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Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
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Dieses Kapitel
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25.12.2020 3.595
 
FIFTY-SIX

Zwei Tage später saß Chiaki wieder in Midori’s Sprechzimmer. Nicht nur, weil er fasziniert von ihren Therapietricks war, sondern weil er auch beschlossen hatte, sie regelmäßig für Sprechtermine zu sehen.
Schließlich hatte er ein wunderschönes Mädchen an seiner Seite, die er für sein Leben lang glücklich machen will - und es gab kein schöneres Gefühl, als sein Mädchen glücklich zu sehen.
Und dafür musste er zunächst mit seinen eigenen Problemen klarkommen.
Maron saß neben ihm auf der Couch, trank gemütlich einen Cappuccino. Sie sah putzig aus und scheint sich wohl in diesem Büro zu fühlen.
Es war eigentlich ihre Sprechstunde, da Chiaki noch keinen Zeitplan mit Midori hatte.
Diese war gar nicht überrascht ihn zu sehen, als sie in ihr Büro eintrat.
„Schön dich wiederzusehen, Chiaki.“ Midori lächelte. „Wollen wir loslegen?“
*

Ein paar Wochen vergingen.
Montags begleitete Chiaki Maron immer zu ihrer Sprechstunde, saß in den Gesprächen mit dabei, während donnerstags sie allein mit Midori war. Er hatte ebenfalls seine privaten Sprechstunden bei der Therapeutin mittwochs.
Zu Hause war das Leben mit seinem Vater perfekt und ihr Verhältnis konnte nicht besser sein. Zwei- bis dreimal die Woche gingen sie nach nebenan zu ihrem Vater und den Toudaijis, aßen dort.
Seit dem einen Tag ging es in ihrer Beziehung auch allmählich bergauf.
Alles normalisierte und stabilisierte sich wieder und Chiaki war noch nie so zufrieden mit seinem Leben, wie jetzt. Insbesondere mit der jetzigen Routine.
Er realisierte auch, warum er Routinen mochte.
Er wusste, immer was ihn erwartete und die kleinen Überraschungen dazwischen reichten gerade aus, um seine Tage angemessen unvorhersehbar zu machen.
Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang folgte Chiaki den neuen Ablauf. Zusammen wachten er und Maron auf und gingen zur Schule. Er strengte sich an, um seine Noten zu verbessern und den Stoff, den er verpasst hatte, nachzuholen. Nebenbei hing er mit Yamato und seinen Freunden ab.
Maron konzentrierte sich auf ihre kleinen Herausforderungen, wie sich weniger ihre Kapuzen überzuziehen und sich zu verstecken oder nicht mehr so nah an den Wänden zu laufen. Es war offensichtlich keine schnelle Genesung und die Veränderungen, die sie in ihren Alltag vornahm, waren so subtil, dass es den meisten nie auffallen würde.
Außer ihm.

An einem Montag saß Chiaki auf dem Schuldach an ihrem Tisch. Maron war auf Toilette gegangen und anstatt zu warten, war er schon mal vorgegangen.
Yamato und Miyako waren noch nicht da, weshalb Chiaki allein am Tisch saß, wartete und zur Tür starrte. Zehn Minuten später kam schließlich sein Mädchen, die durch die Tür geschossen kam und ein riesiges Lächeln auf dem Gesicht trug.
Seine Lippen formten sich automatisch auch zu einem Lächeln.
Maron lief auf ihn zu und sprang ihn nahezu an, was ihn ein wenig überraschte. Sie hopste auf seinem Schoß, er hielt sie achtsam fest und ihre Arme legten sich um seinen Nacken. Sie küsste ihn innig, löste anschließend ihre Lippen voneinander und blickte ihm freudestrahlend in die Augen.
„Ich habe Toki berührt“, sagte sie plötzlich, grinste ihn immer noch wie eine Grinsekatze an. „Er kam mir entgegen und ich habe seine Schulter gestreift -ausversehen!- und ich bin nicht ausgerastet, oder so!“, sprach sie in einem Atemzug so schnell weiter, dass Chiaki kaum mithalten konnte. „Ich habe mich zwar...-keine Ahnung- komisch gefühlt? Aber es war keine völlige Panik, weißt du?“, lächelte sie.
