Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Vampire Academy- In Liebe entzweit

von Alvadas
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Rosemarie "Rose" Hathaway
08.09.2019
10.11.2019
21
116.485
6
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
10.11.2019 6.184
 
Kapitel 20

Ich wusste nicht wie lange ich dort mit Adrian gelegen hatte, doch ich konnte mit Recht und Fug behaupten, dass der Moroi es geschafft hatte mich abzulenken. Als er dann aber etwas döste und ich ebenfalls schläfrig da lag, packte mich ein seltsames Gefühl und diesem Gefühl folgend tauchte ich hinab. Immer weiter ging es das magische Band entlang, welches mich mit Lissa verband. Die Moroi saß auf einem Stuhl vor einem Tisch und ich spürte, dass meine Mum und Abe bei ihr waren. Doch in diesem Moment, als ich durch Lissas Augen sah, galt meine Aufmerksamkeit nur einer Person: Dem Dhampir mit dem kurzen Pferdeschwanz und den kahl rasierten Seiten, Wächter Phinean Jenkins. Der Wächter saß dort den anderen gegenüber und obwohl es augenscheinlich den Charakter eines Verhörs hatte, fühlte sich Jenkins nicht bedroht. Gemütlich lehnte er auf dem Stuhl, hatte ein Bein über das andere geschlagen und musterte Lissa neugierig. Sicher hatte er schon von ihr gehört, sie öfters in der Nähe von Königin Tatjana gesehen und wahrscheinlich wusste er auch über die Verbindung zwischen Lissa und mir, der vermeintlichen Mörderin. Jetzt wird es interessant!, dachte ich und fühlte mich weiter in Lissa ein, sodass es schwer zu sagen war, wo die eine von uns aufhörte und die andere anfing. Lissa war aufgeregt, dennoch blieb sie ruhig und konzentriert. „Danke, dass Sie gekommen sind, Phinean! Ich weiß das sehr zu schätzen!“, begann meine Mum mit dem Gespräch und Jenkins neigte leicht den Kopf. „Wenn die berühmte Janine Hathaway ruft, fackelt man nicht lange, auch wenn ich sagen muss, dass ich nicht erwartet hatte, dass noch jemand anwesend sein würde!“ Lissa blinzelte kurz, denn sie dachte genau wie ich, dass der Wächter anscheinend am Flirten war. „Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeit unserer Existenz, Wächter Jenkins!“, knurrte Abe auch gleich, der sich wohl in seiner Männlichkeit bedroht fühlte, obwohl er doch gar nicht mehr mit meiner Mum zusammen war! Schnell ging Lissa dazwischen, bevor der Dhampir und er Moroi noch aneinander gerieten. „Wir freuen uns sehr, dass Sie mit uns reden wollen, Wächter Jenkins! Uns quälen nämlich einige Fragen und wir hoffen, dass Sie uns mit Ihren Antworten von dieser Qual erlösen können!“, sagte sie freundlich. „Ich werde mein bestes geben, Prinzessin Dragomir!“, erwiderte Jenkins cool, der gar nicht weiter auf Abes Kommentar einging. Nicht umsonst ist der bei der Königsgarde!, dachte ich mir. Nur die Besten wurden da angenommen und eine der vielen Voraussetzungen war es, dass man selbstbewusst und souverän genug war, um auch mit solchen Anfeindungen umgehen zu können. Derweil übernahm wieder meine Mum die Führung des Gesprächs und fragte den Dhampir nach seinen Aktivitäten am Tage des Todes der Königin. Jenkins straffte seine Schultern und zeigte so etwas wie Haltung, als er antwortete: „Wie geplant zog ich anfangs meine Runden durch die Flure bis ich dann an der Reihe war Posten im Vorraum des königlichen Schlafgemachs zu beziehen“, erklärte er. „Ihre Majestät, Gott habe sie selig, hatte mir an diesem Abend aufgetragen sie nicht mehr zu stören und niemanden zu ihr zu lassen und so habe ich jeden abgewiesen, der sie besuchen wollte!“ „Und man kommt nur durch den Vorraum zu den Gemächern der Königin?“, fragte meine Mum und Jenkins nickte. „Ja, genauso ist es!“ „Dann hätte der Mörder an Ihnen vorbei gemusst, nicht wahr?“, hakte Abe lauernd nach, doch auch hier ließ sich der Wächter nicht provozieren. „Das sehe ich genauso, Sir! Aber an mir ist niemand vorbeigekommen!“, entgegnete dieser entschlossen. Das kann aber nicht sein!, dachten sowohl Lissa als auch ich. Irgendjemand musste ja die Königin getötet haben und der würde sich nicht einfach in das Zimmer gezaubert haben! „Ist Ihnen irgendetwas besonderes oder ungewöhnliches an diesem Tag aufgefallen? Wie ging es Ihrer Majestät? War sie aufgeregt oder verärgert über irgendetwas?“, wollte Lissa wissen. Nun runzelte Jenkins die Stirn und es schien, als würde es ihm nicht gefallen, über die Königin und deren Befinden zu reden, selbst nach ihrem Tod. „Bitte, Wächter Jenkins! Es ist sehr wichtig für uns!“, bat ihn Lissa eindringlich und unter dem bangen Blick der Moroi erweichte die eiserne Entschlossenheit des Wächters. „Etwas ungewöhnliches ist mir nicht aufgefallen, aber die Königin war sehr gestresst... Natürlich beschäftigte sie die vielen politischen Themen, aber da war noch etwas anderes...“ Der Dhampir verstummte, als wollte er nicht mehr sagen. „Könnte das etwas mit diesen ominösen Besichtigungen zu tun haben? Oder mit dem geheimen Treffen mit den Alchemisten?“, fragte Abe unscheinbar in den Raum hinein. Bei seinen Worten achtete ich genau auf die Reaktion des Wächters, der verräterisch bei beiden Anspielungen zuckte. „Ich weiß nicht...“, wollte er schon alles abstreiten, aber meine Mum hob die Hand zum Einwand. „Bitte, Phinean, wir sind nicht hier, um weitere Lügen zu hören! Wir wollen die Wahrheit! Oder sind Sie nicht daran interessiert den wahren Mörder Ihrer Majestät ausfindig zu machen?“ „So weit ich gehört habe, hat man das bereits“, meinte Jenkins und schaute viel sagend zu Lissa, die mich ja bereits verurteilt hatte. „Und Sie glauben wirklich, dass meine Tochter die Mörderin ist? Warum haben Sie dann diesem Treffen zugestimmt, wenn es so sein sollte? Sicherlich konnten Sie sich doch denken, warum es hier gehen würde!“, sprach meine Mum und tatsächlich fuhr sich der Dhampir grübelnd mit den Finger über seine linke kahle Kopfseite. „Nein, ich bin nicht davon überzeugt, dass Ihre Tochter Königin Tatjana ermordet hat, aber es steht mir nicht zu die Entscheidungen des königlichen Rats anzuzweifeln.“ „Was steht Ihnen denn dann zu? Wenn Sie und weder die Wahrheit sagen können, noch Ihre eigene Überzeugung vertreten dürfen?“, fragte Abe und klopfte mit seinem Gehstock auf den Boden. „Es wird Zeit, dass Sie sich für eines entscheiden, Junge! Wollen Sie Ihrer Königin dienen oder dem Rat? Wollen Sie das richtige tun oder nur so tun, als wäre alles richtig?“ Jenkins zögerte einen Moment. Er wirkte unschlüssig, das erkannte auch Lissa, weshalb sie sich etwas vorwagte. Sie griff über den Tisch hinweg nach der Hand des Wächters und sah ihm fest in die Augen. „Mein Freundin Rose hat die Königin nicht getötet, Wächter Jenkins. Das bedeutet, dass der wahre Täter noch irgendwo frei herum läuft, wahrscheinlich sogar hier am Königshof. Wollen Sie, dass er mit dieser abscheulichen Tat davon kommt? Soll von nun die Gewalt unsere Gesellschaft regieren und nicht mehr die Gerechtigkeit?“ Faszinierte schaute ich zu wie Lissas Worte einschlugen und ihre volle Wirkung entfalteten. War Jenkins bisher noch unsicher gewesen, was er hätte tun sollen, war er nun überzeugt. Er nickte schwach Lissa zu. „Nun gut, ich werde Ihnen alles erzählen, was ich weiß!“, begann er und beugte sich etwas vor. „Ihre Majestät dachte darüber nach wie sie Ihr Volk weiterhin effektiv gegen die Angriffe der Strigoi verteidigen könnte. Der Überfall auf die St. Vladimir-Akademie zeigte uns, dass die Bedrohung fortgeschrittener war, als wir immer angenommen hatten. Aber es machte noch etwas anderes deutlich, nämlich das die Verbindung zwischen Moroi und Dhampir erfolgversprechend sein könnte!“ Ich wusste sofort was er damit meinte, waren es ja Christian und ich gewesen, die Seite an Seite gegen die Strigoi gekämpft und viele von ihnen mit gemeinsamen Kräften getötet hatten. „Also wollte die Königin Moroi zum Kampf ausbilden“, schloss meine Mum daraus, doch der Dhampir schüttelte mit dem Kopf. „Nein, so einfach war es nicht! Es gab großen Widerstand seitens des Rats, der dies nicht für möglich erachtete, also hat Königin Tatjana nach Beweisen gesucht. Sie hat die Alchemisten um Rat gefragt, weil es Gerüchte über Gruppierungen freier Moroi gab, die sich gegen Strigoi zu verteidigen wussten. Darüber hinaus...“, Jenkins stockte kurz, doch nach einem flehenden Blick von Lissa sprach er schließlich weiter. „Sie hat einige Moroi in Gruppen eingeteilt und diese von einigen Wächtern trainieren lassen... Sie wollte sehen, ob es möglich sei und wie groß der Aufwand wäre...“ „Wissen Sie zufällig welche Moroi ausgewählt wurden und wer sie trainiert hat?“, horchte meine Mum auf. Jenkins nickte grimmig. „Ich war einer der Ausbilder und hatte eine eigene Gruppe, dessen Mitglieder ich Ihnen nennen kann. Die anderen Gruppen kenne ich aber nicht!“, stellte der Wächter klar und sah sich nach etwas um, worauf er die Namen schreiben konnte. Eine Weile war nur das Kratzen des Kugelschreibers zuhören, während Jenkins die Namen notierte. Lissa war in ihren Gedanken versunken und sie überlegte wie das alles zusammen passen konnte. Das möchte ich auch gerne wissen!, dachte ich, denn so mehr Informationen wir erhielten, desto mehr Unklarheiten schien es zu geben. Immer mehr sah es nach einer politisch motivierten Tat aus, aber ein komisches Gefühl sagte mir, dass da noch etwas anderes war! Immerhin hatte Jenkins ja behauptet, dass niemand in der fraglichen Zeit bei der Königin gewesen wäre und wenn der Wächter nicht gerade mit dem Mörder unter einer Decke steckte, dann war ihm auch zu glauben. Oder etwa nicht? Auch Lissa war in zu diesem Schluss gekommen und plötzlich veränderte sich ihre Wahrnehmung, als sie ihre Aurasicht einschaltete. Bunte Schlieren zogen sich um den Dhampir herum und waberten durcheinander. Mit etwas Übung konnte man so die Gefühlslage und den Charakter des Betroffenen einsehen,
doch für mich als Laie war es einfach nur ein Mischmasch an Farben. Dank Lissas Gedanken erfuhr ich aber dennoch einiges über den Wächter, dessen hauptsächliche Emotionen wohl Ruhe und Neugier zu sein schien. Nichts was auf einen Verschwörer hindeuten würde... Immer genauer musterte Lissa Jenkins, während dieser weiter schrieb und suchte nach Anzeichen für Zwang, der gegen den Wächter vielleicht verwendet worden war. Ein kleiner, kaum sichtbarer Schatten lag auf der Aura des Dhampirs und störte in völliger Disharmonie das übrige Spektrum der Farben. Ist das etwa Zwang?, fragte ich mich, doch aus Lissas Geist entnahm ich, dass es das nicht sein konnte, denn dafür war die Trübung wohl zu gering. „So, hier ist Ihre Liste!“, sagte Jenkins, als er fertig war und schob den Zettel über den Tisch zu Lissa, welche instinktiv danach griff und wie zufällig dabei die Hand des Wächters streifte. Ich sah noch wie Jenkins überrascht auf zuckte, sich dann aber wieder normal hinsetzte, als wäre nichts gewesen. Kein Zwang..., dachte Lissa enttäuscht, sie hatte den Mann wohl gescannt oder so... Aber wenn niemand bei der Königin war, wie soll dann der Mörder ins Zimmer gelangt sein?, wunderte ich mich. Niemand wollte zu Tatjana an diesem Abend..., dachte ich weiter, doch plötzlich fiel mir wieder etwas ein, was Jenkins vor kurzem erst gesagt hatte. “Aber an mir ist niemand vorbeigekommen!“ Das hatte der Wächter wortwörtlich gesagt! Er sagte nicht, dass niemand zu Königin wollte, sondern dass niemand an ihm vorbeigekommen war! Bedeutet das, dass jemand die Königin besuchen wollte, aber von dem Wächter davon abgehalten worden war?, fragte ich mich. Aufgeregt zog ich mich ein Stück aus Lissas Welt zurück und suchte mein Handy, um Lissa eine schnelle Nachricht zu schicken. Sofort glitt ich wieder zurück durchs Bands zu ihr. „Wir danken Ihnen, Wächter Jenkins. Sie haben uns sehr geholfen!“, bedankte sich Lissa gerade. Mein Mum hielt die Liste mit den Namen in der Hand und auch Abe beugte sich zu ihr herüber, um diese lesen zu können. „Keine Ursache, wenn es hilft...“, brummte Jenkins und das ganze Szenario sah nach einer Aufbruchsstimmung über. Genau in dem Moment, wo ich schon befürchtete, dass sich das Treffen auflösen würde, brummte etwas laut auf und Lissa zuckte kaum merklich zusammen. Überrascht griff sie in ihre Tasche und holte ihr Smartphone hervor, auf dessen Display bereits die Benachrichtigung über meine Nachricht stand. Lissa öffnete die Nachricht und las sie sich durch. Ich konnte spüren, wie sie darüber nachdachte und eine Nervosität sie ergriff, als sie den Blick wieder zu Jenkins wandte. „Eine Frage noch, Wächter Jenkins, wenn Sie so freundlichen wären, hat irgendjemand versucht am Abend Ihrer Ermordung die Königin zu sehen, während Sie Dienst hatten?“ Der Wächter runzelte die Stirn und öffnete seinen Mund für eine Antwort, doch dann stockte er, als wäre er sich nicht mehr sicher und schloss seine Kiefer wieder. Er schien zu grübeln und ich wurde mir immer sicherer, dass dort etwas im Argen lag. Auch meine Mum und Abe sahen nun von der Liste auf und musterte den Dhampir. „Phinean? Alles in Ordnung?“, wollte meine Mum misstrauisch wissen. Dieser blinzelte mehrmals und wollte wieder etwas sagen, doch erneut kaum kein Wort aus ihm heraus. Er ist verwirrt!, bemerkte Lissa und griff abermals nach der Hand des Wächters. „Reden Sie, Mann!“, knurrte Abe ungeduldig. „Das war ja jetzt keine schwere Frage, oder?“ „Ich... ich weiß es nicht...“, gestand Jenkins plötzlich und wirkte total unsicher. „Mir scheint so, als wäre da irgendetwas gewesen, jetzt wo Sie gefragt hatten... aber... jedes Mal, wenn ich denke, dass ich wieder weiß, entgleitet mir der Gedanke!“ Für mich klang das klar nach Magie, was ich Lissa in einer schnellen Nachricht mitteilte. “Das ist mir auch bewusst, Rose. Danke!“, antwortete sie mir mental und konzentrierte sich wieder auf ihren Gegenüber. Nur leider wusste Lissa nicht, was für ein Zauber das sein könnte. Zu spät fiel mir wieder das silberne Pulver ein, welches mir Angela vor meiner Abreise gegeben hatte. Dieses sollte angeblich Zauber neutralisieren! „Konzentrieren Sie sich nicht zu sehr auf diesen Gedanken!“, riet Abe den Dhampir und stand auf. Der Moroi schritt um den Tisch herum und stellte sich hinter den perplexen Jenkins, die Fingerspitzen nur wenige Zentimeter von dessen Schläfen entfernt. „Versuchen Sie den restlichen Tag zu rekapitulieren. Was haben Sie während Ihres Dienstes alles getan? Versuchen Sie es sich bildlich vorzustellen!“ Tatsächlich ging Jenkins in sich und kniff die Augen so weit zusammen, dass sie nur noch schmale Schlitze waren. Eine Zeit lang sagte er nichts und auch die anderen waren still. Dann keuchte Abe plötzlich auf und seine Finger spannten sich an, als hätte er etwas zufassen bekommen, was nur er sehen und spüren konnte. „Bleiben Sie genau da, Jenkins!“, wies er ihn an. „Sagen Sie uns, woran Sie gerade denken!“ „Ich... ich glaube... da war eine Frau... ich... ich kannte sie! Sie wollte zur Königin, aber ich... ich habe sie nicht gelassen...“, stotterte Jenkins leise. „Was ist da noch, Phinean?“, fragte meine Mum neugierig. „Ihre Majestät... sie hat das Gespräch mit bekommen und die Tür geöffnet. Sie... sie hat diese Frau rein gelassen! Aber dann...“ Auf einmal zuckte der Wächter und seine Augen schlossen sich, während sein Kinn auf die Brust sank. Alarmiert sprangen meine Mum und Lissa auf, während ich die Luft anhielt, obwohl ich nicht einmal im selben Raum war. Erinnerungen an das, was Lissa mit dem Alchemisten Richards getan hatte, kamen mir hoch und schon befürchtete ich, dass Abe es ebenfalls übertrieben hätte. Doch dann ruckte Jenkins wieder hoch und blinzelte mehrmals verwirrt. „Was war das?“, fragte er ratlos und schaute zu dem Moroi, der immer noch hinter ihm stand. „Ein Zauber, mein Bester! Auf Ihnen liegt ein Zauber, der Sie daran hindert sich allzu sehr an etwas bestimmtes zu erinnern!“, erklärte Abe und senkte seine Hände vom Kopf des Dhampirs weg. „Aber wie kann das sein? Ich habe keinen Zwang bei ihm gespürt!“, meinte Lissa, aber Abe schüttelte den Kopf. „Es ist kein Zwang, sondern ein anderer Zauber. Viele Elemente der Magie können auf die eine oder andere Art und Weise gewisse Zustände hervor rufen, unter anderem diese Verwirrung. Aber wenn ich tippen müsste, dann würde ich hier auf Luftmagie setzen... So zart wie der Zauber gewoben wurde und wie schwierig er zu fassen ist!“ „Können Sie ihn entfernen?“, wollte Jenkins wissen, aber Abe verneinte dies. „Tut mir leid, aber Luftmagie ist nicht meine Spezialisierung, wenn es Wasser gewesen wäre...“, erwiderte er niedergeschlagen und setzte sich wieder neben meine Mum. „Aber ich kann doch nicht verzaubert durch die Gegend laufen, vor allem wenn ich den wahren Mörder Ihrer Majestät kenne!“, ereiferte sich Jenkins und ich konnte ihn verstehen. Für uns Dhampire war Magie etwas fremdes, egal wie oft wir sie bei den Moroi auch sahen. Für uns war es eine nicht verständliche Macht, die wie nie besitzen würden, weshalb wir uns auch gar nicht erst auf sie einlassen wollten. Frei nach dem Sprichwort: „Was der Dhampir nicht kannte, brauchte er auch nicht!“ „Können Sie sich vielleicht an noch etwas erinnern? Vielleicht den Namen der Frau oder deren Aussehen?“, fragte Lissa hoffnungsvoll, doch Jenkins schüttelte traurig den Kopf. „Leider nein... Egal wie sehr ich mich auch anstrenge, aber ich sehe nur Schemen in meinem Kopf!“ Die Stimme des Wächters spiegelte seine momentane Verzweiflung wider, die er fühlen musste. Mir ging es ebenso, denn wir waren so nahe davor den wahren Mörder ausfindig zu machen und dennoch reichte es nicht ganz! „Was machen wir jetzt?“, wollte meine Mum wissen und sah zwischen Abe und Lissa hin und her. Doch die beiden Moroi schienen genauso ratlos zu sein wie sie und schauten wenig zuversichtlich drein. Aber in meinem Kopf ratterte es unaufhörlich und wie von Geisterhand setzten sich nach und die einzelnen Puzzleteile zusammen. Natürlich fehlten noch einige große Stücke, aber der Umriss des Bildes war schon zu erkennen! Was wissen wir bisher?, fragte ich mich selbst und zählte die Fakten auf. Wer immer auch Königin Tatjana ermordest hat, muss eine weibliche Moroi sein... Sie war sehr wahrscheinlich in einer der Gruppen, die im Kampf gegen die Strigoi ausgebildet worden waren, sonst hätte sie nie mit dem Pflock so umgehen können! Bei dem Gedanke an den Pflock, der ja eigentlich meiner war, schoss mir eine weitere Idee in den Sinn. Die Mörderin muss irgendwie an meinen Pflock gelangt sein und das in dem Zeitraum zwischen meinem Training am Tag der Ermordung und dieser selbst. Außerdem hat sie sich auf das Element Luft spezialisiert und sie ist Linkshänderin! Für sich allein war jede dieser Informationen nicht gerade nützlich, doch zusammen schienen sie mir in der Lage zu sein, den wahren Täter zu überführen. Hastig schrieb ich Lissa noch eine Nachricht, bevor ich mich aus ihrem Geist zurückzog und wieder in meine eigene Welt zurückkehrte. Adrian schlief immer noch friedlich neben mir und so sehr mich sein Anblick auch faszinierte, musste ich ihn dennoch verlassen. Vorsichtig und so leise wie möglich stand ich auf und packte meine Schuhe, die vor dem Bett gestanden hatten, um mich dann aus dem Zimmer zu schleichen. Schnell, aber unauffällig
hastete ich den Flur des Gebäudes entlang und suchte das Zimmer, in dem wir uns alle vor einigen Stunden getroffen hatten. Zum Glück war dieser Teil des Gebäudes nicht sehr belebt, weshalb das Risiko, dass ich jemandem über den Weg laufen würde, der mich erkennen könnte, äußerst gering war. Dennoch sputete ich mich, um zu unserem Treffpunkt zu gelangen. Dort angekommen wartete ich ungeduldig auf Lissa, meine Mum und Abe, die sich nun von Jenkins verabschieden und zu mir bequemen würden. Nach einigen bangen Minuten des Wartens tauchten die drei auch endlich auf. „Was machst du denn hier, Rose?“, zischte mich meine Mum auch gleich ungehalten an. „Du wirst überall gesucht und streunerst einfach so in den Gängen herum? Was wäre denn, wenn dich jemand gesehen hätte?