Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
Alle Kapitel
161 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
27.11.2020 3.494
 
FITFY-TWO

„Verdammt...“, fluchte Chiaki, nachdem Maron ihm die Tür vor die Nase zugeknallt hatte und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen weg.
Er hatte es satt zu heulen.
Er hatte es satt alles jedes Mal wieder zu vermasseln.
Sie hasste ihn. Diesmal hasste sie ihn wirklich.
Ihr Wiedersehen -ihre Reaktion- war schlimmer, als er es sich jemals vorgestellt hätte.
Die Tatsache, dass Kaiki ihn zurückgenommen hatte, hatte ihm die falsche Hoffnung gegeben, dass Maron ihn ebenfalls zuhören und verstehen würde. Aber sie tat es nicht und man konnte es ihr nicht verübeln.
Er war ein Arsch.
Alles was sie gesagt hatte, war wahr. Er ging, ohne ansatzweise mit ihr zu kommunizieren.
Wie konnte sie etwas anderes als Hass für ihn empfinden?
Sie hatte diese Leere in ihren braunen Augen, als sich ihre Blicke trafen und er wusste, dass er angearscht war.
Es erinnerte ihn daran, wie sie in der ersten Nacht aussah, als sie sich kennenlernten: müde, benommen und starr.
Existierte - lebte aber nicht.
Sie war dünn. Zu dünn. Und blass.
Und trotzdem war sie immer noch das wunderschönste Wesen, was Chiaki je gesehen hatte.
Ein vertrautes Seufzen, machte ihn auf Kaiki’s Anwesenheit auf der Treppe aufmerksam. Großartig, dachte Chiaki sich, war verbittert darüber, dass sein Vater etwas von dem, was eben passiert ist, gesehen hatte.
Er sah nicht zu ihm auf. „Sie hasst mich...“, murmelte er niedergeschlagen.
Ein weiteres Seufzen war zu hören. Nur nicht von seinem Vater.
„Ich rede mit ihr.“ Überrascht schnellte Chiaki seinen Kopf hoch, blickte mit Angst in den Augen zu Takumi auf. Er war sich sicher, dass ihr Vater ihn diesmal wirklich umbringen würde.
Aber zu seiner Fassungslosigkeit hatte Takumi’s Gesichtsausdruck was Ruhiges, Verständnisvolles - nichts Verachtendes, wie Chiaki erwartet hätte.
Er verstand es nicht. Schließlich müsste er ihn auch hassen. Schließlich hatte er seiner Tochter weh getan und ihr das Herz gebrochen.
Takumi ging zur Tür und klopfte. Er klopfte erneut, während Maron lautstark auf der anderen Seite protestierte.
Geduldig wartete er, klopfte wieder nach einigen Momenten. Diesmal war ein Klicken zu hören und Takumi machte die Tür auf, ging rein und schloss sie wieder.
Kaiki trat an Chiaki’s Seite, blickte mit ihm auf die Tür. Es war nichts von der anderen Seite zu hören.
Plötzlich drang ein wütender, ohrenbetäubender Schrei durch die Wände.
„Wollt ihr mich verarschen?!?“

Vier Stunden vergingen und Takumi war immer noch nicht rausgekommen. Was Chiaki mit jeder vergehenden Minute noch mehr beunruhigte.
Kaiki hatte versucht ihn dazu zubringen Abend zu essen, welches Sakura vorbeigebracht hatte, aber er hatte keinen Appetit. Zu groß war seine Nervosität.
Nach dem Schrei war es wieder ruhig gewesen und Chiaki wusste nicht, ob er die Stille eher bevorzugte.
Miyako war er kurz begegnet, die ihn begrüßte und eine Sporttasche vor seinem/Maron’s Zimmer abstellte. „Hat sie bei mir im Auto vergessen“, war die simple Erklärung.
Chiaki entschied sich dazu in dem Gästezimmer, welches neben Maron war, für die Nacht zu bleiben. Er verbrachte seine Zeit damit sich zu überlegen, wie er es bei ihr wieder gut machen konnte.
Er hatte schließlich alle Zeit der Welt dafür. Sie lebten im selben Haus.
Sie konnte ihm nicht für immer aus dem Weg gehen. Und er würde alles für sie tun. Ihr alles geben, was sie brauchte.
Ein Glas für sie aufmachen, das Geschirr vom obersten Schrank holen... Sie brauchte nur zu fragen und er würde sich auf jeglicher Art und Weise erniedrigen. Er würde sogar Dreck für sie essen, wenn sie das von ihm verlangen würde.
So hoffnungslos, erbärmlich und armselig das alles auch klang... das war nun mal der Effekt, den Maron auf ihn hatte. Mit einem Blick konnte sie ihn auf die Knie zwingen und er würde sich ihr unterwerfen.
Es war eine schmale Grenze zwischen Akzeptanz und Entschlossenheit, auf die Chiaki sich befand. Akzeptanz für den deprimierenden Fall, dass Maron vielleicht nie wieder sein Mädchen sein würde. Diese Vorstellung war undenkbar.
Und Entschlossenheit für den Fall, dass er eventuell doch noch eine Chance erhielt.
Im Übrigen gab es noch so viel, was Chiaki noch wissen wollte. Er hatte in den letzten drei Monaten so unglaublich viel von allem verpasst und jetzt fühlte er sich wie ein Außenseiter, den er ausnahmsweise mal nicht sein wollte.
Gegen zehn hörte Chiaki, wie Takumi aus dem Zimmer rauskam und wenige Momente später aus dem Haus ging.
Eben lag er noch auf dem Gästebett, im nächsten Moment hatte er sich aufgesetzt und überlegt, ob er zu ihr gehen sollte. Doch er argumentierte mit sich selbst, dass es höchstwahrscheinlich besser war Maron erstmal in Ruhe zu lassen.
Es war das einzig Richtige, was er im Augenblick tun konnte. (Auch wenn es Scheiße war.)
Letztendlich lag Chiaki auf dem Bett, sah auf dem schwachen Lichtstreifen unter der Tür und hoffte, dass sie eventuell später in der Nacht rauskam.
Er wusste nicht, ob sie schlafen würde. Er zumindest konnte das nicht, solange sie noch nicht wieder mit ihm geredet hatte.
Chiaki wusste, dass seine Albträume schlimmer sein werden, nachdem er sich dazu entschieden hatte seine Mutter zu verlassen.
Er dachte über Maron’s Erinnerungen und Albträume nach, stellte sich anschließend vor, wie sie allein einschlief und verängstigt aufwachte. Und die Vorstellung allein schmerzte in seiner Brust.
Er würde zu ihr gehen, wenn dies der Fall war. Er würde die verdammte Tür einbrechen und sich zu ihr legen, um ihr Schlaf zu geben.
Wenn man ihn dann umbrachte, war es das zumindest wert gewesen.

Um Mitternacht flatterten seine Augenlider zu und seine ruhige Atmung wiegten ihn nahezu in den Schlaf. Die Fahrt hatte ihn ermüdet.
Gerade als Chiaki dachte mit dem Warten aufzugeben, sah er einen Schatten unter seiner Tür, der an ihm vorbei ging.
Er schoss sofort hoch, so schnell, dass sein Kopf sich drehte. Er hörte, wie ihre sanften Schritte sich die Treppe hinunterbegaben.
Vorsichtig verließ Chiaki das Gästezimmer und entschied sich dazu ihr zu folgen.
Leise ging er durch das dunkle Haus, in der Erwartung Maron in der Küche zu finden, aber der Raum war genauso dunkel und leer, wie alles andere. Instinktiv begab er sich nach draußen und sein Herz klopfte stark, als er ihre Silhouette im Park hinten sah.
Dieser Ort war bedeutsam für sie -für sie beide- und zum ersten Mal seit ihrer Konfrontation, spürte Chiaki einen Hoffnungsschimmer.
Dann erinnerte er sich an ihre Worte von vor ein paar Stunden zurück und wie sie ihm im Grunde genommen sagte, dass sie ihn hasste...
Ihm wurde übel.
Chiaki schluckte und ging zu ihr, machte sich auf das Ende von allem gefasst. An dem Ort, wo alles begann.
Sie stand am Flussufer, blickte auf das strömende Wasser herab, als er ihre Bank erreichte und sich langsam auf seiner Seite hinsetzte.
Maron rührte sich nicht, stand mit gefalteten Armen an Ort und Stelle.
Mit einem leisen Seufzer drehte sie sich schließlich zu Chiaki um. Sie erwiderte seinen Blick nicht, während sie sich ihm näherte und anschließend einen Baum wählte, an den sie sich anlehnte.
Sie wollte eindeutig nicht in seiner Nähe sein, was ihm einen weiteren Stich im Herz verursachte.