Chiaki hörte zu und lächelte zurück, obwohl er insgeheim das Bedürfnis verspürte Toki eine reinhauen zu wollen.
Es war nicht so, dass er sich unsicher fühlte, aber er war es nicht gewohnt, Maron so zu sehen. Chiaki wusste, dass sie an ihren Berührungsproblemen arbeitete.
Doch ihre gelegentlichen, kleinen Faustschläge mit Yamato hinterließen bei ihm schon dieses Brennen in der Brust. Aber es war nur Yamato. Er tat ihr nichts und hatte sowieso nur Augen für Miyako.
Aber es ließ ihn trotzdem... wie ein besitzergreifender Mistkerl fühlen.
Chiaki presste sich die Zähne zusammen und schenkte seinem Mädchen ein schmales Lächeln. „Das ist wirklich toll, Maron.“
Bei dem verräterischen Ton seiner Stimme erstarb ihr Lächeln.
„Was ist?“, fragte sie verwundert.
Er realisierte, dass er diesen Erfolg für sie gerade ruinierte. Er fühlte sich bescheuert und schuldig.
Mit einem aufgesetzten Lächeln küsste Chiaki sie sachte. „Reden wir später mit Midori darüber“, sagte er ihr.
Maron runzelte die Stirn, stand von seinem Schoß auf und setzte sich auf dem Stuhl neben ihn hin. Sie nickte wortlos, holte ihr Buch aus der Tasche und begann zu lesen.
Na toll. Jetzt war sie stinkig auf ihn.
Chiaki wollte sich selbst in den Hintern treten.

Am Nachmittag erwartete Midori die beiden bereits in ihrem Büro.
Als das Paar sich zusammen auf dem Sofa hingesetzt hatte, war das Erste was Maron direkt sagte: „Ich habe heute Toki, einen Mitschüler von uns, berührt und Chiaki ist jetzt komisch drauf“, und zeigte mit dem Finger auf ihn.
Chiaki strich sich mit beiden Händen über das Gesicht, während Maron und Midori ihn erwartungsvoll anblickten.
„Was stimmt denn nicht, Chiaki?“, hakte Midori nach.
„Nichts.“ Er wandte sich an Maron. „Es ist nichts“, beharrte er.
„Die Sache hat mich nur... überrascht. Und...“, brachte er entgegen, fuhr sich durch die Haare, „Es... ist nur dämlich.“ Und peinlich.
„Dämlich?“ Midori legte ihren Kopf schief. „Wieso?“
„Ja, wieso?“, fragte Maron mit einem genervten Blick.
Er hasste es, wenn beide sich gegen ihn aufspielten.
„Nun komm. Du solltest darüber reden, Chiaki“, sagte Midori ruhig.
Er seufzte. „Am liebsten würde ich jeden Dreckskerl, der sie anfasst, eine reinhauen“, gestand er.
Maron machte ein Gesicht, als hätte sie die Antwort nicht erwartet, während bei Midori das Gegenteil der Fall schien. Sie lächelte ein wissendes Lächeln, wusste ganz genau, was Chiaki sagen würde.
„Bist du eifersüchtig?“
„Nein.“
„Wirst aber besitzergreifend.“
„Nein“, log er, doch bei Midori’s durchbohrenden Blick fügte er hinzu: „Vielleicht...Ein bisschen.“
„Was?!“ Fassungslos schaute Maron ihn an. „Das ist doch absurd! Heute war... riesig für mich! Und du-… Du bist so-…!“ Sie gestikulierte wild. „Was will ich bitte mit Toki?! Außerdem bin ich kein Besitz!“
„Maron”, fiel Midori mahnend dazwischen. Maron verstummte, atmete tief durch.
Midori wandte sich Chiaki wieder zu. „Also, Chiaki. Vertraust du Maron nicht?“
„Es ist nicht Maron, der ich nicht vertraue!“, wendete er ein.
