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KurzgeschichteDrama / P12 / Gen
Deborah Dexter Doakes Lieutenant LaGuerta
06.09.2019
16.02.2020
6
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06.09.2019 812
 
Als ich an diesem schwülen Miami-Morgen meine Sammlung im Labor stehen sah, wusste ich, dass es zuende gehen würde. Masuka hockte über dem Mikroskop und untersuchte gerade einen meiner kleinen Freunde. Neben ihm auf der Arbeitsfläche entdeckte ich das Tütchen mit Travis Marshall's zersplitterten Objektträger darin. Sofort verspürte ich das Bedürfnis den Kasten an mich zu nehmen und aus dem Labor zu verschwinden. Nur ich und meine Trophäen.
"Hey, Dex!"
Mein Kollege schien bester Laune und ich imitierte sein Lächeln so gut es ging. Ich glaubte nicht, dass es sehr überzeugend wirkte.
Er sah vom Okular auf und deutete auf das Tütchen.                                                                                                                                      
"Das ist der helle Wahnsinn! Zuerst wollte ich es dem Captain nicht glauben, aber heilige Scheiße! Es ist exakt dieselbe Vorgehensweise!"
"Doakes", presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
"Oder auch nicht!"
Der kleine Japaner war richtiggehend aufgeregt und beugte sich enthusiastisch wieder über das Mikroskop.
"Der Bay Harbour Metzger ist noch auf freiem Fuß."
Ja, richtig. Derzeit sitzt er auf dem Stuhl neben dir und gibt sich Mühe dir nicht mit einer seiner Trophäen die Kehle aufzuschlitzen.
"Tatsache?"
Ich gab mich skeptisch.
"Ja, Alter! Das ist die einzige Erklärung! Wir müssen den ganzen verdammten Fall neu aufrollen!"
"Ah. Aha." Sehr schön. Und schon wieder hatte ich meine eigenen Kollegen im Nacken. Nur, dass Debra diesmal auch Bescheid wusste. Sie würde auch diejenige sein, die die Ermittlung leiten würde. Ob sie weiterhin für mich lügen konnte?
"Womöglich beweisen wir sogar Sergeant Doakes's Unschuld, Dex! Ist das nicht krank?"
Krank. Ja, das war das richtige Wort dafür. Ich hatte wirklich gedacht, ich wäre endlich aus dem Schneider. Anscheinend konnte man vor dem Schicksal nicht davonlaufen. Egal, wie viel Mühe man sich gab.
"Wer weiß davon?"
Ich bemühte mich nicht einmal so etwas wie Erstaunen vorzutäuschen. Das Blut tropfte hinter meinen Augenlidern und mein Kopf pochte wie wild. Plötzlich war die ganze Welt zu klein und Vince Masuka viel zu lebendig.
"Wissen können wir noch nichts. LaGuerta hat nur einen Verdacht. Aber wenn ich mit denen hier fertig bin", er ließ seine behandschuhten Finger über meine Schätze gleiten, wie nur ich es durfte, "dann wissen wir vielleicht mehr. Ich hoffe ja immer noch auf DNA oder Fingerabdrücke."
Ich seufzte frustriert.
"Glaubst du ernsthaft, dass ein Serienkiller, der so lange so unbemerkt gearbeitet hat, sich durch solche Leichtsinnsfehler erwischen lässt? Das ist Zeitverschwendung. Er hatte vermutlich sowieso Handschuhe an."
Masuka zuckte die Schulter. " Wir werden sehen. Jeder macht mal Fehler."
Ich schüttelte den Kopf, konzentrierte mich auf eine einzelne Bodenfliese und schloss die Augen. Alles war rot. Ich ertrank in Blut und es hörte einfach nicht auf zu fließen.
"Der hier nicht."

Als ich mich in mein dunkles Labor verkrochen und die Tür abgeschlossen hatte, ging es wieder einigermaßen. Hier war niemand dem ich etwas vormachen musste. Meine schmerzhaft verkrampften Mundwinkel sanken ganz automatisch nach unten.
Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und atmete tief ein. Es musste einen Weg geben, diese Ermittlungen zu beenden, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatten. Bevor Debra mitbekam, was im Gange war.
Masuka würde nichts finden, keine Frage. Ich war vorsichtig in allem was ich tat. In dieser Hinsicht konnte ich mir selbst sehr wohl vertrauen.
Sie würden Doakes's Unschuld beweisen können, wenn sie nur weiterbohrten. Nur bräuchten sie dann einen neuen Schuldigen. Den wahren Bay Harbour Metzger, der, nebenbei bemerkt, diesen Namen abgrundtief hasste.
Der Killer-Killer. Der Mörder-Mörder.
Es hätte so viel bessere Namen gegeben. Aber klar, Kühllaster-Killer drückte auch nicht das aus, wofür Brian gestanden hatte. Die Entscheidung lag nicht bei mir.
Was ich allerdings entscheiden konnte, war ob ich Debra einweihte. Sie könnte mir eine Hilfe sein. Ich dachte einen kleinen Moment darüber nach. Sie könnte auch der Stolperdraht sein, der mich letztendlich zu Fall brachte.
Regel Nummer Eins lautete Ehrlichkeit. Neben Harrison gab es sonst niemanden mehr, der mir etwas bedeutete. Wollte ich sie weiterhin verletzen, indem ich ihre Regeln brach? Wollte ich das Monster sein oder nicht doch lieber ihr Bruder?
Das Blut rann in meine Nase und Ohren und ich schluckte es schwallweise hinunter. Ich blinzelte feine Tropfen und atmete roten Sprühregen. Wer wollte ich, nein, wer konnte ich sein?
Normalerweise war ich ein schneller Denker, doch die Antwort darauf kannte ich nicht.
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