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Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
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15.05.2020 4.209
 
THIRTY

Seufzend strich Chiaki sich zum womöglich hundertsten Mal durch die Haare und blickte sich im Laden um.
Blumen. Blumen ohne Ende. Soweit das Auge reicht.
Es gab sie in verschiedenen Farben und Formen und doch sah der Großteil für ihn gleich aus.
„Also, Mission Nummer zwei: Blumen für Maron holen“, sagte er an Yamato gewandt. Da er keine Ahnung von Blumen hatte und wusste, dass sein bester Freund von seiner (unausstehlichen, diktatorischen) Freundin mal einen ausführlichen Crash-Kurs über die Blumensprache und allem Drum und Dran bekam, hatte er ihn zum Floristen mitgeschleppt.
„Warte, was war Mission Nummer eins?“, fragte Yamato verwirrt.
„Hierher zu kommen“, antwortete Chiaki, seufzte frustriert und blickte sich ratlos im Laden um.
Yamato entfernte sich einige Schritte und blieb vor einem Eimer voller roter Rosen stehen. Chiaki zog eine Augenbraue hoch.
„Rosen?“, fragte er trocken. Ziemlich Klischee. Besonders rote.
Selbst Chiaki wusste, dass Miyako nicht zufrieden damit sein wird.
„Miyako wird nicht zufrieden mit denen sein“, sprach Yamato seine Gedanken aus und schüttelte den Kopf. „Rote Rosen allein reichen nicht.“
Chiaki rollte mit den Augen. Er fand es lächerlich, dass er überhaupt darauf achten musste, was die von seinem Mitbringsel hielt. Als ob Maron es interessierte, ob Rosen zu kitschig sind, oder nicht.
„Hey.“ Yamato winkte ihm zu einem anderen Gang. Chiaki folgte ihm, neugierig darüber wie gut er ihm wirklich helfen könnte.
Er stand vor einem Korb mit bläulich gefärbten Blumen und nahm sich eine raus. „Das sind Hortensien. Die sind außergewöhnlich schön.“ Er nahm sich eine weitere, violette Blume aus einem anderen Korb raus. „Genauso schön sind aber auch Nelken.“
Yamato blickte auf die Blumen herab und sah dann zu Chiaki. „Am besten holst du für Sakura blaue und violette Blumen. Diese Farben stehen für Respekt, Würde und Charme“, sagte er in einem sachlichen Ton, drückte ihm die beiden Blumen in die Hand.
„Moment...wieso für Sakura??“, brachte Chiaki nur verwirrt entgegen.
„Ich rate dir einfach, dass du allen einen Strauß holst“, erwiderte Yamato, „Das wird Miyako mit Sicherheit nicht von dir erwarten.“ Damit lief er durch den Laden weiter, schaute sich die Auswahl an Blumen an.
„Miyako denkt wahrscheinlich ich wüsste es nicht, aber Gänseblumen sind ihre Lieblingsblumen.“ Yamato war vor den besagten Blumen stehen geblieben und nahm sich eine raus. „Diese mischst du am besten mit anderen gelben und orangen Blumen. Vielleicht auch gelbe Rosen.“ Er nahm sich von denen eine raus. „Diese Farben steht für Freundschaft, Leichtherzigkeit und Familie. Außerdem ist gelb Miyako’s Lieblingsfarbe. Damit kassierst du bestimmt Pluspunkte.“
Erneut bekam Chiaki die Blumen von seinem Freund in die Hand gedrückt.
„Am wichtigsten ist natürlich Maron’s Strauß.“ Yamato hatte im nächsten Moment schon drei Blumen rausgeholt. „Weiße Lilien. Die werden mit wahrer Liebe, Unschuld, Licht und Reinheit in Verbindung gebracht. Das sind elegante Blumen. Ähnliches gilt auch für die weiße Iris.“ In der einen Hand hielt er die weißen Blumen hoch und in der anderen noch eine rote. „Rote Tulpen sind eine gute Alternative zu roten Rosen. Die stehen demnach auch für Liebe, allerdings weniger für Leidenschaft, sondern für tiefe Zuneigung und emotionale Verbundenheit.“
Mit den Worten schloss er seinen Vortrag ab, gab Chiaki die Blumen und grinste mit einem blasierten Lächeln.
