Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Things We Did

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
03.09.2019
01.05.2020
13
55.964
9
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
01.05.2020 2.035
 
Wir haben es geschafft.

Wir sind durch. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für ein Ritt das Ganze für mich war. Vielen Dank an alle, die uns begleitet haben, mir so unglaublich liebe Reviews geschrieben haben und mich mit Favoriteneinträgen und Empfehlungen unterstützt haben.
Ich bin kein Fan von Songfics (no offense), aber falls ihr nachvollziehen wollt, was ich beim Schreiben dieses Kapitels gehört habe, dann hört euch 'Spanish Sahara' von Foals an. Ich habe mich darauf konditioniert, jedes Mal bei der ersten Zeile in Tränen auszubrechen, und ich hätte meine Blumen mit meinen Tränen gießen können, so sehr bin ich beim Schreiben zerflossen.

Warnungen: Charakterdeath. Ganz schlicht.

Ich habe kurz vor dem Posten den ersten Abschnitt einer losen Fortsetzung hochgeladen. Wer Interesse an ein paar Hintergründen und noch nicht die Schnauze von mir voll hat, kann sehr gerne bei "The Things That Were" vorbeischauen, ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen.

Liebsten Dank an euch alle. Bleibt gesund, haltet durch und seid nett zueinander.





The Things We Did




Während Monty in seiner Zelle von zwei Männern besinnungslos geschlagen und anschließend wie ein zu laut brüllendes Baby mit einem zusammengeknüllten Kissenbezug erstickt wurde, verhandelte Winston mit seinem Mathelehrer, wie er seine vergeigte Klausur vom vergangenen Freitag ausbügeln konnte, bevor seine Note für das Trimester endgültig stand. Er hatte Glück; der Mann wollte ihm und seiner Eliteuni keine Steine in den Weg legen und hatte eigentlich ein viel zu weiches Herz, um Lehrer an einer Privatoberschule sein zu können, aber sei’s drum. Er hatte seinen Willen, mal wieder, auch wenn er sich am Ende des Gespräches mehr denn je für seine geheuchelten Schleimereien verachtete.

Winston erfuhr es nicht, bis das Evergreen County Police Departement zwei Tage später offiziell die Untersuchen bezüglich des Mords an Bryce Walker für abgeschlossen erklärte, Clay Jensen überraschenderweise aus der Untersuchungshaft entlassen war und es ein Schnappschuss von Monty aus dem Sophomore Year auf jede Titelseite im ganzen Distrikt geschafft hatte.

Überraschende Wende im Walker-Fall – Täter aus Freundeskreis lautete die Schlagzeile im Register und Winston verschüttete seinen Kaffee bei dem Versuch, die Zeitung vor seiner Mutter in die Hände zu bekommen.

Er scheiterte, natürlich. Seine Mum war eine Elster auf Diamantenraubzug, wenn es um Skandale und Tratsch ging, und manchmal dachte er bitter, dass allein der Tod des Walker-Erbens ihr die Energie gegeben hatte, sich frühzeitig aus ihrem Klinikaufenthalt in Genf zu verabschieden und die Rückreise anzutreten.

Winston verharrte einen Moment, während sein Herz viel zu hektisch in seiner Brust vor sich hin schlug und ihm das Blut ins Gesicht schoss. Das gräuliche Zeitungspapier hatte die Flecken seines Milchkaffees fast gänzlich absorbiert und sich wie ein Schwamm vollgesogen, sodass seine Mum die Seiten mit missbilligend spitzen Fingern auseinanderziehen musste, um den ganzen Artikel lesen zu können. Ihre rot lackierten Krallen richteten dabei mehr Schaden als Nutzen an und Winston sah mit in den Ohren rauschendem Blut dabei zu, wie die feuchten Papierfasern der Titelseite nachgaben und auseinanderrissen, einmal mitten durch das schrecklich junge, sommersprossige Gesicht, dass in reißerischer Journalistengier auf die doppelten Maße des Originalfotos vergrößert worden war.

Vermutlich ein Jahrbuchfoto vom Footballtraining.

Ihm drohte, schlecht zu werden und Winston wandte sich ab, der kalte Schweiß auf der Stirn. Irgendetwas ist hier gehörig schief gegangen, war alles, was er denken konnte, immer und immer wieder, und wie von selbst stolperten seine Beine die Treppe hoch, um ihn so schnell wie möglich in die schützende Stille seines Zimmers zurückzubringen, so, als könnte ihm dort nichts passieren.

Auf halbem Wege wurde der Druck in ihm schließlich zu groß. Wie konnte er jetzt an weglaufen denken, verfluchte Scheiße? Schuldbewusst hielt er inne – verdammt, es passte so beschissen gut zu ihm, dass es ihm selbst gar nicht mehr auffiel – und fischte schließlich mit ängstlich pochendem Herzen sein Handy aus der Hosentasche, entsperrte es und überflog mit zitternden Fingern die aktuellen Nachrichten des Bezirks.

Hatte er sich geirrt??...

Träumte er etwa schon wieder?

Die Situation passte jedenfalls ohne weiteres zu den entsetzlichen Alptraumszenarien, die ihn die letzten Tage das eigene Bett fürchten ließen und ihn schweißgebadet und wild atmend aus dem Schlaf hochschrecken ließen.

Schön wär’s. Die Schlagzeile war auch auf der Website der Zeitung immer noch die Gleiche, auch wenn sie sich die Mühe gemacht hatten, einen Untertitel einzufügen, der Winston zum Hinsetzen auf die Treppenstufen zwang.    

Ehemaliger Teamkamerad des Opfers als schuldig befunden – Schüler ebenfalls als tot bestätigt

Um Winston herum drehte sich alles, während er sich dazu zwang, den Artikel in Windeseile zu überfliegen. An sich gab er nicht viel her – eine Aufzählung ihrer gemeinsamen Sportteams, die Erwähnung eines angeblichen Zerwürfnisses, ‚zahlreiche Indizien und Beweise‘, die allerdings nicht weiter konkretisiert wurden, ein widerrufenes Alibi – zum Teufel, wenn Winston sich bemüht hätte, hätte er auf Anhieb drei Rechtschreibfehler finden können – und dann der Tiefschlag in den letzten zwei Sätzen, fast als wäre es nicht weiter der Rede wert:

‚Die Polizei bestätigte am frühen Morgen, dass der Achtzehnjährige bereits am Donnerstag tot in seiner Unterbringung in Untersuchungshaft aufgefunden wurde. Weitere Details sind nach letztem Stand noch nicht bekannt.‘ (L.M.)

Winston überflog den Absatz immer wieder, suchte nach einer versteckten Bedeutung, wrang den Sinn aus den Lettern, las die Worte in ihrer simplen Abfolge, bis die Tinte vor seinen Augen verschwamm und sich die Buchstaben als groteske Keilgebilde auf seiner Netzhaut eingebrannt hatten, während er nach Luft rang.

Hatte Monty sich so gefühlt, als alle Welt herumposaunt hatte, dass Bryce Walker tot war und es sich verdammt nochmal nicht ändern ließe, auch wenn er sich die Hände auf die Ohren presste und die Augen fest zusammenkniff??

Es konnte nicht sein. Es war zu viel, es war zu grausam, es war der verfickte Tropfen, der das ganze verdammte Fass sprengte, und das allerschlimmste war, dass es passte. Monty war der Kandidat, bei dem es niemanden wunderte, wenn er vor seinem bescheuerten Abschluss wegstarb, er hatte es selbst gewusst, es hatte es sogar selbst mit einer Ruhe gesagt, die kein Teenager beim Gedanken an den Tod haben sollte, und es bestätigte sich mal wieder, dass die Scheiße nicht gerecht verteilt wurde.

Reflexartig tippte er die Nummer ein, die er trotz seines Versprechens, nie wieder anzurufen, auswendig gelernt hatte, damals wie ein letztes Zugeständnis an sein blutendes, selbstsüchtiges Herz.

Hatte er ernsthaft gedacht, sich zu verpissen würde irgendetwas besser machen?

Jetzt kam es ihm lächerlich vor.

Fast noch lächerlicher als die Tatsache, dass ihm der Atem in der Brust steckenblieb und er sich wie ein Greis bei einem Herzinfarkt an die Brust griff, sobald ihn eine blecherne Frauenstimme darauf hinwies, dass die gewählte Nummer nicht vergeben ist.  

Der bereits übel zugerichtete Bildschirm seines IPhones zersplitterte beim Aufprall auf das spiegelglatte Parkett an einer weiteren Ecke, nachdem seine tauben Finger es nicht weiter hatten festhalten können, und er schaute dem schmalen Gerät unbewegt hinterher, während es drei Treppenstufen hinunterglitt und schließlich auf der Rückseite liegenblieb, um mit drei neuen Spider Apps blind an die Decke zu starren.

Die gewählte Nummer ist nicht vergeben, versuchte es die automatische Auskunft noch einmal, und noch einmal und noch einmal.

Winston presste die Hände vor die Lippen und begann am ganzen Körper zu zittern.

Was zum Henker hatten Clay Jensen und Ani Achola angerichtet??


~



Sterben ist eine langwierige Sache, soll Montgomery de la Cruz nach Hannah Bakers und Bryce Walkers Tod als dritter verstorbener Teenager des Schuldistrikts innerhalb eines einzigen Jahres feststellen. Auch wenn er, während es passiert, natürlich nicht darüber nachdenkt.

Er ist nicht einmal bei Bewusstsein – wer auch immer ihn da niedergeschlagen hat, sie verstehen ihr verdammtes Handwerk, jemand mit so wenig Aufwand wie möglich außer Gefecht zu setzen, eine Tatsache, die klar gegen eine persönliche, emotionale Motivation spricht  – aber man soll meinen, dass ein kleiner Teil des Selbst bemerkt, wie das Leben aus einem herausweicht, selbst wenn das Bewusstsein auf Sparflamme läuft.

Der Teil von ihm, der irgendwie da ist, hat Angst. Seine schmerzenden Lungen verzehren sich nach Sauerstoff, senden seinem Gehirn verzweifelt das Signal, zu kämpfen, sich zu wehren, irgendetwas zu tun und dem Überlebenstrieb Folge zu leisten, aber nichts davon kommt vollständig zu ihm durch.

Außer die Angst.  

Er ist allein, mal wieder. Allein mit der Furcht, allein mit der Dunkelheit, allein während sein Körper Sauerstoff verliert, sein Herz erst rebelliert und schließlich zu stottern beginnt, und sein wacher Teil erst verzweifelt und schließlich panisch wird.

Als die Bullen ihn abgeholt haben, hat er gesagt, dass sein Leben vorbei ist. Er hat es nicht wirklich gemeint, natürlich nicht. Auch nicht, nachdem er seinen einen Anruf darauf verwendet hat, Winstons Anrufbeantworter anzuschweigen und er am liebsten geschrien hätte, das Gefühl der Ausweglosigkeit so präsent in seiner Brust, dass er seinethalben auch hätte tot sein können.

Aber sterben ist eine langwierige, mühsame Sache. Es dauert.

Hannah Baker ist ausgeblutet. Es muss grausig ausgesehen haben, denn wenn die Vene erstmal offen ist, läuft und läuft und läuft es, aber trotzdem dauert es immer noch, bis der Blutverlust zur Ohnmacht führt und sie nach all dem Schmerz, der Angst und dem Bereuen friedlich in Richtung des Abgrunds weggetrieben ist, um nie wiederzukommen.

Bryce ist ersoffen. Seine Lungen haben sich in dem verzweifelten Versuch, zu atmen, mit Wasser gefüllt, bis der Sauerstoffmangel sein Herz zum Flimmern und schließlich zum Stillstand gebracht hat. Mit seinen gebrochenen Knochen muss es relativ schnell gegangen sein. Er hatte keine Chance, sich selbst über Wasser zu halten, und wenn die Lungenflügel erstmal voll sind, ist alles einigermaßen ausgestanden.

Monty braucht seine Zeit. Obwohl er nicht bei vollem Bewusstsein ist und keine Gegenwehr außer unkoordiniertem Zucken leisten kann, hängt er ellenlang in einem Zwischenstadium, in welchem sein Körper schreit, die Panik ihn an den Rand des Wahnsinns treibt, lose Assoziationen an seinem Bewusstsein vorbeitreiben und der nackte Überlebenswille stetig nachlässt, bis es seinethalben nur noch vorbei sein soll.

Die Blutgefäße in seinen zitternden Augenlidern platzen.

Frieden, bettelt eine kleine Stimme wimmernd in ihm.

Sein Gesicht schwillt an. Ihm ist seltsam warm.

Mum, ich hab Angst!

Bryce geistert vor seinem inneren Auge vorbei und Montys Körper scheint zu platzen, aufzureißen, sein Inneres nach außen spritzen zu lassen. Sein Kreislaufsystem kollabiert.

Warte! möchte er dem sich entfernenden Schatten seines besten Freundes hinterherrufen, aber es ist zu spät.

Dann ist Tyler da, anklagend, gebrochen und so kurz davor, sich selbst zu vergessen, die gierigen Finger von seinem Aufsichtslehrer streichen über seinen Körper, seine Schwester starrt mit glasigen Crackaugen auf ihn herunter und Scott schubst ihn mit großer Geste an die Spindreihe, grinsend und lachend und sich auf seine Kosten amüsierend, aber es ist in Ordnung. Bei ihm war es immer in Ordnung. Als nächstes ist da sein Dad, die Verachtung tief ins Gesicht geschnitten, und seine Mum, blass, hilflos und von erstickten Schluchzern geschüttelt, so wie es eigentlich immer mit ihr war. Justins schiefes Grinsen kommt ihm in den Sinn, ganz kurz, Zachs an Komik grenzende Unbeholfenheit und seine rot glühenden Wangen, wenn sie ihn wieder aufziehen; der Winter Formal Ball; Courtney Crimsen mit ihrem glitzerndem Kleid und einem Reif in ihrem Haar.

Sie bleiben nicht. Kaum richtet er die Aufmerksamkeit auf eine der auftauchenden Personen, schon ist sie wieder weg und er ist wieder alleine.

Lasst mich nicht hier, möchte er bitten, ganz kleinlaut, aber ihm fehlt die Luft. Sie verschwinden, einer nach dem anderen.  

Es wird dunkel. Der Vorhang schließt sich.

Winstons blasse Finger greifen nach ihm. Er fühlt den Luftzug, hört das Summen der sich verschiebenden Moleküle und blinzelt angestrengt zu den tropfenförmigen Augen hinauf, die blind in der Dunkelheit nach ihm suchen –

Ich bin hier!

– dann ist es zu spät. Die Sog der Schwärze wird unaushaltbar und er treibt davon, dämmert hinweg, verschwindet im Nichts, und ist währenddessen zum ersten Mal seit der Zeit im Mutterleib von seelenruhiger Gleichgültigkeit erfüllt.

Was passiert, passiert. Keine Chance, einzugreifen, zu kämpfen, zu verändern.  

Der Muskeltonus seines Körpers nimmt ab, nachdem sein Herz eine schrecklich lange Weile still ist, und seine Gliedmaßen verschmilzen mit dem Boden, während die Wärme aus ihm herauszusickern beginnt, der kleine Rest Flüssigkeit aus seiner Blase sich zwischen seinen Beinen ergießt und der zusammengeknüllte Kissenbezug langsam, ganz langsam von seinem aufgedunsenen Gesicht entfernt wird.

Monty ist fort. Es ist vorbei.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast