Golden Autumn

von jbsr
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
06.09.2019
15.11.2019
7
19193
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Dieses Kapitel
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Hallo und herzlich willkommen, schön das ihr bei meiner neuen Geschichte Golden Autumn gelandet seid. Dies ist die Fortsetzung von Broken Summer. Es ist hilfreich den ersten Teil ebenfalls gelesen zu haben, allerdings ist es nicht erforderlich. Ich freue mich, mich mit euch auf diese Reise begeben zu dürfen und hoffe, dass ihr genauso viel Spaß mit der Geschichte habt wie ich. Anregungen und Kritik sind jederzeit herzlich willkommen.
Genießt noch die letzten Sommertage und lasst euch nicht von dem Schmuddelwetter aus der Geschichte unterkriegen. Viel Spaß beim Lesen


<3


Das Wetter zeigte sich heute mal wieder von seiner besten Seite. Wir hatte gerade mal Ende September und der Wind pfiff schon kühl durch die Gassen. Ohne T-Shirt konnte man kaum mehr raus. Die Blätter in den Alleen begannen sich bunt zu färben und brachten den Herbst voll zum Ausdruck. Von den Blättern tropften dicke Regentropfen, die sich an den Blattspitzen angesammelt hatten und sich dann Richtung Erde abseilten. Ich lief mit schnellen Schritten an den Blöcken vorbei, betrachtete im Vorbeigehen die vielen Hausnummern und bog bei der 144 rechts ein. Der Nieselregen haftete an meiner Jeansjacke und es fröstelte mich ein wenig.

Ich kramte nach meinem Schlüssel, schloss auf und nahm drinnen die Post mit nach oben. Ich wohnte in einem dieser unschönen Blöcke, die auf Kosten der Wohnungsnot in München entstanden sind. Von außen war es nicht besonders schön. Die Blöcke waren so dicht aneinander und wenn man zwischen ihnen hindurchlief wirkte es fast, als ginge man durch eine düstere Gasse. Aber von innen waren die Wohnungen, zumindest unser Gebäude, ganz schön.

In der 144 wohnten hauptsächlich junge Leute, Studenten, Arbeiter. Ich, Louis, wohnte in einer Zweier-WG mit meinem Freund. Wir hatten uns hier kennen und lieben gelernt. Erst gestaltete sich die Sache ein wenig schwierig, weil ich damals noch von meiner ersten großen Liebe geschädigt war und noch nicht bereit für etwas neues, festes war. Aber Adam, mein Freund, hatte nicht so schnell aufgegeben und nach und nach mein Herz erobert.

Inzwischen waren wir schon seit eineinhalb Jahren zusammen und wir wohnten hier schon seit zweieinhalb Jahren gemeinsam in der Wohnung. Davor hatte noch für ein Semester ein anderer Student die Wohnung mit mir geteilt. Dann war Adam mit eingezogen und hatte mein Leben wortwörtlich auf den Kopf gestellt.

'Bin wieder da', rief ich, als ich unsere Wohnungstüre wieder ins Schloss fallen ließ. Endlich konnte ich meine feuchte Jacke ablegen und meine Schuhe loswerden. Ich brauchte jetzt als erstes einen warmen Kaffee, damit ich mich wieder ein wenig aufwärmen konnte. Mein Freund meldete sich nicht und ich nahm an, dass er sich noch auf der Arbeit oder in der Stadt herum trieb. Es kam öfters vor, dass er nicht einhielt, was er am Morgen sagte.

Ich holte meine Lieblingstasse aus dem Schrank, stellte sie unter die Kaffeemaschine und schaltete diese an. Mein Blick hing am Fenster, das das Tor in die grauen Schwaden des Himmels war. Im September könnte es noch so schön sein, aber dieses Jahr bekamen wir das absolute Schmuddelwetter ab. Wie sollte das denn bloß im Oktober und November werden? Ich wollte wieder ins Warme. Oder Sommer. Aber der Sommer war gerade erst vorüber und noch so schrecklich weit weg.

Mein Kaffee war inzwischen fertig und ich setzte mich mit der Tasse vor meinen Laptop an den Küchentisch. Ich sollte noch für Elif ein paar Sachen Korrekturlesen. Elif war eine meiner engsten Freunde. Sie war in meinem Semester und wir belegten so gut wie fast alle Kurse gemeinsam. Sie hatte sich in der ersten Woche gleich zu mir gesetzt und seither war sie auch kaum mehr woanders. Zum Glück für mich, denn sie war unglaublich klug und geschickt. Dank ihr hatte ich bis jetzt alle Prüfungen gemeistert. Die Lernerei war nicht mein bestes Gut.