„Hör zu“, sagte er anschließend an Maron gerichtet, die ihre Arme vor sich verschränkt hatte. „Jungs in unserem Alter haben nur eines im Kopf.“
Sie runzelte irritiert die Stirn. „Und? Von mir bekommen sie nichts.“
Leise und mit rosanen Wangen fügte sie hinzu. „Du bist und bleibst der Einzige.“
Chiaki strich sich unbeholfen durch die Haare, während Midori leise kicherte.
Die restliche Sprechstunde diskutierten sie über seine besitzergreifenden Tendenzen und Maron’s Gefühle darüber.
„Es ist nicht so, dass es mir gefällt“, sagte sie. „Ich meine, ich kann ihn irgendwo verstehen. Ich habe mich genauso gefühlt... Wenn es um Chiaki und der Schlampe, Yashiro, ging.“
Er verdrehte seufzend seine Augen, währen Maron weitersprach. „Also vermute ich mal, dass er genauso empfindet“, schloss sie schulterzuckend ab. „Nur ist meine Konkurrenz unendlich.“
Er schnaubte bei der letzten Bemerkung, weil es lächerlich war.
„Chiaki? Hättest du dem was hinzuzufügen?“, frage Midori.
„Abgesehen davon, dass ihre letzte Bemerkung lächerlich sei und sie sich um keine Konkurrenz Sorgen machen muss – Nein“, brachte er trocken entgegen.
„Aber-“ Er nahm einen tiefen Atemzug. „Es wäre falsch von mir zu behaupten, dass ich nicht mit denselben... Unsicherheiten zu kämpfen habe.“
Jetzt hatte er es doch zugegeben. Er war unsicher.
Midori lächelte sanft, als Chiaki sich dies eingestand.
*

Tage vergingen.
Es war Donnerstag und gerade kuschelten er und Maron ein wenig auf dem Bett, nachdem sie von ihrer Privatsprechstunde mit Midori nach Hause kam.
„Wie war deine Sitzung?“, fragte Chiaki, als er bemerkte, wie nachdenklich sein Mädchen war, seit sie nach Hause kam. Davor, nach der Schule, war alles noch in Ordnung bei ihr gewesen.
Maron gab ihm als Antwort nur ein Schulterzucken.
Seufzend kraulte Chiaki ihren Nacken, gab ihre einen sanften Kuss auf den Kopf. „Willst du darüber reden?“
Sie seufzte schwer, blickte ihn an.
„Wir können am Montag darüber reden“, sagte Maron leise.
Chiaki zog seine Augenbrauen zusammen. „Montag?“
Soll er wirklich vier Tage warten, bis er erfahren durfte, was heute mit ihr los war?
Seine Augen trafen auf ihre. „Können wir beide nicht ein Gespräch miteinander haben, ohne das Midori Moderator und Schiedsrichter spielt?“
Sie senkte ertappt ihren Blick. „So meinte ich das nicht...“
„Ich weiß.“ Er ließ sie los, setzte sich auf und lehnte sich in seine Kissen zurück. „Aber denkst du nicht, dass diese Beziehung mittlerweile aus drei Leuten besteht? Mein armer Vater hätte auch gerne was von seiner Freundin.“
Maron biss sich auf die Lippe.
„Weißt du, es gab mal eine Zeit, in der du mir ohne Probleme alles erzählen konntest“, merkte Chiaki zusätzlich an.
Zugegeben, er hatte letztens auch die „Warten wir, bis wir mit Midori reden“-Karte eingesetzt, aber da musste sie nur ein paar Stunden warten und keine paar Tage. Und er hatte sie nur einmal eingesetzt.
Maron hingegen schien immer auf ihre gemeinsamen Sitzungen zu warten, um irgendwelche Probleme in ihrer Beziehung klären zu wollen.
Er persönlich hatte nichts gegen Midori. Privat, als Kaiki’s Freundin, mochte er sie sogar. Als Therapeutin war sie in Ordnung und mit seinen sowie ihren gemeinsamen Sitzungen war er zufrieden. Aber welchen Nutzen haben sie, wenn Maron und er sie nicht im realen Leben anwenden konnten?
Maron seufzte laut und verdrehte ihre Augen.
„Es geht um Uni“, murmelte sie, setzte sich auf und lehnte sich, wie er, zurück.
„Oh“, brachte Chiaki nur entgegen, hatte dies nicht erwartet.
„Du hast darüber noch nicht nachgedacht, oder?“
„Nicht wirklich.“
Seit seiner Rückkehr hatte er sich erstmal darauf konzentriert alles Verpasste nachzuholen. Aber ihm war schon aufgefallen, dass Yamato und Miyako in den Mittagspausen viel über Universitäten, die sie zusammen besuchen wollen, sprachen.
„Bis zum Schulabschluss sind es noch ein paar Monate. Genug Zeit, um sich noch darüber Gedanken zu machen“, sagte er.
Früher hatte er jeden Tag in Hier-und-Jetzt gelebt, aber jetzt freute er sich sogar seine Zukunft zu planen. Insbesondere eine Zukunft mit seinem Mädchen.
Maron spielte gedankenverloren mit ihren Haaren.
„Nun...Keine Ahnung, ob es für mich überhaupt was bringt.“
„Warum denkst du so?“
Sie machte ein langes Gesicht, schnaubte.
„Mal ganz ehrlich, Chiaki. Ich...Ich kann nicht-“ Sie brach kopfschüttelnd ab. Er wollte sie halten, aber sie schüttelte ihn ab.
„Mein Heilprozess dauert zu lang“, platzte es frustriert aus ihr heraus. „Ich habe Ewigkeiten gebraucht, um mich einzugewöhnen, als ich zu meinem Vater zog. Genauso lang, wie ich gebraucht habe, um mich hier einzugewöhnen. Wie soll ich mich in einem überfüllten Studentenwohnheim einfinden? Oder überhaupt in einem vollen Uni-Campus? Ich kann das einfach nicht...“ Sie biss sich auf die Lippe. „Ich müsste nach Alternativen suchen, die online was anbieten...“
Chiaki blickte Maron an. „Wer sagt denn, dass wir in ein Wohnheim einziehen?“ Mit gerunzelter Stirn sah sie ihn schief an.
„Was?“, fragte er leicht schmunzelnd. „Mich bekommst du nicht in so eine Sardinenbüchse rein. Wir ziehen einfach in eine Wohnung außerhalb des Campus zusammen. Das wird lustig.“
Er legte einen Arm um ihre Schultern und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe. „Eine ganze Wohnung nur für uns allein“, flüsterte er Maron mit tiefer Stimme ins Ohr.
Maron schien seinen Enthusiasmus darüber im Moment nicht zu teilen. Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, war sie mit ihrem Kopf ganz woanders.
„Ich muss mir die am wenigsten überfüllten Wege zu jedem Kurs einprägen. Ich muss einen Platz weit weg von Menschen finden. All diese Dinge erinnern mich daran, dass ich noch weit entfernt bin von...“
Normal, vollendete Chiaki in Gedanken. Aber sein Mädchen hatte einen weiten Weg hinter sich, im Vergleich zu dem, wo sie angefangen hatte - worüber er natürlich stolz war.
„Ich komm immer noch nicht in deinen dämlichen Schrank rein“, murmelte sie kaum hörbar.
„Was?“, fragte er verwundert.
„Dein begehbarer Kleiderschrank. Das Ankleidezimmer“, stellte sie murrend klar. „Ich bin nur noch einen halben Meter davon entfernt, da eintreten zu können, ohne auszuflippen.“„Mensch, Maron“, stöhnte er auf, „Du denkst zu viel nach. Glaub mir, du bist schon so viel besser“, erinnerte er sie. „Erinnerst du dich noch an Toki?“
„Scheiß auf Toki.“
Okay. Anscheinend hatte sie einen ihrer alles-ist-scheiße-Tage, wie Chiaki nun feststellte.
Diese Tage kommen und gehen und er mochte sie nicht.
Maron wird, während ihres Genesungsprozesses, offensichtlich weiterhin mehr Rückschläge erleben als Erfolge. Und sie wird sich darüber aufregen, während er tatenlos dabei zusah.
Doch heute Abend würde er nicht tatenlos bleiben wollen.
Sie war so weit gekommen. Genauso wie er weit gekommen war.
Er wird nicht zulassen, dass es bei ihr wegen sowas Kleinem noch zu Rückschritten kommt.

„Komm“, sagte Chiaki und stand vom Bett auf. Maron blickte ihn verwirrt an. Er nahm ihre Hand und zog sie mit vom Bett runter.
Er führte sie zu seinem Ankleidezimmer, stand mit ihr einen Meter von der Tür entfernt. Sofort bemerkte Chiaki, wie Maron sich neben ihn versteifte.
Er wusste, dass sie ursprünglich zur Therapie gehen wollte, um ihn anzupissen und in dieses Zimmer reinkommen zu können (um wahrscheinlich zu schnüffeln, als er weg war). Dieses kleine, eigentlich unspektakuläre Zimmer war unzugänglich für sie und er vermutete mal, dass es sie in den Wahnsinn trieb.
Nach all der Zeit würde es ihn nicht überraschen, wenn sie sich mittlerweile eine völlig übertriebene Vorstellung von dem Zimmer gemacht hatte. Dass er darin eventuell Pornos oder ähnliches verstecken würde.
Dabei war dieses Zimmer eher stinkend langweilig. Diente einfach dazu Kleider, Schuhe und alte Notizbücher und Ordner zu verstauen.
Und dennoch hatte sein Mädchen Angst vor diesem Zimmer, umging es immer. Der Wäschekorb stand nun draußen neben dem Bad und ihre Klamotten stopfte sie bis zum Rand voll in die Kommode, weigerte sich sie in dem Zimmer zu tun.
Maron hatte versucht ihm zu erklären, wieso sie nicht rein konnte und teilweise konnte Chiaki es verstehen, aber teilweise auch nicht.
„Ich sagte dir doch, ich kann nicht“, hörte er Maron sagen, die mit schimmernden Augen zu ihm aufsah.
Die Hoffnungslosigkeit in ihrem Ausdruck brach ihm das Herz. Und verleitete ihn noch mehr dazu ihr helfen zu wollen.
Chiaki packte Maron an den Schultern und drehte sie zur Tür herum.
„Du kannst es. Ich bin bei dir.“
Auch wenn sie versuchte nicht mehr abhängig von ihm zu sein, so war er dennoch bereit ihr jederzeit seine Hilfe anzubieten. Dieses Zimmer war eines ihrer Hürden, die sie unbedingt überwinden wollte und da wird er ihr auch helfen, wenn sie ihn ließ.
Ein kleines, nervöses Lächeln bildete sich auf Maron’s Lippen. „Okay“, sagte sie.
Chiaki nickte verstehend und nahm ihre Hand.
„Schließ deine Augen“, sagte er ihr sanft. „Und entspann dich.“
Einige Male atmete Maron tief durch. Er massierte mit einer Hand ihre Schulter, sodass ihre Haltung sich entspannte.
Sie ging zwei Schritte, sodass sie nur noch einen halben Meter von der Tür entfernt waren. Maron öffnete ihre Augen und Chiaki merkte, wie sie sich direkt wieder versteifte. Ein dünner Schweißfilm war auf ihrer Stirn.
Er drückte ihr beruhigend die Hand.
Für einen Moment hatte Chiaki es in Erwägung gezogen alles abzubrechen und sie von ihrem Leid zu erlösen. Schließlich würde er alles tun, damit sie glücklich war.
Aber dann rief er sich in Erinnerung, dass es langfristig zu ihren Gunsten war. Und wenn sie es heute schafften, würde sie es umso mehr glücklich machen.
„Shhh“, flüsterte er Maron ins Ohr und legte ihre schwitzige Hand auf die Türklinke. Ihr Arm zitterte, doch sie hielt die Klinke eisern fest.
Chiaki legte seine Hand über ihre und zusammen drückten sie die Klinke runter, machten die Tür auf. Während Chiaki in das dunkle Zimmer auf seine hängenden Klamotten reinschaute, war Maron fast am Hyperventilieren.
Er legte seine Arme um sie, umarmte sein Mädchen von hinten, strich mit seinen Händen in einem sanften Rhythmus über ihre Oberarme.
„Schließ deine Augen, atmete tief durch und visualisiere.“
Nickend tat Maron wie ihr geheißen und nahm einen tiefen Atemzug. Sie atmete hörbar ein und wieder aus, wiederholte dies ein paar Male, bis sich ihr Körper wieder etwas entspannte.
Wieder nickte sie, diesmal mit einem entschlosseneren Gesichtsausdruck.
„Wir gehen rein“, sagte sie, schnappte sich seine Hand und ging einen mutigen Schritt nach vorne, die Augen weiterhin geschlossen.
Als sie für einige Momente wie gelähmt stehen blieb, ging Chiaki um sie herum, nahm ihre Hände und führte sie rückwärtslaufend schrittweise rein. Vorher hatte er noch schnell das Licht angemacht.
Ihre Hände hielten sich krampfhaft bei ihm fest. Er behielt ihre Atmung und ihr Gesicht im Auge, achtete darauf, dass sie nicht in Panik verfiel.
So weit, so gut.
„Du machst das gut“, sprach er sanft mit einem ermutigenden und stolzen Lächeln.
„Hmmm.“ Maron verzog darauf nur nervös ihr Gesicht, versuchte angestrengt ruhig zu atmen.
Nach wenigen Schritten standen sie schon mitten im Raum. Langsam sank Chiaki zu Boden, zog Maron mit zu sich runter. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand hinter sich an und nahm sein Mädchen in die Arme, während sie sich zwischen seinen Beinen platzierte.
Zitternd umarmte Maron ihn zurück, vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. Chiaki drückte ihr einen lieben Kuss auf die Wange und sagte ihr, wie stolz er auf sie war.
Sie hatte es geschafft. Und es war egal, ob er ihr nun dabei geholfen hatte. Oder dass sie Monate dafür jetzt gebraucht hatte. Oder dass sie Medikamente nehmen musste, um nicht einen kompletten Nervenzusammenbruch zu bekommen.
Die Hauptsache war, dass sein Mädchen es geschafft hatte und tränenfrei sich in diesem kleinen Zimmer gerade befand.
Allmählich löste Maron sich von ihm, öffnete ihre Augen und blickte sich erstaunt, überrascht und geschockt um. Konnte es kaum glauben.
Im nächsten Moment bildete sich ein riesiges, strahlendes Lächeln auf ihrem wunderschönen Gesicht.
Chiaki lächelte stolz zurück.
„Weißt du…Ich habe an die Hütte da draußen gedacht“, offenbarte Maron in einem leicht verlegenen Ton und blickte ihn an, hatte nach wie vor ein ungläubiges Dauergrinsen auf den Lippen.
„Echt?“, lächelte Chiaki, strich ihr eine Strähne hinters Ohr. „Wir sollten mal wieder dorthin fahren.“
Sie nickte zustimmend, ihre Augen schweiften wieder durch das Zimmer. Blieben an jeder Box und jedem Regal um sie beide herumhängen.
„Was ist das?“, fragte sie und zeigte auf einen alten Karton.
„Alte Skizzenbücher und Zeichnungen“, antwortete er ihr schulterzuckend. „Nichts Besonderes.“
„Darf ich sehen?“
Tu dir keinen Zwang an, gab er ihr wortlos mit einer einladenden Geste zu verstehen.
Maron holte sich den kleinen Karton und schaute rein, blätterte fasziniert die Bücher durch, während sie es sich an ihm gemütlich machte. Chiaki schaute ihr schweigend dabei zu, legte seine Wange auf ihrem Kopf ab.
„Wenn du dich an einer Uni bewerben willst, in welche würdest du gehen wollen?“, durchbrach er die Ruhe zwischen ihnen.
Sie zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall nicht so weit weg von allen hier“, sagte Maron verlegen lächelnd.
Nickend stimmte Chiaki ihr zu. „An was für ein Studium hast du gedacht?“
„Wirtschaft? Business?“, antwortete Maron grübelnd und biss sich verlegen auf die Lippe. „Hört sich vielleicht doof an, aber ich will eventuell mal ein eigenes Geschäft aufmachen.“
Er hob überrascht seine Augenbrauen.
„Willst du das mit Kochen und so verbinden? Also ein Restaurant eröffnen?“
„Darüber bin ich mir noch nicht sicher. Ein Restaurant. Ein Imbiss. Ein Café. Eine Patisserie. So viele Möglichkeiten.“ Schulterzuckend blickte sie ihn an, mit leuchtenden Augen.
Chiaki blickte erstaunt zurück, hatte nicht erwartet, dass sie sich schon so viele Gedanken über die Zukunft gemacht hatte.
„Es ist eine doofe Idee, oder?“, fragte Maron, unsicher wegen seines Gesichtsausdruckes.
Er schüttelte schnell den Kopf.
„Nein! Quatsch, nein. Es ist nicht doof. Ich denke, das passt perfekt zu dir.“
„Wirklich?“ Mit roten Wangen schenkte sie ihm ein kleines, dankbares Lächeln und widmete sich wieder dem Skizzenbuch in ihren Händen zu, blätterte weiter darin rum.
„Was ist mit dir? Willst du in die Kunst gehen?“, fragte Maron ihn interessiert und hielt das Buch hoch.
Chiaki schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist und bleibt ein Hobby.“
Zeichnen diente ihm nur, um abzuschalten. Außerdem waren seine Zeichnungen nichts Weltbewegendes oder etwas, worauf er stolz war.
„Aber du bist wirklich gut“, hörte er Maron sagen, die ihm eine alte Skizze von einem Gitarre-spielenden Yamato vor die Nase hielt.
Seufzend versuchte Chiaki das Thema zu wechseln.
„Weißt du, du tust dich gut hier. Hier drin, mein ich“, merkte er laut an. „Gib dir selbst ein bisschen mehr Anerkennung.“
In dem Moment schien Maron sich wieder zu erinnern, wo sie war.
„Alles dank dir, Chiaki“, erwiderte sie sanft und dankbar zugleich, gab ihm einen süßen Kuss auf den Mund.
„Gib dir selbst ein bisschen mehr Anerkennung“, wiederholte sie seine Worte kichernd, ehe sie sich seinem alten Skizzenbuch wieder widmete.
In dem Moment bekam Chiaki sowas wie eine Erleuchtung.
Wenn er sich sein Mädchen ansah, die in diesem kleinen, staubigen Zimmer mit ihm saß, wovon sie monatelang noch nicht mal die Tür öffnen konnte - so realisierte er, dass er ihr nur helfen konnte, in dem er sich über ihre Kondition schlau gemacht hatte, um ein größeres Verständnis dafür zu entwickeln. Es war durchaus interessant und bereichernd und er war stolz darauf ihr mit Erfolg helfen zu können.
Und diese Erkenntnis ließ ihn schließlich wissen, was für eine Zukunft er anstreben wollte.
Er dachte an seine Mutter zurück, der er nicht helfen konnte. Aber vielleicht konnte er anderen Leuten helfen, die sich genauso hoffnungslos fühlten wie er.
Ein Grinsen bildete sich auf seinen Lippen.
„Was grinst du so?“, fragte Maron amüsiert.
„Stelle mir nur vor, wie mein Name mit Doktortitel aussieht.“
„Doktor?“, brachte sie erstaunt entgegen, „Doktor in was?“
Chiaki blickte sie an, kicherte.
„Psychologie.“

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Wünsche allen schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr ♥
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