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Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
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Dieses Kapitel
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20.11.2020 3.650
 
FIFTY-ONE

Mit Maximalgeschwindigkeit und ohne Pausen hatte Chiaki es in drei Stunden nach Momokuri geschafft. Tempomat sei Dank.
Die Sonne ging gerade auf, als er endlich ankam.
Nervlich war er ein riesiges Durcheinander. Ein Wrack.
Die ganze Fahrt über hatte er sich nur darauf fokussiert ans Ziel zu kommen, ohne darüber nachzudenken seine Rückkehr eventuell anzukündigen.
Es war gerade neun Uhr – was bedeutete, dass alle entweder in der Schule oder auf der Arbeit waren. Planlos starrte er auf sein Handy auf der Ladestation runter, welches er zum ersten Mal seit zwölf Wochen auflud.
Er näherte sich der vertrauten Straße, die ihn zu der vertrauten Nachbarschaft führte. Es hatte sich nichts verändert, außer dass überall mehr Blumen wuchsen, die farbenfroh leuchteten und die Bäume stolz ihre Blätter zeigten.
Als er ging, war alles noch kahl und leer gewesen.
Seine Mundwinkel zuckten nach oben, als er abbog und die Villa in sein Blickfeld trat. Genauso wie das Nachbarhaus.
Ihm fiel auf, dass das Auto seines Vaters in der Einfahrt stand, neben dem freien Platz, wo für gewöhnlich auch sein Wagen stand. Es war womöglich besser, wenn Chiaki ihn zuerst antraf.
Er parkte auf seinen Platz, warf einen Blick auf den Rückspiegel und strich sich eine Hand durch die Haare, die für seinen Geschmack ein paar Zentimeter zu lang geworden sind. Dauernd fielen ihm ein paar Strähnen ins Gesicht. Seine Augen waren immer noch geröteten von dem tränenreichen Abschied und dunkle Ringe zeichneten sich durch den Schlafmangel unter ihnen ab.
Tief atmete Chiaki ein und aus. Er war furchtbar nervös Kaiki wieder gegenüberzutreten.
Nachdem er sich über die Haare und über die Klamotten gestrichen hatte, stieg Chiaki endlich aus, nahm einen tiefen Atemzug von der frischen Luft.
Ein heimisches Gefühl überkam ihm. Ja - er war definitiv zu Hause.
Mit Herzklopfen näherte er sich der Villa und klopfte an der Tür. Auch wenn es sein Zuhause war, so wusste er nicht, ob er willkommen war oder nicht. Außerdem wollte er auch nicht einfach so reinplatzen.
Nach einigen Sekunden, die sich für ihn wie eine Ewigkeit anfühlten, öffnete sich schließlich die Tür.
Kaiki starrte ihn erschrocken und verdutzt an, während Chiaki unbeholfen seine Hände in die Jackentaschen steckte, nicht wissend was er sagen soll.
Es war für einige unangenehme Sekunden still bis Chiaki mit dem Ersten, was ihm einfiel das Schweigen durchbrach. „Hi?“
Sein Vater blinzelte ihn nach wie vor verdutzt an. „Hi?“, wiederholte er und seine Lippen zuckten zu einem kleinen Lächeln hoch.
„Ich hatte Angst, du würdest arbeiten“, murmelte Chiaki und blickte ihm über die Schulter, schaute fast sehnsüchtig ins Innere der Villa.
„Ich werde später Schicht haben“, antwortete Kaiki ihm leicht zerstreut und musterte ihn mit einem kalkulierenden Blick. Dann schnappte er kaum hörbar nach Luft und trat zur Seite. „Entschuldige. Komm doch rein. Bitte“, sagte er mit hastiger Stimme.
Chiaki seufzte erleichtert, als er seine Hände aus den Taschen nahm und nach vorne schritt.
Kaiki lief voraus und führte ihn ins Wohnzimmer.
Es hatte sich soweit nichts verändert.
