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Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
25.10.2019 4.328
 
EIGHT

In der Nacht führte Chiaki Maron in seine Musikwelt ein, wie er vorher versprochen hatte. Sein Handy lag in der Mitte des Tisches und beide hatten jeweils einen Kopfhörer im Ohr.
Während er ihr seine Playlist zeigte, versuchte er einen guten Sicherheitsabstand von Maron zu halten, um nicht noch Grund für „Schrägen, emotionalen Zusammenbruch Nummer Vier“ zu werden. Zunächst liefen einige ruhige, entspannte Songs, ehe sie sich zu lauteren, individuelleren Richtungen herantasten.
Bei jedem Lied beobachtete Chiaki ganz genau Maron’s Reaktionen. Bei manchen Songs hielt er gespannt den Atem an und wartete darauf, dass sie abgeneigt das Gesicht verzog. Doch zu seinem Erstaunen, bildete sich immer mal wieder ein amüsiertes Lächeln auf ihren Lippen und sie nickte ihren Kopf im Takt zur Musik.
Chiaki musste dann selbst darüber schmunzeln. Sein Mädchen hatte einen guten Musikgeschmack.
Nebenbei aßen die beiden Muffins, die Maron in einer Tupperwarenbox mitgebracht hatte. Egal, ob Kekse oder Muffins… er bekam nie genug von ihren süßen Snacks.
Nach einer Weile drehte sie sich mit einem verhaltenen Gesichtsausdruck zu ihn um.
„Sag mal… Habe ich dich heute mit Hijiri zusammen gesehen?“, fragte sie in einem etwas missfallenden Ton.
Chiaki stoppte zu kauen. Shit, sie hat uns gesehen?, ging es ihm etwas panisch durch den Kopf und schluckte. Er hatte dabei doch sichergestellt, dass niemand sie zusammen sah.
„Uhm…“ Unbeholfen rieb er sich den Nacken. „Ich wollte nur mit ihm über eine Sache reden, was am Freitag auf der Party geschehen war“, sagte er, was nicht unbedingt gelogen war. Technisch gesehen, wollte Hijiri Maron auf der Party anmachen und technisch gesehen, hatte Chiaki mit ihm mehr oder weniger darüber geredet.
Maron sah aus, als würde sie ihn weitere Fragen stellen wollen, doch Chiaki umging dies mit einem „Hey, das ist eines meiner Lieblingslieder!“ und wechselte von DJ Okawari’s „Luv Letter“ -was soeben lief- zu „EXiSTENCE“ von SiM. Maron zuckte etwas erschrocken zusammen (da es ein extremer Wechsel von entspanntem Jazz/Hip-Hop zu lautem Metal Rock war), doch zu seiner Überraschung genoss sie den Songwechsel. Das Thema sprach sie zu Chiaki’s Erleichterung nie wieder an.

Der Rest der Woche verging und die Schule lief ziemlich ereignislos ab. Dementsprechend bekam der Blauhaarige auch nichts von einem „Schrägen, emotionalen Zusammenbruch Nummer Vier“ zu hören. Zwar war seine braunhaarige Nachbarin immer noch Nummer eins Thema unter den Mitschülern, aber solange man sie in Ruhe ließ, war Chiaki beruhigt. Sollen sie starren und reden. Yamato hielt auch seine Klappe, was Maron anging, fokussierte sich dagegen voll und ganz auf Miyako.
Was die Nächte angingen, so waren sie für Chiaki die Besten. Es war unglaublich. Jahrelang hatte er die nächtlichen Stunden gehasst, doch dies hatte sich in kurzer Zeit komplett gewandelt. Nun gehörten sie zu seiner Lieblingstageszeit.
Dank seinem Mädchen.
Chiaki selbst hatte für sich noch drei Grundregeln aufgestellt, bezüglich dieses ganzen Arrangements zwischen ihnen.
Die erste Regel war sie in der Schule nicht zur Kenntnis zu nehmen. Beziehungsweise so zu tun. Dieses Thema hatten sie beide auch seit Montag nicht mehr weiter besprochen und wurde im Grunde genommen schon als selbstverständlich anerkannt.
Die zweite Regel war, dass Maron sich bei ihm in seiner Gegenwart auf keinen Fall unwohl fühlen sollte. Wegen ihrer starken Abneigung zu Männern wusste er, dass selbst der kleinste Fehler sie aufregen könnte. Chiaki wüsste nicht, was er machen sollte, wenn sie wegen ihm weinend und hysterisch vor ihm stand. Der Gedanke bereitete ihm ein unbehagliches Gefühl in der Brust.
Und die dritte Regel war Maron unter allem Umständen zu beschützen. Er würde nicht zulassen, dass jemand ihr was antut, wie letztens die rothaarige Mistgeburt. Er würde sie beschützen und dabei trotzdem auf seine erste Regel achten. Leute, wie Miyako, würden diese Sache zwischen ihnen wahrscheinlich in den falschen Hals bekommen und auf keinen Fall wollte er ihren Zorn auf sich ziehen, sollten sie auffliegen.

Am Freitag traf Chiaki auf eine sichtlich aufgelöste Maron. Es war etwas, was er sofort in ihrem Blick bemerkte und auch direkt verstand. Die angespannte Körperhaltung sowie Art und Weise, wie sie wie paranoid sich überall umschaute, sagte ihm schon alles. Sie musste eingeschlafen und von einem Traum aufgewacht sein.
Auch wenn Chiaki sie lieber davon ablenken würde, wusste er instinktiv, dass es besser war, wenn Maron sich diesen inneren Schmerz von der Seele redete.
Mit einem möglichst sanften und gleichzeitig besorgten Gesichtsausdruck blickte er sie an, hoffte dass dies irgendwie ihr einen gewissen Trost spendete und setzte sich auf seinem Platz an der Bank hin.
„Worum ging es?“, fragte er sachte.
Etwas überrascht blickte Maron ihn an. Wahrscheinlich, weil sie nicht erwartet hatte, dass er direkt wusste, was sie belastete. Womöglich wäre es anderen auch nicht aufgefallen.
Doch sie ließ ihn die wahre Maron sehen, so wie er sie den wahren Chiaki sehen ließ.
Zögernd begann sie die Ereignisse ihres Traumes wiederzugeben.
Es war derselbe, wie beim letzten Mal, doch diesmal ließ sie keine Details aus. Und diese waren fürchterlich.
Sie sprach von dem Geräusch ihrer gebrochenen Finger, wenn sie sich zu wehren versuchte; den Geschmack des Blutes ihrer geplatzten Lippen, wenn er sie im Gesicht schlug. Sie erzählte ihm von den Schreien ihrer Mutter, die sie durch die Wände bis zu dem kleinen, dunklen Ankleidezimmer, in der sie gefangen war, hören konnte.
Bei der Erwähnung ihrer Mutter tat Maron etwas, was Chiaki völlig aus der Bahn warf. Sie weinte.
Kein Schluchzen war zu hören. Still liefen ihr die Tränen die Wangen herunter, hinterließen Spuren auf ihrem Gesicht, die im Mondlicht glänzten. Beschämt drehte sie ihm den Rücken zu. Er konnte sehen, wie ihre Schultern bebten.
Es brach ihm das Herz sie weinen zu sehen.
Er wollte sie trösten, irgendetwas tun anstatt wie eine Statue da zu sitzen und ihr beim Weinen zuzusehen. Doch er wusste ganz genau, dass er nicht konnte.
Das Beste, was er für sie tun konnte, war ihr zuzuhören. Was er auch tat, als sie sich wieder zu ihm wandte und weitersprach.
Maron bekam letztlich einen reumütigen Ausdruck in Gesicht, ging davon aus, dass sie ihn mit ihren Träumen auf die Nerven gehen würde. Automatisch erzählte Chiaki ihr daraufhin von seinem Albtraum, den er am Dienstag hatte.
So lief es bei ihnen ab. Wie du mir, so ich dir. Ein simples und faires Konzept.
Nachdem sich die beide über ihre Albträume ausgetauscht hatten, verbrachten sie die restlichen Stunden mit Musik hören. Versuchten in die gewohnte, lockere Atmosphäre der letzten Male zurückzukehren. Mit Erfolg konnten sie sich auch ablenken.

