Sieben Küsse

von Avarantis
GeschichteRomanze / P16 Slash
Erestor Glorfindel
07.09.2019
20.10.2019
7
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11
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Vorwort
Das ist alles nur die Schuld von DeepSilence und Nairalin. Sie haben Plothühner geworfen! Bunnies haben da nicht mehr gereicht. Außerdem fliegen Hühnchen viel besser, die haben Federn. Mein unendlicher Dank für die Inspiration gilt euch!

Disclaimer
Die Küsse sind meine. Die Elben habe ich mir nur ausgeliehen. Von Tolkien, wisst ihr?

Arbeitstitel
Ungeküsst

Warnung
Kann Spuren von Herzschmerz, Zucker und Liebe enthalten! Viel fluffige Zuckerwattenzuneigung.

Zeit
Der Prolog spielt ungefähr im Jahr 200 Z.Z.; die laufende Geschichte circa zwanzig Jahre vor dem Untergang Numenors, also roundabout 3300 Z.Z. Ja, mir ist bekannt, das Elben mit fünfzig volljährig werden. Aber bei einem unsterblichen Leben ist man doch mit knapp 220 nur etwa zwanzig, glaubt ihr nicht?

Protagonisten
Erestor, verbitterter Großkanzler in Bruchtal unter Elrond, früher mal ein kleiner Schreiber an den Grauen Anfurten.  
Glorfindel, Seneschall von Bruchtal, ehemaliger Fürst des Hauses der Goldenen Blume. Ein wunderschöner Held und Ritter all unserer wildesten Träume. Nach dem Krieg des Zorns in Beleriand verblieben.

Nebencharaktere
Elrond, Herold von Gil-Galad, Herr von Bruchtal.
Lindir, der als Musikant durch Bruchtal tanzt. Von Erestor nicht ganz liebevoll Nervensäge vor Iluvatar genannt.
Gil-Galad/Ereinion, letzter Hoher König der Noldor in Mittelerde.
Tar-Calion, letzter König von Numenor. Besser bekannt als Ar-Phârazon.

Eigene Nebencharaktere
Himril, „der Standhafte“, Feldmarschall in Bruchtal. Nummer zwei nach Glorfindel.
Eruvador, „Eru richtet“, Siegelwahrer und Berater in Bruchtal. Nummer zwei nach Erestor.
Rochveldir, „Pferdefreund“, Erestors Ausbilder an den Grauen Anfurten, Cirdans Oberster Berater.
Laswen, „Blattmädchen“, Großgartenmeisterin in Bruchtal, Frau von Eruvador.
Celduion, „laufender Fluss“, Großküchenmeister und Mundschenk.
Aldoniell, „Baumtochter“, Gärtnerin in Bruchtal und Tochter von Laswen und Eruvador.
Thólinnas, Leutnant unter Glorfindel.
Elion, „Sternsohn“, Soldat unter Glorfindel.
Glinthos, Soldat unter Glorfindel.
Feawen, „Geistmädchen“, Soldatin unter Glorfindel.
Cuileth, „die Lebendige“, Schreiberin von Erestor.
Melpomaen, ohne Bedeutung, Fancanonname, Schreiber von Erestor.
Figwit, „Frodo is great, who is that?“, Schreiber von Erestor.



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Sieben Küsse




Prolog – Winterbegegnung

Flackernd prasselte das Kaminfeuer und draußen stoben die Wehen des Schneesturms an die Fenster. Heulender Wind zog an klapprigen Holzläden und Erestor pustete in seine Finger. Auch, wenn die Winter an den Grauen Anfurten milder als im Inland waren, reichten sie doch aus, um die stillen Wasser der Hafenbucht gefrieren zu lassen. Lindir, ebenso aufdringlich wie liebenswert, hatte Erestor erklärt, dass er Kälte nur deshalb nicht mochte, weil sie ihn zu sehr an sein eigenes Herz erinnerte, das er zu beschützen versuchte. Vermutlich hatte er nicht ganz unrecht, doch Lindir war noch viel zu klein, um mit solcherlei Gesprächsstoff konfrontiert zu werden.
Schwarze Tinte spreizte sich auf der Haut und der Fluch von seinen Lippen war ganz sicher nicht schicklich für kleine Elblinge. Ein Lachen ließ ihn verwirrt aufschauen. Warm wie die Flammen der Holzscheite übertrumpfte es die dicken Schneeflocken.

„Man hat mir nicht gesagt, dass man an den Grauen Anfurten zu extravaganter Sprache neigt“, die Augen des Unbekannten blitzten fröhlich und sein Lächeln war strahlend schön. Fast zum Mitlächeln. Erestor fragte sich, wann ihn jemals jemand auf diese Weise angesehen hatte. Vorurteilsfrei, offen, mit einem Hauch von Neugier. Nun, er musste der Gerechtigkeit zur Genüge zugeben, dass er auch noch nichts gesagt hatte. Im Normalfall flüchteten Elben erst danach vor ihm.
„Für gewöhnlich hört sie zu dieser späten Stunde niemand.“

Der Elb trat ganz durch den Torbogen, der die Bibliothekshalle mit dem Lesesaal verband. Seine Haare, die Erestor zuerst für ein helles rotbraun gehalten hatte, leuchteten ungewöhnlich golden für einen Noldo. „Ihr habt einen ausgesprochen bissigen Unterton“, unaufgefordert setzte der Fremde sich ihm gegenüber. Er hatte ganz leichte Grübchen in den Wangen, die überraschend gut zu seinem Lachen passten.

„Und Ihr seid ausgesprochen unhöflich.“
Der Unbekannte lachte schon wieder und seine fröhlichen Augen schienen sich kein bisschen an Erestors Tonfall zu stören.
Schalkhaft glänzte das dunkle Blau seines Blickes und das Feuerlicht tanzte über die Konturen seines Gesichts. „Bin ich das?“

Etwas in Erestors Brust flatterte unruhig hin und her und pochte glühend in seinem Hals, als der andere sich bei den Worten ein kleines bisschen weiter zu ihm lehnte und voll guter Laune zwinkerte.
Keiner war sich jemals ganz bewusst, wie ein schönes Gesicht aussehen muss und der Versuch, es zu beschreiben, hätte für jeden anderen eine Ungereimtheit, die das Ideal verzerren würde. Deshalb versuchte Erestor, ganz entgegen seiner sonstigen Herangehensweise, gar nicht, die Gesichtszüge des Unbekannten einem Aufsatz gleich in seinem Kopf zu formulieren, sondern folgte den Linien, die der Feuerschein malte. Er prägte sich die Schatten ein, erinnerte sich an die Konturen der Wangen, den Schwung der Lippen, das Leuchten und die Form der Augen, den Schliff der Brauen und war sich trotz seiner Jugend sicher, dass er niemals einen anderen Elben treffen würde, der Schönheit für ihn verkörperte, wie es dem Fremden vor ihm gelang.

Erestor musste sich räuspern, ehe er antworten konnte: „Natürlich. Ihr setzt Euch uneingeladen zu mir und stellt Euch nicht einmal vor.“

Der Elb lächelte immer noch. Mit der rechten Hand griff er um seine Schulter und schwang den goldgeflochtenen Zopf nach vorne, in dem geschmolzene Schneeflocken glänzten. Als Erestor genauer hinsah, entdeckte er auch einige durchweichte Stellen auf seiner Kleidung und den Stoff eines einst teuren Reisemantels. „Mein Name ist Erestor“, sagte er dann mit hochgezogener Braue, „so zum Beispiel funktioniert eine Begrüßung.“

Eigentlich hatte er nicht die Absicht gehabt, den anderen wieder zum Lachen zu bringen, aber das Geräusch stahl sich unter die Wolle seines Hemdes, vibrierte angenehm auf der Haut.

„Verzeiht mir. Ich wollte einmal die Unverfänglichkeit der Anonymität genießen“, wenn er mit einem Schmunzeln Worte formte, tasteten sie sich an den Mundwinkeln vorbei und verloren nichts von ihrer Heiterkeit. Bestimmt konnte man diesem Elben kaum wirklich böse sein. „Ich bin Glorfindel.“

Gespannt lehnte er sich näher über den Tisch. Glorfindel erwartete Überraschung, einen Knicks, Entsetzen auf dem jungen Gesicht, ihn nicht sofort erkannt zu haben. Stattdessen traf ihn ein vorwurfsvoller Blick, als die Tröpfchen seines Haares auf das frisch beschriebene Pergament plitschten.
„Solltet Ihr nicht in Lindon sein?“, Erestor rettete seine Schreibarbeit und wanderte mit dem Blick über die deutlich mitgenommene Kleidung, „vielleicht ist es dort schicklich, nass in die Nähe von Bibliotheken zu kommen. Aber habt Ihr überhaupt eine Vorstellung davon, wie viel es kostet, wenn Ihr ein Buch ruiniert?“

Der Tonfall war belehrend, nicht eingeschüchtert, als hätte Glorfindel sich gerade als gewöhnlicher Elb vorgestellt. Vielleicht überspielte Erestor damit seine Unsicherheit. Doch keine Spur davon wagte es, hinter seinem ernsthaft abwartenden Gesichtsausdruck hervorzublinzeln. Und damit webte er, ohne es zu wissen, den ersten Faden für ein zartes Band an Zuneigung in Glorfindels Seele.

„Nein, verzeiht, Herr Erestor“, immer noch guter Laune, durchzogen von sanfterem Interesse, „es war nicht meine Absicht, Eure anvertrauten Schätze in Unannehmlichkeiten zu bringen. Nur scheint die Dienerschaft noch nicht erwacht zu sein und ich wusste nicht genau, wo mir ein Warten gestattet war.“

Wortlos griff Erestor nach der Kanne lauwarmem Tee, zögerte einen Moment, schenkte nach und schob Glorfindel seine benutzte Tasse über den Tisch zu.
„Vielen Dank“, er lächelte schon wieder. Erestor blickte peinlich berührt auf die schwarze Tintentapsen seiner Finger, obwohl sie Glorfindel nicht zu stören schienen. Gerne hätte er ihm auch etwas Heißes zu trinken angeboten. Allerdings traute er sich nicht an das Kaminfeuer, war herrlich ungeschickt in allen Belangen, die mit Kochen zu tun hatten und die Diener schliefen. Sein Stolz verbot es ihm, das alles zu äußern.
Schließlich gab er sich einen Ruck und war wieder ganz sein sarkastisches Selbst: „Ihr habt nicht auf meine Frage geantwortet.“

Glorfindel setzte die Teetasse nach einem tiefen Schluck ab und Erestor sah, wie er vorher extra kontrollierte, kein Pergament zu erwischen. „Vermutlich sollte ich in Lindon sein, ja. Aber Gil-Galads Herold brauchte mich gerade dringender, um Botschaften durch Eis und Schnee an Fürst Cirdan zu senden“, Erestor stellte sich die Frage, was wohl so wichtig war, dass man dafür einen Elb wie Glorfindel mit einer Nachricht losschickte.

„Was führt Euch an die Anfurten? Seid Ihr auch fern der Heimat?“

Es stach, sich daran zu erinnern, einmal eine Heimat gehabt zu haben. Erestor dachte an seinen Vater, der mit kühler Berechnung und ohne Abschied an Bord seines ersten und einzigen Schiffes gestiegen war und den Brief seiner Mutter nicht einmal hatte lesen wollen. Jetzt war Erestor hier, allein in der Fremde und zu Gast bei einem ungemütlichen Lehrmeister, seine letzten Familienmitglieder östlich der See weit entfernt in Harlindon.

„Ja“, erwiderte Erestor kurzangebunden. Er wollte Glorfindel nicht von seinen Eltern erzählen, deren verlorene Anerkennung schmerzlich unter der Oberfläche seines brüchigen Selbstbewusstseins piekte. Mit der schrecklichen Gewissheit, zur Schande seines Vaters geworden zu sein. Noch war er nicht der vielgerühmte Meister der eisernen Maske und es gelang dem jungen Elb nicht gänzlich, die aufwallenden Tränen fortzublinzeln. Das Lächeln seines Gegenübers wurde eine Spur verständnisvoller, als er den roten Rand um die Lider erblickte.

„Keine Sorge. Ihr werdet sie wieder finden.“
Es war keine mitleidige Floskel, die des Anstands halber in gesenktem Ton mit aufgesetzter Freundlichkeit ausgetauscht wurde. Tatsächlich waren Glorfindels Worte der erste ehrliche Trost, den Erestor zulassen konnte. Sein Gesicht spannte, als er seit einer halben Ewigkeit lächelte und dem Zauber des Fürsten vor ihm verfiel. Und mit einem Anflug voll törichtem, unverständlichem Vertrauen, das der junge Schreiber nicht einmal Lindir zu diesem Zeitpunkt schenkte, öffnete er einen winzigen Spalt für einen Blick in sein Inneres.

„Ich weiß nicht. Ich habe sie zum ersten Mal verloren.“

„Dann seid Ihr nach dem Krieg des Zorns geboren?“

Erestor schüttelte den Kopf: „Währenddessen, noch im Ersten Zeitalter. Aber ich kann mich kaum daran erinnern. Manchmal sind da Bilder durch Nebel und schnelle Wechsel von Zerstörung zu Wiederaufbau. Das erste, das mein Bewusstsein wirklich greifen kann, ist, wie ich vor dem Apfelkuchen meiner Großmutter auf dem Hocker vor dem Fensterbrett stehe. Die Luft ist klar und die Vögel singen Melians Lieder.“

Er brach ab und knetete seine Finger, verteilte die schwarze Farbe auch auf dem linken Handballen. Unsicher sah er zu Glorfindel. Sein Vater hätte missbilligend gefragt, weshalb er nichts Sinnvolleres zu tun hatte, als Geschichten zu erzählen und seine Mutter hätte nicht zugehört, in Gedanken noch bei ihrem letzten Einsatz.
„Entschuldigt, ich wollte Euch nicht langweilen“, gewohnt biss sein Tonfall wieder um sich, vertrieb den sachten Klang der vorigen Beschreibung.

„Ihr langweilt mich nicht“, Glorfindel hatte kaum sichtbare Lachfältchen um die Augen, „ich kann nichts aus meiner Kindheit hervorrufen. Es ist beeindruckend, dass ihr das schafft.“
„Solange ist sie noch nicht her“, murmelte Erestor und brachte Glorfindel wieder zu einem sanften Lachen, „kurz nach Eurer Volljährigkeit konntet Ihr gewiss auch noch vom Kuchen Eurer Großmutter berichten.“
Die Erheiterung stockte und Erestor hatte das ungute Gefühl, etwas völlig Falsches angesprochen zu haben.

„Ihr ward ehrlich zu mir“, auch, wenn ein trüber Schatten an den Rändern seiner Augen hing, wollten seine Mundwinkel nicht sinken, „lasst mich ehrlich zu Euch sein. Als ich volljährig wurde, bin ich über die Helcaraxë gegangen. Es bleiben nicht viele Erinnerungen an glückliche Tage, wenn die Welt unvorbereitet erkaltet.“

„Warum seid Ihr über das Malm-Eis gegangen?“, flüsterte Erestor, verwirrt damit beschäftigt, die Fröhlichkeit des Elben in Einklang mit dem finsteren Kapitel der Geschichte der Noldor zu bringen. Vielleicht stimmte es, dass jene, die den Schatten im Herzen trugen, stets damit beschäftigt waren, ihn von allen anderen fernzuhalten.

Glorfindels Augen wurden mit einem Mal müder und auf die Gefahr hin, zu viel zu sagen, senkte er die Stimme: „Weil ein junger Elb immer versucht ist, die Ansprüche seines Vaters zu erfüllen. Damit er ihn nur einmal mit Stolz betrachtet.“ Er musste nicht lange in Erestors Gesicht suchen, um das Verständnis zu finden. Doch er war zu jung, um seine eigene Beziehung zu seinem Vater durchschaut zu haben und war lange nicht bereit, ihm zu vergeben, wie es die Zeit bei Glorfindel geschafft hatte. Es lag ihm fern, Erestor zu drängen.

„Dann habt Ihr damals Eure Heimat verloren?“, seine Stimme war sehr sanft, wenn der Sarkasmus daraus verbannt war, fiel Glorfindel auf. Jetzt erkannte er auch, dass die im Schattenspiel markanten Gesichtszüge, die sein Gegenüber einmal unverwechselbar machen würden, noch von den sachten Rundungen der Jugend gefüllt wurden. Die zuvor zu Schlitzen verengten Augen schienen groß und dunkel und abwartend im Feuerlicht.

„Das erste Mal“, stimmte Glorfindel zu, „es war nicht das letzte.“
Erestor dachte an die Erzählungen von Gondolin, an den Aufbruch der Vanyar und Noldor zur Schlacht aus dem Segensreich, die Zerstörung Beleriands, den Fall des Heeres der Dunkelheit und die Vernichtung all dessen, was Glorfindel vertraut gewesen war. Nur, um Herold Elrond Peredhel zu dienen. In Lindon, das früher Ossiriand genannt worden war, wieder bei einem Noldo.Der ihn mitten im Winter durch das halbe Land zu den Grauen Anfurten schickte.
Glorfindel betrachtete Erestors offene Gedankenspiele auf seinem Gesicht und schmunzelte hinter seiner Teetasse. Mittlerweile war er auf Zimmertemperatur gefallen, doch der Zimt darin gab ihm eine wärmende Note.
„Eines Tages erkennt man, dass man Heimat in sich selbst finden muss. Die Fëa ist der einzige Ort, der unverrückbar auch während der widrigsten Umstände erhalten bleibt.“

Wie fand man Heimat in sich selbst? Legte sich irgendwann der Orkan widrigen Gefühlschaos und unerklärbarer Emotion? War es wie der Sturm, der draußen über dem Meer tobte? Wenn er sich legte, würde Erestor dann im Innern wie eine glitzernde, weiße Schneelandschaft sein? Glorfindel befreite gerade seine Hände von den gefütterten Handschuhen und spielte testend mit ihnen, als Erestor ihm antwortete: „Ich glaube, dafür bin ich noch zu jung.“

Die Finger tippten auf seine Oberlippe, folgten dem Schwung der frohen Gesinnung, das Kompliment unvermittelt treffend: „Ihr seid sehr weise, wenn Ihr das erkennen könnt.“

Erestor wäre nicht Erestor gewesen, wenn er über laue Versuche von Lob nicht erhaben reagieren würde. Obgleich es lieblich in ihm ziepte.„Ich hielt mich eher für weise, weil ich es mir eingestehen kann.“

Glorfindel legte den Kopf schräg und grinste schief: „Vermutlich habt Ihr Recht.“

„Das habe ich oft“, Erestor dachte daran, wie seine Mutter kopfschüttelnd vor seiner bissigen Diskussionsfreude kapitulierte und ihn ‚Sohn seines Vaters‘ nannte, wenn ihr die Argumente ausgingen. Erestor fragte sich manchmal, ob sich seine Eltern überhaupt je gut verstanden hatten.
„Man wirft mir deshalb häufig Gefühlskälte vor.“

Glorfindel kniff die Augen ein kleines bisschen zusammen, die Freundlichkeit immer noch nicht daraus verschwunden. „Kälte macht mir nichts aus.“

Seine Stimme war sanft und wäre Erestor erfahrener gewesen, hätte er schneller reagiert. Doch er war jung und hatte sich selbst noch nicht so gut durchschaut, wie es Glorfindel nach nur einem Gespräch gelungen war.

Klischeehaft schwitzige Hände, ein Pochen im Gesicht, als Röte auf seine Wangen schoss und gleichzeitig das wohlige Gefühl von Geborgenheit auf einer Ebene, die Erestor nie zuvor gekannt hatte. Er wünschte sich, dass die Zeit anhielt, dass er sein Gegenüber ewig für sich hatte und für immer ansehen durfte, für immer seiner Stimme lauschen. Erestors Herz setzte einen Schlag aus, als Glorfindel seine Hand ausstreckte und die Finger die rötlichen Flecken nachfahren wollten. Das Feuer flackerte an den Holzscheiten und draußen tobte der frostige Wintersturm.

„Fürst Glorfindel!“, die schrille Stimme des Dienstboten ließ sie beide zusammenzucken und während Leben in das Bibliothekszimmer kam, tausendfache Entschuldigungen für das Warten gehaspelt wurden, wurde Erestor bewusst, dass er gerade einen entscheidenden Moment verpasst hatte. Die Diener wollten Glorfindel mitziehen, deuteten ihm den Weg und plapperten weiter auf ihn ein.Ein wenig hilflos, mit deutlichem Bedauern, stand Glorfindel auf.

„Herr Erestor“, nickte er zum Abschied.

Die Enttäuschung zuckte in seiner Brust, als er die Geste erwiderte.
Dann fiel ein Schatten auf sein Gesicht, ersetzte das Kaminfeuer durch die breite Gestalt von Glorfindel.
„Ich danke Euch für Eure Gesellschaft“, ein warmer Mund auf seiner Wange, während sich benebelnder Duft von Leder, Erde und entferntem Sommer in Erestors zittrige Hände stahl.
Glorfindels überwältigende Nähe war so schnell vorbei, wie sie gekommen war. Ein letztes Lächeln, dann wurde er von Verpflichtungen hinfortgetragen.
Erestor berührte die Haut, auf der der Kuss wie unbekanntes Feuer brannte.
Etwas in seinem Inneren schmolz dahin.


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Eigentlich waren sieben Kapitel geplant. Nachdem die ersten aber jeweils über 10000 Wörter bekommen haben, werden es wohl zehn werden. :) Über Reviews würde ich mich wahnsinnig freuen.
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