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Insomnia

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
06.09.2019
22.01.2021
60
240.807
26
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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08.11.2019 4.792
 
TEN

Als Kaiki am späten Nachmittag nach Hause kam, hatte er Shinji und Chiaki direkt in sein Büro gerufen und beide gefragt, ob sie morgen bei den Nachbarn zum Abendessen mitkommen wollten.
Die Überraschung war bei Kaiki und Shinji sehr groß, als Chiaki der Einladung zusagte. Schließlich wollte er sonst auch nie mitgehen, aber wenigstens fragten sie ihn nicht wieso er diesmal plötzlich Ja sagte.
Gerade als die Jungs darauf bedacht waren in ihre Zimmer zurückzukehren, hielt der Arzt sie für einen Moment noch auf. Chiaki ließ sich genervt auf dem Sessel gegenüber von Schreibtisch wieder fallen. Er war müde, schniefte ununterbrochen, hatte sogar leichte Kopfschmerzen und wollte einfach wieder seine Ruhe haben.
Erwartungsvoll schaute er seinen Vater mit hochgezogener Augenbraue an.
„Takumi’s Tochter ist vor kurzem aus Osaka hierhergezogen“, setzte Kaiki an, den ernsten Blick auf Chiaki gerichtet. „Chiaki, du kennst sie wahrscheinlich nicht so gut, wie Shinji es tut. Aber... du musst vorsichtig mit ihr umgehen.“
Ich kenne sie nicht so gut, wie Shinji es tut?!, wiederholte der Angesprochene in Gedanken, warf Shinji einen flüchtigen, ungläubigen Blick zu und musste sich stark zusammenreißen, um nicht prustend loszulachen. Wenn ihr wüsstet!
Doch er behielt seine ruhige, unschuldige Miene bei, machte sogar einen neugierigen, verwunderten Gesichtsausdruck.
„Sie fühlt sich sehr unwohl unter Menschen und mag es nicht berührt zu werden“, sprach Kaiki weiter.
Was du nicht sagst, ging es Chiaki sarkastisch durch den Kopf, rollte innerlich mit den Augen, musste sich das Lachen ein weiteres Mal verkneifen. Aber er rechnete es hoch an, dass sein Vater Mitgefühl für ihre Situation zeigte, weshalb er nur verständnisvoll nickte.
Anschließend begab er sich in sein Zimmer zurück, um für die nächsten Stunden auf das Mädchen zu warten, welches er angeblich „nicht zu gut kannte, wie Shinji es tat“. (Als ob der Typ sie überhaupt kannte, nur weil sie jeden Tag in der Mittagspause zusammen an einem Tisch saßen.)
Chiaki nahm sich ein Glas Wasser und schluckte seine Medikamente, auch wenn er sie womöglich nicht mehr brauchte. Aber sie halfen ihn wach genug zu halten, um über den Tag halbwegs zu funktionieren. Seit er krank war, hatte er wahrscheinlich nur um die vier Stunden insgesamt geschlafen. Viel zu wenig und das war ihm bewusst. Selbst wenn er mehr schlafen wollte, konnte er nicht.
Es ging einfach nicht.
Und das Ganze reizte ihn sehr aus. Sein Gehirn fühlte sich an, als würde es zu Brei werden. Es wurde schwieriger sich Dinge zu merken. Er konnte sich schon an die letzte Mathestunde von heute nicht mehr erinnern.
Nur wenige Male hatte Chiaki es so weit kommen lassen. Er ging über seine Grenzen hinaus und er wusste, dass es dumm und leichtsinnig war. Doch er konnte nichts dagegen machen.
Er war einfach nur müde. Nicht nur schläfrig müde.
Sondern auch erschöpft. Erschöpft darüber müde zu sein.
Sich immer an der Grenze zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit zu befinden, auf diesen schmalen Grat zu wandern und nie dazu fähig sein, weder das eine noch das andere voll und ganz zu durchleben.
Er würde alles dafür geben wieder normal schlafen zu können. Sich wie ein normaler Mensch zu fühlen. Wenigstens einmal wollte er imstande sein, irgendwo hinzugehen und alles um ihn herum aufs vollste wahrnehmen zu können. Ohne den Zombie-Filter.
Er war müde und erschöpft. Hatte es satt.
Und er hatte vollkommen Angst davor, dass sich nie was ändern wird und dass ihm die Chance auf Normalität verwehrt blieb.

Chiaki verbrachte den Abend damit aufzuräumen. Normalerweise hielt er sein Zimmer auch immer sauber, aber seit er krank war, hatte er sich gehen lassen.
Nun hatte er wenigstens genug Elan, um das mal zu erledigen. Schließlich sollte Maron nicht noch denken, dass er im Saustall leben würde.
Um Punkt Mitternacht kam sie wieder. Es erstaunte ihn, dass er sie draußen nie hören konnte, wenn sie hochkam. Als Diebin, oder ähnliches, wäre sie wirklich perfekt geeignet.
Allerdings konnte er sehen, dass das Klettern sie auch ausreizte. Die Ringe unter ihren Augen waren dicker als sonst.
Er konnte sehen, dass auch sie über ihre Grenzen hinausging und mit ihm zwischen zwei Extremen entlang balancierte.
Chiaki wollte ihr schon etwas von seiner restlichen Erkältungsmedizin abgeben, als er letztlich bemerkte, dass Maron sich eine Thermoskanne Kaffee mitgebracht hatte.
Wie die Nächte zuvor entleerte sie ihre Tasche und machte es sich auf ihrem Platz auf dem Sofa gemütlich. Ihm fiel auf, dass sie dieses Mal keine Suppe mitgebracht hatte. Stattdessen fand Chiaki in der großen Tupperwarenbox Pasta vor, als er sich auf seinem Bett niederließ. Der Duft haute ihn fast um. Er aß ohne Hemmungen, wohl wissend, dass sein Mädchen dies von ihm erwarten würde. Im Augenwinkel konnte er sehen, wie Maron zufrieden in sich hineingrinste. Gelegentlich konnte er sie amüsiert kichern hören.
„Hey“, sagte er gespielt beleidigt mit halbvollem Mund, „Lach mich nicht aus! Ich muss noch wachsen.“
Die Aussage ließ Maron noch lauter kichern. Anschließend beugte sie sich herunter, zog sich ihre Schuhe aus, brachte ihre Beine aufs Sofa hoch und legte ihre Arme um die Knie.
„Gibt es etwas, was du zum Dinner gerne haben willst?“, fragte sie in einem leisen Ton. Das Dinner wäre morgen... beziehungsweise heute (wenn man nach der Uhrzeit ging) und Chiaki konnte sich vorstellen, dass Maron sich in ihrem Kopf schon ein volles Menü zusammenstellte.
„Hmmm...“ Er dachte für einen Moment nach, während er mit der Gabel durch die Pasta stocherte. „Ist eigentlich egal. Ich bin mir sicher, alles was du zu Tisch bringst, wird super sein“, sagte er mit einem leichten Schulterzucken.
Sie lächelte bei dem Kompliment erfreut. Ein Lächeln, was auch ihre Augen erreichte. Solch ein Lächeln war selten auf ihrem Gesicht zu sehen. Gewöhnlicherweise war es meist nur ein halbes Grinsen oder ein kleines Schmunzeln. Oder ein angespanntes Lächeln, welches sie sich aufsetzte, um ihre wahren Gefühle zu verbergen. Darin waren beide sich wohl auch ähnlich.
Schnell wurde ihr Lächeln zu einem Gähnen, ihre Augen tränten dabei etwas. Sofort schnappte sie sich ihren Kaffee auf dem Boden und trank es gierig. Und da Gähnen ansteckte, musste Chiaki direkt auch gähnen. Ein verlegenes Kichern war von ihr zu hören.
„Hast du dennoch ein Lieblingsessen?“, fragte Maron interessiert.
„Ehm... Gratin”, offenbarte er und fügte schnell hinzu, „Du musst das morgen aber nicht machen!“ Er wollte ihr auf keinen Fall irgendwelche Umstände bereiten.
„Hmm. Okay. Wenn nicht morgen, dann ein anderes Mal, ja?“
„Du musst nicht. Überhaupt das alles hi-“
„Ich will aber. Ich mach das gerne“, beharrte sie, worauf er sich seufzend geschlagen gab und nickte.
Die Stunden vergingen und Chiaki versuchte immer irgendwelche Gespräche voranzubringen, um beide von der Müdigkeit abzulenken. Beispielsweise fragte er Maron nach der Mathestunde, die er vergessen hatte. Sie überlegte angestrengt, versuchte selbst in ihrem erschöpften Gedächtnis die Erinnerungen darüber aufzurufen. Was am Ende bedauerlicherweise nicht viel war. Eventuell hatten sie heute irgendwelche Geometrieformeln wiederholt, aber keiner von beiden war sich sicher.
Sie witzelten etwas über Miyako’s Outfit und Yamato’s Reaktion, besprachen die bevorstehenden Partnerarbeiten, die beide in einigen Fächern machen müssen, unterhielten sich über nahezu alles, was ihnen in den Sinn kam.
Maron erzählte ihm von all den Dingen, die sie beim Dinner machen würde und Chiaki würde sie nach Details fragen, um ihren Kopf beschäftigt zu halten.

Als die Uhr schließlich halb sechs anzeigte, war Maron’s Kaffee aufgebraucht sowie Chiaki’s Packung an Erkältungsmedikamenten. Er war sich nicht sicher, ob er den Tag durchhalten würde, da Samstag war und er dementsprechend keine Schule hatte.
Maron würde durchhalten, dem war er sich sicher. Sie konnte sich mit Kochen schließlich wachhalten.
Er sah ihr wie immer dabei zu, wie sie ihre Sachen zusammenpackte und zur Balkontür hinausging, achtete darauf, dass sie nicht schwankte beim Laufen. Ihre Schritte schienen aber sicher zu sein genauso wie ihre Bewegungen, als sie sich nach unten begab. Hinter dem Vorhang spähend, stellte er noch sicher, dass Maron unversehrt nach Hause kam.
Was sie tat.
Chiaki begab sich in sein Bad und ging eiskalt duschen. Als das kalte Wasser seine Haut berührte, wurde er auch munter. Die kalten Temperaturen ließen ihn nicht zusammenzucken. Diese Methode hatte er schon so oft angewendet, wenn es so schlimm wurde, dass er teilweise schon daran gewöhnt war.
Und heute musste er unbedingt wach bleiben.
Nach dem Duschen rasierte er sich noch den Bart der letzten fünf Tage weg, um einigermaßen präsentabel auszusehen, was Kaiki von ihm auch erwarten würde. Besonders schick machen, würde er sich allerdings nicht. Schließlich waren sie nur zum Essen bei dem Nachbarn eingeladen und nicht auf einer Gala. Ein einfaches Shirt mit Strickjacke und Jeans sollten reichen.
Nach nur einer Stunde war er im Bad fertig. Was schlecht war.
Denn er hatte immer noch mehr als elf Stunden zu überbrücken bis zum Dinner. Mit einem mürrischen Blick sah er zu seinem Bett rüber. Auf keinen Fall würde er sich darauf niederlassen - die Gefahr war zu groß, dass er einschläft und bis morgen womöglich nicht mehr aufwachte. Und er hatte keinen Bedarf, sich für so viele Stunden von seinen Albträumen peinigen zu lassen.
Stattdessen schnappte Chiaki sich sein Skizzenbuch und setzte sich auf Maron’s Platz auf dem Sofa hin. Es duftete noch nach ihr.
Er nahm tief Luft, ließ den blumigen Duft seines Mädchens auf sich wirken und fing anschließend an zu zeichnen, darauf hoffend, dass die Zeit schnell verging.

Die Stunden vergingen schleppend.
Heute war wahrscheinlich der härteste Tag für ihn wach zu bleiben. Er musste schon zwei weitere kalte Duschen nehmen, um dies zu bewerkstelligen.
Um exakt 18 Uhr schleppte er sich die Treppen runter, wäre dabei zweimal fast gestolpert.
Im Flur wartete schon Kaiki. Seufzend fuhr Chiaki sich durch die Haare.
Er hoffte, dass er den Abend überleben würde.
Wenn man so müde war, dann war alles wie als würde man die Welt mit einem Tunnelblick wahrnehmen. Sein Gehirn nahm nur noch das wahr, was sich direkt vor ihm befand. Er fühlte sich wie eine Maschine, der zwar alle Bewegungen ausführen konnte, jedoch nur sehr schwerfällig und dem es an der nötigen Energie fehlte, um hundertprozentig funktionieren zu können.
Demnach bekam Chiaki noch nicht richtig mal mit, dass Shinji neben ihn aufgetaucht war oder dass sie schon aus dem Haus waren. Und ganz plötzlich waren sie schon bei den Nachbarn vor der Tür.
Chiaki zog seine Brauen zusammen, blickte sich desorientiert um und schüttelte leicht den Kopf. Die Verwirrung ließ nicht ab, als Sakura Toudaiji auf einmal vor ihm stand und ihn zur Begrüßung herzlich umarmte. Dies brachte zumindest seine Konzentration etwas wieder hoch und er erwiderte die Umarmung zaghaft.
Sakura war eine nette, gutherzige Frau und erinnerte ihn in gewisser Hinsicht auch etwas an seine eigene Mutter. Weshalb er die Umarmung mit gemischten Gefühlen erwiderte.
„Danke für die Einladung“, sagt Chiaki leise in einem freundlichen Ton, als sie ihn losließ. Sakura lächelte ihn warm an, als sie anschließend Shinji in die Arme nahm.
Gleichzeitig kam Takumi Kusakabe auf ihn zu, hielt ihm begrüßend die Hand entgegen.
Chiaki schluckte leicht als er Maron’s Vater vor sich sah, nahm aber freundlich die Hand und schüttelte sie.
„Fühlt euch wie zu Hause“, sagte Takumi und führte alle ins Wohnzimmer.
Dort saß Miyako schon auf der Couch. Chiaki entging es nicht, dass sie ihn verächtlich anfunkelte, was er allerdings amüsiert hinnahm. Und da er keine Kraft hatte genervt zu sein, lächelte er sie einfach an, wohlwissend dass dies sie nur irritieren würde.
Plötzlich stand Chiaki im Esszimmer vor einem großen, bedeckten Tisch. Die Erwachsenen saßen schon an einem Tischende beisammen und unterhielten sich. Miyako, die ausgelassen mit Shinji quatschte, war gerade dabei sich neben ihrer Mutter hinzusetzen.
Was zum Henker?, ging es ihm verwirrt durch den Kopf.
Wann und wie kam er hierhin?
Eben stand er noch im Wohnzimmer bei der Couch und jetzt-… Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war fast 19 Uhr.
Er kann sich nicht erinnern, was in den letzten dreißig Minuten geschehen war oder was er gemacht hat.
Er kniff sich kurz die Augen zusammen und rieb sich die Stirn. Er kannte jede einzelne Phase von Schlafmangel und gerade kam er sich vor, als hätte er die Wahrnehmungsstörungen übersprungen und würde sich direkt beim Gedächtnisverlust befinden.
Angesichts dessen fragte er sich bereits, ob der ganze Abend hier nicht eine Halluzination war. So desorientiert hatte er sich in all den Jahren noch nie gefühlt. Noch nie waren die Gedächtnislücken so extrem.
Langsam ließ Chiaki sich auf dem Stuhl neben Shinji nieder. War sichtlich angespannt. Die Angst überkam ihm, dass er eventuell etwas machen würde, was ihn wahnsinnig aussehen ließ.
Bitte lass mich nicht den Verstand verlieren…!, flehte er in Gedanken.
Im nächsten Moment kam jedoch sein Mädchen rein und der Anblick von ihr beruhigte ihn etwas.
Sie trug eine schwarze Leggings mit einem schlichten, weißen Shirt, die Ärmel bis zum Ellenbogen hochgekrempelt. Chiaki fiel auf, dass dies das erste Mal war, dass er ihre nackten Unterarme sah. Sie wirkten dünn, blass und zierlich, was er irgendwo auch erwartet hatte. Aber es war ungewohnt so viel Haut von ihr zu sehen.
Was denk ich da?! Chiaki schüttelte den Kopf und versuchte alle seine Konzentration für den Abend zu sammeln.
Maron begrüßte Kaiki und Shinji mit einem leisen, freundlichen Hallo und setzte sich anschließend neben Miyako hin. Genau gegenüber von Chiaki.
Sie sah fast so müde aus wie er. Die dunklen Ringe unter ihren Augen waren nach wie vor so ausgeprägt, wie in der Nacht zuvor.
Kurz spähte Maron zu ihm rüber, ehe sie ihrem Blick wieder auf das Essen senkte. Er betete darum, dass sie etwas sagen oder sich mit den anderen unterhalten würde, damit er seine Aufmerksamkeit auf etwas, wie ihre Stimme, lenken konnte und mental nicht abdriftete. Doch zu seiner Enttäuschung blieb sie ruhig, während die anderen sich angeregt unterhielten und aßen.
Auf einmal hatte er in der einen Hand seine Schüssel Reis und in der anderen ein Stück Fleisch zwischen den Stäbchen, führte es gerade zu seinem Mund. Er hielt inne, die Stäbchen mit dem Fleischstück in der Luft halten, zog indessen die Brauen zusammen und sah sich um.
War er am Essen?
Hatte er schon was gegessen?
Miyako schien ihn komplett zu ignorieren, unterhielt sich lachend mit Shinji und die drei Erwachsenen waren auch in ihren eigenen Gesprächen vertieft.
Nur Maron blickte ihm direkt in die Augen.
***

Etwas stimmte mit ihm nicht.
Maron blickte Chiaki besorgt an. Er saß nur da und starrte sie an, wirkte völlig geistesabwesend und verloren. Besonders dieser verwirrte Ausdruck in seinem blassen Gesicht war für Maron alarmierend.
Sie wusste, dass er wie sonst auch nicht viel geschlafen hatte. Allerdings war er zusätzlich noch krank gewesen und hat gerade deswegen Schlaf in den letzten Tagen eigentlich nötig gehabt.
Sie musste ihn aus dieser Trance rauszuholen, ehe die anderen noch etwas mitbekamen. Und es gab nur eine Sache, die sie tun konnte.
Kurz schloss Maron ihre Augen, nahm tief Luft, sammelte sich etwas und versetzte ihrem Gegenüber unter dem Tisch einen kurzen, dennoch kräftigen Tritt ins Schienbein. Chiaki zuckte erschrocken zusammen, ließ sein Fleischstück dabei in die Reisschüssel fallen und blinzelte einige Male irritiert. Nachdem sie ihm mit einem stummen Blick zu verstehen gab, dass er sich zusammenreißen sollte, nickte er dankend und fing an zu essen.
Maron atmete erleichtert auf. Zum Glück waren alle anderen am Tisch so in ihren Gesprächen vertieft, dass sie nichts von den beiden mitbekamen.
Während die Braunhaarige aß, behielt sie Chiaki genaustens im Auge. Dieser schien weder sie noch die anderen zu beachten, aß seine Schüssel mit Beilagen schnell auf. Schneller als Maron ihn je Essen gesehen hatte. Sein Verhalten war ungewöhnlich und besorgniserregend zugleich.
Sie wollte ihn fragen, was mit ihm los war, aber sie konnte nicht. Still beobachtete sie, wie er sich zweimal Nachschlag holte, diese genauso schnell runterschlang und zu niemanden ein Wort sagte. Für zwanzig Minuten, lief das so ab.
Schließlich setzte Chiaki seine Schüssel und Stäbchen auf den Tisch ab, hustete etwas und trank sein Glas Wasser auf Ex runter. Langsam drehte er sich um, beugte sich leicht nach vorne zu Dr. Nagoya gewandt.
„Kaiki?“, sagte er in einem verhaltenen Ton, unterbrach dabei die politische Diskussion, die sein Vater mit Takumi hatte. „Ich...uhm... will wirklich nicht unhöflich sein, aber ich...eh... fühle mich nicht so gut.“
„Die Erkältung ist noch nicht weg?“, fragte Kaiki etwas stutzig.
Chiaki hustete darauf nochmal etwas.
„Du meine Güte, das hört sich nicht gut an“, kam es von Sakura besorgt, „Geh ruhig nach Hause und ruh dich aus“, sagte sie mit einem warmen Lächeln.
„Bin ganz ihrer Meinung“, nickte Takumi zustimmend. „Wir wollen alle nicht, dass es dir am Ende noch schlechter geht.“
„Du hast gehört, was sie sagten“, erwiderte Kaiki in einem fürsorglichen Ton, „Ab nach Hause mit dir und geh am besten früh schlafen.“
Chiaki nickte.
Miyako brummte leise etwas in sich hinein, was Maron nicht verstand. Was auch immer es war, die Braunhaarige konnte es nicht so sitzen lassen und gab ihrer Sitznachbarin deswegen einen mahnenden Tritt ins Bein. Miyako zuckte bei dem Tritt leicht.
Benimm dich, gab Maron ihr mit einem scharfen Blick in den Augen zu verstehen. Miyako sagte nichts und sah auf ihr Essen herunter.
Während Chiaki aufstand, schwankte er kaum merklich und hielt sich an der Stuhllehne fest. Alles kleine Dinge, die niemand außer Maron bemerkte.
Er war müde. Viel zu müde.
„Danke für das Essen. Es war wirklich lecker“, sagte Chiaki höflich zu Sakura gewandt, warf Maron einen flüchtigen Seitenblick zu, eher er aus dem Zimmer ging. Kurze Zeit später konnte man auch die Eingangstür zufallen hören.
Den Rest des Dinners fühlte Maron sich wie, als würde sie auf heißen Kohlen sitzen. Sie war mehr als besorgt um Chiaki, wollte am liebsten aufspringen und nach ihm sehen.
Doch sie musste noch bis zum Ende ausharren, wünschte sich dabei, dass die Uhr schneller laufen würde.
Nach einer halben Stunde hatte sie noch Kuchen als Dessert an den Tisch gebracht. Während die meisten zu satt und voll dafür waren, schaffte Shinji es noch dreiviertel von der Nachspeise runterzubekommen (zum großen Erstaunen der anderen). Maron konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Miyako hatte mit dem schwarzen Loch im Magen nicht übertrieben, dachte sie sich. Shinji grinste sie unschuldig an und zuckte mit den Schultern.
Schließlich kehrten alle ins Wohnzimmer zurück, während Maron den Tisch aufräumte und das Geschirr in die Küche brachte. Im Hintergrund konnte sie den Fernseher hören - den Kommentaren zufolge lief irgendeine Sportsendung.
„Kommst du klar?“, hörte Maron auf einmal ihren Vater sagen, der mit den letzten paar Tellern in den Händen in der Küche stand und alles auf der Arbeitsfläche ablegte.
Sie wusste, dass er nicht vom Geschirr oder Aufräumen sprach und rollte mit den Augen.
„Ich sagte dir doch, du brauchst dir, um mich keine Sorgen zu machen. Mir geht es gut“, entgegnete sie mit einem ermüdeten Seufzen. „Kümmer’ dich lieber um deine Gäste. Braucht ihr was zu trinken? Wein, Bier, irgendwas?“, fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
„Nein, schon gut. Ich glaube, selbst ein Schluck Wasser bekomme ich nicht mehr runter. Du hast dich echt übertroffen“, lachte Takumi, „Kaiki-… ich meine, Dr. Nagoya habe ich dir bisher noch gar nicht vorgestellt, oder?“
„Nope“, schüttelte sie den Kopf, während sie alles in die Spülmaschine einräumte, „Er scheint aber sehr nett und sympathisch zu sein.“ Das meinte sie auch ernst. Sie war froh, dass Chiaki bei ihm unterkam. Man merkte Dr. Nagoya an, dass er sich um seinen Sohn sorgte.
„Ach ja...“ Maron fiel ein, dass ihr Vater für die nächsten drei Wochen geschäftlich weg sein wird. „Wann musst du morgen los?“, fragte sie interessiert.
„Mittags. Spätestens gegen zwölf muss ich zum Flughafen los“, antwortete er, „Kannst es wohl kaum erwartet, dass dein alter Herr weg ist?“
Daraufhin musste sie lachen. „Quatsch. Natürlich werde ich dich vermissen.“ Sie würde ihren Vater durchaus vermissen, aber teilweise war sie auch etwas froh darüber für drei ganze Wochen nur unter Frauen zu leben. Machte sie das eine schlechte Tochter? Ein bisschen überkam sie das schlechte Gewissen und sie biss sich schuldig auf die Lippe.
Takumi schenkte ihr ein kleines, verständnisvolles Lächeln, wie als würde er verstehen, was in ihr vorging.
Der Abend zog sich hin und gegen halb neun verabschiedeten die Nagoyas sich schließlich, bedankten sich herzlichst für das Essen. Einige der Reste nahmen sie mit nach Hause.
Maron gesellte sich daraufhin zu Miyako auf der Wohnzimmercouch, unterhielt sich etwas mit ihr. Die Kurzhaarige sprach den Tritt beim Essen nie an. Ihre Eltern stießen in der Unterhaltung der Mädels noch dazu, ehe alle eine Stunde später schließlich ins Bett gingen.
Endlich!, ging es Maron durch den Kopf. Denn noch immer war sie ziemlich beunruhigt über Chiaki’s Verhalten heute Abend und konnte es kaum erwarten zu ihm rüberzugehen.

Für die nächsten Minuten lief Maron nervös in der Küche auf und ab. Sie blickte zu Chiaki’s Fenster rüber. Das Licht war aus. Normalerweise war das Licht nie aus. Das beunruhigende Gefühl in ihrer Magengrube verstärkte sich.
Immer wieder sah Maron auf die Uhr und hoffte, dass sie Mitternacht anzeigte. Unterdessen hatte es draußen angefangen zu gewittern. Der Wind sowie der Regen ratterten lautstark an den Fenstern.
Um zweiundzwanzig Uhr hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste ihn sehen.
Maron schnappte sich ihre Jacke, zog sich die Kapuze über und ging nach draußen.
In innerhalb von Millisekunden war sie pitschnass, doch das hinderte sie nicht zu den Nachbarn rüberzugehen.
Sie lief zum Gitter an der Wand und kletterte sich wie gewohnt nach oben, trotz erschwerter Wetterbedingungen. Wasser lief ihr das Gesicht herunter, machte es schwieriger für sie zu sehen. Dennoch schaffte Maron es ohne Komplikationen auf den Balkon. Sie hob ihre Hand und klopfte an die Glasscheibe der Tür. Keine Reaktion.
In dem Moment als sie ein zweites Mal klopfen wollte, hielt sie inne. Ein Geräusch war aus seinem Zimmer zu vernehmen. Es klang wie ein Handywecker.
Augenblicke vergingen. Wieso machte er ihn nicht aus?
Maron klopfte ein zweites Mal, diesmal lauter. Doch Chiaki kam nicht.
Dutzende Szenarios gingen ihr durch den Kopf. Die meisten von ihnen endeten damit, dass er irgendwo tot in seinem Zimmer lag.
Panik überkam sie und sie tat etwas, was sie normalerweise nicht tun würde. Sie griff nach der Klinke und öffnete, ohne eine weitere Sekunde zu warten, die Balkontür.
Langsam trat sie ein und schloss hinter sich die Tür.
Es war ungewohnt dunkel in seinem Zimmer. Nur das schwache Licht des Handys, welches auf dem Nachttisch lag, durchbrach die Finsternis. Maron ging vorsichtig darauf zu und schaltete den Wecker aus.
„Chiaki?“, flüsterte sie unsicher, zitterte leicht.
Neben ihr war sein Bett und sie konnte ein leises, tiefes Wimmern von da vernehmen.
Erleichtert atmete sie aus. Erleichtert darüber, dass Chiaki nicht tot war. Aber dennoch war nicht alles gut.
Sofort tastete Maron auf dem Nachttisch nach der Lampe, schaltete ihn an.
Kaum war das Licht an, fand sie Chiaki auch schlafend auf dem Bett vor.
Falls man es Schlafen nennen konnte.
Er lag auf der Bettdecke, trug noch dieselben Klamotten, wie vor ein paar Stunden und warf sich unruhig hin und her. Tränen strömten ihm die Wangen herunter. Sein Gesicht war qualvoll verzogen, er zitterte und bebte am ganzen Leib.
Er hatte einen Albtraum.
Ein weiteres Wimmern entkam ihm und Maron spürte, wie ihr selbst die Tränen die Augen hochstiegen. Sie konnte es nicht ertragen ihn so leiden zu sehen. Es brach ihr das Herz. Fast so wie damals, als sie den toten Körper ihrer Mutter fand.
„Chiaki. Hey, Chiaki. Wach auf“, rief sie etwas lauter. Doch er hörte sie nicht. Es war wie, als würde der Albtraum ihn gefangen halten. „HEY! Chiaki! Verdammt, bitte, wach auf!!“
Egal, wie oft und wie laut Maron nach ihm rief und ihn darum bat aufzuwachen, sie bekam keine Antwort.
Verdammt, was soll ich nur tun? Ihre Stimme konnte nicht zu ihm vordingen. (Sie fand auch nichts, was sie nach ihm werfen konnte, ohne ihn ernsthaft zu verletzten.)
Unter Tränen begann sie zu realisieren, dass sie Chiaki berühren musste, ihn wach rütteln musste, eventuell auch wach schlagen musste, um ihn zu erreichen.
Um ihn aus dem Albtraum zu bekommen.
Tief nahm sie Luft, um ihre Nerven zu beruhigen. Der kurze Tritt ans Bein war eine Sache, aber das...
Ihre Hände zitterten vor Nervosität.
Sein Bett war auch zu groß, um von ihrem Punkt aus mit dem Arm nach ihn reichen zu können.
Langsam hob sie ein Knie auf die Matratze und dann das andere, krabbelte vorsichtig auf ihn zu. Gerade lag Chiaki auf der Seite, mit dem Gesicht zu ihr gewandt.
Bei den Gedanken ihn berühren zu müssen, musste sie noch mehr zum Weinen. Sie hatte Angst. Furchtbare Angst. Doch sie musste sein Leid stoppen.
Maron hob zitternd eine Hand, führte sie langsam zu seiner, die sich krampfhaft an der Decke festgekrallt hatte. Sie streckte einen Finger aus, stoppte einen Zentimeter über seine Knöchel. Ein letztes Mal atmete sie tief durch und stupste ihn testweise kurz an.
Sie spürte ein warmes, elektrisierendes Gefühl, welches sie durchfuhr. Überrascht zog sie ihrer Hand wieder zurück.
Fassungslos sah sie mit großen Augen zwischen ihrer und seiner Hand hin und her.
Keine Angstattacken, keine Bilder und Flashbacks vor ihrem geistigen Auge – alles war okay.
Sie war okay.
Weshalb sie sich dazu trieb, einen Schritt weiter zu gehen und ihre ganze Hand auf seine zu legen. Schon wieder dieses elektrisierende Gefühl. Es war ein merkwürdiges, ungewohntes Gefühl. So anders.
Und dennoch irgendwie angenehm.
Maron schaffte es den Griff seiner Hand zu locker und sie neben seinen Körper abzulegen. Sie war immer noch erstaunt darüber, dass sie das ohne verrückt zu werden bewerkstelligen konnte.
Mit etwas mehr Selbstbewusstsein näherte sie sich ihm noch ein Stück, bereit endlich das zu tun, was sie schon seit Tagen machen wollte.
Vorsichtig hob sie ihre Hand und strich Chiaki sanft die Haare aus dem Gesicht. Und anstatt die Hand wieder wegzuziehen, strich sie ihm weiter durchs weiche Haar. Dies schien ihn auch zu beruhigen, zu ihrer Überraschung. Sein Zittern nahm von Minute von Minute ab. Seine Züge entspannten sich.
In ihrem Inneren herrschte ein Feuerwerk von Gefühlen.
Sie konnte ihn berühren. Und ihm gefiel es.
Berauscht von all der positiven Aufregung, den diese Erkenntnisse ihr brachten, ließ sie sich neben ihn nieder, hörte dabei nicht auf ihm durch die Haare zu streicheln. Dass sie ihn eigentlich wecken wollte, war ihr in den Momenten völlig entgangen.
Zu sehr freute es sie, dass sie ihn besänftigen konnte. Ihre Wange legte sie auf ihre freie Hand ab, betrachte sein schlafendes Gesicht. Er war zwar ruhiger, aber noch immer zuckten und kniffen sich seine Lider unruhig zusammen.
In dem Moment fiel Maron ein, was Chiaki ihr damals gesagt hatte. Dass seine Mutter ihn als Kind immer in den Schlaf gesungen hatte.
Also begann sie leise zu singen.

Cast away your worries, my dear
For tomorrow comes a new day…


Seine Züge entspannten sich und er atmete tief aus.

Hold to me, you've nothing to fear…

Die Tränen ließen nach, sein Körper war völlig entspannt und seine Atmung ging in einem ruhigen, regelmäßigen Rhythmus.
Er sah so friedlich aus. Maron konnte sich ein liebevolles Lächeln nicht verkneifen.

Though the world is cruel
There's a light that still shines
In the darkest days of our lives


Plötzlich und ohne Vorwarnung, legte Chiaki einen Arm um ihre Taille. Abrupt brach Maron ab und erstarrte. Sie befürchtete das Schlimmste. Doch es kam nach wie vor nichts.
Keine Angstattacken, keine Flashbacks, kein Hyperventilieren, kein Weinen.
Nichts.
Nur dieses komische, elektrisierende Gefühl auf ihrem Körper. Genau dort, wo Chiaki seinen Arm um sie gelegt hatte.
Maron riss sich aus ihrer Schockstarre, setzte das Lied summend fort und strich ihm weiter durch die Haare, kraulte ihm leicht den Nacken. Dabei traute sie sich sogar, noch näher an ihn heran zu rücken, sodass sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut und sein Herzschlag durch die Brust spüren konnte.
Ihr Lächeln wurde breiter.
Es war eine Ewigkeit her, seit sie das letzte Mal jemanden so nah war. Und nie hätte sie es sich vorgestellt, Chiaki so nah kommen zu können.
Der Griff um ihre Taille erhöhte sich etwas und er drückte sie näher an sich ran.
Dieses Mal erstarrte Maron nicht. Stattdessen ließ sie ihre Hand von seinen Haaren runter wandern, fuhr sachte mit den Fingerspitzen über seinen Rücken und sie umarmte ihn zurück. Ebenso lehnte sie ihren Kopf auf seine Brust an und genoss sichtlich die Wärme, die sein Körper ausstrahlte.
In seinen Armen zu liegen, gab ihr so ein ungewohntes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit… es fühlte sich irgendwie richtig an.
Zufrieden seufzend schloss Maron ihre Augen. Sie merkte gar nicht, dass sie Sekunden später eingeschlafen war.
Und zum ersten Mal seit Monaten bekam sie keine Albträume, die sie heimsuchten.
Ohne irgendwelche Träume schlief sie in Chiaki’s Armen durch.
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