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The Things We Did

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
03.09.2019
01.05.2020
13
55.964
9
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Dieses Kapitel
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29.10.2019 6.048
 
Huhu, Hallöchen und Herzlich Willkommen zurück,

nachdem ich mich viel zu lange verkrümelt habe, bin ich zurück droppe Abschnitt 4, der mir, ehrlich gesagt, die Schweißtropfen auf die Stirn getrieben hat. Winston darf mal wieder erzählen und ich warne euch vor, es wird wieder etwas fluffiger und eine ganze Menge von dem Zeug (~99%), das ich ihm andichte, ist ein reines Produkt meiner Fantasie.

Warnungen: Erwähnung und Schilderung von Panikattacken, Depressionen, Selbstwertproblemen und genereller psychischer Krankheit

Ich kann nicht versprechen, meine vorbildlichen Posting-Intervalle zu Beginn jemals wieder hinzubekommen, da ich wieder angefangen habe zu studieren und eine Niete im Multitasking bin, aber ich gebe mir Mühe und nutze mein kleines Projekt hier liebend gerne als Entschuldigung, einen Gang zurückzuschalten und die Uni Uni sein zu lassen (ich versuche gerade, mich von einem Arbeitstier auf einen Faulenzer umzuprogrammieren).

Liebste Grüße und viel Spaß,
pumpkin~






Scrambled Eggs





Beiden war klar gewesen, dass sie etwas lostraten, was nur noch schwerlich aufzuhalten war, als sie den Parkplatz des 24hr Health Clubs verließen und Richtung Flußpromenade davonfuhren. Sie beide wussten, dass der erste Dominostein gefallen war und eine ganze Kette von Ereignissen in Bewegung gesetzt hatte, während die vorbeiziehende Nachbarschaft sauberer und die Häuser protziger wurden, und obwohl die Fahrt letztendlich nicht mehr als zehn Minuten gedauert haben konnte, fühlte Winston sich mindestens fünf Jahre älter, als er den Audi schließlich in die Tiefgarage gefahren und Montgomery unter die Dusche geschickt hatte.

Ein Teil von ihm fühlte sich wie ein Hundehalter, der seinen entlaufenden Köter wieder eingefangen hatte, die andere Hälfte zog den Vergleich mit dem Prinzen aus Aschenputtel vor, und obwohl beide Verbildlichungen es wohl kaum wirklich trafen, lag die Wahrheit über sein momentanes Gefühlsleben vermutlich irgendwo in der Mitte.

Er musste wahrhaftig verrückt sein, aber das hatte er ja bereits festgestellt, bevor er, geweckt von der Kälte eines verlassenden Bettes, in aller Herrgottsfrühe seinem entlaufenden Novembernachtstraum hinterher gerannt war und einige bunte Scheine dabei eingebüßt hatte, besagten Flüchtling vor einer saftigen Anzeige mit Geldbuße und, im schlimmsten Fall, Verurteilung zu bewahren.

„Was ist falsch mit dir, Schwuchtel?“

Die Wahrheit war, er wusste es selbst nicht. Winston war verantwortungsbewusst, erwachsen und immer auf Sicherheit und Diskretion bedacht. Er stand auf kultivierten Intellekt, der sich zu benehmen wusste, nicht auf ungefestigte Halbstarke aus zerrütteten Familienverhältnissen. Alle Männer, die er zuvor auch nur im Entferntesten an sich herangelassen hatte, hatten in das erstbeschriebene Profil gepasst, und sei es nur, um ihm beflissen und vielleicht mit einem etwas längeren Blick die Tür aufzuhalten, wenn seine Mum mal wieder eine Wohltätigkeitsveranstaltung für die armen Kinder in Afrika abhielt und ihn dazu genötigt hatte, im Smoking und mit einem strahlenden Lächeln zu erscheinen, um ‚nützliche Kontakte zu knüpfen‘, wie sie es ausdrückte.

Oh ja, Mutter, und wie ausgesprochen nützlich sie mir gelegentlich waren.

Normalerweise hatte er immer sehr genau kalkuliert, wem er auch nur einen kurzen Moment seiner Aufmerksamkeit schenkte, und umso verwunderlicher war für ihn selbst die überstürzte, überemotionale Bindung an Montgomery, die ihn in regelrechte Verlustängste gestürzt hatte, als er im Morgengrauen seine Arme leer und die Laken neben sich kalt vorfand.

Was sollte das hier? Eine Strafe seines rebellischen Unterbewusstseins für die Jahre der Disziplin? Die innere, romantisierte Sehnsucht nach jugendlicher Auflehnung, die selbst Schiller und Goethe so allerliebst besungen hatten?

Egal. Er war vollkommen übermüdet und wollte nichts lieber als in sein Bett zurückzugehen, dessen Kissen noch nach Sex, Zigaretten und halbwachen, unkomplizierteren Gesprächen rochen, aber er hatte es versprochen, klipp und klar: Dusche, Frühstück, Verarzten, Fahrt nach Hause.

Er würde, ganz ehrlich gesprochen, alles dafür geben, den letzten Punkt auszulassen und spontanen Impuls an die Stelle einer weiteren bitter schmeckender Autofahrt neben einem vor sich hin brütenden Teenager zu setzen; allein der Gedanke von Montgomery unter seiner eigenen verdammten Dusche reichte, um ihm eine halbe Erektion zu bescheren und Flausen in seinen Kopf zu setzen.

Genug davon. Winston hatte keine Ahnung, wie man außer um vier Uhr morgens hastig zusammengeschmierten Peanutbutter & Jelly-Sandwiches irgendetwas Essbares herstellte und er hatte großspurig angekündigt, Rührei zu machen. Hauptsächlich, weil es die einzige Frühstücksoption gewesen war, die die stumpfen Augen Montys irgendwie zum Leuchten gebracht hatte, bevor er in Richtung Badezimmer davongewankt war.

