Angst im Amt (Fortsetzung von 'Grüne Flucht')

von Racussa
GeschichteHumor, Suspense / P12
Wesley Crusher
02.09.2019
03.09.2019
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Ein harmloser Morgen im Multiversiellen Besonderheitssecernat der Föderation; eine herzliche Chefsekretärin, die einer jungen Aushelferin die wichtigsten Dinge nahebringt. Harmlos?
„Ja, so ist das richtig! Sie machen es jetzt genau so, wie es G gefällt.“, kommentierte Zia Sun, „Und jetzt werfen Sie die Kohlen in den Schacht für heißen Abfall und machen einen letzten Durchgang. Es ist schließlich kurz vor Mittag und G wird sicher in einer halben Stunde seinen Dienst antreten. Es ist schlimm genug, dass beide seiner Sekretärinnen ausgefallen sind, aber Sie scheinen als Ersatz für deren Rekonvaleszenz auszureichen. Wie gesagt: Die Wasserpfeife muss genau vier Zentimeter von der Tischkante entfernt aufgestellt werden, mit dem Mundstück exakt auf die Ecke des Tischs ausgerichtet. Sobald G den ersten Zug genommen hat, bereiten Sie hier eine vierfache Melange zu, aber ohne Zucker und Milch, sondern mit Lindenblütensirup und einer Prise Goldstaub stattdessen. Wiederum sobald G den ersten Schluck getrunken hat, bringen Sie ihm seine pelzigen Hausschuhe, öffnen das Fenster – aber nur bis zu einem Winkel von exakt 37,5° - und holen dann aus der Hauptpoststelle die Mappe für G. Während er liest, stehen Sie genau hier.“, Sun deutete auf eine Stelle auf dem graublauen Teppich direkt vor ihnen, die schon Spuren starker Benutzung aufwies – stärker als die umliegenden Teile. „Wir nennen es unter uns den S-Punkt, denn hier steht die Sekretärin, bis er ihr Aufträge erteilt oder sie in das Vorzimmer entlässt – manchmal auch, wenn er sehr beschäftigt ist – bis ihm überhaupt auffällt, dass sie hier überhaupt noch steht und wartet. Niemals dürfen Sie sich hier hin stellen.“, erklärte Sun, ging vor das breite Panoramafenster, unter dem ein ausladendes, hüfthohes Bücherregal war, das mit echten Büchern aus Papier gefüllt war. „Denn das ist der G-Punkt. Hier steht er, wenn er zornig nachdenkt. Meist nimmt er dann eine dieser Antiquitäten, blättert darin und beruhigt sich. In dieser Phase dürfen Sie ihn auf keinen Fall ansprechen.“

Ich nickte. Möglicherweise war es eine Täuschung, aber ich meinte, selbst bei der Erzählung einen Hauch von Angstpheromonen aus dem Schweiß der Chefsekretärin herauszuriechen. Unter ihrer Aufsicht ging ich zur Wasserpfeife, die noch neben der kleinen Feuernische stand, öffnete den daneben liegenden Schacht, warf mit der eleganten, bronzenen Zange die halbverglühte Kohle in den Schacht.

Wie ich Feuer hasse!

Während ich die nächste Kohle über einer kleinen Plasmaflamme erhitzte, konnte ich erneut das Büro mustern: Ganz der Vorschrift des MBS entsprechend waren jegliche elektronischen Geräte verboten, um Abhörung und Manipulation zu verhindern. Der in den Türrahmen eingelassene Elektronismendetektor verhinderte, dass Gäste etwas Entsprechendes mitbrachten. Neben der schweren, weiß lackierten Holztür stand eine zwei Meter hohe Standuhr, die wohl mittels der in ihr hängenden Gewichte angetrieben wurde. Rechts davon folgte eine Fensterfront von vier großen Fenstern, die den Blick in den Park freigaben, der zwischen MBS und Präsidentenpalast lag und von hundsgroßen Alligatoren durchstreift wurde, die darauf abgerichtet waren, unbekannte DNS-Muster unverzüglich aufzuspüren und zu eliminieren. Für eine mögliche Flucht schied also der Weg über die Fenster und den Park aus. An die Fensterwand schloss sich die holzvertäfelte Wand, vor der der massive Schreibtisch von G stand, wie die zu observierende Person hier genannt wurde. Auf dem Tisch lagen in exakten Stapeln rote, gelbe und grüne Mappen. An der vierten Wand, der Fensterfront gegenüber, standen zwei mannshohe Spiegel und dazwischen ein klobiger Wandschrank.

Um 10 Uhr 34 betrat G das Büro. Wie Zia Sun machte ich den vorgeschriebenen Knicks und wartete.

„Wer ist das, Zia?“

„Herr, das ist Eljana Muschi Zk’zr, die Aushilfssekretärin, die für die Zeit der Regeneration von Ala und Mala hier Dienst versehen wird. Ich habe sie selbst in alle Aufgaben eingewiesen. Sie wird nur für zwei oder drei Tage hier sein.“

Riecht er nach Hund?

„Ich bevorzuge menschliche Sekretärinnen. Ist sie sorgfältig überprüft…Ach, lassen wir das, ich habe keine Zeit. Rufen Sie sofort Dr. Cwik, ich muss mit ihm sprechen. Und warum ist die Wasserpfeife nicht dort, wo sie sein soll? Haben Sie die Aushilfe nicht darüber unterrichtet, dass ich keine Veränderungen mag?“

Sun nickte: „Doch, Herr, aber…“

„Ende der Diskussion. Ich habe heute viel zu tun. Holen Sie Cwik!“

G nahm ärgerlich ein Buch aus dem Regal unter dem Fenster, schlug es auf und blickte über die Seiten hinweg auf die saftig grünen Bäume im Garten draußen. Ich legte die inzwischen glühende Kohle mit der bronzenen Zange in die Wasserpfeife, montierte den Hals und stellte das schwere Ding an die Stelle in Verlängerung der Schreibtischdiagonale, die durch eine Vertiefung im Teppich markiert war. Wahrscheinlich raucht G sehr oft Wasserpfeife, weshalb diese Spur dort zu sehen ist. Danach ging ich zurück und begann, das mit Wasser gefüllte Kupferkännchen über die Plasmaflamme zu halten. Ohne sich umzudrehen sagte G:

„Ich möchte eine vierfache Melange. Aber mit Lindenblütensirup und einer Prise Goldstaub.“

Danach drehte er sich um, stellte das Buch zurück, setzte sich an den Schreibtisch und nahm einen Zug von der Wasserpfeife.

Was für ein witziges Glucksen…nur der nach Katzenminze riechende Rauch ist ekelhaft.

Als ich das Wasser heiß genug hatte, goss ich es über einen mit Kaffeepulver – das sind zerriebene Bohnen einer irdischen Tropenpflanze – gefüllten Filter, wie Sun es mir erklärt hatte. Aus einem Keramikkrug goss ich den weißlichen Sirup so auf die schwarze Flüssigkeit, dass sich ein Schneckenmuster bildete. Mit einem bronzenen Löffelchen streute ich den in einer Keramikdose aufbewahrten Goldstaub auf die Sirupschnecke. So wie Sun es mir gezeigt hatte, legte ich nun einen stählernen Löffel von winziger Größe auf den kleinen Teller, den ich unter das Trinkgefäß zu legen hatte. Dieses Ensemble stellte ich auf den Tisch, genau an die Stelle, die Sun mir erklärt hatte. G nickte grimmig aber zustimmend.

Nachdem ich die Pezlpantoffel neben seinen Sitz gestellt hatte, wollte ich das Fenster öffnen, doch G sagte:

„Nein, das Fenster bleibt heute geschlossen. Ich muss mit C etwas besprechen, dass nicht einmal die Vöglein vor dem Fenster hören dürfen.“

Er hat schon vergessen, dass er selbst C vorhin mit seinem richtigen Namen – Dr. Cwik – angesprochen hatte. Das deutete auf eine gewisse Nervosität hin, die zu Unaufmerksamkeit führt. Das ist eine gute Chance. Ich darf jetzt nur keine Angst zeigen und muss einen Weg finden, das Gespräch zu belauschen.

„Sie können jetzt ins Hauptbüro gehen und die Post holen, aber warten Sie mit der Mappe im Vorzimmer, so lange ich mit C spreche.“

„Ja, Herr.“

Gerade als ich an der Tür ankam, wurde sie von außen geöffnet. Dr. Cwik trat ein. Auf seinem weißen Laborkittel trug er Spuren einer grünen Substanz.

„G, was willst du um diese Zeit von mir? Ich arbeite!“

„Wir müssen die Reise besprechen.“

Weil ich noch nicht aus dem Raum war, warf er mir einen bösen Blick zu, machte eine wegwerfende Handbewegung und öffnete das Kombinationsschloss einer seiner Schreibtischladen. Dann schloss ich die Tür hinter mir.

In der Poststelle des MBS gibt es zahlreiche Fächer für die einzelnen Abteilungen und Unterfächer für die jeweiligen Personen. Hochrangige Arbeiter werden mit einem Buchstaben bezeichnet, niedere mit zwei. Die Abteilungen sind mit römischen Ziffern beschriftet. Die dort zuständige Oberpostmamsel grinste mich freundlich an:

„Du bist die neue vom G? Hier, das ist sein Fach!“, sagte mir die quirlige Andorianerin, deren bodenlanger schwarzer Rock sich klar von ihrer weißen Rüschenbluse abhob. „Aber heute habe ich noch etwas ganz Besonderes, das kommt nicht oft vor: Eine Präsidentendepesche. Die musst du auf einem Silbertablett zuerst und zwar sofort zum G bringen. Hier!“
Die Andorianerin öffnete das Nummernschloss an einem Postfach und holte ein versiegeltes Pergament heraus, auf dessen Außenseite das Wappen des Föderationspräsidenten in blauem Siegelwachs prangte. Von ihrem Schreibtisch holte sie ein achteckiges Silbertablett, in dessen Mitte sie das Dokument legte. Dann gab sie mir aus dem Postfach von G eine dicke Mappe mit weiterer, auf Papier gedruckter Post.
Da die Kontrollen zu scharf und die Gefahr, mit einem Scanner entdeckt zu werden zu groß waren, konnte ich die Post zu diesem Zeitpunkt nicht lesen. Zugleich bot die Depesche die Möglichkeit, zurück ins Büro zu kommen und damit möglicherweise noch etwas von dem Gespräch mit C mitzubekommen.

Doch als ich an die Bürotüre klopfte, hörte ich nichts. Ich klopfte erneut, öffnete dann, weil ich dachte, mit der Depesche genug Legitimität für diese Befehlsübertretung zu haben. Doch das dahinterliegende Büro war leer. Da der einzige Gang direkt zur Poststelle führte, war mir klar, dass C und G das Büro durch einen anderen Ausgang verlassen haben mussten. Weil die Fenster geschlossen waren, musste es einen geheimen Ausgang geben. Nun stellte sich die Frage, ob ich eher die Post lesen, die Mappen auf dem Schreibtisch untersuchen oder die Schreibtischladen durchwühlen sollte.  a fühlte ich auf meinem Gesicht einen leisen Luftzug, der von Richtung des klobigen Schrankes auf der Seite mit den zwei Spiegeln kam.

Vorsichtig öffnete ich die Schranktüre.

O Bastet! Der ist ja voller Leichen!

Nach einem kurzen Erschrecken konnte ich erkennen, dass der Schrank mit zu Mänteln zusammengenähten Häuten pelztragender Lebewesen gefüllt war. Diese Perversion erhellt weiter, dass Humanoide von Natur aus grausam und auf das Töten von Pelztieren ausgerichtet sind. Krone des Zynismus ist dann, dass sie sich pelzige Kleidungsstücke machen, um ihre beschämende Haarlosigkeit zu verhüllen.

Sie sind doch nicht durch den Schrank gegangen?
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