this skin i can do without

von Icelandic
KurzgeschichteDrama, Angst / P18
Brutus Enobaria Haymitch Abernathy Katniss Everdeen
05.09.2019
05.09.2019
1
6395
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
AN: So meine Lieben, es ist tatsächlich über vier Jahre her, dass ich hier irgendetwas gepostet habe. Ich habe mir letzte Woche die Hunger Games-Filme mal wieder angeschaut und wurde vom plötzlichen Drang überkommen, meinen alten Lieblingsfiguren einen Besuch abzustatten. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob irgendjemand, den ich damals kannte, noch aktiv ist, aber für den Fall, dass - willkommen zurück. Dass ich What Lays Behind nie fertiggestellt habe, tut mir leid, aber ich hoffe, ihr stellt fest, dass ich mich verbessert habe. Diese Enobaria mag ich um einiges lieber als die, die ich mit dreizehn geschrieben habe.

Warnungen für Blut, graphische Gewaltdarstellungen, PTSD und kurze Selbstmordgedanken. Brutus/Enobaria spielt eine ziemlich untergeordnete Rolle. Der Titel ist aus dem Song "Half" von Pvris, den ich beim Fertigstellen gerade gehört habe. Eine englische Version der Geschichte findet ihr auf Archive of Our Own, mein Name dort ist IceImagines. Über Reviews jeder Art würde ich mich freuen :)


//////////////////////////////


Die Karrieros sind Katniss dieses Jahr unheimlich. Um einiges mehr als die bei den letzten Spielen.

Sie erinnert sich noch gut an Cato und Clove. Die goldenen Gladiatorenkostüme bei der Parade. Der Blick, den Cato ihr danach zuwarf, der Ausdruck darin. Das unausgesprochene Versprechen, dass sie auf seiner Klinge sterben würde.

Aber Katniss starb nicht. Weder durch Cato noch durch einen seiner Verbündeten. Glimmer und Marvel tötete sie selbst, Clove sah sie immerhin sterben. Sekunden zuvor hatte sie sich mit ihrem teuflischen Grinsen auf dem Gesicht angeschickt, Katniss aufzuschlitzen. Dann hatte Thresh sie auf einmal gepackt und gegen das Füllhorn geschleudert. Die Panik auf ihrem spitzen Gesicht hat sich in Katniss‘ Gedächtnis eingebrannt, die Todesangst in ihrer Stimme, als sie nach Cato schrie. Die furchtbare Beule in ihrer Stirn, als Thresh sie schließlich zu Boden schleuderte.

Und Cato, der neben Clove kniete und sie anflehte, bei ihm zu bleiben. Seine Schreie, als die Mutationen ihn zerfleischten.

Die Karrieros, die Katniss kennt, waren gefährlich, von Kindesbeinen an zum Morden erzogen. Aber sie waren Kinder. Wenn es hart auf hart kam, waren sie alle nur verängstigte Kinder wie alle anderen.

Die Menschen, die Katniss hier, bei den 75. Hungerspielen, im Kapitol trifft, sind keine Kinder mehr. Und auch sonst scheinen sie kaum etwas mit Cato und seinen Freunden zu tun zu haben. Selbst Cashmere und Gloss, das beim Kapitol so beliebte perfekte Geschwisterpaar aus Eins, erinnern höchstens optisch an Glimmer und Marvel. Sie treten überheblich auf, aber die wunderschönen  blauen Augen sind kalt. Wütend.

Haymitch kennt diese Leute. Katniss fragt ihn nach ihnen. Haymitch sieht sie an, schüttelt den Kopf und schenkt sich Whiskey nach.

„Gut beobachtet. Nein, mit den Karrieros, die ihr kennt, haben die nichts zu tun.“ Er trinkt einen großen Schluck. „Diese Trottel letztes Jahr, die konnten vielleicht ein Schwert schwingen und sich mächtig auf die Brust trommeln, aber das war‘s auch.“

„Und die Sieger können mehr als das?“

Haymitch stößt ein kurzes Lachen aus. „Süße, es gibt da ein paar Dinge, die du über die Karrieros noch nicht begriffen hast. Sie trainieren ihr ganzes Leben lang nur für einen Zweck: Die Hungerspiele zu gewinnen. Und die Akademien, in die sie in Eins und Zwei ihre Kinder stecken, die sind nicht wie sich selbst das Bogenschießen im Wald beizubringen. Mit fünf fangen sie an, etwa ein Drittel ist innerhalb der nächsten drei Jahre tot.“

„Tot?“

„Ja, wie nennen sie es noch gleich?“ Haymitch zieht gespielt nachdenklich die Brauen zusammen. „Die Spreu vom Weizen trennen. Ja. Und so geht es weiter. Sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag, und etwas anderes tun sie nur während der Spiele, die sie alle zusammen anschauen, während ihre Trainer sie jedes Detail analysieren lassen. Nur die wenigsten schaffen es überhaupt bis in ein Alter, in dem sie sich freiwillig melden könnten. Von denen werden wiederum nur die besten ausgewählt, um sich tatsächlich zu melden.“

Er macht eine Pause.

„Und was mit den meisten von denen, den absolut Besten der Besten also, passiert, hast du ja selbst mit angesehen.“

„Die Karrieros gewinnen ständig die Spiele“, wendet Katniss ein.

„Ja, aber nicht immer, oder? Und selbst wenn, kommt von den vier oder fünf von ihnen nur einer lebend raus. Die meisten gehen genauso drauf wie wir.“

„Was willst du damit sagen?“

Haymitch lässt sich neben ihr aufs Sofa fallen. Ein wenig Whiskey schwappt auf sein Hemd, aber er nimmt keine Notiz davon.

„Ich will damit sagen, dass die Leute, mit denen ihr in einer Woche in die Arena geht, das alleroberste Ende der Nahrungskette sind.“ Er macht eine ausschweifende Handbewegung. „Es gibt keine ungefährlichen Sieger. Aber die aus Eins und Zwei sind mehr als gefährlich. Sie sind diejenigen, die sich unter hunderten von ebenso mordlustigen Gleichaltrigen durchgesetzt haben, und dann gut genug waren, um drei oder mehr andere genau wie sie zu überleben, ganz zu schweigen von den übrigen zwanzig Kindern, deren Leben davon abhängt, ob sie sie töten können oder nicht.“

„Und jetzt haben sie alle noch dazu Jahre als Mentoren hinter sich“, vervollständigt Katniss tonlos. Haymitch nickt.

„Jeder hier außer euch zwei kennt die Spiele in- und auswendig. Sie sind auf alle Eventualitäten vorbereitet. Von denen wird keiner den Fehler machen, keine Überlebenstaktiken zu lernen und sich auf Sponsoren zu verlassen. Auch nicht die Karrieros.“

Einen Moment lang ist es still, während Katniss über das Gesagte nachdenkt.

„Kennst du sie?“, fragt sie schließlich. „Cashmere und Gloss und die aus Zwei.“

„Klar.“

„Wie sind sie?“

Haymitch stellt das Glas ab und sieht ihr in die Augen. „Verbittert. Instabil. Niederträchtig. Bis ins Innerste verrottet. Und verzweifelt.“

„Warum verzweifelt?“ Katniss muss an Brutus aus Distrikt 2 denken, der sich so begeistert freiwillig gemeldet hat. „Sie wirkten auf mich nicht so, als hätten sie große Probleme mit dem Gedanken daran, wieder in die Arena zu müssen.“

„Ja. Im Schauspielern waren sie schon immer große Klasse.“ Haymitch legt den Kopf zurück. „Katniss, erinnerst du dich an die Kleine mit den Messern von letztem Jahr?“

„Natürlich.“ Wie könnte sie Clove je vergessen?

„Wusstest du, dass sie Enobarias Protegée war?“

Enobaria, die Frau aus Distrikt 2, mit den scharfen Zähnen? Katniss schüttelt den Kopf.

„Tja, Enobaria hat sie persönlich trainiert, seit das Mädchen ungefähr acht war. Sie war praktisch besessen von ihr. War sich sicher, sie würde irgendwann gewinnen. Das hat sie jedenfalls gesagt, aber keiner hat ihr abgekauft, dass sie einfach nur einen Sieger wollte. Von denen hatte sie genug.“ Er seufzt. „Als Clove starb, ist sie komplett durchgedreht, hat angeblich das ganze Apartment kurz und klein geschlagen. Und dann ist sie frühzeitig aus dem Kapitol abgereist.“

Also lag Enobaria an Clove.

„Dann kann sie nicht gut auf mich zu sprechen sein.“

„Sie hasst dich mit dem Feuer von zehn Höllen“, bestätigt Haymitch.

Katniss denkt an Enobarias goldene Reißzähne und erschaudert. „Dann bleibt mir wohl nur zu hoffen, dass sie mir nicht die Kehle durchbeißt.“

Auf einmal schaut Haymitch sehr ernst drein. „Das ist wahrscheinlich das einzige, worüber du dir keine Sorgen machen musst. Sie erbricht sich schon beim Anblick von rohen Fleisch und Blut.“

Katniss hebt die Augenbrauen. „Klingt nach einer schlechten Voraussetzung für die Hungerspiele.“

„Aber glaub ja nicht, dass sie dich deswegen weniger erbittert jagen wird“, warnt Haymitch. „Und Brutus folgt ihr auf Schritt und Tritt. Wahrscheinlich hat er sich nur wegen ihr freiwillig gemeldet. Glaub mir, Süße, niemand wird so verzweifelt versuchen, aus der Arena lebend rauszukommen. Und anders als die meisten anderen sind die tatsächlich in der Lage, euch alle zu töten.“


------------------

In der Nacht, in der das Jubeljubiläum verkündet wurde, stand Enobaria auf dem Dach ihres Hauses im Dorf der Sieger, starrte auf die Straße unter sich und überlegte, ob sie sich fallen lassen sollte. Ihre Schuhspitzen ragten bereits über den Rand. Das Haus hatte drei Stockwerke, der Sturz wurde sie mit höchster Wahrscheinlichkeit töten.

Das Verlangen danach, den letzten Schritt nach vorn zu tun, grub sich mit so brutaler Intensität in sie, dass sich vor ihren Augen alles drehte. Es war innerhalb der letzten dreizehn Jahre nicht das erste Mal, dass sie sich hier oben wiederfand, aber sie war noch nie so kurz davor gewesen, es wirklich zu tun.

Wie immer ist sie sich nicht sicher, ob es Feigheit oder Mut ist, der sie immer wieder dazu bringt, von der Kante zurückzutreten. Wenige Wochen später sitzt sie im hintersten, verglasten Abteil des Zuges ins Kapitol, dreht gemächlich eins ihrer Messer zwischen Daumen und Zeigefinger und verdammt, was auch immer es war.

Vielleicht wirst du‘s nicht, hat Lyme zu ihr gesagt. Sie tauchte am Tag nach der Verkündung bei Enobaria auf, als wüsste sie, wie es um sie bestellt ist. Redete ihr gut zu, kochte sogar Tee auf. Als würde es irgendetwas ändern.

Vielleicht wirst du‘s nicht.

Enobaria wusste die ganze Zeit, dass es passieren wurde. Die Unumstößlichkeit schnürte ihr zuerst die Kehle zu, aber jetzt ist sie beinahe tröstend.

Beinahe.

Brutus betritt das Abteil. Die Tür schließt sich lautlos hinter ihm, während er sich auf die Couch sinken lässt, die an dem abgerundeten Fenster entlangläuft. Ans andere Ende, so weit von ihr entfernt wie möglich.

Enobaria kennt Brutus seit über zehn Jahren. Er war nicht ihr Mentor, aber später, auf der Akademie, waren sie lange gemeinsam Ausbilder, und er gehört zu einer sehr kleinen Auswahl von Menschen, von denen sie getrost sagen kann, dass sie ihr wichtig sind. In über zehn Jahren hat sie ihn nicht ein einziges Mal so gesehen wie jetzt. Ohne jede Spannung im Körper. Die aquamarinblauen Augen leer.

Er wirkt kein bisschen ruhig oder entspannt. Er wirkt entkräftet. Ausgebrannt.

„Warum hast du dich freiwillig gemeldet?“

Ihre Stimme ist vollkommen tonlos. Sie sieht ihn nicht an, während sie spricht. Das Messer wirbelt unentwegt zwischen ihren Fingern.

„Ich konnte dich da nicht allein reingehen lassen.“

Er klingt so müde. So unendlich müde.

„Und was hast du damit erreicht, hm? Du hättest weiterleben können. Jetzt sterben wir beide.“

Sie bekommt keine Antwort. Erst jetzt dreht sie den Kopf, lässt den Blick über seine zusammengesunkene Form schweifen.

„Versuchst du immer noch, mich zu retten, Brutus?“ Die Worte klingen beinahe sanft. „Ich dachte, das hättest du inzwischen aufgegeben.“

Er schüttelt kaum merklich den Kopf. „Nicht, ehe ich sterbe.“

Ein bitteres Lächeln lässt ihre Zähne aufblitzen. „Dann beeil dich besser.“

Danach sprechen sie nicht mehr. Es gibt nichts zu besprechen.

Das letzte Mal, als sie in diesem Zug saß, war sie voller Tatendrang, voller Feuer, brennend vor der Überzeugung, dass sie in wenigen Wochen auf dem Heimweg sein würde, siegreich, ruhmreich.

Nach Hause kam sie. Aber das Blut in ihrem Mund, als sie sich zum dutzendsten Mal im Schlaf die Zunge an ihren scharfen Zähnen aufschnitt, schmeckte nicht nach Sieg.

Die Ankunft im Kapitol ist auf fast lächerliche Weise genauso wie damals. Sie fühlt sich entstellt, als das Vorbereitungsteam an ihr herumzerrt, ihre Haut aufscheuert. Entblößt auf dem Wagen während der Parade. Sie hasst die Augen auf ihr, aber sie bleckt die Zähne und lässt Brutus ihre Hand nehmen und in die Höhe reißen und spielt ihre Masche perfekt. Darin hat sie schließlich Erfahrung genug.

Präsident Snow lässt ihre Glieder immer noch zu Stein erstarren. Sie merkt erst, dass ihre Nägel blutige Abdrücke in Brutus‘ Hand hinterlassen haben, als der Wagen bereits vom Platz gefahren ist.

Keiner von ihnen schläft in der ersten Nacht. Stattdessen sitzen sie sich gegenüber im Wohnzimmer des Apartments, stockdunkel bis auf die durch die Glaswand scheinenden Lichter des Kapitols draußen. Enobaria ertappt sich dabei, wie sie davon ausgeht, dass in den beiden Zimmern am anderen Ende des Gangs ihre Tribute schon schlafen, bevor sie sich daran erinnert, dass sie das Tribut ist.

Ihr ist immer noch schwindlig. Seit der ersten Nacht nach der Verkündung. Manchmal fühlt sie sich, als wäre sie in der Zeit zurückversetzt. Als wäre sie wieder siebzehn. Tödlich, entschlossen, bis ins Tiefste überzeugt von ihrer totalen Überlegenheit.

Und so dumm.

Was würde sie dafür geben, noch ein einziges Mal so dumm sein zu dürfen.

„Ich hatte Albträume, weißt du.“ Sie flüstert, aber in der Stille des Zimmers klingt es wie ein Schrei. „Davon, dass ich zurück müsste.“

„Ich auch.“ Im Halbdunkel sieht sie seine Hand zittern, die er auf der gläsernen Tischplatte zur Faust geballt hat.

Eine Weile schweigen sie.

„Hast du Angst?“, fragt er schließlich.

Sie überlegt. Schiebt das Wort zwischen goldenen Fangzähnen hin und her. Denkt daran, wie sie sich in die Kehle des Jungen aus Sechs gruben, als er über ihr kniete, bereit, ihren Schädel zu zertrümmern. Denkt an die Delle in Clove‘s Stirn, als sie am Boden lag, die stumpfen, toten Augen.

„Ja.“

Sie hatte noch nie im Leben solche Angst.

Beim Training am nächsten Tag gewinnt sie Übungskampf um Übungskampf, faucht und fletscht die Zähne, wie man es von ihr erwartet. Die anderen Sieger starren sie nicht voller Angst an wie die Tribute damals. Außer den beiden aus Zwölf. Keine Erfahrung.

Genug Erfahrung, um Präsident Snow bloßzustellen. So sehr, dass er sie loswerden muss, koste es, was es wolle. Auch, wenn er dafür zweiundzwanzig andere von ihnen töten muss.

Der Zorn brodelt in Enobaria‘s Innerem, während sie zusieht, wie Everdeen einen Pfeil nach dem anderen in die Hologramme jagt. Die anderen sind sichtlich beeindruckt.

Enobaria ist nicht beeindruckt. Enobaria überlegt, ob Everdeen besser mit einem Schwert durch die Brust oder einem Messer in der Stirn aussehen würde.

Es ist eine Weile her, dass sie solche Gedanken hegte. Sie hat es nicht vermisst.

Während dem Essen sitzen sie und Brutus mit Cashmere und Gloss an einem Tisch. Enobaria fühlt sich lächerlich. Sie spielen die Bösen, geben das Karrieropack, als wäre alles genau wie früher, wie bei ihren ersten Spielen. Nur, dass diesmal nicht getuschelt und gelacht wird. Alle vier sind sie still. Cashmere sieht aus, als sei ihr übel, Gloss, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er in Tränen ausbrechen oder den Tisch zertrümmern will. Brutus‘ Muskeln sind bis zum Zerreißen angespannt.

Enobaria rührt ihr Essen nicht an. Das meiste davon hätte sie sowieso nicht kauen können, ohne sich den Mund aufzureißen.

„Schon möglich, dass ich in der Arena verhungere“, mutmaßt sie an diesem Abend, als sie wieder in ihrem Apartment sind.

„Wirst du nicht“, gibt Brutus zurück, aber sie hat nicht unrecht. Seit Snow ihre Zähne zufeilen ließ, kann sie fast keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen. Sie hat sich oft gefragt, ob er das beabsichtigt hat, um die Demütigung noch zu verstärken.

Sie hofft, dass es soweit nicht kommt. Lieber stirbt sie auf der Klinge irgendeines Morfixers als am Hunger, ins Verberben getrieben von der einen Sache, für die irgendjemand Achtung vor ihr hat.

Die nächsten zwei Tage verlaufen auf unerträgliche Weise gleichförmig. Dann, am letzten Abend, verletzt sich jemand an der Axtstation. Enobaria steht direkt daneben, hört ihn aufschreien und sieht ihn zu Boden stürzen, während Blut auf die Trainingsmatte sprudelt.

Die Wunde geht bis auf den Knochen. Enobaria schafft es gerade noch aus der Tür, bevor ihre Beine unter ihr nachgeben und sie ihren spärlichen Mageninhalt erbricht.

Minutenlang kniet sie dort im Gang auf dem Boden. Die Krämpfe wollen nicht aufhören, auch nicht, als es schon lange nichts mehr gibt, was sie hoch würgen könnte. Alles, was sie vor ihren Augen sieht, ist das Blut, der zerrissene Muskel, der weißliche Knochen darunter.

Sie zittert von Kopf bis Fuß, ihr Geist wie leergefegt, bis auf den eiskalten, alles umfassenden Terror, der seine Klauen in sie geschlagen hat. Sie schmeckt ihr bitteres Erbrochenes nicht. Sie schmeckt heißes, metallisches Blut.

Irgendwann öffnet sich die Tür in ihrem Rücken. Panik durchzuckt sie. Niemand darf sie so sehen.

Aber sie weiß, wer es ist, sobald sich eine Hand auf ihre Schulter legt.

„Baria.“ Brutus‘ Stimme ist leise, beinahe sanft. Enobaria spürt, wie ihr ihr Tränen in die Augen schießen.

„Kannst du aufstehen?“

Sie schüttelt stumm den Kopf, hört ihn leise seufzen. Dann setzt er sich neben sie auf den mit Kunststoff verkleideten Boden und legt einen Arm um sie. Den Gestank scheint er gar nicht wahrzunehmen.

Enobaria stößt zitternd die Luft aus, schließt die Augen. In Gedanken steht sie immer noch auf dem Dach ihres Hauses, kaum einen Schritt entfernt vom Abgrund.

Sie lehnt sich schwer gegen Brutus‘ Seite, vergräbt das Gesicht in den Händen und weint, wie sie es seit dreiundzwanzig Jahren nicht getan hat.

Danach fühlt sie sich leer. Aller Kraft beraubt. Sie schaut am nächsten Morgen in den Spiegel und erkennt die Frau nicht, die sie ansieht.

Ihr Interview bringt sie wie automatisiert hinter sich. Hinterher erinnert sie sich an kein einziges Wort mehr, das sie gesagt hat. Aber als Katniss Everdeen sich auf der Bühne dreht und die ganze Welt zusieht, wie ihr Hochzeitskleid in Flammen aufgeht, fangen die Sieger auf einmal an, sich die Hände zu reichen. Bei den Außendistrikten fängt es an, breitet sich immer weiter aus, und als Wiress aus Distrikt 3 Brutus die Hand hinstreckt und ihn anschaut, beinahe vorwurfsvoll, zögern auch er und die anderen nicht mehr.

Enobaria sieht Tränen in Gloss‘ Augen, als er es den übrigen Siegern gleichtut und ihre verschränkten Hände in die Höhe reißt. Echte Tränen. Nicht die, die Cashmere während dem Interview der beiden dem Kapitol vorgespielt hat.

Enobaria weint nicht. Sie lacht. Wirft den Kopf zurück und lacht, dass ihre goldenen Fänge im Licht funkeln, als wollte sie dem Kapitol noch ein letztes Mal die Zähne zeigen, bevor es zu Ende geht mit ihr.

Sie macht sich nichts vor. Sie mögen sich jetzt alle an den Händen halten, aber sobald sie in der Arena sind, wird niemand mehr zögern, das Blut eines anderen zu vergießen, um sein eigenes Leben zu retten.

Aber für einen winzigen Moment fühlt sie etwas tief in ihrem Inneren, wie sie mit gebleckten Zähnen in die Kameras starrt und Gloss‘ und Brutus‘ Hände umklammert hält. Einen Funken.

Er verlischt wieder in dem Moment, in dem das Licht auf der Bühne ausgeht und die Übertragung abgebrochen wird, aber später wird sie sich daran erinnern und denken, dass es vielleicht das war, was die Rebellen angetrieben hat. Dass auch sie vielleicht um ihre Freiheit gekämpft hätte, wenn sie noch gewusst hätte, was das war.

Am nächsten Morgen geht es in die Arena. Die Sonne brennt auf Enobarias Haut, während sie auf den Kanonenschuss wartet. Als würde sie ihr im nächsten Moment das Fleisch von den Knochen schmelzen.

Das Füllhorngemetzel ist schnell vorbei. Schneller als sonst. Vielleicht, weil viele der Sieger aus den Außendistrikten schon beim letzten Mal verstanden haben, dass es keinen Sinn hat, sich mit den Karrieros anzulegen. Manche versuchen es natürlich trotzdem. Odair und das Grüppchen, das er um sich geschart hat, erwischen ein paar, bevor sie sich davonmachen. Enobaria schafft es gerade so, einem von Everdeens Pfeilen auszuweichen.

Sie sticht ihr Schwert durch Cecelias Unterkörper. Die Kanone ertönt fast sofort. Für den Bruchteil einer Sekunde denkt sie an die drei Kinder, die sich bei der Ernte an Cecelia festgeklammert haben. Dann dreht sie sich um und läuft zurück zum Füllhorn. Es hat keinen Zweck. Cecelia war in dem Moment tot, da ihre Eskorte ihren Namen verlas.

Sie ist dankbar für das Wasser und die dunklen Felsen, denn sie machen es schwerer, das Blut zu sehen. Schlecht ist ihr trotzdem, als die letzten anderen Tribute sich in die Wälder geschlagen haben und nur sie, Brutus, Cashmere und Gloss auf der Füllhorninsel verbleiben.

Sie verabscheut ihre Schwäche. Sie wünscht sich, sie könnte so blutrünstig sein, wie alle denken, dass sie es ist.

Im Laufe des Tages ertönen noch ein paar Kanonen, keine davon verursacht von ihrem Bündnis. Sie haben das Füllhorn besetzt, und nach Sonnenuntergang sitzen sie alle zusammengekauert in der Öffnung des metallenen Gebildes. Keiner von ihnen wagt es, zu schlafen. Cashmere und Gloss sind eng aneinander geschmiegt. Cashmere weint leise.

Sie hat sich bis jetzt so gut zusammengerissen. Enobaria weiß, dass ihr Distrikt sie für ihre Schwäche verachtet, und wahrscheinlich verachtet sie sich auch selbst. Aber es gibt für alles eine Grenze. Und sie weiß auch, dass sich kaum jemand so sehr vor den neuen Spielen gefürchtet hat wie Cashmere.

Vielleicht weiß sie, dass sie sterben wird. Mit höchster Wahrscheinlichkeit. In ihren Spielen hat Cashmere so rücksichtslos getötet wie alle anderen, aber ihre Spiele sind lange her. Und sie ist weich geworden seitdem. Zu weich.

Sie wird Enobaria nicht töten. Brutus wahrscheinlich auch nicht. Gloss wird es nur dann tun, wenn einer von ihnen Cashmere angreift. Enobaria betrachtet das aufgequollene, erschöpfte Gesicht der Frau, die seit zehn Jahren eine ihrer einzigen Freundinnen ist und überlegt, ob sie ihr noch diese Nacht die Kehle durchschneiden soll. Es wäre das einzige, was sie noch für Cashmere tun könnte.

Denn sterben wird sie. Die Frage ist, ob sie dabei leiden muss oder nicht.

Brutus sitzt neben Enobaria und ritzt mit der Spitze seines Messers wirre Muster in den Boden. Er hat den oberen Teil seines Arenakostüms inzwischen ausgezogen, Enobaria ebenso. Die Hitze ist zu groß. Wenigstens haben sie ein paar Wasserflaschen im Füllhorn gefunden.

„Wie geht‘s dir?“, flüstert er irgendwann zu ihr.

„Dreckig.“ Sie starrt nach draußen auf das Wasser. Brutus legt ihr stumm eine Hand auf die Schulter, und sie beschließt kurzerhand, dass sie nichts mehr zu verlieren hat. Also rutscht sie näher zu ihm und lehnt sich an seine Seite, wie vor wenigen Tagen im Trainingscenter. Seine Hand nimmt sie von ihrer Schulter und hält sie stattdessen fest.

Wenn Cashmere und Gloss es bemerken, sagen sie nichts. Enobaria ist ihnen dankbar.

„Ich will nach Hause.“

Die Worte fallen von ihren Lippen ohne ihr Zutun.

„Du kommst nach Hause.“

Ein humorloses Lächeln zuckt über ihr Gesicht. „Das weißt du nicht.“

„Doch“, sagt er leise, „das weiß ich.“

Vielleicht. Aber ich wäre ganz allein.

Die erneute Realisierung, dass er sterben muss, wenn sie leben soll, gräbt sich in ihren Magen wie ihr Schwert in Cecelia. Brutus, ihr bester Freund. Brutus, der sich freiwillig gemeldet hat, nur damit sie hier drin nicht allein sein musste. Brutus, der auch jetzt vollkommen bereit erscheint, sein Leben zu geben, um ihrs zu retten.

Sie hasst ihn dafür. Sie kann das Blut von jedem in dieser Arena ertragen, wenn es an ihren Händen klebt, aber nicht seins. Niemals seins.

Enobaria denkt daran zurück, wie es früher war. Als sie noch jünger waren. Noch nicht ganz so zerstört, nicht ganz so abgestumpft. Mehr als einmal standen sie so kurz davor, dass etwas zwischen ihnen hätte sein können. Aber Enobaria war immer zu kalt.

Zu voll von Verderben.

Sie denkt an das eine, das einzige Mal, dass sie ihn geküsst hat. Es ist Jahre her. Sie waren zusammen auf einer Sponsorenparty im Kapitol, zu Tode gelangweilt, angetrunken.

Er schnitt sich die Lippen an ihren Zähnen auf. Sie schmeckte sein Blut in ihrem Mund und Panik schlug die Klauen in sie. Den Rest der Nacht verbrachte sie zusammengekauert und zitternd auf der Toilette, und sie konnte den Geschmack seines Blutes nicht loswerden, egal, wie oft sie ihren Mund ausspülte.

Noch Wochen danach konnte sie ihm nicht in die Augen sehen. Er hat es ihr nie nachgetragen.

Genau wie Cashmere sie nicht töten wird, wird sie Brutus nicht töten. Und wenn sie beide als letzte übrig sind, wird sie alle ihre Waffen wegwerfen, bevor sie ihm ein Haar krümmt.

Lieber lässt sie ihn ihr Genick brechen und allein zurück nach Hause kehren.

Am nächsten Morgen ziehen sie sich in den Dschungel zurück, um nach etwas zu Essen zu suchen. Vergeblich.
Enobaria stört sich nicht besonders daran. Was immer sie gefunden hätten, sie hätte es ja doch nicht essen können.

Cashmere‘s Kehle hat sie noch nicht durchgeschnitten. Wenn sie im Laufe des Tages nicht stirbt, wird Enobaria es in der nächsten Nacht tun. Sie wird auch Gloss sofort töten müssen, sonst würde er sie und Brutus angreifen.

Sie stellt sich vor, wie die beiden wohl aussehen werden mit einer roten Linie über ihren Hälsen, reglos. Der Gedanke lässt Galle in ihr aufsteigen.

Aber gegen Mittag entdecken sie das Bündnis um Everdeen und ihren Verlobten auf der Füllhorninsel. Sie sind in der Überzahl, aber Cashmere und Gloss beschließen trotzdem, sie anzugreifen. Gloss schafft es, Wiress die Kehle durchzuschneiden, bevor Everdeen ihm einen Pfeil ins Herz jagt. Cashmere stößt einen letzten Schrei der Verzweiflung aus und wirft sich auf sie, aber Johanna Masons Axt treibt sich tief in ihre Brust und auch sie bricht zusammen.

Für den Bruchteil einer Sekunde verschwimmt alles vor Enobarias Augen, bevor sie Brutus am Arm packt und zurück über den Strand zerrt, ins schützende Dickicht der Bäume. Zu zweit haben sie keine Chance. Everdeen, Mason, Odair, und Mellark sind alle gefährlich und bewaffnet. Ihre schiere Überzahl macht es unmöglich, sie im direkten Kampf zu überwältigen.

Enobaria hält erst an, als der Strand nicht mehr zu sehen ist. Dann geben ihre Beine praktisch unter ihr nach. Sie lehnt sich mit dem Rücken an einen Baumstamm, schließt die Augen und versucht, das Bild von Cashmere‘s zerschmetterter Brust zu vertreiben.

„Baria?“ Brutus hockt vor ihr auf dem Boden.

Ihr Atem geht noch immer schwer, ihre Lungen brennend. Sie braucht mehrere Herzschläge, bis sie antwortet.

„Ich hätte sie getötet. Heute Nacht.“ Ihr Gesicht ist schweißnass. Sie wischt sich mit dem Handrücken die Stirn ab. „Ich wollte nicht, dass es so endet.“

Sie hebt den Kopf, sieht Brutus in die Augen. „Das hatten sie nicht verdient. Sie wollten nicht...“

Sie ringt mit sich, mit dem überwältigenden Verlangen, es auszusprechen, obwohl sie weiß, dass jedes Wort, dass sie hier drin sagt, den Familien der beiden teuer zu stehen kommen wird.

Schließlich stößt sie scharf die Luft aus und lässt sich zusammensinken. Sie ist so müde. Sie will nicht mehr.

Schon wieder stehen ihr Tränen in den Augen. Warum ist sie so verdammt schwach?

„Gott, ich wünschte, du wärst nicht hier.“ Sie denkt nicht darüber nach, bevor sie es sagt. Ihre Stimme ist rau, die Verzweiflung darin unüberhörbar. Sie erträgt den Schmerz nicht, der in seinen Augen aufblitzt.

„Warum musstest du dich nur freiwillig melden, du... du arroganter, starrköpfiger...“ Ein Schluchzen entkommt ihr.

„Das sagte ich doch schon“, entgegnet er ruhig.

„Ich will nicht, dass du für mich stirbst, verdammt noch mal!“ Sie schreit die Worte praktisch heraus. Einem Teil von ihr gefällt es, als er vor ihr zurückzuckt. „An mir gibt es nichts, was es wert ist, zu retten! Du hättest zu Hause bleiben sollen. Mir im Fernsehen beim Sterben zuschauen und mich vergessen. Das ist alles, was ich verdient habe.“

Beinahe aggressiv wischt sie sich über die Augen. „Allein in den Tod gehen oder mir das Überleben erkämpfen, das hätte ich vielleicht gekonnt. Aber ich kann nicht dich auf dem Gewissen haben. Nicht auch noch dich.“

Brutus schweigt. Er streckt eine Hand aus und berührt ihre zerschrammte Wange, nur für einen Augenblick.

„Baria“, sagt er schließlich, „zu Hause gibt es nichts mehr für mich. Seit zwanzig Jahren nicht.“

Seit meinen Spielen bleibt unausgesprochen.

„Wenn ich nun dort geblieben wäre, und du nicht zurückgekommen wärst, was hätte ich dort noch verloren gehabt? Weißt du, ich schaue jetzt schon verdammt lange dabei zu, wie Snow dir das Leben zur Hölle macht.“

Einen Moment lang stockt ihr ob der verräterischen Worte der Atem, bevor sie sich daran erinnert, dass sie über diesen Punkt längst hinaus sind.

„Verdammt lange“, fährt er fort, „und jetzt... jetzt ist es genug. Ich weiß, dass ich dich nicht beschützen kann. Aber ich kann dafür sorgen, dass du wenigstens einen Verbündeten hast, auf den du dich verlassen kannst.“

„Und wenn nur wir beide übrig bleiben?“

Er antwortet nicht. Sein Schweigen sagt mehr als jedes Wort es gekonnt hätte.

Sie kann die Tränen nicht länger zurückhalten. „Du Idiot. Du unverbesserlicher Idiot.“

Seine einzige Reaktion ist, sie an sich zu ziehen. Sie widersetzt sich nicht. Vage ist ihr klar, dass sie in Distrikt 2 wahrscheinlich spätestens jetzt die Übertragung abschalten, die Schande zu groß. Dass sie gerade alle Sponsoren verloren haben, die sie möglicherweise noch hatten. Sie hat keine Kraft mehr, um sich darum zu sorgen.

Wie lange sie so dasitzen, auf dem Boden des Dschungels, die Tatsache ignorierend, dass mindestens zwei Tribute außer der Everdeen-Allianz noch da draußen sind und sie jederzeit finden können, weiß sie nicht.

Irgendwann hebt sie den Kopf und küsst ihn. Sie spürt, dass er überrascht ist, aber er denkt nicht daran, sie wegzustoßen.

Enobaria gibt sich keine Mühe, sanft zu sein. Sie wünschte, sie könnte es, wünschte, sie hätte die Zeit, den Mut dazu. Aber das hier ist alles, was sie ihm geben kann.

Es ist nicht genug, und sie weiß es. Die Chance darauf, irgendetwas daran zu ändern, hat sie vor Jahren vertan.

Blut läuft Brutus‘ Kinn hinab, als sie ihn schließlich loslässt, aber er lächelt. Vielleicht ist es das, was sie dieses eine Mal davon abhält, bei dem Anblick von Panik überkommen zu werden. Vielleicht ist es auch, dass sie einfach zu erschöpft ist, um Angst zu haben.

„Nur für den Fall“, bringt sie heraus, „für den Fall, dass wir beide heute noch sterben.“

Nur noch einen Moment lang lehnt er seine Stirn gegen ihre. „Ja. Nur für den Fall.“

Dann zieht er sich zurück, und sie schweigen sie eine Weile. Irgendwann beginnen sie wieder Pläne zu schmieden, dafür, wie sie Everdeen töten werden und Odair und all die anderen. Nicht einmal der Gedanke an Everdeen mit einem Schwert durch die Brust bringt Enobaria noch einen Funken Freude. Aber das hier ist es, was sie gelernt hat. Was sie kann.

Das einzige, was sie kann.

Am nächsten Morgen suchen sie nach ihnen, entdecken ihr Lager schließlich am Strand, verdächtig entblößt.

„Sie fühlen sich sicher, weil sie so viele sind“, sagt Brutus.

„Mal sehen, ob sie sich immer noch sicher fühlen, wenn ich ihnen die Kehle durchschneide“, sagt Enobaria.

Doch dazu kommt es nie.

Sie erinnert sich später schlecht an das, was am dritten Tag passiert. Sie weiß noch, dass sie und Brutus nach Einbruch der Dunkelheit auf Jagd gingen. Erinnert sich an Everdeen am Boden, scheinbar außer Gefecht. Daran, dass sie von Brutus getrennt wurde, auf Beetee Latier aus Drei einstach, als sie ihn fand. An Finnick, der sie verfolgte, Schreie irgendwo hinter ihnen im Wald. Eine Kanone. Dann noch eine.

Sie erinnert sich daran, wie die Zweige ihr ins Gesicht peitschten, den Schweiß, der ihren Rücken hinablief. Die Haarsträhnen, die ihr in der Stirn klebten. Den brennenden Schmerz in ihren Gliedern. Den Ausdruck auf Finnicks Gesicht, als wäre sie die Ausgeburt der puren Hölle.

Kopflos stolpert sie durch den Wald, ohne die geringste Ahnung, wohin, orientierungslos, panisch. Ihre Schwerter hat sie verloren. Sie schmeckt Blut in ihrem Mund.

Chaffs Leiche sieht sie zuerst. Eine Kanone muss seine gewesen sein, und für nur einen Moment überkommt sie Erleichterung, denn Beetee kann die Verletzungen, die sie ihm zugefügt hat, nicht überlebt haben. Aber dann entdeckt sie Brutus einige Meter weiter.

Danach ist alles verschwommen. Sie erinnert sich nur an ihre rasselnden Atemzüge, das Dröhnen ihres Herzschlages in ihren Ohren. Als das Hovercraft des Kapitols sie mitnimmt, wehrt sie sich nicht.



Später, viel später, erfährt sie, dass Distrikt 13 eine Rettungsmission für die anderen Sieger durchgeführt hat. Sie hat man dort gelassen. Man ging davon aus, dass das Kapitol sie nach Hause geschickt hat, Distrikt 2 stand immerhin noch auf seiner Seite.

Das Kapitol schickt sie nicht nach Hause. Wochenlang wird sie dort gefoltert, für Informationen, die sie nicht hat. Irgendwann sehen sie es ein und machen nur aus purem Vergnügen weiter.

Sie stört sich nicht daran. Es gibt keine Schrecken, denen sie in den weißen Kammern des Kapitols begegnen könnte, mit denen sie nicht schon tausendfach innig vertraut ist.

Eines Tages öffnet sich die Tür ihrer Zelle. Der Gedanke an das, was gewiss gleich folgen wird, schreckt sie schon lange nicht mehr, aber dann registrieren ihre müden, blutunterlaufenen Augen, dass die Person keine Friedenswächter-Uniform trägt.

„Enobaria Marcadieu?“, fragt der junge Mann. Er hat ein paar Schrammen in Gesicht und seine Augen strahlen mit einer Art von Freude, von der Enobaria weiß, dass sie rein gar nichts mit ihr zu tun hat.

Langsam befördert sie sich in eine sitzende Position. Jedes ihrer Glieder schmerzt. Sie bringt ein einzelnes Nicken zustande.

„Ich bin hier, um Sie hier herauszuholen. Präsident Snow ist gestürzt. Die Rebellion hat gewonnen.“

Er hilft ihr auf die Füße, und widerwillig lässt sie es zu. Sie weiß, dass sie überrascht sein sollte, verwirrt, vielleicht auch verängstigt oder wütend. Aber sie fühlt sich einfach nur taub.

Der Mann in Rebellenuniform führt sie hinaus. Es ist Monate her, dass sie das Gebäude verlassen hat, und die Sonne schmerzt in ihren Augen, als sie auf die Straße tritt. Ihre Beine zittern unter ihr.

Ein Team von Sanitätern wartet auf sie und verfrachtet sie in einen provisorischen Krankenwagen. In einem ebenso notdürftigen, aber funktionellem Lazarett kümmert man sich um ihre Verletzungen, und das Mädchen, dass einen langen, blutigen Schnitt auf ihrer Wange säubert und näht, erzählt ihr von der Rebellion, unaufgefordert und mit dem gleichen Leuchten in den Augen wie bei dem jungen Soldaten. Enobaria hört ihr zu. Eine tiefe, wenn auch stumpfe Genugtuung, die sie bei der Schilderung von Präsident Snows Untergang überkommt, ist das einzige, was sich in ihr regt.

Einige Tage später wird sie entlassen. Sie steht auf der eingerissenen, hier und da mit Trümmern der umstehenden Häuser dekorierten Straße, blinzelt in die Sonne und fragt sich, warum um alles in der Welt sie noch am Leben ist.

Sie beschließt, sich auf den Weg zurück nach Zwei zu machen - aus Gewohnheit, nicht aus Heimweh, denn sie weiß, dass ihr Haus im Dorf der Sieger wahrscheinlich eine Ruine ist, und selbst wenn nicht wartet dort nichts von Bedeutung auf sie. Doch bevor sie den Bahnhof mit dem einzelnen noch betriebsfähigen Zuggleis erreicht, fängt ein Trupp Soldaten sie ab und informiert sie, dass Präsident Coin sie im Präsidentenpalast zu sehen wünscht. Sie kommt mit ihnen, obwohl Präsident Coin in ihrem Mund wie Asche schmeckt.

Man führt sie in einen Besprechungsraum, der noch so gut in Stand ist, dass es sie kaum wundern würde, wenn Snow im nächsten Moment hereinkäme. An einem runden Tisch sitzen Annie Cresta, Peeta Mellark, Haymitch Abernathy, Johanna Mason, Beetee Latier und Katniss Everdeen. Alle noch lebenden Sieger. Die Abscheu in ihren Augen, als Enobaria den Raum betritt, hätte ihr früher Übelkeit beschert. Sie zumindest wütend gemacht.

Aber sie fühlt gar nichts.

Sie setzt sich ans andere Ende des Tisches. Johanna Mason droht, sie zu töten, Spotttölpel-Deal oder nicht. Enobaria schenkt ihr ein Lächeln. Ein letztes Lächeln. Ein letztes Blecken ihrer Zähne. Sie sind nicht mehr scharf. Abgestumpft von den unzähligen Stunden, während denen sie sie zusammenbiss, um ihre Schreie zurückzuhalten.

Als Coin ihnen die Idee von den 76. Hungerspielen unterbreitet, regt sich noch immer nichts in Enobaria. Sie beobachtet Peetas Entrüstung, Annies Trauer, Beetees rationale Erklärung, mit kalten Augen. Johanna stimmt mit Ja, das überrascht sie nicht.

Als sie an die Reihe kommt, denkt sie an den Jungen aus Sechs und den Geschmack seines Blutes in ihrem Mund. An Clove tot am Boden. An Catos zerfleischte Überreste.

An Brutus.

„Ja.“ Ihre Stimme klingt fremd in ihren eigenen Ohren. „Zahlt es ihnen mit gleicher Münze heim.“

Ein paar Jahre später, nachdem die Dinge sich beruhigt haben, bezahlt sie aus eigener Tasche, um auf einem Friedhof in der Nähe ihrer Wohnung einen Grabstein für Brutus aufstellen zu lassen. Das Grab darunter ist leer. Seine Leiche haben sie nie aus der Arena geholt.

Enobaria steht davor, fährt gedankenverloren mit den Fingern die Inschrift nach. Legt den Kopf in den Nacken, als könnte sie dort oben, im schiefergrauen Himmel, irgendwelche von den Antworten finden, die sie sucht.

„Und was hast du nun gerettet, alter Freund?“, murmelt sie. Ruft sich noch einmal sein letztes blutverschmiertes Lächeln ins Gedächtnis.

Sie hat seit den Spielen keine Waffe mehr angerührt. Sie würde sich lieber ermorden lassen, von Johanna oder von irgendwem sonst, als es wieder zu tun.

Dass die ganze Welt sie verabscheut, ist ihr bewusst. Es ist ein Glück, dass sie die Welt ebenso verabscheut. Sonst wäre ihr Dasein wohl noch unerträglicher, als es ohnehin schon ist.

Der letzte Karrieretribut. Kein Titel, den sie sich in hundert Jahren jemals gewünscht hätte.

Sie holt tief Luft. „Ich lebe“, sagt sie laut. Und dann noch einmal, lauter:

„Ich lebe.“

Die Spur eines traurigen Lächelns zupft an ihrem Mundwinkel, nur für den Bruchteil einer Sekunde.

„Ich hoffe, du wärst glücklich.“

Noch ein letztes Mal streichen ihre Finger über den Namen, dann steckt sie die Hand in ihre Manteltasche, dreht sich um und macht sich auf den Weg nach Hause.
Review schreiben