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Die Werwölfe von Düsterwald

KurzgeschichteFantasy / P16
05.09.2019
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Meine Geschichte spielte sich in dem kleinen Dorf Düsterwald ab. Wenn man dort in der Stunde vor der Dämmerung aus dem Haus ging, hat man einige übernatürliche Dinge entdecken können. Wenn man aber das Dorf in Richtung der aufgehenden Sonne verließ und in die Wälder ging, fand man auf einer Lichtung eine scheinbar verlassene Hütte. An so manchem Morgen, sobald die Sonne ihre ersten Strahlen über den Rand der Welt streckte, kam ein riesiger Wolf aus dem Wald gerannt und verschwand in der Hütte. Wenige Minuten später kam eine junge Frau mit leuchtend grünen Augen heraus, neben ihr ein hochgewachsener Mann mit langem, dunklen Haar und stechenden Augen. Zusammen folgten sie dem Pfad ins Dorf, wo sie beide an der wöchentlichen Ratssitzung teilnahmen.


Die Ereignisse, von denen ich erzählen will, begannen als die alte Frau Dorothea eines Abends in ihrer Stube saß und über ihrem Häkelzeug einschlief. Schon oft hatten sie in ihren Träumen Visionen heimgesucht, doch noch nie hatten diese von den anderen Bewohnern des Dorfes gehandelt. In ihren Träumen sah die Alte das kleine Mädchen Anngret des Nachts aus dem Haus gehen.
Als sie wieder erwachte war ihr klar, dass dieses Mädchen sehr hilfreich im Kampf gegen die Werwölfe, die seid einiger Zeit das Dorf heimsuchten, sein könnte.

Ein wenig außerhalb des Dorfes rotteten sich wie jeden Abend fünf Gestalten zusammen, die gemeinsam Jagd machen wollten. Sie alle waren größer als normale Menschen, behaart und trugen keine Kleidung mehr. Zur Fortbewegung ließen sie sich auf alle Viere fallen. Viele hatten Angst vor ihnen, besonders vor dem größten mit dem schwarzen Fell, doch ich wusste wer er wirklich war und so empfand ich keine Furcht.
Die Wölfe machten sich auf den Weg ins Dorf, wo sie die leeren Straßen nach Opfern absuchten. Selbst durch die geschlossenen Fenster konnte ich ihr Heulen hören, als sie ihr Opfer gefunden hatten. Immer lauter wurde das Geheul und so eilte ich ans Fenster. Nah an meinem Haus sah ich eine kleine, gebeugte Gestalt mit einem Stock in der Hand, die versuchte sich gegen die Wölfe zu verteidigen. Angewidert von dem was nun kommen würde, wandte ich meinen Blick ab, doch Sekunden Später verstummte das Heulen. Vorsichtig lugte ich durch die Vorhänge und fand die Straße verlassen vor. Nur der Schatten eines Kindes stand dicht an die Wand gepresst in einem Türrahmen. Weder von der Wölfen, noch von ihrem Opfer war noch etwas zu sehen. Still und leise huschte ich nach unten, warf meinen Umhang über und trat hinaus auf die Straße. An der Stelle, an der das Kind gestanden hatte, war nichts mehr zu sehen und auch am Schauplatz des Kampfes konnte ich keinen noch so winzigen Spritzer Blut ausmachen, also war das Opfer entkommen.
Plötzlich vernahm ich die leisen Töne einer Flöte. Langsam hob ich den Kopf und blickte die Straße hinunter. Vor dem Haus der alten Witwe Dorothea stand eine schlanke Gestalt mit einer Flöte.
Ihr Spiel hatte eine angenehme Wirkung. Ich spürte, wie ich schläfrig wurde. Ich wollte mehr von dieser Musik, mehr davon hören, der Quelle näher kommen.
Verwirrt schüttelte ich den Kopf und presste die Hände auf die Ohren. Ich erkenne Magie, wenn ich sie sehe. Sofort fiel der Bann von mir ab. Schnell verließ ich die Straße und legte mich wieder in mein Bett, um am Morgen bei der Ratsversammlung alle Sinne beisammen zu haben.

„Verehrte Mitbürger, ich plädiere für die Schuld des Jägers, er kennt sich in den Wäldern aus“, erklärte Herr Reinhard, während er vor den Bürgern auf und ab schritt. Ich warf einen Blick zu Stephan, der auf der anderen Seite des Gerichtsgebäudes saß. Er verfolgte das Geschehen mit mäßigem Interesse. Außer dem Jäger war noch ein junger Mann angeklagt, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, obwohl er mit Stephan befreundet war.
„Nun denn, lasst uns abstimmen“, sagte der alte Mann, der die Ratsversammlungen leitete. „Wer hält den Jäger für schuldig?“ Ich wusste genau, dass der Jäger kein Teil des Wolfsrudels war, trotzdem hob ich die Hand. Der Alte fragte noch nach der Schuld des jungen Mannes neben dem Jäger und wieder hoben einige die Hand. Ich sah noch einmal zu Stephan, der Angst um seinen Freund zu haben schien. „Nun denn“, sagte der Alte. „Siebzehn von dreißig gegen den Jäger; der Rat hat gesprochen, fügt euch dem Urteil.“ Der Jäger schob seine Hand in eine seiner Taschen. Einen Moment lang dachte ich, dass er sich dem Urteil wirklich widerstandslos fügen würde, doch als sich ein dreckiges Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete wurde mir klar, dass ich mich getäuscht hatte. Blitzschnell zog er seine Hand aus der Tasche, ein Knallen und der Freund von Stephan sackte auf dem Boden in sich zusammen. Ich war eine der Ersten, die aufsprangen und zu dem jungen Mann eilten. „Weg von ihm“, rief jemand hinter mir. „Im Tod zeigen sie ihr wahres Gesicht!“ Ich spürte, wie sich große Hände um meine Schultern legten und mich von dem Toten wegzogen.
Einen Blick auf ihn konnte ich noch erhaschen, sein Gesicht hatte sich verändert, es war animalischer und sein ganzer Körper begann zu wachsen, der Mann war ein Werwolf.

„Sie werden ihm die letzte Ruhe nicht gewähren“, sagte ich mit dem Rücken zur Tür in meiner Stube, als sich diese später am Tag öffnete. „Nein, das werden sie nicht“, hörte ich eine wohlbekannte tiefe Stimme. „Was ist mit dem Jäger?“, fragte ich, meinem Gesprächspartner hatte ich noch immer den Rücken zugewandt. „Angeklagt wegen Mordes und weiterhin unter dem Verdacht auch nachts zu jagen. Das Urteil wird morgen vollstreckt“ lautete die Antwort. Ich nickte, bevor ich mich endlich umdrehte und Stephan in die Augen sah.
Er öffnete seine Arme und ich ließ mich fallen, wie immer, wenn er bei mir war.
Erst eine Woche später sollte ich ihn wieder so nah bei mir haben.


Die ganze Woche über war ich nicht in der Waldhütte gewesen. Ich hatte es nicht gewollt, weil mich das Gefühl nicht verließ, dass Dorothea um meine besonderen Kräfte wusste. Früher hatte ich viel Zeit bei ihr verbracht, doch seid meine Mutter tot war, hatte ich sie nur ein einziges Mal besucht. Schon damals schien sie mir nicht zu trauen. Die Woche war nicht besonders schön gewesen. Jeden Morgen hörte ich, dass die Werwölfe wieder ein Neues Opfer gefunden hatten, die Anzahl der Dorfbewohner verringerte sich also drastisch.
In der Nacht vor der Ratssitzung plagte mich die Schlaflosigkeit, also nahm ich wieder meinen Umhang und trat hinaus auf die Straßen, in dem Vertrauen, dass Stephan für meine Sicherheit sorgen würde.
Die ganze Szenerie kam mir bekannt vor. Es war, als hätte ich diesen Moment schon einmal erlebt. Nur aus einem anderen Blickwinkel. Auf dem Platz am Ende der Straße konnte ich die Umrisse einer kleinen Gestalt erkennen, die sich mit vier Wölfen prügelte. Doch dieses mal schien es so, als würden die Wölfe die Oberhand gewinnen. Als sich der Wolf mit dem hellen Fell auf die kleine Gestalt stürzte, wandte ich den Blick ab. Allein schon von den Geräuschen wurde mir schlecht.
Als die Wölfe gegangen waren, eilte ich zu der Gestalt. Es war der alte Mann, der die Ratssitzungen geführt hatte. In seinem Hals prangte eine riesige Wunde. Angewidert drehte ich mich um und ging. Doch ich schlug nicht den Weg zu meinem Haus ein, meine Füße trugen mich aus dem Dorf, in den Wald und zu einer kleinen Hütte auf einer Lichtung. Auf meinem Weg kam ich am Haus des Ritters vorbei. Erschrocken drückte ich mich gegen die Wand, als ich bemerkte, dass davor jemand stand. Das Profil erinnerte mich erschreckend stark an Reinhard, der in der Ratssitzung so feurige Reden schwang. Er griff in die Tasche an seiner Seite und zog eine Flöte daraus hervor. Geistesgegenwärtig hielt ich mir die Ohren zu und setzte meinen Weg in Richtung Wald fort.

„Du bist hier“, stellte Stephan fest, nachdem er seine Wolfsgestalt abgelegt hatte. „Ja“, sagte ich leise. „Warum warst du sonst nicht hier?“, fragte er. Ich zuckte mit den Schultern. „Was bedrückt dich?“, fragte er noch einmal. „Ich habe das Opfer gesehen“, sagte ich, obwohl es nur ein Teil der Wahrheit war. Sofort wich Stephan einen Schritt zurück. „Das tut mir leid“, sagte er leise. „Es ist nicht deine Schuld, ich weiß, dass du kein weißes Fell hast.“ Er nickte nur.
„Ich habe Angst Stephan“, flüsterte ich nach eine Weile des Schweigens. Ich sah ihm in die Augen. Verletzung lag in ihnen. „Nicht vor dir“, fügte ich hinzu. „Dorothea weiß was ich bin.“ Sein schallendes Gelächter brachte die Wände zum wackeln. Empört und verletzt, darüber, dass meine Probleme nichts wert schienen, drehte ich mich weg. „Mach dir um sie keine Sorgen. Wie sollte sie dir denn etwas anhaben?“, fragte Stephan. „Sie kann mich anklagen, nicht als Werwolf, aber als Hexe, die Dorfbewohner werden denken, dass das mindestens genauso gefährlich ist.“ „Und wie soll sie ihre Anschuldigung begründen? Soll sie die Wahrheit sagen, dass sie dich im Traum gesehen hat? Dann wird man sie entweder für verrückt oder ebenfalls für eine Hexe halten.“ Mit diesen Worten hatte er es geschafft alle meine Bedenken zur Seite zu wischen. „Danke“, sagte ich leise und legte meinen Kopf an seine Brust.
„Wir sollten gehen“, flüsterte er mir zu. Ich spürte die Vibration in seinem Brustkorb. Leise seufzte ich auf und löste mich von ihm. Gemeinsam verließen wir die Hütte.

„Verehrte Mitbürger, die Angriffe durch die Werwölfe sind nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil, es werden immer mehr. Deswegen sind wir hier zusammengekommen, um das Dorf von ihnen zu säubern. Ich bitte um Anklagen“, erklärte der Gerichtsbeamte, der extra aus der Nachbarstadt angereist ist. Der alte Ritter hob seine Hand. „Ich möchte eine Anklage gegen Herrn Claus vorbringen. Ist es nicht ein wenig verdächtig, dass er ein wildes Kind aus dem Wald bei sich aufgenommen hat? Ohne Vorbehalte und ohne zu zögern hat er das Balg in sein Haus gelassen. Warum, wenn nicht weil er einer der Wölfe ist, bei denen es aufgewachsen ist?“ „Wie wäre es mit reiner Güte?“, rief jemand dazwischen, doch die Mehrheit brummte zustimmend.
Eine Zeit lang wurde noch diskutiert, es wurde sogar vorgeschlagen mich anzuklagen, doch zu meiner Verwunderung verhinderte der Gerichtsbeamte das Anklagen einer Frau. Der Blonde Mann neben Stephan knurrte daraufhin leise und plötzlich wurde mir klar, dass er wohl derjenige war, der in der Nacht den Alten getötet hatte. Das letztendlich Urteil fiel auf den ersten Angeklagten zurück.
Auf dem Weg nach Hause sah ich das Kind, was er bei sich aufgenommen hatte. „Was wirst du nun tun?“, fragte ich es. „Ich werde wieder in die Wälder gehen. Dort habe ich es immer gut ausgehalten“, lautete die Antwort dieses merkwürdigen Kindes.


Ein paar Tage später war Frau Dorothea wieder einmal über ihrem Häkelzeug eingeschlafen. In ihren Träumen sah sie einen großen jungen Mann, wie er die Waldhütte als Wolf betrat und als Mensch wieder verließ. Das gab ihr Gewissheit, über einen Verdacht, den sie schon eine Weile gehegt hatte.

Im Dorf war unterdessen ein wenig Ruhe eingekehrt. Die Werwölfe waren weniger aktiv, nur noch selten fand man morgens ihre Opfer auf den Straßen. Stephan und ich hatten uns so oft wie möglich getroffen und ich hatte die ganze Woche über gut geschlafen.
Zwei Tage vor der Gerichtsverhandlung aber wurde ich vom Heulen der Wölfe aus dem Schlaf gerissen. Als ich an das Fenster trat, bemerkte ich, dass das Rudel Zuwachs bekommen hatte. Ein deutlich kleinerer Wolf lief direkt neben dem großen Schwarzen. Plötzlich jedoch blieb der kleine Wolf stehen und begann durchdringend zu heulen. Sobald sich die anderen Wölfe ihm zugewandt hatten, lief der Wolf auf einen Hauseingang zu, von dem ich ganz genau wusste wer dort zitternd an die Wand gepresst stand. Es war das kleine Mädchen, das ich auch schon bei meinen nächtlichen Ausflügen bemerkt hatte. Die Wölfe gingen mit gesenkten Köpfen auf das Mädchen zu.
Ich vernahm einen spitzen Schrei, dann war es vorbei. Selbst ein wenig zitterig öffnete ich das Fenster und atmete die frische Nachtluft ein.

Am nächsten Abend verließ ich mein Haus, um im Wald ein paar Kräuter zu sammeln. Es war eine klare Vollmondnacht, deswegen musste ich gehen. Im Wald fand ich die Spuren großer Wölfe. Lächelnd fuhr ich die größten mit den Fingerspitzen nach. Dann begann ich Kräuter und Beeren zu sammeln. Einen kleinen Korb hatte ich mir mitgenommen, um die Kräuter zu transportieren. Schnell war der Korb gefüllt und ich konnte meinen Rückweg antreten. Eine hübsche weiße Blume fiel mir ins Augen und ich nahm sie mit mir. Wenige Meter vor dem großen Platz hielt ich inne, weil eine nur zu bekannte Musik an meine Ohren drang. Sofort setzte das Gefühl der Schläfrigkeit wieder ein. Mit einem Kopfschütteln versuchte ich es zu vertreiben. Gleichzeitig zog ich mir die Kapuze enger um den Kopf, um das Geräusch zu dämpfen. Als ich auf den Platz trat, sah ich im Mondschein einen Flötenspieler, vor dem ein kleiner Wolf mit schief gelegtem Kopf und geschlossenen Augen der verfluchten Musik lauschte.
Da ich nicht wusste wie man diesem Bann entgegenwirken könnte, machte ich, dass ich möglichst schnell nach Hause kam. Mit den Gedanken noch immer bei dem kleinen Wolf.

Morgens erwachte ich schon früh und begann mich für die Ratsversammlung anzuziehen. Die nahezu schlaflose Nacht hatte meine Angst vor diesem Tag nicht wirklich besser gemacht. Ich wusste, dass Dorothea über mich Bescheid wusste und ich hatte die Angst, dass sie mich anklagen würde noch immer nicht ablegen können.
Als ich den Saal dann betrat, würde mir bewusst, dass die Werwölfe wohl doch so einige Dorfbewohner getötet hatten. Nur noch 11 von ursprünglich einmal 30 Ratsmitgliedern waren zu sehen. „Dann wollen wir beginnen“, rief der Gerichtsbeamte und schon schnellte die Hand von der alten Dorothea in die Höhe. Mein Herz begann zu rasen. „Meine Anklage richtet sich gegen einen Mann“, begann sie und mein Herz verlangsamte seine Schläge wieder, nur um bei ihren nächsten Worten erst stehen zu bleiben und dann wie eine Herde wild gewordener Pferde zu rennen. „Stephan ist schuldig. Die Angriffe auf brave Bürger gab es schon immer, doch seid einiger Zeit sind sie schlimmer geworden. Seid er in unser Dorf gekommen ist, stirbt nahezu jede Nacht ein Bewohner dieses Dorfes!“ Sie sah sehr zufrieden mit sich aus, als sie sich wieder setzte und Stephan langsam aufstand, um sich auf die Bank für die Angeklagten zu setzen. „Weitere Anklagen?“, fragte der Gerichtsbeamte mit gelangweilter Stimme. Ich atmete einmal tief ein und stand dann auf. In meinem Kopf hatte sich ein Plan gebildet, ein Plan, mit dem ich Stephan retten wollte.
„Verehrte Ratsmitglieder“, begann ich meine Rede mit zitternden Knien. „Frau Dorothea liegt richtig, wenn sie sagt, dass die Angriffe in der letzten Zeit häufiger geworden sind, doch Stephan ist schon eine ganze Weile Bürger in diesem Dorf. Nach ihm kam noch ein anderer in dieser Dorf, einer, der einigen von ihnen vielleicht bekannt vorkommen sollte. Nicht, weil er hier lebt, sondern weil er schon einmal hier gelebt hat. Verehrte Ratsmitglieder, ich spreche von Reinhard oder sollte ich lieber Heinrich sagen?“
Sofort entbrannte eine hitzige Diskussion. „Es stimmt, er sieht aus wie Heinrich, den wir vor fünf Jahren aus dem Dorf gejagt haben“, rief jemand und ich ließ mich mit einem kleinen Lächeln zurück in meinen Sitz fallen, während sowohl Dorothea, als auch Reinhard mich mit tödlichen Blicken durchbohrten.

„Ruhe im Saal, wir werden uns nun der Abstimmung zuwenden“, beschloss der Gerichtsbeamte und in mir verspannte sich alles. Wahrscheinlich um mich persönlich zu quälen, bat der Gerichtsbeamte jeden Bürger einzeln seine Stimme abzugeben. Die ersten beiden Stimmen waren gegen Stephan, dann eine gegen Reinhard. Der blonde Freund von Stephan zögerte einen Moment, bevor er ebenfalls gegen Reinhard aussagte. Seine beiden Freunde schlossen sich ihm an. Dorothea stimmte für Reinhard, genauso wie der Ritter. „Junge Lady, nun geben sie ihre Stimme ab“, die Worte des Gerichtsbeamten holten mich aus der Starre, in der ich während der ganzen Abstimmung gesteckt hatte. Ich sah von Stephan zu seinen Freunden, dann zu Dorothea und fasste einen Beschluss, sie durfte nicht noch einmal so eine Chance bekommen. Der ganze Saal war still, alle warteten aus meine Worte. „Ich stimme gegen Reinhard“, sagte ich schließlich mit klarer Stimme.


Der nächste Tag fühlte sich für mich an wie das Paradies. Stephan hatte für uns beide Pferde vom Ritter geborgt und gemeinsam ritten wir durch die Wälder, die das Dorf umgeben. An einem Bach machten wir halt und ließen die Pferde trinken.
Als wir Abends wieder ins Dorf kamen, musste Stephan sich beeilen, um die Pferde noch vor seiner Verwandlung dem Ritter zurück zu bringen. Ich ging unterdessen nach Hause und arbeitete an meinem Plan. Ich musste Dorothea loswerden, aber ich wusste nicht genau wie. Sie war zu klug, um nachts auf der Straße unterwegs zu sein und den Werwölfen somit Angriffsfläche zu bieten, nein ich musste selbst etwas unternehmen. Eigentlich hatte ich meiner Mutter versprechen müssen meine Kräfte niemals gegen andere Menschen zu wenden, aber diese Situation war ein Sonderfall. Während ich noch darüber nachdachte, welche Kräuter ich wohl zu einem Trank zusammenbrauen sollte, fielen meine Augen zu und ich entglitt in das Reich der Träume.

Zwei Tage brauchte ich, um das richtige Rezept zu finden. Ich wollte Dorothea nicht wehtun, ich wollte nur Stephan schützen. Die Liebe fordert manchmal Dinge, die man unter anderen Umstanden auf keinen Fall tun würde.
Nach Zwei weiteren Tagen hatte ich zwei Tränke gebraut. Einen, der Dorotheas Ende bedeutete und einen, um jemanden vor den Werwölfen zu schützen. Ich wusste noch nicht genau wen ich schützen wollte, doch mein Gefühl sagte mir, dass ich diesen Trank brauchen würde.
In der fünften Nacht setzte ich dann meinen Plan in die Tat um. In einen dunklen Umhang gehüllt lief ich die Straße hinunter bis zu Dorotheas Haus. Die Tür war unverschlossen, also trat ich ein. Es war lange her, dass ich hier gewesen war, aber trotzdem fand ich den Weg in ihr Schlafzimmer. Eine einzelne Kerze brannte neben ihrem Bett. So leise wie möglich trat ich näher an sie heran, um dann mein Gift in ihren Mund zu tropfen.
Quälend langsam fielen die letzten tropfen aus dem Fläschchen in meiner Hand in ihren Mund. Ihr gleichmäßiges Atmen sagte mir, dass sie keine Schmerzen haben würde. Leise und heimlich huschte ich wieder aus ihrem Zimmer, die Treppen hinunter und aus dem Haus. Hinter mir schloss ich die Tür. Es sollte keine Anzeichen auf meinen Nächtlichen Besuch bei ihr geben. Gerade hatte ich dem Haus den Rücken zugekehrt und war in Richtung meines Hauses aufgebrochen, als ich einen rötlichen Wolf bemerkte, der mir den Weg versperrte. Ich sah mich schnell um. Außer uns beiden war niemand hier. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Stephan hatte mir erzählt, dass die Meisten Werwölfe in ihrer tierischen Gestalt kaum noch Kontrolle über sich selber haben.
Ich spürte, wie meine Hände schwitzig wurden. Die linke griff in den Beutel an meiner Seite, ich erinnerte mich an das zweite Fläschchen. Der Wolf machte sich kleiner, als würde er zum Sprung ansetzen. Meine Finger schlossen sich um den Hals der Flasche. Mit den Zähnen zog ich den Korken. Der Wolf sprang ab, ich schleuderte ihm die Flüssigkeit entgegen, die Flasche schlug genau vor seinen Füßen auf, Dampf stieg auf und der Wolf sackte in sich zusammen. Die Luft anhaltend lief ich an ihm vorbei, riss meine Haustür auf, fiel fast hin in meiner Hast, schlug die Tür hinter mir zu und schob alle Riegel vor. Erst dann erlaubte ich mir wieder einzuatmen.

Bei der nächsten Abstimmung klagte Stephan einen seiner eigenen Freunde an, was mich sehr verwunderte, doch als ich das rötlich schimmernde Haar des Angeklagten bemerkte, wurde mir klar, dass er es aus dem selben Grund tat, aus dem ich Dorothea getötet hatte; um seine große Liebe zu schützen. Außer mir, Stephan und seinen drei Freunden waren nur noch der Ritter und eine mir unbekannte Frau übrig. Letztendlich stand es zwei gegen vier gegen den Rothaarigen. Beim hinausgehen warf mir Stephan einen Blick zu, von dem mir kalt und heiß gleichzeitig wurde. Etwas verhaltener entgegnete ich seinen Blick. Mir war klar, dass wir den Nachmittag zusammen in der Waldhütte verbringen würden.


Drei Tage später fand man die mir unbekannte Frau tot auf der Straße vor ihrem Haus. Als mich diese Nachricht ereilte, wurde mir klar, dass ich nun in einem Dorf mit gerade einmal sechs Bewohnern lebte.
Als ich Stephan das nächste Mal traf und diesen Umstand ansprach, lachte er nur. „Da hast du durchaus recht, aber das wusste ich schon.“ „Ja, aber warum verlassen wir dieses Dorf nicht einfach? Hier ist nicht mehr viel, was mich noch hält. Wir hätten das schon viel früher machen sollen!“, sagte ich zu ihm, aber er erwiderte: „Nein, das kann ich nicht. Wir sollten zu ende führen, was die Werwölfe begonnen haben. Dann können wir diesen Ort den Rücken kehren, aber solange das Dorf noch existiert, werde ich immer denken, dass uns jemand finden wird.“
Ich seufzte mal wieder, ließ mich aber von ihm an seine Brust ziehen.

Seid diesem Treffen plagten mich Albträume, in denen ich mit Stephan eine Zukunft weitab von jeder Siedlung begonnen hatte. Es war immer das Selbe. Am Anfang waren wir glücklich und hatten sogar Kinder, aber irgendwann kam der weiße Werwolf und zerstörte unser Glück. Stephan hatte mir erzählt, dass der Blonde nur Zeit mit ihm verbrachte, weil er eben der mächtigste Werwolf war und liebend gerne seinen Platz eingenommen hätte. So kam es, dass ich, als ich mal wieder nicht schlafen konnte, in der Nacht das Haus verließ, um ein wenig die nächtliche Ruhe zu genießen. Langsam und vorsichtig schlenderte ich die Straße zum großen Platz hinunter und lief weiter, bis ich in die Nähe, des großen Hauses kam, in dem der Ritter lebte. Plötzlich hielt ich inne, weil das rasseln einer alten Schwertes, das aus der Scheide gezogen wird erklang. Vorsichtig lugte ich um die nächste Ecke und erkannte schemenhaft einen weißen Wolf, der gegen einen Mann mit einem Schwert kämpfte. Es schien ein relativ ausgeglichener Kampf zu sein, der Ritter schlug sich tapfer. Irgendwann aber verließen den in die Jahre gekommenen Kämpfer seine Kräfte und seine Bewegungen wurden langsamen und ungenauer.
Der weiße Wolf schien seine Chance als gekommen zu sehen und sprang den Ritter an. Dieser stach in seiner Verzweiflung noch ein letztes Mal mit dem Schwert zu, bevor der Wolf ihm die Brust aufriss.
Ich drehte mich zur Seite, weil ich diese Dinge wirklich nicht sehen wollte. Der weiße Wolf schien noch nicht einmal halb fertig, als sich der Himmel langsam erhellte. Ein gequältes Heulen erklang aus seiner Richtung, dann hörte ich ein leises Fluchen. Als ich mich zu dem nun in seiner menschlichen Gestalt in der Gasse stehenden Blonden wandte, sah ich, dass er im unteren Bauch eine ziemlich große Wunde hatte. Schnell wandte ich mich ab und verschwand zwischen den Häusern der Straße.

Am nächsten Tag sah ich Stephan endlich wieder. „Wie geht es deinem blonden Freund?“, fragte ich statt einer Begrüßung. „Er ist tot“, war die kurz angebundene Antwort. Er presste die Kiefer hart aufeinander. „Nach dem was du mir erzählt hast, dürfte dich das eigentlich nicht so sehr stören“, stellte ich fest. „Nein, das ist nicht mein Problem, er hatte eine Rostvergiftung. Im Sterben hat er dem Anderen die Flanke aufgerissen und etwas von seinem Blut ist in die Wunde gekommen.“ Ich sah ihn verwundert an. „Hast du mir nicht noch vor wenigen Tagen gesagt, dass das ganze Dorf von der Landkarte verwinden muss, damit wir unseren Frieden finden können?“, fragte ich skeptisch. „Da hast du recht. Ich sollte mich nicht dafür verantwortlich fühlen. Ich habe schließlich niemanden mit einem rostigen Schwert durchbohrt.“ Ich nickte zur Bestätigung seiner Worte, aber er sah mich schon wieder mit diesem besonderen Blick an. Blitzschnell kam er näher und zog mich an sich.

In der Abenddämmerung ging Stephan und auch ich verließ das Haus. Ich wusste, dass ich nicht mehr besonders lange in diesem Dorf leben würde, also wollte ich es mir noch einmal ganz genau ansehen.
Mir war klar, dass der andere Werwolf in dieser Nacht den Verletzungen erliegen würde. Dann wäre außer mir und Stephan nur noch das merkwürdige Kind übrig. Hoffentlich würde er nicht daran denken, irgendwie hatte ich dieses Kind ins Herz geschlossen und wollte nicht, dass Stephan es verletzte.
Langsam schlenderte ich die vom Halbmond beschienenen Straßen entlang. So sehr in meinen Gedanken versunken, dass ich fast gegen den kleinen Wolf gelaufen wäre, der mitten im Weg saß. Irgendwie kam mir die Szene seltsam bekannt vor, mit dem Unterschied, dass ich an diesem Tag keinen Trank dabei hatte, um mich zu retten. So konnte ich nichts tun, als hoffen, dass es schnell vorbei sein würde als der Wolf zum Sprung ansetzte. Kein Laut kam über meine Lippen, als er auf mir landete.

Ich lag auf der Straße, schwer atmend und unfähig mich zu bewegen oder zu reden. Die Schmerzen waren unglaublich. Plötzlich schob sich etwas dunkles in mein Sichtfeld. Neben mir hörte ich einen Wolf winseln. Dann wurden die Schmerzen in meinem Arm noch einmal heftiger. Ich spürte, wie ich hochgehoben und getragen wurde. Die leichten Erschütterungen, die sich dabei durch meinen Körper zogen, verschlimmerten den Schmerz noch weiter.
Als der Himmel heller wurde, wurde ich ohnmächtig.

„Wie geht es dir?“, hörte ich Stephans Stimme neben mir. „Durst“, krächzte ich. Sofort drückte er mir einen Becher mit Wasser an die Lippen. „Besser“, sagte ich, nachdem ich das Wasser in mich gekippt hatte.
Dann war es eine Weile still. „Es tut mir so leid, ich habe nicht gut genug aufgepasst, der sterbende Wolf hat meine Aufmerksamkeit so sehr in Beschlag genommen, dass ich den Anderen nicht bemerkt habe.“ Ich nickte nur.
„Warum lebe ich noch?“, fragte ich und unterbrach so das kurzzeitig eingetretene Schweigen. „Ich habe dich gebissen“, antwortete er. „Ich bin das, was man einen Urwolf nennt, ich kann Menschen verwandeln.“
„Wie geht es dem Kind?“, war meine nächste Frage, denn ich wusste, dass dieses Kind zu einem Werwolf geworden war und mich angegriffen hatte. „Noch geht es ihm gut, ich musste auf dich achtgeben, deswegen hatte ich noch keine Zeit es zu suchen“, knurrte Stephan. „Lass es am Leben“, bat ich ihn. „Es war niemals ein Teil des Dorfes, deswegen werden wir auch so glücklich werden.“

Vielleicht war das nicht das Klügste, worum ich ihn jemals gebeten habe, denn so hatte zwar meine Geschichte ein Ende, die Geschichte des Dorfes Düsterwald aber wurde nur wenig später erneut erzählt.
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