Die Wochenenden verbrachten die beide ohne weitere Erwähnungen oder Erzählungen von irgendwelchen Horrorerlebnissen aus der Vergangenheit.
Wortlos hörten sie Musik und aßen ihre Mitternachtssnacks. Ab und an begann Maron unerwartet etwas über ihr altes Leben in Osaka zu erzählen, ließ dabei alles was mit ihrer Mutter zu tun hatte bewusst aus. Chiaki ging auf die Gespräche ein, erzählte bei Gelegenheit auch etwas von sich und seinem Leben – wenn auch nicht viel.
Einmal kamen beide irgendwie auf das Thema Väter zu sprechen.
„Mit deinem Vater hattest du guten Kontakt gehabt?“, fragte Chiaki.
Maron nickte. „Für eine Zeit lang hatte ich ihn jeden Sommer besucht“, sagte sie, hielt für einen Moment kurz inne, spielte gedankenverloren mit ihrer Thermoskanne, die sie sich mitgebracht hatte. „Eigentlich wollte ich ihm und den Toudaijis nicht zu Last fallen… aber ich konnte nirgendwo hin“, sprach sie leise.
„Hmm.“ Chiaki nickte verstehend. Er fand es erstaunlich, dass sie trotz ihrer Männerabneigung beschloss bei ihrem Vater zu leben. Dies zeigte wiederum ein weiteres Mal, dass sie stärker war, als sie glaubte.
„Ich persönlich kannte Kaiki so gut wie gar nicht, als ich damals zu ihm kam“, sagte er mit neutraler Stimme. „Ich war schon ein Scheidungskind, bevor ich laufen konnte“, fügte er achselzuckend hinzu.
„Hatte er nie den Kontakt nach dir gesucht?“, fragte Maron neugierig sowie überrascht.
Chiaki neigte nachdenklich den Kopf, strich sich einige Male durch die Haare. „Wohl nicht... Zumindest habe ich in den ersten zehn Jahren meines Lebens nie von ihm gehört. Weder einen Anruf noch eine Postkarte zum Geburtstag…“ Er dachte für einen Moment an sein erstes Aufeinandertreffen mit Kaiki zurück. „Früher hatte ich mir nie große Gedanken darüber gemacht, wer sich hinter der Person steckte, mit der ich meine andere Hälfte der DNA teile. Dann sehe ich schließlich den Mann vor mir, den ich nur aus einem einzigen Foto kenne und er nahm mich mit Tränen in den Augen in die Arme. Das hat mich damals ziemlich irritiert. Ich habe mir vorher auch nie darüber Gedanken gemacht, was er von mir hielt. Aber als Kaiki mich sah…ich weiß, nicht wie ich das Beschreiben soll… er wirkte zum einen irgendwo bitter, traurig und verletzt, aber gleichzeitig auch glücklich und erleichtert…?“
Ein kleines, sympathisches Lächeln bildete sich auf Maron’s Lippen. „So wie du es beschreibst, scheint er dich vermisst zu haben. Das zeigt, dass du ihm als Sohn wichtig bist“, sagte sie, „Wahrscheinlich gab es einen bestimmten Grund für den Nicht-Kontakt.“
„Vielleicht. Ich habe nie gefragt“, entgegnete er knapp.
Ein bisschen neugierig über die Hintergründe der Scheidung war Chiaki schon, allerdings stand dieses Thema mit seiner Mutter in Verbindung und irgendwie wollte er nicht mit seinem Vater über sie reden. Überhaupt fiel ihm auf, dass Kaiki noch nie ein Wort über sie verloren hatte.
Chiaki seufzte. „Wie auch immer…“, winkte er ab, „Kaiki ist kein schlechter Mensch. Ganz im Gegenteil. Er gibt uns Jungs ein Dach über den Kopf, sorgt sich solide um uns – ich kann mich nicht beschweren. Und zwingt mir nicht dieses väterliche Getue auf…ich schätze, mal um nicht rüberzukommen, als würde er Arata -meinen Stiefvater- ersetzen wollen. Stattdessen ist er ziemlich cool und entspannt mir gegenüber. Was ich sehr zu schätzen weiß“, sagte er mit einem leichten Lächeln. Er liebte und respektierte seinen Vater auf seine eigene Weise.
Maron nickte einmal verstehend.
Beide unterhielten sich weiter und eventuell kamen sie nach einer Weile auf die Schule zu sprechen. Sie sprachen über Miyako und Yamato, Shinji und Natsuki sowie andere Mitschüler und Klassenkameraden.
Als die Braunhaarige Yashiro Sazanka erwähnte und über sie herziehen wollte, verzog Chiaki sein Gesicht zu einer angewiderten Grimasse.
„Was?“, fragte Maron, als sie sein Gesichtsausdruck bemerkte und amüsiert darüber lächelte.
Er ließ seinen Keks, den er gerade in der Hand hatte, sinken, weil der Name ihm ein Gefühl von Übelkeit verursachte. Chiaki war sich nicht sicher, ob er mit Maron über seine Frauengeschichten reden wollte - aus Angst, dass sie sich dabei unwohl fühlen würde.
„Was ist los? Du musst es mir sagen!“, hörte er sie erwartungsvoll und immer noch amüsiert lächelnd sagen. Und da sein Mädchen diese Macht auf ihn hatte, hatte Chiaki keine andere Wahl als ihr das zu sagen, was sie wissen wollte.
„Es ist nichts.“ Kopfschüttelnd seufzte er. „Yashiro und ich hatten nur irgendwie mal…“ Kurz hielt er inne, neigte überlegend den Kopf und suchte nach den richtigen Worten. „…So ‘ne Sache gehabt“, vollendete er leise murmelnd.
Chiaki sah, wie Maron’s Lächeln langsam zerfiel und in ihren Augen etwas aufblitzte, was er nicht deuten konnte. Sofort wurde ihr Gesicht zu einer ausdruckslosen Maske. Dieselbe Maske, die sie auch in der Schule trug.
Ihm gefiel das nicht.
Er wollte, dass Maron sich bei ihm nicht verstellen musste. Dass sie bei ihm sie selbst war. Und nun hatte er was gesagt, was ihr -wie erwartet- ein Unbehagen bereitete und worin er einer seiner Grundregel gebrochen hatte.
„Oh“, sagte Maron tonlos, wandte ihren Blick von ihm ab und fragte direkt, „Was für eine Sache denn?“ Ihre Stimme war kühl und distanziert.
Noch immer trug sie diese Maske, die er verdammt nochmal hasste.
Ich kann ihr unmöglich von dem One-Night-Stand mit der Bitch erzählen, ging es Chiaki durch den Kopf. Er wollte sie nicht anlügen, aber die komplette Wahrheit wollte er ihr auch nicht sagen. Was er wollte war, dass sie diese Maske bei ihm ablegte.
„Sie hat verrückte Stalker-Tendenzen, welche für kurze Zeit auch meine Wenigkeit einbezog“, sagte er, was an sich auch nicht unbedingt gelogen war. Er hatte wegen Yashiro einige anstrengende Monate hinter sich gehabt. Chiaki hoffte, dass dies als Erklärung reichte. Und zu seinem Glück war es das auch.
Maron fragte nicht weiter nach, schüttelte nur ihren Kopf und murmelte irgendwas mit „schlampige Tussi“, was ihn zum Lachen brachte.
Nach einigen Scherzen über Hijiri und dessen immer noch nicht geheilte Nase fiel die Maske schließlich, ein Lächeln brach durch und die Nacht war gerettet.

Es war Montag.
Sie waren beide müde. Ungeheuer müde.
Als er Maron in der Klasse sah, wusste Chiaki sofort, dass sie ihre Grenze erreicht hatte, Schlaf brauchte und dementsprechend starke Probleme hatte ihre Augen offen zu halten.
Die erste Stunde ging vorüber und nun stand die zweite an, Englisch. Maron’s Blicke waren mittlerweile völlig unkonzentriert und ihr Kopf nickte oft weg.
Chiaki wusste, dass sie die Schlaflosigkeit bis ins Unermessliche ausreizte. Er selbst zwang sich zumindest immer zu ein bis zwei Stunden Schlaf (auch wenn er lieber darauf verzichten würde).
Nervös observierte er die Lage. Maron brauchte dringend Schlaf, durfte allerdings weder träumen noch von dem Vertretungslehrer erwischt werden. Schließlich beschloss Chiaki eine weitere seiner Grundregeln zu brechen.
Er riss ein Stück Papier von seinem Heft ab und schrieb ihr eine kurze Nachricht.
„Ich werde dich wecken.“
Vier Worte, die alles sagten, was gesagt werden musste. Zwar musste Chiaki sich noch überlegen, wie er sie am besten wecken konnte (schließlich konnte er sie schlecht mit Lineal oder Stift anstupsen, ohne dass jeder in der Klasse es mitbekam), aber er würde sein Mädchen nicht hängen lassen.
Er faltete den Zettel klein, sah sich unauffällig um und warf es Maron ihr Tisch zu, als niemand schaute und alle ihre Köpfe nach unten gerichtet hatten.
Träge beäugte sie die Notiz, öffnete es, kniff angestrengt die Augen zusammen, um die Worte lesen zu können und zerknüllte ihn mit einem Nicken. Sie stellte ihr offenes Textbuch senkrecht auf, verschränkte ihre Arme auf den Tisch und legte ihren Kopf auf ihnen ab. Sie schien ihm zu vertrauen, dass er sie auch wirklich wecken würde. Chiaki war froh darüber und er nahm die Sache auch ernst.
Neben dem Unterricht konzentrierte er sich intensiv auf die sanften Geräusche ihres Atems, die Schulter hoben sich sachte auf und ab. Nach einigen Momenten hörte er auch ihr leises Schnarchen. Es war ein einschläferndes Geräusch, was Chiaki noch müde machte, als er schon war. Doch er zwang sich zu ihren Gunsten wachsam zu bleiben, achtete auf jedes ihrer Atemgeräusche – darauf wartend, dass der Albtraum anfing. Er hoffte für sie allerdings, dass dies nicht geschehen würde.
Natürlich hatte er falsch gehofft. Nach vierzig Minuten hörte Chiaki das leise Wimmern vom Nachbarstisch. Es war kaum wahrzunehmen. Genauso, wie ihr Atem sich beschleunigte.
Er wusste, dass dies sein Zeichen war.
Chiaki hatte sich überlegt, sie eventuell wach zu treten. Da sie im Schlaf die Berührung nicht direkt wahrnahm, sollte das kein Problem darstellen. Hoffte er.
Ohne von seinem Heft aufzusehen, gab er Maron mit seinem Fuß einen Stups ans Bein.
Keine Reaktion. Mit etwas mehr Druck traf er ihr Knöchel am Fuß.
Sofort schoss sie hoch, die blutunterlaufenen Augen blickten sich verwirrt um. Zur selben Zeit veranstaltete der Vertretungslehrer eine angeregte Diskussion über die amerikanische Politik mit der Klasse. Zum Glück hatte keiner von ihren Mitschülern dadurch etwas mitbekommen.
Maron rieb sich die Augen und warf Chiaki einen kurzen, dankbaren Blick zu, bevor sie sich Notizen zum Unterricht machte. Die Haare fielen ihr dabei wie ein Vorhang vor das Gesicht.
Erleichtert seufzte er auf. Und begann dann einige Male zu niesen.
Genervt und mit schniefender Nase suchte er in seiner Tasche nach Taschentüchern und putzte sich lautstark die Nase.
Chiaki konnte sehen, wie Maron hinter ihren Haaren ihn besorgt beäugte, doch er tat so als wäre nichts gewesen.
Es war nicht das erste Mal, dass er heute so einen Niesanfall bekam. Höchstwahrscheinlich bahnte sich auch eine Erkältung bei ihm an.
Kommt wohl davon, wenn man die letzten acht-neun Nächte fünf Stunden in der Kälte verbrachte, dachte er sich sarkastisch. Allerdings waren diese nächtlichen fünf Stunden es ihm Wert.
Die Schulglocke ertönte und Chiaki beschloss eher heimzugehen. Er ließ sich bei seiner Klassenlehrerin, Frau Pakkyaramao, die soeben reinkam entschuldigen.