Dann fiel ihm auf, dass etwas auf dem Tisch lag. Es sah aus wie ein dicker, großer Umschlag.
Zögernd reichte Chiaki nach dem Umschlag und öffnete ihn, während Maron starr auf den Fluss schaute.
Unzählige Papiere fand er vor und Seiten von seinen Kreditkartenabrechnungen der letzten drei Monate.
Er versuchte im Mondlicht alle einzelnen Einkäufe, die er getätigt hatte zu lesen, um ansatzweise eine Vorstellung zu bekommen, was in ihrem Kopf vorging. Allerdings wurde er mit jeder Seite nicht schlauer als vorher. Er hatte keine Ahnung, was sie von ihm wollte.
Ihre Gedanken lesen zu können, wäre vom Vorteil…
Fragend sah Chiaki zu ihr rüber. Sie erwiderte nach wie vor nicht seinen Blick.
„Du hast mich verlassen“, wisperte Maron plötzlich, klang vorwurfsvoll. Ihre Arme um ihren Oberkörper spannten sich an.
„Ich bin jetzt hier“, erwiderte er, unfähig ihr zu widersprechen.
Abrupt schnellten ihre Augen zu ihm hin, trafen auf seine.
„Du kapierst es nicht“, fuhr sie ihn an, „Du hast... mich einfach verlassen. Wenn du mir deinen Ring ins Gesicht geworfen und gesagt hättest, dass es vorbei sei, wäre ich besser dran gewesen!“ Maron atmete einmal tief durch und ihre Stimme wurde trauriger.
„Zumindest hätte ich dann-…“ Ihre Stimme brach und sie wandte ihren Blick von ihm ab, zurück zum Fluss.
Für einige Moment wusste Chiaki nicht, was er sagen sollte. Was er ihr erwidern sollte, um halbwegs das zu retten, was von ihrer Beziehung noch übrig war.
Im Grunde genommen hatte Maron zugegeben, dass sie dachte, dass er alles beenden wollte. Und Gott weiß, wie lange sie das dachte... Es steigerte nur seine Wut und seinen Hass auf sich selbst.
Die Tatsache, dass seine Zukunft mit ihr schlicht und ergreifend von dieser Konversation gerade abhängt, ließ ihn nicht besser fühlen. Der Druck war enorm.
Vorsichtig wählte er seine Worte bewusst aus, mit der Hoffnung, dass sie ihn verstand.
„Nur weil ich weg war, hieß es nicht, dass ich nicht dein war.“ Er wollte sie wirklich fragen, ob sie noch sein war, aber er war noch nicht bereit für die Antwort darauf.
Maron stand bewegungslos gegen den Baum gelehnt. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Anzeichen darauf, dass sie sich einen Dreck um seine Worte scherte.
„Du bist ein Arsch“, sagte sie.
Chiaki senkte seinen Kopf. „Ja...“, stimmte er seufzend zu. „Aber ich versuche keiner zu sein.“
Ihre Haare wehten ihr ins Gesicht und der Drang war groß aufzustehen und ihr die Strähnen zurück zu streichen.
„Du hättest mich nicht ausschließen sollen.“ Noch immer weigerte Maron sich Chiaki’s Blicke zu erwidern. „Ich hätte es verstanden, wenn du einfach... angerufen hättest oder so, aber-“ Sie hielt abrupt inne und verstummte, sprach nicht weiter.
Das Schweigen zog sich hin und Chiaki war etwas frustriert darüber, dass sie ihren Satz nicht beenden konnte. Er zog es in Erwägung ihr bestmöglich zu erklären, was er durchgemacht hatte und wieso er jetzt hier -bei ihr- war. Er musste sie wissen lassen, dass er sie nicht ausschließen wollte.
Mit einem tiefen Atemzug begann er zu sagen: „Als ich in Yokohama war und meine Mutter fand, war sie sehr-“
Sie unterbrach ihn knapp. „Mein Vater hat mir alles erzählt.“
***

„Mein Vater hat mir alles erzählt“, fiel ihm Maron ins Wort, wusste nicht, ob sie sich das alles nochmal anhören konnte.
Als Takumi zuvor in ihr Zimmer reinkam, hatte sie erwartet, dass er Chiaki’s Anwesenheit und Gefühle zu ihr kritisieren und ablehnen würde. Das hätte ihr schlechtes Gewissen zumindest beruhigt, dass sie ihn weinend und gebrochen im Flur stehen ließ.
Umso größer war ihre Perplexität, als ihr Vater Chiaki in Schutz nahm.
„Er hatte viel durchgemacht“, hatte er ihr gesagt und anschließend alles erzählt, was er von Kaiki wusste.
Maron verstand seinen plötzlichen Sinneswandel nicht, bis ihr es nach einiger Zeit klar wurde. In dem Moment hatte er nicht die überfürsorgliche Vaterrolle eingenommen, der seine Tochter vor einem Jungen beschützen will, sondern die Rolle eines Vaters, der Mitleid mit einem verlorenen Jungen hatte.
Stundenlang musste sie sich anhören, was Chiaki in den letzten drei Monaten durchgemacht hatte. Wie unfähig seine Mutter war, für sich selbst zu sorgen und wie er sich verpflichtet gefühlt hatte, sich um sie zu kümmern.
Sie verstand diese Frau nicht. Wie konnte man aus Trauer und Verzweiflung sein eigenes Kind vernachlässigen? Noch immer hasste Maron sie mit jeder Faser ihres Daseins. Sie verspürte kein Mitleid mit dieser Frau.
Doch sie verspürte Mitleid mit Chiaki. Sie konnte ihn verstehen, wieso er sich für seine Mutter entschieden hatte.
Was sie nicht verstand war, wieso er sich abgeschottet hatte. Noch schlimmer – sie konnte nicht verstehen, wieso er jetzt zurückgekehrt war.
Langsam drehte Maron sich zu Chiaki um, der nach wie vor auf seinem Platz auf der Bank saß. Den Blick auf den Tisch gesenkt. Seine Haare waren etwas länger, verdeckten seine Augen vor ihr.
„Du wirst wieder gehen“, sagte sie, war sich dem sicher. Sein Kopf schnellte hoch und er sah sie erschrocken sowie verwirrt an. „Du weißt, dass sie da draußen ist und dass sie dich braucht“, erklärte Maron. „Du wirst wieder zu ihr zurückkehren“, flüsterte sie resigniert, konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht verbergen.
Lange hatte sie darüber nachgedacht und kam immer zum selben Ergebnis: dass er wieder gehen würde.
Chiaki schüttelte verneinend den Kopf, worauf sie ebenfalls den Kopf schüttelte.
„Du tust so, als wärst du der Einzige, der jemals seine Mutter verloren hatte“, sprach sie bitter weiter und mit Gift in der Stimme, blickte ihm fest in die Augen. Tränen verschwammen ihre Sicht, die sie sich energisch wegblinzelte.
Er zog scharf Luft ein. Es wurde für einige, lange Sekunden still zwischen ihnen.
Maron nahm einige tiefe Atemzüge, versuchte ihre Emotionen im Zaum zu halten – was einfacher gesagt war als getan.
Monatelang hatte sie sie unterdrückt, selbst bei ihren Gesprächen mit Midori und nun konnte sie sie nicht mehr kontrollieren.
Sie wandte ihren Blick von seinen traurig schauenden Augen ab. Er schien zu verstehen, was sie mit ihrer Aussage sagen wollte.
„Du würdest dich für deine Mutter entscheiden“, sprach Chiaki sanft, worauf ihr ein lauter Schluchzer aus der Brust entkam. Selbst wenn Maron es leugnen wollte, so konnte sie nicht.
Ihre Liebe zu Chiaki war endlos, aber sie würde alles für einen Moment mit ihrer Mutter hinschmeißen. Es war unverzeihlich und selbstsüchtig.
Sie konnte sich nicht mal an ihre letzten Worte an ihre Mutter erinnern. Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, um wieder das sorglose sechszehnjährige Mädchen sein zu können, die ihre Mutter als ihre beste Freundin hatte, dann hätte sie es getan. Sie hätte alles dafür gegeben und aufgegeben.
Weinend rutschte Maron zu Boden, zog ihre Beine an die Brust und schlang ihre Arme fest um die Knie. Sie legte ihre Stirn auf ihre Knie ab, hörte nichts außer ihr eigenes Schluchzen, weshalb sie nicht mitbekam, wie Chiaki aufsprang und auf sie zukam.
Sie spürte, wie er sich davon abhielt sie anzufassen.
„Es ist okay…“, sagte er tröstend sanft.
Maron schüttelte ihren Kopf, sah nicht zu ihm auf. Es war nicht okay.
Nach einigen stillen Moment spürte sie, wie er näher zu ihr heranrückte, sich neben sie hinsetzte und nach ihr reichte. Sie wehrte sich nicht, als seine Arme sich um sie legten und ihren Körper in diese vertraute, sehnsüchtige Wärme einbetteten. Sie lehnte sich zu ihm hin, spürte, wie er erleichtert ausatmete und sie anschließend auf seinen Schoß zog.
„Es ist okay“, wiederholte Chiaki sanft, strich ihr sachte über den Rücken. Maron spürte, wie er sein Gesicht in ihre Haare schmiegte und tief einatmete. Er drückte sie enger an sich.
„Wenn es möglich wäre und ich es dir ermöglichen könnte, würde ich sowieso wollen, dass du dich für sie entscheidest“, sagte er und ihr Schluchzen wurde lauter. Die Tränen stoppten nicht.

Nach einer langen Weile hatte Maron womöglich alle Tränen ausgeheult, die sich in den Monaten angestaut hatten. Gedankenverloren hatte sie ihre Wange an seiner Brust ruhen und starrte auf den Fluss. Noch immer strichen seine Hände ihr im Rhythmus über die Haare und über den Rücken.
Der Moment wäre unter anderen Umständen perfekt gewesen. Aber in ihrem Kopf schwirrten noch zu viele Fragen.
„Warum hast du mich nicht angerufen... oder mir geschrieben? Oder irgendwas...“
„Ich war verdammt schwach, Maron“, wisperte Chiaki, „Ich bin mir nicht sicher, wie ich es rechtfertigen kann... Es gab womöglich Millionen von Gründen…“ Er seufzte schwer. „Ich wollte dich nicht belasten...“
Still seufzend nahm sie seine Antwort zur Kenntnis. Es war wieder ruhig zwischen ihnen und ihre Augen wurden schwer.
„Du irrst dich, als du sagtest, dass ich dich wieder verlassen würde. Denn das werde ich nicht“, versprach Chiaki ihr, „Ich werde das wieder gut machen, du wirst schon sehen. Selbst wenn-...selbst wenn du mich jetzt hasst“, flüsterte er kaum hörbar.
Maron verdrehte ihre Augen und presste sich noch näher an ihn ran, als es noch möglich war.
„Ich hasse dich nicht“, sagte sie. Ich liebe dich, du melodramatischer Mistkerl, dachte sie sich im Stillen.
„Wirklich?“, fragte er unsicher, aber hoffnungsvoll.
„Ich hasse nicht dich, Chiaki. Ich hasse es, dass du mir das Herz gebrochen hast.“
Er versteifte sich für einen Moment, ehe seine Arme sich enger um sie legten.
„Scheiße... Es tut mir so verdammt leid, Maron. Glaub mir, bitte. Ich wollte nie-…“ Kurz hielt er inne und atmete durch. „Von jetzt an will ich dich immer glücklich machen. Sag mir einfach nur wie und ich werde es tun.“
Er klang erschöpft und müde. Sie seufzte, war selbst vollkommen ausgelaugt.
„Ich bin müde. Ich will ins Bett“, kündigte sie an, drehte ihren Kopf zu seiner Brust, atmete seinen Duft ein.
Chiaki half ihr auf die Beine, ließ Maron zögernd los. Seine Augen waren immer noch traurig und betrübt, während er sie ansah.
Ohne zweimal nachzudenken, nahm Maron seine Hand und führte ihn in die Villa zurück.
Schweigend liefen sie nebeneinanderher. Leise betraten die beiden das Haus und sie ließ seine Hand los, als sie die Treppen hochstieg. Unauffällig blickte Maron über ihre Schulter, sah seine Enttäuschung über den Kontaktverlust.
Im zweiten Stock angekommen, blieben sie vor der Zimmertür stehen.
„Können wir morgen reden?“, fragte Chiaki leise.
Maron rollte ihre Augen, nickte. Ein trauriges Lächeln war auf seinen Lippen, ehe es verschwand und mit einer ausdruckslosen Maske ersetzt wurde. „Gute Nacht.“
Gerade als er sich umdrehen wollte, packte sie ihm am Ärmel, zog ihn zu sich zurück. „Moment.“
„Was?“, fragte er verwirrt.
Wieder verdrehte sie ihre Augen.
„Ich sagte, ich bin müde. Ich will schlafen.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Du sagtest, du würdest alles tun, um mich glücklich zu machen, richtig?“
Seine Augen wurden groß, ehe Chiaki sich unbeholfen durch die Haare fuhr.
„Das ist wahrscheinlich keine gute Idee...ich meine-“ Er brach unsicher ab, blickte die Treppen runter. Machte er sich ernsthafte Sorgen darüber?
Maron schnaubte spöttisch.
„Erstens: Du und ich sind achtzehn.“ Sie machte die Tür auf und zog ihn mit rein. „Zweitens: mein Vater ist nebenan daheim und was er denkt, geht mich ein Scheißdreck an. Und drittens: dein Vater würde womöglich eher ‘ne Party schmeißen, weil wir endlich Schlaf bekommen.“
Sie schmiss Chiaki ein paar seiner Sachen zum Schlafen zu, die noch immer auf dem Boden lagen und drehte sich zu ihm um.
Der Schock, das Entsetzen und die Reue in seinem Gesicht überraschte sie.
„Ich habe deinen Geburtstag verpasst...“, sagte er fassungslos. Maron nickte, zuckte mit den Schultern und ging ins Bad, um sich umzuziehen.
Den Schmerz an ihrem Geburtstag schluckte sie sich runter. Es war ein unspektakulärer Tag gewesen, in der jeder versucht hatte ihre Stimmung zu heben. Erfolglos.
Als Maron aus dem Bad trat, stand Chiaki umgezogen mitten im Raum. Es war so ungewohnt ihn wieder innerhalb dieser vier Wände zu sehen - und gleichzeitig gehörte er hierhin.
Als ihre Blicke sich trafen, wurde sie rot. Aus Gewohnheit hatte Maron sich ein T-Shirt und eine Boxershorts von ihm angezogen. Sie fühlte sich wohl in seinen Sachen, aber gerade spürte sie, wie unter seinen Blicken die Hitze ihre Wangen hochschoss.
Schnellen Schrittes ging sie zum Bett und schlüpfte unter die Decke. Er folgte ihr.
Langsam stieg Chiaki ins Bett, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden und legte sich neben sie hin.
„Du weißt“, begann Maron zu sagen, spürte, wie er seinen Kopf zu ihr drehte, „Das macht noch lange nicht alles gut“, warnte sie ihn und schaute ihn an. Seine Augen blickten eindringlich in ihre.
„Ich will...Ich will nur keine Missverständnisse“, stellte sie klar, auch wenn alles in ihr nach Schlaf, Komfort und seiner Zuneigung schrie.
Chiaki nickte verstehend.
In dem Moment, als Maron sich zur Seite drehen wollte, hörte sie ihn flüstern: „Denkst du...uhm...“ Sie sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Denkst du, ich habe noch eine Chance?“
Stirnrunzelnd blickte sie Chiaki an. Sie dachte über die Wahrscheinlichkeit nach, dass Chiaki hier war und sein Versprechen, nie wieder zu gehen, halten würde. Und sie wusste, dass er die Chance hatte.
Er hatte jede Chance von ihr.
Schließlich hatte er schon ihr Herz und ihre Seele. Es war unmöglich, diese Sehnsucht nach Glück und Liebe zu bekämpfen. Besonders jetzt, wo Maron wusste, wie es ist ohne zu leben.
Ohne Glück.
Ohne Liebe.
Ohne ihn.
Auf seine Frage nickte sie nur und er entspannte sich merklich.
Erleichtert und dankbar schloss Chiaki seine Augen, drehte sich zu ihr um und legte einen Arm um sie, zog sie zu sich. Das Gefühl seines Körpers an ihren, seines Herzschlages auf ihrem Ohr, war vertraut, wohltuend und richtig.
Seine Hände strichen in einem sanften Rhythmus durch ihre Haare. Sie tat dasselbe.
Seine Haare fühlten sich weich unter ihren Fingern an. Die Länge war etwas ungewohnt, aber auch beruhigend.
Er hatte sich nicht nur äußerlich, aber auch innerlich verändert. Das hatte sie gemerkt.
Und sie würde morgen sehen, wie ernst er es mit seinem Versprechen meinte.
Maron spürte, wie Chiaki seine Lippen auf ihren Kopf drückte, bevor sie in den Schlaf wegdriftete.
Sie lächelte.
Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich ihr Lächeln natürlich und ungezwungen an.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast