Die Wärme eines Lächelns

von congeries
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Loki Thor
02.09.2019
02.09.2019
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Hallo zusammen!

Erst einmal vorweg: Spoiler für Thor 2, Thor 3, Infinity War und Endgame. Falls es da draußen noch jemanden gibt, der diese Meisterwerke noch nicht gesehen hat, sollte hier direkt aufhören zu lesen.

Ich konnte mich nicht damit anfreunden, auf welche Art Loki gestorben ist und noch weniger damit, dass Thor während seiner Zeitreise nach Asgard einfach an ihm vorbeigeht, ohne eine große Reaktion zum Wiedersehen zu zeigen. Darum ist dieser One-Shot entstanden. Er veränderte die Geschichte nur minimal und gibt mir - vielleicht damit auch euch - wenigstens eine kleine Erklärung dafür, wieso Loki tut, was er tut.

Mir ist vollkommen bewusst, dass die Regeln der Zeitreise in Endgame nicht so funktionieren. Allerdings gehe ich hier von der Prämisse aus, dass sich Lokis Zeitlinie in fast dieselbe Richtung entwickelt wie die aus dem MCU, die wir kennen, und dementsprechend auch dasselbe durchmacht.

Viel Spaß beim Lesen!
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Ein Schatten im Augenwinkel erhaschte seine Aufmerksamkeit.

Loki fing den Becher, den er schon unzählige Male in die Luft geworfen hatte, um sich beschäftigt zu halten. Diese ganze Affäre war lächerlich. Ein unwürdige Strafe für eine Bagatelle. Pure Schikane, mehr nicht. Odin konnte so viele Drohungen ausstoßen, wie er wollte. Es war nie mehr als das: Drohungen.

Für den Rest deines Lebens. Das sollte seine Strafe sein. Lebenslange Gefangenschaft, weil er versucht hatte, sich zu nehmen, was ihm ohnehin zustand. Eine Welt, die er regieren konnte. Ein Volk, das vor ihm kniete. Das ihn als das ansah, was er von Geburt her war: ein König. Ihm stand dieses Recht zu, egal was Odin sagte.

Sein Geburtsrecht war nicht der Tod. Sein Schicksal war es nicht, einsam in der Einöde von Jotunheim zu erfrieren. Er war der Sohn eines Königs. Er war als Sohn eines anderen Königs aufgewachsen. Das war sein Schicksal!

Nur hatte er dafür erst in den Abgrund der Welten und vor die Füße eines Chitauri und Thanos fallen müssen, damit jemand ihm eine echte Chance gab.

Loki schauderte bei der Erinnerung an den Titanen. Seine Finger verkrampften sich um das Metall des Bechers, während er die Bilder verdrängte, die drohten, vor seinem inneren Auge aufzusteigen.

Das Universum war so blind. Wenn sie wüssten, was auf sie zukam – zu was Thanos jetzt schon in der Lage war –, würden sie in ihre Höhlen kriechen und sich nie wieder ans Licht der Sonne wagen. Thanos war jetzt schon unberechenbar und so stark, das nicht einmal Thor ihn niederstrecken könnte. Der Gedanke ließ Loki lächeln. Er würde es genießen, seinen Bruder besiegt zu sehen. Ihn gebrochen auf den Boden kauern zu sehen. Ob er um Gnade betteln würde? Vermutlich nicht. Thor lebte fürs Kämpfen. Er taumelte im Rausch des Sieges, hatte jedoch keine Ahnung, wie Niederlage schmeckte.

Und diesen Ochsen wollte Odin lieber auf den Thron sehen als ihn. Thor war nicht dafür gemacht. Aber er war Odins goldener Junge. Sein einziges, leibliches Kind. Natürlich würde er den Thron bekommen, während Loki in der Zelle verrotten sollte.

Zumindest war das der Plan des alten Narrens. Er sollte es besser wissen. Keine Zelle konnte ihn auf Dauer halten. Er war der Gott der Tricks und des Schabernacks. Niemand würde ihm das nehmen. Odin nicht, Thanos nicht und schon gar nicht Thor. Seine Stunde würden kommen, eine Gelegenheit würde sich eröffnen und dann war er frei. Er musste nur warten.

Und das war das Problem. In dieser elendigen Zelle gab es nichts zu tun. Nichts, womit er seinen Geist beschäftigen konnte. Er weigerte sich die Bücher zu lesen, die Frigga ihm schickte. Es war ihr Friedensangebot und Loki war nicht bereit, es anzunehmen. Warum sollte er? Wenn ihm wirklich etwas an ihr lag, wie sie nicht müde wurde zu betonen, dann sollte sie hinter ihm stehen. Odin davon überzeugen, wie einfältig er sich benahm. Wie ungerecht diese Strafe war. Doch sie tat es nicht, weil er es nicht wert war. Er war alleine.

Wie immer.

Also gab es nichts anderes zu tun, als den Becher in die Luft zu werfen und zu warten, bis etwas passierte.

Loki glaubte, dass dieser Moment jetzt gekommen war.

Er war sicher, einen Schatten gesehen zu haben. Eine Bewegung in seinem Augenwinkel, so schnell, dass sie kaum zu greifen war. Doch als er den Kopf in Richtung Flur drehte, war dort nichts zu sehen, außer die Zellen gegenüber von ihm, die sich Tag um Tag mit mehr Gefangenen von Thors lächerlichen Streifzügen füllten. Loki wartete einen Moment. Und noch einen. Doch nichts passierte.

Mit einem kaum wahrnehmbaren Seufzen ging er wieder dazu über, den Becher in die Luft zu werfen. Vielleicht sollte er sich an einer neuen Illusion üben. Ob die Wachen sich bemühen würden, wenn sie seinen Körper blutig in der Ecke liegen sahen? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich würden sie ein Fest feiern und -

„Bruder.“

Loki hielt mitten in der Bewegung inne. Der große Ochse ließ sich dazu herab ihn zu besuchen? Das war neu. Was er wohl wollte? Was auch immer es war, Loki würde ihn zappeln lassen.

„Verschwinde“, schickte er Thor davon, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Hast du keine Welt, die es zu retten gilt?“

Darauf bekam er keine Antwort. Warum nicht? Schweigen gehörte nun wirklich nicht zu Thors besten Eigenschaften. Loki behielt seine Maske der Gleichgültigkeit bei, aber innerlich runzelte er die Stirn.

Er hörte das Scharren von Füßen und wie Thor Luft holte. Loki stellte sich innerlich auf einen langen Vortrag über Moral und Schuld und Buße ein und war voll und ganz darauf vorbereitet, genervt die Augen zu verdrehen.

Doch alles, was Thor von sich gab, war sein Name. Loki. So sanft und zerbrechlich und voller Emotionen, das es ihn wie ein Schlag in die Brust traf.

Jetzt drehte er doch den Kopf, um Thor anzusehen.

Nur war es nicht Thor, der vor seiner Zelle stand. Oder doch. Es war Thor. Nur nicht sein Thor. Nicht der Richtige.

Nun, wenn das nicht interessant war ...

Loki schmiss den Becher zur Seite, schwang die Beine über die Liege und schlenderte mit hinter dem Rücken verschränkten Händen zur Zellenwand, wo er seinen Besucher genauer betrachtete.

Als er Thor am Morgen mit den Gefangenen gesehen hatte, sah er aus wie immer: Groß, muskulös, ein schiefes Grinsen im Gesicht, das nicht nur den Frauen von Asgard die Knie weich werden ließ. Aber vor allem trug er sich wie der Krieger, der er war. Selbstbewusst, mit durchgestreckten Rücken und erhobenem Haupt.

Dieser Thor könnte nicht unterschiedlicher sein. Sein Haar war verfilzt, Krümel hingen in seinem Bart fest und statt Muskeln,schob er einen ordentlichen Bierbauch vor sich her. Am meisten irritierte Loki aber die Kleidung. Er trug keine Rüstung aus Asgard, sondern Kleidung aus Midgard – und selbst dort würde er damit keine Fashion-Show gewinnen. Der Stoff war mit Flecken übersät und Loki hatte den Verdacht, dass seine Nase keinen angenehmen Geruch wahrnehmen würde, wenn die Zellenwand nicht zwischen ihnen wäre. Irgendwas stimmte auch nicht mit seinem Auge. Eins hatte das falsche Blau. Es war nicht einmal ein lebendiges Auge.

Nein, das war eindeutig nicht der Thor von heute Morgen. Dieser hier hatte sich über einen längeren Zeitraum gehen lassen. Er war gebrochen. Vernichtet worden. Nicht mehr der goldene Junge oder der glorreiche Krieger. Eine Welle purer Genugtuung durchflutete Lokis Körper. Das – genau das – hatte er sehen wollen. Seit so vielen Jahren! Loki hatte keine Ahnung, womit er diesen freudigen Anblick verdient hatte, doch gerade kümmerte es ihn nicht.

Nur der warme Blick, mit dem Thor ihn bedachte, ruinierte seine Freude. Er blickte ihn mit solcher Euphorie an, mit solcher Zuneigung, dass Loki angeekelt einen Schritt zurücktreten wollte.

Doch er blieb, wo er war, und zwang sich zu einem gehässigen Lächeln. Er würde das hier genießen. Diesen kleinen Sieg voll und ganz auskosten.

„Du bist nicht von hier“, stellte er das Offensichtliche fest. Er neigte leicht den Kopf, konzentrierte sich auf die Aura, die jedes Lebewesen mit sich trug und die man lesen konnte wie ein offenes Buch, wenn man wusste wie. Egal was Frigga sagte, ob sie seine Mutter war oder nicht, – sie war seine Lehrerin gewesen und das eine gute. „Du bist nicht einmal von dieser Zeit, richtig?“

„Nein, bin ich nicht“, gab Thor sofort zu. „Bruder, es tut so gut, dich zu sehen.“

Loki gab ein abwertendes Geräusch von sich. „Was passiert mit dir in der Zukunft? Sieh dich an!“ Er musterte Thor offen und hielt den Abscheu nicht aus seinem Blick. „Sieht so der künftige König von Asgard aus?“

Seine Worte hatten nicht den gewünschten Effekt. Es schockierte Loki fast zu sehen, wie beschämt Thor den Blick abwandte. Nur für einen Moment, dann wischte er sich mit der Hand übers Gesicht und als er ihn wieder ansah, war ein widerlich trauriges Lächeln dort zu sehen. „Nein, mit Sicherheit nicht. Ich darf dir nichts über die Zukunft erzählen.“

„Sagt wer?“

„Die natürliche Ordnung, nehme ich an.“

Okay, das erweckte seine Neugierde. „Was tust du dann hier? Bist du gekommen, um dich erneut an meinem Elend zu ergötzen?“

Sofort schüttelte Thor den Kopf und sahn ihn aus unendlich traurigen Augen an. „Ich habe vergessen, wie sehr du mich einst gehasst hast. Wie wenig du von mir gehalten hast.“

„Das wird sich nicht ändern, Bruder.“ Er betonte das Wort mit so viel Spott, wie er konnte. „Was willst du dann?“

„Thor!“, ertönte plötzlich eine andere Stimme.

Loki folgte dem Klang und gab ein milde überraschtes Geräusch von sich, als er die Quelle entdeckte. „Ist das ein Waschbär?“, wunderte er sich laut und beobachtete das seltsame Geschöpf, das weder auf zwei Beinen laufen noch Kleidung tragen sollte – ganz zu schweigen von dem säuerlichen Blick, den er ihm zuwarf.

„Jaja, immer raus damit. Waschbär, Kannickel, Stofftier … noch irgendwelche Bezeichnungen, die ihr mir geben wollt? Ich habe einen Namen! Und ja, ich kann sprechen, also hör auf mich so anzugucken!“ Das seltsame Kerlchen stellte sich neben Thor und zupfte ungeduldig an dessen Jogginghose. „Wir haben keine Zeit dafür. Deswegen sind wir nicht hier, Kumpel.“

„Ich weiß.“ Ungeduldig winkte Thor ab. „Nur einen Moment.“

„Wir haben keine Zeit!“

„Ich weiß!“

Thor ignorierte das Fellbündel und sah ihn wieder an. An diesem Punkt war Loki einfach nur noch verwirrt. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Was er denken sollten. Welche Schlussfolgerung er daraus ziehen sollte, dass sein Bruder aussah, als hätte er sich seit Jahren nicht in die Schlacht geschmissen, obwohl kämpfen das Einzige war, was er immer wollte, und mit einem Weltraum-Waschbären herumlief. Loki war viel gereist in seinem Leben, aber so etwas hatte er noch nie gesehen. Faszinierend.

„Loki“, forderte Thor wieder seine Aufmerksamkeit. Er trat noch näher an die Zelle, hob die Hand und machte Anstalten, sie auf die Wand zu legen, ehe ihm einzufallen schien, dass sie aus purer Energie bestand und das keine gute Idee war.

Genervt seufzte Loki. „Was?“ Dieses Theater fing an ihn zu langweilen.

Mit einer Ernsthaftigkeit, die er von Thor nicht kannte, fixierte er ihn. „Ich versichere dir, Bruder. Die Sonne wird wieder für uns scheinen.“

Verwirrt hob Loki den Blick. „Wovon redest du?“

Da war es wieder. Dieses seltsam warme Lächeln, mit dem sein Thor ihn noch nie betrachtet hatte. Mit dem ihn noch nie jemand betrachtet hatte. Es ließ sein Herz schwer werden. „Du wirst es verstehen“, versicherte Thor ihm und trat ein paar Schritte zurück. Er sah aus, als wenn es ihm physische Qualen bereiten würde zu gehen. Er sah auch aus, als wenn er noch etwas sagen wollte, doch der Waschbär gab ein ungeduldiges Geräusch von sich und mit einem Ruck wandte Thor sich ab, rannte mit dem Waschbären den Flur entlang und war aus seinem Blickfeld verschwunden.

Loki starrte ihnen eine ganze Weile hinterher, in dem Versuch zu verstehen, was gerade passiert war.

Die nächsten Ereignisse ließen ihm keine Zeit dafür. Einer der Gefangenen startete einen Ausbruch und Lokis Chance auf Freiheit kam früher als gedacht.

Er wusste nur nicht, welchen Preis er dafür bezahlen musste.

Frigga – seine Mutter – zu verlieren, änderte alles. Mit einem Schlag. Loki war nicht darauf vorbereitet, wie hart ihn diese Nachrichten trafen. War das der Grund, wieso Thor sich so hängen ließ? Warum aus dem stolzen Krieger nur noch ein Schatten seiner Selbst übrig blieb? Es nahm Loki jede Freude, die er darüber verspürte, denn er fühlte denselben Schmerz. Mutter oder nicht, Friggas Verlust schmerzte ihn wie sonst nichts. Es war nicht fair. Odin hatte den Tod verdient, nicht sie.

Und es war seine Schuld. Loki war derjenige, der Algrim den Weg zum Palast wies. Hätte er gewusst … hätte er auch nur geahnt

Der Preis für seine Freiheit war hoch und doch war er bezahlt. Nicht einmal Loki konnte die Vergangenheit ändern und nach Malekith, nach dem Äther, nach Jane und Thors Abreise bekam er endlich – endlich! – was er von Herzen begehrte: seine Rache an Odin und seinen Platz auf Thron.

Mit Thor aus dem Bild und Odins geschwächten Zustand, war es eigentlich schon zu leicht, den alten Mann mit einem Zauber zu belegen und auf die Erde zu verbannen. Heimdall war natürlich ein Problem. Er sah durch seine Verkleidung, egal wie gut Lokis Magie war. Heimdalls sehende Augen waren besser. Sie hatten sich einmal von ihm täuschen lassen. Ein Fehler, den der Bewacher des Bifrosts nicht noch einmal begehen würde. Er war schlau genug zu flüchten, bevor Loki sich seiner annehmen konnte, und damit verschwand auch das letzte Problem.

Loki genoss die ersten Tage und Wochen als König. Sicher, sein Volk wusste nicht, dass er sie regierte und nicht Odin. Doch es war ein Anfang. Ein guter Start, um sein Bild in der öffentlichen Meinung zu ändern. Er ließ eine Statue von sich bauen, um seinen so ehrenhaften Tod zu würdigen, mit dem er alle an der Nase herumführte. Einfach nur,weil er wusste, wie sehr es Odin aufregen würde – und waren sie mal ehrlich: in Gold sah er einfach umwerfend aus.

Er beschäftigte sich gewissenhaft mit Regierungsgeschäften, genoss den Luxus des Königshauses, nur um zu merken, dass er diese Privilegien schon seit Kindertagen gehabt hatte. Es gab keinen einzigen Asgardier, der in Armut lebte oder hungern musste. Sie waren ein großes Volk. Ein reiches Volk. Mit Struktur und Ordnung, sodass es viel weniger zu tun gab, als gedacht.

Loki fing an sich zu langweilen.

Die Tage verschmolzen sinnlos in den nächsten, einer eintöniger als der andere. Die Leute sprachen mit Odin anders, als mit ihm. Respektvoller, aber auch weniger frei. Als Odin konnte er keine Scherze machen, keinen Ruhm für Streiche einheimsen. Jeder Tag war wie der davor und davor und davor. Er suchte Zerstreuung in der großen Bibliothek, nur um festzustellen, dass er alle Bücher schon kannte und Frigga nicht mehr hier war, mit der er über die Literatur der neun Welten sprechen konnte. Mit der er neue Zaubertricks erlernen und seine Magie verbessern konnte.

Es gab keine Familienessen mehr. Keine Streitigkeiten mit Thor. Keine Debatten mit Odin. Keine Zurechtweisungen mehr von Frigga. Jeden Abend saß er alleine an einer viel zu großen und überfüllten Tafel. Gelegentlich bekam er mitleidige Blicke der Wachen, die alle nicht für ihn bestimmt waren. Sie waren für Odin. Den Allvater, der seine Frau und seinen Ziehsohn verloren hatte, während sein anderer Sohn dem Heim fernblieb.

Loki sollte froh darüber sein. Es war alles, was er je gewollt hatte, oder nicht? Nur war er nicht froh. Er war so gelangweilt und vielleicht sogar auch so einsam wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Bis Thor wie aus dem Nichts wieder auftauchte und alles ruinierte. Loki ärgerte sich darüber, obwohl er sich über die Abwechselung freute. Es war so eine Erleichterung, seine Hülle fallen zu lassen und wieder er selbst zu sein. Vor der Welt, vor sich selbst, vor Thor. Sein Bruder würde ihm nicht lange böse sein. Konnte er nie. Er war auf Mitstreiter in seinen Abenteuern aus und dieses eine Mal war Loki mit Freuden dafür zu haben.

Zumindest dachte er das, bis ein weiteres von Odins Geheimnissen in Form von Hela ans Licht kam. Seine große Schwester. Loki hegte gemischte Gefühle ihr gegenüber. Es ärgerte ihn bis ins Innere, dass er nicht nur der zweite Anwärter auf den Thron gewesen wäre, sondern der dritte. Noch jemand, den man ihm vorgezogen hätte. Nur war Hela ihm so viel ähnlicher als Thor es je sein könnte. Ihr fehlte die Ritterlichkeit, mit der Odin und Thor sich so gerne rühmten. Sie war brutal. Sie war schlau. Sie war stark und vor allem war sie rücksichtslos. Sie nahm sich, was sie wollte, und Loki bewunderte sie dafür.

Er wollte nur nicht in ihrem Weg stehen.

Auf Sakaar zu landen war unter diesen Umständen also das Beste, was ihm passieren konnte. Sicher, es war nicht Asgard und auch nicht Midgard. Sakaar war genau genommen die Müllhalde der Galaxie, wo alles landete, was nicht gewollt war. Also war es nicht der perfekte Ort für ihn? In Asgard war er als Loki nicht erwünscht. Thor gab ihm die Schuld an Odins Tod. Hela war nicht daran interessiert, familiäre Banden zu knüpfen.

Aber auf Sakaar kannte ihn niemand. Hier konnte er von vorne  anfangen. Hier konnte er sich einen Namen machen. In der Gunst des Grandmasters steigen, bis ihm eines Tages rein zufällig ein Unfall passierte und er seinen Platz einnehmen konnte. Hier gab es ein wildes Volk zu regieren. Hier würde er sich nicht langweilen! Loki sah alles schon vor sich und konnte es kaum abwarten.

Natürlich bekam er nicht, was er wollte. Und natürlich war Thor daran Schuld. Von allen Orten in dieser von Odin verlassenen Galaxie musste dieser Ochse ausgerechnet auf Sakaar landen. Als wäre das nicht genug, tummelte sich hier auch noch das grüne Ungeheuer herum, das Loki daran erinnert hatte, dass auch Götter wie er körperliche Schmerzen erleiden konnten. Loki hasste sie beide und noch mehr hasste er, dass er gezwungen wurde, seine neue Heimat aufzugeben. Den Ort, an dem er endlich jemand hätte sein können.

Er wäre geblieben. Er wusste, er sollte bleiben. Spätestens als Thor ihn übers Ohr haute. Ihn! Den Gott des Schabernacks! Überwältigt von einem Tölpel wie Thor.

Loki war noch nie in seinem Leben so stolz gewesen.

Und noch nie so voller Scham. Thors Gedanken über ihre Beziehung zu hören, darüber, was er von Loki dachte – wirklich und ehrlich dachte – warf ihn völlig aus der Bahn. Er erinnerte sich an den Thor aus einer anderen Zeit, der vor seiner Zelle stand und ihn mit derselben Aufrichtigkeit ansah. Es war immer noch nicht sein Thor. Obwohl er so viel verloren hatte. Frigga, Odin, Jane … er war immer noch der Krieger und bereit zu kämpfen, Ragnarok aufzuhalten und sein Volk zu retten. Loki fing Angst vor der Antwort auf die Frage zu bekommen, was noch passieren musste, um Thor zu brechen.

Als Korg ihn von dem Elektroschocker befreite, hatte Loki genau zwei Optionen: sich der Revolution anschließen und ganz nebenbei den Thron ersteigen, die Führung Sakaars an sich reißen und einfach an sich zu denken. Oder nach Asgard zu fliegen und der König zu sein, den er immer sein wollte. Der Bruder zu sein, den Thor in ihm sehen wollte. Loki war gefüllt von dem Bedürfnis, sich zu beweisen. Thor zu beweisen, dass er sich irrte. Dass er sich ändern konnte. Dass er gut sein konnte.

Sein Leben lang hatte er auf Thor dafür herabgesehen, dass er nicht aus seinen Fehlern lernte und immer noch das Gute in ihm sah. Dass er ihn nicht aufgab. Doch jetzt, wo er genau das machte, ertrug Loki es nicht. Manchmal hasste er Thor, manchmal liebte er ihn wie  große Bruder und das letzte Stück kaputter Familie, das er noch hatte. Was auch immer es war, Loki traf die Erkenntnis so glasklar, als hätte ihm nach Jahrhunderten jemand die Augen geöffnet und er würde zum ersten Mal die Welt sehen: Er konnte sein Leben nicht leben ohne Thor da draußen, der an ihn glaubte und seinen vermeintlichen Tod betrauerte.

Also tat er endlich, wozu er sein Leben lang bestimmt war: er flog nach Asgard, rettete sein Volk, an der Seite seines Bruders. Kämpfte an seiner Seite und war dabei, an seiner Seite zu verlieren.

Sie verloren tatsächlich. Ihre Heimat. Ihren Planeten. Aber sie gewannen die Schlacht, sie retteten ihr Volk und wenn das nicht das beste Gefühl war, das Loki je erfahren hatte. Durch das Schiff zu marschieren, die Augen seiner Leute auf sich zu fühlen und keinen Hass darin zu spüren, sondern Dankbarkeit und Freude. Nur das Gefühl von Thors Umarmung übertrumpfte das noch. Die Genugtuung, seinen Bruder immer noch überraschen zu können. Diesmal auf positive Weise.

Zum ersten Mal verschwand der Hass und die Unruhe aus seinem Wesen. Loki freute sich nicht darauf, Midgard wiederzusehen und sich mit den Avengers und den Menschen auseinanderzusetzen, die er versucht hatte, sich zu eigen zu machen. Doch es war in Ordnung. Thor hatte Recht. Sie konnten dort ein Zuhause finden für ihr Volk. Ein neues Asgard aufbauen. Wie sie es wollten. Ihren Eltern Ehre erweisen. Loki war zuversichtlich. Er fühlte sich angekommen. Zuhause. Er vergaß den Thor vor seiner Zelle.

Bis Thanos kam und jeden Funken Hoffnung mit einem Schlag zerstörte.

Loki wusste es besser. Er kannte den verrückten Titan. Er wusste, wozu er fähig war. Wie sinnlos es war, gegen ihn zu kämpfen. Selbst ohne die Macht der Infinity-Steine war er unschlagbar. Sie kämpften trotzdem. Natürlich kämpften sie trotzdem. Denn Thor war genau das: ein Kämpfer und Loki blieb auch diesmal an seiner Seite. Sie hatten zuvor gemeinsam einen aussichtslosen Kampf gefochten und auf ihre Art gewonnen, oder? Wieso sollte es diesmal anders sein.

Nur verloren sie diesmal.

Lokis Instinkt war zu fliehen. Eine Illusion zu schaffen, Thor zu befreien und irgendwie von hier zu verschwinden. In Sicherheit. Weg von Thanos. Er sah sich auf dem Schiff um, stieg über Leichen seines Volkes, während er sich in die Schatten zurückzog und hoffte, dass man ihn einfach vergaß. Um ihn herum war nichts als Chaos, Blut und Tod. Loki wurde klar, dass sie sich davor nicht verstecken konnten. Dass Thor es nicht wollen würde, selbst wenn er könnte. Weil er mutig und stur war und … noch nicht gebrochen.

Aber es würde passieren, richtig? War es das hier? War das der Grund, wieso Thor das Ende erreichte? Wieso er nur noch ein Schatten von den Mann war, der er sein konnte? Lokis Blick huschte zu seinem Bruder. Der jetzt noch viel mehr verloren hatte als noch vor zwei Tagen. Seine Familie, seine Heimat, sein Auge, seinen Hammer und jetzt die Hälfte seines Volkes. Trotzdem war der Kampfgeist ins einem Gesicht. Trotzdem wehrte er sich gegen Thanos eisernen Griff und versuchte zu kämpfen. Thanos die Stirn zu bieten. Was konnte es sein? Was konnte Thor brechen, wenn nicht das?

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Loki zuckte zusammen. Unglaube machte sich in ihm breit, zusammen mit der Idee, die sich in seinem Kopf formte. Er sah wieder zu Thor. Konnte das sein? Konnte das wirklich der Grund sein? Und wenn ja, sollte er dann nicht erst recht versuchen, es zu verhindern, von hier zu verschwinden?

Die Antwort war klar und einfach: nein. Was auch immer passieren sollte, es würde passieren. Es war schon längst passiert. In einer anderen Zeit. Er sah Thors Gesicht vor sich, mit diesem warmen Lächeln. Mit der Sanftheit, in der er seinen Namen aussprach.

Loki versuchte das Bild abzuschütteln, einen letzten Versuch zu starten, sich selbst und alle anderen davon zu überzeugen, dass er der Schlauste war. Dass er jeden austricksen konnte. Auch Thanos!

Er scheiterte kolossal. Vor gar nicht zu langer Zeit hätte es ihm Freude bereitet, seinen Bruder unter solchen Schmerzen zu sehen. Er hätte es genossen, wie wehrlos Thor gegen Thanos war. Seine Schreie wären Musik in seinen Ohren gewesen!

Jetzt konnte Loki es kaum ertragen. Er wollte durchhalten, wollte darauf hoffen, dass Thor stärker war, doch er verlor den Kampf gegen sich selbst und gab nach. Gab zu, dass er den Tesseract gestohlen hatte.

Thors Worte, seine Enttäuschung, trafen ihn tief im Innersten. Mit dieser einen Sache hatte er sämtliches Vertrauen verloren, das sein Bruder je in ihn gehabt hatte. Loki hätte es besser wissen müssen. Er hasste dieses Gesicht, diesen Blick. Er hasste alles davon. Er wollte das Lächeln sehen, wollte die Liebe darin sehen, wollte die Zeit zurückdrehe und -

Mit einem Mal überfiel ihn eine unheimliche Ruhe. Loki wusste, was er tun musste. Wie er Thor retten konnte. Für den Moment. Er war längst über den Punkt hinaus, wo er seinen Bruder besiegt sehen wollte, aber es musste sein. Irgendwas musste ihm den Antrieb geben, in die Zeit zurückzureisen und zu tun, was auch immer er tun musste. Thor war nicht wegen ihm zurückgekommen. Er hatte eine wichtigere Aufgabe erfüllen müssen, auch wenn Loki nicht wusste, welche das war.

Er wusste nur, was er jetzt zu tun hatte.

Thanos war bald im Besitz von zwei Infinty-Steinen. Er war nicht mehr aufzuhalten. Das Universum war verdammt und nicht mehr zu retten. Aber vielleicht … vielleicht konnte er Thor retten. Mit einer unheimlichen Ruhe hob er den Tesseract als wäre er der Heilige Gral. Thanos' Blick fixierte sich gierig auf den Stein, aber Lokis Augen waren nur auf Thor gerichtet, als er langsam näher kam.

„Ich versichere dir, Bruder“, wiederholte er die Worte, die er damals gehört hatte und die auf einmal so viel Sinn ergaben. „Die Sonne wird wieder für uns scheinen.“

Das würde sie. Nicht für ihn. Nicht mehr. Loki startete einen letzten Versuch das Blatt zu wenden, dachte mit ein wenig Wehmut an Tony Stark und New York zurück, als er den Titanen daran erinnerte, dass er vielleicht nicht der Stärkste auf diesem Schiff war und in Deckung sprang, als der Hulk Angriff.

Aber Thor … Thor würde ihn wiedersehen. Es würde ihm schlecht gehen. Sehr schlecht. Er würde zerbrechen. Doch er fand neue Freunde und eine neue Aufgabe.

Ohne große Hoffnung sah er dabei zu, wie der Hulk besiegt wurde als wäre er nicht mehr als eine lästige Fliege. Wie Heimdall starb, mit seinem letzten Atemzug Bruce das Leben rettet und eine Warnung auf die Erde schickte. Vielleicht würde es was bringen. Vielleicht konnten die Avengers trotz aller Skepsis etwas gegen Thanos ausrichten könnten. Das Schicksal des Universums lag in ihrer Hand.

Thors Schicksal lag in seiner.

Loki wartete, bis Thanos auch den zweiten Stein in seinem Handschuh gebettet hatte. Er konnte die Macht fühlen, die von ihm ausging. Die kosmische Energie. Es war überwäligend und auf seine Art wunderschön.

Erst dann trat er aus dem Schatten, setzte ein Lächeln auf und spielte eine kleine Show, die jeder von ihm erwartete. Mit jedem Schritt näher zu Thanos kam er seinem eigenen Tod einen Schritt näher und trotzdem verspürte er keine Angst. Die einzige Furcht galt Thor. Er wollte nicht in dem Wissen sterben, dass sein Bruder in hasste. Oder dass er dachte, Loki würde mit Groll sterben.

Nach all den Jahren, nach all dem Schmerz war plötzlich alles so sonnenklar: Er war Loki. Prinz von Asgard. Er war ein Odinson – Thors Bruder, Odins und Friggas Sohn. Rechtmäßiger König von Jotunheim. Gott des Schabernacks.

All das war er bereit für Thors Leben einzutauschen.

Loki warf einen letzten Blick zu Thor. Er sah die Verwirrung in seinem Gesicht. Die Warnung. Aber auch das Potenzial für Verständnis. Nicht jetzt. Vielleicht auch nicht in den nächsten Tagen. Aber irgendwann würde er verstehen. Das musste reichen.

Er atmete tief durch, bevor er einen lächerlichen Angriff auf Thanos startete. Mit nicht mehr als einem Messer. Es war alles, was er noch hatte. Es reichte zur Provokation. Zu dem Antrieb, den Thanos brauchte und der ihn von Thor ablenkte.

Die eisernen Finger schlossen sich erbarmungslos um seinen Hals, drückten die Luft aus seiner Lunge. Der Schmerz war bestialisch, das Gefühl zu ersticken überwältigend. Viel schlimmer als gedacht. Loki kämpfte. Natürlich kämpfte er. Schließlich war er Thors Bruder. Doch es war aussichtslos.

Er holte ein letztes Mal Luft, presste ein letztes Mal Worte aus seinem Mund und sah Thanos ins Gesicht, während das Leben aus ihm wich. „Du … wirst nie … ein Gott sein“, prophezeite er dem verrückten Titanen, mit dem Wissen, dass er Recht hatte. Thor war ein Gott. Er würde einer sein. Er würde ihn stolz machen. Loki wusste es mit trügerischer Sicherheit.

Loki dachte an das warme Lächeln, das für ihn bestimmt sein würde und das er sich verdient hatte. Es war nicht aus Mitleid geboren. Er hatte sich dafür angestrengt. So sehr. Für ihn war es wie ein Sonnenschein.

Er wusste, dass er es wiedersehen würde. In Asgard. In einer anderen Zeit.

Es war der letzte Gedanke, der durch seinen Kopf ging, bevor Thanos seinem Leben ein Ende bereitete.
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