Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
Alle Kapitel
161 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
15.11.2019 6.156
 
ELEVEN

Das erste, was Chiaki spürte, war diese Wärme.
Eine Wärme, die er umarmte. Und die ihn zurückumarmte.
Es war eine angenehme Wärme.
Er nahm einen tiefen Atemzug. Ein vertrauter Duft kam ihm entgegen. Blumig mit einem Hauch von Zitrone.
Er rückte näher zu der Wärme ran und hätschelte etwas Weiches, Seidiges. Der Duft von Blumen und Zitrone wurde stärker.
Ein sanftes Schnarchen war zu vernehmen-...
Huh?! In der Sekunde schnappten seine Augen auf, er rang überrascht nach Luft, wich so schnell es ging von dieser Wärmequelle zurück. Er fiel und landete mit einem lauten Knall rücklings auf dem harten Boden. Ein ächzendes Zischen entkam ihm, während er heftig gegen das grelle Sonnenlicht blinzelte und irritiert zur Decke hochblickte.
Langsam rappelte Chiaki sich auf die Knie und schaute auf sein Bett. Ein erschrocken großes Paar braune Augen trafen auf seine. Maron saß auf seinem Bett, ihre Haare sahen aus wie ein wilder Heuhaufen. Er blinzelte einige Male ungläubig.
Sie saß auf seinem Bett!
Heilige Scheiße…
„Heilige Scheiße“, hauchte Chiaki mit krächzender Stimme.
Sein Gehirn brauchte etwas länger, um die aufgefassten Informationen zu verarbeiten. Maron saß auf seinem Bett! Sie saß auf seinem Bett und wirkte wie ein kleines Kind, welches man bei Süßigkeiten klauen erwischt hatte.
Was zum Teufel macht sie auf meinem Bett?!
„Was zum Teufel machst du auf meinem Bett?!“, fragte er entgeistert. Sein Gehirn war definitiv noch nicht wach.
Ihr Gesicht wurde beschämt rot. Sie biss sich auf die Lippe und wandte sich von ihm ab. Chiaki saß immer noch wie gelähmt auf dem Boden. Verwirrt und ratlos darüber, wie sie in sein Bett gekommen war.
Plötzlich sprang Maron, ohne ein Wort zu sagen, vom Bett auf und rannte zur Balkontür.
Wieso zum Teufel geht sie jetzt?!
„Wieso zum Teufel gehst du jetzt?!“ Chiaki wünschte sich, sein Gehirn würde endlich mal anfangen anständig zu funktionieren und ihn nicht das raushauen lassen, was er im selben Moment dachte.
Ohne ihm zu antworten, war Maron schon aus der Tür raus und kletterte nach unten. Unbeholfen rappelte Chiaki sich auf die Beine, ging zum Balkon und sah, wie sie zu ihrem Grundstück rannte, ohne zurückzublicken.
Er strich sich stöhnend seine Finger durch die Haare und versuchte zu verstehen, was soeben geschehen war. Doch sein Kopf brauchte noch einige Momente, um richtig hochzufahren.
Mit seiner Hand fuhr er sich über den steifen Nacken. Sein ganzer Körper fühlte sich so steif an. Seine Gelenke schmerzten. Und seine Klamotten waren ein wenig feucht.
Er schleppte sich zunächst ins Bad, beschloss eine schöne, heiße Dusche zu nehmen. Er entledigte sich aus seinen Klamotten und stieg unter die Dusche.
Das warme Wasser tat gut.
Währenddessen überlegte Chiaki was vorhin eigentlich geschehen war. Er kramte in sein Gedächtnis und versuchte sich die wichtigsten Ereignisse des gestrigen Tages in Erinnerungen zu rufen.
Er erinnerte sich daran im Haus Kusakabe/Toudaiji Abend gegessen zu haben. Das Essen war höllisch gut. Aber er war müde. Viel zu müde, um durchzuhalten. Weshalb er sich beeilt hatte und eher nach Hause ging. Gegen acht war er daheim und hatte es eventuell noch geschafft seinen Wecker für zwei Stunden zu stellen. Und dann-...
Erschrocken fiel ihm die Shampoo-Flasche aus der Hand, als Chiaki realisierte, dass er seinen Wecker überhört hatte. Wie lange hatte er dann geschlafen?!
Er schaltete das Wasser ab, ging aus der Kabine raus und öffnete die Badezimmertür so weit, dass er seine Digitaluhr sehen konnte.
11:49.
Einige Male musste er fassungslos blinzeln, rieb sich die Augen und überprüfte nochmal die Uhrzeit. 11:50.
Schnell rechnete er in seinem Kopf die Zahlen zusammen.
Fast sechszehn Stunden.
Er hatte fast sechszehn Stunden durchgeschlafen! Mit Maron zusammen!?
Was und wie zum Teufel...? Was war passiert?! Chiaki hatte so viele Fragen im Kopf.
Aber er fühlte sich gut. Ungewohnt gut. Erstaunlich gut.
Munter. Und ausgeschlafen. Überhaupt gar nicht müde und erschöpft.
Er drehte sich zu seinem Badezimmerspiegel um. Seine Augen waren immer noch mit dunklen Schatten gezeichnet, aber die waren nicht mehr so ausgeprägt, wie sonst.
Ein Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.
In der nächsten Sekunde erstarb sein Lächeln allerdings wieder.
Ich habe Maron berührt…!, ging es ihm schockiert durch den Kopf, hielt sich fassungslos eine Hand vors Gesicht. Er hatte sie berührt! Was zum Teufel hatte er sich dabei gedacht?! (Okay, um fair zu sein, er hatte geschlafen und war nicht bei Bewusstsein…aber trotzdem!)
Ihr schien es jedoch gut zu gehen. Vielmehr noch - vage konnte Chiaki sich entsinnen, dass sie ihn zurückumarmt hatte.
Wie war das möglich?
Die Fragen in seinem Kopf häuften sich von Minute zu Minute. Er musste dringend mit ihr sprechen, dem war er sich sicher.
Chiaki strich sich durch die nassen Haare und zog sich an. Er fühlte sich so erholt und voller Energie, es war unglaublich. Es war ein ungewohnt gutes Gefühl.
Ein Gefühl, was er seit sehr, sehr langem nicht mehr gespürt hatte. Er hatte schon daran gezweifelt, ob es auch wirklich existierte.
Es war ein Gefühl, was er gerne beibehalten wollte.
***

Als Maron zu Hause ankam, klopfte ihr Herz wie als wäre sie einem Marathon gerannt.
Mit der Stirn lehnte sie sich an der Eingangstür an und atmete tief durch, versuchte ihre Atmung zu beruhigen.
„Da bist du ja.“ Erschrocken drehte Maron sich zu der Stimme ihres Vaters um.
Takumi kam mit verschränkten Armen an der Wohnzimmertür gelehnt. „Wo warst du gewesen? Ich habe mir Sorgen gemacht. Und dein Handy hattest du zu Hause gelassen.“
„Ehm...Sorry...“ Sie ging ein paar Schritte auf ihn zu. Ihr fiel ein Koffer auf, der an der Wand neben ihn stand und ein flüchtiger Blick auf die Uhr zeigte ihr fast zwölf an.
Shit! Erschrocken fiel ihr ein, dass ihr Vater gleich abreiste.
„I-Ich war früh auf und dachte mir für einen Morgenspaziergang rauszugehen“, erklärte sie sich, „I-Ich hatte dabei total die Zeit vergessen und... verdammt, ich konnte euch kein Frühstück machen und du musst gleich los-“
„Okay. Maron, beruhig dich.“ Ihr Vater stoppte sie mit erhobener Hand, die Stimme sachlich ruhig. „Es ist schön, dass du dir mal ein bisschen Zeit für dich nimmst. Ich bin auch froh, wenn du mal etwas aus dem Haus und insbesondere aus der Küche rauskommst“, witzelte er leicht. „Aber beim nächsten Mal nimm dein Handy mit. Oder hinterlass eine kleine Notiz, damit ich Bescheid weiß.“
„O-Okay. Versprochen. Kommt nicht nochmal vor…“
„Was das Frühstück angeht, da hatte Sakura sich um alles gekümmert. Da brauchst du dir keine Gedanken zu machen.“
„Okay“, wisperte sie kleinlaut.
„Nun…Wenigstens bist du noch rechtzeitig gekommen, damit ich mich von dir verabschieden kann.“ Takumi ging zur Garderobe und holte sich seine Jacke.
„J-Ja... Gute Reise.“ Verlegen strich Maron sich eine Strähne nach hinten.
Ihr Vater lächelte fürsorglich auf sie herab. Er wirkte wie, als wolle er ihr eine Umarmung geben, hielt sich jedoch zurück. „Versprich mir, dass du auf dich aufpasst?“, fragte er stattdessen, die Augen mit einem Hauch von Traurigkeit gezeichnet.  
Sie presste sich die Lippen zusammen und nickte stumm.
Im nächsten Moment kamen auch Sakura und Miyako in den Flur und verabschiedeten sich von Takumi.
„Ruf an, wenn du kannst“, kam es von Sakura.
„Natürlich.“
„Und bring Souvenirs mit“, grinste Miyako augenzwinkernd.
Takumi lachte daraufhin amüsiert. Anschließend nahm er seinen Koffer in die Hand und war aus der Tür verschwunden. Eine Weile sahen die drei Frauen seinem Auto hinterher bis es aus dem Blickfeld verschwunden war.
„Maron, hast du Hunger? Willst du vielleicht was essen?“, fragte Sakura mit einem warmen Lächeln.
Verneinend schüttelte Maron den Kopf. „Ich gehe erstmal duschen. Vielleicht danach.“
Damit ging sie die Treppen zum Obergeschoss hoch, holte sich aus ihrem Schrank im Zimmer schnell ein paar Wechselklamotten und ging ins Bad.
Dort stieg sie in die Kabine und schaltete das warme Wasser an.
Ich bin so dumm. Gott, ich bin so dumm, ging es ihr wiederholend durch den Kopf, als sie den heutigen Morgen immer und immer wieder Revue passieren ließ.
Selbstvorwürfe plagten sie.
Es war dumm von ihr, letzte Nacht auf sein Bett zu steigen, in seine Privatsphäre einzudringen und dann noch darauf einzuschlafen. Dabei wollte sie nur so lange bleiben bis er eventuell wach wurde.
Doch sie war so müde... und es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, dass sie das letzte Mal so gut geschlafen hatte. Und dabei noch von jemanden gehalten wurde. Noch immer konnte sie seine Arme um ihren Körper spüren sowie dieses elektrisierende Kribbeln… Gleichzeitig sah sie allerdings auch seinen entgeisterten Gesichtsausdruck vor ihrem geistigen Auge.
Wild schüttelte Maron mit dem Kopf und vergrub ihr Gesicht in ihre Hände. Oh Gott…
Ob sie es wagen sollte, heute Nacht nochmal zu ihm rüber zu gehen? Mit ihm zu reden, sich zu erklären und zu entschuldigen?
Es wäre schließlich nur richtig. Aber was ist, wenn er irgendwie sauer auf sie war?
Verdammt, was mach ich nur?, dachte sie sich verzweifelt.
Frustriert schaltete sie das Wasser ab, stieg aus der Dusche und wickelte sich ein Badetuch um. Anschließend zog sie sich an und ging zu den anderen runter.
Den Rest des Tages grübelte sie darüber nach, was sie tun sollte, sobald die Nacht anbrach.
Noch immer kam sie zu keinem Entschluss.
***

Derweil dachte Chiaki auch viel nach und kam zu zwei wichtigen Erkenntnissen.
Das Erste war, dass letzte Nacht etwas passiert war, was ihn normal schlafen ließ. Ohne Albträume, denn zumindest konnte er sich an keine erinnern. Das Zweite war, dass Maron sich von ihm berühren ließ und keinen schrägen. emotionalen Zusammenbruch bekam.
Er hatte keine Ahnung, wie er sich das alles erklären konnte.
Und die einzige Person, die ihm Erleuchtung bringen konnte, war heute Morgen aufgeregt aus seinem Zimmer rausgerannt. Demnach hoffte Chiaki, dass er Maron heute Nacht wiedersehen würde. Er hatte ihr zwar eine SMS geschrieben mit der Frage, ob sie reden könnten, doch die Nachricht blieb unbeantwortet.
Am Nachmittag ging er in die Küche runter. Dort traf er auf Kaiki, der sich mit Kagura unterhielt. Anscheinend war sein älterer Adoptivbruder zu Besuch da. Gerade hatten sie sich die Reste vom gestrigen Essen warm gemacht, was für alle im Haus noch reichte.
„Chiaki“, rief Kaiki erfreut, „Wie ich sehe, geht es dir heute besser.“
Chiaki grinste ihn an und zuckte unbeschwert mit einer Schulter.
Mir geht’s mehr als nur besser! Ich habe sechszehn Stunden(!) lang geschlafen, dachte er sich erheitert. Er hatte furchtbar gute Laune, trotz all der unbeantworteten Fragen in seinem Kopf.
„Willst du auch was?“, fragte Kagura, hob einen Teller Frühlingsrollen hoch. Nickend stimmte Chiaki zu, schloss sich den beiden zum Essen an, unterhielt sich auch ausgelassen mit ihnen. Nebenbei kamen immer mal lobende Kommentare zu Maron’s Kochkünsten.
Chiaki hatte so gute Laune, dass er sogar mit Shinji zum ersten Mal seit Jahren ein anständiges Gespräch halten konnte, als dieser dazu stoß.
Er fühlte sich wie neu geboren. Es war wie als würde er das Leben von jemand völlig anderem leben. Es war so bizarr. Er konnte sich auf jedes kleinste Detail in seiner Umgebung fokussieren. Dieses Gefühl war einfach nur bizarr und fantastisch zugleich.

Den ganzen Tag verbrachte er in dieser guten Laune.
Bis allerdings der Zeitpunkt kam, in der er allmählich müde wurde. Das war aber auch kein Wunder, schließlich hatte er um die sieben Jahre ordentlichen Schlaf nachzuholen.
Er war zwar müde, aber es war nicht so schlimm wie gestern, weshalb er auch mit Leichtigkeit dagegen ankämpfen könnte. Gleichzeitig wusste er jedoch, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Möglichkeit gab, in der er gar nicht dagegen ankämpfen musste.
Demnach lief Chiaki unruhig in seinem Zimmer auf und ab, als Mitternacht näher rückte und wartete darauf, dass Maron auf seinem Balkon auftauchte. Auf seine SMS hatte er immer noch keine Antwort bekommen.
Womöglich hatte er sie auch verschreckt mit seinem Verhalten heute Morgen. Wahrscheinlich sollte er sich bei ihr auch entschuldigen, dafür wie er sie angegangen war.
Nachdem er keinen Nerv mehr hatte in seinem Zimmer weiter auf und ab zu laufen, beschloss Chiaki draußen, auf seinem Balkon, auf sie zu warten.
Es war ziemlich kalt draußen. Frost bildete sich langsam auf den Oberflächen. Der Winter rückte näher. Gleichzeitig war im Himmel eine sternenklare Nacht und der Mond leuchtete hell auf.
Chiaki hatte einen guten Blick zum Nachbarshaus. Alle Fenster waren dunkel bis auf eines im Erdgeschoss.
Die Küche.
Er wartete ein paar Minuten. Doch Maron kam nicht.
Chiaki dachte darüber nach, eventuell bis morgen zu warten und zu riskieren mit ihr in der Schule zu sprechen. Doch das war für ihn zu spät.
Er wollte nicht in diesen schlaflosen Trott zurückkehren, den er seit Jahren durchlebte. Weshalb er nicht ewig darauf warten konnte, dass Maron irgendwann mal bei ihm aufkreuzte. Im Vergleich zu ihm, lebte sie letztlich nur seit ein paar Monaten ohne Schlaf.
Er musste mit ihr reden. Und zwar jetzt.
Mit dem Entschluss ging Chiaki wieder rein, schnappte sich seine Jacke und kletterte geschickter als je zuvor das Gitter runter. Unauffällig schlich er zu den Nachbarn rüber, näherte sich dem Haus halb gebückt bis er das Küchenfenster erreichte. Langsam hob er seinen Kopf und spähte rein.
Und da war sie, sein Mädchen.
Maron saß auf einem Hocker am Tresen über ein paar Hausaufgaben oder ähnlichem gebeugt.
Chiaki hob seine Hand und klopfte sachte mit seinen Knöcheln gegen die Scheibe. Erschrocken sprang Maron von ihrem Sitz hoch, eine Hand vor dem Mund gehalten und drehte sich zum Fenster um.
Sie sah völlig verängstigt aus.
Sehr schlau von dir, du Idiot, fluchte Chiaki mit sich selbst, als er seinen Fehler erkannte, Schleich dich wie ein Krimineller ran und mach ihre Albträume zur Wirklichkeit!
Er richtete sich aufrecht und hielt beide Hände in die Höhe. Entschuldigend blickte Chiaki sie an. Nachdem Maron realisierte, dass er es war, entspannte sich ihre Körperhaltung direkt. Sie ließ erleichtert ihre Hand über der Brust sinken und nahm ein paar tiefe, beruhigende Atemzüge.
Im nächsten Moment verließ sie kurz die Küche, um anschließend wieder mit dicker Jacke in der Hand zurückzukommen, den sie sich beim Rausgehen durch die Hintertür anzog.
Wie er, sah sie auch besser aus. Zwar nicht Gute-Laune-mäßig besser, wie er sich den ganzen Tag gefühlt hat, aber ihre Augen sahen erholter aus.
„Hi“, sagte sie in einem Wispern, den Blick auf ihre Schuhe gesenkt. Als Maron wieder aufsah, nickte Chiaki in Richtung der Picknickbänke, gab ihr zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte. Was sie auch tat.
Schweigend liefen die beiden zu der kleinen Parkanlage und nahmen an ihren jeweiligen Enden der Picknickbank Platz. Dieser Ort war sowas wie die neutrale Zone für sie.
Für eine Weile starrten beide unbeholfen nach vorne zum Fluss, nicht wissend, wer zuerst was sagen sollte. Als das Schweigen ihm allmählich zu viel wurde, wusste Chiaki, dass er das sagen sollte, was er bisher noch nie zu jemanden gesagt hatte. Noch nie.
„Sorry“, platze es wie aus einem Mund aus beiden heraus.
Seufzend wandte Chiaki sich zu Maron um, die beschämt den Kopf gesenkt hatte.
„Wofür entschuldigst du dich?“, fragte er irritiert. Dass seine eigene Entschuldigung nicht mehr von großer Bedeutung war, nervte ihn etwas.
„Ich- ehm…“, setzte sie an, „Es war falsch von mir einfach so auf dein Bett zu steigen. Das war völlig unangebracht… Und ehm, ich habe dir auf deine Nachricht nicht geantwortet, weil ich verunsichert war…“ Nervös spielte sie mit ihren Haaren.
Tief musste er aufseufzen.
„Ich bin nicht sauer oder ähnliches, Maron“, sagte Chiaki sanfter, „Um ehrlich zu sein, wollte ich mich eben dafür entschuldigen, dass ich dich heute Morgen so angegangen bin.“ Ein raues Kichern entkam ihm. „Du darfst dich geehrt fühlen, dann sowas mache ich gewöhnlich nie. Obwohl-“ Kurz hielt er inne, strich sich mit der Hand über den Nacken. „Obwohl eine Erklärung schon hilfreich wäre…“ Es war mehr eine Frage als eine Aussage.
Maron wandte sich zu ihm um, legte ihre Beine auf die Bank ab und schlang ihre Arme um die Knie. „Es ist peinlich und unangenehm“, sagte sie, fuhr sich verlegen durch die Haare, die Wangen leicht gerötet.
Chiaki zog erwartungsvoll eine Braue hoch, wartete geduldig, bis sie endlich mit der Sprache rausrückte.
Tief nahm sie Luft und begann alles, was letzte Nacht geschehen war, zu rekapitulieren.
Sie erzählte ihm von seinem tranceähnlichen Verhalten und wie sie sich den ganzen Abend Sorgen um ihn gemacht hatte. Wie sie sich anschließend früher als sonst zu ihm rüber schlich, den Wecker ununterbrochen hörte und in sein Zimmer schließlich reinging.
Als Maron zu dem Punkt kam, in der sie ihn schlafen sah, verhärteten sich ihre Gesichtszüge.
Sie erzählte ihm, dass er einem Albtraum hatte, dort womöglich auch feststeckte und dass sie ihn nicht wecken konnte.
Chiaki war etwas beschämt darüber, dass sein Mädchen ihn in so einem schwachen Moment sehen musste, aber bereuen konnte er es auch nicht wirklich. Angesichts dessen was dadurch danach geschah.
Sie erzählte ihm, wie sie auf sein Bett stieg und festgestellt hatte, dass sie ihn berühren konnte.
„Da war dieses kribbelnde Gefühl, wie ein Stromschlag…“, versuchte sie ihm die Berührung zu beschreiben, doch Chiaki verstand nur Bahnhof.
Maron setzte ihre Erklärung damit fort, dass ihre Handlungen ihn beruhigten, worauf sie sich auch hinlegte, es sich gemütlich machte und ihm das alte Schlaflied seiner Mutter sang.
Chiaki fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht.
Sie hatte Recht. Die Story war peinlich und unangenehm… Für ihn!
Insbesondere als sie erwähnte, wie er einen Arm um sie gelegt hatte, wollte er im Boden versinken.
„Und dann bin ich irgendwie eingeschlafen“, vollendete Maron, den Blick nach unten gerichtet, „Das wollte ich eigentlich gar nicht. Ich wollte nur so lange bleiben bis du aufwachst, aber… ich war so müde…“
„…Und du hast geschlafen?“, fragte er, „Ohne Albträume, meine ich.“
Zögernd bejahte sie mit einem Nicken.
Chiaki wandte sich nach vorne zum Fluss um und ging all die neu aufgenommenen Informationen durch den Kopf durch.

Man musste kein Genie sein, um zu erkennen, dass Maron sein Schlüssel zum normalen Schlaf war. Genauso war er ihrer.
Was auch immer für eine höhere Macht das war… Psychologen, Mediziner und Schlafwissenschaftler würden mit Sicherheit Schlange stehen wollen, um die Gründe dahinter zu erforschen.
Doch die Gründe und die Wissenschaft interessierten Chiaki nicht. Er war müde und hatte andere Sorgen.
So überlegte er auch fieberhaft, wie er Maron am besten die eine Frage stellen konnte, die ihm momentan durch den Kopf schwirrte, ohne dass sie es in den falschen Hals bekam.
„Maron.“ Er drehte sich rittlings zu ihr um, presste sich für einen Augenblick zögernd die Lippen zusammen. „Uhm…Ich muss dich was fragen, aber bitte flipp nicht aus, oder so.“ Er hoffte, dass er jetzt nichts zwischen ihnen vermasselte. (Er hatte schließlich ein Talent dafür gute Dinge in seinem Leben zu vermasseln.)
Sie zog eine Augenbraue hoch und nickte.
Langsam stellte er seine Frage, ohne den Blick von ihr abzuwenden: „Also… wie, uhm, wie unwohl würdest du dich dabei fühlen, wenn ich dich frage, ob du… ob wir das heute nochmal machen? Schlafen…mein ich…“
Maron sah ihn mit großen Augen an, ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. Gespannt wartete Chiaki auf ihre Antwort, hielt unbewusst den Atem an. Er hoffte innerlich aufs Beste, machte sich aber auch aufs Schlimmste gefasst.
Für einige Momente war es beklemmend still zwischen ihnen bis Maron sich räusperte. „Ich, ehm… wäre nicht abgeneigt… es zu versuchen“, sagte sie zurückhaltend leise.
Erleichtert atmete Chiaki aus, lächelte sie an, war froh darüber, dass sie bei seinem Vorschlag nicht davongerannt war.
Allerdings wollte er auch sichergehen, dass dieses Etwas, was ihn Maron berühren ließ, nicht weg war. Weshalb er vorsichtig seine Hand nach ihr ausstreckte, die Handfläche nach oben gezeigt. Wortlos bat er Maron sie zu nehmen… falls sie es konnte.
Die Braunhaarige blickte mit einem zweifelhaften, unsicheren Ausdruck auf seine Hand herab. Sie presste sich ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, hob ihre Hand und reichte langsam nach seiner. Zittern stupste sie zunächst kurz mit dem Zeigefinger seine Handfläche an.
Sofort war ein Kribbeln zu spüren, wie ein kleiner Stromschlag. Überrascht zog Chiaki die Brauen etwas zusammen, sah zwischen seiner und ihrer Hand hin und her, hielt seinen Arm weiterhin ausgestreckt.
Maron machte ein teils erleichtertes, teils zufriedenes Gesicht. Anschließend legte sie ihre ganze Hand in seiner und umschloss sie mit ihrem Fingern.
Er blickte leicht erstaunt auf ihre beiden Hände. Ihre Hand war zart und klein und ihre Haut fühlte sich weich an.
Ein kleines Lächeln bildete sich auf Maron’s Lippen, ihre Augen leuchtet vor Glück etwas auf. Chiaki sah von ihren Händen zu ihr auf, lächelte ebenfalls und stand von der Bank auf, zog sie dabei mit hoch.
Gemeinsam, Hand in Hand, liefen sie zurück zur Villa.
Seinem Mädchen ging es gut. Keine Schrägen, emotionalen Zusammenbrüche. Ruhig und entspannt lief sie neben ihn her.
Beide kletterten zu seinem Balkon hoch, Maron zuerst und dann Chiaki, nachdem er sicherging, dass sie unversehrt oben angekommen war.
In dem Moment, in dem beide sein Zimmer betraten, begann er sich etwas nervös zu werden. Die Gesamtsituation war einfach nur komisch und unbehaglich, Maron in sein Bett zu bekommen, ohne dass es falsch rüberkam.
Doch letztendlich brauchte Chiaki nichts sagen, denn er sah, wie Maron ihre Schuhe auszog, ihre Jacke auf seinem Sofa ablegte und auf sein Bett stieg. Mit hochgezogener Augenbraue sah sie ihn fragend an, darauf wartend, dass er sich ihr anschloss.
Schließlich zog sich Chiaki ebenfalls Jacke und Schuhe aus, nahm sein Handy in die Hand und stellte den Wecker auf halb sechs. Gerade war es halb eins und fünf Stunden Schlaf waren immer noch mehr, als beide es gewohnt waren. Außerdem hätte Maron morgens somit noch genug Zeit, um nach Hause zu kommen bevor ihre Familie was bemerkte.
Tief atmete er aus, schaltete die Nachttischlampe aus und gesellte sich neben Maron aufs Bett, die schon mit dem Gesicht zu ihm gewandt auf der Seite lag.
Chiaki vermutete, dass dieser gewisse körperliche Kontakt für die ganze Sache nötig war, weshalb er vorsichtig etwas näher an sie heranrückte. Als er nah genug bei ihr war, hob sie ihre Hand und begann sanft durch seine Haare zu streicheln. Das Gefühl ihrer Finger auf seinem Kopf fühlte sich verdammt gut an. Ihre Hand wanderte etwas nach unten und sie kraulte ihm sachte den Nacken.
Seufzend schloss er genussvoll die Augen und entspannte sich, wusste dennoch nicht was er tun sollte. Wie als würden Maron seine Gedanken lesen können, überwand sie die letzten Zentimeter zwischen ihnen und drückte ihren zierlichen Körper gegen seinen. Chiaki musste schlucken. Sein Kopf war völlig benebelt von dem Duft ihrer Haare und der Wärme, die sie ausstrahlte. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust und begann anschließend das Lied zu summen. Sofort überkam ihm dieses sentimentale, nostalgische Gefühl in seiner Brust. Es war so lange her, seit er es das letzte Mal gehört hatte.
Um zu vermeiden, dass er noch anfing wie ein kleines Kind zu weinen, legte Chiaki seinen Arm um sein Mädchen, drückte sie näher an sich an und vergrub sein Gesicht in ihre Haare. In innerhalb von Sekunden war er eingeschlafen.
***

Maron lächelte gegen seine Brust, als sie merkte, dass Chiaki eingeschlafen war. Sie hatte zwar mit Summen aufgehört, streichelte seine Haare dennoch weiter.
Sie zwang sich noch für ein paar Minuten länger wach zu bleiben, wollte diesen schönen Moment genießen. Sie konnte seinen regelmäßigen Atem auf ihren Kopf spüren. Immer mal drückte er sie näher an sich ran und strich mit seiner Hand auf ihrem Rücken durch ihre langen Haare.
Sie hab ihren Kopf etwas, um einen Blick auf sein schlafendes Gesicht zu erhaschen. Er sah so schön und friedlich aus.
Am liebsten wollte Maron ihre Hand von seinem Haaren zu seinem Gesicht runter wandern lassen und ihm über die Wange streicheln, doch sie hatte Angst, dass dies ihn wecken könnte.
Stattdessen genoss sie einfach die Wärme seines Körpers, schloss die Augen und driftete in den albtraumfreien Schlaf ab.

Fünf Stunden später wurde Maron von dem lauten, melodischen Geräusch des Weckers geweckt.
Aber sie fühlte sich so wohl, sie wollte gar nicht aufstehen. Träge kuschelte sie ihren Kopf an Chiaki’s Brust an. Ein ermüdetes Stöhnen entkam ihm und er entzog sich von ihr. Zu ihrer Enttäuschung.
Maron öffnete ihre Augen. Anders als gestern lag Chiaki noch neben ihr auf dem Bett und nicht auf dem Boden. Er hatte sich von der Seite auf den Rücken gerollt, die Augen waren geschlossen und er suchte mit einer Hand blind nach seinem Handy auf dem Nachttisch. Bei dem genervten Ausdruck auf seinem Gesicht konnte sie sich ein Kichern schwer verkneifen.
Gähnend rollte auch sie sich auf den Rücken und streckte sich etwas. Sie hatte super gut geschlafen. Zufrieden grinste sie in sich hinein.
Unterdessen hatte Chiaki es geschafft den Wecker auszuschalten.
Maron setzte sich auf, während er sich die Augen rieb und allmählich die Lider öffnete, dabei ein paar Mal blinzelte.
Sein Blick traf auf ihren und ein verschlafenes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen, ehe er sich ebenfalls aufsetzte und sich rücklings in die Kissen zurücklehnte. Seine Haare standen in alle Richtungen ab. Maron musste belustig schmunzeln, teilweise war sie schuld daran.
Für einige Momente war es ruhig zwischen den beiden bis Maron einfiel, dass sie nach Hause musste bevor die anderen aufwachten. Sie stand vom Bett auf und zog sich wortlos ihre Schuhe und Jacke an.
„Also…“ Chiaki saß noch am Kopfende angelehnt auf dem Bett und räusperte sich. „Kommst du heute Nacht wieder?“
Maron drehte sich zu ihm um und verdrehte grinsend die Augen. „Wo sonst werde ich wohl sein“, entgegnete sie. Er schien erleichtert über ihre Antwort zu sein und ein verschlafenes Grinsen bildete sich auf seinen Lippen.
Mit einem Winken über der Schulter verabschiedete sie sich, ging nach draußen und kletterte runter. Sie war voller guter Laune und Energie, sie wäre fast noch Hause gehopst.
Nach dem Maron sich umgezogen hatte, machte sie Frühstück für sich und den anderen. Sie setzte sich gegenüber von Miyako und Sakura hin und aß mit Freude ihr Essen.
„Gut geschlafen?“, fragte Sakura warm lächelnd.
Maron nickte breit grinsend. Und wie!, dachte sie sich kichernd.
Sie fühlte sich so normal, wie seit langem nicht mehr.
Die Schule wirkte auch völlig anders, wenn man ausgeschlafen und munter war. Manche Aspekte waren gut, manche weniger gut.
Alles erschien viel klarer und lebhafter als vorher. Sie konnte den Unterricht besser mitverfolgen. Gleichzeitig war es für Maron allerdings schwieriger die Blicke und das Geflüster ihrer Klassenkameraden zu ignorieren, was sie etwas verunsicherte. Unauffällig schaute sie zu Chiaki hinüber und sah, wie er mit einem zufriedenen Blick in den Augen in der Klasse saß.
Ihre innere Anspannung ließ damit auch schnell wieder nach, denn es freute Maron, dass er dieselbe gute Laune teilte wie sie. Von daher ließ sie sich ihre Stimmung nicht von der penetranten Aufmerksamkeit ihrer Mitschüler verderben.
Zwar ignorierte Chiaki sie nach wie vor, aber das störte Maron nicht. Schließlich hatte sie die letzten zwei Nächte auf seinem Bett übernachtet.

Die erste Hälfte des Tages ging vorüber und die Mittagspause stand an.
Mit einer etwas angespannten Haltung schlängelte Maron sich durch die Menschenmasse, versuchte so gut wie möglich Abstand zu ihrem Mitmenschen zu halten. An ihrem Tisch angekommen, stieß sie einen leichten Seufzer aus, als sie sich hinsetzte. An die neue Wahrnehmung müsste sie sich noch gewöhnen, denn jeder erschien ihr plötzlich näher und präsenter als vorher.
Miyako und die anderen saßen auch schon am Tisch, unterhielten sich fröhlich, während Maron sich wie gewohnt ihrem Buch widmete. Im Vergleich zu sonst, konnte sie allerdings das Gespräch am Tisch nicht ausblenden, wie wenn sie müde war.
Gerade ging es wohl darum, dass Miyako bei Natsuki das Wochenende übernachten möchte, diese aber keine Lust darauf hatte.
„Natsuki hat schon Pläne mit den heißesten Kerl Momokuris. Stimmt's Schatz?“, grinste Shinji frech.
Maron schnaubte.
„Komm von deinem hohen Ross runter“, kicherte sie und sah von ihrem Buch auf.
Alle am Tisch saßen wie eingefroren da, starrten sie mit großen Augen und überraschten Gesichtsausdrücken an. Maron ließ ihr Kichern leise verklingen.
Was? Ihr Lächeln fiel. Verwirrt blickte sie Miyako, Natsuki und Shinji an.
„Das was ein Scherz“, sagte sie leicht irritiert, die Wangen rosa gefärbt.
Für einige Sekunden war es still bis Shinji plötzlich schallend auflachte, was Maron zusammenzucken ließ.
„Sowas aber auch! Sie kann also doch reden“, grinste er, bevor Natsuki ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gab.
Maron sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen verwirrt an. Hatte sie in Shinji’s Gegenwart noch nie etwas gesagt?
„Sorry“, murmelte er, rieb sich den Hinterkopf. Maron schenkte ihm ein kleines Lächeln, war aber immer noch sichtlich verwundert.
Neben Chiaki und ihr Vater, gehörte Shinji zu den Männern, die ihr im Leben irgendwie am Nächsten waren. Und sie hatte in den drei Wochen, in der sie zusammen an diesem Tisch saßen, noch nie ein Wort mit ihm gewechselt?
Hmm... Maron dachte darüber nach, ob dieser Durchbruch, den sie mit Chiaki hatte, sich eventuell auch auf andere übertrug. Dass sie vielleicht auch andere Männer wieder normal berühren konnte.
Vielleicht war Chiaki nicht so besonders und vielleicht besserte sie sich auch? Vielleicht war sie in irgendeiner Weise geheilt?
Bei ihrem Vater hatte sie gestern vor lauter Aufregung komplett vergessen, dies zu testen und in Erfahrung zu bringen. Außerdem war Shinji ein netter Kerl. Er würde ihr nicht wehtun (sonst würde Natsuki ihm wehtun).
Maron hob entschlossen ihr Kinn hoch, richtete sich gerade, klappte ihr Buch zu und legte es auf dem Tisch beiseite. Miyako, Natsuki und Shinji beobachteten aufmerksam jede ihrer Bewegungen.
Ich kann das, ging es ihr ermutigend durch den Kopf.
„Entschuldige, ich schätze, ich war nicht gerade höflich dir gegenüber“, sagte sie in einem aufrichtigen Ton an Shinji gewandt. Seine Augen weiteten sich bei ihrer selbstbewussten Stimme und Körperhaltung. „Lass uns nochmal von vorne anfangen, okay?“ Maron streckte mit einem Lächeln höflich ihre Hand in seine Richtung aus. Dass ihre Hand ein wenig zu zittern begann und dass sich ihr Herzschlag aufs Doppelte beschleunigte, versuchte sie zu ignorieren. „Ich bin Maron. Nett dich kennenzulernen“, sagte sie, zwang sich zu einer ruhigen Stimmlage, um die Nervosität darin zu verbergen.
Shinji starrte sprachlos auf ihre Hand herab. Miyako beugte sich zu Maron rüber. „Du musst das nicht machen, Maron“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
Doch, ich muss, dachte Maron sich verbissen.
Sie wollte wissen, wie es um sie steht. Sie musste es wissen. Sie musste es probieren.
Jegliche Geräusche um sie herum verschwammen und sie blickte mit einem angespannten Lächeln eindringlich in Shinji’s große, bernsteinfarbenen Augen. Darauf wartend, dass er ihre Hand nahm.
Zögernd streckte Shinji seine Hand nach ihrer aus und umfasste sie. Es war nur ein leichter Händedruck, dennoch breitete sich sofort der blanke Horror auf Maron’s Gesicht aus. Die Bilder schlugen, wie eine Tsunamiwelle, auf sie ein.
Sie sah, wie Noyn sie viel zu fest an der Hand packte und durch den Flur zerrte, sie trat und anschrie, als sie einmal fast geflüchtet war. Wie er ihre Finger brach, als sie versuchte sich zu wehren und ihn zu beißen.
Maron entriss abrupt ihre Hand von Shinji. Sie spürte, die vertraute Panik in ihrer Brust hochsteigen und begann allmählich zu hyperventilieren.
Nein, nein, nein, nein! Nicht hier! Auf keinen Fall wollte sie es hier geschehen lassen. Weshalb sie aufstand und so schnell wie möglich aus der Cafeteria rannte. Sie hörte, wie Miyako versuchte ihr nachzurennen, doch irgendwann schien Maron sie abgehängt zu haben.
Im hinteren Teil des Schulhofes blieb sie schließlich stehen. Keine Menschen waren zu sehen.
Sie war allein.
Weshalb sie sich schließlich ihrem „Schrägen, emotionalen Zusammenbruch“ hingab, ihren Rücken an die Wand drückte und langsam zu Boden rutschte. Es war kalt draußen, doch ihr Körper war nicht wegen der Kälte heftig am Zittern.
Weinend vergrub sie ihren Kopf in die Knie, die Hände fest in die Haare gekrallt.
Sie konnte nicht atmen, bekam fast keine Luft. Ihre Brust fühlte sich erstickend eng an. Sie wusste auch nicht, wie sie sich beruhigen konnte.
Nach einigen Augenblicken spürte sie eine Präsenz.
Chiaki.
Maron brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, dass er vor ihr stand. Sie konnte dieses merkwürdige, elektrisierende Kribbeln spüren, welches er von sich gab.
„Fuck...“, hauchte Chiaki leise.
Schweratmend und schluchzend schüttelte Maron ihren gesenkten Kopf. Sie wollte nicht, dass er sie so sah.
Sie wollte, dass er ging. Er sollte sich ihren Leid nicht mitansehen.
Doch er ging nicht. Stattdessen hörte sie, wie er sich zu ihr runterhockte. Sachte nahm er ihre Hände und lockerte den Griff in ihren Haaren. Langsam hob sie ihren Kopf, das Gesicht tränenüberströmt und rang verzweifelt nach Luft. Seine Augen blickten eindringlich in ihre.
„Was zum Teufel hast du dir nur dabei gedacht, Maron?“ Noch immer hielt er ihre Hände in seine.
Laut schluchzte sie auf und schüttelte erneut ihren Kopf. „I-I-Ich... I-I-Ich bin kaputt“, flüsterte sie unter Tränen, „Ich bin kaputt. Und nichts und niemand kann mich heilen...“ Ihre Stimme brach.
Chiaki’s Blick sänftige sich und er nahm sie in seine Arme. Ohne zu zögern, schlang Maron ihre Arme um seine Schultern und vergrub ihr Gesicht in seine Jacke. Etwas unbeholfen setzte er sich mit ihr runter. Sanft strich er beruhigend seine Finger durch ihre Haare.
Tief atmete sie seinen Duft ein, welches sie zusammen mit der Umarmung und der zarten Berührung seiner Hände auch beruhigte.
„Shhh“, kam es von ihm sanft. Seine Finger wanderten von ihren Haaren zu ihren Rücken herab, streichelten sie dort in kreisenden Bewegungen. Die restliche Mittagspause sowie auch die darauffolgende Unterrichtsstunde saß er mit ihr draußen, hielt sie sicher in seinen Armen und versuchte sie zu trösten.
***

Chiaki konnte allmählich hören, dass ihr Schluchzen nachließ und auch das Zittern langsam verebbte. Ihre Atmung wurde auch ruhiger. Dennoch machte er keine Anstalten Maron loszulassen, wartete solange bis sie von selbst signalisierte, dass er sie loslassen konnte.
Innerlich musste er schwer seufzen.
Er hatte das ganze Spektakel in der Cafeteria von seinem Tisch aus mitangesehen. Wie sein Mädchen sich mutig und selbstbewusst ihrem inneren Dämon stellen wollte und der ahnungslose Shinji ihr Versuchskaninchen dabei war. Alle möglichen Emotionen gingen ihm dabei durch.
Er war zunächst stolz. Dann hoffnungsvoll. Und dann verängstigt und besorgt.
Er musste sich eingestehen, dass ein Teil von ihm nicht wirklich daran geglaubt hatte, dass ihre Zusammenbrüche so schlimm wären, wie man sie ihm darstellte. Schließlich hatte er sie bisher noch nie mit eigenen Augen gesehen. Und da er Maron berühren und halten konnte, würde er auch keine von ihm ausgelöste Zusammenbrüche erleben.
Ebenso erschien der Gedanke, dass er der Einzige wäre, der sie berühren konnte, sehr weit hergeholt. Er konnte sich doch nicht so sehr von anderen Kerlen unterscheiden…oder?
Einerseits hatte Chiaki für sie gehofft, dass sie sich besserte. Andererseits wollte er diesen Sonderstatus nicht verlieren. So selbstsüchtig das auch irgendwie klang...
Dann sah er die Sache in der Mittagspause und es war wohl wirklich so schlimm, wie man es ihm darstellte.
Zum Glück hatte Yamato nichts von dem „Schrägen, emotionalen Zusammenbruch“ mitbekommen, welches sich hinter seinem Rücken abspielt. Als Chiaki sah, wie Maron aus der Cafeteria rausrannte, gab er seinem besten Freund die herzlose Ausrede, dass er frische Luft schnappen würde. Anschließend lief er seinem Mädchen hinterher. Auf keinen Fall konnte er sie ignorieren und mit ihrem Leid allein lassen.
Schließlich fand er sie zusammengekauert, weinend und zitternd im hintersten Teil des Schulgeländes. Das komplette Gegenteil von der Maron, die vor wenigen Momenten ihren Dämon entgegentreten wollte.
Nun wirkte sie wie ein kleines, verlorenes Mädchen, welches dringend jemand brauchte, der sie festhielt. Gleichzeitig konnte er ihr ansehen, dass sie nicht wollte, dass er sie so gebrochen sah.
Es zerriss ihm das Herz.
Ihr Dämon hatte gewonnen und Chiaki konnte sie nicht davor beschützen.
In innerhalb von wenigen Minuten hatte er alle seine Grundregeln gebrochen, doch die waren fürs erste egal. Wichtiger war jetzt erstmal dem Mädchen in seinen Armen Trost zu spenden.
Nach einer Weile spürte er, wie Maron ihn kurz drückte und sich langsam aus der Umarmung löste. Sie stand auf, wischte sich mit den Ärmeln noch die letzten Tränen auf ihrem Gesicht weg.
Chiaki blickte sie besorgt an, hatte Angst, dass sie nochmal vor ihm zusammenbrechen würde. Zu seiner Überraschung schenkte sie ihm ein Lächeln. Ein richtiges, strahlendes, Zähne zeigendes Lächeln.
Keine Sorge. Mir geht’s gut, gab sie ihm stumm zu verstehen. Er lächelte daher zurück, stand ebenfalls auf und klopfte sich den Dreck von den Sachen ab.
„Weißt du...Mach dir nichts draus“, zuckte er mit den Schultern. „Shinji hat ein Talent dafür Frauen zum Weinen zubringen“, grinste er sie an.
Maron konnte nicht anders, als laut loszulachen.
Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Er war froh und erleichtert darüber, dass er sie trösten, beruhigen und auch wieder zum Lachen bringen konnte.
Nach einigen Minuten ging Maron zuerst in die Klasse zurück, holte sich vorher noch ihre Tasche bei Miyako ab und Chiaki würde nachkommen.
Sie warf ihm einen letzten dankenden Blick zu, verabschiedet sich mit einem „Bis heut Nacht“ und war anschließend verschwunden.
Chiaki blieb im Schulhof zurück, sah ihr schwer seufzend nach. Eine halbe Stunde später begab auch er sich zu ihrer letzten Unterrichtsstunde.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast