Im Meer der Stille

von ViJay
GeschichteAllgemein / P12
Jonathan Archer
02.09.2019
02.09.2019
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Moin.
Dies ist eine kleine, möglichst chronologische, Kurzgeschichtensammlung, die ich eigentlich schon Ende Juli wegen des 50. Jubiläums der Mondlandung veröffentlichen wollte. Da mein Computer kaputt ging und wegen vielen anderen Sachen, hat es leider ein wenig länger unfreiwillig auf Eis gelegen.

Ein großer Dank gilt meiner Betaleserin Xella Sky!

Viel Spaß beim Lesen!



Wir haben den Mond als Ziel gewählt, nicht weil es leicht zu erreichen ist, sondern gerade, weil es schwierig ist.
(John F. Kennedy)



Jonathan Archer

Bozeman, Montana, 2119, Warp-5-Komplex

Jonathan wusste nicht, wie er sich fühlen sollte. Einerseits war er aufgeregt, und andererseits war er enttäuscht. Er hatte lange betteln müssen, damit sein Vater ihn hierhin mitnahm und er hatte auch unglaublich viel erlebt, aber gerade war alles irgendwie blöd.
Sein Vater war bei einem Anruf und keiner der Erwachsenen schien sich mehr für ihn zu interessieren. Er hatte Cochrane kennengelernt, aber der war nicht mehr da. Alle anderen hatten plötzlich auch unglaublich viel zu tun und gingen weg. Vielleicht sollte er auch gehen? Immerhin musste er grade wirklich dringend mal für kleine Jungs.
Vorsichtig schaute der Siebenjährige ins Büro seines Vaters. Der stand mit dem Rücken zu ihm und schien mitten bei einem wichtigen Gespräch zu sein. Jon hatte keine Lust ihm zuzuhören, und schlich sich auf den Flur. Von überall gingen Türen ab und durch eingelassene Fenster konnte er manchmal in die dahinterliegenden Büros schauen. Die meisten waren noch vollkommen leer oder wurden gerade erst eingerichtet. Alles roch nach frisch gestrichener Farbe. Der Warp-5-Komplex war noch völlig neu und Jon konnte die Aufregung spüren, die ihm im Magen kribbelte.
Jonathan ging weiter, nahm ein paar Abzweigungen, aber er konnte immer noch nur Büros entdecken. Mussten diese Menschen denn nie aufs Klo? Kurz musste er sich fragen, ob die Spitzohren ihre Notdurft verrichten mussten.
Als er um die nächste Ecke bog, blieb er wie angewurzelt stehen und alle Gedanken an Toilettengänge welcher Art auch immer waren aus seinem Kopf gefegt. Auf der linken Seite des Flurs war eine riesengroße Glasscheibe eingelassen worden. Er musste sich ein wenig strecken, um hindurch zu sehen, aber dahinter war „das Labor“. Zumindest nannte sein Vater es immer so. Es war der Ort, an dem der zukünftige Antrieb gebaut werden sollte und er war vollständig menschenleer. Jon konnte sein Glück kaum fassen.
Er rannte fast durch die Zwischentür in einen Vorraum und entdeckte die Anzüge, die für den Raum dahinter konzipiert worden waren. Natürlich, das Labor musste keimfrei bleiben und ein Teil wurde schon hier im künstlichen Vakuum gebaut, um zu testen, ob man ein warpfähiges Raumschiff auch vollständig im Erdorbit bauen konnte. Ein aufregender Gedanke, aber Jons Freude wandelte sich schnell in Enttäuschung. Eifrig hatte er alles übergezogen, aber er passte einfach nicht. Natürlich nicht. Er war sieben Jahre alt und der Anzug war für einen Erwachsenen konstruiert worden. Ihm kamen Frustrationstränen, die er schnell wegwischte. Immerhin hatte er noch nicht den Helm aufgesetzt.
„Schon okay. Für Tränen braucht man sich nicht schämen.“, hörte er eine Stimme und Jonathan sah auf. Vor ihm stand ausgerechnet Zefram Cochrane und er spürte wie er rot wurde. Schnell stand er auf und merkte, dass er noch den viel zu großen Anzug trug. Jon wurde noch viel röter und stammelte etwas davon, dass er die Toilette gesucht hatte. Dann verstummte er lieber.
Cochrane brummte nur etwas, das sich nach: „Die hab ich auch mal gesucht.“, anhörte, aber Jon war sich nicht ganz sicher, was er damit gemeint hatte.
„Entschuldige dich nicht.“ „Sir?“
„Weißt du was das Bild neben der Tür dort darstellt?“
Jonathan schaute auf das Bild, dass neben der Tür zum Labor in die Wand eingelassen worden war. Ein Adler und ein rotweißblaues Schild auf grauem Grund. Davor befand sich ein gelber Vektor und auf dem blauen Rand waren sechzehn Sterne und die Namen Young, Mattingly und Duke zu sehen.
„Die Plakette von Apollo 16. Die zehnte bemannte Mission des Apolloprogramms und die fünfte Landung auf dem Mond. April 1972.“
„Wusstest du, dass die Astronauten die Plakette entworfen haben?“ Jon schüttelte den Kopf.
„Na, an Fantasie haben sie sich nicht grade überschlagen. Worauf ich eigentlich hinauswill – Die Plakette ist hier, weil John Young und Charles Duke genau wie du waren. Voller Freude und Aufregung. Guter Aufregung. Die beiden waren nur am Rumschreien und am Witze machen. Haben sich bewegt, und zwar absichtlich lustig, einfach aus einer Freude heraus, etwas Unglaubliches zu tun. Die Tonaufnahmen kannst du dir bestimmt irgendwo anhören. Nachdem sie drei Tage auf dem Mond waren, haben sie darum gebettelt noch zwei Stunden länger dableiben zu dürfen. Das hätten sie nämlich noch zeitlich gekonnt, aber die NASA blieb da hart. Also, worauf ich hinauswill – die beiden waren so dermaßen ekstatisch- Weißt du was das bedeutet? Ekstase ist so etwas wie Freude, nur viel toller. Ich möchte, dass du sie nie vergisst. Die Ekstase des ersten Mals, des ersten Flugs, des ersten Schritts ist wunderbar. Auch die in der Fantasie. Deshalb die Plakette. Damit die Leute hier nicht vergessen, warum sie eigentlich hier sind. Du weißt es, aber du kannst diesen Schritt nicht machen, noch nicht. Irgendwann wirst du ihn machen.“
Cochrane war schon auf dem halben Weg nach draußen, als er über die Schultern rief: „Tu einem alten Mann einen Gefallen und pinkel in den Anzug. Niemand hält dich auf und ich hätte`nen Mordsspaß daran.“ Jon spürte wie er noch viel röter im Gesicht wurde als ohnehin schon.

Luna-Oberfläche, 2141

Der 29-jährige Jonathan Archer war stolz auf seine Leistungen. Er war dem neugeschaffenen NX-Programm beigetreten, um als Pilot einen neuen Schritt zu wagen. Nun würde er einem ehemaligen ersten Schritt nahekommen.
Zusammen mit Duvall, Gardner und Robinson zog er gerade seinen Raumanzug an. Als Teil des Trainings in der Schwerelosigkeit würden sie das Meer der Stille, den Ort der ersten Mondlandung, besuchen können. Der Commander konnte spüren, dass seine Kollegen genauso aufgeregt waren wie er. Ekstatisch. Mit einem Lächeln dachte er daran, dass ihm immerhin dieser Anzug wie angegossen passte.
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