Natürlich stöberte ich erst mal ein wenig im Internet herum, bevor ich mit der Arbeit begann. Ich scrollte durch meine Social Media Seiten und bekam Bilder von schönen Stränden vorgegaukelt. Man, das war echt unfair, ich sehnte mich so sehr danach. Endlich wieder Sonne, Wärme und Meer. Das hätte ich jetzt so sehr brauchen können.

Das Fernweh wurde von einem Klingeln an der Tür unterbrochen und ich setzte schnell meine Kaffeetasse ab. Wahrscheinlich war es eh nur Adam und er hatte seinen Schlüssel vergessen. Also drückte ich den Türsummer und lehnte dann die Türe an. Ich lief zurück an den Tisch und setzte mich wieder hin. Es würde ohnehin noch ein wenig dauern, bis Adam die Treppen nach oben gestiegen war, denn den Aufzug nahm er nicht. Er war sehr sportlich und so war es doch das mindeste, dass er statt dem Aufzug die Treppen nahm.

Als nach einer Weile aber kein Adam durch die Wohnungstür kam, wollte ich nachschauen, wo er denn steckte. Ich stand auf, nahm meine Kaffeetasse, um sie in die Spüle zu stellen.
'Hallo', hörte ich eine Stimme hinter mir. Ich fuhr zusammen und ließ vor lauter Schreck meine Tasse in die Spülwanne fallen. Es klapperte ein wenig und ich traute mich gar nicht, mich umzudrehen. Mein Herz schlug verdammt schnell und das Adrenalin schoss durch meine Adern. Das war nicht Adam. Das war... Langsam drehte ich mich um, musste schlucken. Verdammt.

'Ciro...', stotterte ich. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Ich war nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Meine erste große Liebe stand gerade vor mir... Und ich war total überfordert. Was war denn mit mir los?
'Habe ich dich erschrocken?', fragte Ciro. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter, als ich diese Stimme wahrnahm. Scheiße! Ich musste sofort zurück an Italien denken. Es war alles wieder da. So als wäre es erst gestern gewesen. Oh man, ich musste mich zusammen reißen.

'Ein wenig, ja... was machst du hier?, fragte ich ihn und versuchte wieder die Kontrolle über meinen Körper zu erlangen. Ich konnte ihm nicht mal vernünftig in die Augen schauen, irgendwie sträubte sich alles in mir dagegen. Dabei hatte ich diese doch damals immer so bezaubernd und anziehend gefunden.

'Ich fange hier demnächst mein Studium an', sagte Ciro und grinste wieder so verschmitzt. Wie damals, genau gleich.
'Und ich habe doch deine Adresse noch. Deine Mama hat mir deine Adresse gegeben und den Rest kannst du dir ja denken.' Ja stimmt, da war was. Ich hatte ihm am Ende des Urlaubs meine Adresse zugeschoben, falls er mal seine Oma hier in Deutschland besuchen würde. Damals hätte ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass er vor meiner Tür stand. Aber jetzt? Ich war in einer Beziehung und es war schon so viel Zeit vergangen. Das war einfach... vorbei.

'Ich weiß, dass mit uns hatte damals ein etwas blödes Ende, aber jetzt bin ich hier. Und vielleicht können wir das ja nochmal gut machen', sagte Ciro, nachdem ich ihm nicht schnell genug geantwortet habe. Wie stellte er sich das denn vor? Wir konnten doch nicht weitermachen, wo wir vor Jahren aufgehört hatten. Das ging einfach nicht. Ich hatte mich verändert und da war nichts mehr, das mich anzog. Ich war in einer Beziehung und ich war glücklich. Und auch er musste doch in all den Jahren irgendwelche Beziehungen gehabt haben. Er hatte doch nicht all die Jahre einen einzigen Gedanken an mich verschwendet. Das war nicht wahr.

Ich hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte. Adam würde also auch gleich hier sein. Auch das noch. Das musste jetzt ja wirklich nicht sein, dass die beiden aufeinander trafen. Zumal ich meinem Freund noch nie so richtig erzählt hatte, was damals mit Ciro war. Ich hatte es als einen Sommerflirt abgestempelt und Adam damals vorgegaukelt, dass ich einfach nicht für eine Beziehung zu haben war. Damals hatte ich natürlich noch üblen Herzschmerz.

'Hallo', sagte Adam, blickte zu meinem Überraschungsgast und kam dann kurz zu mir, drückte mir einen Kuss auf. Ich zog mein Gesicht ein wenig weg, sodass er nur noch den Rand meiner Lippen traf. Mir war gerade echt nicht nach küssen und schon gar nicht hier vor Ciro. Das musste jetzt echt nicht sein. Ich wollte ihn am liebsten so schnell wie möglich hier raus haben. Das würde sonst nur Probleme bringen.

Mein Freund musterte mich argwöhnisch und zog eine Augenbraue hoch. Ich rollte mit den Augen und hoffte, dass er Ciro und mich alleine ließ, sodass ich diesen nach Hause schicken konnte. Mir war das hier echt unangenehm, nach all den Jahren und all dem, was damals war. Und wie wir hier standen, ich mit dem Rücken an der Küchenzeile, er an den Essstich gelehnt. Meine Augen wagten es nun endlich mal in die seinen zu schauen und mein Blick zuckte schnell wieder zu Boden. Scheiße! Da war es wieder, dieses traurige, verletzte in seinem Blick, das er auch damals beim Abschied in den Augen getragen hatte. Ich erinnerte mich noch ganz genau daran, als wäre es erst gestern gewesen. Schnell blickte ich wieder auf den Boden und begann nervös mit meiner linken Hand an einem Schubladengriff der Küchenzeile herumzuspielen.

'Ciro, das geht nicht. Du solltest jetzt besser gehen', sagte ich leise, nachdem mein Freund den Raum verlassen hatte. Ich wagte es nicht, Ciro dabei in die Augen zu schauen und begann Löcher in den Boden zu schauen. Auch wenn wir uns jahrelang nicht gesehen hatten, wollte ich ihm nicht unnötig weh tun.

'Okay... Ich sehe schon... Du bist glücklich und so. Dann werde ich mal gehen...', stammelte Ciro und mir fuhr es in den Magen. Ich kannte ihn und ihn so zu hören, war wirklich nicht schön. Er wirkte so zerbrechlich, dabei war er doch immer der Starke und Selbstbewusste gewesen.
'...Es war schön dich zu sehen...', fuhr er fort und löste sich dann vom Tisch. Schlagartig wanderte mein Blick nach oben zu seinem und für einen kurzen Moment verhakten sie sich ineinander. Wir versuchten beide etwas aus dem Blick des anderen ablesen zu können.

Ciro's Augen waren wässrig, fast so als würde er gleich losheulen wollen. Aber er schien es mit aller Kraft verhindern zu wollen. Sein Grinsen war ihm aus dem Gesicht gesprungen und seine weißen Zähne blitzten nicht mehr zwischen seinen wohlgeformten Lippen hervor. Diese waren vielmehr schmerzhaft zu einem Strich zusammen gedrückt.

Ach man, das war doch jetzt echt blöd. Wäre er Jahre früher gekommen, wäre ich ihm höchstwahrscheinlich schreiend um den Hals gesprungen. Damals hätte ich ihn gebraucht. Damals hatte ich mir so sehr gewünscht, dass er eines Tages vor der Tür stand und mir sagen würde, dass er nun hier leben wollte. Aber ich war in einer Beziehung und ich war – wie er schon gesagt hatte – glücklich. Das passte mir gerade alles nicht in den Kram. Und dennoch wollte ich nicht, dass es ihm schlecht ging. Wie fühlte es sich denn bitte an, wenn man in die Stadt zog, in der eine frühere Liebe wohnte und man direkt verstoßen wurde? Beschissen! Er hatte ja wahrscheinlich niemanden hier, außer seiner Oma und deren Famile. Alleine in einem fremden Land. Oh man...

Ciro fuchtelte kurz mit seinen Händen, wollte etwas sagen, aber schien nichts über die Lippen zu bringen. Also nickte er mir dann resigniert zu und lief an mir vorbei in Richtung Flur. Meine Augen verfolgten ihn genaustens und ich setzte mich sofort in Bewegung, als er an mir vorbei war.
'Es tut mir leid', rief ich ihm überhastet hinterher, ohne darüber nachgedacht zu haben. Kurz drehte er sich nochmal zu mir und nickte dann sanft, sagte aber nichts.

Adam stand schon an der Tür, hatte sie ganz aufgemacht und hielt sie an der Türklinke. Er wartete nur darauf, dass Ciro unsere gemeinsamen vier Wände verließ und er die Türe hinter ihm zu schlagen konnte. Ich rollte innerlich mit den Augen, weil ich solche Aktionen hasste. Das war doch eine Sache zwischen mir und Ciro, also brauchte er nicht auch noch dazwischen funken. Und Ciro schien sich ohnehin schon beschissen zu fühlen, da brauchte man ihn nicht auch noch so zu demütigen.

'Tschüss', sagte ich, als Ciro schon aus unserer Wohnung ausgetreten war und sah dann die Tür zufliegen. Irgendwie war ich noch immer ein wenig überfordert, was hier gerade geschehen war.
'Was war das denn bitte?', fragte Adam gleich mit einem mürrischen Unterton nach.
'Das könnte ich dich fragen. Musstest du ihm so blöd die Tür aufhalten?', konterte ich genervt.
'Ja musste ich! Wer war das denn? Kannst du mir das vielleicht mal erklären?', redete sich Adam in Rage. Ich hatte absolut keine Lust dieses Thema zu vertiefen, aber Adam pochte geradezu darauf. Na super! Ich musste doch erstmals selbst ein paar klare Gedanken darüber fassen, was sich hier gerade abgespielt hatte.

'Das war mal ein Urlaubsflirt vor Jahren, das hatte ich dir doch mal erzählt', versuchte ich es herunter zu spielen.
'Ich glaube da solltest du mir noch ein bisschen mehr darüber erzählen! Und warum ist er jetzt plötzlich hier?', fragte Adam angepisst. Er steigerte sich schon wieder total hinein und ich hatte jetzt schon wieder keine Lust mehr auf den Verlauf dieses Abends.
'Er ist hierhergezogen, weil er hier sein Studium beginnen möchte. Ich will da jetzt auch nicht mehr darüber reden, das ist mir jetzt echt zu blöd. Er ist ja jetzt weg', sagte ich und versuchte so das Gespräch zu beenden.

Ich lief zurück in die Küche und setzte mich an meinen Laptop und wollte mit dem Korrekturlesen beginnen. Aber natürlich war ich noch ein wenig zu durcheinander, als dass ich damit sofort hätte anfangen könnte. Wieso war Ciro nach all den Jahren hier her gekommen? Hatte er wirklich gedacht, ich würde ihm in die Arme springen und alles wäre wieder wie damals? Ich hatte doch ein Leben, das weiter ging. Ich hatte ihm lange genug hinterher getrauert. Ewigkeiten hatte es gedauert, bis ich über ihn hinweg kam und ich war auch echt froh, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen war.

Adam und ich waren glücklich. Ich brauchte nichts anderes. Keinen Urlaubsflirt oder irgendetwas. Außerdem wollte ich mich nicht mehr überall davor verstecken, wer ich wirklich war. Ich wollte meine Beziehung leben, wie jeder andere Mensch es auch tat. Ich liebte nun eben mal einen Kerl, was war schon dabei?

Und trotzdem musste ich feststellen, dass mir Ciro's Anblick nach wie vor zusagte. Seine schwarzen Haare, die er ein wenig kürzer als damals trug. Die wunderschönen Augen. Sein Lächeln. Und seine Lippen. Scheiße, dieser Kerl hatte so unglaublich perfekte Lippen. Und ja, verdammt, ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie diese damals schmeckten, als wir uns am Strand oder zwischen den Wellen geküsst hatten. Und auch sein Körper schien mindestens noch genauso trainiert zu sein, wie damals. Er trug noch immer gerne schwarze Klamotten, genau wie damals. Seine Hose und sein Shirt waren schwarz gewesen. Seine Jacke – wen wunderte es – auch. Man musste einfach sagen, dass er immer noch verdammt gut aussah und ich ihn wirklich noch immer sehr sehr hübsch fand.

Aber das spielte keine Rolle mehr. Ich war glücklich vergeben. Sein Erscheinen musste ich abhaken und als einmaliges Ereignis annehmen. Wenn ich mir jetzt den Kopf über ihn zerbrechen würde, könnte ich nur wieder in Schwierigkeiten geraten. Außerdem behagte Adam das ganze ja ohnehin schon nicht.
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