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Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
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Dieses Kapitel
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04.12.2020 4.621
 
FIFTY-THREE

Mit einem zufriedenen Lächeln lag Maron in Chiaki’s Armen, genoss die Wärme und den Komfort in ihnen.
Plötzlich war ein Klopfen an der Tür zu hören. Seufzend entfernte sie sich vorsichtig von Chiaki, versuchte ihn nicht zu wecken. Mit leisen Schritten ging sie zur Tür und trat raus in den Gang.
„Morgen“, grinste Miyako sie an. „Habe ich euch beim Schmusen gestört?“
Maron verdrehte ihre Augen, erwiderte darauf nichts. Miyako’s Grinsen wurde breiter.
„Aww. Ich habe dein ‚Chiaki-Gesicht‘ vermisst”, sagte sie.
„War’s das?“, entgegnete Maron genervt.
„Naja, eigentlich wollte ich dich abholen, damit wir zum Yoga fahren. Aber ich schätze mal, dass du die Stunde heute ausfallen lassen wirst.“ Miyako zwinkerte ihr zu. „Keine Sorge, ich werde mir was einfallen lassen, um unserer Kursleiterin deine Abwesenheit zu erklären. Nun denn, viel Spaß euch beiden.“ Mit den Worten ging sie winkend davon.
So gut gelaunt hatte Maron ihre Freundin seit einer Weile nicht mehr gesehen. Sie schien sich wirklich für sie zu freuen.
Lächelnd ging Maron in die Küche runter. Schlafen konnte sie nicht mehr.
Sie machte den Kühlschrank auf und holte sich Blaubeeren und Milch heraus, stellte beides auf der Arbeitsplatte ab. Leicht tänzelnd holte sie ihre restlichen Zutaten aus den Schränken und begann zu arbeiten. Es war erstaunlich, was acht Stunden ungestörter Schlaf ausmachen konnten.
Midori hatte ihr einmal einen Vortrag über die Wichtigkeit von Schlaf und dessen Bedeutung über die körperliche und geistige Gesundheit gehalten.
Damals hatte Maron es mit einem Achselzucken abgetan, war noch nicht bereit mit ihr über ihre Schlafgewohnheiten zu reden.
Außerdem hasste sie es, wenn Midori recht hatte.
Maron fühlte sich wie damals, als sie das erste Mal mit Chiaki durchgeschlafen hatte.
Wie wiederbelebt und neu geboren. Alles war klarer und lebendiger, als wäre ein Schleier von ihren Augen entfernt worden.
Ihre Muskeln fühlten sich stärker und ihr Verstand fühlte sich schärfer an.
Gut gelaunt machte Maron für Chiaki Pfannkuchen mit Blaubeeren und einen Latte Macchiato. Sie hatte zwar ein kleines Chaos in der Küche angerichtet, als sie fertig war - räumte es jedoch nicht auf, sondern ging mit dem Tablett, auf dem sein Frühstück war, schnurstracks nach oben.
Als Maron die Tür erreichte, öffnete sie sie vorsichtig mit ihrem Ellenbogen.
Ihre Brauen zogen sich verwirrt zusammen, als sie das Bett leer vorfand. Im nächsten Augenblick war ein Geräusch aus dem Badezimmer zu hören. Erleichtert stellte Maron das Frühstück auf dem Bett ab, setzte sich und wartete.
Nach wenigen Momenten öffnete sich schließlich die Badezimmertür.
Auch wenn sie Chiaki’s Augen durch die etwas längeren Haare nicht genau sehen konnte, so konnte Maron dennoch erkennen, dass er besorgt und erleichtert wirkte. Er trug noch immer seine Schlafsachen. Sie verspürte den Drang ihm die Finger durch die Haare zu bürsten.
Und ihn dann zu umarmen. Zu küssen. Und dann-...
„Ich hatte Angst gehabt, dass du weggegangen wärst“, unterbrach seine raue Morgenstimme ihren Gedankengang und er strich sich ein paar Strähnen von der Stirn.
Maron schüttelte wortlos den Kopf. Fragend blickte Chiaki auf das Essen vor ihr herab. Sie spürte, wie ihre Wangen rot anliefen und sah verlegen weg.
„Du hast letzte Nacht nichts gegessen.“ Maron zuckte mit den Schultern, spielte mit dem Saum seiner Boxershorts, die sie trug.
„Oh“, hauchte er, offensichtlich überrascht.
„Und ich würde behaupten, dass du in der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, nicht genug gegessen hast.“ Die Hitze in ihren Wangen verstärkte sich.
„Könne ich bei dir auch behaupten“, murmelte er kaum hörbar.
Sie biss sich auf die Lippe, als sie seinen Blick auf sich spürte. Chiaki ging zum Bett, setzte sich ihr gegenüber hin, nahm eine bequeme Position ein.
„Das hättest du nicht tun sollen...“, sagte er. Sie versuchte sich die anbahnende Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Aber danke“, fügte er zusätzlich hinzu und lächelte ein kleines, verlegenes Lächeln, welches Maron erwiderte.
Gespannt schaute sie ihm dabei zu, wie er seinen Stapel Pfannkuchen anschnitt und ein Stück in den Mund nahm.
Seine Augen schlossen und öffneten sich, während er kaute und seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
„Gott, ich habe dein Essen vermisst.“ Er kicherte leicht und schnitt sich einen weiteren Bissen ab, verschlang ihn begeistert. Maron lehnte sich in die Kissen zurück, während sie ihn mit vertrauter Bequemlichkeit beobachtete.
Seine warmen Augen leuchteten zufrieden, als er sie ansah. Sein Lächeln wurde breiter.
„Hast du keinen Hunger?“, fragte er. Sie schüttelte nur den Kopf, ignorierte ihren knurrenden Magen.
Sein Lächeln fiel, worauf sie schnell log: „Ich habe schon gegessen“, um seine Sorgen zu lindern. Er beäugte sie für einen Moment skeptisch.
Anschließend schnitt Chiaki ein Pfannkuchenstück ab und hielt ihr es vor den Mund.
Seufzend verdrehte Maron ihre Augen, hätte sich denken können, dass er ihre Lüge heraushören konnte, machte den Mund auf und biss zu.
Zufrieden kehrte sein Lächeln wieder zurück.
Schweigend saßen sie für eine Weile da, auf seinem Bett, während er im Wechsel, sich ein Stück abschnitt und dann ihr.
Mit jeder vergehenden Minute wurde Maron nervöser. Überlegte sich, wie sie den Elefanten im Raum am besten ansprechen sollte. Er war drei Monate weg gewesen, die man ihm äußerlich ansah und die sich auch durch die innere Kluft zwischen ihnen bemerkbar machte.
Es gab so viel zwischen ihnen, was beredet werden musste. Nicht nur er hatte ihr Rede und Antwort zu stehen, auch sie ihm.
„Erzähl mir von Yokohama“, durchbrach Maron leise das Schweigen.
Ein schmerzlicher Ausdruck breitete sich in seinen Augen aus. „Ich dachte, du wüsstest alles.“
„Ich will es von dir hören.“ Sie fügte schnell hinzu: „Du muss mir natürlich nichts sagen...“
Chiaki lächelte ein schmales Lächeln und ein paar Strähnen fielen ihm ins Gesicht. Es juckte in ihren Fingern sie zurückzustreichen.
„Ich erzähl es dir. Es ist nur... etwas abgefuckt“, gestand er, verzog beschämt das Gesicht. Seine Augen blickten erschöpft in ihre. „Ich will einfach nur ehrlich mit allem sein...und um ehrlich zu sein, ich habe ziemlich große Angst, dass du weniger von mir denkst“, erklärte er.Maron runzelte die Stirn, blinzelte ihn an, etwas perplex darüber, dass er jemals so etwas denken würde und wohlwissend, dass es ihre eigene Schuld war.
„Ich habe es dir schon gesagt, Chiaki“, murmelte sie und wich seinen intensiven Blicken aus. „Nichts könnte mich dazu bringen, dich weniger zu lieben.“
Es war still im Raum und ihre Worte, die sie nicht bereute, hingen in unaussprechlicher Größe zwischen ihnen in der Luft. Es war schließlich nicht gelogen.
Sie und er – waren wie ein Set. Der eine war ohne den anderen einfach nur leer und unvollständig.
Sie durchleben zwar gerade eine ziemlich große Hürde, aber Maron war optimistisch genug zu glauben, dass sie es überwinden konnten.
Ihre Augen fixierten die durchsichtigen Vorhänge der Balkontür, durch das Sonnenlicht sanft reinströmte.
