Sieben Küsse

von Avarantis
GeschichteRomanze / P18 Slash
Erestor Glorfindel
07.09.2019
22.12.2019
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11.09.2019 3.029
 
Agit hae ignotae personae
Thólinnas, Leutnant unter Glorfindel.
Elion, „Sternsohn“, Soldat unter Glorfindel.
Glinthos, Soldat unter Glorfindel.
Feawen, „Geistmädchen“, Soldatin unter Glorfindel.


҉


1. Kapitel - Waldnacht

„Das ist der schlechteste Ort für eine Rast, den Ihr hättet wählen können.“

Das entnervte Schnauben von einem der Soldaten, der einen Packen mit Reißig auf den Armen trug, ließ Erestor finster seine Brauen zusammenziehen. Glorfindel warf seinem Untergebenen einen halb mitleidigen, halb amüsierten Blick von der anderen Seite der Baumreihung zu und griff den Tränkeeimer der Pferde fester. Verdenken konnte er Elion die Reaktion allerdings nicht. In seinen schwarzen Roben und dem Siegel des Hochkönigs um den Hals wirkte der Großkanzler von Bruchtal eher wie derjenige, der an jedem Ort in der Wildnis völlig Fehl am Platz gewesen wäre. Erschwerend kam hinzu, dass Erestor schon wieder krittelte, nachdem sie auf seine wiederholenden Extrawünsche Rücksicht nehmend drei Mal das Lager verlegt hatten. Es schien daher ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein, einen den unerreichbaren Standards des Großkanzlers gemäßen Ort für eine Ruhezeit auszukundschaften.

Glinthos verschränkte die Arme vor der Brust und pustete sich eine dunkelbraune Haarsträhne aus den Augen, die eindeutig Pest, Cholera und das gesamte Unglück der Welt gegen den Rücken von Erestor schleuderten. Glorfindel war sich sehr sicher, dass er es nicht gewagt hätte, den Gelehrten direkt mit einem solchen Blick zu konfrontieren. Seine Stute tauchte mit dem Kopf aus dem Wassereimer auf und prustete.

Es war das Temperament, das allgemein gefürchtet war, bevor Elronds Großkanzler zu einem Rundumschlag ausholte, der für gewöhnlich das Selbstwertgefühl jedes Elben im Raum, egal ob Betroffener oder nicht, so sehr zusammenschrumpfen ließ, dass es in eine Säbeltasche passte. Doch Elion war zu hitzköpfig, um die deutliche Warnung in der Körpersprache von Erestor richtig deuten zu können und Glorfindel sah sich genötigt, zu seiner Rettung zu eilen. Den Hals des Pferdes abklopfend stellte der Seneschall den Eimer ab.Es war deutlich zu früh im Leben des jungen Soldaten, um sich auf Augenhöhe mit einer solchen Persönlichkeit messen zu können. In seinem Alter hatte Erestor Elion längst überflügelt, wie Glorfindel nur zu genau wusste.

„Großkanzler“, er sprach nicht laut, aber der sanfte Schalk in seiner tiefen Stimme nahm jegliche Schärfe aus dem Moment. Glorfindel bildete sich ein, dass Erestors Schulter zuckte, als er unvermittelt an ihn herantrat. Feawen, die vor einer Holzpyramide in die Hocke gegangen war, um Feuer zu machen, grinste ihrem Seneschall kurz zu.
„Den perfekten Ort für ein Verweilen in der Wildnis gibt es nicht. Verzeiht, dass wir Euch nicht den Komfort des Palastes von Lindon bieten können, doch Elion hat sein Bestmögliches getan, Euch einen angenehmen Schlafplatz zu suchen.“

Erestor warf einen vernichtenden Blick über die linke Schulter: „Dann ist das Beste, was er vollbringen kann, offensichtlich nicht gut genug.“
Unglücklicherweise hätte Glorfindel bei einer besseren Formulierung Erestors Kritik zustimmen müssen. Elion war noch zu unerfahren, um einen wirklich sicheren Ort zu finden und er selbst hätte ein ganzes Stück tiefer zwischen den älteren Stämmen gewählt. Jedoch machte nur Übung einen guten Späher und gemeinsam mit seinem Leutnant hatte er beschlossen, die Entscheidung dem Jüngsten ihres kleinen Trupps zu überlassen. Ebenso standen die Pferde nicht weit entfernt und waren der Vorsicht wegen auch die Nacht über gesattelt.
Glinthos tauschte eine rüde Geste mit Thólinnas. Elions Augen funkelten wütend und er setzte schon zu einer Erwiderung an, als Glorfindel ihm über den Mund fuhr und strafend den Kopf in Richtung Glinthos schüttelte: „Wir alle sind erschöpft. Es war ein langer Ritt seit Gil-Galads Feste und ein jeder von uns sehnt sich nach ein bisschen Schlaf. Wenn ich Euch daran erinnern darf, wolltet ihr bereits am späten Nachmittag rasten. Wie war nochmal Euer Wortlaut? ‚Wer hat diese ausgebrüteten Folterwerkzeuge aus Morgoths Kerkern zu Sätteln umfunktioniert‘? Korrigiert mich, wenn ich falsch liege.“

Erestor schnalzte mit der Zunge und Glorfindel war sich nicht sicher, ob er damit nun seine Zustimmung gab oder ihn provozieren wollte. Sein Gesicht hatte einen harten Zug um den Mund und kaum etwas außer dem scharfen Verstand erinnerte noch an den jungen Elb im Kaminsaal von Mithlond. Glorfindel hatte Recht behalten und das Alter hatte Erestors Mimik deutlicher und unverkennbarer gemacht.Elegant wirbelte er herum, der schwere Stoff seiner Roben drehte sich dabei um ihn und traf Glorfindel einer Peitsche gleich am rechten Arm. Er verzog das Gesicht.„Der Bachlauf ist in der anderen Richtung“, Elion klang ein bisschen zu schadenfreudig, um es als Hilfestellung durchgehen zu lassen. Ein spöttischer Blick von Erestor traf ihn und der junge Soldat duckte sich hinter Glorfindel.

Kaum war er außer Hörweite, atmeten die Kameraden hörbar auf. Thólinnas klopfte Glorfindel anerkennend auf die Schulter: „Immerhin Ihr wisst, wie man Ihn zu nehmen hat.“ Feawen, die sachte Funken in ihrem Holzstapel zum Glühen gebracht hatte, lachte mit ihm. „Unser Seneschall ist auch der einzige, der kaum einen bissigen Kommentar von dem Großkanzler fürchten muss.“

Glorfindel rieb sich über den Arm, dort, wo der schwarze Stoff ihn gepeitscht hatte. „Vollends sicher bin ich trotzdem nicht vor seinem Unmut, fürchte ich.“

Glinthos nickte in Elions Richtung: „Jetzt weißt du, warum niemand erpicht darauf war, ihn abzuholen.“ Der junge Soldat stöhnte auf. „Ist er etwa immer so? Wir sind außerhalb der Zivilisation, was erwartet er denn? Er konnte nicht einmal seine Roben gegen Reitkleidung oder einen Lederharnisch tauschen. Kein Wunder, dass er alle fünf Minuten wie ein Weib zetert.“ Feawen rammte ihm empört einen Scheit in die Wade, sodass Elion stolperte und die Reißigzweige aus seinen Armen purzelten. Die anderen lachten. „Habt ihr mich je maulen gehört? ‚Es regnet, ich bin nass bis auf die Knochen. Ich mache Euch verantwortlich, wenn ich krank werde.‘ Oder das vielgerühmte ‚Auf diesem Haufen Blattwerk findet Ihr Ruhe? Was wart Ihr in Eurem letzten Leben, ein Igel?‘“

„Ohne uns wäre er längst umgekommen. Habt ihr nicht gesehen, wie steif er auf dem Pferd sitzt? Als hätte er einen Stock verschluckt“, stimmte Glinthos zu und steckte links und rechts Ästchen neben das Feuer, um die kleine Blechschüssel aufhängen zu können.

Elion lachte: „Den hat er bestimmt nicht verschluckt, sondern in seinem –“

„Jetzt ist es genug“, unterbrach Glorfindel die bestimmt nicht unverblümte Ausführung des Elben, und sah sie strenger als üblich an, „ihr richtet hart. Das waren bestimmt keine leichten Tage für den Großkanzler und bedenkt, dass er direkt nach der letzten Verhandlung mit uns abreisen musste, da er für unseren Herrn Elrond unentbehrlich ist. Ihr seid es gewohnt, unter freiem Himmel zu schlafen und lange Strecken zu reiten, Erestor nicht. Dafür schlägt er sich wacker.“

Betreten senkten sie ihre Köpfe. Das hatten sie wirklich nicht in Erwägung gezogen. Nur Leutnant Thólinnas steckte sich unbeirrt eine Pfeife an, ein Relikt aus seiner Zeit in Ost-in-Edhil. Oft hatte er die Handelskarren begleitet und die schlechte Angewohnheit, Kräuter anzuzünden und zu rauchen, beibehalten. „Das ändert nichts an seiner Unausstehlichkeit, Seneschall.“

„Ihr habt mit Zwergen verkehrt. So schrecklich kann Herr Erestor nun wirklich nicht sein.“Thólinnas hustete, als er sich an seinem Zug vor unterdrücktem Lachen verschluckte. „Ich würde die Gesellschaft der Naugrim jederzeit einem Teekränzchen mit dem Großkanzler vorziehen.“

Der Leutnant lehnte sich mit angewinkelten Beinen zurück und schloss genießend die Augen, als er die Pfeife zwischen den Lippen drehte. Feawen verzog pikiert das Gesicht. „Deshalb frage ich mich auch immer noch, wieso Ihr Euch freiwillig dazu entschlossen habt, die Eskorte zu begleiten. Fehlt Euch die Gesellschaft von kratzbürstigen Biestern so sehr, Seneschall?“ „Ihr balanciert auf einem dünnen Seil, Leutnant“, obwohl Glorfindel immer noch schmunzelte, schwang eine zielsichere Warnung in seinen Worten mit. Thólinnas nickte als Zeichen, dass er den unterschwelligen Tonfall vernommen hatte und verkniff sich sein Grinsen.

Glinthos kratzte mit einem zum Kochlöffel umfunktionierten Holzstab in dem kleinen Topf herum, in dem etwas Suppenähnliches vor sich hin köchelte und mehr als einmal warf er gekränkte Blicke zu Feawen und Elion, die sich grölend in Vergleichen mit Schlammlöchern und Orkgruben auf seine Kosten übertrumpfen wollten. Glorfindel rief sie mehr pflichtbewusst als autoritär zur Ordnung und die Soldaten hatten immerhin den Anstand, die Lautstärke ihrer Frotzelei zu senken.  Als Thólinnas seine dritte Pfeife anstecken wollte, tauchte die schlechte Stimmung in Form eines düsteren Großkanzlers hinter den Bäumen auf. Immer noch in umständlichen Roben, die auf keinen Fall bequem sein konnten.

„Das ist ungesund für Eure Lunge“, keine Begrüßung, aber wahrscheinlich reichte die Zeitspanne der Abwesenheit in Erestors Augen dafür auch nicht aus, „und für meine. Ihr werdet das unterlassen.“ Der Unterton war erstaunlich resolut für einen Gelehrten, befand Glorfindel. Um die Mundwinkel des Leutnants zuckte es erbost ob der unhöflichen Behandlung. Im Gegensatz zu seinen jüngeren Kameraden wertete er Erestors Stand jedoch mehr als seine eigene Befindlichkeit. Thólinnas blickte sein geschnitztes Kleinod bedauernd an und steckte es wortlos in die Tasche. „Großkanzler“, nickte er ihm zu und stand mit einer leichten Verbeugung auf. Erestor übersah die Ironie großzügig und winkte ab. Glinthos wollte hochnäsig lachen, doch ein halb schräger Blick reichte aus, um ihn verschluckt hüsteln zu lassen. Elion neben ihm füllte hölzerne Schälchen mit der Suppe und es entbrannte eine stumme Rangelei darum, wer den Mut aufbringen würde, eines an den Großkanzler weiterzugeben. Elion war der erste, der sich aus der Affäre stahl, viel zu schwungvoll einen Becher in Feawens Hand klatschte und sich mit einer kurzen Geste in Richtung seines Seneschalls zu seinem Leutnant verabschiedete. Die Soldatin schüttelte schmerzverzerrt ihre Hand aus, als die heiße Flüssigkeit über den Rand schwappte und Glinthos ihr den Schlauch mit Apfelessig unter den Arm klemmte. Mit einem Rufen trabte er Elion hinterher.

Glorfindel hatte beinah Mitleid, als er Feawens Zögern gewahr wurde. Abwägend starrte sie erst das Essen, dann den gefürchteten Gelehrten an. Bis sie sich einen Ruck gab, die Schultern straffte und sich an ihre harte Ausbildung erinnerte. Sie war Soldatin und kämpfte gegen Orks. So schlimm konnte kein hochrangiger Großkanzler sein. Oder?

„Ich hörte, Ihr hättet den Menschenkönig aus Numenor getroffen. Ist er tatsächlich von überraschend elbischer Erscheinung, wie man sagt?“, erbarmte sich Feawen schließlich Erestors Hunger und versuchte sich an einer unverfänglichen Frage. Die generell keinen Grund zum Anstoß genommen hätte. Nur war Erestor nicht gewöhnlich und verfiel mit stetig sinkender Temperatur rapide weiter in seine frostige Unausstehlichkeit. Ohne Dank nahm er ihr das Essen ab und murrte missmutig, als er einen näheren Blick darauf warf. Zu Glorfindels Überraschung sagte er jedoch nichts weiter.

„Tar-Calion ist ein überheblicher Scharlatan, der zu lange am Rockzipfel seiner Mutter hing, wenn Ihr mich fragt“, resümierte der Gelehrte vernichtend. Oben auf seiner Lippe krauste sich schon wieder der Spott. Glorfindel seufzte, als er Feawen zusammenzucken sah.

„Wisst Ihr, Großkanzler Erestor, vielleicht würde es Euch leichter fallen, mit Eurem Umfeld umzugehen, wenn ihr versuchen würdet, das Gute an der Situation zu beleuchten“, bei jedem anderen hätte er es als Affront aufgefasst. In Glorfindels Stimme steckte kein Vorwurf und selbst Erestor war bewusst, dass er zur heldenhaften Hilfe seiner Untergebenen geeilt war. Wer hätte ihm daraus einen Strick drehen sollen? Besonders, wenn er dabei den Kopf neigte und das Lagerfeuer die schönsten Schatten auf seine Gesichtszüge formte. Mit einem Schauer, den hoffentlich niemand sah, tauchte die Erinnerung an eine lange vergangene Winternacht in Erestor auf.

Glorfindel war sich nicht sicher, ob es ihm gelungen war, den Hauch eines Lächelns über Erestors Mundwinkel huschen zu lassen. Zu schnell verging der Moment. Der Getränkeschlauch, fand den Weg an seine Lippen.

„Glaubt mir, ich sehe durchaus das Positive daran. Würde es den Numenorer nicht geben, würde ich niemanden kennen, der Hochkönig Gil-Galad an Selbstherrlichkeit übertrifft.“

Die Empörung stand Feawen auf die Stirn geschrieben. Obwohl sie seit der Gründung von Bruchtal auf Befehl ihres Königs unter Elrond diente, kannte ihre Hochachtung für Gil-Galad keine Grenzen. Glorfindel meinte sich sogar zu erinnern, dass sie einst zu seiner Leibgarde gehört hatte. Der Großkanzler würde ihrem Gesicht nach zu urteilen keiner ihrer Freunde mehr werden.

Erestor verzog den Mund, als saurer Apfelessig seine Kehle hinabrann. Die Erfrischungsgetränke von Feawen waren seinem Geschmack nach ausgesprochen gewöhnungsbedürftig. Glorfindels Schmunzeln hatte das unübersehbar gewusst, denn er machte keine Anstalten, den Schlauch für einen Schluck an sich zu nehmen. Stattdessen besaß er den Anstand, das Grinsen hinter seiner Hand zu verstecken und versuchte, das Lächeln mit den Fingerspitzen von den Mundwinkeln zu drücken. Glorfindel hatte überraschend dunkle Lippen unter dem Lichtkegel des Feuerflackerns. Ein Kopfschütteln vertrieb den Gedanken wieder.

„Das unterscheidet sich nicht unbedingt von einer Beleidigung“, merkte er an und sein Haar zischte golden im Licht, als er funkensprühend einen Holzscheit nachlegte. Unter der Schnürung des Harnischs spannte die Muskulatur von Glorfindels Oberkörper. Erestors Kehle fühlte sich ganz plötzlich enger an und seine Fingerspitzen kribbelten. Das war bestimmt die Schuld des Essigs. Wer kam auch auf den absurden Gedanken, das als Erfrischung durchgehen zu lassen. Er setzte den Schlauch ein zweites Mal an.

Glorfindel fragte sich, ob Erestors Stimme nur vom Apfelessig säuerlich klingen konnte: „Natürlich tut es das. Ihr müsst nur besser zuhören.“ Feawen war die letzte, die aufstand und ihrem Seneschall dabei einen fragenden Blick zuwarf. Eindeutig die ungestellte Aufforderung, sie zu begleiten, um nicht länger als nötig in Erestors Gegenwart verweilen zu müssen. Der Unterkiefer von Elronds Großkanzler schob sich knirschend nach vorne. Erestor sah blitzende Sterne an den Rändern seines Blickfelds, als er den Druck erhöhte. Es ist nicht schlimm, du bist nur unsympathisch. Seit wann stört dich das? Glorfindel blickte schräg zu Feawen hinauf, sein Lächeln unverändert und er winkte mit der rechten Hand ab. Die Soldatin zögerte noch einen Moment, ein halbes Kopfschütteln mit in ihrer Abschiedsgeste integriert. Die einzig Glorfindel galt. Unbeirrt blieb er sitzen, richtete seine Aufmerksam zurück auf den Elb neben sich. Etwas zerrte in Erestors Brustkorb, als er das zuckende Lächeln sah. Er mahlte seine Zähne noch kräftiger, um es nicht spüren zu müssen.

„Wollt Ihr mich belehren?“ Erestor fragte sich, wieso der Seneschall ihn nicht in Ruhe ließ. Besaß Glorfindel eine Immunität gegen schwankende Launentiefpunkte?

„Glaubt mir, würde ich das wollen, müsstet Ihr nicht nachfragen“, stichelte er und verzog erneut das Gesicht, als der Essig auf seiner Zunge kratzte. Das wurde mit jedem Schluck schlimmer.

Glorfindel lehnte sich unvermittelt zu ihm. Ihre Oberarme berührten sich und Erestor fragte sich, wieso ihn so nah am Feuer ein weiterer Schauer überlief. „Möchtet Ihr Alkohol?“, murmelte der Seneschall zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Sein Blick glitt kurz hinüber zu den Tannen, unter denen seine Kameraden sich gegenseitig mit der Suppe bewarfen.

„Ach, würdet Ihr mir also einmal in meinem unsterblichen Leben über die Unausstehlichkeit dieses Eintopfs und dem Essig zustimmen?“ Glorfindel lächelte. „Jeder hat seine Stärken. Kochen ist bestimmt keine von Glinthos und Getränke keine von Feawen“, fuhr er leise fort und reichte Erestor einen schweren Beutel. Glorfindel musste ihn vor der Tagessonne geschützt haben, denn er lag angenehm kühl in den Händen. „Und ihr teilt aus reiner Herzensgüte Euren Wein mit mir? Ihr wisst, dass das an absolute Dekadenz hier in der Wildnis grenzt?“, Erestor flüsterte nicht und sein herrischer Tonfall trug nicht dazu bei, seinen Ausspruch eine besonders liebenswerte Interpretation zuließ.

„Gerade Ihr macht mir einen Vorwurf deshalb?“, schmunzelte Glorfindel mit einem Blick auf die Zeremonieroben und eine Augenbraue wanderte auf Erestors Stirn hinauf.„Ihr habt es verdient. Fast hatte ich befürchtet, Ihr würdet an Eurem trockenen Kommentar ersticken. Doch Ihr wart zum ersten Mal seit unserem Aufbruch aus Lindon höflich genug, nicht zu spotten.“

„Ihr belohnt mich wie einen kleinen Elbling für gutes Verhalten?“, in Erestors Stimme knirschte noch der Sarkasmus, aber er konnte sich nicht davor retten, dass der Hauch eines sanften Gefühls in ihm zu stupsen begann. Glorfindel hatte wahrgenommen, wofür die anderen zu blind gewesen waren und hatte sogar auf eine gelungene Art ein Kompliment daraus gemacht. Etwas, was eigentlich nur ebenjener konnte, wenn Erestor es recht bedachte. Glorfindels Augen funkelten im Feuerschein und das Lächeln seiner Lippen erreichte sie durchgängig. War es eigentlich unmöglich, diesen Elb in eine schlechte Stimmung zu versetzen? Verschwörerisch lehnte er sich noch näher und Erestor konnte sich nicht davor erwehren, unbewusst seiner Geste zu folgen. Umso mehr wirkte seine Erklärung und die Fröhlichkeit rang jeden Unmut nieder: „Als Seneschall bin ich meist nichts anderes als eine Amme, die ihre Schäfchen zusammenhält.“

Es wurde merklich still auf der Lichtung, als ein bis dahin unbekannter Ton über die Versammelten wehte. Leise, fast nicht hörbar und weder volltönend wie bei einem Musiker wie Lindir noch mit charmanter Erheiterung wie bei Glorfindel, aber unverkennbar ein weiches Lachen ohne Böswilligkeit.

Erestors Augen wirkten mit einem Mal unbedarfter und weniger schneidend. Glorfindel bemerkte, wie er den Kopf neigte und der lange, geflochtene Zopf dabei hinter seine Schulter fiel. Zuerst schien es, als würde sich der Gelehrte enger an ihn drängen wollen, doch eine unsichtbare Grenze schien ihn im letzten Moment an die Unschicklichkeit dessen zu erinnern. Sie saßen schon zu nah. Und beide waren nicht wirklich Freunde, der Seneschall und der Großkanzler, nur über die Jahre enge Vertraute in ihren hohen Positionen in Bruchtal geworden. Doch auch als rechte und linke Hand von Herrn Elrond hatte keiner der beiden je den einen Schritt zu persönlicherer Vertraulichkeit gewagt. Vielleicht wussten sie unterschwellig um das warum und waren doch tölpelhaft genug, es niemals näher für sich zu ergründen. Nach der Nacht ihres Kennenlernens hatten sie ihre Pflichten weit voneinander fern gehalten und außer sporadischem Erkennen aus der Ferne waren sie sich erst wieder wirklich nach der Gründung Bruchtals begegnet.
Aus diesem Grund übersah Erestor, dass sich die Freude über seine Erheiterung auf Glorfindels Gesicht mit einer wehmütigen Spur vermischte, sobald er sich wieder seiner Nähe entzog. Und Glorfindel schob den Schauer, der über Erestors Arme glitt, auf die Brise, die auch die Funken im Feuer knistern ließ. Beide in dem Glauben, der jeweils andere hätte den kurzen Moment in lange verschollener Zeit vergessen.
„Müsstet Ihr Euch dann nicht Hirte nennen?“

„Dafür fehlen mir ein Bart und ein Hut mit Krempe.“

Das Lachen wandelte sich in ein stilles Anheben der Mundwinkel. Glorfindel drückte sanft seine Schulter. „Seht Ihr, Großkanzler, allzu schlimm ist die Wildnis mit ein bisschen Humor gar nicht.“ Erestor hob seine zweite Braue, doch die fremde Berührung hielt zu kurz, um sie vollends auszukosten. Denn als der Abendwind drehte, schreckten die Pferde aus ihrem ruhigen Dämmerschlaf auf.

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Ein ganz herzliches Dankeschön an HopeForTheHopeless und Elbenkind für die Reviews, das hat mich sehr gefreut!
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