Yamato, den er kurz im Gang begegnete, hatte er auch Bescheid gegeben. Sein bester Freund wollte etwas einwenden, ließ es jedoch sein als er merkte wie angeschlagen und mies gelaunt der Blauhaarige aussah.
Von der Schule aus fuhr Chiaki zunächst ins Krankenhaus, um sich ein paar Medikamente von Kaiki zu holen.
Auf dem Weg zu dessen Büro lief er an einigen Krankenschwestern und Ärzten vorbei, die ihn auch bei Namen kannten und freundlich grüßten. Ebenso begegnete er auch Kagura, der nur kurz verwundert guckte und anschließend mit einer einladenden Geste zur Tür wies.
Der Chefarzt sah von seinen Papieren auf, als Chiaki eintrat. Ein kurzer Blick auf die rote, laufende Nase und der blassen Erscheinung reichte aus, um für Kaiki zu wissen, was los war.
„Du bist krank.“
Kann man irgendwo zweideutig sehen…, dachte Chiaki sich im Stillen und sagte augenrollend „Was du nicht sagst“, als er auf dem Lederstuhl gegenüber vom Schreibtisch Platz nahm. Gleichzeitig musste er auch wieder niesen. Genervt und angewidert musste er aufstöhnen. Er hasste es krank zu sein.
Kaiki schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln, ehe er einige aufwendige Untersuchungen machte. Chiaki bekam es schon fast mit der Angst zu tun, dass er sich wieder die Grippe eingefangen hatte. Vor einigen Jahren hatte er eine schwere Grippe hinter sich, musste deswegen für eine gewisse Zeit im Krankenhaus verbringen. Er hatte die Zeit und den Aufenthalt dort abgrundtief gehasst.
Nach einigen Minuten kam Kaiki schließlich zu der Diagnose: eine einfache Erkältung.
Das hätte ich dir auch sagen können! Hätte mir einige Nadeln erspart, seufzte Chiaki.
Anschließend wurde er von seinem Vater nach Hause geschickt, bekam dabei noch Erkältungsmedizin in die Hand gedrückt.
Den Rest des Tages sowie die ganze Nacht, verbrachte Chiaki zu Hause in seinem Zimmer, fühlte sich einfach nur hundeelend. Was ihn neben dem krank sein am meisten aufregte war der Fakt, dass er unter keinen Umständen so raus gehen konnte.
Und zum ersten Mal seit über einer Woche konnte er sein Mädchen nicht sehen.
***

Es war Mittwoch, mitten in der Nacht und Maron saß allein in der Küche, so wie sie es vorher immer getan hatte, bevor sie Chiaki traf. Während sie eine Hühnersuppe kochte, sah sie immer wieder aus dem Fenster raus, hatte dessen hellleuchtendes Fenster gut im Blick, stellte auch sicher, dass er in sein Zimmer blieb.
Sie wusste, dass er krank war. Die Symptome waren vorgestern mehr als offensichtlich gewesen. Genauso wie die Tatsache, dass er den restlichen Montag sowie auch den ganzen Dienstag nicht mehr in der Schule war. Ebenso hatte Maron mitbekommen, wie Chiaki sich bei Frau Pakkyaramao entschuldigen ließ.
Demnach war sie auch nicht überrascht darüber gewesen, dass er vorletzte Nacht bei den Bänken nicht vorzufinden war. Maron war auch etwas froh darüber. Sie wollte nicht, dass er wegen ihren nächtlichen Treffen noch kranker wurde.
Maron rührte etwas im Topf herum und ließ die letzten Nächte Review in ihrem Kopf passieren. Ein Lächeln bildete sich automatisch auf ihren Lippen.
Sie liebte die Zeit mit ihm.
Sie liebte es, wenn er jede Nacht mit ihr seine Kopfhörer teilte und ihr seine Lieblingskünstler und Lieblingssongs zeigte.
Sie liebte es, wenn er sagte, dass er ihre Kekse oder Muffins oder sonstige Snacks, die sie mitbrachte, liebte.
Sie liebte die Art und Weise, wie er -ohne sie zu fragen- respektvoll Abstand von ihr hielt.
Sie liebte die Art und Weise, wie er erkennen konnte, dass sie einen Albtraum hatte und mit ihm darüber reden möchte.
Sie liebte es, dass er ihr immer direkt von seinen Träumen erzählte, damit sie sich nicht wie ein Freak fühlte.
Natürlich war Chiaki nicht perfekt, das wusste Maron.
Sie wusste, dass er ihr in einigen Dingen nicht immer hundertprozentig die Wahrheit sagte, vorsichtig einige Details ausließ. Gleichzeitig konnte sie ihn seinem Gesichtsausdruck sehen, dass er darauf bedacht war sie nicht anzulügen.
Beispielsweise war da die Sache mit Hijiri. Sie wusste, dass mehr dahintersteckte als er behauptete. Schließlich war ihr aufgefallen, dass der Kerl sie in jeglicher Hinsicht in Ruhe ließ.
Genauso wusste Maron, dass mehr hinter seiner Aussage zu Yashiro steckte. Bei Hijiri konnte sie das Thema schnell fallen lassen, doch bei Yashiro wäre sie vor Neugier fast erstickt, als Chiaki von ihr erzählte. Ein Fünkchen Eifersucht überkam Maron, bevor sie sich ihre gleichgültige Maske aufsetzte.
Die Vorstellung, dass er mit dieser… hirnlosen Schlampe mal was hatte, verursachte ihr Übelkeit.
Es war nicht fair.
Es war nicht fair, dass jemand wie Yashiro Sazanka mit Chiaki zusammen sein konnte, Maron hingegen sich jede Nacht dazu zwingen musste einen guten Sicherheitsabstand von ihm zu halten, aus Angst, dass die kleinste Berührung von ihm sie hysterisch werden ließ.
Ein Teil von ihr hatte sich gewünscht, dass er sie in die Arme genommen hätte, als sie letztens wegen den Erinnerungen ihrer Mutter weinen musste. Ein anderer Teil wusste, dass es physisch einfach unmöglich war.
Demnach könnte sie so etwas…tieferes… mit ihm nie nachgehen. Und das regte sie auf.
Maron verkniff es sich einen Kommentar rauszulassen, dass er Besseres verdient hätte und ließ das Thema schließlich ruhen. Selbst wenn sie diese Phobie nicht hätte, wäre er überhaupt interessiert an sie?
Das einzige worin sie sich voll und ganz sicher war, ist die Tatsache, dass Chiaki ehrlicher und offener zu ihr war, als er es jemals zu Yashiro sein würde. Sie wusste Dinge über ihn, die keine andere Tussi wusste. Diese Tatsache allein tröstete sie etwas.
Maron’s Gedanken schweiften an den Montag zurück, als Chiaki seine eigene Regel brach und inmitten der Klasse ihr eine Notiz zuwarf.
Auch wenn es nicht viel war, so war sie glücklich darüber, dass er selbst in der Schule auf sie Acht gab und bemerkt hatte, wie erschöpft sie war.
Nun war Chiaki krank und Maron bekam dieses Gefühl nicht los, dass sie teilweise verantwortlich dafür war. Klar, sie hatte ihn nicht dazu gezwungen jede Nacht mit ihr draußen zu verbringen, aber dennoch fühlte sie sich irgendwo mit schuldig.
Weshalb Maron ihm jetzt eine Suppe gekocht hatte, diese sicher abgedichtet in ihrem Rucksack einpackte und zur Nachbarsvilla rüberging. Einerseits fühlte sie sich verantwortlich für seine Erkältung, andererseits verspürte sie in den letzten sechzig Stunden diesen tiefen Drang ihn wiedersehen zu wollen. (Nicht, dass sie die Stunden mitgezählt hätte.)
Zumindest wollte Maron auch sicherstellen, dass es Chiaki auch wirklich gut ging. (Nicht, dass sie an Dr. Nagoya’s ärztlicher Kompetenz zweifelte.)
Es war zwar merkwürdig, dass sie solche Umwege auf sich nahm, aber es ging leider nicht anders. Sie hatte seine Nummer nicht und bis jetzt hatten beide auch nie das Bedürfnis dafür gefunden sich Nummern auszutauschen. Ebenso hatte sie schon mal nach seinen Social Medias gesucht, aber anscheinend schien er nichts davon zu nutzen.
Nun stand die Braunhaarige direkt vor der Villa, unter Chiaki’s beleuchteten Balkon, fühlte sich nervös und aufgeregt zugleich, ihn gleich wiedersehen zu können.
Ein bisschen war ihr mulmig zumute, da sie ihren übergroßen, schwarzen Pulli mit Kapuze über den Kopf trug und sich etwas kriminell vorkam. Eine gewisse Panik überkam sie auch, als sie an seinen Kommentar über Yashiro’s verrückte Stalkertendenzen zurückdachte.
Du bist keine Stalkerin, sondern nur eine gute Freundin und Nachbarin, die Suppe vorbeibringen will, sagte Maron in Gedanken zu sich selbst und ging auf das Pflanzengitter an der Wand zu. Du kannst das. Du hast ihn schon oft dabei zugesehen, wie er sich wie Spiderman hoch und runter manövriert hat!
Sie setzte einen Fuß auf das Gitter an und begann zu klettern. Sie war sich zunächst nicht sicher, ob es ihr Gewicht tragen würde, aber wenn es selbst Chiaki’s Gewicht standhielt, dann sollte es auch bei ihr kein Problem darstellen.
Langsam und vorsichtig kletterte Maron sich nach oben, bis sie seinen Balkon erreicht hatte und sich über das Geländer manövrierte.
Tief atmete Maron durch, als sie vor Chiaki’s Balkontür stand. Vorhänge hingen vor dem Glas, weshalb sie drinnen nichts erkennen konnte.
Mit Herzklopfen hob Maron ihre Hand und klopfte sachte an der Tür. Gespannt hielt sie den Atem an und wartete. Sekunden vergingen. Die Nacht kam ihr dunkler vor als sonst und sie konnte spüren, wie die Dunkelheit sie erdrückte, während sie auf eine Antwort von der anderen Seite des Glases wartete.
Plötzlich schwang die Balkontür auf und Chiaki starrte sie sichtlich entgeistert an. Die braunen Augen waren mit Schock und Verwirrung gezeichnet. Gleichzeitig sah er furchtbar aus. Die Haut blasser als sonst, die Nase rot, die Haare hingen kraftlos vor das Gesicht. Ebenso stand er in einer Decke eingewickelt vor ihr.
„Maron?“, fragte er überrascht, die Stimme kraftlos und heiser.
Die Angesprochene wusste nicht, was sie sagen sollte, weshalb sie ihren Rucksack absetzte, die verpackte Schüssel mit der Suppe rausholte und sie ihm wortlos entgegenhielt.
Beschämt hielt Maron dabei ihren Kopf gesenkt. Als sie merkte, wie ihr die dampfend heiße Suppe aus den Händen genommen wurde, blickte sie auf.
Erleichtert atmete sie aus, als sie sein schiefes Lächeln auf den Lippen sah und wie er sie mit hochgezogener Augenbraue anschaute.
Schließlich fiel ihr ein, dass sie etwas sagen sollte.
„Ich schwöre, ich bin keine verrückte Stalkerin“, platzte es aus ihr heraus, eher sie sich die Hand vor den Mund hielt. Ihre Wangen färbten sich verlegen rot.
Chiaki lachte amüsiert auf, warf seinen Kopf dabei nach hinten. „Sicher?“ Er kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen.
Unterdessen wartete Maron bis er sich beruhigt hat. Biss sich nervös auf die Lippe. Sie hoffte, sie war in seinen Augen nicht auf Yashiro’s Niveau runtergerutscht.
„Fuck, Maron… Das ist das erste Mal seit drei Tagen, dass ich gelacht habe“, grinste Chiaki sie an, die Stimme nach wie vor kratzig.
Maron erwiderte das Grinsen erleichtert.
„Komm. Rein mit dir bevor du auch noch krank wirst“, nickte er mit dem Kopf in sein Zimmer rein.
Dies ließ sie sich nicht zweimal sagen. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht folgte sie ihm in sein warmes, helles Schlafzimmer, ließ die dunkle Kälte hinter sich.
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