor mir sah. Die Moroi mit den dunkelbraunen Locken lächelte mich schwach an, als sie mein erstauntes Gesicht sah. „Du scheinst jemand anderes erwartet zu haben!“, traf sie den Nagel auf den Kopf. „Ich hoffe, du gibst dich auch mit mir zufrieden.“ Ich nickte perplex, bevor ich wieder zu meiner alten Schlagfertigkeit fand. „Na klar, tu ich das! Ihr königlichen Moroi seid doch sowieso alle gleich!“, meinte ich in einem Scherz und erwiderte ich Lächeln. Ich bat sie mit einer Geste hinein, die natürlich überflüssig war, da sie ja schon mitten in meinem Zimmer stand. Dennoch nickte Cass dankbar und stellte sich zu mir neben das Bett, auf dem mein gepackter Rucksack lag. Sie war mit ihrer Schwester und Jack wenige Stunden nach dem Schuss auf mich am Königshof aufgetaucht und hatten versucht mich dort weg zu holen. Als man ihnen dann erzählt hatte, dass ich überleben würde und freigesprochen war, hatten sie sich beruhigt und so auch Lissa die Möglichkeit gegeben Jack als ihren Bruder bestätigen zu lassen. „Du gehst“, sagte Cass und es war eine Feststellung, keine Frage. „Ja, das tue ich“, antwortete ich und sah zu der jungen Frau, die von nahem immer noch sehr betrübt wirkte. Auch mir haftete der Tod von Shade noch an, obwohl ich ihn weder so lange noch so intensiv gekannt hatte wie Cass. Es zeigt, was für ein guter Dhampir er gewesen sein musste, wenn er mich schon nach so kurzer Zeit berühren konnte, dachte ich traurig. „Dann hatte
Angela also Recht, als sie behauptet hatte, dass du deinen eigenen Weg gehen würdest“, äußerte sich Cass, immer noch auf meinen Rucksack schauend. „Echt, das hat sie voraus gesehen? Sieht ihr ähnlich! Wo ist sie eigentlich? Ich habe sie bei der Krönung nicht gesehen!“, fragte ich nach der Kleinen. „Oh, sie war nicht hier, Rose. Ich habe sie auf die St. Adriana-Akademie geschickt, denn sie hat lange genug die Schule geschwänzt!“, erklärte Cass mit einem Grinsen. Das wird der Kleinen sicher nicht gefallen haben!, dachte ich, aber ich freute mich für die beiden Schwestern, dass sie wieder zueinander gefunden hatten. „Und du, Cass? Was wirst du jetzt tun?“, wollte ich von der Moroi wissen. Diese überlegte kurz, bevor sie sprach: „Ich? Ich glaube, ich werde erst einmal bei Angela auf der Akademie bleiben. Mich etwas erholen und... naja, du weißt schon!“ Ich nickte, denn ich verstand, was sie durchmachte. So ging es mir nach Dimitri auch!, wusste ich. Mitfühlend legte ich ihr eine Hand auf den Rücken, damit sie wusste, dass sie mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz über den Tod ihres Freundes nicht alleine war. „Danke!“, flüsterte sie und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Einige Sekunden standen wir so nebeneinander, bis Cass sich aufraffte und mich wieder ansah. „Und bei dir, Rose? Wohin führt dich dein Weg?“, fragte sie nun mich und ich zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt habe ich mir über das Ziel noch keine Gedanken gemacht. Erst einmal wollte ich einfach los“, gestand ich ihr. „Du wirst schon fündig werden, davon bin ich überzeugt!“, sagte die Moroi entschlossen, dann holte sie etwas unter ihrer dünnen Jacke hervor und hielt mir es hin. Es waren zwei Sachen, ein dicker Briefumschlag und... „Das kann ich nicht annehmen!“, meinte ich und hob abwehrend die Hände, als mir Cass Shades Tanto hinhielt. Doch diese schüttelte vehement den Kopf. „Natürlich kannst du es, denn im Gegensatz zu mir, wirst du es benutzen! Es soll nicht einfach irgendwo auf einer Anrichte verstauben, sondern es soll benutzt und gebraucht werden! Shade würde es so wollen und durch diese Klinge wird sein Wille und sein Wesen weiter leben!“, sprach sie und sah mich dann flehend an. „Bitte, Rose! Nimm es!“ Seufzend gab ich mich geschlagen und nahm die hölzernen Hülle mit der Waffe entgegen. „Danke, Cass. Ich werde es in Ehren halten!“, versprach ich mit belegter Stimme und starrte auf den langen Griff des Messers. „Das bedeutet mir viel und Shade bestimmt auch!“ Ich nickte nur, denn ich konnte dazu jetzt nichts mehr sagen. Vorsichtig legte ich das Tanto zu den anderen Sachen in meinem Rucksack. „Und nun das andere!“, rief Cass wieder etwas fröhlicher und überreichte mir den Packen. „Was ist das?“, wollte ich wissen, aber ich hatte schon eine gewisse Ahnung. „Angela sagte, dass ihr beide einen Deal gehabt hattet. Du hilfst ihnen mich zurück zu bekommen und dafür helfen die beiden dir, deine Freiheit zu beweisen und geben dir genug für ein neues Leben!“, erzählte Cass und deutete auf den Umschlag. „Ich weiß, du brauchst es nicht, weil du ganz gut zurecht kommst, aber Angela und ich dachten uns, dass etwas Geld nicht schaden würde, wenn man nicht weiß wo die Reise hingehen soll!“ Dankbar nahm ich den mit Geld prall gefüllten Umschlag entgegen. „Es wird mir bestimmt helfen, danke!“ Wieder lächelte Cass mich an, dann umarmte sie mich. „Pass auf dich auf, Rose! Und stell nicht allzu viele Dummheiten an, ja?“ „Ich kann nichts versprechen!“, erwiderte ich lachend und drückte die zarte Moroi an mich. „Grüß Angela von mir und sag ihr, dass sie die beste gute Fee ist, von der ich je gehört habe!“ „Das werde ich!“, sagte Cass und wir lösten uns voneinander. „Mach's gut!“, verabschiedete sich Cass und hob die Hand. Ich erwiderte die Geste. „Du auch, Cass!“ Dann schloss ich die Tür hinter ihr und atmete tief durch. Wow, das war schwer!, dachte ich. Einen weiteren herzergreifenden Abschied wollte ich nicht über mich ergehen lassen müssen, also packte ich meinen Rucksack, hievte ihn mir auf den Rücken und ging los. Mit weiten Schritten überquerte ich das Gelände des Königshofs, grüßte die verdutzten Wachen am Tor und lief dann die Straße hinab, die mich irgendwann in die Zivilisation führen würde. Jetzt liegt es an mir!, dachte ich und schaute auf den Weg, der vor mir lag. Alle Möglichkeiten standen mir offen, ich konnte tun und lassen, was auch immer ich wollte! Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich kein bestimmtes Ziel vor Augen und es gab kein großes Ganzes, dessen ich mich verschrieben hatte. Es gab nur mich, die Straße und meinen Willen. Das beste Rezept für ein spannendes Leben!, meinte ich vergnügt und ging weiter ins Ungewisse.

Ende
 
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