“, wollte sie von mir wissen, aber auf diese Diskussion hatte ich jetzt wenig Lust. „Mich hat aber niemand gesehen und wenn ich bis morgen nicht meine Unschuld bewiesen habe, ist das sowieso egal!“, erwiderte ich leicht erhitzt und zerrte die Drei in das Zimmer hinein, welches Abe gerade aufgeschlossen hatte. „Was ist denn los, Rose?“, wollte der Moroi wissen, der genauso wenig wie meine Mum wusste, dass ich im Grunde die ganze Zeit bei dem Gespräch dabei gewesen war. „Sie hat eine Idee, wie wir den Mörder überführen können!“, sprang mir Lissa zu Hilfe und ich sah sie dankbar an. Schnell erläuterte ich den anderen meine Überlegungen über den Mörder und alle drei schauten grübelnd zu mir hinüber. „Das hört sich alles richtig und logisch an!“, meinte Abe und holte die Liste heraus, die Jenkins ihnen gegeben hatte. „Die Chance müsste dementsprechend hoch sein, dass die Mörderin auf diesem Zettel steht...“, murmelte er und faltete das Papier auseinander, sodass auch ich die Namen lesen konnte. Insgesamt zwölf Namen standen auf der List und so weit ich es überblicken konnte, waren davon die Hälfte Frauen. Wir haben also sechs Tatverdächtige, überlegte ich und schaute auf die Namen, die alle ausnahmslos zu königlichen Familien gehörten. Vor allem ein Name ließ mich erschauern, als ich ihn las: Daniella Ivashkov, Adrians Mum. In diesem Moment fiel mir die gekonnte Distanz ein, die sie mir gegenüber immer vorgebracht hatte. Nur wenn ihr Sohn, Adrian, bei uns gewesen war, hatte sie sich nett und freundlich mir gegenüber verhalten. Doch in einem einsamen Moment hatte sie ihr wahres Ich offenbart und mich als eine Art Spielzeug für Adrian beschrieben, welches man auch schnell wieder fallen lassen und durch ein anderes ersetzen würde. „Adrians Mum war in dieser Gruppe!“, sagte ich laut vor mir her, auch wenn ich mir nur schlecht vorstellen konnte, wie die zierliche Frau mit einem Pflock in der Hand auf einen Gegner zu eilen würde. „Ja, aber ich glaube nicht, dass Daniella die Königin ermordet hat!“, meinte Abe und winkte ab. Er hatte wohl gerade die gleiche Vorstellung im Kopf gehabt wie ich. „Aber sie ist doch auf das Element Luft spezialisiert oder etwa nicht?“, warf Lissa zweifelnd ein und sofort wurden alle ganz ruhig, als sie auf die übrigen Namen der Verdächtigen blickten. Mir sagte die Namen kaum etwas, aber das musste es ja auch nicht, da es kaum jemanden gab, den Abe nicht kannte. „Hier, Erica Bedica ist ebenfalls eine Luftmagierin!“, sprach er und deutete auf den Namen der Frau. Also bleiben nur noch zwei!, dachte ich. „Aber auch bei dieser Dame kann ich es mir nicht vorstellen, dass sie eine Mörderin ist!“, rief meine Mum aus und ich seufzte laut. „Dann muss ich es wohl gewesen sein, Mum!“, sagte ich sarkastisch und meine Mum funkelt mich gleich wütend an. „Rede doch nicht immer so einen Unsinn, Rosemarie!“ „Ja, irgendjemand muss es ja wohl die Königin ermordet haben oder nicht? Uns hilft es nicht weiter, wenn wir einfach sagen, bei wem wir es uns das nicht vorstellen können! Wir brauchen handfeste Beweise!“, entgegnete ich gereizt, denn mir lief langsam die Zeit davon. „Beide werden bestimmt morgen bei der Versammlung des königlichen Rats anwesend sein und der Wahl des neuen Königs oder der neuen Königin beiwohnen...“, sagte Lissa in den aufkommenden Streit zwischen mir und meine Mum hinein und lenkte so die Aufmerksamkeit auf sich. „Egal welches Motiv eine der beiden auch haben mochte, sie wird nicht begeistert sein, wenn wir sie mit den Vorwürfen konfrontieren!“ „Aber wir können nicht einfach während der Versammlung aufstehen und behaupten, dass eine der beiden Damen eventuell die Königin getötet hat!“, antwortete Abe grimmig und dachte weiter nach. „Unser einziger Zeuge, Wächter Jenkins, kann sich kaum genug erinnern, als dass er für glaubwürdig erachtet werden würde und unsere übrigen Beweise sind alles nur Indizien, mehr oder weniger...“ Die Täterin müsste sich selbst verraten, das wäre das aller beste!, dachte ich. Nur wie könnte man das anstellen? Plötzlich kam mir wieder das Bild in den Sinn, auf dem der Tatort des Mordes an Tatjana zusehen gewesen war. Doch dieses Mal war es nicht die Leiche selbst, die ich bemerkte, sondern die Aufnahme des Schreibtisches. Beim ersten Ansehen der Bilder war mir dort ein Briefumschlag aufgefallen, der ein seltsames Logo aufgedruckt hatte. Endlich fiel mir wieder ein, woher ich es kannte und welches Logo genau es gewesen sein musste! „Wisst ihr zufällig, ob in den Unterlagen der Königin ein Brief der Alchemisten war?“, fragte ich die anderen neugierig. „Man hat meines Wissens zwar einen Umschlag gefunden, aber den Brief an sich nicht, nein...“, entgegnete Abe langsam. „Warum willst du das wissen?“, verlangte meine Mum zu erfahren und ich schaute sie nachdenklich an. Noch zögerte ich zu offenbaren, dass Lissa einen Bruder hatte, aber in diesem Moment schien es mir die einzige Möglichkeit, den Mörder zu entlarven. „Wir haben herausgefunden, dass die Alchemisten einen Bruder von Lissa ausfindig machen konnten. Er rührte wohl von einem Seitensprung ihres Vaters, Eric Dragomir, und die Königin hat einen DNA-Test angeordnet!“, erzählte ich meinen Eltern, auch wenn mich ein böser Blick von Lissa traf. Doch jetzt konnte ich einfach keine Rücksicht mehr auf die Gefühle der Moroi verschwenden, es ging ja um mein eigenes Leben! „Ich vermute, dass der gefundene Umschlag das Testergebnis beinhaltete und wenn es nicht gefunden wurde, dann...“ „Dann hat die Mörderin ihn vielleicht mitgenommen!“, beendete Lissa aufgeregt meinen Satz und ich nickte zustimmend. „Und was schlagt ihr jetzt vor? Sollen wir die Wohnungen der beiden Frauen auf den Kopf stellen, bis wir den Brief finden?“, wollte meine Mum wissen, doch ich schüttelte den Kopf, während sich ein gewagter, aber hoffentlich genialer Plan in meinem Verstand bildete. „Nein, das werden wir nicht, Mum. Wir werden Theater spielen!“, rief ich aus und weihte die anderen in die Details meines Plans ein.




Am nächsten Tag
Im Königlichen Ratssaal

Erleichtert nahm ich mein Handy vom Ohr und steckte es wieder in die Tasche meines Jacketts. „Jack ist dabei!“, rief ich Lissa zu, die sich immer noch nicht entschieden hatte, ob sie sich darüber freuen oder aufregen sollte. Sie quittierte meine Aussage lediglich mit einem angestrengten Nicken und wir gingen weiter. Nervös spielte ich an dem silbernen Armreif herum, der mich hoffentlich für eine andere Person ausgab, als ich es eigentlich war. Lissa ging gemessenen Schrittes weiter, gefolgt von mir und Dimitri, die wir beide unsere Wächteruniformen angelegt hatten. Die Ratsversammlung würde in wenigen Minuten beginnen und mit ihr unser letzter Schachzug, um meine Unschuld zu beweisen. Schon erreichten wir den Saal, dessen Torflügel weit offen standen. Es war eine öffentliche Sitzung, da hier und heute der Nachfolger von Königin Tatjana gewählt werden sollte. Dazu hatten noch einmal alle übrigen Kandidaten die Gelegenheit sich vorzustellen.
Immer weiter wuchs meine Anspannung, die nicht allein der Angst herrührte, dass es nun um mein Leben gehen würde, sondern weil dieser Ort auch viele schlechte Erinnerungen in mir wach rief. Hier hatte man dieses absurde Gesetz erlassen, welches die Novizen bereits mit sechzehn Jahren zu Wächtern machte, hier hatte ich Tatjana angeschrien und hier waren meine desaströsen Gerichtsverhandlungen von Statten gegangen. Um ehrlich zu sein, wusste ich kaum eine Erinnerung an diesen Saal, die nicht schlecht war... Vielleicht ändert sich das ja jetzt, wagte ich zu denken und folgte Lissa weiter. Wir liefen an den vielen Reihen der Bänke entlang, die bereits gut besetzt waren. Alles was Rang und Namen hatte, war hier versammelt! Dementsprechend waren auch viele Wächter anwesend, die sich unauffällig an den Seiten des Saals postiert hatten. Während Lissa auf das Podium zu eilte, ließ ich meinen Blick über die Menge der Zuschauer schweifen. Als ich Christian und Tasha fand, schaute ich auf die Frau in ihrer Reihe. Erica Bedica, eine der Tatverdächtigen, hielt sich dort auf und redete gerade angeregt mit Christians Tante. Auf der anderen Seite des Ganges entdeckte ich Mia, die zusammen mit Adrian bei dessen Mutter, Daniella Ivashkov saß. Auch sie war verdächtig, auch wenn Adrian davon nichts wusste. Nach meiner Besprechung mit Lissa und meinen Eltern war ich zu ihm zurück gekehrt, hatte ihn aber nicht in die neuen Erkenntnisse eingeweiht. Meine Angst war zu groß, dass er mir nicht glauben würde, oder schlimmer noch, sich von mir abwenden würde, wenn ich ihm verriet, dass ich seine Mum des Mordes an Königin Tatjana verdächtigte. Hoffentlich ist es Erica..., dachte ich noch, denn dann würde mir viel Kummer erspart bleiben! Lissa erreichte endlich ihren Platz auf dem Podium und gesellte sich zu den anderen vier Kandidaten, die sich zur Wahl stellten. Aber ich achtete nicht besonders auf die anderen Wahlteilnehmer, denn mein Augenmerk galt unserem Plan. So stellte ich mich hinter Lissa auf, die Hände auf den Rücken verschränkt und sah teilnahmslos drein, als wäre das ein ganz normaler Tag für eine ganz normale Wächterin. Indes suchte ich meine anderen Mitverschwörer und fand sie schließlich alle. Meine Mum stand rechts an der Seite des Saals und als sich unsere Blicke trafen, nickte sie mir kurz zu, bevor sie ihren Kopf in eine bestimmte Richtung neigte. Ich folgte ihrer Geste und fand Wächter Jenkins, der sich in der Nähe meiner Mum aufhielt. Er würde eine entscheidende Rolle spielen und, sollte alles wie geplant laufen, die letzten Zweifel ausräumen. Falls wir es denn bis dahin schaffen, dachte ich besorgt, denn nun wo ich hier oben quasi auf dem Präsentierteller stand, bezweifelte ich die Genialität meines Plans doch etwas. Nur ruhig, Rose, es wird schon alles gut werden!, versuchte ich mich zu beruhigen und atmete einmal tief durch, bevor ich nach Abe Ausschau hielt, der sich ebenfalls hier eingefunden hatte. Er saß in einer der vordersten Reihen und hielt sich bereit, für was auch immer kommen mochte...
Als dann einer der Ratsmitglieder vortrat und die Versammlung eröffnete, konnte ich kaum still stehen bleiben, so nervös war ich. Doch ich musste mich noch etwas gedulden, denn erst einmal waren die anderen Kandidaten dran, bevor Lissa als letztes das Wort erhalten würde. Endlich rief man sie auf und Lissa bedankte sich bei ihrem Vorredner und trat an das schmale Rednerpult. Dort ließ sie ihren Blick über die Anwesenden schweifen, bevor sie anfing zu reden. Durch das Band spürte ich ihre Aufregung, die der meinen in keinem bisschen nachstand, doch sie überspielte diese überraschend souverän. „Meine verehrten Lords und Ladys, liebe Anwesenden... Viele von Ihnen werden sich sicherlich fragen, was ich hier oben zu suchen habe, da doch bekannt ist, dass ich nicht gewählt werden kann. Auch ich habe mir diese Frage immer wieder seit Beginn der Prüfungen gestellt und bin selten zu einer befriedigenden Antwort gekommen. Doch nun, wo ich hier vor Ihnen stehe und sie alle ansehe, weiß ich warum ich mich gemeldet habe: Hoffnung! Ich hoffe, dass unsere Welt ihren Glanz aus alten Tagen wiedererlangen kann und ich hoffe gleichzeitig, dass wir in eine strahlendere Zukunft gehen können, die den neuen Zeiten gerecht wird, die vor uns liegen. Ich möchte nicht nur verändern, ich möchte verbessern, Dinge gerechter machen... ich möchte für andere da sein! Leider erlauben mir unsere Gesetze dieses nicht so ohne weiteres, aber das akzeptiere ich, denn ich akzeptiere und ehre die Gesetze, die unsere Gesellschaft zusammen halten!“ Lissa machte eine kurze Pause, in der ihre Worte die Wirkung entfalten konnten, die sie sollten. Dann blickte sie erneut über die Menge an Gesichtern vor sich. „Leider halten sich nicht alle an diese Gesetze, sondern nehmen sich, was sie wollen, ungeachtet anderer. Dieses Verhalten darf jedoch nicht toleriert werden und sollte immer ans Licht gebracht werden, auf das sowohl die Täter gerügt, als auch die Guten unter uns bestätigt werden. Ich stehe nun vor Ihnen nicht nur, weil ich die Prüfungen geschafft habe, sondern weil ich Ihnen allen auch von zwei schrecklichen Verbrechen berichten muss, die sich hier zugetragen haben!“ Unruhe kam bei den Zuschauern auf und leises Getuschel setzte ein, als Lissas Worte durch den Saal hallten. Doch sie alle starrten genauso gebannt auf ihre Lippen wie ich es tat. Die Moroi strahlte eine Entschlossenheit aus, die sie wie eine junge Göttin erschienen ließ und niemand zweifelte an der Richtigkeit, dass sie nun da vorne auf diesem Podium stand. „Das erste Verbrechen kenne Sie bereits, denn es ist der Mord an unserer geliebten Königin Tatjana, die nun im Frieden ruhen mag! Das zweite Verbrechen folgte dem ersten und es galt mir und meiner Familie!“ Noch einmal holte Lissa Luft, um nun zu offenbaren, was ihr angetan worden war und gleichzeitig den Ball ins Rollen zu bringen. „Meine Damen und Herren, ich verkünde Ihnen allen stolz, dass es ein weiteres Mitglied der Dragomir-Familie gibt, dessen Existenz von kriminellen Individuen geheim gehalten werden sollte!“, erzählte sie und sofort kamen Ausrufe des Unglaubens und der Empörung unter den königlichen Moroi aus. Viele von diesen konnten sich wohl denken, was das alles bedeutete: Lissa hätte nun sowohl ein Anrecht auf den Platz der Dragomirs im königlichen Rat und darüber hinaus auch die Möglichkeit wirklich an der Wahl zur Königin teilzunehmen. „Haben Sie auch Beweise für diese Behauptung?“, erhob Lord Nathan Ivashkov, Adrians Dad, das Wort und sah Lissa fragend an. Indes beäugte ich die Frau des Sprechenden, Daniella, und auch die andere Verdächtige, Erica Bedica. Beide Frauen wirkten zwar überrascht, verrieten sich aber in keinster Weise. „Es gab einen DNA-Test, der die Verwandtschaft bewies. Dieser Test ist von Königin Tatjana höchst selbst angeordnet worden, doch leider ist besagtes Dokument von dem Mörder der Königin gestohlen worden!“, entgegnete Lissa. „Also haben Sie keine Beweise, wenn ich Ihre Worte richtig deute, Lady Dragomir!“, schloss Nathan Ivashkov mit einem selbstsicheren Grinsen daraus. „Es tut mir leid, Prinzessin, aber da könnte ja jeder behaupten, er hätte einen Cousin achten Grades irgendwo herum sitzen!“ Die Aussage des Morois erntete einige verhaltende Lacher und die Stimmung im Saal drohte zu kippen. Doch Lissa lächelte nur Lord Ivashkov höflich zu. „Aber natürlich, Lord Ivashkov! Laut dem Gesetz muss eine Verwandtschaft eines nicht eindeutigen Familienmitglieds nachgewiesen werden, sobald dieses über eine politische Relevanz verfügt, was hier der Fall sein dürfte!“, meinte sie und Adrians Dad schaute unsicher drein. Sicherlich wusste er von diesem Gesetz und kannte auch die Folgen daraus, denn wie mir Lissa und Abe erklärt hatten, durfte keine Entscheidung innerhalb eines Gremiums getroffen werden, welches durch die bestätigte Verwandtschaft betroffen wäre. Sprich, solange Lissas und Jacks Verwandtschaft weder bestätigt noch dementiert worden war, durfte der königliche Rat keine Entscheidungen fällen und so auch keinen nächsten Regenten wählen. „Das ist doch alles nur eine Hinhaltetaktik!“, sprach plötzlich Daniella Ivashkov laut und erhob sich von ihrem Platz. Sofort schnellten meine Augen zu der zierlichen Moroi. „Lady Dragomir kann offensichtlich nicht die Wahrheit akzeptieren, dass Ihre Familie keine politische Rolle mehr spielt! Solch ein Verhalten, welches die Integrität des königlichen Rats stört ist kindisch und unverzeihlich!“ Aus dem Augenwinkel sah ich wie meine Mum sich Jenkins näherte und ich sah die Zeit gekommen, den großen Trommelwirbel einzuläuten. Ich trat einen Schritt vor und gesellte mich so neben Lissa, worauf mich viele der Anwesenden irritiert betrachteten. Wartet nur ab, dann werden euch gleich noch die Augen ausfallen!, dachte ich grimmig und zog das silberne Armband ab. Laute Rufe gemischt mit erschrockenem Aufschnappen erfüllte den Saal, als ich mich zu erkennen gab. „Mein Name ist Rose Hathaway und ich kann sowohl bestätigen, dass Lissa hier einen Bruder hat und dass ich nicht die Mörderin an Königin Tatjana bin!“ „Wächter! Ergreift die Mörderin!“, schrie Adrians Dad laut und zeigte mit einem Finger auf mich, während sein Gesicht wutverzerrt war. Doch ich achtete weniger auf ihn, sondern mehr auf seine Frau, die noch bleicher zu werden schien. Sie sieht sehr erschrocken aus, überlegte ich zufrieden. Schnell hob ich die Hände, um deutlich zu machen, dass ich unbewaffnet war, während gleich mehrere Pistolen auf mich angelegt wurden und einige Wächter das Podium stürmten. Doch Lissa stellte sich schützend vor mich und breitete die Arme aus. „Gebt ihr das Recht sich zu erklären!“, forderte sie ein. „Pah, warum sollten wir das tun? Sie enttäuschen uns Vasilisa! Wir dachten wirklich, dass sie mit dem Mord an Ihrer Majestät nichts zu tun hatten! Ergreift sie lieber gleich mit!“, empörte sich Daniella. Genau in diesem Moment, als die Wächter mich packten und wegzerren wollten, geschah es. „Mörderin!“, erschallte der heftige Ruf von Wächter Jenkins, der mit hasserfülltem Gesicht da stand und anklagend auf Daniella Ivashkov zeigte. Silberner Staub waberte noch um ihn herum und ich sah meine Mum, die neben dem Dhampir stand mit dem Säckchen des antimagischen Pulvers, welches mir Angela gegeben hatte. Anscheinend hatte es tatsächlich gewirkt und den Zauber von dem Wächter genommen, der sich wieder erinnern konnte. „Sie ist die wahre Mörderin, nicht Hathaway!“, brüllte Jenkins weiter und eilte selbst durch die Reihen auf die Moroi zu, die wie versteinert da stand. Einen kurzen Moment herrschte Ruhe im Saal, weil alle so sehr perplex von dem Umschwung der Schuld waren. Auf einmal hob Daniella leicht ihre Hand und taxierte Jenkins. Nein, sie darf nicht noch einmal Zaubern!, dachte ich alarmiert und blickte zur Moroi. Wenn sie es schaffte, den Wächter abermals mit einem Zauber zu belegen, könnte sie das Blatt noch einmal wenden und die Schuld an den Mord wieder mir in die Schuhe schieben! Doch zum Glück reagierte Mia sofort, die ja neben Daniella gesessen hatte. Die junge Moroi warf Daniella eine Hand voll des silbernen Pulvers entgegen, welches auch schon bei Jenkins zum Einsatz gekommen war. Blinzelnd und hustend versuchte Daniella ihre Magie zu wirken, schaffte es aber nicht, bevor Jenkins bei ihr war. „Du warst es! Du wolltest damals zur Königin vorgelassen werden und du hast sie ermordet!“, beschuldigte der Dhampir die Moroi und hielt sie fest. „Danach hast du mich verzaubert, damit ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, dass du da gewesen warst!“ Enttäuschung und Fassungslosigkeit gepaart mit aufgestauter Wut waren dem Wächters ins Gesicht geschrieben. „Ich habe dir vertraut, Daniella. Ich habe dich unterrichtet und du missbrauchst das alles, um die Königin zu töten?“ Wie es aussieht haben wir unsere Mörderin, dachte ich und schaute zu Daniella, die einfach nur aufrecht stand und sich umsah. Sie schien geschlagen und langsam begriffen auch alle anderen hier im Saal, was vor sich ging. Doch gerade als die Wächter von mir abließen, um die Moroi in Gewahrsam zu nehmen, legte diese los.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast