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The Things We Did

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
03.09.2019
01.05.2020
13
55.964
9
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11 Reviews
Dieses Kapitel
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08.01.2020 1.937
 
Hallo ihr Lieben,

ein frohes neues Jahr an alle!

Diesmal kein langes Vorwort, keine Warnungen, nur Spaß und Freude (gewöhnt euch lieber nicht dran).







VII. Coffee With Milk



Sie beide schwänzten am nächsten Tag. Es war vermutlich ziemlich dumm, Winston hatte sich eigentlich auf die zweite Hälfte seiner Finals vorzubereiten und Algebra brachte ihn um, und Montgomery war einen Tag zuvor als dringender Tatverdächtiger vernommen worden und stand unter strenger Beobachtung, aber sie beide brachten es nicht über sich, den Schutz ihrer Höhle im eisigen Licht des neuen Morgens zu verlassen. Sie blieben wo sie waren; ineinander verschlungen und damit beschäftigt, die Rückkehr in die reale Welt aufzuschieben.

Monty machte irgendwann wie selbstverständlich Frühstück, beziehungsweise Lunch, und es stellte sich heraus, dass er tatsächlich ziemlich gut kochen konnte, obwohl er seltsame Auffassungen von Ernährung hatte – Gemüse zu jeder Mahlzeit, viel Grün und Eiweiß, kaum bis gar kein Fett – und er schwor, keine Schokolade zu mögen, was Winston ihm selbstverständlich nicht abkaufte.

Maggie war, so wie er es ihr aufgetragen hatte, nach Hause gegangen und er hatte ein schlechtes Gewissen, so grob zu ihr gewesen zu sein, aber er verschob den Gedanken auf später. Vielleicht hatte sie dieses eine Mal unrecht; er hoffte es wirklich.

Es gab keine Sahne mehr, deswegen zeigte Monty ihm kopfschüttelnd, dass man mit genug Milch fast den gleichen Effekt auf Kaffee erzielen konnte – hellbraun, süß und cremig – und er hatte es irgendwie geschafft, während Winstons Dusche seine Zigaretten zu verstecken, was einerseits süß, andererseits gemein war, aber es störte ihn nicht wirklich.

„Du weißt schon,“ merkte er irgendwann an. „Dass mein Vater der CEO der kalifornischen Niederlassung von Marlboro ist? In jedem Zimmer des Hauses gibt es praktisch einen versteckten Geheimvorrat.“

Angewidert verzog Montgomery das Gesicht, während im gleichzeitig vom Zwiebelschneiden die Nase lief und die Augen tränten. „Ekelhaft. Willst du eine schwarze Lunge kriegen und sterben?“

Winston zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nicht.“

„Wow. Los, Princeton, lass uns etwas von deinem Gehirn sehen. Was ergibt Kippen plus Rauch inhalieren? Kein x, keine Klammer, stumpfes Plusrechnen. Na?“

„Lungenkrebs, gelbe Zähne, verstopfte Arterien.“

„Eins A. Was lernt man daraus?“

„...Weniger rauchen?“

„Weniger? Weniger? Gar nicht, du Idiot!“

„Okay.“ Winston lachte. „Wenn du Kakao mit mir trinkst.“

Angeekelt kräuselte sich Montys Oberlippe. „Ich mag keine Schokolade.“

„Und ich mag es nicht, Nichtraucher zu sein.“

Montgomery zog die Augenbrauen hoch – sie waren fast das ausdrucksstärkste in seinem Gesicht und er hatte gemerkt, dass er sie nur zu gern dazu einsetzte, seine seltsame Art von Humor zu unterstreichen – und er hielt ihm einen weiteren Vortrag über seinen ungesunden Lebensstil, seine verfettete Leber und den Effekt, den minimaler Sport auf den Körper haben sollte, aber Winston hörte nicht wirklich zu. Es war viel schöner, den spielenden Sehnen an Montys Unterarmen zuzusehen, während er Gemüse zerhackte und zu wissen, dass er es mochte, sich angesichts Winstons Lebensunfähigkeit und Weltfremdheit überlegen zu fühlen.

Irgendwann stellte Winston Musik an.

Sie waren über die Nacht ziemlich vertraut geworden. Es waren ein paar gestohlene Stunden, das war ihnen beiden klar, aber Winston war glücklich. Er fühlte sich leichter als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den letzten drei Jahren, bevor er angefangen hatte, Tabletten gegen die Angst zu nehmen und alles noch schlimmer geworden war, und Monty war so entspannt, wie er am Morgen einer solchen Nacht eben sein konnte. Er hatte Winston heute Morgen im Bett festgehalten, er hatte ihm den Kopf massiert und ihm irgendwann, als er nur noch aus katzenähnlichem Schnurren und Wohlgefallen bestand, mit der Hand einen heruntergeholt, bis Winston halb zum Bad getragen werden musste, um sich sauber zu machen. Jetzt, im Licht der postmodernen Neonleuchte in der Küche, schien er nicht ganz sicher zu sein, wie er Winston berühren konnte, ohne ihm gleich an die Wäsche zu gehen – nicht, dass es ihn gestört hätte – aber sie kamen da hin. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Traum vorerst vorbei war.

„Das läuft immer auf irgendwelchen schlechten Partys, die die Achtziger imitieren sollen,“ kommentierte Monty irgendwann die Playlist und Winston schnappte nach Luft.

„Hast du gerade Whitney beleidigt?“

„Wenn das die ist, die da gerade herumschreit, dass sie mit jemanden tanzen will, dann ja.“

„Okay, jetzt hast du mich und jeden Homo seit ’87 beleidigt.“

„Ich bin mir sicher, du hast jetzt irgendeine Jahreszahl genannt, um mit deinen Musikkenntnissen herumzuprollen, aber ich sage dir, es funktioniert nicht. Dein Geschmack ist trotzdem...“

„Ich habe die Platte, Monty. Whitney von 1987. Elf Tracks, darunter Where Do Broken Hearts Go und Love Is A Contact Sport. Und ich sage dir, niemand in diesem Haus beleidigt Whitney Houston. Da bin ich eher bereit, alternative Meinungen zu Elton John zuzulassen, als dass jemand sie nicht respektiert.“

Montys Augenbrauen wanderten ein weiteres Mal in die Höhe, langsam, um seinem Spott Ausdruck zu verleihen, und er murmelte etwas, was sich verdächtig nach „Erbärmlicher Hipster“ anhörte, bevor er sich dem widmete, was er auch immer da kochte.

Die Musik blieb an und auch wenn er es sich selbstverständlich nicht nehmen ließ, zu jedem weiteren Lied einen Kommentar abzulassen, konnte sich Winston irgendwann nicht des Eindrucks erwehren, dass er schlichtweg keine Ahnung hatte und sich irgendwann an den Discosound gewöhnte.



~




Monty hatte keine Wechselsachen dabei, deswegen wuschen sie seine Kleidung über die späten Mittagsstunden und verbrachten die Wartezeit damit, nackt im Bett herumzuliegen, herumzumachen und zu dösen. Winston fiel bei Tageslicht ein weiteres Mal auf, dass der Junge in seinen Armen ausgezehrt und zu stark bemuskelt schien, um wirklich gesund sein zu können, und ihm fiel das Gespräch von Bryce und dem Jungen mit der Krücke wieder ein, der extra für Steroide zu der Party im Sommer gekommen war, aber er sprach ihn nicht darauf an; vorerst. Seine Finger zuckten leicht und Unruhe machte sich in ihm breit, seine letzte Kippe war schon über einen halben Tag her, aber er musste mit gutem Beispiel vorangehen, wenn er illegale Substanzen thematisieren wollte.

Fuck, er hatte so oder so viel zu viele Fragen.

Montgomery hielt sich bei familiären Dingen auffallend stark zurück. Er sprach nicht von seinen Eltern und er fragte nicht wirklich nach Winstons. Es schien für ihn ein abstraktes Konzept zu sein, dass Winstons Mutter und Vater ihre Gleichgültigkeit mit Abwesenheit ausdrückten und er brauchte eine geschlagene Stunde, um ihm aus der Nase zu ziehen, dass er eine zehn Jahre ältere Schwester oben in Sacramento hatte, die sich aus verständlichen Gründen davongemacht hatte, als sie volljährig geworden war. Danach fragte er nicht weiter; er beschränkte sich darauf, ihn von Kopf bis Fuß zu küssen, vor Allem in der Mitte auf Höhe der Lenden, und es war herzerwärmend mitzubekommen, wie sehr er sich bemühte, Winston nicht das Gefühl zu geben, dass er irgendetwas davon tun musste.  

Die Hämatome vom Spiel am Wochenende waren mittlerweile grünlich verfärbt und fielen bei Tageslicht mehr auf; was Winston aber wirklich besorgte, waren die auf seinem Torso, unterhalb der Brust, die ihn gestern Nacht in ihrer dunkelvioletten Pracht zu Tode erschreckt hatten. Er kannte sich wenig aus und hatte nicht wirklich Erfahrung mit Verletzungen, aber wenn ihn nicht alles täuschte, war das Zentrum der Verfärbung zu groß um von Fäusten stammen zu können, und er schluckte, als er eins und eins zusammenzählte.

Mein Vater prügelt mich zu Tode, wenn er das hier erfährt.

Nichts davon war ein Scherz oder übertrieben. Es war eine Sache, gesagt zu bekommen, dass jemand ‚total abgefuckt ist und zuhause verprügelt wird‘, und eine komplett andere, das Ausmaß davon wirklich zu kapieren. Seine Augen begannen unwillkürlich zu brennen, seine Kehle war wie zugeschnürt und er versuchte noch, seine bebende Lippen zu verbergen, aber Monty hatte es gesehen.

„Hör auf zu heulen. Ich tu das auch nicht.“

„Vielleicht ist das das Problem,“ antwortete Winston erstickt und wollte sein Gesicht an der Schulter das Anderen vergraben, aber er wurde weggestoßen.

„Hör auf zu heulen.“ Montgomerys Gesicht hatte die Starre angenommen, die starke Emotionen versteckte und ihn so glatt wie einen Hai machte. „Es bringt nichts und es ist es nicht wert.“

Schmerz zuckte in Winston ob der Zurückweisung auf, aber er fing sich schnell. Es ging nicht um ihn. Er war nicht derjenige, der von seinem Vater getreten worden war, bis sein Bauchraum die Farbe einer Aubergine angenommen hatte und seine Unterarme in dem Versuch, den Leib zu schützen, rötliche Prellungen abbekommen hatten, die über Nacht wie Rosenknospen aufgegangen waren. Er war nicht derjenige, der die Erfahrung gemacht hatte, dass es niemanden einen Dreck interessierte.

Zieh zu mir, wollte er sagen, du bist achtzehn und musst nie wieder gehen, wenn du nicht willst, aber natürlich ging das nicht, obwohl der Zeitpunkt wie gemacht für hedonistische, verrückte Ideen schien.

Sie hätten ein halbes Jahr, bevor er an die Ostküste nach New Jersey gehen würde. Seine Eltern würden nicht bemerken, dass eine zusätzliche Person im Haushalt lebte, aber er müsste Maggie dazu bringen, den Zirkus mitzumachen, und ob er sie davon tatsächlich überzeugen konnte, stand in den Sternen. Montgomery war alt genug, um auszuziehen, aber er konnte unmöglich öffentlich im Haus einer Schwuchtel von Hillcrest wohnen, wenn er einen Abschluss an der Liberty machen wollte, und es fiel auf, wenn er jeden Tag eine halbe Stunde zur Schule brauchte. Ganz zu schweigen von der Reaktion seines Vaters.

Es war trotzdem eine himmlische Vorstellung. Mehr Tränen stiegen in Winstons Augen und sie flossen stumm, nachdem Monty sich entschieden von ihm wegdrehte, still, wütend und angespannt, und Winston brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln.

„Hey,“ seine Stimme raspelte schließlich wie Schleifpapier über seine Lippen und er platzierte einen flüchtigen Kuss auf der von ihm erreichbaren Schulter. „Ich halte die Klappe, ich verspreche es, aber kannst du mich bitte in den Arm nehmen?“

Stille. Dann ein kaum sichtbares, zähneknirschendes Nicken und Winston krabbelte auf die andere Seite des Bettes.

Wenn es möglich wäre, jemanden wütend und trotzdem in irgendeiner Weise sanft zu umarmen, dann erfand Montgomery de la Cruz es in diesem Moment. Und Winston weinte doch irgendwann, während er sich an den zermatschten Körper schmiegte und in den Armen um seine Mitte verlor, zitternd und schluchzend und mit laufender Nase, und es war in Ordnung. Noch hatten sie Zeit.



~




Nachdem Montys Sachen einigermaßen trocken waren, gingen sie wieder hinunter und tranken mehr Kaffee mit Milch, stumm diesmal und auf dem Sofa, in Decken eingewinkelt. Winston dämmerte vor sich hin, seine Tasse gefährlich in einer Hand balanciert und den Kopf an die Schulter des Anderen gelegt, während dieser auf den kahlen Garten in der beginnenden Dämmerung hinausstarrte und ab und zu einen Schluck von seinem schwarzen, bitteren Gebräu nahm. Er schien angestrengt nachzudenken, wenn sein sich an- und entspannender Kiefer irgendein Indikator sein sollte, und Winston wünschte sich, ihm die Hälfte seiner Sorgen abnehmen zu können, aber immerhin war es in Ordnung, dass er sich halb an Monty anlehnte und man musste nehmen, was man kriegen konnte.

Irgendwann wurde er leicht in die Wange gekniffen und schlug widerwillig die Augen auf.

„Ich muss.“

Nicht Ich muss los. Winston wusste es ja eh. Montys Gesicht war ruhig und er suchte in den Winkeln und Kanten nach einem Indiz dafür, dass es gespielt war, aber er fand nichts.

„In Ordnung.“

Nicht in Ordnung.

Winston bewegte sich keinen Zentimeter.

„Okay.“

„Okay.“

Ein einziges, gequältes Zucken der Mundwinkel. Dann wurde er gepackt und geküsst, fast genauso hart und verloren wie beim ersten Mal, und er schwor, das Gefühl bis zu dem Tag, an dem er sterben würde, nicht zu vergessen. Er verschüttete die Hälfte seines Kaffees, versuchte, komplett mit dem anderen Jungen zu verschmelzen, suchte nach der Einheit, die sie die ganze Nacht gehabt hatten, aber es war zu spät; sie waren aufgewacht.
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