Mit einem schmalen Lächeln wies Kaiki ihn wortlos an, sich aufs Sofa zu setzten, während er den Sessel gegenüber nahm.
„Wie geht es dir?“, fragte Kaiki wie beiläufig, aber mit einem achtsamen, vorsichtigen Blick.
„Ganz okay“, zuckte Chiaki mit den Schultern. „Dir?“ Er hasste die Art und Weise, wie sie einander wie ein rohes Ei behandelten.
„Gut“, nickte Kaiki, rieb sich die Stirn. „Wie lange wirst du in der Stadt sein?“, fragte er auf einmal, schaute ihn direkt an, „Wo wirst du bleiben?“
Chiaki weitete erschrocken seine Augen. „Was bringt dich dazu, zu denken, dass ich nicht hierbleibe?“
„Du hast geklopft“, antwortete er mit hochgezogener Augenbraue, machte mit der Hand eine klopfende Geste in der Luft.
Tief atmete Chiaki aus, strich sich durch die Haare. „Ich wusste nicht, ob ich willkommen war“, gestand er.
Kaiki stieß einen nahezu traurigen Seufzer aus. „Das war schon immer dein Zuhause, Chiaki...“, erwiderte er, räusperte sich und fasste sich wieder. „Also, was brauchst du?“, fragte er plötzlich.
Chiaki machte ein verwirrtes Gesicht.
„Geld? Dokumente? Klamotten?“ Kaiki sah ihn mit einer blanken Miene an.
„Was...?“ Kopfschüttelnd rieb Chiaki sich den Kopf, als er sah, wie sein Vater schon nach seiner Brieftasche griff. „Mein Gott, ich will dein Geld nicht!“
Er war enttäuscht und verletzt darüber, dass Kaiki ehrlich davon ausging, dass er wegen sowas hier war.
„Könnte es nicht sein, dass ich einfach nach Hause kommen wollte?“
Kaiki hielt für einen Moment wie erstarrt inne, ehe er einen entschuldigenden Gesichtsausdruck machte.
„Tut mir leid“, sagte er beschämt, lehnte sich an die weiche Lehne zurück. „Ich hätte keine voreiligen Schlüsse ziehen sollen. Ich denke, es ist nur-…“ Seufzend brach er ab und verstummte.
Es wurde still zwischen ihnen.
Chiaki beugte sich nach vorne, die Ellenbogen auf die Knie abgestützt und sah auf seine verschränkten Hände vor sich herab, als er schließlich sagte:
„Mutter ist Alkoholikerin.“
Überrascht, verwirrt sowie schockiert schossen Kaiki’s Augenbrauen hoch.
Tief atmete Chiaki durch und begann ihm alles zu erzählen. Alles.
Angefangen vom Feuer bis zum heutigen Tag.
Er erzählte Kaiki alles aus seiner Sicht und versuchte es auch von Kyoko’s Sicht zu erklären, obwohl Chiaki es leid war, darüber zu reden und bereit war es hinter sich zu lassen.
Sein Vater war sichtlich verblüfft, als er über das Feuer und alles, was danach geschah, sprach.
Gebannt hörte Kaiki ihm zu, stellte keine Fragen und Chiaki versuchte sein Bestes, um sicherzugehen, dass er am Ende auch keine haben würde.
Als Chiaki schließlich zu dem Punkt kam, in der er ihm von seinem Aufenthalt in Yokohama erzählte, weitete sich seine Augen, als er ihm den Zustand seiner Mutter schilderte.
Er erzählte ihm, wie er sich um sie gekümmert hatte, ihr helfen wollte und wie sie ihn immer abwies. Wie ein Wasserfall sprudelte einfach alles aus ihm heraus - redete sich jedes Fünkchen Last von der Seele.

Nach ein oder zwei Stunden -Chiaki konnte es nicht genau sagen- gab es nichts mehr, was er noch zu sagen hatte. Er lehnte sich in die Lehne des Sofas zurück, wartete darauf, dass Kaiki etwas sagte.
Dieser ging alles Gesagte für einige Moment durch den Kopf durch. Blickte ihn seufzend mit einem durchdringenden und gleichzeitig mitleidigen Ausdruck an.
Er richtete sich in seinem Sessel auf. „Danke“, sagte Kaiki in einem aufrichtigen Ton und lächelte ein kleines Lächeln. Chiaki spürte, wie die verlegene Hitze in ihm hochstieg.
Kaiki räusperte sich.
„Wir könnten später mehr darüber reden, wenn du ausgeruhter bist“, sagte er und fügte hinzu. „Wenn du möchtest.“
Chiaki war sich nicht sicher, was noch darüber zu bereden war, aber er nickte zustimmend.
Sie standen beide auf, doch Kaiki hielt noch inne. „Du bist sicher, dass du hier wirklich bleiben willst?“
Stöhnend rollte Chiaki mit den Augen. „Ja. Ich möchte wieder hier leben“, versicherte er ihm und wurde etwas rot.
Ein herzerwärmendes Lächeln bildete sich auf Kaiki’s Lippen und er ging auf ihn zu, schloss ihn in eine Umarmung. „Willkommen zu Hause, Sohn.“
Peinlich berührt erwiderte Chiaki die Umarmung. „Dad…“
Sie lösten sich voneinander und sein Vater machte im nächsten Augenblick einen Gesichtsausdruck, den Chiaki nicht deuten konnte. Als hätte er was Wichtiges vergessen. Er beobachtete ihn dabei, wie er die Treppen hochsah.
„Ich...uhm, muss noch einen schnellen Anruf machen. Warte kurz“, sagte Kaiki ihm und verschwand nach oben. Chiaki hörte, wie er in sein Büro ging.
Stirnrunzelnd sah er ihm hinterher, wartete.
Seine Gedanken ging unbewusst an seine Mutter und er fragte sich, wie es ihr ging und was sie gerade tat. Er konnte sich vorstellen, dass sie am Morgen schon was getrunken hatte -so wie sie es immer tat- und sofort stieg das Gefühl von Sorge und Panik in ihm hoch.
Millionen von Szenarios gingen ihm durch den Kopf, die größtenteils zwar absurd waren, aber seine Sorgen in keinerlei Weise minderten.
Was ist, wenn sie mal die Treppe statt des Fahrstuhls nahm und runterfiel? Was ist, wenn sie an ihrem eigenen Erbrochenen erstickte, wenn sie abends bewusstlos war? Was ist, wenn sie nicht genug aß und verhungerte? Was ist, wenn...
Was ist, wenn etwas passiert und er nie davon erfahren würde. Sie hatte niemand, der ihr helfen könnte…
Es gab nur eine Möglichkeit, in der er sich versichern konnte, dass man sich um sie kümmern würde. Er bräuchte Kaiki nur darum zu bitten ein paar Anrufe zu tätigen, eine Pflegekraft nach ihr zu schicken und dass man für ihn eventuell auf ihr Wohlergehen achtgab.
Chiaki wusste, dass sein Vater dazu nicht Nein sagen würde und dies minderte seine Unruhe immens.
Es war das Beste, wenn er den Kontakt zu ihr abbrach und sich voll und ganz auf sein Glück und sein Leben hier konzentrierte... Es minderte dennoch nicht den Schmerz in seiner Brust, dass er seine Mutter zurückgelassen hatte.
Ihm fiel auf, dass Kaiki nach einigen, langen Momenten immer noch nicht zurückgekehrt war, worauf Chiaki einfach ebenfalls die Treppen nach oben ging.
Er konnte seinen Vater im Büro telefonieren hören, konnte jedoch nicht ausmachen, was er sagte.
Er durchquerte den Gang und stieg die zweite Treppe hoch und hielt schließlich vor seiner Tür an. Nachdenklich schaute er auf den Türgriff, bevor Chiaki ihn nahm und die Tür öffnete.
Er war nicht wirklich sicher, was er erwartet hatte, als er in sein Zimmer reinschaute.
