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The Things We Did

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
03.09.2019
01.05.2020
13
55.964
9
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11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.02.2020 7.034
 
Hallo ihr Lieben,

herzlichste Grüße aus der Klausurenphase, an alle, die auch gerade drinstecken viel Glück und durchhalten!
Ansonsten natürlich eine schöne Woche an alle und viel Spaß beim Lesen.

Warnungen: graphische Schilderung von körperlicher Gewalt und Darstellung anderer bekannter Charaktere aus der Sicht meiner beiden Hauptakteure, die dementsprechend wenig schmeichelhaft ausfällt

pumpkinspice~





VIII. Fathers






Die Reue war noch schlimmer, als er es sich ausgemalt hatte.

Jeder konnte es sehen. Sie starrten ihn ja sowieso schon an. Bei jedem Plakat der beschissenen Weibervereinigung von der Schlampe Jessica Davis, an dem er vorbei lief, tuschelten die Umstehenden. Würde er ausrasten? Hielt die starre Maske, die er sich über seine zitternden Gesichtszüge geklebt hatte? Oder war er weich geworden wie ein alter Kampfhund, dessem Herrchen das Hirn weggeblasen worden war, führerlos und desorientiert?

Mourn The Survivors, Not The Rapist! war überall über die Schule gepflastert worden, und ihm juckten die Finger danach, der bebrillten Fotze mit den kurzen Haaren ordentlich eine zu langen, da sie extra für ihn einen der Fetzen an seinen Spind geheftet hatte.

So viel Wut. Ihm war schlecht, er fror, seine Hände zitterten in der Erwartung, es beim Training später rauslassen zu können, aber nicht einmal das war ihm vergönnt; kurz vor der Mittagspause kamen zwei Bullen in die Biologiestunde, nahmen ihn und zwei andere Athleten mit in die Umkleideräume und begannen, die Spinde zu durchsuchen und es war nur dem absoluten Zufall zu verdanken, dass er seinen Scheiß zuletzt im Schulgebäude gelassen hatte und sie nichts bei ihm fanden. Dafür wurde Luke hochgenommen und eine halbe Stunde später hatten die Bullen die Erlaubnis, die komplette Schule zu durchsuchen, in der Tasche.

Das Training war bis auf weiteres erstmal gestrichen und nicht zum ersten Mal fragte Montgomery sich, wie zur Hölle eine durchschnittliche Schule innerhalb von zwei Jahren so viel Scheiße durchmachen konnte.

Es hatte eine Zeit gegeben, als die beschissene Schule seine Zuflucht gewesen war. Ja, er hatte auch hier einstecken müssen; Mathe, Naturwissenschaften, Prüfungen von Geschichtswissen und Vokabeltests, immer der Druck, neben der Arbeit bei seinem Vater am Wochenende mindestens Cs zu schaffen, damit er in den Teams bleiben konnte, aber hier war sein Zuhause gewesen. Mindestens genauso sehr wie das Poolhaus und die Couch bei Bryce, die irgendwann seine, nicht Justins, gewesen war.

Schule war unangenehm geworden, nachdem die Tapes hochgegangen waren; Schule war scheiße geworden, nachdem Bryce gewechselt hatte; Schule war unerträglich, seit seine aufgedunsene Leiche in einem Kühlhaus aufgebahrt worden war.

Aber was machte es schon noch, wenn man ehrlich war? Er konnte sich glücklich schätzen, wenn sein Vater nicht schon besoffen war, sobald er nach Hause kam, und ihm die Geschichte abkaufte, die er sich für seine Abwesenheit gestern aus dem Arsch gezogen hatte, ansonsten gingen sie heute in die zweite Runde. Und, verdammt, Monty war so wütend, dass er zurückschlagen würde, sobald sein Alter ihn auch nur ein einziges Mal einen cabro nannte. Es war für ihn vollkommen unverständlich, wie Leute wie Winston oder Tony Padilla komplett komfortabel mit dieser Seite von sich leben konnten und sich nicht daran störten, anders zu sein, klar, aber er würde sich nicht weiter für etwas beschimpfen lassen, gegen dass er fünf Jahre lang angekämpft hatte.

Natürlich war es vor Allem Wunschdenken. Die Macht der Gewohnheit war nicht einfach zu besiegen, wenn man bis in die kleinsten Muskelfasern angespannt war, illegale Supplemente in seinem Auto versteckte und den kompletten gestrigen Tag damit verbracht hatte, sich an die Anwesenheit einer anderen Person zu gewöhnen, die schwuler war als er jemals auf den Fluren der Liberty High erlaubt hätte, Ryan Shaver ausgeschlossen.

Es dauerte bis zur ersten Stunde nach dem Lunch, dann hatte er fünf Leute als Schwuchtel oder gay oder Schwanzlutscher bezeichnet, und er gab auf. Es war Selbstschutz, keine Selbstbezichtigung, versuchte er sich einzureden, es machte den Leuten nicht so viel aus wie es ihm etwas ausmachte, aber es war reine Augenwischerei.

‚Wenn du wirklich mit dieser Scheiße umgehen willst, dann bring es in Ordnung.‘

Winston wäre enttäuscht von ihm, ganz sicher.

Es stimmte, er hatte Tyler in Ruhe gelassen, seit Alex ihn bedroht hatte – der Junge war schon halb bescheuert gewesen, bevor er sich das Hirn aus dem Schädel gepustet hatte – aber alles andere war schier undenkbar. Charlie schaute immer misstrauischer und die Jungs hielten zu ihm, keine Frage, aber er hatte nach dem letzten Jahr jeden Grund, das ganze Familiengetue in Frage zu stellen. Die Hälfte von ihnen hatte irgendwelche halbohnmächtige Bitches im Clubhaus gebumst, aber alle Beweise, mit denen man Leute zum Dichthalten zwingen konnte, waren verschwunden und seit Bryce, der König des zweifelhaften Konsens, ihn vor seinem Tod verstoßen hatte, war er sich nicht mehr sicher, dass die anderen das mit Tyler einfach so hinnehmen würden, wenn es herauskam.

Long story short, das Wasser stand ihm bis zum Halse.

Er hatte keine andere Wahl, als irgendwie zu überleben, so, wie es schon immer gewesen war. Man kam alleine auf die Welt und man verließ sie auch wieder alleine. Was dazwischen kam, war Glück, und Monty hatte über die vier letzten Tage etwas gefunden, wofür sich die achtzehn Jahre Kampf davor gelohnt hatten. Er glaubte nicht an höhere Gerechtigkeit, eigentlich, aber konnte es wirklich Zufall sein, dass Bryce gegangen und Winston zeitgleich an seine Seite getreten war? Konnte es Willkür sein, dass er auf so vielen Ebenen von Anfang an in die Scheiße gegriffen hatte, nur um jetzt inmitten des ganzen Drecks gefunden zu werden?

Gott, dich hat’s echt erwischt, was?

Über jeden seiner Kumpel hätte er sich ohne Zweifel auf diese Art und Weise lustig gemacht, und definitiv noch ein Ist sie so gut, die Bitch? hinterhergeschoben. Jetzt konnte er es kaum noch ertragen, so zu denken, obwohl es so schwer war, den Hohn abzulegen.

So schwer.

Was machte Winston wohl gerade? Lernte er noch, verzweifelt Gleichungen vor sich hin kritzelnd und so aufgeputscht vom Kaffee, dass seine Lippen zitterten, oder hatte er sich kurzerhand ein weiteres asiatisches Gehirn gekauft, um seine mathematische Legasthenie auszugleichen?

Monty schnaubte, in sich selbst hineinlächelnd. Seine Häme war ein erbärmlicher Versuch, sich selbst davon abzulenken, dass er sofort alles in Kauf genommen hätte, um jetzt auf der anderen Seite des Flusses sein zu können und neben dem Vollidioten unendliche Zahlenketten nach bescheuerten griechischen Buchstaben umzustellen, bis sie beide keine Ahnung mehr hatten, was sie da eigentlich taten, aber er musste nach Hause. Er musste. Einen weiteren Tag konnte er nicht durch irgendeine erdachte Scheißlüge entschuldigen, und irgendwie tat nichts mehr weh als zu wissen, dass er diese Nacht alleine sein würde, genauso wie die letzte; wenigstens hatte er sich aber gestern noch einbilden können, Winston an seinem Körper zu riechen, während er stumm in seinem dunklen Zimmer an die Decke gestarrt hatte.

Vermisste Winston ihn? So sehr, wie Monty ihn vermisste?

So schlimm es klang, Bryces Verlust hatte eine Tür geöffnet, und Montgomery würde sie nicht zufallen lassen. Er konnte es sich nicht leisten, aus Angst zurückzuweichen, denn irgendetwas sagte ihm, dass sich eine solche Chance kein weiteres Mal ergeben würde. Er musste alles auf eine Karte setzen; entweder Winston war es, der Eine, oder der Zug wäre abgefahren.

Kein Wunder also, dass ihm alles seltsam schwammig vorkam, substanzlos wie im Traum. Sie würden Bryce am Sonntag in die Erde legen, das war das Einzige, was noch wirklich außer Winston zählte. Er musste es bis dahin schaffen, seinem Dad auszuweichen, einen sicheren Platz für seine Steroide finden und nicht von der Schule fliegen.

Leichter gesagt als getan.

Seine Trockenfotze von einer Mathelehrerin hatte seine Fehlzeiten im letzten Trimester nämlich keineswegs vergessen und drohte ihm jetzt mit ernsthaften Konsequenzen, wenn er es nicht schaffte, einen scheißlangen, völlig überzogen aussehenden Aufgabenzettel bis nächste Woche abzuarbeiten, und zu allem Übel musste er mit Schrecken feststellen, dass sie ihn nicht mal nur mit Stoff aus diesem Semester quälen wollte, sondern sein gesamtes mathematisches Verständnis auf den Prüfstand stellen wollte.

Er war gefickt, um es kurz zu machen.




~





Er hatte, aus reiner Verzweiflung natürlich, den Rest seines Gehalts auf den Kopf gehauen, um sich ein neues Handy zu besorgen, bevor er nach Hause ging. Er würde dafür vermutlich für den Rest des Monats zu Fuß zur Schule gehen müssen, aber er musste Winston schreiben, ihn anrufen, wie auch immer. Die paar Kilometer jeden Tag waren sein geringstes Problem; er hielt es keinen weiteren verfickten Tag aus, nicht mit dem Anderen zu sprechen.

Sehr zu seiner Überraschung rief Winston nach einer kurzen Nachricht seinerseits sofort an, fast so, als hätte er nur auf ein Lebenszeichen von Monty gewartet.

„Hey.“

„Hey,“ murmelte Montgomery, seine Stimme durch sein Kopfkissen gedämpft, denn die billigen Holzwände waren dünn und sein Vater mochte es nicht, wenn er mit Leuten telefonierte, die er nicht einschätzen konnte. „...Wie geht’s dir?“

„Ganz ehrlich?“ Winston lachte, peinlich berührt und irgendwie zittrig. „Ich habe einen beschissenen Nervenzusammenbruch. Warum genau müssen wir zeigen, dass wir mit Zahlen umgehen können, wenn ich einen wunderbar ausformulierten Essay darüber schreiben kann, dass Waffen scheiße sind und unserem Land schaden? Warum soll man in allem begabt sein, wenn man ein halbwegs nützliches Talent hat?“

Monty schluckte. „Ich weiß es nicht.“

„Ich seh‘ es wirklich nicht ein. Ich werde mich jetzt mit Schokolade vor den PC setzen, Downton Abbey schauen und darüber heulen, dass du nicht da bist. Wen kümmert es schon, wenn ich durch diesen verfickten Test falle?“

Vermutlich wollte er Backup – die Unsicherheit in seiner Stimme bezüglich seiner Scheißegal-Attitüde war fast fühlbar – aber Monty hörte nur ein einziges Detail.

...darüber heulen, dass du nicht da bist

„Vermisst du mich?“ kam es ihm unwillkürlich über die Lippen und er heulte beinahe, als Winston entnervt aufseufzte und ohne zu zögern mit „Natürlich, du Schwachkopf“ antwortete.

„Du...“ Monty räusperte sich, unangenehm berührt. Es dauerte so lange, bis er sich aus den Schalen seiner Rolle gezwängt hatte, die er den ganzen Tag eingenommen hatte, und die Welt da draußen war beängstigend. „Du fehlst mir auch.“

„Kannst du rüber kommen?“ kam es wie auf die Pistole geschossen und da war er, der scharfe Schmerz, der ihm vom Herzen bis in die Eingeweide schnitt.

„Mein Dad ist zuhause und er rastet aus, wenn ich nicht hier bin.“

„Okay.“

Kurzes Zögern.

„Wie... ist bis jetzt? Kommst du zurecht?“

„Ja.“ Monty stieß konzentriert die Luft aus. „Nein. Ich weiß nicht. Diese Gruppe, die das Spiel platzen lassen wollte, wollen auf Bryces‘ Beerdigung demonstrieren. Kannst du dir das vorstellen? Auf seiner verfickten Beerdigung?“

„Wow, echt?“ Irgendetwas fiel neben Winston zu Boden und obwohl er weitersprach, fühlte Monty sich vernachlässigt. Er hatte eben Besseres zu tun, als mit ihm zu reden. „Warum? Wegen dem, was er dem Mädel angetan hat, dass sich umgebracht hat?“

„Keine Ahnung, die sind vollkommen durchgedreht,“ er seufzte genervt. „Wegen allem, schätze ich. Weil Sportler an allem schuld sind. Weil wir einen Kapitän haben, der ein verdammter Waschlappen ist und sich nicht dagegen wehrt, dass sie uns das Geld kürzen wollen. Ich weiß es nicht.“

„Bei euch ist einiges los, nicht wahr? Wir haben immer nur die Gerüchte gehört und dachten uns nur ‚Wow, das ist krasses Zeug an der Liberty‘.“

„Ja.“ Er schnaubte und presste sich das Handy wie eine Rettungsleine ans Ohr. „Und ich halte die ganze Scheiße nicht mehr aus. Dafür, dass es die ‚beste Zeit des Lebens‘ sein soll, haben sie mich ganz schön verarscht. Ich meine, was soll die Scheiße?“

Winston lachte. „Naja, ich habe dir auf einer Party einen geblasen, du hast mir eine reingehauen und ein halbes Jahr später sehen wir uns wieder, schlafen miteinander und schwänzen einen kompletten Tag zusammen. Es ist unkonventionell, aber ich würde es selbst im Nachhinein nicht anders wollen.“

„Ach, wirklich? Ist das so?“ Er kniff sich selbst in den Unterarm, um sich von der plötzlich aufsteigenden Wärme in seinem Magen und den brennenden Wangen abzulenken. „Kein Dinner im Kerzenschein?“

„Gott, bloß nicht. Ich habe den Zirkus mein ganzes Leben mitgemacht.“

„Stimmt.“ Er wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte. Irgendwie war es noch schwerer, ehrliche, verletzliche Dinge übers Telefon zu sagen, als von Angesicht zu Angesicht, deshalb hörte er einige Augenblicke Winston beim Atmen zu und stellte sich vor, er würde neben ihm liegen.

War es denn zu viel verlangt?

„Weißt du, ich könnte dich entführen,“ sagte Winston plötzlich. „Dann kannst du nichts dafür. Oder ich hetzte deinem Dad die Polizei auf den Hals. Irgendetwas illegales macht er bestimmt. Steuerhinterziehung? Schwarzarbeit? Vollbeschäftigung von Minderjährigen?“

Winston lag mit allen drei Vermutungen richtig und es war offensichtlich, dass er nur Spaß machte, aber Montys Abwehrmechanismen wurden trotzdem aktiviert, obwohl sein Vater ihm – an sich – nicht gleichgültiger sein könnte.

„Das tust du nicht, Winston. Ich habe nicht vor, den Rest der Highschool unter einer Brücke zu schlafen,“ er hatte absolut nicht beabsichtigt, das rauszuhauen, deshalb sprach er schnell und ohne zu zögern weiter, so als wäre nichts gewesen. „Meine Mutter verhungert außerdem, wenn kein Mann im Haus ist und es bringt mir auch nichts, vorzeitig enterbt zu werden, wenn du eh in einem halben Jahr abhaust.“

„Ich könnte arbeiten. Bevor ich zur Uni gehe, meine ich.“ Monty schnaubte abfällig, aber Winston ließ sich nicht abwimmeln. „Was? Siehst du mich nicht schon bei Dunkin Donuts den Boden kehren und dünne Lattes zusammenrühren?“

„Nein,“ erwiderte Monty prompt. „Du weißt nicht einmal, was ein Kehrblech ist, du Spast.“

„Fordre mich ruhig heraus. Ich werde dich noch überraschen.“

„Ach ja? Womit?“

Winston kicherte leise. „Mit meiner außergewöhnlichen Hartnäckigkeit, wenn ich etwas will.“

Ein unfreiwilliges Lächeln stahl sich auf seine Lippen – verdammt, er hatte sich seit dem verronnenen Mittwoch in dem großen, kalten Haus nicht glücklicher gefühlt. „Und was willst du?“

„Dir sagen, dass ich dich wirklich mag.“

Manchmal fiel es Monty wirklich schwer zu glauben, dass der andere Junge ein Problem mit Angst haben sollte.

„Ja?“ Er bemühte sich, ausdruckslos zu bleiben, wirklich, aber nichts konnte über den Fakt hinwegtäuschen, dass ihm soeben scharf die Luft entwich und sein Gesicht die Farbe einer sehr reifen Tomate annahm. „Vorsicht, nur weil du morgen Mathe schreibst, heißt das nicht, dass du hier jetzt irgendwelche letzten Worte loswerden musst.“

Winston schnaubte auf die Art und Weise, die einen verbalen Mittelfinger enthielt. „Ich weiß, Trottel. Ich mag dich trotzdem wirklich.“  

„Okay.“ Definitiv nicht okay.

„Denk darüber nach, ja?“ Zittriges Einatmen am anderen Ende der Leitung, das erste Anzeichen von Unsicherheit.

„Okay.“

„Gut. Cool.“

„Ja.“

„Na dann...“

„Warte.“

„...Ja?“

Sein Herz schlug so heftig, dass es stehen bleiben würde, wenn es so weiter ging, und er wollte zögern, wollte das Tempo rausnehmen, wollte nicht verzweifelt klingen, aber die Welt blieb stehen, sobald er die Lippen öffnete, und er musste es sagen, wenn sie sich weiterdrehen sollte.

„Ich mag dich auch.“

Winston atmete rasselnd aus und schwieg für einige Sekunden, dann lachte er mit einer Mischung aus berstender Erleichterung und verunsicherter Peinlichkeit, und die Sonne ging wieder einmal angesichts der ehrlichen Freude in seiner Stimme auf.

„Echt?“

„Ich sag’s garantiert nicht nochmal, Pisser.“

„Ist ja gut. Trottel.“

„Wichser.“

„Hey!“ Winston schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ich leg‘ gleich auf, wenn du dich nicht mäßigst.“

„Ist vielleicht besser so,“ Monty vergrub sein Gesicht tiefer im Kissen. „Besser wird’s nämlich nicht.“

„Na dann...“

„Na dann.“

Au revoir.“

„Das klingt ganz schön schwul.“

„Ich glaube nicht, dass ganz Frankreich schwul ist, aber du hast recht, man kann hoffen.“

„Hmpf.“

Winston prustete. „Wünsch mir Glück. Vielleicht lege ich doch noch ‘ne Nachtschicht ein und versuche herauszufinden, was Vektoren sind. Schlaf gut.“

„...Du auch später.“ Es war seltsam, aufzulegen, und er wollte, er musste es herauszögern und sich ein kleines bisschen länger an der warmen Stimme in seinem Ohr festhalten. „Sag Bescheid, wenn du kapiert hast, wozu man Vektoren braucht, ich muss das auch demnächst wissen.“

„Wozu?“

Er seufzte. „Schlampe von einer Mathelehrerin. Aufgabenzettel. Abgabe nächsten Montag.“

„Au weia.“

„Jup.“

„Na dann.“

„Leg schon auf, los.“

„Warum tust du’s nicht?“

„Wer muss denn noch lernen?“

Winston seufzte wehleidig. „Ich will nicht.“

„Das tut mir aber leid.“

„Sollte es. Kannst du nicht vielleicht doch rüberkommen?“

„Nein.“

„Bitte?“

„Nein, Winston.“

„Ich könnte dich abholen.“

„Bloß nicht. Bei deinem Auto? Allein der Motor klingt homo, ganz zu schweigen von dem Lack.“

Er kicherte verhalten. „Was soll ich sagen? Mein Dad wollte mir eine Freude machen, schätze ich.“

„Hast du schonmal darüber nachgedacht, ob er vielleicht...“

„Nein, ich ziehe es vor, nicht darüber nachzudenken, danke der Nachfrage. Kannst du morgen kommen?“

„Du bist eine ziemliche Klette.“

„Autsch. Jetzt bin ich aber verletzt.“

„Ich weiß es noch nicht. Vielleicht.“

„Na gut.“

„Ich leg jetzt auf. Ruf nicht an und verkack’s morgen ordentlich, dann wird’s nichts mit der Uni und du musst hier bleiben und auf ein verdammtes kalifornisches College gehen, so wie der ganze Rest normaler Menschen auch.“

„Ich bin geschmeichelt, aber die Aufnahme ist schon durchgelaufen. Mein SAT-Ergebnis und die letzten Zeugnisse waren entscheidend.“

„Schön für dich, Streber. Bis dann.“

„Bis dann, Casanova.“

„Spast.“

„Macho.“

Kopfschüttelnd beendete Montgomery den Anruf und pfefferte das Telefon daraufhin in die Ecke. Es war wieder einmal wirklich bemerkenswert, wie frustrierend und gleichzeitig wohltuend ein Gespräch mit ihm sein konnte, und er war an sich nicht bereit dafür, in die zerfressende Stille seines Zimmers zurückzukehren. Seine Glieder zitterten und sein Herz schlug wild – es war in gewisser Weise ganz genauso, wie er es befürchtet hatte, nachdem man das erste Mal Blut gekostet hatte, war es vorbei mit der Maskerade, und er hatte keine Ahnung, wie er überhaupt den heutigen Tag überlebt hatte – kurzum, er war für alles außer Schlaf zu haben.

War sein alter Herr schon hackedicht in sich zusammengesackt, zwei Bier auf dem Rückweg und die tägliche 0,5 Liter-Flasche Billigwodka vom Blue Spot Liquor Store in den ersten zehn Minuten auf der Couch geext?

Es war zu hoffen. Monty hatte Hunger und wollte die Luft testen, denn vielleicht – wenn sein Dad tatsächlich nicht mehr ansprechbar im Delirium lag – konnte er tatsächlich davonschleichen und Winston anrufen. Sicher, er hatte eine Klausur morgen und er selbst musste sich zumindest irgendwann an der Liberty blicken lassen, um seine Mathelehrerin nicht noch weiter anzupissen, aber vielleicht... ja, vielleicht.

Er hatte Pech.

Monty hatte sich gerade angezogen und war aus der Zimmertür herausgetreten, ganz langsam und bedächtig mit den vorsichtigen Bewegungen, die minimalen Lärm verursachten, da wurde sein Fluchtversuch bemerkt.

„Junge... Verdammt, wo willst du hin?“

Er fluchte unterdrückt und biss sich auf die Zunge. „Hey, Dad.“

„Spar dir das, du kleiner Mistkerl. Streichst du wieder herum? Gibst das hartverdiente Geld deines Vaters aus?“ Er hickste und gab ihm grunzend zu verstehen, dass er gefälligst ins Wohnzimmer kommen sollte, denn wenn es eine Sache gab, die sein alter Herr hasste, dann war es eine Wand zu beschimpfen. „Oder suchst du nach einer kleinen Schwuchtel, die dich will? Eine Tunte, die,“ er rülpste. „...die es dir so richtig besorgt? Verfluchte Scheiße, wie kannst du in den Spiegel schauen, Junge? Was soll aus dir werden?“

„Dad, ich will nur pissen,“ erwiderte er und hasste sich selbst dafür, wie defensiv und seicht er klang. Es war halbwegs an ihm abgeperlt, als er sich noch vorgemacht hatte, dass sein Vater es keineswegs wissen konnte und nur die schlimmsten Beschimpfungen verwendete, die er – ein grober, ungebildeter Mann, den die Gesellschaft vergessen hatte – kannte, aber seit selbst er es nicht mehr schaffte, den Schein zu wahren, war er empfindlicher geworden.

Wie ein verdammtes Mädchen.

Sein Vater musste es wissen. Er hatte es in ihm gesehen, seit er zehn Jahre alt war, hatte versucht, ihn durch Härte umzupolen, aber Montgomery hatte versagt. Sicher, er hatte es geschafft, die Maske aufzusetzen und sich eine Schale zuzulegen, die alles, nur nicht das, vermuten ließ, aber es war nicht bis in sein Innersten gedrungen.

Er hatte, wenn er es zugeben würde, neben der Scham, die sich in seinen Knochen bis ins Mark hinunter eingebrannt hatte, fast Mitleid mit dem besoffenen, rotwangigen Mann vor sich. Sein Vater war ein erbärmlicher Mensch, ein Diktator in seinen eigenen vier Wänden, aber seinen Sohn zu dem werden zu sehen, was man als das abartigste der Welt betrachtete, musste selbst für sein vom Alkohol zerstörtes Gehirn schlimm sein.

Dann – fast so, als hätte sein alter Herr sein Zögern gerochen – begannen die tiefliegenden Augen in dem gegerbten Gesicht bösartig zu glitzern, und Montgomery hätte am liebsten jeden verständnisvollen Gedanken zurückgenommen, den er jemals bezüglich des Innenlebens seines Vaters gehabt hatte.

„Weißt du, Junge,“ Alkoholdunst schlug ihm entgegen, als er sich bedächtig und genießerisch über die Lippen leckte, bevor er seine nächste Gemeinheit ausstieß. „Ich habe tatsächlich anfangs gedacht, dass du in jedem beschissenen Sportteam deiner verfickten Schule bist, weil’s gut für einen Mann ist, Dampf abzulassen. Sich auszupowern. Aber jetzt... Ihr seid in Echt ein verdammter Schwuchtelverein. Hat dein reicher Freund dir den Kopf verdreht und dich glauben lassen, dass du was Besonderes bist? Der, der jetzt abgekratzt ist? Du hast ihm vor jedem Spiel einen geblasen, jede Wette, und deshalb spielst du immer so halbwarm.“

Montgomery de la Cruz Senior war definitiv schon kreativer mit seinen Anschuldigungen und Beschimpfungen gewesen, aber die Erwähnung von Bryce war zu viel. Von Null auf Hundert war sie da, sein alter Freund der Zorn, und es war urplötzlich egal, dass er eben noch nach seinem Gespräch mit Winston für seine Verhältnisse unglaublich entspannt gewesen war.

„Hör zu, du verdammtes Stück Scheiße,“ es war unklug, denn sein Alter hatte sich in seinem jetzigen Zustand alle Hemmungen weggesoffen, aber sein Blut kochte. Er konnte nicht anders. Er war selten wütender gewesen und hatte schon aus nichtigeren Gründen auf andere Leute eingedroschen. „Du hälst jetzt die Fresse. Du redest so nicht, niemals, über Bryce Walker. Ich bringe dich um, wenn du es tust.“

Und sein Vater lachte wie das widerwärtige Stück, das er nun einmal war, und Monty verlor jede Kontrolle, die er irgendwie noch über sich selbst hatte, als sein Dad den hämischen Mund erneut öffnete.

„Du bedrohst mich? Deinen Vater? Der, der dir dein widerliches Leben geschenkt hat? Sohn, ich hätte mehr Schiss vor den Krallen einer Transe als vor dir.“

Ohne eine Sekunde zu zögern, machte er einen Satz nach vorne und hieb mit der geballten Faust in das schwammige Gesicht seines Vaters. Es klatschte auf ekelerregende Weise, der letzte Bodensatz der Wodkaflasche in der Hand seines Dads ergoss sich über die Couch, in der Küche gab seine Mutter einen erstickten Schrei von sich und er schlug zu, einmal, zweimal, dreimal, sooft wie er konnte, bis sein alter Herr mit der Perfektion jahrelanger Übung nach seiner Kehle griff und erbarmungslos zudrückte, bis er nach Luft ringend aufhörte. Monty war kein fairer Schläger, sicher nicht, aber sein Vater spürte kaum etwas mit seinem vollen Tank und zuckte nicht wie jeder andere an seiner Stelle zurück, wenn man ihm die Nase brach, von daher war es schon irgendwie ungerecht.

„Hurensohn,“ würgte er zischend hervor, dann drosch sein alter Herr ihm mit der Faust seitlich an den Wangenknochen vorbei ins Gesicht, seine Zähne schlugen aufeinander, sein Kiefer knackte bedrohlich und er verlor fast das Gleichgewicht.

Niemals zu Boden gehen, war die ungeschriebene Regel seines Lebens gewesen, denn wenn man es doch tat, wurden einem die Organe zerquetscht und man sah am nächsten Tag so aus, dass Leute wie Winston in Tränen ausbrachen, aber er konnte sich kaum halten, als er ein weiteres Mal geschlagen wurde, diesmal auf die andere Seite. Sein Vater wollte eine Wiederholung von Montag, so viel war klar, und er würde dem Bastard auf keinen Fall geben was er wollte.

Ganz egal, ob seine Mutter sich vermutlich heulend unter dem Küchentisch versteckte und bei jedem Schlag zusammenzuckte und greinte.

In seinem Mund schmeckte es nach Eisen und Kupfer und irgendwo links war ein Zahn locker. „Hurensohn,“ wiederholte er und spuckte den blutigen Speichel extra in Richtung des Sofas, welches seit jeher der Thron seines Vaters gewesen war, dann packte er ihn, steckte stumm einen weiteren Fausthieb ein und ließ sein Knie in Richtung Magen seines alten Herren schnellen. Monty Senior klappte ächzend wie ein Taschenmesser zusammen, Spucke flog durch die Luft und er würgte, aber Monty ließ sich nicht bescheißen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sein Vater sich seine Hemmungen zunutze gemacht hatte, die im Vergleich zu seinen eigenen noch relativ hoch waren. Er zog ihm die Füße unterm Leib weg und schickte ihn mit einem Schlag in Richtung Luftröhre hinterrücks aufs Kreuz, dann drosch er auf die hässliche Visage seines Vaters ein, genoss das befriedigende Geräusch von knackenden Knochen und dem rauschenden Blut in seinen Ohren. Monty verlor sich in der einfachen Abfolge von Ausholen und Zuschlagen und wollte nie wieder zurückkehren; sein Vater konnte verrecken, so wenig kümmerte es ihn.

Kaum zu glauben, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der er nie zurückgeschlagen hatte. Wann war es passiert? Nach der Sache mit dem Hammer letzten Frühling? Als er kapiert hatte, dass er eines Tages versehentlich totgeprügelt werden würde, wenn er sich nicht wehrte, auch wenn sein Vater sich nach ausgeschlafenem Rausch häufig nicht an die Prügel erinnerte, die er von seinem Sohn bekam?

„Hört auf, hört auf!“ rief seine Mutter jammernd aus der Küche und vermutlich hatte sie das Gesicht verzweifelt in den Händen vergraben, aber er hatte den Kanal voll.

„Halt die Schnauze, Fotze!“ brüllte er zurück und pfiff darauf, dass ihr Mann ihr gestern in Ermanglung seines Sohnes als Boxsack zwei Finger gebrochen hatte, denn, mal ehrlich, wer gebar im Zeitalter von Pillen schon für einen solchen Wichser Kinder und tat auch noch so, als ob das alles schon irgendwie klappen würde. Sie blieb danach tatsächlich still, oh Wunder.  

Sein Vater sollte ihn dafür jedoch noch einmal überraschen.

„Sprich nicht so mit deiner Mutter, undankbarer Mistkerl,“ er stieß ihn überraschend kräftig von sich und kam schwankend auf die Beine – eins musste man ihm lassen, er wusste wirklich wie man sich vernünftig prügelte – und Monty hätte ihn dafür ausgelacht, wenn sein Kiefer nicht so verfickt wehgetan hätte.  

„Ernsthaft, Dad? Jetzt kommst du damit? Hast du dir mal ihre Hand angeschaut? Oder hast du im Suff vergessen, wie du sie neulich die Treppe runtergeschubst hast, du Untermensch?“

Anstelle einer Antwort traf ihn eine erstaunlich koordinierte Backpfeife. Der Zahn kippelte gefährlich in seiner Wurzel.

Würde Winston genauso über Zahnlücken heulen wie über blaue Flecken, oder ging das zu weit?

Wenigstens war der kritische Kandidat an der Seite versteckt, er würde unter keinen Umständen wie ein Kleinkind ohne Schneidezähne durch die Gegend laufen.

„Ich könnte dich einfach rausschmeißen, Sohn,“ sein Vater fuchtelte wild mit Händen umher und seine Pupillen zuckten, ein gutes Zeichen dafür, dass ihm langsam schwindelig wurde. „Mir egal. Erfrier, verhungere, verkauf deinen wertlosen Arsch. Dein reicher Freund ist tot und du kannst nirgendwo hin. Ich würd’s mir überlegen, bevor ich eine dicke Lippe riskiere.“

Er nuschelte und lallte und Monty würde ihn nicht verstehen, wenn sein Vater nicht die meiste Zeit in diesem Zustand anzutreffen war, aber er hatte ab jetzt eine ehrliche Chance; dem Alten war schlecht von der Mischung aus Alkohol, Bewegung und Schmerz, und er würde nicht lange durchhalten, wenn sie richtig anfangen würden.

„Was ist mit dir, Dad?“ gab er deshalb herausfordernd zurück. „Würdest du noch leben, wenn deine Frau nicht das Geld abzweigen würde, dass für die Miete und Strom überbleiben sollte, oder wären wir alle verhungert, weil du lieber Schnaps säufst als beschissene Lebensmittel einzukaufen?“

Sein Vater holte schwankend aus und verfehlte ihn diesmal, einen frustrierten, überraschter Ausruf auf den Lippen.

„Was ist, Dad? Hattest du etwa zu viel? Steht’s dir bis zur Kimme?“

„So redest du nicht mit mir, du kleiner Mistkerl. Nicht mit deinem Vater. Du Dieb. Du Verbrecher. Du...“ Die dunklen Augen glitzerten voller betrunkener Verachtung und er war im Begriff, den zweitgrößten Fehler seines Lebens zu machen, gleich nach der Entscheidung, Kinder zu zeugen. „Du verdammte Tuntennutte, ich halt’s nicht aus, dich anzuschauen!“

Montgomery rammte ihm das Knie in die Lenden, ignorierte das ohrenbetäubende Aufheulen, packte den Alten bei den Haaren und drückte ihn aufs Sofa herunter, wo er ächzend und sich krümmend liegenblieb. Vorerst. Monty brauchte Zeit, musste sichergehen, dass seine Mutter nicht hereinplatzte und versuchte, sie auseinanderzubringen – sehr, sehr unwahrscheinlich – und er brauchte den Schlagstock, den sein Vater irgendwann einmal gegen ‚Immigrantendiebe‘ angeschafft hatte, wenn er sich nicht die Knöchel auf die Art und Weise kaputt machen wollte, die man nicht verstecken konnte.

Die brennende Wut war etwas abgeklungen, aber alles in ihm dürstete nach Erleichterung, nach Befriedigung, nach dem süchtig machenden Gefühl, jemandem so wehzutun, wie einem selbst Schmerz zugefügt worden war, und er war unter keinen Umständen stark genug, es zu stoppen. Er wollte es nicht stoppen. Er war nicht der Typ, über verlorene Chancen zu heulen, aber, fuck, sein alter Herr hatte ihm beigebracht, auf die gleiche Art und Weise grausam zu sich selbst zu sein, wie er es zu allen anderen sein konnte. Er hatte ihm Angst und Abscheu vor sich selbst beigebracht, wenn es eigentlich immer so sein könnte wie in dem Protzschloss auf der anderen Seite des Flusses. Er hatte es ihm unmöglich gemacht, auf verdammt nochmal normale Art und Weise um seinen verfluchten besten Freund zu trauern, weil er zu viel Angst davor hatte, prompt für eine Schwuchtel gehalten zu werden.

Mit neuem Zorn im Magen verschloss er die Küchentür, ohne auf die verzweifelt heulende Frau am Fenster zu achten, rannte in das Zimmer, dass er zehn Minuten zuvor aus den besten Beweggründen verlassen hatte, durchwühlte seine Sachen, erinnerte sich daran, dass er das unsägliche Ding zuletzt in seinem Schrank gelassen hatte, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.

Sein Blut kochte, schäumte, quoll förmlich über.

Nur war das Objekt seiner Wut nicht mehr da.

Verwirrt und aus dem Konzept gebracht suchten seine Augen hektisch den Raum ab. Die Wodkaflecken auf dem Sofabezug waren noch nicht getrocknet und die ausgezogenen Schuhe seines Vaters waren immer noch achtlos in die Ecke gekickt. Der Bastard konnte nicht weit sein, so viel war sicher.

„Wo bist du, Arschloch?“ murmelte er mit taubem Kiefer, und dann hörte er es.

Sein Vater musste in dem Gedanken nach draußen gerannt sein, dass sein Sohn versuchte, mit dem Auto zu fliehen, und schrie nun aus Leibeskräften Obszönitäten auf Spanisch und Englisch durch die Nachbarschaft.

Wie gut, dass es niemanden in der Straße wirklich scherte. Geschrei, Schläge, lautstarke Streits und hin und wieder Schüsse gehörten zum Alltag und niemandem kümmerte es, was außerhalb des eigenen Gartenzauns passierte. Heute sollte es sein Glück sein.

„Beweg deinen Arsch hierher, Hurensohn, beweg deinen verdammten Arsch hierher! Wenn du jetzt abhaust, kleine Tunte, dann war’s das! Kein Geld, kein Bett, gar nichts kriegst du noch! Hörst du, Schwuchtel? Hörst du? Gottverdammte Scheiße!“

Es ging schier endlos so weiter, vermischte sich mit dem gedämpften Wehklagen seiner Mutter aus der Küche und schlug immer wieder in kaum verständliches Spanisch um, von dem Montys vor Zorn und Scham rotangelaufene Ohren klingelten. Es war genug, es war sowas von genug. Er würde platzen, wenn er nicht genau jetzt jede noch bestehende Schranke überwand und seinem Vater das antat, was er zahllose Male selbst eingesteckt hatte.

Seltsam, dass es ihm verdammt schwer fiel, alles einzureißen und nichts, absolut gar nichts, gegenüber seinem Vater zurückzuhalten, so wie er es sonst aus nichtigeren Gründen tat, wenn es ihn packte. Montgomery selbst hatte mehr Knochenbrüche und Gehirnerschütterungen von den Schlägen und Tritten seines alten Herren gehabt, als er sich erinnern konnte, warum also zitterte irgendetwas in ihm, fast so, als hätte er Angst?

„Alter Wichser,“ seine Stimme bebte, während sein Griff um den Schlagstock nur noch fester wurde.

Wenn er jetzt einknickte, konnte er auch gleich gehen. Wollte er das? Wollte er das Zuhause aufgeben, dass sein erbärmliches Leben in irgendeiner Weise coverte? Hatte er den Mumm, wie Justin auf die Straße zu gehen und am Boden der Gesellschaft anzukommen, für jeden klar sichtbar?

Nein; er hatte also keine andere Wahl, als seinen Platz weiterhin zu behaupten und mit gebrochenen Knochen zu bezahlen.

Im nächsten Moment, gerade als in ihm alles lauter denn je tobte, verstummte das Geschrei seines Vaters und die Nacht blieb gespenstisch still zurück.

Er fürchtete sich, zitterte, Angst und Hass wie ein feuriger Malstrom unter seiner Haut, wütendes Brennen in seinem Magen, Schwindel, er rang, er kämpfte, er wollte, aber...

Nichts aber.

Monty trat entschlossen über das zersplitterte Glas vor der Eingangstür, blinzelte in die schummrige Dunkelheit hinaus und machte den zusammengesackten Körper seines Vaters mit zusammengekniffenen Augen als das schlaffe Bündel staubiger Arbeitskleidung auf der Erde aus, das wie tot dalag. Er war ins Delirium hinüber geglitten, endlich, und auch wenn es unwahrscheinlich war, dass sein Vater morgen noch wissen würde, wer ihm das beschissene Kreuz gebrochen hatte, würde es zumindest ihm etwas Befriedigung verschaffen.

Er stieß angewidert mit dem Fuß nach der Schulter des zusammengesunkenen Mannes, erntete nicht mehr als ein leises Schnarchen, wollte erbost auf ihn eintreten, ihn mit ins Haus zurückzehren und das kaputtgesoffene Hirn aus dem Schädel schlagen – für jedes Jahr, das er mit ihm erlebt hatte, eine gebrochene Rippe, mindestens – dann blickte er auf, eigentlich nur um sicherzugehen, dass doch keiner zusah, und erstarrte wie vom Donner gerührt.

Was zum Henker...

„Fuck, was zur Hölle macht ihr hier??“

Er konnte es nicht glauben. Dieser beschissene Hurensohn Clay Jensen mit seiner dämlichen Kuh von einem Hannah-Baker-Ersatz starrten ihn von der andere Straßenseite aus mit schreckgeweiteten Augen an, und er hätte sich über die nackte Furcht in ihren Gesichtern gefreut, wenn sie nicht um halb zwölf Uhr nachts vor seinem Haus gestanden hätten, der bescheuerte Prius wie ein Schild zwischen ihnen.

Er hatte mehr als Lust, ihnen beiden den Schädel einzuschlagen; Jensen, weil er für einen dürren Nerd unglaublich viel Ärger in den letzten paar Monaten angestellt hatte, und die Dunkelhäutige mit dem lächerlichen britischen Akzent, weil sie ihn grundsätzlich ankotzte. War sie nicht sogar mit Jessica Davis halbnackt wie eine Bande berauschter Cracknutten übers Feld gesprungen, als sie das Spiel am Freitag gesprengt hatten?

Jensen blickte hektisch zwischen ihm und seiner Begleiterin hin und her – er schien zu kapieren, dass Montgomery in wirklich schlechter Stimmung war, und er wollte den Helden für die Fotze spielen, ganz sicher – und Monty hätte sich über ihn lustig gemacht, bevor er beide zu Brei zerschlug, aber da war noch etwas in den Gesichtern der beiden, das ihn aus dem Konzept brachte. Aus irgendeinem hirnrissigen Grund schienen sie beide fest davon überzeugt, ein Recht darauf zu haben, um Mitternacht vor dem Grundstück herumzuspionieren, und natürlich enttäuschten sie nicht damit, es ihm schnellstmöglich unter die Nase zu reiben.

Clay druckste irgendetwas Dämliches vor sich hin, aber sein Blick war auf Ani gerichtet. Die dunklen Froschaugen des Mädels waren fest auf ihn gerichtet, und während ihr Blick zu dem vergessenen Gegenstand in seiner Hand wanderte, fiel ihm wieder ein, warum er Mädchen wie sie hasste; zu klug um sich auf grobe Art und Weise einschüchtern zu lassen, und zu dumm, um zu begreifen, dass sie nicht alleine auf der Welt waren. Sie wirkte selbstgefällig, arrogant und kalt, und obwohl er sich sonst nicht mehr um die Mädels an der Liberty scherte, als er unbedingt für den Schein musste, war sie sicher das nervigste Exemplar, das er je gesehen hatte.

„Ist das Blut?“

Und natürlich riss sie sofort das Maul auf. Forsch, so als hätte sie ein Anrecht darauf, gehört zu werden; anklagend, als hätte sie alleine den Durchblick.

„Ist es von Bryce?“

Seine Augen zuckten zu Jensen. Er traf ihn wie mit einem tückischen Schlag von der Seite und er strauchelte innerlich, versuchte zu begreifen, was sie ihm da vorwarfen, war kurz zu geschockt, um in das hämische Gelächter auszubrechen, mit welchem man naseweiße Personen wie sie am besten verunsicherte, und bekam es, selbst nachdem er sich etwas gefasst hatte, nicht wirklich überzeugend hin.

Deswegen waren die beiden Arschlöcher also da und schnüffelten ihm hinterher...

Selbst sein alter Herr hatte es nie geschafft, ihn so sehr zu verletzten, und während alle möglichen Gefühle in ihm tobten, bemerkte er am Rande erstaunt, dass Gewalt zum ersten Mal in seinem Leben keine wahre Option zu sein schien, um sich Luft zu machen. Sein Körper war schwer, müde von dem Handgemenge mit seinem Dad und gebeugt unter der Trauer, die er in den letzten paar Tagen energisch unterdrückt hatte, und es war so, als hätten die beiden Pisser mit ein paar unbeholfenen Worten all das aus ihm herausseziert.

„Nein, es ist meins. Und seins.“ Er nickte aggressiv zu seinem ohnmächtigen Vater herüber und starrte auf den Schlagstock in seinen Händen herunter, fast, als sähe er ihn zum ersten Mal. „Willst du ‘ne Kostprobe, Wichser?“

Tatsächlich hatte kein einziger ‚Immigrantendieb‘ bis jetzt die steinharte Oberfläche zu spüren bekommen, aber er selbst erinnerte sich gut an die Gehirnerschütterung, die ihn drei Tage lang kotzend über die Toilettenschüssel gezwungen hatte. Wann war es gewesen? Nachdem er zum ersten Mal auf der Wache verhört worden war? Wegen dem Bullshit mit der Zeugeneinschüchterung? Oder noch davor, wegen der Anzeige von ihm und Scott, als sie noch Sophomores waren und ein paar Biere hatten mitgehen lassen?

„Nein, danke,“ murmelte Clay und ein Teil von ihm wünschte sich sehnlichst, dass er es geschafft hätte, ihn im Frühling zu überfahren, denn der misstrauische und gleichzeitig mitleidige Blick, mit dem er traktiert wurde, war zu viel für ihn.

Wusste Jensen in seinem verblendeten Erbsenhirn noch irgendwo, warum der ganze Scheiß überhaupt angefangen hatte? Und warum es so bescheuert war, dass er auf rollende Köpfe bestanden hatte, wenn das Mädel, für das er so erbärmlich geschwärmt hatte, mausetot war?

„Er war mein bester Freund, du Arschloch. Lasst mich ja in Ruhe!“

Sie waren bestürzt, alle beide, und obwohl sie sonst unter besten Umständen nicht mehr als Abscheu für ihn übrig hatten, versetze ihn ihr verächtliches Bedauern in Rage. Mit knackenden Knöcheln und wütendem Schnauben wandte er sich ab und ging zurück in den Schutz des Hauses, denn selbst seine heulende Mutter und die nervenden Fragen seines Vaters am nächsten Morgen konnten ihn nicht mehr schrecken, als die Blicke, die sich auf dem ganzen Weg bis zur Haustür in seinen Rücken bohrten, und das mitleidige Getuschel, dass Jensen und Ani austauschten.

Es sollte eine überaus lange, absolut schlaflose Nacht werden, die zu nichts mehr als dem Gären von Wut in seinem Magen diente, und nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum es mit Winston so dermaßen anders war.



~




In der gleichen Nacht, drei Stunden später, erhielt Winston von einem gewissen Clay Jensen eine DM auf Facebook, die er erst am folgenden Morgen schlaftrunken und vor Nervosität zitternd bemerkte. Er wollte eigentlich nicht auf sein Handy schauen, wollte sich nicht zusätzlich durch den explodierenden Kursgruppenchat stressen, hatte alle Hände damit zu tun, nicht hier und jetzt zu einem flennenden Bündel reinster Panik zu werden, denn, scheiße, es war verfickte Mathematik, er war schlichtweg nicht gemacht für die Sprache der Zahlen, aber die Routine siegte und er überflog die Push Notifications halb automatisch, bis er an dem unbekannten Namen hängenblieb und mit gerunzelter Stirn auf die Nachricht tippte.

hey. Wir müssen reden. Es geht um Montgomery de la cruz – 03:12 am

heute 5 pm Monet’s in Evergreen – 03:15 am

Winston konnte nicht einmal wirklich sagen, was ihm den Rest gab – der lächerliche Erpresser-Ton des fremden Typens sicher nicht, so viel stand fest – aber er reagierte völlig über, brach nicht einmal eine Stunde nach dem Aufstehen in Tränen aus, verlor den Rest der Nerven, die er sich gestern Nacht mit Schokolade mobilisiert hatte, und spielte kurz mit dem Gedanken, sich hier und jetzt mit nicht mehr als den Kleidern an seinem Leib nach Paris abzusetzen und nach den Überresten des Moulin Rouge zu suchen, dann holte er sich gewaltsam etwas zurück und zwang sich dazu, die Sache zu durchdenken.

Er war kein Idiot. Er war mit allerlei Talenten ausgestattet, er hatte Köpfchen, er konnte gut lügen, er wusste ganz genau, wie man reden musste, damit die Leute einen für selbstbewusst und kompetent hielten, und dieser Clay Jensen von der Liberty mit seinen geteilten Beiträgen von irgendwelchen Tagungen über künstliche Intelligenz konnte ihm gar nichts.  

Auch wenn er, während er eigentlich eine Klausur über die potenzierten Gemeinheiten der Algebra schreiben sollte, seine Fingernägel mit wütender Präzision abkaute, drei halbe Panikattacken niederrang, nach Nikotin dürstete und letztlich ein fast gänzlich weißes Blatt abgab, das ihn ordentlich in Schwierigkeiten bringen sollte.

Aber fuck.

Irgendjemand wusste es. Irgendjemand versprach sich etwas davon, Dinge zu wissen, die niemanden etwas angingen, außer Monty und ihn selbst, und wer auch immer Clay Jensen war, er hatte irgendetwas Hässliches im Sinn.

Monty wäre ohne Zweifel dazu bereit, jemanden totzuschlagen, wenn die falschen Leute sein gut gehütetes Geheimnis aufdeckten, und er würde alles dafür tun, seinen Vater zumindest bis zum Abschluss in dem Glauben zu lassen, dass er den heterosexuellsten Schläger in ganz Kalifornien in die Welt gesetzt hatte. Winstons Eltern wiederum juckte es zwar nicht, was er in seiner Freizeit tat, solange er auf geschlossene Türen achtete, aber die Information, dass ihr Sohn sieben Mäuse Schmiergeld akzeptiert hatte, würde es auch für ihn ungemütlich machen, ganz zu schweigen von dem Detail dass er viel zu oft mit dem Gedanken spielte, die Uni trotz des ganzen Aufwands in den Wind zu schlagen, um mit einem psychisch instabilen Jugendstraftäter in den utopischen Sonnenuntergang zu reiten.

Auch wenn das natürlich vollkommen unrealistisch war.

Nie im Leben hätte er den Mumm, sich abgesehen von gemeinen Gedanken und eloquenten Sticheleien gegen die Erwartungen zu behaupten, die an ihn herangetragen wurden. Er war feige, schwach und heuchlerisch. Er wartete sein ganzes bisheriges Leben auf die Gelegenheit, sich eine geeignete Entschuldigung zuzulegen, um seine restlichen Lebensjahre ungezwungen durch Europa reisen zu können, traurige Schundromane zu schreiben und tagein, tagaus billigen Rotwein zu trinken. Natürlich würde er zu allem Ja und Amen sagen, nach Princeton gehen, so lange studieren, bis er einen ernsthaften Nervenzusammenbruch erlitt und eingewiesen werden würde.

Wie zum Teufel konnte er es also von Monty erwarten, das Gleiche zu tun und sich von seiner Scheiße loszumachen, wenn Winston seinem eigenen Vater nicht einmal bei der Auswahl eines Autos für seinen Geburtstag widersprechen konnte?

Winston musste nachdenken, und zwar ganz schnell.

Die Trauminsel, auf die er sich mental verpflanzt hatte, brannte, und für den Zugang zu einem Feuerlöscher musste etwas geopfert werden, denn wie jeder wusste, war nichts auf der Welt umsonst.
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