Wie gesagt: Hundebesitzer.

„Verdammter Mist!“ murmelte er sich selbst zu und lehnte sich über den Küchentresen, um sein vernachlässigtes Handy an sich zu bringen und die Zubereitung von Rührei und Eiern im Allgemeinen zu googlen.  

Zehn verpasste Anrufe und ein hysterisch aussehender Nachrichten-Absatz seiner Mutter, drei Markierungen auf Facebook, ein neues Match auf Grindr und eine kurze SMS von Maggie begrüßten ihn, und er entschied sich mit rollenden Augen nur das letztgenannte anzusehen und zu beantworten.

Kommst du zurecht? – 09:38 p.m.

Kein Anruf von ihr und keine weitere Nachricht. Er lächelte. Sie wusste, wann sie ihn in Ruhe lassen sollte und sie tat es, ohne Fragen zu stellen.

Alles gut. Mach dir ein ruhiges Wochenende. – 06:21 a.m.

Er hätte sie nach dem Rührei fragen können, natürlich, und sie hätte ihm vermutlich innerhalb von fünf Minuten geantwortet – die Frau schien ein übermenschliches Gefühl dafür zu haben, wann er sie brauchte und er hatte lange aufgehört zu glauben, dass sie jemals schlief – aber er hatte ihr freigegeben und würde sie nicht Samstags früh wegen einer Bettgeschichte belästigen, der er ein Fünf-Sterne-Frühstück versprochen hatte.

Winston wusste nicht ganz genau, ab wann er angefangen hatte, über Maggies Arbeitszeiten nachzudenken und ein schlechtes Gewissen wegen der ganzen Überstunden und dem viel zu geringen Lohn ihrer Fürsorge zu empfinden, aber auf der anderen Seite hatte er auch keine Ahnung, wann er anstelle von ‚Winny, mein Schatz‘ plötzlich ‚Winston, der junge Herr‘ geworden war.

War es passiert, als sie ihn zum ersten Mal mit einem anderen Mann im Bett erwischt hatte?

Sie hatte nie etwas gesagt und ihn nur in den Arm genommen, als er sich zwei Tage lang die Seele aus dem Leib geheult und sich bis zur Besinnungslosigkeit besoffen hatte, als das Arschloch ihn schließlich abserviert und mit Schülern aus seiner eigenen Klassenstufe angeregt über Winstons Qualitäten im Bett diskutiert hatte.

Gottverdammter Hurensohn.

Das Schlimmste an der ganzen Sache war nicht, wie man vielleicht vermuten würde, der Vertrauensbruch oder die sozialen Konsequenzen – und, oh ja, von denen hatte es viele gegeben – sondern der Fakt, dass Winston nicht wirklich überrascht von dem Verhalten des Anderen gewesen war.

Es gab Kerle, die sich alles nahmen und keinerlei Respekt vor den Wünschen, Gefühlen und Träumen der Person hatten, die sich von ihnen vögeln ließ, und leider machte die sexuelle Ausrichtung hierbei nicht wirklich einen Unterschied, egal was die vierzehnjährige Mädchen glauben mochten, die sich mit klimpernden Wimpern einen schwulen besten Freund wünschten.

Alter Zorn drohte in ihm aufzusteigen, doch Winston schob den schalen Geschmack auf seiner Zunge und das Zittern in seinen Händen, sie zu Fäusten zu ballen, energisch weg. Es war sinnlos; verständlich, aber sinnlos. Er hatte geflennt, er hatte geschrien, er hatte den Schnapsschrank seiner Mutter geöffnet und Wodka zum ersten Mal ohne Orangensaft getrunken, er hatte gekotzt, er hatte seine Scham in Keksdosen aufgewogen und verzehrt, er hatte Beruhigungstabletten – ebenfalls von seiner Mutter – entwendet und geschluckt, und es hatte alles nichts gebracht.

Er war gewöhnlich ein eher passiver Mensch, ohne Frage, und sein Vater wäre ganz sicher glücklich darüber gewesen, dass sein Sohn tatsächlich zur Abwechslung mal etwas tat – auch wenn Winstons Versiertheit darauf, sich selbst während dieser Zeit möglichst viel zu schaden, ihn sicher verwirrt hätte – aber es war nicht besser geworden, selbst als er sich Maggie anvertraute und sie fast zwei volle Tage lang mit seinen verletzten Gefühlen und seinem schmerzenden Hintern vollgeschwallt hatte.

„Geh raus, Junge. Wirf ein paar Körbe, geh Golfen, lad die Jungs ein, mit denen du in der Schule deine Zeit verbringst, diese triste Dunkelheit in deinem Zimmer kann einen ja nur niedergeschlagen machen!“

Seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Schmunzeln. Sein Dad hatte Unrecht gehabt; nicht alles ließ sich dadurch lösen, das man den Hintern aus dem Sessel hochbekam, und je häufiger er die schlanke Flasche mit der farblosen, scharfen Flüssigkeit an seinem Mund angesetzt hatte, desto schmerzhafter schien ihm die Scham in sein bitteres Herz zu beißen.

Es war heftig, was soziale Ächtung in dem Alter anrichten konnte und er kam nicht umhin, sich bis heute zu einem gewissen Teil mitschuldig zu fühlen, obwohl er nicht derjenige gewesen war, der mit Fremden die Umstände einer Entjungferung besprochen und anschließend ins Lächerliche gezogen hatte.

Aber hätte er es, nicht besser wissen müssen, wenn er im Endeffekt nicht einmal überrascht gewesen war?, flüsterte die Stimme der Scham und auch nach all der Zeit konnte er nicht verhindern, dass das Unbehagen ihm die feinen Härchen in seinem Nacken zu Berge stehen ließ.

Wie kam man über so etwas hinweg? Mehr Alkohol? Drogen? Nicht-substanzielle Süchte? Hineinkriechen in sich selbst?

Er konnte sich im Vergleich glücklich schätzen, das wusste er. Er hatte recht effektive Freundschaften zu der Zeit gehabt, Leute, die die Problematik totgeschwiegen und ihn nie auf das, was mit Daniel Perret passiert war, angesprochen hatten. Und Maggie war da gewesen, in ihrer ganzen marienähnlichen Pracht, während sie ihn so versorgte, wie sie es zehn Jahre zuvor bei einem aufgeschlagenen Knie oder einer hartnäckigen Erkältung getan hatte.

Er wusste bis heute nicht, was sie seinen Eltern damals gesagt hatte – wie lange konnte es schon her sein? Zwei Jahre? – und er würde nicht deswegen nachfragen. Sie hatte zuvor schon für ihn gelogen und er erwiderte den Gefallen von Zeit zu Zeit, wenn sie kurzfristig einen Tag freimachen musste, um ihren Eltern bei den Formalitäten ihrer verlängerten Aufenthaltsgenehmigung helfen musste.

Warum zum Teufel hast du sie nie gefragt, ob du mehr für sie tun kannst als gelegentlich mit selbstgerechtem Lächeln zu lügen, du narzisstischer Dreckskerl?

Mit zusammengekniffenen Augen schüttelte er heftig den Kopf, wie um eine Fliege loszuwerden. Sein Kopf arbeitete heute wirklich gegen ihn. Woher kamen diese ganzen Erinnerungen von vergangenen Verfehlungen? Hatte er Selbsthass und -sabotage bestellt?

Seufzend versuchte Winston, seine Gedanken wieder an den Punkt zurückzuführen, an welchem er stehen geblieben war, doch der bittere Nachgeschmack von Schuld blieb. Fakt war, dass irgendetwas mit Erwachsenen zu passieren schien, wenn sie erst einmal die fünfundzwanzig überschritten hatten, und selbst seine gute, alterslose Maggie war ganz offenbar nicht vor dieser Entwicklung gefeit gewesen. Erwachsene verstanden schlichtweg nicht mehr, was für sie selbst einmal überlebenswichtig gewesen war und sie taten sich so unglaublich schwer damit, ihre eigenen Kinder zu verstehen, wenn das kritische Alter erreicht war und ihr soziales Ansehen unter Gleichaltrigen bedeutender war als die Summe an Kleingeld, die sie am Kaugummiautomat ausgeben durften.

Nicht, dass seine Eltern sich für ihn interessiert hätten, als er jünger und süßer gewesen war, geschweige denn mit ihm zusammen Kaugummi kaufen gegangen wären; wozu sonst beschäftigte man ein Kindermädchen? Doch auch sie, die Überbringerin von erkauftem Verständnis und mütterlicher Liebe, tat sich schwer damit zu verstehen, was mit ihm geschehen war, als er das vierzehnte Lebensjahr erreichte und plötzlich auf Partys ging, bei denen es harten Alkohol gab.

„Trink nichts von dem Mixzeug, cariño, davon platzt dein Schädel, hörst du?“

Wie oft hatte sie ihm wohl eine Alka Seltzer aufgelöst, nachdem er sich übergeben hatte? Und wie häufig hatte sie ihm einen feuchten Lappen auf die Stirn gelegt, wenn der Kater ihn übermannt und für mindestens einen Tag flachgelegt hatte, fast so als hätte er aus dem letzten Mal nichts, aber auch gar nichts gelernt?

Hast du bis jetzt ja auch nicht. Du hast dir einmal die Finger an einem Typen verbrannt und jetzt holst du dir eine tickende Zeitbombe ins Haus, was genau sagt das wohl über dich und deine Lernfähigkeit aus, Dummkopf?

Winston liebte Maggies flaches, ausgezerrtes Gesicht – commo un panqueque, hatte sie früher immer gesagt und unter seinem Kichern so getan, als würde sie ihren Kopf in einer Pfanne braten – und er liebte ihre kühlen, ledrig raschelnden Hände mehr als alles andere in diesem unbewohntem Haus am Ufer des Flusses, aber ihre Beziehung hatte sich so sehr verändert, dass er sich nicht einmal mehr traute, sie zu umarmen und sie andererseits nicht mehr in sein Zimmer kam, um ihm vor dem Schlafengehen den Kräutertee auf den Nachttisch zu stellen, der ihn, so hoffte sie, von den Zigaretten und ihrem minzigem Duft fernhalten sollte.  

Würde sie heute noch schweigen und ihn still umarmen, wenn er sich erst an Monty gehörig die Finger verbrannt hatte?

Oder würde sie ihm lediglich mit steinernem Gesicht die weißen Pillen reichen, die er jeden Monat verschrieben bekam und alle vier Wochen aufs Neue in der Toilette hinunterspülte, seit der elende Quacksalber von einem Hausarzt seinem Vater gesteckt hatte, dass sein Junge nicht nur von außen zart und verletzlich war, sondern auch an einer ausgewachsenen Depression litt?

Es war ausgemachter Quatsch, das mit der Depression. Es ging ihm gut, er kam klar und wusste mittlerweile, wie er mit den gelegentlichen Wellen von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in den meisten Fällen umzugehen hatte – überhaupt, woher nahm der ekelhafte Tattergreis von einem Arzt überhaupt die Kompetenz her, eine psychische Erkrankung zu diagnostizieren, wenn er kein Psychiater oder Psychotherapeut war  – aber er wusste, dass Maggie sich dennoch jeden Monat ein zweites Rezept geben ließ und die Medikamente stets irgendwo in ihren Taschen aufbewahrte.

Nur für den Fall, sagten ihre Augen, wenn er das Klappern der in ihrer Schürze versteckten Pillenverpackung mit gerunzelter Stirn bemerkte, und er würde wie immer unwillig den Kopf schütteln und sie für den Rest des Tages ignorieren.

Noch eines der Dinge, die sie nie ansprachen.

Warum hatten sie aufgehört, über Dinge zu sprechen?  

Wie auch immer. Er musste sich konzentrieren, wenn sein Rührei gelingen sollte und aus welchen Gründen auch immer wollte er unbedingt, dass es gelang.

Was für ein feiger, heuchlerischer Hurensohn er doch war.

Würde es ihm den Umgang mit dem Präzedenzfall unter seiner Dusche auf lange Sicht erleichtern, wenn er ihn nicht direkt vergiftete? Unwahrscheinlich. Würde Monty sich daran erinnern, dass er mal ein gutes Frühstück von Winston bekommen hatte, wenn er irgendwann doch ausrastete, und würde es ihn letztlich davon abhalten, ihn erneut zusammenschlagen? Noch unwahrscheinlicher. Würde er aufhören, wie ein ausgesetztes Hündchen vor sich hin zu starren und anfangen, Winston in die Augen schauen zu können, wenn er erst einmal etwas im Magen hatte? Vielleicht.

Verrückt, wie viel ein Mensch bereit war, auf sich zu nehmen, wenn ihm jemand anderes wichtig war, auch wenn seine Erfolgschancen unter einem kleinen ‚Vielleicht‘ zusammengefasst wurden, denn Winston hasste es, zu kochen. Er aß gerne und luxuriös, das stimmte, aber die Zubereitung seiner Speisen interessierte ihn nicht die Bohne. Maggie war eine ausgezeichnete Köchin, die die Uhrzeit und Zusammensetzung seiner Mahlzeiten nie hinterfragte oder seine Essgewohnheiten kritisierte, von daher hatte er nie die Notwendigkeit gesehen, die Kunst mit Pfanne und Kochtopf selbst zu erlernen.

Bis jetzt hatte er daran nie etwas gefunden.

War er tatsächlich so verwöhnt, wie es ihm immer wieder von unterschiedlichen Parteien vorgeworfen worden war?

Crêpes um zwei Uhr morgens? Warum nicht, mein Lieber? Frühstück um halb drei am Nachmittag? Na klar, Winston, in zehn Minuten fertig, willst du lieber Kaffee oder Espresso?

Warum hatte er bis jetzt nie sehen wollen, wie verdammt privilegiert er eigentlich war und warum glich es einem abstrakten, gönnerhaften Konzept, gelegentlich über die Arbeitszeiten des Küchenpersonals zu seufzen, wenn es für seine Außenwirkung gut war und ihn von seinen herrischen Eltern abhob, ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben, was es bedeutete, seinen Lebensunterhalt mit jeder weiteren, mühsamen Stunde putzen, waschen und kochen verdienen zu müssen?

Genervt begann er, seine Stirn zu massieren. Unfassbar, wie viel schwerer das Leben noch werden konnte, wenn man nicht in der Position war, sein College aussuchen zu können. Wäre er, Winston, überhaupt dazu in der Lage, mit weniger zu leben? Könnte er, wenn es darauf ankam, neben der High School jobben und Geld zurücklegen?

Vollidiot. Natürlich nicht.

Winston schnaubte. Sein Senior Year lief bis jetzt unter Berücksichtigung seiner hochgesteckten Ziele alles andere als rosig, und obwohl er den guten Willen der Lehrer auf seiner Seite hatte – er sah einfach nicht nach einem Faulenzer oder einem Aufrührer aus und wenn er anfing, in amerikanischer Geschichte über die Amtszeiten der ehemaligen Präsidenten zu reden, griff Ms. Griffin sich gelegentlich theatralisch ergriffen an die Brust – wusste er doch, dass er, aufrichtig gesprochen, nicht mehr als ein durchschnittlich begabter Blender war.

Wie waren Leute dazu in der Lage, zwischen Krawattenknoten, schrecklich ernsten Prüfungsleistungen, Collegevorbereitungsseminaren und Benefiz-Veranstaltungen noch nebenbei zu arbeiten???

Er kannte die Spielregeln, er wusste besser als jeder andere, worum es bei dem ganzen Quatsch von Collegebewerbungen, Eignungstests, SAT und Credit Points ging, und er schaffte es außerordentlich gut, den Leuten genau das Bild zu vermitteln, was sie von ihm haben wollten, aber all das brachte ihm rein gar nichts, wenn er die altbekannte, fadenscheinig gewordene Diskussion mit seinem alten Freund, der Prüfungsangst, führte, ob das Black out und der nervöse Zusammenbruch mitten in der Klausur tatsächlich sein musste. Winston hatte nie eine andere Wahl gehabt, als zu tricksen, und obwohl er alles andere als stolz darauf war, wurde er gelegentlich sehr emotional, wenn ihm ‚leichteres Spiel‘ und ‚Daddys Portemonnaie‘ als persönliche Verfehlungen vorgeworfen wurden.

„Betrüger. Heuchler. Wie kann jemand mit so vielen Privilegien darüber heulen, gelegentlich mal traurig zu sein?“

Nun ja, bis jetzt war er nie derjenige gewesen, der die Anklage diesbezüglich gegen sich selbst geführt hatte und der scharfe Schmerz in seiner Brust legte Zeugnis darüber ab, wie außerordentlich weh ihm der Gedanke tat, dass andere Jungs und Mädels in seinem Alter das Päckchen, das auf seinen schmalen Schultern ruhte, unterschätzen mochten weil er den dunkelvioletten Blouson einer Privatschule trug, zu seinem siebzehnten Geburtstag den ersten Audi spendiert bekommen und bereits minderjährig mehr überteuerten Luxuswein, Prosecco und Champagner getrunken hatte, als andere jemals aufholen konnten.

Aber: er hatte es sich nicht ausgesucht, verfickt reich und gleichzeitig ein beschissenes Wrack von einem viel zu gereiften Achtzehnjährigen zu sein.

...Gab es nicht Studien zu der Thematik, dass Depressionen das Gehirn überdurchschnittlich stark altern ließen?

Sehr zu seiner Überraschung musste Winston tatsächlich feststellen, dass es ziemlich gut tat, alles und jeden gedanklich mit dem Adjektiv ‚verfickt‘ zu belegen, und zum ersten Mal in seinem Leben verstand er, warum Menschen wie Monty so redeten, als ob sie bei ihrer Geburt schon das Vokabular eines Goldgräbers eingeflößt bekommen hatten.

Es tat verdammt nochmal gut.

Montgomery... Apropos.

Natürlich würde er es nicht verstehen. Hatte der Junge überhaupt die empathische Kompetenz, aus seinem beschissenen Leben soweit über den Tellerrand hinauszuschauen, um die Lage eines anderen Menschen nachvollziehen zu können? Konnte er verstehen, dass andere nicht unbedingt glücklich waren, selbst wenn sie seine Probleme nicht hatten und von außen betrachtet aus einer besseren Welt kamen?

War er fähig zu begreifen, dass Winston den schlauen Asiaten nicht aus reiner Faulheit dazu engagiert hatte, sein SAT zu schreiben?

Brian war seine gottverdammte Rettung gewesen, als das letzte Jahr sich dem Ende geneigt hatte und der Moment näher rückte, der darüber entschied, ob er die Familientradition weiterführen und ein paar weitere Jahren der Qual des Lernens und Geprüft-Werdens vor sich haben würde, denn obwohl sein Vater und Großvater selbstverständlich zu den Alumni Princetons zählten, handelte es sich hier um eines der wenigen Dinge, die sich nicht mit genug Moneten klären ließen.

Zur Hölle, er war verdammt nochmal erst achtzehn und wusste nicht einmal, worin er am Ehesten seinen bescheuerten Bachelor of Arts oder of Science oder of fucking bullshit machen wollte. Wozu der ganze Scheiß?

War es fair, dass er über die Aufnahme an einer der angesehensten Universitäten der Welt herumheulte, während andere Kids niemals den Geburtsstaat verließen und erst bei ihren Eltern ausziehen konnten, wenn das eigene Geld endlich für eine milbenverseuchte Bruchbude in den Vorstädten reichte?

War es fair, dass er ein depressiver, masochistischer Aufschneider-Angsthase sein musste, der eine gefährliche Schwäche für gewalttätige, an ihrer eigenen Maskulinität erstickende Jungs hatte?

Wo er gerade beim Thema war: wenn besagter Junge nicht plante, sich die Haut von den Knochen herunterkochen zu lassen, musste er bald damit fertig sein, sich den eingetrockneten Schweiß vom Körper herunter zu schrubben. Winston musste sich beeilen, auch wenn Rührei an sich gerade das Letzte war, woran er denken mochte.

Hatte er sich nicht gerade erst damit gerühmt, gut im Blenden und Betrügen zu sein?  

Es konnte nicht allzu schwer sein, oder? Eier, Milch, Salz, Pfeffer, und für die absolute Königsklasse Schnittkräuter. Was konnte schon wirklich schiefgehen?

Was zur Hölle tat er hier?

...

Was... Welches Ende sollte das Ganze hier nur nehmen?




~





Es sollte sich herausstellen, dass tatsächlich eine ganze Menge daneben gehen konnte, wenn man, wie in seinem Fall, nie auch nur ein einziges Ei aufgeschlagen hatte. Wer hatte schon wissen können, dass die Kalkschale unkontrolliert aufbrach, wenn man versuchte, sie mit der ganzen Faust zu zerdrücken, und sehr zu seinem Ärger dauerte es noch viel länger, die ungewollten Kalksplitter aus dem ganzen Gematsche zu entfernen, als das Ganze in erster Linie zu produzieren.

Schwer gestresst wusch Winston sich schließlich die klebrigen Eidotter-Hände ab und begann zu überlegen, was er wohl als nächstes mit der Misere vor sich zu tun haben würde, als er endlich – Winston hatte, um ehrlich zu sein, zunächst so getan, als hätte er die unentschiedenen Schritte auf der Treppe nicht gehört – die frischgeduschte, leicht dampfende Präsenz in seinem Rücken bemerkte und gespielt überrascht den Kopf wandte.

Erstaunlich, wie sehr das Maskenspiel ihm bereits in Fleisch und Blut übergegangen war. Bemerkte er überhaupt noch, wenn er log?

„Was, zum Teufel, versuchst du, da zu machen?“

Montgomery war unter seinem olivfarbenen Teint ziemlich grau und obwohl seine Stimme zu gepresst und sein Ton zu aggressiv war, um wahrhaftig belustigt klingen zu können, schien er angesichts der wild verteilten Eierschalen und der bunten Unordnung auf dem Küchentresen beinahe lächeln zu wollen.

Nicht lächeln; grinsen. Breit, höhnisch und mit gebleckten Zähnen, damit keiner je auf die Idee kommen konnte, dass er auch nur einen weniger harten Knochen in seinem Körper haben könnte.

Winston spürte, wie seine Wangen rot anliefen und sich seine peinliche Berührung nur verstärkte, als der unverkennbare Geruch nach frischgewaschenem Menschen zu ihm herüberzog.

Kleiner Perversling.

Es war ungeheuerlich, was allein der verschwitzte, ausgezehrte Anblick des Anderen im unfreundlichen Neonlicht eines mittelklassigen Fitnessstudios um fünf Uhr morgens mit ihm anrichten konnte, von daher war Winston nicht ganz auf die halbe Herzattacke vorbereitet, als Montgomery ihm nun frischgeduscht und mit vom heißen Wasser geröteten Wangen entgegenkam, langsam aber beharrlich wie eine zu groß geratene Katze, um schließlich mit hochgezogenen Augenbrauen den traurigen Inhalt der Rührschüssel zu begutachten.

Erschöpfung hatte sich tief in dem kantigen, stolzen Gesicht eingegraben und wenn er es sich recht überlegte, waren Montgomerys Augen zu tief eingesunken und seine Wangen zu hohl, um als wirklich gesund gelten zu können, aber Winston war sich sicher, nie einen schöneren Menschen zu Gesicht bekommen zu haben, während er die Note seines eigenen pudrigen Shampoos in den feuchten Haarstacheln einatmete und sich danach verzehrte, die wie Drahtseile gespannten Nackenmuskeln berühren zu dürfen, die unter einer dünnen Schicht von gebräunter Haut hervorstachen.

Er wusste nicht mehr, was er mit seinen Händen machen sollte, wusste nicht mehr, ob er eben ein- oder ausgeatmet hatte, und er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was er gerade mit dem Eiergemisch zu tun vorgehabt hatte, deshalb verschränkte er – in Ermanglung einer Alternative – seine taub kribbelnden Arme hinter dem Rücken und räusperte sich verhalten, um den plötzlichen Knoten in seinem Hals zu lösen.

Natürlich funktionierte es nicht.

War es zu offensichtlich, dass er sich ebenso unwohl in seiner Haut fühlte, wie Montgomery vermutlich vor nicht einmal einer ganzen Stunde?

Vollidiot. Bist du nicht derjenige, der den erwachsenen, unerschütterlichen Part mimen sollte?

„Du hast dir noch kein einziges Mal selbst ‘n Brot geschmiert, kann das sein? Muttersöhnchen?“

Winston glaubte erst, sich verhört zu haben und hatte gleichzeitig alle Hände damit voll zu tun, nicht in Ohnmacht zu fallen, als seine Schulter von einem massiven Arm gestriffen wurde.

War er gerade beleidigt worden? In seinen Ohren rauschte es und er war sich nicht ganz sicher, alles richtig verstanden zu haben, doch er wusste, dass er nie lieber geküsst und an eine Wand gepresst worden wäre als jetzt. Durfte ‚Muttersöhnchen‘ überhaupt in irgendeiner Weise erotisch klingen??

„Erdnussbutter und Brombeermarmelade.“ antwortete er irgendwann und erschrak selbst darüber, wie atemlos seine Stimme klang.

„Häh?“ Ein paar feingeschwungener Augenbrauen schossen in die Höhe.

Mein Gott, irgendetwas Fundamentales konnte nicht mit ihm stimmen, hier war der Beweis, Schwarz auf Weiß in Großbuchstaben. Wer, bitteschön, fand es anziehend, über einer Schüssel verquirlter Eier damit aufgezogen zu werden, nicht kochen zu können?

Winston räusperte sich und starrte in peinlicher Berührung auf seine eigenen Finger herunter. Zitterte er etwa? Scheiße, er brauchte eine verfluchte Zigarette, ein ganzes beschissenes Päckchen, wenn er schon dabei war.

„Vergiss es. Scheiße. Doch, ich habe mir schonmal ein Brot geschmiert. Vorzugweise mit Erdnussbutter und Brombeermarmelade. Ich mag keine Erdbeeren. Und ich kann nicht kochen. Wie man sieht.“ Fuck, was haspelte er da vor sich hin?

Sein Gehirn war ganz eindeutig durchgebrannt und je mehr er sich über das, was da wie von selbst aus seinem Mund zu kommen schien, wunderte, desto schneller rollten die Wörter über seine Lippen; kein Pardon, keine Möglichkeit zu intervenieren, keine Chance, die Überbleibsel seiner Ehre zu retten.

Hatte er etwa eine Panikattacke? Verdammt, er kannte das Gefühl, dass ihm alles wie feinkörniger Sand zwischen den Fingern davonglitt und er nichts machen konnte außer seinem Leben beim Brennen zuzuschauen, nur zu gut. Sein Atem strömte zu schnell und zu heiß durch seine Luftröhre, blähte die Lungenflügel schmerzhaft weit auf und verließ seinen Brustkorb mit einem stechenden, würgendem Gefühl.

Starb er gerade? War es das?

Nein, natürlich starb er nicht. Winston hatte genug akute Panikschübe in seinen achtzehn Jahren auf der Erde mitgemacht, um zu wissen, dass die Angst zu sterben immer mit dabei war und ihre Absicht zu schockieren nie verfehlte, aber was ihn früher drei Tage der Erholung gekostet hätte, rang ihm heute nur noch ein müdes Lächeln, einen frühmorgendlichen Drink und drei Kippen mehr als gewöhnlich ab.

Er musste sich beruhigen, Himmelherrgott nochmal. Er hatte vor Anbruch des Tages das Bett verlassen, um seinen entlaufenden Beau wiedereinzufangen, hatte viel zu viel Geld bezahlt um sich etwas länger an der Gesellschaft des Anderen erfreuen zu können, war in die Rolle eines Seelenklempners geschlüpft und hatte die Freude, sich um eine andere Person kümmern zu müssen, ausprobiert und war gnadenlos gescheitert, weil er diesmal keine Glocke nach seiner Haushälterin läuten und sich und seinen Gast nach Lust und Laune bekochen lassen konnte. Sollte das alles umsonst gewesen sein?

„Stirbst du gleich oder musst du nur kotzen?“

Es war beinahe herzallerliebst, wie besorgt Monty klang, auch wenn er einen raschen Sicherheitsabstand zu Winston eingenommen hatte und offensichtlich nicht daran dachte, etwas wirklich Hilfreiches zu tun, außer sich selbst vor möglichen Viren oder Erbrochenem zu schützen.

Arschgeige.

Winston wollte lachen, wollte sich über die offensichtliche Beschämung des Anderen lustig machen und ihm sagen, dass er die Sorgen, als schwul erkannt zu werden, nie mit bloßer Aggression kaschiert bekommen würde, aber ihm war der kalte Schweiß ausgebrochen und seine Zähne hatten zu klappern begonnen, sodass er die spöttische Antwort kaum herausbekam, die ihm durch den Kopf schoss.

Warum war er so gemein?

„Weder noch. Komm runter, Prinzessin.“ Verdammt, im Kopf hatte seine Erwiderung ohne das Kieferklappern wirklich cooler geklungen. „Ich will dich küssen und mich von dir vögeln lassen und dir – davor oder danach, das ist mir egal – etwas zu essen machen, aber ich bin wohl doch nicht ganz über den Fakt hinweg, dass du dich heimlich aus dem Staub gemacht hast obwohl alles für dich bis dahin in Ordnung schien, sogar als ich irgendwann anhänglich geworden bin,“ fuck, er redete sich in Fahrt, das würde gefährlich werden, „und ich kann nicht anders, als zu denken dass es an mir lag und ich im Schlaf irgendetwas Peinliches gemacht habe oder stinke oder hässlich bin oder was auch immer, jedenfalls habe ich gerade eine Panikattacke und kann nicht aufhören zu reden und es noch schlimmer zu machen und ich kriege keine Luft und jetzt rennst du gleich wieder weg und ich ersticke und sterbe und du bist weg und denkst dass ich komisch bin und keiner findet mich bis Montag, weil meine Haushälterin frei hat und meine Eltern erst nächste Woche wiederkommen, und ich will nicht dass Mäuse anfangen mich aufzufressen,“ das war’s, er hyperventilierte, „und es tut mir wirklich leid weil ich bis eben meine Scheiß zusammengehalten habe aber ich kann nicht mehr und ich brauche Nikotin und ich will nicht dass du den Rest deines Lebens unglücklich bist und dich selbst belügst und so tust als wärst du straight, bis du irgendwann von deinem Dad versehentlich totgeprügelt wirst und jetzt bist du sauer weil ich das gesagt habe und du jetzt weißt dass ich ein Psycho bin der nur so tut als wäre er okay aber ich kann wirklich nicht mehr und ich will auch nicht mehr und mir fällt gerade auf wie unglaublich dämlich es von mir ist dir das alles überhaupt zu erzählen weil, hey, ich bin schon von jemandem beschissen worden der mir keinen Grund gegeben hat von vornerein an seiner Moralität zu zweifeln und du hast mich zusammengeschlagen – ich weiß, ich weiß, es tut dir leid – aber woher soll ich wissen dass ich montags nicht in jedem einzelnen Kurs darauf angesprochen werde, meinen Schwarm von der Liberty nochmal erfolglos angebaggert zu haben und ich weiß, dass du vermutlich nicht weißt was sie beim letzten Mal daraus gemacht haben aber ich mache das kein zweites Mal mit und-“

Etwas in ihm schien einzurasten, als ihm wie aus dem Nichts ein kaltes Glas Wasser in die Hand gedrückt wurde und er blinzelte für einem Moment wie benommen.

Vollidiot.

Sein Körper glühte und zitterte vor Anstrengung und mit einem Mal war es so schwer, gefasst stehen zu bleiben, dass er kurz überlegte, sich einfach an den Küchentresen gelehnt zu Boden gleiten zu lassen – er traute seinen Gliedern nicht mehr und wusste, dass er sich ohne Stütze nicht hinsetzen können würde – doch dann fiel ihm das Glas in seiner Hand ein und er hielt sich stattdessen bebend an der kühlen Oberfläche fest.

Einatmen, ausatmen. So schwer konnte es nicht sein.

Er lebte nicht erst seit gestern mit der Erkrankung, nicht wahr?

Sein Herz schien bersten zu wollen und seine Wangen mussten feuerrot von dem überschüssigen, dahinrauschendem Blut in seinem Kopf sein, aber Winston merkte, wie das Pulsieren ganz gemächlich langsamer wurde und die Luftzirkulation in seinen Lungen ihren normalen Rhythmus wiederfand.

Es waren, ohne Frage, die unangenehmsten Minuten seines Lebens.

Großartig, mein Lieber. Du bist in seinen Augen gerade von der Kategorie „dünne Schwuchtel“ in den Ordner „dünne Psycho-Schwuchtel“ verlegt worden. Herzlichen Glückwunsch.

Tatsächlich rang ihm die Stimme seines beißenden inneren Saboteurs diesmal nur ein müdes, halbherziges Lächeln ab. Er musste irgendwo in der Mitte seines erschlagenden Monologs aufgehört haben, sich um den Verlauf der nächsten vierundzwanzig Stunden zu kümmern und es war beinahe schön, die typische Leere nach einem so starken Ausbruch als Gleichgültigkeit interpretieren zu können.

Vielleicht war seine Situation mit dem Präzedenzfall neben ihm doch nicht so aussichtslos, wie er im Taumel von postorgastischer Seligkeit gedacht hatte?

Tapp-tapp. Tapp-tapp.

Vielleicht konnte er die umherhuschenden Augen, die seinen Blick suchten und dabei zu häufig blinzelten, einfach ignorieren, bis der Andere verschwunden war?

Man sollte immerhin meinen, dass Montgomery die Strategie wohl vertraut war, unangenehme Gespräche auszusitzen oder herumzudrehen, wenn die Faust keine Option war; was genau hatte er selbst vor nicht einmal einer Stunde versucht?

Geh schon, Tiger. Deine Chance ist jetzt.

Tapp-tapp. Tapp-tapp.

Natürlich, natürlich, ging dieser Moment jedoch als derjenige in die Geschichte ein, in welchem Winston zum ersten Mal in seinem Leben nicht auf seinen eigenen unausgesprochenen Wunsch hin in Ruhe gelassen wurde.

Verpiss dich, ich muss meine Wunden lecken, du Arschloch.

Nein; stattdessen hatte sein Gegenüber beschlossen, auf seinen Knöcheln herumzutrommeln und ihn mit raschen Seitenblicken zu traktieren, verstohlen und nervös, und Winston konnte nicht verhindern, dass neben der Wut seiner überstrapazieren Nerven auch Teile eines schlechten Gewissens in ihm aufstiegen, dass ihn, ironischerweise, noch mehr in Rage versetzte.

Wofür sollte es sich verdammt nochmal schlecht fühlen? Seinen beinahe vollkommende Unzulänglichkeit? Der Fakt, dass er vermutlich um Einiges abgefuckter war als der durchschnittliche Emo-Teenager des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Oder dafür, dass es ihm ein Leichtes war, auf einer täglichen Basis genauso gemein wie Montgomery zu sein, auch wenn er es gewöhnlich vorzog, seine Bemerkungen für sich zu behalten und im Stillen über seine Eltern, seine Freunde, die Lehrer und die Welt im Allgemeinen herzuziehen? Verdammt, wusste der Junge überhaupt, wie gründlich Winston ihn verbal zerstören konnte, wenn er nur wollte und das gewaltsame Ende seines erbärmlichen Lebens danach in Kauf nahm?

Er war es so leid.

Es war ganz genauso wie er es gesagt hatte; Winston konnte und wollte nicht mehr. Nicht mehr kämpfen, nicht mehr der gute Kerl sein, nicht mehr herumspielen, nicht mehr lächeln und den anderen Jungen in die Arme schließen, wenn er selbst eigentlich eine Umarmung bräuchte, nicht mehr vorgeben, aus purem Licht zu bestehen und nie einen einzigen bösen Gedanken gehabt zu haben, und nicht mehr so zu tun als wäre er psychisch stabil, wenn er ganz klar genauso kaputt war wie der Halbstarke mit den Blutergüssen und Schrammen im Gesicht, der, oh Wunder, aufgehört hatte, nervtötende Geräusche zu produzieren und aus Winstons Blickfeld verschwunden war.

Wenig später das Zischen einer heißen Oberfläche, auf die etwas kaltes trifft.

Winston traute seinen Ohren nicht, schob die akustische Wahrnehmung auf den immer noch angeregten Blutfluss in seinem Kopf, wandte irgendwann – doch neugierig, als es in seinem Kopf zu brutzeln begann – den Kopf und zweifelte anschließend mehr an seinen Augen als je zuvor an irgendeinem anderen Sinnesorgan.

Montgomery sah genauso verbissen aus wie auf dem Footballfeld einige Stunden zuvor und in seinem Gesicht arbeitete es auf Hochtouren, aber er machte – Winston kniff sich unwillkürlich in den eigenen Oberschenkel – ganz offensichtlich Rührei.

Mit Pfanne und Wender.

Es war unglaublich.

Er wusste ganz offensichtlich, was er da tat, er wusste genau, wie viel Salz man nehmen musste, und obwohl die Küchenuntensilien lächerlich klein in seinen sehnigen Händen aussahen, begann es bereits nach einigen Sekunden angenehm zu duften. Nicht angebrannt, nein, ganz genau so, wie es duften sollte.

„Wow.“

Winston war, nüchtern ausgedrückt, schockiert.

„Wenn du jemals ein Wort darüber verlierst...“ Monty stieß konzentriert die Luft aus und schüttelte mit zitternden Schultern den Kopf und Winston beobachtete fasziniert, wie die Kanten des ihm abgewandten Gesichts in Sekundenschnelle klatschmohnrot wurden, als er erkannte, dass er ihm nicht einmal mehr drohen konnte.

Ein zittriges Lächeln machte sich auf seinen Lippen bereit und die seltsame Mischung aus einem Lachen und einem Schluchzen kämpfte sich an seinem Kehlkopf vorbei an die Oberfläche.

„...Warum sollte ich? Du bist gerade zum Held des Tages geworden, wenn nicht sogar des Jahrhunderts.“

„Es ist nicht schwer.“

„Nein?“

Nein.“

„Wie auch immer.“

Die Röte war Montgomery bis zu den Ohren gekrochen und Winston bemerkte unterdrückt glucksend, dass seine Kiefer wie Schleifsteine aufeinander herumzumahlen begonnen hatten, während er ein perfekt goldgelbes Omelette – ein verficktes Omelette, zum Teufel – wendete.

Er musste damit aufhören, wenn er weiterleben wollte. Was dachte er sich dabei, über die Entdeckung der ersten, nicht archetypisch-männlichen Fähigkeit des armen Kerls zu lachen, auch wenn er es nur in Überraschung und Hysterie nach seinem Ausbruch tat?

Und war es nicht perfekte Logik? Wer kochte schon für ein Kind, das so wenig wie möglich zuhause war und jede Entschuldigung mit offenen Armen empfing, eine Mahlzeit zuhause schwänzen zu können?

„Danke.“

„...Bitte.“

„Ich meine es ernst. Tut mir leid. Das sieht gut aus.“

„...Danke... bitte? Fuck, halt den Schnabel und hör auf dich zu entschuldigen, verdammt.“

„‘Tschuldigung.“

„Hör auf damit!“

Betreten schloss Winston den Mund und versuchte den Reflex, sich erneut zu entschuldigen, zu ignorieren. Er hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, aber der Tag ließ sich bis jetzt insgesamt am besten mit Was zur Hölle zusammenfassen und er hatte nicht den Schimmer einer Vorstellung, ab wann genau sie die Abzweigung genommen hatten, die alles fatal seltsam gemacht hatte.

Rührei? Ernsthaft?

Winston würde jeder Eierspeise abschwören, wenn es so weitergehen sollte.

„...Und? Hat dieses beschissen große Haus so etwas wie eine Kaffeemaschine, oder wird hier nur Kurkuma Latte mit Leinsamen getrunken?“
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