Es sah alles wie immer aus, im Vergleich zu seiner letzten Erinnerung von dem Raum. Alles sah sauber aus, Möbel und Technik standen dort, wo sie immer standen.
Aber es wirkte irgendwie auch anders.
Chiaki trat in den Raum ein, sah sich um. Es fühlte sich nicht mehr wie sein Zimmer an und das beunruhigte ihn.
Neue, weiße Vorhänge hingen vor der Balkontür, sodass es heller drinnen wirkte.
Sein Wäschekorb, welcher normalerweise in seinem Ankleidezimmer stand, stand neben der Tür. Verspätet bemerkte er die Schuhe und Klamotten, die vereinzelt im Raum verteilt waren und von denen er wusste, dass sie nicht ihm gehörten. Die Sachen sahen aus als gehörten sie einem Mädchen.
Schritte waren hinter ihm zu hörten und er drehte sich um, sah Kaiki im Flur draußen stehen.
„Hier hat jemand gewohnt“, sagte Chiaki mit einer Spur von Argwohn in der Stimme. Hatte sein Vater jemanden untergebracht und dieser Person einfach sein Zimmer überlassen?
Kaiki fuhr sich eine Hand über das Gesicht. „Ja. Die Sache ist die...“, setzte er an und seufzte.
Erwartungsvoll hob Chiaki eine Augenbraue, wollte dringend eine Erklärung, bevor er noch richtig sauer wurde.
„Maron wohnt jetzt hier.“

Sprachlos starrte Chiaki seinen Vater an, der sich unwohl zu fühlen schien in seinem -Maron’s(?)- Zimmer und bat ihn wortlos darum, ihm nach unten in die Küche zu folgen.
„Was meinst du mit ‚Maron wohnt jetzt hier‘?!“, fragte Chiaki, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte. Kaiki stellte ihm ein Glas Wasser hin und er merkte, wie trocken sein Mund sich anfühlte.
Dankend nahm er das Glas an und trank ein Schluck, während Kaiki ihm davon erzählt, wie Maron seit der Nacht, in der er ging, in seinem Zimmer gelebt hatte und wie sie sich weigerte zurück nach nebenan wieder zu ziehen.
In Chiaki’s Kopf drehte es sich, fassungslos fasste er sich die Stirn.
Die ganze Zeit hatte sie sein Zimmer bewohnt und höchstwahrscheinlich auf ihn gewartet. Diese Tatsache erfreute ihn und brach ihm gleichzeitig das Herz. Es freute ihn, weil es bedeutete, dass sie in seiner Nähe sein wollte und es brach ihm das Herz, weil er sie so lange warten ließ.
Und jetzt war es unmöglich für ihn zu wissen, ob sie ihm dafür vergeben könnte.
Während er in seinen eigenen Gedanken versunken war, war Kaiki für paar Minuten wieder hochgegangen und kehrte mit seiner Arbeitstasche wieder zurück. „Ich muss jetzt los. Wir können heute Abend alles besprechen, wenn Maron auch wieder da ist“, sagte er ihm. „Sie und Miyako haben nach der Schule noch einige Erledigungen zu machen. In der Zwischenzeit kannst du dich ausruhen und-“ Er legte ihm eine vertraute, durchsichtige Plastiktüte mit rotem Zippverschluss hin und lächelte. „-nimm dir einen Keks.“
Während Kaiki aus dem Haus ging, sah Chiaki auf die Kekstüte herab...und lächelte.
***

„Konzentration, Maron!“
Maron pustete sich eine schwitzige Strähne von der Stirn und sie schlug wieder auf den Boxsack vor sich ein. Der Geruch von Schweiß, Leder und Gummi dominierte in ihrer Nase.
Ihre Hände fühlten sich wie Marshmallows in den Boxhandschuhen an.
Sie blickte zur Seite und sah wie Miyako auf ihren Boxsack einprügelte, als hätte es sie persönlich angegriffen.
„Augen nach vorne, Maron!“ Sie wandte sich wieder ihrer Kursleiterin zu, nahm tief Luft und versuchte dasselbe zu tun, was Miyako neben ihr tat. Was Midori ihnen empfohlen hatte.
Diese Boxkurse waren nicht nur dazu da, damit Maron sich in Form brachte und lernte sich selbst zu verteidigen. Laut Midori sollte es auch dazu dienen Dampf ordentlich abzubauen.
Das war nun ihr drittes Mal in dem Kurs.
Maron konnte noch nicht sagen, ob es ihr gefiel, aber den gewünschten, stressabbauenden Effekt konnte sie nicht leugnen. Miyako schien soweit Spaß daran zu haben.
Yoga gehörte eher zu Maron’s Favoriten, neben Judo. Bei Judo ging es nicht um ihre eigene Stärke, sondern die Stärke des Gegners gegen sich anzuwenden.
Eine Glocke läutete das Ende des Kurses ein.
Endlich, dachte Maron sich erleichtert.
Schnaufend kam Miyako auf sie zu. „Ich werde wirklich gut darin“, grinste sie enthusiastisch.
„Klar“, rollte Maron mit den Augen und lächelte ein Lächeln, was sich leer anfühlte. Wahrscheinlich auch leer wirkte.
Es gab auch diese andere Leere, die nicht für die Leute, die sie liebte, sichtbar war. Darüber war sie froh, denn diese Last trug sie lieber allein.
Zusammen gingen die beiden Mädchen duschen und zogen sich anschließend um.
Miyako war eine zu gute Freundin.
Nachdem Maron ihr von Midori’s Plänen erzählt hatte -sie in all diese Kurse anzumelden- wollte Miyako sich ihr unbedingt anschließen. Es war süß von ihr und Maron schätzte ihre Unterstützung wert, auch wenn sie das nicht offen zeigte.
Die Fahrt nach Hause verlief relativ ruhig ab. Maron blickte aus dem Fenster raus, starrte auf die grünen Bäume, die an ihr vorbeizogen. Es war Juni und das Wetter wurde von Woche zu Woche wärmer. Viele freuten sich schon auf den Sommer.
Die Freude konnte Maron nicht teilen. Überhaupt gab es nicht viel, worüber sie sich freuen konnte.
„Wollen wir das Wochenende was unternehmen?“, riss Miyako’s Stimme sie aus den Gedanken. Maron zuckte wortlos mit den Schultern, blinzelte müde.
Normalerweise unternahmen sie kaum was an den Wochenenden. Meistens machte Maron auch nichts an den beiden Tagen.
Morgen war Yoga und das würde sie den halben Tag schon beschäftigt halten.
Ihre Existenz war trist und voller Zeitpläne, die sie ablenken und gleichzeitig beschäftigt halten soll.
An Montagen waren Midori’s Sprechstunden, dienstags Judo, mittwochs Yoga, donnerstags wieder Sprechstunden bei Midori, freitags Boxen, samstags nochmal Yoga und sonntags hatte sie ihre abendlichen Gespräche mit Kaiki, wo sie auch die Dokumente von ihm abholte.
Es war eine leere Schleife von Schule, Büros, Turnhallen, Küche und Schlafzimmer.
Und alle um Maron herum boten ihre Unterstützung an, die mehr als großartig war. Sie hasste es nur undankbar zu wirken.
Midori hatte viele Stunden damit verbracht den idealen Behandlungsverlauf für ihre Therapie zu konstruieren, damit Maron einen maximalen Nutzen daraus ziehen konnte. Medikamente wurden ihr auch verschrieben.
Maron konnte immer noch nicht in das Ankleidezimmer eintreten, aber sie konnte spüren, wie sie sich wohler und besser mit dem Versuch darin fühlte.
Auch was ihre Berührungsängste mit Männern anging, so hatte sie gestern einen kleinen Durchbruch, als Yamato sie dazu überredete ihm einen kurzen Faustschlag zu geben.
Sie war ein bisschen genervt von ihm gewesen, weil er ihr die ganze Mittagspause seine Faust entgegenhielt und sie sanft ermutigte. Miyako hatte ihn dafür angemeckert, aber er ließ nicht locker. Augenrollend gab Maron nach.
Zum einen, damit beide Ruhe gaben und zum anderen, war ein kleiner Teil von ihr schon neugierig.
Ganz schnell stieß sie seine Knöchel mit ihrer an und zog ihre Hand zurück, bevor Miyako es überhaupt registrieren konnte. Auch wenn es unangenehm für sie war und alle Alarmglocken in ihrem Kopf Alarm schlugen, so war Maron sichtlich geschockt darüber, als ihre Haut mit seiner für eine Millisekunde in Kontakt kam und sie keine Angstattacke erlitt.
Es war ein kleiner Durchbruch, welches sie mit Hoffnung und Freude über ihren Fortschritt füllte. Yamato und Miyako hatten ihr ein breites Grinsen geschenkt, teilten ihre Freude.

Während die Mädchen in ihre Straße einbogen, überlegte Maron sich, was sie heute zu Abend kochen sollte.
Plötzlich setzte ihr Herz aus, als sie auf die Einfahrt der Nagoya’s blickte und das vertraute, schwarze Auto sah. Ihre Augen wurden riesig.
„Maron?!“ Ehe Miyako richtig anhalten konnte, hatte Maron sich schon abgeschnallt, die Tür aufgerissen und war rausgerannt. Sie sprintete zur Villa.
Ihr Herz schlug ihr bis in beide Ohren.
Drinnen fand sie Kaiki und ihren Vater in der Küche vor, die mitten im Gespräch waren und abbrachen, als sie ins Haus eintrat.
Beide blickten Maron mit Sorge in den Gesichtern an. Sie konnte sich vorstellen, dass sie genauso durcheinander aussah, wie sie sich fühlte.
„Ihr seht das Auto auch, oder?“, fragte Maron und deutete nach draußen. Sie hoffte, dass sie nicht halluzinierte und ihren Gesichtern zu folge, tat sie es auch nicht.
Gerade als sie sich nach oben begeben wollte, hielt ihr Vater sie auf. „Maron, warte!“
Sie drehte sich zu ihm und Kaiki um. „Wo ist er??“
„Bitte beruhig dich erstmal.“
„Und nimm deine Tabletten“, kam es von Kaiki, der ihr mit einem ernsten Ausdruck ihre Medikamente auf dem Tresen zuschob. Entnervt betrat Maron die Küche, nahm ihre Tabletten und schluckte sie mit dem Glas Wasser, was danebenstand, runter.
Keine Sekunde später war sie aus der Küche raus und schoss die Treppen zum zweiten Stock hoch. Die Stimmen hinter sich ignorierte sie.
Schweratmend stand sie vor der Tür, nahm einige tiefe Atemzüge und riss sie schließlich auf.
Und da stand er. Mitten im Raum.
In Jogginghose und einem langärmligen Baumwollshirt. Frisch geduscht.
Seine etwas längeren Haare waren noch feucht, die er sich soeben mit einem Handtuch abtrocknete.
Wie erstarrt stand Chiaki vor ihr, starrte sie mit riesengroßen, mit dunklen Augenringen gezeichneten Augen erschrocken und teilweise verängstigt an. Dennoch sah er genauso umwerfend aus, wie vor drei Monaten, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Er machte den Mund auf, brachte jedoch nichts raus.
Maron starrte ihn ebenfalls an, geschockt und fassungslos darüber, dass er wirklich hier war.
Ein Teil von ihr schrie danach sich ihm nähern zu wollen. Ihn endlich wieder in ihre Arme nehmen zu wollen und zu küssen.
Ein anderer Teil -der größere Teil- schmerzte. Ihr Herz schmerzte und er war schuld. Er hatte es ihr in Stücke zerrissen.
Ihre zittrigen Hände ballten sich zu Fäusten.
Das Gefühlschaos in ihr löste sich und eine Emotion trat verstärkt in den Vordergrund.
Wut.
„Raus“, sagte Maron so kalt, wie sie es noch nie von sich erlebt hatte.
Seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, traf ihn das Wort allein so hart wie ein Schlag ins Gesicht.
„Maron... bitte, lass-“
„Raus!!“, wiederholte sie, blickte ihm zornig in die Augen. „Dieses Haus hat noch sechs andere Schlafzimmer!! Geh, such dir ein eigenes! Dieses Zimmer ist jetzt meins!! Also, raus! Sofort!!“ Ihre Stimme wurde mit jedem Satz lauter.
Sie ging auf seine Kommode zu und machte die Schublade auf und schmiss seine Sachen in seine Richtung. Fassungslos sah Chiaki sie an, während seine Hände seine Sachen auffingen.
„Bitte...Können wir nicht reden?“, fragte er flehend, worauf sie kurz innehielt.
„Du hattest über drei Monate Zeit zum Reden gehabt“, fuhr Maron ihn an und warf ihm das letzte Kleidungsstück aus der Kommode ihm ins Gesicht.
Zugegeben, es würde Sinn machen, wenn sie zumindest sich anhören würde, was er hier wollte. Aber die Wut und die Angst wieder verletzt zu werden, überwog.
Sein Gesicht und seine Körperhaltung wirkten angespannt.
„Ich wollte doch nur-“
„Einen kurzen Abstecher machen und wieder abhauen?“, unterbrach sie ihn höhnisch.
Er zuckte zusammen. „Maron, bitte-“ Chiaki ließ die Sachen in seinen Armen auf den Boden fallen und ging auf sie zu. Sie versteifte sich.
„Bitte lass es mich erklären“, wisperte er mit zittriger Stimme, war ihr so nah, dass sie seinen vertrauten Duft riechen und das elektrisierende Kribbeln auf ihrer Haut spüren konnte, ohne dass er sie berührte.
Sie schüttelte heftig mit dem Kopf, während er langsam und vorsichtig seine Hand hob und ihr eine Strähne sachte aus dem Gesicht strich. Seine Berührung war so warm und ihr Körper schrie vor Sehnsucht. Es war eine süße Tortur... Er wusste ganz genau, was für eine Wirkung seine Berührungen auf sie hatten.
Seine Hand ruhte auf ihrer Wange und er beugte sich zu ihr herunter, lehnte seine Stirn mit ihrer an. „Es tut mir so furchtbar leid“, flüsterte er.
Ihm tat es leid?
Ihr Gesicht verdunkelte sich.
Tat es ihm wirklich leid, einfach zu gehen und sein Versprechen zu brechen?
Tat es ihm wirklich leid, sie in den drei Monaten kein einziges Mal kontaktiert zu haben, bis auf den erbärmlichen Brief?
Tat es ihm wirklich leid, ihr Herz gebrochen zu haben?
Tat es ihm wirklich so furchtbar leid?!
Die Wut in ihr stieg wieder hoch. Als auch die Tränen.
„Ich war noch nie so kurz davor dich zu hassen, wie jetzt“, wisperte sie mit gebrochener Stimme und stieß ihn von sich.
Sein Gesicht erbleichte und er sah sie mit geweiteten Augen schockiert an. „Maron-“
„Raus!!“ Wütend schob sie ihn weg, zerrte ihn gleichzeitig zur Tür raus. „Komm mir nicht unter die Augen!“, schrie sie ihn an, als er endlich im Flur stand.
„Maron, bitte...“, packte er ihr Handgelenk. Tränen liefen Chiaki das Gesicht herunter und er fiel vor ihr auf die Knie.
Für einen Moment sah Maron fassungslos auf ihn herab. Dieser hoffnungslose, verzweifelte Anblick von ihm war so surreal. Und ließ sie kalt.
Augenrollend schüttelte sie seine Hand weg, wandte sich von ihm ab und knallte die Tür vor seiner Nase zu.
Drinnen schloss sie sich im Zimmer ein, rutschte zu Boden und weinte stumme, bittere Tränen.
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