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The Things We Did

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
03.09.2019
01.05.2020
13
55.964
9
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
16.09.2019 5.350
 
Ihr Lieben,

vielen Dank und ein herzliches Hallo an die Leute, die in den Favoriteneinträgen dazu gekommen sind, und ich bedanke mich auch sehr für die Empfehlung, die einer von euch lieben Menschen dort draußen angeklickt hat (vielleicht auch versehentlich, wer weiß ^^), das bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr, dass ihr da seid um mich auf dem Weg, der noch vor uns liegt, zu begleiten.

Bis auf eine winzig kleine (haha) Anmerkung war's das auch schon erstmal, viel Spaß auf jeden Fall beim Lesen und eine wunderschöne Woche!

Anmerkungen: Die Idee, dass Montgomery im pathologischen Maße Sport betreibt, stammt von mir und ist in keiner Weise in der Serie abzusehen oder verankert. Ich gehe in diesem Teil außerdem etwas mehr auf orthorexisch anmutende Symptome seines Verhaltens ein, möchte aber auch hier betonen, dass all das meiner Fantasie entspringt. Meiner (bescheidenen) Einschätzung nach ist die Entwicklung von Kompensationsmechanismen derart sehr denkbar bei den gezeigten Ausgangsumständen, denen der porträtierte Charakter unterliegt, aber ich bitte darum, meine Diagnose hier nicht als Entschuldigung für die Verfehlungen der dargestellten Figur zu werten.
Ich möchte schildern, intensiver beleuchten und darstellen, aber keineswegs (be)werten oder neu schreiben.  
Wer mehr über derartiges erfahren möchte, kann sehr gerne nachfragen, ansonsten geben die jeweiligen Wikipedia-Artikel recht viel her.


Love, Peace and Pumphose for everybody und seid nice zu each other,

pumpkinspice~





Bruises






Ba-dumm. Ba-dumm. Ba-dumm.

„Mann, Luke, die zermatschte Nase tut mir leid, aber du weißt was er für ein Problem mit Homos hat. Wenn du ihn im Spaß `ne Schwuchtel nennst, musst du damit rechnen, dass er dir den Schädel einschlägt. Hier, ein Eispack für dich. Hat’s aufgehört zu bluten?“

Ba-dumm. Ba-dumm. Ba-dumm. War es etwa sein Herz, das da so ruhig vor sich hin schlug?

„Verdammt, das hört sich echt übel an. Was hast du gesagt, um unseren Goldjungen so aufzuregen, Scotty? ...Echt? Mann, das ist krass. Du solltest seinen Alten nicht da mitreinbringen, das weißt du... Ja... Ja aber... Nein, erst recht nicht im Scherz, Mann! Verdammt, du weißt, dass er eine kleine Pussy mit viel zu viel Kraft ist... Nein, natürlich entschuldigt das nichts, dass er... Hör zu, was hältst du davon, erst einmal `ne ordentliche Ibu zu schlucken und wir bequatschen das morgen? Ich denke mir war für den Coach aus, keine Sorge, Mann. Ja... Ja, für dich immer, Bruder. Bis morgen. Gute Nacht... Ja, dir auch.“

Ba-dumm. Ba-dumm. Ba-dumm. Er saß ordentlich in der Scheiße, Mann. Warum hatte sein Herz noch nicht begriffen, was los war?

„Hey, niemand hat die Polizei gerufen, und das muss auch keiner. Hier sind zweitausend und morgen gibt’s noch drei dazu. Wir kriegen das geklärt, meinst du nicht?“

Ba-dumm. „Hören Sie, Sir, lassen Sie uns das Ganze in Ruhe besprechen, in Ordnung? Ba-dumm. Ich bin sicher, dass Sie sich zumindest anhören wollen, was ich Ihnen anzubieten habe. Hier, nehmen Sie das Taschentuch. Haben Sie irgendwo Kühlbeutel und Verbandszeug?  Ba-dumm. Ich fürchte, es ist meine Angelegenheit, warum ich mich hier einmischen will, Sir, aber betrachten Sie es ganz einfach als ihren Glückstag.“

Monty kannte die Art von Gespräch zu Genüge, auch wenn er bei den meisten nicht einmal wirklich dabei gewesen war. Sie liefen zumindest immer so ähnlich zueinander ab, dass man mit etwas Übung auch außer Hörweite halb mitsprechen konnte: Bryce packte sein gesamtes diplomatisches Geschick aus und zückte im ärgsten Fall ein paar Geldscheine, dann war die Sache in der Regel geklärt.

Es war frappierend, wie gut er tatsächlich darin war. Montgomery hatte noch nie erlebt, dass sein jungenhaftes Lächeln und das kumpelhafte Getue ihren Zweck verfehlten und auch wenn sie es nie angesprochen hatten, schien Bryce es trotz seiner gelegentlichen finanziellen Einbußen beinahe zu genießen, ihn aus der Scheiße zu ziehen.

Vergangenheit, Vollidiot. Er HATTE es genossen, bis du es endgültig verschissen hast.

Seltsamerweise schien Winston fast genauso gut darin zu sein, Menschen zu umschmeicheln und wenn er es sich recht überlegte, überraschte das Montgomery eigentlich überhaupt nicht. Das manipulative Geschick der Beiden, welches der dunkelhaarige Junge gerade vermutlich im Umgang mit dem verdroschenen Fitnesscoach unter Beweis stellte, schien etwas mit der dreisten Unverfrorenheit zu tun zu haben, die das Aufwachsen im Reichtum mit sich brachte und auch wenn er selbst sich in der Regel nicht gerade bescheiden verhielt, bestand ein großer Verhaltensunterschied zwischen Leuten, die die Gewissheit hatten, nicht wirklich etwas verlieren zu können, und Menschen wie Bryce und Winston, die alles auf der Welt Käufliche im Zweifelsfall auch erwerben konnten.

Wie zum Teufel war es so weit gekommen, dass ein paar Rich Kids über sein erbärmliches Leben entschieden und er sich widerstandslos auf die Zuschauerränge verbannen ließ?

Wütend schüttelte er über sich selbst den Kopf, wie um eine lästige Fliege zu verscheuchen. Er musste aufhören, sich selbst zu bemitleiden und damit anfangen, den Kopf für die Dinge hinzuhalten, die er zu verantworten hatte. Er hatte gewusst was passieren würde, wenn er da drinnen die Beherrschung verlor und es war ihm egal gewesen; mehr noch, er war zu dem Schluss gekommen, dass es sowieso keinen großen Unterschied mehr machen würde und er hatte sich bewusst dafür entschieden, dem Druck in seinem Inneren nachzugeben, dem Kerl ordentlich eine reinzuhauen und anschließend die Konsequenzen zu tragen.

Er hasste doch Heuchler, nicht wahr? Was, verdammt nochmal, war dann daran so schwer, seine eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen und den Preis für seine Taten selbst zu bezahlen?

Weil du viel daher quatscht und dich im Zweifelsfall doch an die Hand nehmen lässt. Warum sonst hast du dich wie ein störrisches Kind in den scheußlich blauen und wahrscheinlich trotzdem verdammt teuren Audi setzen lassen, während ein Anderer mal wieder deine Angelegenheiten für dich klärt?

„Halt die Schnauze, Mann.“ knurrte er sich selbst zu und kam nicht umhin zu bemerken, dass seine Stimme zitterte.

Verloren. Ängstlich.

Scheiße, am liebsten hätte er sich selbst eine verpasst. Er musste lernen, dass seine Taten Konsequenzen nach sich zogen und nicht wie ein Baby anzufangen zu flennen, wenn es einen verdienten Klaps dafür bekam, seinen beschissenen Brei überall verteilt zu haben.  

Er musste nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, konnte sich nicht immer auf die paar Leute verlassen, die seinen Mist hinter ihm aufkehrten und aus irgendwelchen Gründen meinten, ihm das ersetzen zu müssen, was ihm angeblich sonst fehlte.

Verdammt, er brauchte kein beschissenes Mitleid.

„Es wird alles gut, ich kümmere mich darum. Im Handschuhfach sind Taschentücher und Desinfektionszeug, verarzte dich schonmal ein Bisschen, okay? Und lauf nicht wieder weg. Bitte.“

Er hätte beinahe laut aufgelacht. Wo sollte er denn hin in seinen regendurchnässten Sachen und mit der angeschwollenen, blutigen Faust, die in einer der nächtlichen Bullenkontrollen keine Fragen offenließ, hatte er sarkastisch fragen wollen, aber Winstons Blick hatte ihn stattdessen nur beschämt nicken lassen.

Von wegen Verantwortung für sich selbst übernehmen, du Schwächling.

Verdammter Winston mit seinen verdammten Augen und seinem verdammten Kissenabdruck im Gesicht.

Wie zur Hölle schaffte er es, wie ein halbwegs respektabler Erwachsener auszusehen, obwohl er offensichtlich gerade aus dem Bett kam, zwei unterschiedliche Schuhe anhatte und sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, seine wild abstehenden Locken irgendwie in Ordnung zu bringen?

Und wie hatte er, Montgomery, es überhaupt so verdammt schnell hinbekommen, von einem Beschützer zum nächsten zu wechseln, obwohl er eigentlich alles richtig gemacht hatte, um auch diesen auf dem schnellsten Wege zu vergraulen?

Er wollte seine schmerzhaft pochende Faust auf das Armaturenbrett donnern lassen, laut schreien, das beenden, was er im Fitnessstudio begonnen hatte, irgendetwas, aber seine aufkeimenden Pläne verwelkten rasch, als in der Nähe eine schwere Tür zufiel und sich ein Paar ungleich holpernder Schritte dem Audi näherten.

Er machte sich unwillkürlich kleiner.

Feigling, Feigling. Hast du etwa Angst vor der kleinen Tunte?

Die Autotür auf der Fahrerseite glitt beinahe geräuschlos auf, feuchte Luft strömte begierig von Draußen herein und Winston ließ sich tief seufzend und in seiner ganzen schmächtigen Glorie mit einem dumpfen Geräusch auf den hellen Ledersitz fallen. Er sah ihn nicht an, sagte nichts, sah von jeder weiteren Geste ab und Monty erwartete beinahe mit angehaltenem Atem, dass seine Tür als Nächstes geöffnet werden würde und ein paar Bullen ihn mit einrastenden Handschellen aus dem Auto herauszerren würden, aber nichts dergleichen passierte.

Lange Zeit geschah, um ehrlich zu sein, gar nichts.

Schwere Stille machte sich in dem Fahrzeug breit und als die Sekunden verrannen, realisierte Montgomery, wie die Befangenheit in der Luft anfing, seine bereits aufgeriebenen Nerven mit einer zusätzlichen Feile methodisch zu bearbeiten.

Ein falsches Wort und es wäre unmöglich, den roten Nebel purer, ungefilterter Aggression, der sich auf seine Sicht legen würde, noch länger zu aufzuhalten und zum ersten Mal in seinem Leben bekam er Angst vor dem, was er der Person neben sich antun würde, wenn sie ihn nur auf die richtige Art und Weise dort erwischte, wo es wehtat.

Hatte er etwa angefangen, vor sich selbst Angst zu haben?

Irgendwann, als er bereits leichte Erstickungsangst vom bewusst leisen Ein- und Ausatmen bekam und er jedes mögliche Szenario der nächsten fünf Minuten mit schwirrendem Kopf und erdrückender Furcht durchgegangen war, eins schlimmer als das andere, begann Winston zungenschnalzend auf dem – ebenfalls mit angeberisch hellem Leder bezogenen – Lenkrad herumzutrommeln.

Monty fluchte innerlich.

Er musste raus hier, bevor er irgendetwas Dummes tat. Er hatte Winstons Zeit und Geduld sowieso schon viel zu lange in Anspruch genommen, war letztendlich nicht mehr als ein kurzer Zeitvertreib gewesen, der viel zu schnell unangenehm geworden war. Wenn es ihm vorher nicht bewusst gewesen wäre, - und das war es verdammt noch mal gewesen – war das jetzt sein Zeichen zum Gehen, bevor die Situation ihn allen Ernstes noch verletzen konnte und er sein Versprechen, Winston nichts zu tun, doch noch brach.

Er war einmal, als die Sache mit den Kassetten losgegangen war, temperamentvoll und leicht reizbar gewesen; mittlerweile war er eine verfickte tickende Zeitbombe und er wusste es.

Er wollte aufstehen, wollte das nach minzigem Zigarettenrauch riechende Auto verlassen, die Beifahrertür zuknallen, in den brutal niederprasselnden Regen heraustreten und nicht zurückschauen, niemals wieder.

Er beabsichtigte es, ganz ehrlich, wusste, dass es das Beste von all den Dingen sein würde, die er den ganzen letzten Monat getrieben hatte, aber irgendetwas hielt ihn zurück.

„Und lauf nicht wieder weg. Bitte.“

Wie konnte er gehen, wenn Winston genau das vor nicht mehr als einer Viertelstunde zu ihm gesagt hatte, in dieser schrecklich sanften Tonlage seiner kehligen Stimme? Wie konnte er, nachdem er seiner Feigheit bereits einmal nachgegeben hatte, ein weiteres Mal den Angsthasen spielen, wenn Winston gerade was auch immer auf sich genommen hatte, um ihm irgendwie den Hintern zu retten, selbst wenn er es nur aus falschem Verantwortungsbewusstsein getan hatte?

Scheiße, er ist dir verdammt nochmal gefolgt, nachdem du dich in aller Herrgottsfrühe wie ein Dieb davongeschlichen hast, nur um zu sehen, wie du jemand anderem die Seele aus dem Leib prügelst und dein letzten Bisschen Leben weiter abfuckst. War das eine Mal etwa nicht genug, als du dich von deiner schlimmsten Seite gezeigt hast?

Wie würde er damit leben können, wenn er jetzt ging, ohne wenigstens ein kleines Bisschen Abbitte geleistet zu haben?

Die Antwort war einfach, denn er konnte es nicht. Er war ein memmenhafter, egoistischer Mistkerl, ganz ohne Zweifel, aber er war nicht per se undankbar. Wenn der Junge noch irgendetwas zu ihm zu sagen hatte, bevor er ihn verständlicherweise hinaus in den Regen schickte, dann würde Monty es sich wohl oder übel anhören, so wenig wie das auch bringen würde, um das von ihm entstandene Bild noch zu verbessern.

Koste es, was es wolle; Auch wenn die Aussicht auf die kommende Zurückweisung ihm unerwartet stark die Kehle zuschnürte und er spüren konnte, wie seine abgekauten Fingernägel sich bei dem Gedanken an das Folgende unwillkürlich in die eigenen Handballen gruben.

Die verdammte Enttäuschung in seinen Augen...

Fühlte es sich so an, einen Korb zu bekommen?

Er hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, konnte sich nicht vorstellen, wie andere in seinem Alter sich diese Scheiße ständig antun konnten – außer natürlich unter der Berücksichtigung, dass andere Jungs tatsächlich auf Titten, lange Haare und Ärsche standen, so wie es sein sollte, und sich dementsprechend nicht mit den relevanten Aspekten von Heimlichkeit, Scham und Abnormalitätsängsten herumschlagen mussten – und wusste lediglich, dass dies das erste und letzte Mal gewesen sein würde, dass er sich derart hinreißen ließ, wenn dieses unsägliche Kapitel seines beschissenen Lebens endlich über die Bühne gegangen war.

Vorausgesetzt, er fängt irgendwann mal an zu reden und lässt die Katze aus dem Sack.

Er konnte niemals wieder zulassen, dass ihn jemand so nackt und ungeschützt erwischte, das war ihm klar. Er musste die Löcher seiner Rüstung kitten, durch welche Winston sich geschickt an den Stacheln vorbei zu ihm durchgeschlängelt hatte, musste die aufgesprungene Oberfläche seiner Fassade glätten und mit zusätzlichen Widerhaken versehen, musste sich einreden, er hätte den Typen mit den schweren Augenlidern und dem breiten Lächeln und den seidigen Haarlocken nie kennengelernt. Es war zu seinem verfickten Besten und wann hatte er je eine Sache nicht gemacht, die zu seinem Vorteil war?

Es sollte nicht allzu schwer sein. Montgomery war in wenigen Dingen wirklich gut, aber im Verdrängen und Vergessen war er samt und sonders überragend.

Wie sonst sollte es möglich sein, mit dem Hurensohn von einem prügelnden Erzeuger und einer schwachen, gesichtslosen Fotze als Mutter zusammenzuleben und nicht den Verstand zu verlieren?  

Er wollte schmunzeln und diesem schlechten Witz von einem Leben zeigen, dass er immer noch derjenige war, der als Letztes lachen würde, aber es funktionierte nicht. Seine Kehle war immer noch wie zugeschnürt und das nervtötende, dumpfe Trommeln auf dem Lenkrad neben ihm wurde lauter.

Wartete Winston jetzt etwa darauf, dass er das Wort ergriff und diese beschissene Seifenopfer einleitete?

Kleiner Wichser.

Aggressiv zischend durchbrach er luftholend die schwere Stille und verschränkte die Arme vor der Brust, im selben Moment, als Winston sich ergeben mit den Augen rollend zu ihm hinwandte, den Mund öffnete und zu sprechen begann.

„Was zum Teufel willst du von mir, Winston?“,

„Die Sache ist vom Tisch, er wird keine Anzeige erstatten.“

Sie sprachen beide gleichzeitig. Er viel zu schnell, Winston mit gottgegebener Ruhe, und sie beide verstanden wahrscheinlich jeweils nur die Hälfte.

„Häh?“

Winstons Mundwinkel kräuselten sich amüsiert, als er schmunzeln musste.

„Ich sagte, die Sache ist vom Tisch. Alles gut.“

Fassungslos starrte Monty ihn bewegungslos an und kam sich kurzweilig wie ein entgleister Güterzug vor, während der junge Mann ihm gegenüber seelenruhig an seinem Rückspiegel herumfummelte und mit geheuchelter Gleichgültigkeit damit begann, seine verlegenden Haare zu glätten.

Anderen wäre der doppelte Boden in seinem Gehabe vermutlich nicht aufgefallen, aber Montgomery wusste alles über Gesten, die einen unbekümmerter und gefasster wirken ließen, als man tatsächlich war, und Winston verhielt sich eine fette Spur zu cool, um nicht wie ein geübter Schauspieler zu wirken, der sein Repertoire an gefakten Gefühlsregungen immer und immer wieder zum Besten gab.

Egal. Es war zwar reizvoll, den Anderen zu überführen und ihn auf diese Art und Weise bloßzustellen – hauptsächlich, weil es Winston überraschen und ihn selbst etwas intelligenter erscheinen lassen würde, als er tatsächlich war – aber er hatte definitiv wichtigeres zu tun, als sich nachträglich in einer verlorenen Sache noch profilieren zu wollen.

Das hättest du dir früher überlegen sollen, du Vollidiot. Was sollte dann das ganze Posen und Muskelspiel, als du wusstest, dass er dich auf dem Football-Feld fotografiert?

Ärgerlich begann er, an seiner Unterlippe herumzuknabbern. Ja, er hatte sich absolut dämlich verhalten, das wusste er, und er würde vermutlich nie verstehen, wie genau er sich alles weitere gedacht hatte, als er in Winstons Auto gestiegen war, bereitwillig wie ein kleines Kind, dem man einen Lolli versprochen hatte, aber jetzt brauchte er sein Gehirn nicht um sich selbst Vorwürfe zu machen, sondern um sich zu überlegen, wie er möglichst glatt aus der Sache wieder herauskam.

Würde Winston, verletzt wie er nach seinem Verschwinden war, doch über ihn auspacken? Und warum saß er überhaupt immer noch hier und war bis jetzt noch nicht mit Krokodilstränen und falschem Bedauern herausgeschmissen worden?

„... Wie bitte?“ bekam er irgendwann hin, mit schwerer Zunge nachzufragen, und wurde lediglich mit einem betont müden Seitenblick taxiert.

„Man kann viel erreichen, wenn man die Leute dort abholt wo sie sind, Monty.“

Verwirrt blinzelnd versuchte er das zu begreifen, was Winston offenbar versuchte, ihm auf komplizierteste Art und Weise zu verstehen zu geben, aber er konnte nicht behaupten, ganz mitzukommen. „Was zum Teufel soll das heißen?“

Er hatte alles getan, um sich auf ein herzerwärmendes Schwuchtelgespräch über Gefühle und Beziehungen und zwischenmenschliche Schwingungen und weiß-der-Geier-was-noch mit anschließender Zurückweisung vorzubereiten, und jetzt bekam er das. Ein kryptisches ‚Alles gut‘ und ein herablassendes Lächeln von der Seite.

Winston schnaubte, sah sich selbst im Spiegel dabei zu, wie er die Lippen schürzte und ganz offensichtlich immer noch dem direkten Blickkontakt mit Montgomery auswich, während seine Hände unruhig in seinem Schoß miteinander rangen.

„Ich habe viel Fantasie.“ brachte er irgendwann mit rauer Stimme hervor und unter seinem grauen Mantelärmel fiel wie beiläufig der Aufschlag eines blau-beige karierten Flanellhemdes hervor, als er seine zitternden Finger auf dem Lenkrad platzierte. „Hab ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt, den Muskelprotz verarztet und die aufgelöste Schar von Muttis davon abgehalten, uns einen Sozialarbeiter auf den Hals zu hetzen. Tja. Hat offensichtlich ziemlich gut geklappt, oder?“

In seine Ohren hatte es zu rauschen begonnen und er hörte den zweiten Teil kaum, was ein sicheres Zeichen dafür war, dass er gerade knallrot anlief.

Obwohl der Aufenthaltsort seines vergessenen Kleidungsstücks – gestohlen traf es wohl eher – gerade seine absolut letzte Sorge war, konnte Montgomery nicht verhindern, bei dem Anblick seines Hemdes an Winstons Körper peinlich berührt auf seine eigenen Hände zu starren.

Hatte er wirklich mit diesem Jungen vor so wenigen Stunden geschlafen? Zweimal sogar?

Keiner hatte ihm je erzählt, dass Sex so peinlich sein konnte.

„Hast du gehört? Es ist alles in Ordnung, du musst nicht in Ohnmacht fallen. ...Hey, zieh lieber die Beine an, du bist totenbleich. Hört du mich? Monty?“

Anscheinend war ihm das Blut nicht, wie vermutet, in den Schädel geflossen, sondern hatte die Gegenrichtung eingeschlagen. Verfluchte Scheiße, ihm war tatsächlich schwindelig.

„Okay, pass auf, hier sind Salbeibonbons, vielleicht bist du auch einfach nur unterzuckert. ...Hallo? Los, nimm schon, du machst mir Angst, wenn du bewegungslos ins Off starrst.“

Und du quatscht zu viel, wenn du nervös bist, wollte Montgomery zurückgeben, fand seine Zunge aber immer noch zu schwer und bewegungslos in seinem Mund vor, um mehr als drei Wörter am Stück zu sagen, und besann sich auf ein simples Kopfschütteln.

„Hör auf herumzunerven und nimm schon. Wie geht es deiner Hand?“

Beschissen. „War schonmal schlimmer.“ Er zuckte apathisch mit den Schultern.

Winston seufzte und ließ von seinem emsigen Getue ab, als er bemerkte, dass er ebenso gut einen Stein hätte betüddeln können, drückte ihm mit Nachdruck die Bonbonpackung in die Hand und verschränkte dann seufzend die Arme vor der Brust. Ohne dass er den Kopf drehte, wusste Monty, dass er kritisch von der Seite gemustert wurde und obwohl er sich vor dem, was als nächstes kommen würde, beschämt fürchtete, war es besser so.

Es musste besser so sein.  

Er wollte nicht geschont werden. Besser, er kam kurz und schmerzlos zum Punkt und sie hatten es endlich hinter sich, als lange herumzuzaudern und das Offensichtliche in endlose Lagen von Watte zu verpacken, bis niemand mehr wusste, was eigentlich getan und gesagt werden musste.

„Okay.“

Winston klang, als würde er gleich in den Krieg ziehen wollen, eine Vermutung, die sich in den nächsten paar Sekunden bestätigen sollte, wenn auch anders als zunächst gedacht.

„Ich denke, ich weiß einigermaßen, was gerade bei dir abgeht. Du fragst dich, warum ich dir hinterher bin, schämst dich unendlich und willst eigentlich nicht mit mir reden, oder?“

Für einen kurzen Moment war es still.

Montgomery spürte, wie ihm das Blut erneut ins kalte Gesicht schoss und diesmal war es definitiv nicht aus Peinlichkeit.

Wie konnte die kleine Schwuchtel es wagen, das was er empfand, als spöttisches ‚du schämst dich unendlich‘ abzutun?

Sein Mund war wie ausgetrocknet und seine Lippen schienen aufzureißen, als seine plötzlich neuaufflammende Wut ihn dazu durchrang, unangenehm zu zischen und nach einer halben, angespannten Ewigkeit, als Winston ihn gestikulierend zu einer Antwort aufforderte, „Du hast nicht den Schimmer einer Ahnung, Wichser.“ zu knurren.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie die markanten Augenbrauen in die Höhe schossen.

„Nein. Ich habe keine Ahnung wie es für dich ist, du hast recht.“ Winston schüttelte schulterzuckend den Kopf. „Aber ich will es verstehen. Ich habe keine Ahnung, was ich falsch gemacht habe, aber ich will es verdammt nochmal verstehen. Und ich werde dich so auf keinen Fall gehen lassen, Montgomery.“

Ruckartig wandte er den Kopf, seinen Zorn vollständig vergessen, und starrte in das tropfenförmige Paar trauriger Augen, die mit fast hypnotischer Ernsthaftigkeit auf ihn gerichtet waren. Verwirrt runzelte er die Stirn.

Wie kann jemand unter Verkennung aller Tatsachen so bescheuert und naiv sein...

Die Richtung, die das Ganze einschlug, gefiel ihm gar nicht. Winston war hinter der künstlichen Distanz verletzt und unsicher, das war nicht schwer zu erkennen, genauso wie er unbeabsichtigt  heftig zusammengezuckt war, als Monty beim Sprechen die Faust geballt hatte, aber irgendwo dazwischen brannte so etwas wie Hoffnung in seinem Gesicht und der Anblick seines verzweifelten Glaubens an das Gute in ihm tat so weh wie ein direkter Blick in die Sonne.

Verdammter Idiot.

Gequält wandte Montgomery den Blick ab. „Du machst den dümmsten Fehler deines Lebens, wenn du jetzt nicht verdammt noch mal rennst.“

Winston schüttelte mit energischem Trotz den Kopf. „Du kannst mich nicht dazu zwingen.“

„Scheiße, Mann, du hast gesehen, was ich mit dem Mistkerl da drin gemacht habe. Muss ich dir etwa nochmal eine verpassen, damit du kapierst?“

Halb lächelnd zuckte Winston mit den Schultern und die Gleichgültigkeit in der Geste machte Monty halb wahnsinnig. „Du kannst dieses Gespräch vielleicht etwas aufschieben, wenn du mir die Nase brichst, Monty, aber wenn alles ordnungsgemäß geschient ist, hast du mich wieder am Hals. Überleg es dir.“

„Was zum Teufel ist falsch mit dir, Schwuchtel? Stehst du etwa auf Schläge?“

„Langsam wirst du billig. Glaubst du echt, dass mich das verletzt?“

„Warum zum Teufel verletzt es dich nicht, Mann?“

Er hatte nicht beabsichtigt, zu schreien, aber auf der anderen Seite hatte Monty auch nicht geplant, den Jungen neben sich praktisch darum anzubetteln, ihn zurückzuweisen.

Geräuschvoll stieß er die Luft aus, versuchte sich mit zusammengekniffenen Augen zu sammeln und begann dabei, seine Hände zu kneten, obwohl seine Rechte heftig pochend protestierte und er einen stöhnenden Schmerzenslaut unterdrücken musste.

„Mann, hör zu, ich will dir nichts tun und es tut mir leid, dass ich das gerade gesagt habe. Ich weiß auch nicht, manchmal... Manchmal schalte ich einfach auf Autopilot.“ Konzentriert ballte er die Fäuste und entspannte die Finger wieder, bis er gefasst genug war, um weiterzusprechen. „Ich hätte mich vermutlich nicht einfach verpissen sollen, aber... Ich hab Panik gekriegt. Ja, ich hab Panik gekriegt und du siehst, was passieren kann, wenn ich Schiss habe.“

Er erwartete fast, dass der Junge neben ihm etwas sagen würde, da er ihn schon wieder so verdammt mitleidig von der Seite aus anstarrte, aber Winston schwieg und es blieb dabei, auch nachdem mindestens eine Minute vergangen war. Überrascht zuckten Montgomerys Augen hin und her, während er versuchte, die Stille zwischen ihnen einzuordnen. Wollte er etwa, dass er weitersprach und sich erklärte, abgesehen von den üblichen Allround-Floskeln, die er eben benutzt hatte und die nicht zu sehr in die Tiefe gingen?

Konnte er das überhaupt?

Hatte er je über das gesprochen, was in ihm vorging, bevor seine Faust ausholte?

Nein, natürlich nicht, genauso gut könntest du dich fragen, ob du vorher je einen anderen Typen geküsst hast. Die Antwort lautet ‚Nein‘ und das ist auch gut so. Du bist krank und verdorben, aber du bist wenigstens keine lauwarme Tunte; kein halbes Mädchen.

„Fuck, starr mich nicht so an!“

Gepeinigt verbarg er das Gesicht in den Händen. Er konnte nicht mehr, musste hier raus, musste sich bewegen und wieder normal fühlen, brauchte seine Jungs aus dem Team, wollte herumalbern und Zach fucking Dempsey so umarmen wie sie es immer getan hatten, bevor alles den Bach heruntergegangen war. Scheiße, wenn er sich beeilte, konnte er vielleicht noch zu Charlie und den Anderen und die letzten Reste billigen Wodka trinken, während der Großteil der Footballer längst im Rausch eingeschlafen war, er konnte wieder er selbst sein und vorpubertäre Witze machen, über Tiffany Emerson’s operierte Titten lachen und nicht darüber nachdenken, wie oft er den Auswechsel-Quarterback, der ihm verschlafen und mit strubbeligem Haar die Tür öffnen würde, schon hatte küssen wollen; Versteckt hinter der geöffneten Tür von einem der dunkelblauen Spinde oder hastig und verstohlen im Siegestaumel, während der obligatorischen Gruppenumarmung, wenn stärkere Berührungen nicht weiter auffielen und unter ‚männlichen Freudesbekundungen unter Sportlern‘ verbucht wurden .

Schwuchtel, Schwuchtel.

Er musste damit aufhören. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, als der Selbsthass ihn stärker und härter gemacht hatte, aber jetzt bekam er die Stimme in seinem Inneren, die ihn bis an seine äußersten Grenzen trieb und entscheidend dabei mitgeholfen hatte, seinen muskelbepackten Körper und die dazugehörige, testosteronsprühende Attitüde aufzubauen, nicht mehr ausgeblendet.

Fühlte es sich so an, von seinem eigenen Kopf heimgesucht zu werden?

War er jetzt etwa zum Psycho geworden, weil die Plage, mit der er schon lebte, nicht schlimm genug war? War er jetzt wie der erbärmliche Krüppel Alex Standall mit seinem Loch im Kopf oder, noch viel schlimmer, wie die dämliche Baker-Fotze, die in ihrem feuchten Grab hoffentlich schon bis zur Unkenntlichkeit verfault war?

Und fühlte Bryce etwa genau das, was in Monty gerade zu gären begann, seit er auf seinem Schuld und Sühne-Trip war und ihn, angeekelt von seiner Loyalität, verstoßen hatte??

Eine schmale Hand schlängelte sich vorsichtig an seiner Schulter hoch und kam schließlich, nachdem Montgomery erschrocken zusammengezuckt war und versucht hatte, sie wütend abzuschütteln, in seinem Nacken mit festem Griff zum Liegen. Er konnte nicht aufsehen, konnte seine Deckung nicht verlassen und für einen Moment kam er sich wie der kleine Junge vor, der immer in den Baum auf der Auffahrt geklettert war, um sich vor seinem Vater zu verstecken, nur um, und das war der hässliche Teil der Geschichte, irgendwann die Erfahrung zu machen, dass der große Mann mit dem stinkendem Atem auch mit einer halben Flasche Schnaps intus noch ziemlich gut Steine, Flaschen und Schuhe nach ihm werfen konnte.

Er kauerte sich zusammen, zog den Kopf ein und versuchte die Oberfläche zu minimieren, die Winston mit seinen kühlen Fingern berühren konnte, aber die Hand blieb dort wo sie war, erstaunlich kräftig und auf seltsame Art und Weise tröstend in ihrer stillen Zuwendung.

„Es tut mir leid. Ich habe ohne Nachzudenken gesprochen.“

Winstons Stimme war ruhig und ernsthaft und ohne dass er hinsah, wusste Montgomery, dass er diesen konzentrierten Tausend-Watt-Blick draufhatte, der seine Augen zu intensiv blendenden Glühlampen werden ließ.

Er wollte nicht ins Licht, unter keinen Umständen.

„Was zur Hölle, Mann?“ brachte er irgendwann fauchend hervor, um die gebrochene Stimme zu kaschieren, die hinter der komfortablen Dunkelheit seiner Hände nur darauf lauerte, flennend hervorzubrechen. „Was sollte dir denn bitteschön leidtun?“

Wieder dieses kleine, prustende Schnauben, zu gleichen Teilen genervt und amüsiert.

„Ich sollte dich nicht drängen. Du solltest nichts aussprechen müssen, was dir unangenehm ist, okay? Tut mir leid.“

Diesmal war es an Monty, zu prusten, obwohl es eher in einem hysterischen Lachen ausartete und er wusste, dass er kurz davor stand einen schrecklichen Fehler zu begehen, ohne sich wirklich stoppen zu können.

„Diese ganze Scheiße hier ist für mich unangenehm, okay, Mann? Was soll ich jetzt machen, hmm? Kannst du mir das vielleicht verraten? Hast du eine Ahnung, wie es ist, diesen... diesen Teil in dir zu haben, der nie weggeht, egal wie sehr du dich anstrengst? Wie ein beschissener Rotweinfleck auf dem T-Shirt, dass du jeden verfickten Tag tragen musst? Scheiße, weißt du, wie das ist?!“

Ohne es zu beabsichtigen, hatte er aufgebracht die Deckung verlassen und starrte mit zitternden Lippen direkt in die fest auf ihn gerichteten Augen. Es gab kein Zurück mehr; der Zug war abgefahren, er hatte es gesagt.

Winston blinzelte ganz langsam, erst einmal, dann zweimal, dann einmal ganz rasch und plötzlich war sein Gesicht unglaublich dicht vor seinem eigenen und Montgomery spürte den Atem des anderen an seinen aufgesprungenen Lippen, bevor er viel zu sanft geküsst wurde.

„Nein. Ich weiß es nicht,“ wurde ihm entgegen gehaucht, nachdem er zurückgezuckt war. „Und ich weiß auch nicht, was du tun sollst. Das einzige, wobei ich mir sicher bin, ist, dass dir schweinekalt sein muss und deine Hand auf meine Lederpolster blutet.“

Er wurde erneut geküsst, fester diesmal und Monty verzerrte sich regelrecht nach den Zähnen, die hinter den vollen Lippen nur darauf warteten, ihn zu beißen und seinen bereits lädierten Mund erneut zum Bluten zu bringen, aber nichts dergleichen passierte. Der Kuss war vorüber, bevor er überhaupt begonnen hatte.

„Hör zu,“ Winston atmete schwer ein und obwohl er zuvor bemerkt hatte, dass dem Anderen die Situation ebenfalls nicht gerade leicht fiel, kam ihm zum ersten Mal benommen in den Sinn, dass Winston vielleicht ebenfalls Schwierigkeiten dabei haben könnte, die richtigen Worte zu finden, um die aktuelle Lage in die Richtung zu lenken, die er einschlagen wollte. „Ich weiß, dass du gerade am liebsten weit weg willst und dir das alles zu viel ist, aber... Naja, du siehst aus, als ob man dich verprügelt hätte und du hast seit gestern Nachmittag nichts gegessen. Lass mich dich anständig verarzten und dir Frühstück machen, dann kannst du gehen, wohin auch immer du willst. Ich fahr dich sogar. Du musst mich nie wieder sehen, ich nehme keinen Kontakt zu dir auf und wir beide verlieren nie wieder ein Wort über das hier.“

Das hier?‘, wollte Montgomery verletzt nachfragen, sah aber stattdessen nur auf seine angeschwollene Rechte herab, deren Knöchel wieder einmal blutig abgeschrammt und marmoriert mit einschießenden Blutergüssen waren.

„So viele Hämatome, Monty. Du solltest aufhören, dich ständig zu prügeln und dir von mir ein Mädel besorgen lassen, dass dir die ‚richtigen‘ Blutergüsse verpasst, hmm? Willst du noch einen Whisky?“

Langsam begann er beschämt zu nicken, konnte Winston dabei nicht in die Augen blicken und widersprach nicht einmal, als ihm ein ausgepackter Salbeibonbon hingehalten und mit nach Rauch riechenden Fingern zwischen die Zähne geschoben wurde, obwohl die Sorte nicht zuckerfrei war und vermutlich alle mögliche Art von weiteren Süßungsmitteln enthielt, die er normalerweise nicht einmal in die Nähe seines Körpers ließ.

Er kam um vor Hunger, doch gelichzeitig wusste er mit frustrierender Sicherheit, dass das drängende Verlangen in ihm nach ein paar Bonbons und einem Sandwich nicht nachlassen würde.

Schwächling. Schwuchtel. Schwächlings-Schwuchtel.

Nervös leckte er sich über die Lippen und traute sich kaum, den Blick nach links zu wenden.

Er brauchte Winston, musste nackte, heiße Haut unter seinen Fingern spüren und den Geruch von Moschus und Menthol Zigaretten einatmen, um dem Hunger in seinen Eingeweiden beizukommen, und er wusste ganz genau was passieren würde, wenn er nicht sofort den Anschnallgurt löste und kopflos in die Morgendämmerung hinausstolperte.

Er wusste es. Winston wusste es. Bald wusste jeder es, wenn er sich nicht schnell wieder einkriegen und das Spiel mit dem Feuer sein lassen würde.

Monty nickte trotzdem und als ob der andere Junge es nicht gesehen hätte, fügte er noch ein schrecklich leise klingendes „Okay“ hinzu.

Okay. Er war ja sowieso schon in der Hölle.

Ein schräges Lächeln hatte sich auf Winstons Lippen ausgebreitet, als er den Motor startete und das Auto aus der Parklücke herauslenkte, und Monty brachte es nicht über sich, ihm zu sagen, dass er ein manipulativer, egoistischer Bastard mit ernstzunehmenden masochistischen Tendenzen war, so verdammt schön sah er mit seinen rotgeränderten Augen und dem stilsicheren Outfit einer zu großen Jogginghose, dem geklauten Flanellhemd, einem teuer aussehenden Wollmantel und den nicht zueinander passenden Schuhen – Budapester Lochmuster und Nike Airs – im kalten Licht der fortschreitenden Dämmerung aus.

Auch wenn sein Auto immer noch angeberisch und hässlich war.

„Kleiner Wichser.“ murmelte er an zusammengepressten Lippen vorbei und versuchte alles, um das bittersüße Gefühl plötzlichen, unverdienten Glücks in seinem Inneren einzuschließen, als Winston ihm einen herablassend kurzen Seitenblick zuwarf und vielsagend mit den Augenbrauen wackelte.
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