Eigentor ins Licht

von Ricky VL
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
01.09.2019
24.03.2020
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Endlich kehrte etwas Ruhe ein. Die Fans aus dem Stadion hatten sich mittlerweile in alle Richtungen verzogen, auch wenn man immer noch einige von ihnen vor der Arena lauthals grölen hörte. Drago fand nun auch endlich einen Moment für sich, wollte von der ausschweifenden Feierlaune wieder auf Normaltemperatur herunterfahren. Mit seiner Umhängetasche über der Schulter geschnallt machte er sich alleine auf den Weg zum Vereinsbus, blieb aber noch innerhalb der auswärtigen Sportstätte stecken. Wie von einem Magnet gezogen, musste er einfach ungestört einen Blick auf sein Handy werfen, welches er jetzt wieder auf Empfang schaltete. Nur nach wenigen Sekunden huschte ihm dann auch ein Lächeln über die Lippen, als er nur die wenigen Worte las, die kein geringerer als Sebastian ihm per SMS zukommen ließ. „Du warst gigantisch. Danke und Kuss!“

Noch mindestens dreimal überflog Drago die Nachricht, inhalierte dabei nochmals jede Silbe inklusive der beigefügten Emojis, bevor er plötzlich hinter sich eine ihm bekannte Stimme hörte. „Das Spiel, das du abgeliefert hast, war gut aber noch nicht gut genug. Du kannst mehr.“

„Und du kannst mich mal,“ reagierte Drago sofort angefasst, steckte nun sein Handy sicher weg, begann sich daraufhin langsam zu seinem Vater umzudrehen, dessen Auftritt er eigentlich schon längst erwartet hatte, dennoch hoffte, er würde ihn trotz seines Besuches im Millerntor – Stadion einfach in Ruhe lassen und aus dem Weg gehen. „Ich habe schon gehört, dass du hier bist. Falls es wegen mir sein sollte, hättest du dir den Weg sparen können.“

„Es gab Strecken im Spiel, da hätte ich noch mehr Genauigkeit von dir erwartet. Der Führungstreffer der Hamburger hätte nicht sein müssen, total unnötig,“ konnte Bogdan Iljanko, mit seiner jahrelangen Erfahrung als Spieler und Trainer, es nicht unterlassen, mit der Kritik auch bei seinem Sohn anzusetzen. „Auch warst du zwischendurch zeitweilig gedanklich abgelenkt. Das solltest du dringend abstellen.“

„Volle Konzentration über 90 kraftraubende Minuten und deiner Schablone eines perfekten Defensivspielers folgen?“ lachte Drago auf, weil er genau wusste, dass sein Vater die Spielmethoden des Juniors nicht unbedingt billigte. „Mein Tor, hast du daran auch noch etwas zu kritisieren? Wir haben die drei Punkte, und gut.“

„Primitives Denken eines Fußballers,“ hielt der strenge Trainer von Rotterdam dagegen. „Du und die anderen Verteidiger, ihr seid viel zu weit aufgerückt, wie Spieler einer Hobby – Mannschaft aus der Provinz. Keine Absicherung mehr nach hinten. Das Ordnungsprinzip aufgegeben, denn bei einem schnellen Konter der Gegner hättet ihr den Kürzeren ziehen können.“

„Haben wir aber nicht. Also keine Anerkennung meines Tores? Okay, war‘s das jetzt?“ reichten die wenigen Minuten für Drago bereits schon wieder aus, um sich für die nächsten Jahre von seinem Vater zu verabschieden.

„Noch nicht ganz,“ antwortete der Mann mit scharfen Ton und keinerlei freundlicher Reaktion in seiner Mimik. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass du nicht zur Hochzeit deiner Schwester erscheinst. Nur, weil wir uns dort begegnen könnten?!“

„Eliza und ich haben alles bereits besprochen. Ich werde sie später besuchen,“ ließ Drago dem Mann wissen, dem er auch jetzt am liebsten schnellstens entkommen wollte.

Während andere Mitspieler an ihnen vorbeizogen, packte Bogdan seinen Sohn an der Schulter und führte ihn zwei Meter weg von der Laufspur, denn er schien noch nicht fertig zu sein und duldete keinen Widerspruch. Dieses wusste auch Drago nur zu gut, tat es trotzdem. „Der Bus, ich muss zum Bus.“

„Der fährt schon nicht ohne dich ab,“ bestimmte Bogdan das weitere Geschehen, genau wie er überall in der Familie seinen Einfluss geltend machte. „Für die Feierlichkeiten zur Hochzeit habe ich in Dubrovnik eine Yacht gechartert.“

„Eliza erzählte mir davon. Hat dir einige Scheine gekostet, was?“ amüsierte Drago sich über den Größenwahn, der für die Schau des großen Bodgan Iljanko herhalten musste. Doch der Patriarch der Familie blieb seiner Linie treu. „Das ist der Tag von Eliza. Ich erwarte, dass die gesamte Familie vollständig anwesend ist, allein zu Ehren deiner Schwester.“

„Komm Vater, lass uns beide bitte nicht über Ehre sprechen. Das Duell würdest du verlieren,“ blies Drago erneut mit scharfem Gegenwind.

Bogdan wusste natürlich sofort, worauf Drago anspielte, drosselte sich darum etwas im Ton. „Ich bin nicht gekommen, um mit dir zu streiten.“

„Dann war‘s das? Meine Jungs warten nämlich auf mich,“ merkte Drago an, nachdem er mit dem vorbeilaufenden Rafael einen kurzen Blickaustausch aufs Parkett legte. Im nächstem Moment wollte Drago sich dann auch von Bogdan abwenden, doch dieser ließ ihn nicht so einfach entkommen. „Werde endlich erwachsen, Junge. Ich habe es immer gut mit dir gemeint, das weißt du. Vieles habe ich dir ermöglicht, weil ich an dich geglaubt habe und auch immer noch glaube.“

Für einen Augenblick blieb Drago die Stimme im Halse stecken. Viele Gedanken versammelten sich abermals in seinem Kopf. Das Durcheinander ist kaum zu bändigen. Er schaffte es nicht einmal jetzt einfach zu gehen, seinen Vater, dem er mittlerweile den Rücken zudrehte, ohne eines Wortes des Abschiedes stehen zu lassen. Die Macht hinter ihm, die sprach allerdings. „Ich bitte dich eindringlich zur Hochzeit nach Dubrovnik zu kommen. Am diesem Wochenende ist Länderspielpause, also stehen deiner Reise keine Ausreden im Wege. Ach, und bringe doch bitte auch deine Freundin mit. Schließlich hast du sie der Familie ja noch nicht vorgestellt. Ich kenne sie nur von ein paar Bildern aus dem Internet. Ihr seid wirklich ein hübsches Paar und werdet der Feier sicherlich noch mehr Glanz verleihen. Überlege es dir also bitte, Drago. Und du weißt, wie ungern ich bitte.“

Drago blieb nichts anderes übrig als tief durchzuatmen, sich irgendwie zu fangen. Sein Puls raste brutal durch seinen Körper, wollte sich nicht bremsen lassen. Jetzt oder nie?! Ihm blieb keine Wahl. „Können wir reden, Vater? Es wäre wichtig. Bitte!“

*****

„Das war doch ein ganz schöner Nachmittag,“ lobte Hannah den Gastgeber, während sie zu Hause die Tür öffnete. „Danke, dass du mich heim gefahren hast, Jonas. Deine Mutter und ich konnten dem leckeren Likör einfach nicht widerstehen.“

„Kein Problem. Ich habe heute Abend sowieso nichts mehr vor,“ meinte Jonas, der ins Elternhaus seines Ex – Freundes trottete, als wäre es das Normalste von der Welt.

„Außer die Löcher für den Wandspiegel zu bohren, den dir deine Eltern geschenkt haben,“ korrigierte Hannah die Abendgestaltung, warf dabei ihre Jacke über einen der Garderobenhaken, bevor sie in die Küche verschwand.

„Er passt hervorragend zur Flurkommode,“ rief der junge Mann ihr postwendend hinterher, bevor er sich absichern wollte. „Und du denkst, Robert hat wirklich nichts dagegen, wenn ich seine Bohrmaschine ausleihe?“

„Ach was, das merkt er gar nicht. Bring sie am besten am Montag wieder vorbei,“ wusch Hannah Bedenken in eine zweifelnde Richtung vom Tisch. „Du musst sie dir nur hinten aus dem Schuppen holen. Der Schlüssel hängt am Schlüsselbord. Da steht Werkstatt drauf.“

„Okay, ich geh mal gucken, ob ich sie finde,“ nahm Jonas das Angebot gerne an, stellte sich dann vor das Bord und sortierte die verschiedenen Schlüssel. Dabei fiel ihm auch ein Anhänger mit zwei Schlüssel in die Hände, auf dem kurz aber deutlich „Basti Köln“ zu lesen ist. Haustür – und Wohnungsschlüssel, das ergab Sinn. Gut, Jonas könnte sich absichern und genauere Informationen über diese Schlüssel einfangen, doch das würde wahrscheinlich unnötigen Wind aufwirbeln.

Erneut Sebastian und eine Hoffnung zur Rückkehr des Verflossenen zum Thema zu machen, ergab mittlerweile auch in einem möglichen Gespräch mit Hannah nicht wirklich Chancen, die zum Ziel führen könnten, wie er heute ja erfahren musste. Jenny wollte auch so recht nichts ausspucken, Sebastian mauerte sowieso. Wie soll man denn erfahren, wie es denn nun wirklich um Sebastian steht? Hier hing seine Chance, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Ein absichernder Blick hinüber zur Küchentür, ehe Jonas zugriff und die Schlüssel in seine Hände nahm.

*****

„Dein Bruder ist vielleicht eine Maske?! Erst schimpft er voll über Tornado, will ihm am liebsten in die Pyrenäen verbannen und nun ist er wieder sein größter Fan, will ihm die Goldmedaille höchst persönlich um den Hals hängen,“ ließ Jenny vom Stapel, die sich mit Sebastian noch ein Baguette im Hamburger Hauptbahnhof gönnte, bevor es wieder gen Heimat gehen sollte. Timo und Robert sind inzwischen auf den Schienen unterwegs, feierten triumphierend mit anderen Fans auf der Strecke Richtung Ruhrpott.

„Er kommt eben nicht nach mir,“ gab Sebastian Einblick in die Familie. Daraufhin strahlten seine Augen mit allem Glanz, den sie hervorzaubern konnten. „Von mir aus hätte Drago auch kein Tor schießen müssen oder auch verlieren können. Ich hätte ihn trotzdem noch lieb.“

„Ach mein Hasi, du bist so süß, wenn du verliebt bist,“ erkannte Jenny neidlos an, suchte dabei Sebastians nun verlegenen Blick.

„Ist das echt so offensichtlich?“ hakte Sebastian nach, bevor er abermals in seine belegte Backware biss.

„Du kannst das wirklich nicht mehr leugnen,“ behauptete der weibliche St. Pauli – Fan. „Alleine, wie du vorhin deinem Vater und deinem Bruder vorgeschwärmt hast, wie dir besonders Dragos Spielweise aufgefallen ist. Wie er die Kontrolle im Strafraum behält und dennoch sicher seine Pässe nach vorne spielt. Und dann noch, wie er die Gegner gnadenlos ins Abseits laufen lässt“

„Hat doch wieder bestens funktioniert,“ markierte Sebastian sein Fachwissen, gab dann jedoch zu, dass er einen wahnsinnig gutaussehenden, sogar fachlich begabten Nachhilfelehrer buchen konnte. „Drago hat mir die Spielzüge mit der Abseitsfalle mehr als einmal anhand von Skizzen und Videos gezeigt. Und er hat mir auch erklärt, wie wichtig die Passgenauigkeit ist.“

„Oh je, dann kann euer Sexleben ja doch nicht so berauschend sein?!“ lästerte Jenny mal eben so über den Tisch, grinste aber frech dabei.

„Sehe ich aus, als sei ich unbefriedigt,“ schoss Sebastian unweigerlich zurück, bevor er auf den Ausgangspunkt zurück kam. „Glaubst du, Papa und Timo haben was gemerkt? Ich habe  ja quasi nur von Drago geschwärmt. Den Rest der Mannschaft habe ich gar nicht erwähnt.“

„Vielleicht gewundert, aber bemerkt?! Die denken ja nicht ernsthaft, dass einer ihrer Jungs vom Verein schwul sein könnte, der dann auch noch ausgerechnet mit ihrem lieben Basti den Liebeswalzer tanzt,“ lieferte Jenny umgehend Beruhigungspillen, denn derartiges schloss sie bei den Nichtkennern der Szene direkt aus. „Mach dir keinen Kopf, Süßes! Genieße lieber jedes Kribbeln, dass er dir beschert. Obwohl, verspreche mir, dass ich unbedingt dabei bin, wenn du Drago deiner Familie vorstellst. Das wird eine Show?!“

„Ich weiß echt nicht, wie das Ganze eines Tages zusammengehen soll?!“ wurde auch Sebastian mittlerweile bewusst, dass ihm noch so einiges bevorstand, wenn es sich so weiterentwickeln sollte. „Hey, hörst du mir überhaupt zu?“

„Jonas hat geschrieben,“ berichtete Jenny, wobei sie ihrem besten Freund das Display ihres Handys entgegenhielt.

„Und? Was schreibt mein lieber Ex? Wie sehr er mich doch auf seiner Geburtstagsfeier vermisst hat?“ konnte Sebastian sich bereits denken, merkte aber gleich an sich, dass Jonas es doch mit Bravur schaffte seine Stimmung in den Keller zu chauffieren.

„Nö, eigentlich gar nicht. Er will nur wissen, wie lange wir noch in Hamburg sind?!“ antwortete Jenny, was Sebastian auch schon wieder nicht passte. „Wieso will er das wissen? Glaubt er etwa, wir tauchen noch bei ihm auf? Bestimmt nicht.“

„Ja gut, das kann er sich sowieso abschminken. Bis wir in Köln sind, ist es weit nach Mitternacht. Da fahren wir mit Sicherheit nicht noch wieder nach Bochum,“ wehrte auch Jenny das weitere mögliche Programm gleich ab.

„Ich sowieso nicht. Mann, was hat er nur für Vorstellungen?“ stellte sich bei Basti allmählich der Mecker – Modus ein, woraufhin er seine Serviette zusammenknüllte und mit harschem Nachdruck im Mülleimer entsorgte.

Die junge Dame hingegen wies Sebastian auf etwas Entscheidendes hin: „Schätzchen, Jonas  hat doch gar nichts davon geschrieben, dass wir noch aufschlagen sollen oder so etwas in die Richtung. Er hat lediglich gefragt, wie lange wir noch in Hamburg sind.“

„Was ja wohl alles bedeuten kann?!“ fand Sebastian sich nicht so leicht mit einer harmlosen Frage ohne Hintergedanken seines Ex – Freundes ab, als er dann auch plötzlich das Vibrieren seines Handys in seiner Hosentasche spürte. „Super, jetzt wählt er mich auch noch an. Aber den werde ich helfen.“

„Ähm Hasi, was ist los?“ wollte Jenny unbedingt wissen, als sie ein Lächeln in Sebastians Gesicht aufblitzen sah, welches jede miese Laune bei Seite schob. Alle aufkommenden dunklen Wolken wurden blitzartig durch freundliche Sonnenstrahlen abgelöst. Nun hielt er Jenny sein Display vor die neugierigen Augen. „Drago schreibt, dass er über Nacht in Hamburg bleibt und ob ich auch bleiben möchte, falls ich noch in der Stadt bin. Er würde uns ein Hotelzimmer buchen.“

„Das glaube ich jetzt nicht,“ polterte Jenny los. „Ich soll jetzt wirklich alleine nach Köln reisen?“

Gerade als Sebastian die Antwort auslotete, lächelte nun auch Jenny übers ganze Gesicht, fasste dabei seine Hände und strich sanft darüber. „Natürlich bleibst du. Du bist so ein Glückspilz. Komm Schätzchen, lass es krachen, wenn ihr Zwei sein Tor feiert.“

„Und du?“ sicherte Sebastian sich nochmals ab, was Jenny ohne lange zu atmen und überlegen beantworten konnte. „Die Strecke fahre ich nicht zum ersten Mal alleine. Als St. Pauli – Fan, der in Köln lebt, nehme ich die Fahrt immer wieder gerne auf mich. Na los, schreib ihm schon, dass du gleich bei ihm aufschlägst und an seinen Lippen hängst. Oder darf ich die SMS tippen? Ich bin auch mit den Herzchen und Smileys ganz sparsam. Versprochen!“
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