Nach einigen Momenten begann Chiaki zu erzählen: „Nun... es dauerte nicht lange, bis ich sie fand...“

Die beiden verbrachten den ganzen Tag auf dem Bett, das Frühstückstablett zwischen ihnen lag mittlerweile auf dem Boden und Chiaki’s Stimme füllte den Raum. Stunden vergingen und die einzigen Male, wo er aufhört zu reden, war, wenn einer von ihnen kurz ins Bad ging. Mit jedem Mal, in der Maron ins Bett zurückkehrte, setzte sie sich unbewusst näher zu ihm heran.
Während er sprach, hörte Maron aufmerksam zu, kannte den Kern von allem zwar schon, aber stellte Fragen, wenn sie Unklarheiten hatte.
Man merkte Chiaki an, wie unangenehm ihm die Sache war, aber er war ehrlich, beantwortete jede ihrer Fragen.
Als er ihr von seinen Halluzinationen von ihr erzählte, war sie geschockt. Sie wusste nicht wirklich, wie sie reagieren sollte und er weigerte sich ihr in die Augen zu sehen.
„Die meiste Zeit ging sie mir mega auf den Sack... aber, weißt du... sie sah aus wie du, also...“ Mit leicht geröteten Wangen verstummte Chiaki, rieb sich den Nacken.
So verstörend es auch war, so kam Maron nicht drum herum sich irgendwie... geehrt zu fühlen? Es war merkwürdig.
Maron realisierte, dass diese Halluzination auch schuld am ganzen Fiasko von vor drei Monaten sein musste, was wiederrum auf den Schlafmangel zurückzuführen war... aber es war alles nun mal geschehen und man konnte es nicht wieder rückgängig machen.
Daraufhin begann Chiaki ausgiebig über seine Mutter zu erzählen.
„Ich denke, wir hatten eine schwierige Zeit, nach Jahren einander wieder so nah zu sein“, gestand er leise. Maron konnte sich das vorstellen.
Er sprach über ihre Trinkprobleme, über ihre heruntergekommene Wohnung und wie er versucht hatte sich um sie zu kümmern. Er sprach darüber, wie er versucht hatte, seiner Mutter zu helfen, sie sich aber nicht besserte.
Er erzählte ihr von ihrem letzten gemeinsamen Tag (welcher vorgestern war), wie sie zusammen auf dem Sofa saßen und wie er seiner Mutter von ihr erzählt hatte.
Peinlich berührt färbten sich darauf Maron’s Wangen rosarot.
Es störte sie nicht, dass Chiaki dieser Frau alles von ihr erzählt hatte. Dieser Moment hatte ihm und seiner Mutter anscheinend was bedeutet und nähergebracht.
Trotz all der Schmerzen und der Trauer. Dennoch war die Vorstellung, dass er sein Leben dort in diesem Leid verbringen würde, unerträglich.
Letztendlich war Maron froh, dass Kyoko ihn dazu gebracht hatte, sie loszulassen und hierher nach Hause zurückzukehren. Auch wenn es ihm sehr schwergefallen war.
Und auch jetzt konnte sie ihm ansehen, wie traurig er über diese Entscheidung war – obwohl ihm bewusst ist, dass dies das Beste für ihn und seine Zukunft war.
Maron reichte nach seiner Hand, rückte noch näher zu ihn heran und blickte ihm sanft in die Augen. Tröstend strich sie mit dem Daumen über seinen Handrücken, senkte ihren Blick auf ihre verbundenen Hände.
Plötzlich spürte sie seine andere Hand auf ihrer Wange, die ihre sachte eine Strähne hinter das Ohr strich. Sanft sprach und erzählte Chiaki weiter, über seine Gefühle und Ängste, der letzten Monate, während seine Hand zwischen ihnen auf dem Schoß fiel.
Am späten Nachmittag ging ihm schließlich der Erzählstoff aus, aber Maron konnte fühlen, wie die Kluft zwischen ihnen sich fast geschlossen hatte.
Sie spielte mit dem Ring an seinem Finger, während er sie schweigend dabei beobachtet.
Anschließend sah Maron auf die Uhr und seufzte.
„So gerne ich auch bleiben will“, sagte sie, gab seiner Hand einen liebevollen Druck. „Ich muss langsam das Abendessen machen.“
Chiaki nickte verstehend. „Ich will meinen Vater auch nicht denken lassen, dass ich ihm aus dem Weg gehe“, murmelte er, sah sie an und strich ihr wieder eine Strähne nach hinten. Seine sanften Berührungen brachten derartige Sehnsüchte in ihr hoch.
Maron lächelte und warf sich instinktiv in seine Arme. Er war ein wenig überrascht über die plötzliche Umarmung, legte nach einem Moment seine Arme fest um sie, als sie ihr Gesicht in seinen Nacken vergrub und ihr schließlich die Tränen kam.
Leise flüsterte sie ihm zu, wie leid ihr alles tat. Er strich ihr beruhigend über den Kopf, drückte ihr einen leichten Kuss auf die Haare. Sie konnte spüren, wie auch ihm alles leidtat
Er verzieh ihr. Sie verzieh ihm.
Das leere Gefühl in Maron’s Brust war komplett verschwunden, wurde ersetzt von der vertrauten Wärme in ihrem Herzen.
Nach einigen Minuten verließen die beiden Hand-in-Hand das Zimmer und gingen gemeinsam die Treppen herunter.
*

Heute Abend waren alle bei den Nagoya’s zum Essen eingeladen.
Fast alle.
Ihre Familie war da. Miyako hatte Yamato einfach mitgeschleppt, der es nicht eilig hatte, zu sich nach Hause zu kommen. Mit einem „Willkommen zurück“ und einer Männerumarmung, hatte er Chiaki begrüßt, als er reinkam.
Kagura, Shinji und Natsuki waren dieses Wochenende auch zu Besuch da. Von Shinji bekam Chiaki einen Handschlag und Natsuki schlug ihm in die Brust. „Nochmal so eine Aktion und ich versohle dir richtig den Hintern“, hatte sie ihm zur Begrüßung gesagt, worauf Chiaki leicht verängstigt nickte.
Es hätte nur noch gefehlt, dass Midori eingeladen wäre... Maron hätte es garantiert nichts ausgemacht, ihre Therapeutin zum Abendessen am Tisch sitzen zu haben, aber trotzdem wäre es merkwürdig gewesen.
Insbesondere, weil sie Chiaki noch von ihrer Therapie erzählen musste.
„Das Essen ist mal wieder vorzüglich“, kam es von Kaiki mit erhobenem Glas. Zustimmendes Gemurmel folgte. Maron lächelte dankend.
Sie saßen alle am großen Esstisch und für die ersten drei Minuten wurden um sie herum sehr belanglose Gespräche geführt, aber Maron spürte, wie immer wieder die Blicke auf sie und Chiaki fielen.
„Also“, sagte Shinji schließlich, lenkte alle Aufmerksamkeit auf sich. „Da Maron jetzt hier wohnt und anscheinend auch nicht nach nebenan wieder zurückziehen wird-“ Er deutete mit seinen Stäbchen auf sie und Chiaki. „Schlaft ihr auch miteinander?“
Takumi verschluckte sich an seinem Wein.
„Ich meine zusammen!“, korrigierte Shinji sich schnell, „Im Bett. Nicht miteinander. Das Schlafen schlafen und nicht das andere schlafen- Au!!!“ Kagura stieß ihn mit den Ellenbogen von der Seite an und Natsuki hatte ihm von der anderen Seite wohl ans Bein getreten.
Miyako und Yamato verkniffen sich ihr Lachen.
Maron’s Gesicht lief feuerrot an und Chiaki sah aus, als würde er von hier wegwollen.
Sie räusperte sich und blickte ihren Vater an.
„Wie du dir bestimmt denken kannst, werde ich hierbleiben“, sagte sie in einem sachlichen Ton, „Wir sind schließlich alle Erwachsene hier. Und, klar-“ Maron warf Chiaki einen kurzen Seitenblick zu, den er erwiderte. „Chiaki und ich haben unsere kleinen und größeren Probleme, aber wir versuchen die gemeinsam zu lösen. Keine große Sache.“
Erneut zuckte sie mit den Schultern, fühlte sich leichter und aß weiter.
Takumi seufzte nickend. „Benehmt euch einfach und bereitet Kaiki nicht noch mehr Arbeit, als er schon hat“, sagte er mit einem vielsagenden Unterton nur.
Maron nickte lächelnd.
„Chiaki, wenn du willst, kann ich dir demnächst die Haare schneiden“, kam es von Sakura. „Ich seh’ doch, wie es dich frustriert“, fügte sie in dem Moment hinzu, als er sich zum womöglich dutzendsten Male die Haare aus dem Gesicht strich. Chiaki sah sie an und nickte nach kurzem Zögern zustimmend.
„Also...Wann ist eigentlich die Hochzeit?“, fragte Yamato mit einem freundlichen, unschuldigen Lächeln an Takumi und Sakura gewandt.
Nun waren alle Blicke auf das verlobte Paar gerichtet, die ein wenig sprachlos auf die plötzliche Frage war.
„Genau!“, sagte Miyako mit Ungeduld in der Stimme. „Habt ihr euch endlich schon für ein Datum entschieden?“
„Oh!“, mischte Natsuki sich ein. „Und wird es eine traditionell japanische oder eher eine moderne, westliche Hochzeit? Ich möchte nämlich wissen, ob ich ein Kimono oder ein Kleid kaufen muss.“
„Oder man kombiniert beides“, warf Kagura ein, „Tradition bei der Trauung und Modern bei der Feier.“
Miyako schnappte begeistert nach Luft. „Genau das machen wir!“
„Entschuldige mal“, erwiderte Sakura, blickte ihre Tochter entgeistert an. „Was heißt hier bitte ‚wir‘? Du bist nicht diejenige, die heiratet.“
„Ich bin aber die Tochter der Braut.“
„Was noch lange nicht heißt, dass du die Hochzeit planst, junge Dame.“
„Irgendjemand muss doch mal die Zügel in die Hand nehmen! Da das Brautpaar nach Monaten immer noch keinen Plan hat.“
„Wie wäre es damit, Miyako“, sagte Takumi, „Du erkundigst dich im Internet nach einem guten Hochzeitsplaner und gibst uns die Kontaktdaten. Anschließend gehen wir zusammen als Familie hin und lassen uns beraten“, schlug er vor, sah dabei auch Maron an, die nickte.
Miyako klatschte begeistert und quetschte beide anschließend darüber aus, was für Vorstellungen sie für den großen Tag hätten. Nebenbei widmeten sich die Anderen sonstigen Gesprächsthemen zu.
Chiaki lehnte sich zu Maron hin. „Pass auf. Miyako, wird dem Hochzeitsplaner garantiert am Ende noch den Job stehlen“, flüsterte er ihr leise ins Ohr, worauf sie herzhaft laut auflachte. Zur leichten Verwirrung aller, die nicht mitbekommen hatten, was eben Lustiges geschehen war.
***

Nach dem Abendessen saß Chiaki mit Kaiki in dessen Büro zusammen, spielte eine Runde Schach mit ihm. Gleichzeitig besprach er mit ihm unter anderem die Schule, wie er die verpasste Zeit aufholen sollte und dass mit der Schulleitung auch ein Kompromiss vereinbart wird.
Man sah seinem Vater an, dass er sich freute ihn wieder zu Hause zu haben und er kam Chiaki’s Bitte, was seiner Mutter anbelangte auch entgegen. Dass ein Pflegeservice für sie auch bereits schon arrangiert war.
Weitere Details dazu würde Kaiki ihm allerdings nicht geben und wenn Chiaki ehrlich mit sich war, wollte er auch keine.
Ihr Verhältnis hatte sich deutlich verbessert und sie konnten frei miteinander reden - ohne irgendwelchen Sorgen oder Geheimnisse zwischen ihnen.
Es war ein guter Tag. Der erste gute Tag, seit einer Weile für Chiaki.
Mit Maron war auch alles besser, im Vergleich zu gestern.
Deutlich besser, nachdem sie beide auch die Nacht durchgeschlafen hatten, den halben Tag auf seinem Bett zusammensaßen und er ihr alles erzählt hatte. Sie waren sich wieder nähergekommen und Maron hatte ihn gesagt, dass sie ihn liebte! Es konnte nur noch besser werden!
Schritte näherten sich dem Büro, doch Chiaki war im Moment auf seinen nächsten Zug konzentriert, drehte sich nicht um.
Kaiki lehnte sich mit einem Grinsen zurück und blickte zur Tür auf.
„Ah, Maron.“ Überrascht drehte Chiaki sich um. „Ich habe dich vor einer Weile eigentlich erwartet“, hörte er seinen Vater sagen und er drehte sich verwundert zu ihm um. „Liegt wie immer auf den Tisch breit.“ Kaiki nickte zum Schreibtisch.
Erneut drehte Chiaki sich um, beobachtet, wie Maron augenrollend zum Schreibtisch ging, auf dem eine kleine Schale und ein Glas Wasser neben den Papierkram war. Anscheinend waren in der Schale Medikamente gewesen, die Maron schnell mit Wasser runterschluckte. Chiaki war sichtlich verwirrt... und ernsthaft besorgt.
Wieso musste sie Tabletten nehmen? War sie krank?
Gerade als er den Mund aufmachen und sie fragen wollte, fiel Maron ihm ins Wort.
„Müde?“, fragte sie, als wäre nichts gewesen. Perplex schaute Chiaki sie an, drehte sich zu seinem Vater, der mit geneigtem Kopf zwischen ihnen hin und her sah. Sein ernster Gesichtsausdruck bereitete ihm noch mehr Sorgen.
„Ich bin müde. Du?“, wiederholte Maron leicht angespannt. Langsam wandte Chiaki sich wieder ihr zu und nickte. Er sagte Kaiki gute Nacht und verließ mit ihr das Büro.
Mit nachdenklich gesenktem Kopf ging Maron mit ihm die Treppen hoch. Chiaki nahm ihre Hand, verschränkte seine Finger in ihre.
„Was war das?“, fragte er besorgt.
„Was war was?“, wich sie ihm aus.
Sie waren in seinem Zimmer angekommen, schlossen die Tür und standen sich gegenüber.
„Du hast Medikamente eingenommen. Und wie es aussah, musst du die regelmäßig einnehmen“, sagte er möglichst sachlich, versuchte sich die aufkommende Panik nicht anmerken zu lassen.
Maron biss sich nickend auf die Lippe, bestätigte somit seine Annahme und sein Gesicht verlor etwas an Farbe.
„Es ist okay, wenn es persönlich ist…aber wenn du krank bist, dann sag es mir“, bat er sie.
Wenn sie regelmäßig was einnehmen muss, musste es wohl an einer Krankheit liegen. In seinem Kopf ging er schon alle möglichen Krankheiten durch, die ihm bekannt waren. Gerade als er dachte, dass alles nur noch besser werden konnte, machte ihm das Schicksal einen Strich durch die Rechnung!
Maron blickte ihn mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen an, schüttelte den Kopf.
„Ich bin nicht krank… nicht im klassischen Sinne.“ Sie nahm tief Luft und setzte sich auf die Bettkante hin.
„Okay…?“ Chiaki war verwirrt, setzte sich zu ihr dazu. „Dann…spuck es aus, Maron.“
Unsicher wich sie seinen Blicken aus, zupfte nervös an ihren Ärmeln.
„I-Ich…kann nicht...“
„Warum nicht?”
„Ich, uhm, habe...Angst?“
Du machst mir gerade Angst.“
„Du wirst ausflippen.“
„Maron…“ Er versuchte seine Geduld nicht zu verlieren. „Ich flipp jetzt schon aus“, sagte er ehrlich, legte seine Hand auf ihre, strich mit seinen Fingern beruhigend über ihre Haut.
„Bitte sag es mir“, bat er sie.
Maron biss sich zögernd auf die Lippe, nahm durch die Nase tief Luft.
„Die Medikamente wurden von…meiner Therapeutin verschrieben“, sagte sie in einem Atemzug und schloss ihre Augen, als würde sie sich auf etwas gefasst machen.
Chiaki blickte sie mit großen Augen verdutzt an.
Langsam öffnete Maron ihre Augen.
„Also…bist du nicht krank?“, fragte er.
Sie schüttelte ihren Kopf. Erleichtert seufzte er auf und sein Körper entspannte sich wieder.
„Gott, Maron! Mach das nie wieder. Du hast mir Angst eingejagt“, sagte er, fasste sich die Stirn.
„Du bist nicht…sauer?“, fragte sie, blickte ihn verwundert an.
Chiaki nahm Maron in seine Arme, schüttelte wahrheitsgemäß seinen Kopf.
Sie werden zwar darüber reden müssen, aber nicht heute. Er war zu erschöpft und müde.
Dies sagte er ihr, drückte ihr anschließend einen sanften Kuss auf den Kopf. Leise kichernd nickte Maron, schmiegte sich an seine Brust an.
Die beiden machten sich bettfertig, kuschelten sich aneinander und nahmen ihre vertraute Schlafposition ein. Mit einem leisen Seufzen vergrub Chiaki sein Gesicht in ihre weichen Haare. Wie er ihre Wärme und Sanftheit vermisst hat.
Ihre zarten Hände strichen ihm durch die Haare und innerhalb von Minuten waren sie eingeschlafen.

Samstag war sein Tag gewesen, in der er sich die Seele vom Leib geredet hatte. Sonntag war Maron dran.
Sie saßen sich wie gestern auf dem Bett gegenüber und frühstückten.
Ähnlich wie gestern, stand Maron wieder mit einem viel zu aufwendigen Frühstück vor ihm und Chiaki hoffte, dass das nicht jeden Morgen so ablief.
„Privat ist Midori ganz in Ordnung. Als Therapeutin auch, aber... naja“, erzählte sie gerade, verzog eine irritierte Grimasse.
„Midori aka. Dr. Anzai aka. ...Kaiki’s…Freundin?“
Maron nickte eifrig.
„Ursprünglich bin ich nur hingegangen, um dich anzupissen. Und um in dein Ankleidezimmer reinzukommen.“
„Ha?“
„Egal. Auf jeden Fall konnte ich Midori anfangs nicht leiden. Aber so schlecht ist sie gar nicht und zu Kaiki passt sie super. Er hatte sie mir übrigens empfohlen. Und sie ist in ihrem Beruf ziemlich gut“, erzählte sie.
In den nächsten zwei Stunden hatte Maron ihm alles über ihre Therapie, ihre Medikamente und ihren Zeitplan erzählt. Chiaki kam nicht drum rum festzustellen, wie sehr sich Maron in den letzten drei Monaten auch verändert hatte.
Sie war immer noch das ruhige, schüchterne Mädchen, welches er kennen und lieben gelernt hatte, aber sie wirkte viel... stärker und offener als vorher.
Vielleicht hatte die Zeit, in der sie getrennt waren, doch was Gutes gehabt.
Wahrscheinlich hatte die Therapie und all die Nebenaktivitäten, wie Yoga und Boxen einen großen Teil dazu beigetragen.
Für ihn war es zwar merkwürdig, dass Maron mit jemand (noch) für ihn Fremden so viel über ihre Beziehung sprach, aber er versuchte sich damit abzufinden. Denn wichtiger waren ihre Erfolge und Fortschritte, von denen sein Mädchen ihm mit Freude und Stolz in den Augen erzählte.
Das war alles, was für ihn zählte.
Lächelnd legte Chiaki seinen Kopf auf ihre Schulter ab. Maron blickte mit einem sanften Blick auf ihn herab, strich mit den Fingern sachte über seinen Nacken.
Für eine Weile sagte niemand mehr was und Chiaki genoss einfach die Nähe zu seinem Mädchen.
Leise durchbrach Maron plötzlich die angenehme Stille. „Können wir über den Tag reden, als du gegangen bist…?“
Sein Körper versteifte sich.
„Müssen wir?“, fragte er.
„Wir haben uns damals zwar entschuldigt, für das was geschehen ist, aber nicht wirklich darüber geredet. Es erscheint mir wichtig, weißt du?“
Sie blickten sich in die Augen und er konnte erkennen, dass es Maron wirklich wichtig zu sein schien. Schwer seufzend blickte Chiaki auf ihre Hand herab, die in seiner lag.
„Ich habe nichts von dem, was ich gesagt habe gemeint“, sagte er beschämt, „Die Halluzinationen und der Schlafmangel…haben mich verrückt gemacht. Ich habe meinen Frust an dir ausgelassen und war ein ziemlicher Arsch…“
Er hielt inne, dachte daran zurück, wie sie ihm mächtig eine verpasst hatte und seufzte. „Ich hatte die Ohrfeige verdient.“
Maron schüttelte ihren Kopf. „Nein, niemand verdient das, Chiaki“, sagte sie trüb und zog ihre Beine an.
„Niemand?“ Er zog eine Braue hoch. „Selbst Hijiri Shikaidou nicht?“
Maron verdrehte ihre Augen. „Du weißt, was ich meine. Ich bin nicht perfekt.“
„Hmm. In meinen Augen bist du-“
„Nein, bin ich nicht.“
Sie hob ihr Kinn, blickte ihm streng in die Augen. „Sag, dass ich nicht perfekt bin. Sag es.“
Er schüttelte stur den Kopf. „Nein.“
Genervt stöhnte Maron auf. „Es muss doch etwas an mir geben, dass dich einfach... nervt.“
Seufzend Chiaki rollte mit den Augen.
„Fein“, sagte er und überlegte, suchte nach etwas, was ihn an Maron nervt oder frustriert.
Für die ersten Momente hatte er merklich Probleme damit. Während er überlegte, sah er sie an, erwiderte ihren erwartungsvollen Blick. Dann fiel ihm etwas ein.
„Du kannst manchmal-“, fing er an und ihre Augen blickten interessiert in seine, „-ein klein wenig ziemlich...unvernünftig sein.“
Er machte sich darauf gefasst, dass sie sauer werden würde, doch stattdessen grinste sie.
„Und irrational“, fügte er hinzu.
„Ich weiß“, lachte Maron, „Ich bin durchgeknallt!“ Sie kicherte, grinste ihn breit an. „Siehst du? War doch gar nicht so schwer.“
Chiaki neigte leicht schmunzelnd seinen Kopf. „Jetzt bist du dran.“
„Hm?“
„Jetzt bist du dran.“
„Warum? Ich habe dich doch schon einen Arsch genannt. Zählt das nicht?“
„Nein“, verdrehte seine Augen. „Und wiederhol nicht das, was ich dir gesagt habe. Ich weiß schon selbst, dass ich verrückt bin.“
Maron blickte grübelnd nach oben und zur Seite. Amüsiert beobachtete er ihr Gesichtszüge, bis sie schließlich einen Einfall hatte.
„Ich hab’ was“, kündigte sie an. „Du bist zu hart mit dir selbst und du glaubst bestimmte Dinge nicht verdient zu haben... was falsch ist. Du hast so vieles verdient und noch mehr“, sagte Maron ihm sanft.
Chiaki machte ein erstauntes Gesicht. Womöglich hatte sie sich von der Therapeutin was abgeschaut.
„Darf ich was zu meiner Analyse hinzufügen?“, fragte er und sie nickte.
„Du sendest oftmals gemischte Signale, die mich ziemlich aus dem Konzept bringen“, sagte er, dachte an den Moment von vor zwei Tagen zurück, wo sie ihn förmlich gehasst hatte sowie an den gestrigen Morgen, wo sie ihm versicherte, dass sie ihn immer noch liebte.
Es war verwirrend für ihn.
Maron verzog ihr Gesicht zu einer leicht beschämten Grimasse und rollte mit den Augen.
„Ich sagte doch, ich bin durchgeknallt“, sagte sie und ließ sich rücklings auf die Matratze fallen.
Chiaki sah, wie sie gedankenlos zur Decke starrte und mit ihren Haaren spielte.
„Hey.“ Er beugte sich über sie.
„Ich denke nicht, dass du durchgeknallt bist“, sagte er sanft, „Du magst zwar nicht perfekt sein, aber für mich bist du das.“ Er legte ihr einen Finger auf die Lippen, als sie etwas erwidern wollte.
„Egal, wie durchgeknallt du bist. Für mich bist du dennoch perfekt“, flüsterte er fast. Er fuhr mit seinem Finger ihren Hals herab, traf auf dünnes, kühles Metall auf ihrer warmen Haut.
Mit einem erleichterten Lächeln fischte er ihre Kette heraus, die er ihr zu Valentinstag geschenkt hatte.
„Was?“ Maron lächelte verwirrt, sah zwischen ihm und dem Anhänger hin und her. „Ich habe sie nie abgenommen.“
Sie blinzelte und blickte durch ihre langen, dichten Wimpern zu ihm auf. Dieser Blick allein, würde ihn immer auf die Knie zwingen.
Doch stattdessen beugte Chiaki sich weiter zu ihr herunter und berührte ihre Lippen mit seine. Er ließ ihre Kette los und legte seine Hand auf ihre Wange.
Maron küsste ihn liebevoll zurück. Es war ihr erster Kuss, seit er zurückgekehrt war. Und er fühlte sich genauso unglaublich an, wie ihr erster.
Sanft küsste er ihre warmen Lippen, während sie ihre Arme um seinen Nacken legte und mit den Fingern durch seine Haare fuhr. Er spürte, wie sie gegen seine Lippen lächelte.
„Ich liebe dich“, wisperte sie.
„Ich liebe dich auch“, hauchte er zurück, drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen, ehe sie sich voneinander lösten. „Über alles.“
Chiaki ließ sich neben sie nieder, legte seinen Kopf auf ihre Schulter ab, während Maron seine Hand nahm und mit dem Ring an seinem Finger spielte
Vollkommen zufrieden lagen die beiden da, auf dem Bett, umhüllt von der angenehmen Stille. Es fühlte sich an, als wäre beiden ein enormes Gewicht von den Schultern genommen worden.
Besonders Chiaki fühlte sich um Tonnen leichter in der Brust.
Sie hatten immer noch ihre Probleme und Konflikte, aber das konnten sie zusammen überwinden. Keiner von ihnen würde irgendwo weggehen.
Er war immer noch ihr total verrückter Freund und sie war sein Mädchen.
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