Sein Gegenüber starrte ihn mit großen Augen entgeistert an.
„Yamato...Alter-“, fing Chiaki an. „Wenn du so weiterredest, schrumpft dir dein Penis noch ab.“
Yamato haute ihm beleidigt den Ellenbogen in die Rippen. „Arschloch“, murrte er. Leise kicherte Chiaki belustigt in sich hinein.
Minuten später hatten sie mit einer Mitarbeiterin drei Bouquets zusammengestellt und verließen den Laden.
„Da du Maron’s Vater schlecht Blumen geben kannst, ohne dass es merkwürdig rüberkommt, würde ich sagen, dass du ihm guten Sake oder Wein besorgst“, hörte Chiaki Yamato sagen, während sie durch die Einkaufsstraßen liefen.
Er warf nur stöhnend den Kopf zur Seite. „Musstest du diesen Quatsch auch machen? Dich offiziell bei der Familie vorstellen?“, fragte er in einem abwertenden Ton.
„Müssen nicht“, schmunzelte Yamato.
„Schön, dass ich die Pistole an die Brust gedrückt bekomme“, murmelte Chiaki genervt. „Deine Freundin hat doch echt einen Knall...“
„Stell dich nicht so an. Es wird schon nicht so schlimm werden.“ Yamato stupste ihn von der Seite mit der Schulter an. „Sei einfach du selbst und sag ab und an was nettes.“
„Was nun? Ich kann nicht beides“, entgegnete Chiaki augenrollend.
„Du bist manchmal echt anstrengend“, stieß Yamato ihn wieder von der Seite an.
Nach einiger Zeit hatte Chiaki eine hochwertige Flasche Sake für Takumi besorgt. Er bedankte sich bei seinem besten Freund und begab sich nach Hause.

Als Chiaki um vier nach Hause kam, hatte Shinji direkt einen Lachanfall bekommen und Kaiki sah ihn mit hochgezogener Augenbraue fragend an, als er mit den drei Bouquets und der Sake-Flasche an ihnen vorbeiging.
„Frag nicht“, murmelte er, ohne stehen zu bleiben, schüttelte entnervt den Kopf und begab sich nach oben in sein Zimmer.
Dort zog er sich um und machte sich für den Abend fertig, achtete besonders darauf ordentlich und präsentabel auszusehen.
Auch wenn er es nicht wirklich zugeben mag, so wollte er doch Eindruck schinden. Zumindest bei Takumi und Sakura – Miyako’s Meinung war ihm egal.
In schwarzer Jeans und einem einfachen weißem Hemd sowie einer Jacke drüber, ging Chiaki um fünf aus dem Haus raus.
Er ging zu den Nachbarn rüber, erdolchte mit seinen Blicken Miyako’s hässlich-gelben Blumenstrauß und klingelte anschließend an der Tür. Wenigstens wird er ein paar Stunden bei seinem Mädchen sein (auch wenn er sie nicht viel später wiedersehen wird).
Vielleicht wird der Abend doch nicht so schlimm werden.
Sakura öffnete ihm glücklicherweise die Tür. Sie lächelte ihn erfreut an und trat beiseite, um ihn reinzulassen.
Er begrüßte sie höflich, blieb im Flur kurz stehen und hielt ihr mit einem freundlichen Lächeln ihren Strauß entgegen.
Sakura machte zunächst überrascht große Augen, bevor ein riesiges Lächeln sich auf ihrem Gesicht ausbreitete. „Oh Chiaki, das wäre aber nicht nötig gewesen. Danke“, nahm sie den Strauß entgegen und strich ihm über den Rücken.
Im nächsten Moment kam Takumi in den Flur. „Chiaki. Nett dich wiederzusehen.“
Chiaki schüttelte ihm die Hand und reichte ihm die Tüte mit der Sake-Flasche.
Takumi bestaunte den Inhalt. „Nicht schlecht“, nickte er anerkennend. „Danke, Chiaki. Wärst du nicht minderjährig, würde ich dich fragen, ob du mit mir einen Schluck probieren möchtest. Aber vielleicht frage ich demnächst deinen Vater...“, sagte er und grinste erfreut.
„Komm, zieh die Jacke aus und fühl dich wie Zuhause“, kam es von Sakura.
Erleichtert über ihre Reaktionen lächelte Chiaki zurück, hing seine Jacke in der Garderobe ab und folgte beiden ins Wohnzimmer.
Miyako saß mit Handy in der Hand auf der Couch, hatte nebenbei Fernsehen geschaut und stand mit einem schmalen Lächeln auf, als er das Zimmer betrat. Er verdrehte sichtbar die Augen, kam auf sie zu und hielt ihr ihren dämlichen Strauß vor die Nase.
„Für mich?“ Zu seinem Erstaunen schien Miyako ehrlich überrascht zu sein, jegliche Feindseligkeit in den Augen war für den Moment wie weggeblasen. In der nächsten Sekunde nahm sie den Blumenstrauß dankend entgegen, roch kurz daran und blickte mit einem Lächeln auf die Blumen herab, strich mit den Fingern sachte über die Gänseblumen. Sie liebte die Blumen.
Chiaki grinste mit einem selbstgefälligen Lächeln auf sie herab. Miyako’s Lächeln fiel sofort wieder, als sie sein Gesichtsausdruck bemerkte und legte den Strauß mit gespielter Gleichgültigkeit beiseite.
„Maron ist in der Küche“, sagte sie ihm, ließ sich plumpsend wieder auf der Couch nieder und schaute mit Takumi desinteressiert die Nachrichten.
Kopfschüttelnd rollte Chiaki mit den Augen, drehte sich um und verließ das Zimmer. Im Flur kam ihm Sakura entgegen.
„Du kannst ruhig reingehen“, flüsterte sie, deutete hinter sich auf die Küche. „Frag sie aber nicht, ob sie Hilfe braucht“, fügte sie mit einem kleinen Schmunzeln hinzu. „Vertrau mir.“ Damit verschwand sie ins Wohnzimmer.
Chiaki musste selbst schmunzeln und steuerte auf die Küche zu, wo sein Mädchen garantiert in ihrem Element sein wird.
Er blieb an der Tür stehen, konnte sie am Herd stehen sehen. Und obwohl sie ihm den Rücken zugewandt hatte, raubte sie ihm den Atem.
Maron trug schwarze Leggings, die ihre Kehrseite ideal zur Geltung brachten. Dies kombiniert mit einem langen, enganliegenden Shirt, dessen Ärmel bis zum Ellenbogen gingen. Die welligen Haare hatte sie lose mit einer großen Klammer hochgesteckt.
Chiaki lehnte sich verliebt lächelnd mit der Schulter am Türrahmen an, hielt ihren Strauß noch in der Hand und beobachtete sein Mädchen dabei, wie sie etwas im Topf rührte. Es roch furchtbar gut und lecker.
Maron drehte etwas ihren Kopf und er konnte ihr wunderschönes Seitenprofil sehen. Ein paar lose Strähnen umspielten vereinzelt ihr Gesicht. Er konnte erkennen, dass sie Kopfhörer in den Ohren trug. Sie summte ein Lied aus seiner Playlist mit, nickte rhythmisch den Kopf und schwang ihre Hüften - tanzte fast beim Kochen.
Sie so sorglos, so unbeschwert zu sehen, war süß und schön zugleich.
Auf einmal hörte Maron auf zu summen und kicherte sanft. „Du darfst ruhig zu mir kommen, Chiaki. Ich beiße schon nicht“, sagte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen, nahm ihre Kopfhörer von den Ohren.
Kichernd betrat Chiaki die Küche. Er legte die Blumen auf der Arbeitsplatte ab und ging auf sein Mädchen zu, umarmte sie von hinten. Maron kicherte leise, kochte unterdessen ungestört weiter.
Er drückte ihr lächelnd einen Kuss auf die Wange und legte sein Kinn auf ihre Schulter ab, blickte auf den Topf herab – sowie auf ihren Ausschnitt. Sofort schaute Chiaki zur Wand hoch, trat sich gedanklich in den Hintern, dass er sein Mädchen wie ein Volldepp angaffte.
„Du siehst hübsch aus“, flüsterte er, wandte seinen Kopf ihrem Gesicht zu.
„Danke“, murmelte sie verlegen. Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Schick siehst du aus.“
Chiaki schenkte ihr ein charmantes Grinsen. Maron’s Wangen färbten sich rosarot und sie fixierte den Topf vor sich. Sie trug wieder Make-Up, weshalb er nicht genau erkennen konnte, wie weit der Bluterguss auf ihrem Gesicht schon geheilt war.
Auf einmal drehte sein Mädchen ihren Kopf zu ihm um. „In fünf Minuten ist das Essen fertig“, lächelte sie ihn an und drückte ihm einen süßen Kuss auf die Lippen.
Chiaki nickte grinsend, ließ sie für einen Moment los und reichte hinter sich nach dem Blumenstrauß. Er räusperte sich kurz, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
Maron wandte sich fragend zu ihm um und blinzelte überrascht, als ihr Blick auf die Blumen fiel. „Oh!“
Wie bei Sakura und Miyako, bildete sich in der nächsten Sekunde ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Ein riesiges, freudiges, wunderschönes Lächeln.
Sie ging auf ihn zu, nahm ihm den Strauß aus seinen Händen und roch an ihnen. Anschließend sah sie durch ihre dichten Wimpern zu ihm auf.
„Danke. Die sind wunderschön“, sagte sie peinlich berührt. Im selben Moment kam Sakura in die Küche, lächelte beide vergnügt an und führte Chiaki ins Esszimmer.
Dort setzte er sich schräg gegenüber von Miyako hin, die mit einer aufgesetzten, gleichgültigen Miene neben ihrer Mutter Platz nahm und seinen Blicken auswich, während Takumi zu seiner Rechten am Kopfende des Tisches saß.
Im nächsten Augenblick kam Maron mit dem Essen, stellte alles auf dem Tisch ab.
Sofort stand Chiaki auf und zog Maron’s Stuhl neben ihn raus. Er konnte Miyako’s Augenrollen förmlich hören.
Maron setzte sich mit einem verlegenen Lächeln und geröteten Wangen hin. Ein kleines, selbstzufriedenes Grinsen bildete sich auf seinen Lippen und er nahm neben seinem Mädchen wieder Platz.

Für die ersten Minuten verlief das Essen ziemlich ruhig ab. Nur das klirrende Geräusch vom Besteck war zu vernehmen.
Nach einiger Zeit zwang Chiaki sich dazu das Eis zu brechen und fragte Takumi über dessen Arbeit, versuchte mit ihm ein Gespräch aufzubauen - mit dem Gedanken, dass dies bestimmt einen netten Eindruck hinterlassen würde.
Takumi ging auch ohne Probleme darauf ein, erzählte von seinen derzeitigen Architekturprojekten und er hörte aufmerksam zu. Sakura schloss sich der Konversation an, sprach mit ihnen auch über allgemeine Themen und fragte Chiaki unter anderem was seine Pläne nach dem Schulabschluss wären, worauf er allerdings noch keine Antwort hatte. Dies sagte er ihr auch.
„Halb so wild. Ihr seid gerade Mal siebzehn. Da muss man sein Leben noch nicht bis zum Ende geplant haben“, lächelte Takumi. „Irgendwann kommt dann die Erleuchtung.“
Währenddessen unterhielt Maron sich ein wenig mit Miyako.
Scheint wirklich nicht so schlimm zu sein, wie befürchtet..., ging es Chiaki durch den Kopf und trank einen Schluck aus seinem Glas Wasser. Er merkte, wie seine innere Anspannung über den Abend mit der Zeit nachließ.
„Da fällt mir ein“, fing Sakura plötzlich an und wandte sich ihm wieder zu, „Ich habe von Kaiki gehört, dass du aus Yokohama kommst“, sagte sie in einem neugierigen Ton.
Sofort bereute Chiaki seinen vorigen Gedanken wieder und senkte seinen Blick, als wäre sein Wasserglas das Interessanteste was er je gesehen hat. Krampfhaft hielt er das Glas in seiner Hand fest und nickte einmal bejahend.
„Wie war es dort aufzuwachsen?“, fragte Sakura interessiert.
Chiaki schluckte, ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals. Diese eine Frage brachte zu viele Erinnerungen in ihm hoch - mehr als ihm lieb war.
Er presste sich die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen.
„Kurz“, antwortete er mit monotoner Stimme. Der Appetit war ihm mit einem Schlag vergangen, aber er zwang sich dazu weiter zu essen. Er wünschte sich, dass sie das nicht angesprochen hatte.
Sakura schien das zu bemerken, blickte ihn verwundert an, worauf Takumi mit ihr einen stummen, vielsagenden Blick austauschte. Sie wandte sich schließlich an Miyako und redete mit ihr über irgendeinen Krimi-Film, welchen sie vor kurzen mal zusammen gesehen haben.
Takumi warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, welches Chiaki mit einem gekünstelten Lächeln wegnickte.
Er spürte Maron’s Hand auf seinem Bein und wie sie ihm beruhigend über das Knie strich. Bis zu dem Moment hatte Chiaki gar nicht gemerkt, wie angespannt er war. Er versuchte sich bei ihrer liebevollen Berührung so gut wie möglich zu entspannen.
Während Takumi, Sakura und Miyako immer noch über ihren Film sprachen, drehte Chiaki sich zu seinem Mädchen um. Maron sah ihn mit großen, besorgten Augen an.
Er schenkte ihr ein aufgesetztes Lächeln, wandte seinen Blick von ihr ab und konzentrierte sich aufs Essen – auch wenn ihm eigentlich mehr übel war, als das er noch Hunger hatte.
Für den Rest des Abends wurde er in keine weiteren Gespräche mehr verwickelt, worüber er insgeheim froh war.
Nichtsdestotrotz bedankte Chiaki sich nach dem Essen höflich bei Takumi und Sakura für die Einladung – auch wenn sie ihn technisch gesehen nicht wirklich eingeladen haben. Ihren Gesichtsausdrücken zufolge schien sein Verhalten am Essentisch keinen negativen Eindruck hinterlassen zu haben, zu seinem eigenen Erstaunen.
Chiaki verabschiedete sich noch bei Maron mit einem Kuss auf den Kopf und ging schließlich.
***

Mit Sorge sah Maron ihrem Freund noch einige Momente hinterher.
Selbst von hinten im Halbdunkeln konnte sie sehen, wie versunken Chiaki in seinen Gedanken war.
Die ganze Zeit schon, wollte sie mit ihm über das, was eben passiert war, reden. Sie wusste aber, dass es besser war, wenn sie bis zehn wartete und mit ihm in seinem Zimmer allein war.
Ein wenig war Maron auch sauer auf Sakura, weil sie seine Vergangenheit angesprochen hatte. Natürlich konnte sie nicht wissen, dass dies bei ihm Tabuthema war.
Aber wenn Maron ehrlich mit sich war, so wusste sie selbst nicht genug darüber, um zu verstehen was genau ihn aus dem Konzept gebracht hatte.
Als Maron wieder reinging, war sie besorgt darüber, dass die anderen sie wegen seines Verhaltens fragen würden. Glücklicherweise taten sie das nicht. Nur gelegentlich kamen Kommentare von den Erwachsenen wie höflich und nett Chiaki war. Darüber lächelte Maron erleichtert in sich hinein.
Als alle endlich ins Bett gegangen waren und sie sich umzog, dachte sie unwillkürlich an den gestrigen Sportunterricht zurück. Sie hatte sich zum Umziehen wie immer in eine Kabine zurückgezogen und kam offensichtlich nicht drum herum das Geläster der anderen Mädchen mitzuhören. Hauptsächlich ging es darum, dass in deren Augen Chiaki’s Frauengeschmack den Bach runtergegangen sei. Namen von irgendwelchen Mädels, die Maron nicht kannte, fielen und dass er anscheinend mit ihnen geschlafen haben soll.
Nicht nur störte es sie, dass sie nichts von diesen sogenannten Eroberungen wusste - auch die Tatsache, dass Yashiro und all diese Mädels ihrem Freund intimer waren als sie selbst, bereitet ihr ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Der Neid, der in ihr hochkam, war durchaus bescheuert.
Denn schließlich hatte sie sein Herz und alles andere war Nebensache. Trotzdem überkam sie die Angst, dass sie nicht genug für ihn sein wird. Dass er sie am Ende nicht wollen würde...
Kopfschüttelnd haute Maron sich mit beiden Händen auf die Backen. Mädchen, hör auf zu nörgeln! Ihr habt darüber geredet!, mahnte sie sich in Gedanken.

Um zehn lief sie nach draußen und kletterte in Rekordzeit Chiaki’s Balkon hoch.
Als er ihr aufmachte, bereitete sein Gesichtsausdruck ihr nach wie vor Sorgen. Die meisten Menschen würden es womöglich nicht merken, aber sie konnte die Anzeichen von Kummer in seinem Gesicht sehen. In seinen Augen.
Maron kannte den Ausdruck in seinen Augen. So einen ähnlichen Blick trug er, wenn er ihr damals von seinen Albträumen erzählt hatte. Aber da er seit knapp einen Monat keinen Albtraum mehr hatte, vermutete sie, dass dieser Ausdruck aus alten Erinnerungen zurückzuführen war.
Chiaki lächelte sie dennoch an, als wäre nichts gewesen und gab ihr einen sanften Kuss. Maron küsste ihn liebevoll zurück.
Immer noch mit einem betretenen Lächeln entfernte er sich von ihr und ließ sich auf sein Bett nieder, wo sein offenes Skizzenbuch mit Stift schon drauf lag.
Da sie beide bei Maron Zuhause schon zu Abend gegessen hatten, hatte Maron ihm auch nichts mitgebracht, sah es auch als nicht notwendig an.
Während er zeichnete, holte sie sich zur Beschäftigung ein Buch aus ihrem Stapel raus. Maron beschloss ihm etwas Abstand zu geben, hatte sich daher nicht direkt neben ihn gesetzt. Er sah nicht zu ihr auf, als sie sich gegenüber von ihm hinsetzte, war voll und ganz in seiner Zeichnung vertieft. Unauffällig spähte sie zu Chiaki rüber, wollte einen Blick auf die Zeichnung erhaschen. Es war seine Mutter.
Maron biss sich schweigend auf die Lippe, öffnete ihr Buch und wog in Gedanken ab, wie sie das Gespräch mit ihm anfangen soll. Ihre Augen schweiften unkonzentriert über die Zeilen hin- und her.
Sie versuchte zu lesen, aber immer wieder erwischte sie sich dabei, wie sie zu Chiaki aufsah und ihn im Stillen beim Zeichnen beobachtete.
Seine Brauen waren streng zusammengezogen, eine Strähne fiel ihm das Gesicht runter und sein Blick war konzentriert auf die Seite vor ihm fixiert. Sie schaute ihm dabei zu, wie der Stift in seiner Hand über das Blatt auf und ab glitt.
Seit sie hier war, hatte er noch kein Wort mit ihr gewechselt.
Plötzlich, ohne Vorwarnung, sah Chiaki von seiner Zeichnung auf und ihre Blicke trafen sich. Schnell blickte Maron zu ihrem Buch runter, beschämt darüber, dass sie ihn so schamlos angestarrt hatte.
Sie schaute zaghaft zu ihm hin und lächelte ein nervöses Lächeln. Wortlos legte sie ihr Buch beiseite und breitete ihre Arme vor ihm aus. Seine Mundwinkel zuckten etwas nach oben. Er klappte sein Skizzenbuch zu, legte es ebenfalls beiseite und rückte zu ihr hin. Als er ihr nah genug war, legte sie ihre Arme um ihn und zog ihn mit sich auf die Kissen runter.
Sanft strich Maron ihm durch die weichen Haare, während er seine Wange auf ihrer Schulter ruhen hatte. Sie blickte zu Chiaki herunter, der ihren Blick zwar erwiderte, aber noch immer in Gedanken verloren zu sein schien.
Für eine Weile lagen sie da, in völliger Stille. Sie war besorgt um ihn. Hatte Angst, dass seine Erinnerungen ihn innerlich zerfraßen.
Es gab vieles, was sie aus seiner Vergangenheit -aus seinem anderen Leben- noch nicht verstand. Und noch nicht wusste.
Sie hatte nur Vermutungen, aber keine richtigen Details.
Im Grunde genommen wusste sie gar nichts über sein Leben vor dem Feuer. Sie wusste nicht, wie seine Kindheit und wie schlimm seine Mutter wirklich war.
Der Drang all diese Dinge wissen zu wollen, war groß.
Maron nahm tief Luft, nahm ihren Mut zusammen und hoffte innerlich, dass er sich ihr öffnen würde und nicht abblockte. „Erzähl mir bitte von deinem anderen Leben“, durchbrach sie wispernd das Schweigen, blickte ihn sanft an und strich ihm zärtlich durch die Haare.
Sie merkte, wie Chiaki sich in ihren Armen für einen Moment versteifte und sah, wie ein Fünkchen Schmerz in seinen Augen aufblitzte, ehe er seufzend seine Augen schloss. Sie wusste, dass er verstand von welchem Leben sie sprach.
Ihre Hand wanderte von seinen Haaren zu seiner Wange runter, strich ihm mit dem Daumen sanft über die Haut.
Gerade als Maron ihm sagen wollte, dass er ihr nichts erzählen musste, öffneten sich seine Augen. Ihr Mund schnappte wieder zu, als er sie direkt ansah. Sie konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten. Was komplett Unschuldiges, Verletzliches war in ihnen, was sie vorher noch nie in Chiaki gesehen hatte.
Er war immer der Stärkere von beiden gewesen, beschützte sie vor allem Unheil. Doch in dem Moment wirkte er wie ein kleiner, verlorener Junge.
„Meine Kindheit war perfekt...“, fing er an, ohne Regung in der Stimme. Selbst seine Stimme hatte was ungewohnt Unschuldiges.
Maron brauchte einen Moment, um seine Aussage zu registrieren. „Erzähl mir mehr“, bat sie ihn sanft, strich ihm weiterhin über die Wange.
Es dauerte einige Sekunden bis Chiaki ihr mit einem nostalgischen Lächeln davon erzählte, dass sie eine glückliche Familie waren, was für ein guter Vater sein Stiefvater war und dass seine Mutter damals einen großen Garten besaß.
„Sie ließ mich im Sommer immer Löcher graben“, erzählte er mit einem leisen Kichern. „Ich habe meine besten Klamotten immer dreckig gemacht.“ Maron konnte sich selbst ein Lächeln schwer verkneifen bei der Vorstellung.
Gegen ihre Erwartungen hatte er eine glückliche Kindheit. Keine schlechte. Und die Tatsache, dass Chiaki sich dazu zwang diese Zeiten zu vergessen, gerade weil sie so schön waren, tat ihr weh im Herzen. Womöglich, weil er glaubte, diese guten Erinnerungen nicht verdient zu haben...
Sie wollte seine Stimmung nicht verschlechtern, aber ihre Liebe zu ihm steigerte ihre Sorge und ihre Neugier. Insbesondere die Neugier über ein bestimmtes Ereignis.
„Was passierte als du sieben warst?“, wisperte sie zögerlich.
Sein Lächeln erstarb langsam und der Schmerz kehrte in seinen Augen wieder.
„Es war ihr Geburtstag“, offenbarte er leise mit erstickter Stimme. Ihr Finger auf seiner Wange stoppte für einen Moment. Maron blickten ihn bestürzt an, als sie realisierte, was dies bedeutete.
„Arata war mit mir daheim, hatte mich von der Schule abgeholt und meine Mutter musste noch arbeiten.... Wir wollten was Großes für den Abend vorbereiten“, sprach er mühevoll weiter, seine Stimme klang so fern und war gleichzeitig mit Schmerz gezeichnet. Ihr Herz zog sich zusammen.
Er atmete tief durch. Sie wollte ihn davon abhalten weiterzureden, konnte den schmerzhaften Anblick von ihm nicht ertragen. Tränen schimmerten in seinen Augen.
„Ich kann mir keine Kerzen mehr ansehen, ohne an diesen Tag zu denken...“ Seine Worte waren kaum noch zu hören. Tränen entkamen seinen Augen und Maron sah sprachlos dabei zu, wie sie ihm das Gesicht herunterliefen.
Sie selbst hatte Tränen in den Augen, rückte näher zu ihn heran, soweit es noch möglich war und umarmte ihn fest. Chiaki vergrub sein Gesicht in ihre Schulter, schlang seine Arme enger um sie.
Tröstend strich Maron ihm über den Rücken. Sie wusste immer noch nicht, wie genau das Feuer ausgelöst wurde. Vermutlich war es ein Unfall gewesen, schließlich hatte er gesagt, dass er es nicht gelegt hatte. Aber dass er sich trotzdem für den Tod seines Stiefvaters verantwortlich machte und sich dafür hasste keine Hilfe geholt zu haben, brach ihr das Herz.
Sie befürchtete, dass sein Selbsthass und seine Schuldgefühle umso größer wären, wenn er was mit dem Feuer zu tun gehabt hätte und dass er sich nie im Leben verzeihen würde.
Wenn sie ehrlich mit sich war, so konnte sie ihn verstehen. Oftmals hatte sie Momente, in der sie sich dafür hasste, dass sie nicht früher schreien, schneller rennen oder stärker sein konnte, um ihre Mutter zu retten...
Liebevoll hielt sie Chiaki in den Armen, es fühlte sich wie Stunden an. Gelegentlich gab Maron ihm sanfte Küsse auf den Kopf. Er war vollkommen ruhig, während er stille Tränen weinte, die sich in ihr Shirt einsogen.
Nach einer Weile sah er plötzlich zu ihr auf, drückte ihr einen kleinen Kuss an den Hals. Sie spürte, wie er tief ein- und ausatmete und seinen Kopf an ihre Halsbeuge kuschelte.
„Lass uns morgen von hier verschwinden“, sagte er und drückte sie enger an sich, wobei Maron ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen verwirrt ansah. „Nur du und ich. Den ganzen Tag. Einfach weg von all dem Schwachsinn hier“, sprach er weiter, klang dabei fast wie der Alte und blickte zu ihr auf.
Maron sah mit einem warmen Lächeln auf Chiaki herab und nickte zustimmend. Sie hatten zwar die Nächte immer zusammen, aber tagsüber die gemeinsame Zeit mal in Ruhe zu genießen war einfach nicht möglich, ohne dass Leute jedes ihrer Bewegungen analysierten. Ebenso waren sie beide in letzter Zeit ziemlich viel Druck ausgesetzt gewesen.
Vor dem Hintergrund war ein schöner Tag zu zweit daher genau das, was sie brauchten. So einen schönen Tag, ähnlich wie zu ihrem Date vor Weihnachten.
Zufrieden seufzend kuschelte Chiaki sich wieder an Maron’s Schulter an. Summend strich sie ihm weiterhin durchs Haar und Momente später schliefen sie seelenruhig ein.
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