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The Things We Did

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
03.09.2019
01.05.2020
13
55.964
9
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
28.11.2019 4.635
 
Hallo ihr Lieben,

es geht weiter im Text. Nachdem es zuletzt wieder so herzallerliebst geworden ist, schalten wir mal wieder einen Gang zurück und kommen auf den Boden der Tatsachen zurück.

Warnungen: alles, was das weite Feld der krassen Traumata zu bieten hat; ich spreche in diesem Kapitel so ziemlich alles an, worum sich meine Charaktere bis jetzt herumgedrückt haben, und ich warne euch, es wird explizit. Kindesmissbrauch, unverarbeitete Kindheitserinnerungen, graphische Beschreibungen von sexueller Gewalt aus Opfer- und Täterperspektive, Nervenzusammenbrüche und körperliche Gewalt werden Thema sein, und ich kann euch allen nur ans Herz legen, rechtzeitig abzuspringen, falls es euch zu viel wird.

Schön für mich: endlich wieder aus Montgomerys Perspektive schreiben! (Ich sage euch, es macht absolut süchtig!)

Viele Grüße nach draußen,
pumpkin~






The Flannel




Winston trank seinen Kaffee mit einem Löffel Sahne und drei Stücken Zucker, und wenn Monty nicht zehn Minuten zuvor Zeuge einer Panikattacke geworden wäre, hätte er spätestens jetzt gewusst, dass etwas Fundamentales nicht mit dem Jungen stimmen konnte. Klar, er konnte sich nicht mehr die Blöße geben und ihn diesbezüglich aufziehen, da er selbst im Glashaus saß und sein Gegenüber einen ganzen verdammten Gürtel mit Munition hatte, die er gegen ihn verschießen konnte, aber es war einfach nicht richtig.

Genauso wie es falsch ist, dass du seit Minuten nicht weggucken kannst, wenn er seinen verfickten Löffel ableckt und mit abgespreiztem Finger und erschauerndem Kehlkopf einen Schluck von dem hellbraunem Gebräu in seiner beschissenen Tasse nimmt?

Gequält schnalzte er mit der Zunge. Winstons glasiger Blick, der bis eben noch entzückt die Überbleibsel seines dritten Sandwichs mit Ei, Butter und Kresse beäugt hatte, flackerte prompt hoch und verlor dabei nicht einen Hauch der verklärten Hingabe, mit welcher er ihn seit der Enthüllung seiner Küchenskills bedacht hatte, und Montgomery wurde schlagartig heiß.

Heiß vor Beschämung, heiß vor Peinlichkeit, heiß vor Wut über seine Hilflosigkeit, den anderen Jungen immer noch nicht losgeworden zu sein, heiß vor Zuneigung, die er nicht empfinden wollte, heiß vor himmelherrgottverdammter Scham, und während er all dies empfand und sein Kopf kochte und er am liebsten im Boden versinken wollte, wurde er nur bedeutungsschwanger unter schweren Lidern hervor angeblinzelt.  

Es sollte dauern, bis Monty begriff, dass Liebe bei Winston durch den Magen ging und sein Gegenüber nicht etwa seine Männlichkeit im Gesamten anzweifelte, sondern schlichtweg hin und weg war.

Verdammt, sein Kopf platzte. Wie sollte man so noch klar denken können? Wie sollte man so auch nur einen einzigen Bissen von dem Gematsche essen, dass er produziert hatte und von welchem Winston so tat, als wäre es verdammter Kaviar?

Scheiße, wie zum Geier hatte er es bringen können, Monty zu sagen, dass er immer noch scharf auf ihn war und das von letzter Nacht wiederholen wollte?

Ein Beben hatte schleichend von seinen Fingern Besitz ergriffen und es dauerte nicht lange, bis er die ersten paar Tropfen Kaffee über seinen eigenen Handrücken verschüttet hatte. Fuck. Substanzlose Brühe auf seinen Knöcheln, viel zu heiß und zu bitter um mit der verletzlichen Oberfläche seiner dünnen Haut in Berührung kommen zu dürfen, aber es war zu spät; er rieb und rieb und rieb, aber die ebenso dunklen Augen blieben, die ihn von der anderen Seite des avantgardistisch-hässlichen Küchentischs aus ihren halbgeöffneten Höhlen heraus fixierten und das Brennen blieb ebenfalls, selbst als seine Hand trockener als zuvor war und sein Kiefer vom Aufeinanderpressen schmerzte und er nichts lieber wollte als zuzuschlagen, zu küssen, ihn von sich zu stoßen, seine Hände in diesen Haaren zu vergraben, um Dominanz zu ringen, erneut zuzuschlagen, zu beißen, zu fluchen und sich in jedem Winkel des filigranen Körpers unter ihm zu vergraben, bis er Sternschnuppen sah und lebendig begraben werden wollte.

Scheiße, war er derart ausgehungert, dass er am helllichten Tage vor sich hin fantasierte?

Jegliches Gefühl dafür, was Traum und was der Realität entsprach, war ihm abhandengekommen, und wenn man ehrlich war, glichen die vergangenen vierundzwanzig Stunden eher einem Fiebertraum als irgendetwas anderem, aber jetzt gerade wurde er so eingehend und aufdringlich gemustert, dass Winston eigentlich auch genauso gut die Hand hätte nehmen können um sein Gesicht abzutasten, und es wäre vermutlich weniger körperlich gewesen.

Nie und nimmer konnte dies Produkt seiner Fantasie sein; zur Hölle, nicht einmal das überdurchschnittlichste Gehirn konnte das Geräusch, mit welchem sein Gegenüber wie beiläufig in sein Getränk pustete, so perfekt wiedergeben, geschweige denn den Blick, der ihm dabei über den Tassenrand hinüber zugeworfen wurde, nachahmen.

Kein Blinzeln, kein Herumzucken, nicht einmal ein wirkliches Starren. Nein, Winston hatte es wahrhaftig perfektioniert, sein Gegenüber mit den Augen zu verschlingen, und obwohl Monty gerade eben erst einen Blick unter die feingeäderte Haut des anderen geworfen und mehr Trümmer gesehen hatte als ihm lieb war, sah er keine Spur von Unsicherheit in seinem Gesicht.

Hatte er sich etwa irgendetwas zu Beruhigung reingepfiffen?

Nein; es wäre schön gewesen, Winstons Selbstsicherheit angesichts seiner eigenen Angst auf bunte Pillen, ein feinkörniges Pulver oder seinethalben einen doppelten Whisky zu schieben, denn hey, es war nicht so als hätte er sich großartig darum gekümmert, was der andere gemacht hatte als er erst einmal das dämliche Rührei retten gegangen war, aber irgendetwas sagte ihm, das dem nicht so war.

Winston war nicht zum Schnapsschrank gegangen und hatte keine Pillen geschmissen. Er hatte genau auf dem Barhocker gesessen, wo er jetzt immer noch thronte, und er hatte ihn nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. Monty hatte den Blick des anderen genauso so plastisch in seinem Nacken gespürt, wie er jetzt auch glühenden Zigarettenstummeln gleich Löcher in sein Gesicht brannte, und es hatte ihm genauso wenig gefallen.

Leider stellte es sich als um einiges schwerer heraus, den anderen zu ignorieren, wenn man ihm nicht mehr den Rücken zudrehte und in Etwa das gleiche Sichtfeld teilte.  

Verdammt, ihm hatte die Panikattacke seines Gegenübers beinahe besser gefallen. Er war zwar genauso überfordert gewesen – ganz sicher auch um einiges mehr – aber wenigstens war seinem Gegenüber ein einziges Mal das ständige, in den Ecken und Winkeln seines Gesichts versteckte Gelächter vergangen, als er wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft geschnappt und gegurgelt hatte.

Verdammter Winston mit seinem verdammtem Lächeln und seinem verdammten antiquierten Namen. Er brachte sich noch selbst ins Grab, wenn er so weitermachte.

...Es war ja nicht so, als ob Monty das noch nicht längst gewusst hätte.

Aber... Wie zum Teufel konnte jemand mit einem offensichtlichen... – Ja, was genau war das? Ein Angstproblem? Durchgehende Nerven? Schwache Stresstoleranz? Ein ausgeprägtes Hasenherz? – dazu in der Lage sein, derart gut schauspielern und ihn furchtlos mit den Augen auszuziehen, wenn er kurz davor einen beschissenen Anfall gehabt hatte?

Und wovor sollte er bloß Angst haben? Ein A zu wenig auf dem Abschlusszeugnis? Zu matt geratener Autolack? Der Moment, wenn seine Haushälterin ihre Kündigung einreichte und keine einzige Person im ganzen Haushalt kochen konnte?

Der Zwiespalt über die unausgesprochene Frage musste ihm ins Gesicht geschrieben stehen. Winstons Augenbrauen wanderten langsam, ganz langsam, in die Höhe, die Narbe über der linken Augenhöhle wurde breiter und wäre nicht der Hauch eines halben Lächelns über die lasziven Lippen gehuscht, hätte Montgomery sich selbst für das Ekel gehalten, das abartigen Gedanken frönte, aber nein; sein Gegenüber spielte mit ihm, wollte ihn, neckte ihn, Punkt. Er hatte nichts, rein gar nichts in der letzten Viertelstunde getan, um die Situation so seltsam zu machen.

Scheiße, warum zur Hölle schaute er ihn immer noch an, als wäre er sein gottverdammter Preis?

„Was?“

Er spürte, wie sich sämtliche Härchen in seinem Nacken aufstellten. Winston stellte keine Frage, er schnurrte und er wusste ganz genau, was er da tat. Jede andere Person hätte neugierig, vielleicht sogar genervt geklungen, auf jeden Fall jedoch normal, aber natürlich lutschte Winston fucking Williams jeden einzelnen Buchstaben rund und genoss es viel zu lange, das W zwischen seiner Zunge und den Vorderzähnen herumtanzen zu lassen, bis es nach dem reinsten Porno klang und er selbst sich nicht mehr ganz sicher darüber schien, was er überhaupt hatte wissen wollen.

Sollte er ihn vielleicht einfach auslachen?

Die meisten Leute reagierten sehr zufriedenstellend, wenn Montgomery sie auslachte und gleichzeitig ein gutes Stück zu nah an sie herantrat. Fünf Zentimeter vor die Brust, Zähne gebleckt, breitbeiniger Stand.

Idiotensicher.

Natürlich tat er es nicht. Der Junge hatte einmal zu oft bewiesen, dass er recht immun gegen Montys Strategien war und obwohl er gerade die Entspanntheit in Person zu sein schien, war es ihm kurz zuvor alles andere als gut gegangen. Es war ihm zwar schleierhaft, seit wann er erstens Rücksicht auf die Befindlichkeiten seines Gegenübers nahm und warum er zweitens auch nur die Tendenz zeigte, Winstons Maskenspiel auf dem Leim zu gehen – es waren diese bebenden, verboten geschwungenen Lippen, er schwor es – aber irgendetwas in ihm sträubte sich dagegen, den Jungen zu verhöhnen.

Er hat es schlichtweg nicht verdient?, bot sein Verstand zurückhaltend als Erklärung an und zuckte, wie es zu erwarten gewesen war, unter der Faust seiner Erfahrung zurück, als er sich auf die Ausgeburt seines nicht vorhandenen Gerechtigkeitssinnes stürzte.

Es ging im verfickten Leben nicht darum, wer was und wie viel verdient hatte, basta. Niemanden interessierte es, wer warum worunter litt, und genauso wenig gab es jemanden, der die Scheiße verteilte und dafür sorgte, dass es niemanden krasser traf als den Durchschnitt.

Es gibt keinen beschissenen Gott, knurrte er sich selbst zu, und es gibt kein Karma. Du kannst deswegen herumheulen und schwach werden, und du kannst es akzeptieren. Die Wahl liegt ganz bei dir, Schwuchtel.

Gott, er war plötzlich so wütend.

„Was zum Geier war das gerade? Wovor solltest du bitteschön Schiss haben?“ stieß er also gepresst hervor, nahm nicht wahr wie Winston ob seiner erhobenen Stimme zusammenzuckte und kümmerte sich auch nicht weiter darum, dass er eigentlich gar nicht so genau wissen wollte, welche Drähte hinter der Stirn seines Gegenübers gerade durchgebrannt waren, solange er nie wieder etwas damit zu haben musste.

Er fragte also, sauer und verletzt und vielleicht sogar enttäuscht, weil, scheiße, welcher Mensch konnte schon perfekter sein, als der Junge der ihn gestern wie ein beschissenes Baby im Arm gewogen hatte? Welcher Mensch hätte ihn mehr damit schocken können, psychische Bruchware zu sein, als derjenige, der gestern mit diesem unglaublichen Lächeln auf ihn heruntergeschaut und dabei Du kannst sein was immer du willst gesagt hatte, so, als hätte er alles raus und als wäre er selbst schon lange mit dem ganzen Pubertäts- und Selbstfindungsscheiß durch?

So, als wäre das Abartige doch in Ordnung und er könnte endlich aufhören, sich selbst zu verabscheuen?

Er wollte auf irgendetwas einschlagen, kaputtmachen, zerstören.

Winston war auf eine nervige Art und Weise perfekt gewesen und nachdem er sich erstmal an den Gedanken gewöhnt hatte, eine peinliche Schwärmerei zu haben, wollte Monty seinen Eindruck diesbezüglich keineswegs ändern müssen.

Fuck, Winston war der verdammte Engel.

Konnte nicht wenigstens eine einzige Sache in seinem Leben unbeschädigt sein? Wenigstens die eine Person, die die gewagte Meinung zu vertreten schien, dass er nicht krankhaft, dumm und grausam war?

Und jetzt hatte er ihn verletzt. Nicht mit der Faust, sondern mit Worten. Nicht auf die entwürdigende Art und Weise, von der er gestern gelernt hatte dass sie gut, so gut, sein konnte und nicht unbedingt etwas mit Abscheu und Entehrung zu tun haben musste, wenn man es aus Zuneigung tat – scheiße, er war beinahe ausgetickt als Winston doch angefangen hatte zu bluten und er davon ausgegangen war, ihm wehgetan zu haben – aber das hier, das war schlimmer.

Er begriff nicht, woher der lähmende Schmerz kam, als er in die Augen seines Gegenübers starrte, unbewegt, beschränkt und unfair – zu langsam, wie immer, zu selbstsüchtig, um mehr als das eigene Leid zu erkennen – begriff nicht, wie sehr er sich selbst wehtat und wie lange es dauern würde, bis er sich das hier verzeihen würde, aber-

Verdammt, die eine Person, die SEINEN Bullshit durchschaute?

„Ich weiß nicht genau, ob ich verstanden habe was du sagen willst.“ Winstons Stimme zitterte vor unterdrückter Wut oder vielleicht auch nur vor Schmerz, Monty war immerhin sehr schnell darin, von sich selbst auf andere zu schließen und er wäre scheißwütend, aber er hielt sich so gut, riss sich so sehr zusammen, schluckte die Beleidigungen, die ihm ohne Zweifel für das ignorante Arschloch auf der anderen Seite des Küchentischs auf der Zunge lagen, herunter und brachte es fertig, seinen Blick offen und ohne irgendetwas zurückzuhalten zu erwidern.

„Ich bin krank. Genauso wie deine Schrammen im Gesicht oder die gerissene Sehne von deinem Kapitän gestern Abend. Meine ‚gerissene Sehne‘ ist psychisch, vermutlich chronisch und genauso wenig eingebildet wie das Hämatom auf deiner Wange, Monty.“ Geräuschvoll stieß er die Luft aus, sammelte sich einen kurzen Moment lang und schob seinen Teller nachlässig an den Rand, um vielleicht mehr Platz zu haben, wer wusste das schon. „Ich habe mir nichts davon ausgesucht, bin deshalb nicht weniger zurechnungsfähig oder großartig anders. Ich bin ich, Monty. Achtzehn Jahre alt, zu naiv um die Welt wirklich verstehen zu können, verfickt privilegiert, ohne Grund depressiv, schwul und stolz drauf, und ja, ich habe auch noch eine Angststörung. Es ist eine ganze Menge, ja, aber nichts davon ist selbstgewählt.“

Fuck, er machte sich so gut. Jedes einzelne Wort saß, die tiefe Stimme hatte ihre Kraft wiedergefunden und Monty überlegte kurz, ob er zurückrudern konnte, oder ob er das Herz für eine Entschuldigung hatte – Winston verzieh immerhin eine ganze Menge – aber er konnte nicht. Er meinte es nicht wirklich, er war immer noch verletzt und enttäuscht und wütend, so wütend, und er würde sich lieber selbst die Zunge abbeißen, als sich die Blöße zu geben und eine Entschuldigung auszusprechen, die nicht ehrlich war.

Er meinte normalerweise das, was er vor sich hin quatschte, redete er sich ein, und er verstand Winstons Problem einfach nicht. Verdammt, er würde sich nie im Leben für etwas anbiedern, wenn er eigentlich im Recht war, nur weil er gerade eigentlich doch gerne geküsst und in den Arm genommen werden wollte, bis alles wieder gut war und sie beide vergessen hatten, dass er überhaupt etwas gesagt hatte.

Ha, ha. Schwuchtel.

Wie um sich selbst zu beweisen, dass er es ernst meinte, tat er folglich also das, worin er schon immer absolut unschlagbar gewesen war; abblocken, angreifen, tödliche Ignoranz beweisen.

„Ich kapier’s nicht. Warum, verdammt noch einmal? Du gehst auf eine beschissene Privatschule, deine Eltern lassen dich in Ruhe und wenn du Hunger hast, kocht eine Latino-Haushälterin für dich, die vermutlich nicht einmal mierda auf Englisch sagen kann. Du behauptest, du hast es dir nicht ausgesucht, aber warum zur Hölle solltest du überhaupt ‚krank‘ sein? Scheiße, du kannst jeden Idioten auf der verfickten Straße fragen und sie alle werden dir sagen, dass es dir verflucht gut geht!“

...Auch wenn es ihm das eigene Scheißherz zerschnitt.

Und Winston... Winston lächelte traurig und verbissen mit brutal zuckenden Mundwinkeln, und in seinen Augen glänzte es erschreckend plastisch.

Montgomery hatte nie zuvor verstanden, wie andere Teenager sich aus Scham über ihre Taten eine Kugel in den Kopf jagen konnten – scheiße, Alex war für ihn nicht mehr als ein erbärmlicher, trauriger Psycho und er selbst würde ja nie wie ein kleines Mädchen über das heulen, was hätte sein können, denn wem brachte das schon etwas? – aber jetzt gerade begriff er. Gestern, als er halb flennend und zugleich brennend vor Scham nach Halt und Liebe gesucht hatte, hatte der hässlichste, widerwärtigste Teil seines Selbst sich nichts sehnlicher gewünscht, als den anderen Jungen in eine ebenso verletzliche Position seelischer Nacktheit zu bringen; jetzt brachte ihn die Schuld, es geschafft und sein Gegenüber verbal aufgeschlitzt zu haben, fast um.

Monster, zischte etwas in ihm, Monster, Monster, Monster.

Geschieht dem Schönling recht, hielt eine andere Stimme in seiner Brust dagegen, wenn er meint, mit dem Feuer spielen zu müssen.

Vermutlich war es pathetisch, im Nachhinein derlei Überlegungen anzustellen und die Geschehnisse in diesen frühen Morgenstunden derart fein aufzudröseln, aber dieser Moment, in dem er sein Versprechen gebrochen, Winston doch noch wehgetan hatte und den Schmerz in diesem feinen Gesicht mit den hohlen Kanten und weichen Ecken sah, brach ihm das Genick.

Er fiel ins Bodenlose. Kein Anker, keine Flügel, kein Sicherheitsnetz.

Niemanden, auf den er eindreschen konnte, kein Training und kein Spiel, das es zu gewinnen galt, keinen Charlie, Taylor und Kenneth, die seinen Bullshit mitmachten, er kam nicht einmal weg von hier weil sein Auto immer noch unerreichbar an der Schule stand, und wenn er sein Handy nicht erst vor zwei Stunden geschrottet hätte und Bryce anrufen könnte, würde dieser ihn nur davonjagen und erst recht keine Party organisieren, auf der er sich bis zur Besinnungslosigkeit abschießen konnte; shit, er sehnte sich nach dem Zeitpunkt, wo alles nur noch den bunten Lichtern verfrühter Weihnachtsbeleuchtungen hinter einer beschlagenen Windschutzscheibe glich und er vergessen konnte, den Bass tief im Magen vergraben und pelziger Wodka-Tonic auf der Zunge.

Wurde er genau wie sein Vater, wenn er weiter so trank?

...Ging er bald durch die Gegend, saufend und prügelnd und, scheiße, wer war der nächste Junge dessen Arsch er zum Bluten brachte, ob er es nun mit einem Besenstiel oder seinem eigenen Schwanz tat, denn fuck, wo war bitteschön der beschissene Unterschied?

Sein Gesicht war heiß und nass und es war, als hätte sich eine Tür in seinem Inneren geöffnet, ein ganzes verficktes Tor wohl eher, während er seine Fingernägel fieberhaft in den eigenen Wangen versenkte und mit rasendem Puls versuchte, die Quelle der Feuchtigkeit auf seiner Haut zu finden und auszumerzen.

Klirrend perlende Glassplitter – er heult, verdammt noch mal – ‚Du hast mein verficktes Leben ruiniert, du kleine Schwuchtel‘ – er flennt wie plärrendes Grundschulkind – die Cargohose klebt an diesen geisterhaft dünnen Beinen, wie um den Körper seines flehenden Besitzers zu schützen – er verliert über sich selbst die Fassung, er verliert den verfickten Verstand – die Toilettenspülung ist kaputt und spült und spült und spült und – seine Augen brennen – Tyler spuckt Wasser – er ächzt kehlig, schluchzt – alles pulsiert und bebt in seinem Sichtfeld, und die Spiegelscherben knirschen unter seinen Füßen – er ist ein Monster, ein krankhaft generierter Mutant in Menschenform – nasses Klatschen – es ist vorbei, es ist lange vorbei – der Junge brüllt wie ein Tier, markerschütternd und schrill – plötzlich ist er selbst wieder sieben und hat anstelle von schriftlichen Multiplikationen einen Panzer in sein Heft gekritzelt, als er sein Heft abgeben soll – Tyler schreit so laut, dass es die Barriere aus fremden Händen auf seinem Mund durchdringt – er liegt bäuchlings auf dem Lehrerpult – wie im Rausch packt er fester zu, sein gebrochener Arm lässt ihn aufzischen aber er kann nicht aufhören, kann es nicht stoppen – seine Schuhe sind ihm genommen worden und seine Hose auch und in seinen Ohren klingelt noch die Ohrfeige – Tyler weint und brüllt und schreit und bittet, und das Geräusch scheint direkt aus der Hölle zu stammen – Mr. Hartman hasst ihn eigentlich aber jetzt ist plötzlich viel zu nah und zieht seine Beine auseinander und es drückt und tut weh, so weh – die Wut ist ekstatisch – es ist als würde er von innen heraus aufgerissen werden, immer und immer wieder – es tut ihm nicht leid, es tut ihm nicht leid – er kreischt und tritt, aber der Schmerz wird unaushaltbar und es geht nicht vorbei – es tut ihm nicht leid – er verschluckt sich an seinen eigenen Tränen, hustet wie besessen und hofft, hofft so sehr, dass jemand kommt und es aufhört – Tyler verstummt bis auf ein gepeinigtes Stöhnen und sinkt wie ein nasser Sack in sich zusammen, gebrochen, zertrümmert und entwürdigt – sein Hals ist dick angeschwollen und erlaubt keinen Ton mehr – dicke Bluttropfen verschmieren an seinen Händen und auf seinem Hemd, der Nebel lichtet sich langsam – er fühlt sich schmutzig und benutzt und die Tränen der Scham wollen einfach nicht damit aufhören, über seine heißen Wangen zu strömen – es ist als ob er aufwacht – dir ist nichts passiert, was nicht allen kleinen Jungs widerfährt, Montgomery, hör auf zu heulen – er erstickt – hör auf zu jammern, Junge, natürlich gehst du wieder zur Hausaufgabenbetreuung, denkst du, ich mache früher frei nur weil du dich dort langweilst? – ein Teil von ihm ist wie verprügelt, aber auf der anderen Seite fühlt es sich zum ersten Mal so an, als hätte er das wieder, was ihm vor langer Zeit gestohlen worden ist – Mr. Hartman lacht über ihn, als er am nächsten Tag pünktlich um halb zwei anfängt zu zittern  – Tyler zuckt zusammen, sobald er ihm auf dem Flur begegnet und es ist pure Macht – keiner wird ihm helfen, er ist allein, absolut allein – es ist einfach zu verlockend, also streut er immer wieder Salz in die Wunde, grinst wie besessen, lässt nicht locker, lässt nicht heilen – Mr. Hartman kommt nicht wieder, nachdem seine bebenden Finger den Blumentopf aus dem dritten Stock geschubst haben und er weint vor Freude, als er beim Nachmittagsturnen mitmachen darf weil es keinen neuen Lehrer für die Hausaufgabenbetreuung gibt – er ist längst süchtig nach dem Gefühl, den anderen Jungen täglich an die monströsesten Minuten seines Lebens zu erinnern und er wird jedem weiteren Tag stärker, streitsüchtiger, unbesiegbarer –

„...Monty?“

Er blickte auf, blinzelte gegen den feuchten Schleier auf seinen Augäpfeln an und scheiterte; er sah nichts bis auf durchweichte Farben und verschwommene Konturen und er war sich auch nicht ganz sicher, ob er jemals wieder etwas sehen wollte, denn Winston war näher gekommen, so nah dass er seinen Eigengeruch wahrnahm und, verdammt, wenn er jetzt versuchte ihn anzufassen, verlor der Junge vermutlich eine Hand.

Obwohl er es sich nie verzeihen können würde.

Fuck, was zur Hölle war er eigentlich?

Montgomery hatte sich nie animalischer gefühlt; er hatte es bis jetzt genossen, gelegentlich das Tier herauszulassen und den Zorn den eingepferchten Biestes zu nutzen, um mit jedem Ausholen fester zuzuschlagen und so lange zuzutreten, bis entweder das Blut spritze oder ein Knochen nachgab, aber jetzt, jetzt hatte er Angst.

Eine Scheißangst.

Bryce hatte verdammt nochmal Recht gehabt. Er durfte sich anderen Menschen nicht mehr nähern, sobald er ihnen nicht schaden wollte.

Obwohl es doch so lange bequem für ihn gewesen war, einen Schläger als rechte Hand zu haben, nicht wahr?

Es tat so verflucht weh. Wie konnte man einen Menschen, der einen zuletzt brutal getackelt und als Feigling und Monster bezeichnet hatte, nach zwölf Stunden so sehr vermissen, dass es einem abgeschnittenen Körperteil glich? Wenn man selbst nicht mehr als der räudiger Straßenköter war, der vorübergehend den Bester-Freund-Ersatz gespielt hatte?

Seine Augen brannten, und, scheiße, er weinte tatsächlich. Er weinte. Salzige Tränenflüssigkeit hatte sich auf seinen Lippen gesammelt und wenn er nicht schon in den paar Stunden seit dem abrupten Ende des Homecoming-Spiels einen ganzen Katalog von Dingen getan hätte, die er sich nie auch nur gewagt hatte auszumalen, wäre er jetzt endgültig bereit für einen dreifachen Bourbon und Call of Duty bis zum Erbrechen gewesen. Er weinte wie ein kleines Kind, verflucht, wie eine beschissene Schwuchtel, wie ein Mädchen, wie einer dieser schwachen Loser, die nach einmal Anrempeln in die Knie gingen und in Tränen ausbrachen.

Alles war zu viel. Es war eine billige Ausrede und er wusste es, aber Monty wurde das Gefühl nicht los, dass sich alles in einem undurchdringlichen Schutthaufen vor ihm aufgestapelt hatte; unbeweglich, allumfassend und solide. Keine Möglichkeit, ihn einzureißen, zu umgehen oder zu überqueren. Er war so mutterseelenallein wie er auf die Welt gekommen war, kein Fixpunkt, kein Leuchtturm, kein Anker. Was zur Hölle konnte er schon tun?

Wurde er etwa wirklich verrückt?

„...ty. Montgomery? Verstehst du mich?“

Die Welt schien etwas mehr in dem Fokus seiner schmerzenden Augäpfel zu rücken und obwohl es in seinen Ohren klingelte, meinte er, jemanden mit sich sprechen zu hören. Dunkles, unglaublich weiches Haar, kehlige Stimme, Zigarettenrauch, zu glatte Hände, wohl vertrautes Flanellhemd, seins, verdammt nochmal, Sorgenfalten über diesen dichten Balken von Augenbrauen, das wünscht du dir wohl, ein heißer Mund, der jeden Wunsch erfüllen zu können schien, und alles war irgendwie miteinander vermischt und er hatte keine Ahnung, welcher Wahrnehmung er sich zuerst widmen sollte.

Hatte er denn je einen Schimmer davon gehabt, was er tun sollte?

Er nickte mechanisch, den Blick starr auf den weich angerauten Hemdskragen des andere Jungen gerichtet. Er wusste genau, wie sich der Stoff auf der Haut anfühlt, hatte ihn ungefähr zweihundertmal gewaschen, gebügelt, glattgestrichen und doppelt so häufig getragen, aber trotzdem haben die wandernden Fingerkuppen seines Gegenübers in einer Handvoll gestohlener Stunden Dinge angestellt, für die seine Haut liebend gerne sämtliche Informationen und Erinnerungen von Berührungen davor gelöscht hatte. Er hatte gehört, wie Jeff über Sex auf Molly gesprochen hatte, hatte sich im Stillen darüber lustig gemacht – niemand, nicht einmal er, hatte Jeff jemals kritisiert, das war unausgesprochene Regel gewesen – aber jetzt verstand er, wie sehr man von einem anderen Menschen berührt werden wollen konnte, dass man sogar Drogen nahm, um die Wirkung zu verstärken.

Winston folgte seinem Blick, sah unschlüssig an sich herunter und seufzte schließlich tief, während er sein Gewicht von einem Bein aufs andere verlagerte und an den zu weiten Hemdsärmeln herumnestelte. Er hatte, sehr zu seinem Glück, immer noch nicht versucht, Monty zu berühren, aber er stand augenscheinlich kurz davor.

Dann passierten einige Dinge gleichzeitig. Monty hob warnend die Hand, Winston streckte seine im gleichen Moment aus, ihre Finger berührten sich, Monty schoss so schnell aus seinem Stuhl heraus dass der schwere Barhocker glatt umfiel, Winston zuckte heftig zusammen, Monty verfluchte sich selbst stumm, Winstons Handy begann so stark zu vibrieren, dass Monty es nur mit einem beherzten Griff vor dem Todessprung vom Küchentisch herunter bewahren konnte, der Anruf brach genauso plötzlich ab wie er eingegangen war und plötzlich war es wieder still. Sehr still. Winston blickte nicht einmal in die Richtung des überraschend abgeranzten IPhones und scheiße, wieder waren da diese Augen, die ihn einsogen.  

Dann... Noch ein tiefes Seufzen und Winston schlüpfte aus dem entwendeten Kleidungsstück, schlug die Ärmel unter und reichte es ihm. Nicht ohne ein letztes Mal mit dem Daumen über den weichen Stoff zu streichen.

Er sah so abartig traurig aus.

„...Ich habe keine Ahnung, was gerade bei dir los ist und ich habe nicht den Hauch einer Idee, wie ich dir helfen kann, aber... Kann ich dir helfen? Irgendwie?"

Fuck, Monty wollte ihn so sehr dass es körperlich weh tat, aber es ging nicht; er war eine beschissene Gefahr für die Allgemeinheit, ein verdammter Vergewaltiger, ein kleines plärrendes Grundschulkind, dass den sonnendurchfluteten Raum der Hausaufgabenbetreuung nie ganz verlassen hatte.

Scheiße, er war kaputter, als Winston es jemals sein konnte.

„Ich...“ er biss sich auf die Zunge und es schmerzte so sehr, dass es durch seine gesamte Kiefermuskulatur zog, aber die Worte bei sich zu behalten stellte sich als noch unangenehmer heraus. Hatte er jemals zuvor Probleme damit gehabt, alles herunterzuschlucken, was ihm auf der Zunge lag, und sich stattdessen irgendetwas Gehässigtes an den Haaren herbeizuziehen, um möglichst schnell davonzukommen?

„Ich brauche...“ Verdammt, seine Stimme zitterte. Das Hemd in seinen Händen war so unglaublich schwer. „Ich... muss hier weg.“

Zu spät für einen Rückzieher. Winstons Augen weiteten sich und seine Finger zuckten kaum merklich, fast so als wollte er den Arm ausstrecken, seine Hand nehmen, nur um dann zu realisieren, dass nichts davon erwünscht war.

Und schon wieder hatte er ihn verletzt.

„Ich habe gesagt, dass ich dich wo auch immer hinbringe, wenn du willst.“

Monty nickte. Seltsam, wie automatisch man noch funktionieren konnte, selbst wenn man sich gerade mental eine Kugel in den Schädel gejagt hatte und am eigenen Blut erstickte.

„Aber, Monty...? Ruf an, wenn du... Wenn du willst, okay?“

Sein Blick war so bittend, dass Montgomery ein weiteres Mal nickte, obwohl sein Handy nur drei Straßen weiter in winzigen Fragmenten auf dem feuchten Teer lag, er keine Ahnung hatte, wie er sich in naher Zukunft ein neues besorgen sollte, und er überhaupt nicht im Entferntesten daran dachte, jemals wieder einen Fuß in dieses verflucht große Haus mit seinem lächerlich schönen Bewohner zu setzen, dessen Arme sich so fest um ihn geschlossen hatten als wäre er genauso einsam wie er selbst.

War er das etwa? War Winston einsam?

Brauchte er ihn etwa genauso sehr, wie Montgomery seine pure, an Dummheit grenzende Liebe brauchte?
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