Weiter, doch weiter

von Ginada
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Daphne Greengrass Draco Malfoy Millicent Bulstrode Theodore Nott Tracey Davis
01.09.2019
15.01.2020
9
59429
8
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Beta: Sinnerman und Badserious


Dienstag, 5.1.1999 bis Freitag, 15.1.1999


Der Dienstagabend war für Dracos Geschmack viel zu schnell gekommen, seine erste Teilnahme an der Cruciatus-Hilfegruppe stand bevor. Im graute davor, den anderen Teilnehmern gegenüber zu treten, er fürchtete sich vor ihrer Reaktion. Am liebsten wäre er gar nicht gegangen, aber eine hartnäckige innere Stimme sagte ihm, dass ruhige Hände es wert seien, noch ein wenig mehr Hass zu ertragen. Letztendlich brauchte er nicht einmal auf seine innere Stimme zu hören, denn Theodore begleitete ihn nach dem Essen zum Krankenflügel, ohne ihm noch die Möglichkeit zu geben, zu widersprechen. „Du hast mindestens genauso ein Recht auf Gesundheit wie die ganzen Muggelliebhaber da drin, also reiß dich zusammen und gib nichts auf die“,  raunte er Draco zu, bevor er ihn regelrecht durch die Tür schupste.

„Ah, Mr Malfoy, gerade noch pünktlich. Ziehen sie die Schuhe aus und setzen Sie sich.“ Die Heilerin vom St. Mungo, die die Sitzung anleitete, war hager und blass, ihr Gesicht wurde von einer großen Brille dominiert. Draco war überrascht gewesen, wie jung sie war, als er sie gestern zum Vorgespräch getroffen hatte. Zu seiner Erleichterung schien ihr seine Vergangenheit völlig egal zu sein, im Gegenteil, sie war regelrecht erfreut, jemanden, der von anderen Leuten gefoltert worden war in ihrer Gruppe zu haben, das verbesserte anscheinend die Forschungsergebnisse. Trotzdem war es sehr unangenehm gewesen die unzähligen Fragen zum Zeitpunkt, der Dauer, den bekannten magischen Kenntnissen der Verursacher und den Folgen der Cruciatus-Flüche, denen er ausgesetzt gewesen war, zu beantworten. Er erinnerte sich sowieso nicht gern daran und musste sehr aufmerksam sein, um nichts über irgendetwas anderes zu verraten. Sie hatte ihm erklärt, dass er jeweils abends einen Trank nehmen musste, der noch nicht offiziell zugelassen war. Deshalb musste er ein Pergament unterschreiben, in dem er versicherte, dass er den Trank freiwillig nahm und etwaige negative Folgen keinesfalls dem St. Mungo anlasten würde. Der Trank war das Herzstück der neuen Therapie, die wöchentlichen Übungen waren nur begleitend und ermöglichten der Heilerin außerdem, ihre Patienten regelmäßig zu sehen und sicherzustellen, dass sie ihre Fragebögen gewissenhaft ausfüllten.

„Klasse, das ist Mr Malfoy, er wird von jetzt an an unseren Sitzungen teilnehmen“, sagte sie jetzt in völlig neutralem Tonfall.

‚Als ob hier irgendwer nicht wüsste wer ich bin, oder mein Vater‘, dachte Draco düster, als er seinen Blick über die versammelten Schüler gleiten ließ, entschlossen, sich nicht zu verstecken. Sie saßen in einem unförmigen, von der Form des Raumes vorgegebenen Kreis auf dem Boden, einige Jungen trugen die schwarzen Hosen und Pullover der Uniform ohne die Roben, einige Schüler Teile der Quidditch-Kleidung wie die beiden Gryffindor-Treiber Jimmy Peakes und Ritchie Coote, aber die meisten bequeme, weite Sportkleidung. Neben den Gryffindortreibern erkannte Draco die bekannten Gesichter von Ginny Weasley und Neville Longbottom, auch ein paar weitere DA-Mitglieder erkannte er. Aber viele Gesichter erkannte er nicht, es waren keine Slytherins dabei, und es gab ihm einen Stich, wie jung viele waren, und wie viele Schüler hier versammelt waren. Er schauderte unwillkürlich und war gleichzeitig froh, dass bei all dem Schrecklichen, was er getan hatte, hatte tun müssen, er zumindest keinem Hogwarts-Schüler mit dem Cruciatus Schaden zugefügt hatte. Einer der wenigen Vorteile seines Status‘ als Todesser im letzten Jahr war gewesen, dass er es hatte ablehnen können, den unverzeihlichen Fluch in der Schule anzuwenden. Er hatte gesagt, er beherrsche ihn bereits und brauche keine kindischen Übungen und die Carrows hatten das akzeptiert.

„Was will der denn hier?“, fragte ein Junge in einem Pride-of-Portree-Trikot mit schneidender Stimme, Draco glaubte sich zu erinnern, dass er in Ravenclaw war.

„Dasselbe wie Sie alle, den Fortschritt der Wissenschaft unterstützen und wenn möglich Erleichterung von den Cruciatus-Folgen“, sagte die Heilerin. „Fangen wir an. Stellt euch bitte aufrecht…“

Aber so leicht war es nicht, wie Draco befürchtet hatte. „Was soll der denn für Folgen haben?“, unterbrach sie der Schüler. Es standen zwar alle auf, aber anstatt auf die Anweisungen der Heilerin zu hören, tauschten die Schüler bedeutungsschwere Blicke durch den Raum und tuschelten mit ihren Nachbarn. „Der ist doch nur hier, um sich an unserem Leid aufzugeilen. Der hat bestimmt selber nichts, der simuliert nur.“

„Wie stellen Sie sich das eigentlich vor, es ist schlimm genug, dass welche von denen immer noch nach Hogwarts gehen, ich dachte wenigstens hier seien wir sicher.“

„Ich gönne ihm jede einzelne Sekunde, die er unter Cruciatus war.“

„Ich hoffe, es war lang.“ Empörte, gehässige und ängstliche Sätze prasselten auf die Heilerin ein, die überfordert schien. Ganz offensichtlich war sie Wissenschaftlerin und keine Pädagogin. Und sie hatte die Brisanz der Situation unterschätzt. „Ich versichere ihnen, Mr Malfoy simuliert nicht und kann sehr von dieser Behandlung profitieren. Seine Schäden sind Stufe vier auf unserer Skala…“ Mühsam versuchte sie, zu den aufgebrachten Schülern durchzudringen, aber niemand hörte ihr zu. Plötzlich gab es einen Knall und einen Funkenregen. „RUHE!“, brüllte Ginny und stampfte mit dem Fuß auf. Den Zauberstab hielt sie erhoben in der Hand, es schien sie gewesen zu sein, die den Knall und die Funken verursacht hatte. Fasziniert sah Draco, wie unter ihrem zornblitzenden Blick die Schüler tatsächlich verstummten.

„Ich habe ihn eingeladen“, sage Neville. Er klang erschöpft. „Ich persönlich finde nämlich, dass niemand unter Cruciatus-Folgen leiden sollte, dem geholfen werden kann. Aber ich habe nicht darüber nachgedacht, wie schlimm das für einige von euch sein muss. Vielleicht können wir sonst eine andere Lösung finden, dass Malfoy die Übungen nach uns macht oder so.“ Er warf einen fragend-entschuldigenden Blick zu Draco und zu der Heilerin. Draco nickte, ihm war alles Recht, besonders wenn er sich nicht dabei anhören müsste, die Schmerzen zu verdienen.

„Aber ich weiß zumindest ganz sicher, dass er nicht simuliert, seine Hände zittern schlimmer als die meisten von euch und ich habe auch noch andere sichere Quellen.“

Die Schüler schwiegen, jeder wusste, was mit Nevilles Eltern geschehen war und deshalb war es schwer, etwas gegen seine Argumentation zu sagen, aber viele Gesichter zeigten deutlich, dass sie nicht überzeugt waren.

Ein Mädchen in einem roten Jogginganzug trat vor und baute sich vor Draco auf. Es war viel kleiner als er und konnte höchstens dreizehn sein, sein Körper war noch der eines Kindes. Draco wurde schlecht, wenn er sich vorstellte, wie er sich unter unerträglichen Schmerzen gewunden haben musste. Es sah ihm gerade in die Augen, wofür es ziemlich nach oben schauen musste, weil es so dicht vor ihm stand. „Was hast du für Narben von Crucio? Zeig sie uns“, forderte es.

Draco dachte an das Zittern, das seine Hände nie ganz ruhig werden ließ und ihn an den einfachsten Zaubern scheitern ließ, an das Echo des Schmerzes, das seinen Körper nie ganz verließ und ihn wie ein Schatten begleitete, so gleichmäßig, dass er sich daran gewöhnt hatte. Er dachte daran, wie er die Treppe in Malfoy Manor heruntergestürzt war, als ihn ein Cruciatus getroffen hatte und er eine heftige Platzwunde am Kopf davongetragen hatte, und daran, wie Voldemort selbst ihn gefoltert hatte, weil es ihm nicht gelungen war, Albus Dumbledore zu töten und er sich vor Schmerzen windend immer weitere Schnittwunden an den Scherben des zerbrochenen Glastisches zugezogen hatte, in dem er lag. Das hätte Narben gegeben, wenn seine Mutter die Wunden nicht magisch geheilt und mit Diptam-Essenz bestrichen hätte.

„Der Cruciatus hinterlässt keine äußerlich sichtbaren Narben“, sagte er sehr vorsichtig. Die Frage schien dem Mädchen sehr wichtig zu sein, aber er hatte keine Ahnung, worauf es hinaus wollte. Bis die Heilerin ihn gestern mit einer von Fachwörtern strotzenden Erklärung, von der er kaum etwas verstanden hatte, überzogen hatte, hatte er nicht einmal geahnt, dass man die Schäden an den Nerven tatsächlich objektiv messen konnte und die Folgen nicht nur die Einbildung eines Schwächlings waren. Das Mädchen in dem roten Anzug sah in weiter unverwandt an. Plötzlich hob es die Hand und fasste an seine Unterlippe, eine Geste ohne jede Zartheit, eher wie ein Bauer, der auf dem Viehmarkt ein Rind begutachtet. Es strich mit dem Finger unter seiner Lippe entlang, über einige bogenförmige, dünne Narben, die dort übereinander verliefen.

„Woher sind die?“, fragte es brüsk.

„Durchgebissen. Unter Cruciatus“, murmelte er.

„Vier Mal?“, fragte es, es hatte anscheinend die Narben gezählt.

Draco schluckte trocken. Er hatte keine Ahnung, warum er sich von diesem kleinen Mädchen überhaupt so behandeln ließ, aber er fühlte regelrecht den Zwang, ihm zu antworten. „Vier Mal ohne Möglichkeit, es zu heilen“, sagte er. Es klang brüchig und schwach, und er hasste es, weil alle ihn dabei anstarrten und er überhaupt nicht wollte, dass sie das wussten.

Das Mädchen nahm seine Hand aus seinem Gesicht und schob seine eigene Unterlippe hoch, so dass Draco die Narben erkennen konnte. „Auch vier Mal ohne Heilung“, sagte es.

Und aus irgendeinem Grund war es jetzt für alle ok, dass Draco an den Übungen teilnahm. Es trafen ihn zwar immer noch einige böse Blicke, aber niemand versuchte ihn zu verhexen oder sagte auch nur etwas. Eigentlich redete niemand überhaupt mit ihm, aber damit konnte er leben, die Zeiten, dass er die Aufmerksamkeit seiner Mitschüler gewollt hatte, waren vorbei.



Am nächsten Tag in Verteidigung gegen die dunklen Künste arbeiteten sie in Gruppen und er konnte Neville die Frage stellen, die ihm seit gestern auf der Seele brannte. „Was meintest du gestern damit, dass du aus sicherer Quelle wüsstest, dass ich nicht simuliere?“

„Du meinst abgesehen davon, dass jeder blinde Idiot die Symptome bei dir sehen kann?“, fragte Neville leicht amüsiert. Auf Dracos Stirnrunzeln hin verdüsterte sich sein Gesicht und er nickte zu Luna, die neben ihm stand.

„Ich habe dich manchmal schreien gehört, als ich in deinem Keller war“, erklärte sie mit ihrer verträumten Stimme.

„Oh“, sagte Draco. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Plötzlich hatte er das dringende Gefühl, dass er mit Luna über die Gefangenschaft reden, sich vielleicht sogar entschuldigen müsste. Aber jetzt war wohl kaum der passende Augenblick. „Dabei hat die Zeit wo du da warst noch zu den angenehmeren gehört“, sagte er also bloß.

„Lasst uns noch mal unsere Strategie gegen Lethifolds durchgehen, Lee ist gleich bei uns“, sagte Ginny und Draco war froh über den Themenwechsel. Im fiel plötzlich auf, dass er mit Neville, Ginny und Luna eine Vierergruppe gebildet hatte, ohne dass er sich besondere Gedanken darum gemacht hatte oder jemand anderes etwas gesagt hatte.



In der nächsten Woche wurde Dracos Anwesenheit in der Cruciatus-Hilfegruppe weitgehend kommentarlos hingenommen. Ein paar der obligatorischen Bemerkungen, dass er sich lieber umbringen solle und nach Askaban gehöre bekam er zwar zu hören, aber nur gemurmelt, und er war dankbar, dass nichts geschah, das eine Reaktion von ihm erfordert hätte. Trotzdem war er froh, als es vorbei war, die scheinbar unendlichen Fragen, die auf den Fragebögen abgefragt wurden, ließen ihn sich nervös und unwohl fühlen. Es wurde nach mehr Details gefragt, als er sich hätte vorstellen können und die Fragen zwangen ihn dazu, in seinen Körper zu fühlen, was er eigentlich lieber vermied und was sehr unangenehm war.

Vielleicht lag es an den ganzen Fragen über den Cruciatus, dass er in dieser Nacht weder die bezopfte Muggelfrau, noch irgendwelche anderen Toten in seinen Albträumen sah, sondern neben Severus Snape einen Korridor im Manor entlang ging. Er verstand, dass er gerade daran gescheitert war, Dumbledore selbst zu töten und ihm die erste wirklich lange Verabreichung Cruciatus durch Lord Voldemort persönlich bevorstand, aber obwohl ihm in einem Winkel seines Bewusstseins klar war, dass es eine Erinnerung war, er also träumen musste, gelang es ihm nicht, aufzuwachen.

Er wachte schließlich doch auf, weil Theodore ihn an der Schulter schüttelte.

„War es noch rechtzeitig?“, fragte Theodore leise.

„Hmm. Danke“, murmelte Draco verschlafen. „Hast du nicht geschlafen?“ Theodore musste bemerkt haben, wie er im Schlaf unruhig wurde, er war sich sicher, nicht geschrien zu haben, so weit war der Traum glücklicherweise nicht fortgeschritten. Also konnte er ihn nicht geweckt haben. Er hörte ein Rascheln und nahm an, das Theodore nickte. Er hörte ihn im Dunklen schwer ausatmen und fühlte, wie Theodore den Arm um ihn legte und ihn zu sich heranzog. Draco war ein bisschen überrascht, sonst nahmen sie sich nur mal nach wirklich schlimmen Albträumen, wenn einer von ihnen Schwierigkeiten hatte, in die sichere Gegenwart zurückzufinden, in den Arm, aber er war zu schläfrig, um darüber nachzudenken und es fühlte sich angenehm, warm und sicher an, als er sein Gesicht an Theodores Brust vergrub.

„Ich bin wahnsinnig stolz auf dich“, flüsterte Theodore, Dracos Haare bewegten sich durch den Luftzug seiner Worte und kitzelten ihn im Gesicht. „Wie du klarkommst, nach allem, was passiert ist … Ich weiß, dass du alles schaffen kannst.“ Er schwieg, und Draco war schon wieder fast eingeschlafen, als er Theodore „Du weißt, dass ich dich lieb habe, ja?“, flüstern hörte. „Ich dich auch“, flüsterte er noch, bevor er zurück in den Schlaf glitt, zu müde, um weiter verwirrt zu sein.



Am Morgen, als Draco früh aufwachte, war er allein in dem zusammengeschobenen Bett. Es war noch dunkel, aber die Fackeln an der Wand flammten gerade auf, es musste also schon Morgen sein. Langsam fiel ihm die letzte Nacht wieder ein, und obwohl es nett gewesen war, die Zuneigungsbekundungen zu hören, breitete sich ein ungutes Gefühl in ihm aus. Das war merkwürdig gewesen, untypisch für Theodore, der sonst höchstens darüber sprach, wen er nicht mochte. Draco hörte das Wasser in ihrem Bad plätschern. ‚Er duscht einfach schon‘, redete er sich ein, obwohl er wusste, dass Theodore morgens nur schwer aus dem Bett kam und deshalb immer abends duschte, um länger schlafen zu können. Das ungute Gefühl verstärkte sich und er stand auf und ging zur Badtür. Er klopfte.

„Theo?“

Es kam keine Antwort, nur das Wasser rauschte weiter.

„Theo? Ich komme rein, ja?“, rief Draco angespannt. Als Internatsschüler waren sie es eigentlich gewohnt, kaum Privatsphäre zu haben und sich in Gemeinschaftsduschen zu waschen, aber nach den Geschehnissen des vergangenen Jahres wollte Draco nicht mehr nackt gesehen werden, nicht mal von Theodore, und da sie sich sowieso nur zu zweit das Bad teilen mussten, war es kein Problem gewesen, sich abzuwechseln.

Er drückte die Klinke herunter, aber die Tür war abgeschlossen. Jetzt war er sich sicher, dass etwas nicht stimmte, sie schlossen nie ab. Er rüttelte an der Tür.

„Verdammt Theo, warum hast du abgeschlossen?“

Draco fühlte Nässe an seinen bloßen Füßen und sah, dass das Wasser begonnen hatte, unter der Tür hervorzuquellen.

„Scheiße.“ Er hastete zu seinem Nachttisch und packte seinen Zauberstab. „Alohomora.“

Nichts geschah. Er versuchte es wieder, unsicher, ob der Tremor in seinen Händen den Zauber wieder einmal vereitelt hatte. „Alohomora!“

Draco fluchte und rüttelte an der Tür, als sie immer noch nicht aufging; Theodore musste sie mit etwas anderem als Colloportus verschlossen haben.

„Theo!“, brüllte er. „Mach die verdammte Tür auf!“

Er versuchte einen anderen Zauber, um die Tür zu öffnen, blieb aber wieder erfolglos. Frustriert trommelte er gegen das massive Holz der Tür, was natürlich auch nichts half. Inzwischen stand er in einer Pfütze aus kaltem Wasser, die sich vor dem Bad gebildet hatte. Draco rief und klopfte weiter, während er hektisch im Kopf alle Abschließzauber und ihre Aufhebungen durchging und ausprobierte, die ihm einfielen. Aber Theodore war schon immer besser in dieser Art von Zauber gewesen als er, mit zunehmender Panik erkannte er, dass er die Tür nicht aufbekommen würde. Ein paar rote Schlieren färbten das Wasser der Pfütze zu seinen Füßen rosa und ihm blieb die Luft weg vor Angst. Verzweifelt hämmerte er gegen die verschlossene Tür, was aber keinen Effekt hatte, außer dass seine aufgeschlagenen Knöchel kleine blutige Punkte hinterließen.

„Was ist denn hier los? Was soll der Lärm?“ Die Tür zu ihrem Schlafsaal war aufgeflogen und Daphne und Millicent stürmten herein, Millicent schon in ihrer Schuluniform, aber Daphne noch mit schlafzerwühlten Haaren und nur mit einem dunkelgrünen Nachthemd bekleidet.

„Draco, was ist hier los?“, fragte Millicent drängend, als er nicht reagierte und weiter gegen die Tür hämmerte. Sie ging durch den Raum zu ihm hinüber und schaute irritiert nach unten, als sie platschend in die Pfütze trat. Sie nahm Dracos Hände fest ihn ihre, damit er nicht weiter gegen die Tür schlug und drehte ihn zu sich herum, so dass er sie ansehen musste. Endlich schien er sie wahrzunehmen. Er stieß ein Geräusch aus, das halb Schluchzen, halb Stöhnen war.

„Theo hat sich eingeschlossen“, sagte er abgehackt. „Da ist Blut in dem Wasser. Ich kriege die verdammte Tür nicht auf.“

„Oh Scheiße“, murmelte Millicent und sagte dann scharf: „Daphne! Versuch die Tür hier aufzukriegen, ich hole Hilfe.“

Sie hastete aus dem Raum und Daphne kam zu Draco herüber. „Ok, sag mir genau, was du schon ausprobiert hast“, sagte sie so sachlich wie möglich und versuchte optimistisch zu klingen, auch wenn sie dachte, dass sie keine Chance hätten, die Tür aufzubekommen, wenn Theodore das nicht wollte.

Es schien ewig zu dauern, bis Professor Slughorn in den Raum rauschte, noch im Morgenmantel, gefolgt von den vollständig bekleideten Professoren Flitwick und McGonagall. Millicent, die keuchend hinterher kam, schien ihnen die Lage schon geschildert zu haben, denn die drei machten sich sofort an der Tür zu schaffen. Daphne zog Draco zurück, damit sie Platz hatten und warf sich eine von Theodores herumliegenden Roben über, in Gegenwart der Lehrer fühlte sie sich in ihrem spitzendurchsetzten Nachthemd plötzlich nackt. Professor McGonagall versuchte erfolglos einen Zauber und beriet sich schnell und leise mit Professor Flitwick, der Zaubertranklehrer sah ihnen besorgt über die Schultern.

„Horace, sorg dafür, dass die anderen Schüler hier wegbleiben und schick jemanden los, Poppy zu holen. Schnell“, sagte Professor McGonagall zu ihm, während der Zauberkunstlehrer einen weiteren Zauber versuchte.

In der Tat drängten sich zahlreiche neugierige Slytherins vor der Tür des Schlafsaals auf dem Gang, aufgeschreckt durch den Lärm und das plötzliche Auftauchen von drei Lehrern, von denen zwei auch noch zu anderen Häusern gehörten.

„Ja natürlich. Wir werden sie brauchen“, murmelte Professor Slughorn. „Mr Rosier, holen Sie Madam Pomfrey her!“, trug er Prosperus auf, als er einen Vertrauensschüler in der Menge entdeckte. „Und Sie anderen gehen bitte umgehend zurück in ihre Schlafsäle oder zum Frühstück, hier gibt es nichts zu sehen.“

Wie durch einen Schleier sah Draco, wie die Lehrer scheinbar unendlich lange mit angespannten ernsten Gesichtern diskutierten und verschiedene Zauber versuchten, um die Tür zu öffnen. Obwohl er hörte, wie sie überlegten, die Tür aufzusprengen und die Idee als zu gefährlich verwarfen kam es ihm vor, als könnte er nichts als die Angst in sich wahrnehmen und das einzige Geräusch auf der Welt sei das stetige Rauschen des mit Blutschlieren durchzogenen Wassers und das unbarmherzig regelmäßige Klopfen seines eigenen Herzschlags.

Mit einem Klicken sprang die Tür endlich auf und Draco riss sich von Daphne los und stürzte, sich an den Lehrern vorbeidrängend, ins Bad. Theodore saß in einer der Duschen, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, sein Kopf war zur Seite gesackt und seine durch das Wasser beinah schwarz scheinenden Haare flossen ihm in das unfassbar bleiche Gesicht. Sein Körper verschloss den Abfluss, weshalb das Wasser, das stetig auf ihn floss, den Boden geflutet und seinen Weg unter der Tür hindurch gefunden hatte. Er musste sich angezogen haben, denn er war vollständig bekleidet, sogar mit Schuhen, aber die weiten Ärmel seiner himmelblauen Lieblingsrobe waren hochgeschoben, die des Pullovers, den er darunter trug hochgerollt und über seine Unterarme zog sich je ein tiefer Längsschnitt, aus denen hellrotes Blut quoll, das die Robe tränkte und auf den Boden in die Blut-Wasser-Pfütze floss.

„Theo!“ Theodore sackte leblos zur Seite weg, als Draco neben ihm auf die Knie fiel und ihn berührte, mit einem Platschen glitt er auf den Boden.

„Aus dem Weg!“, forderte eine weibliche Stimme, Madam Pomfrey war angekommen.

„Mr Malfoy, gehen sie weg da!“, Professor Slughorn zog Draco vom Körper seines Freundes weg. „Miss Bulstrode, bringen Sie ihn hier raus, Madam Pomfrey benötig Platz.“

Millicent führte ihn in den Schlafsaal und er ließ es kraftlos geschehen, dass sie ihn zum Bett schob und leicht an seiner Hand zupfte, damit er sich hinsetzte. Er sah Tracey an der Tür stehen, Daphne redete leise und ernst auf sie ein, ihre Augen groß vor Entsetzen, das er nicht mehr fühlen konnte, weil ein Schleier alle Wahrnehmungen dämpfte und fremd erscheinen ließ.

„… sofort in den Krankenflügel bringen, ich kann hier nicht mehr tun.“ Ein Teil von Madam Pomfreys Satz drang zu Draco durch und es schwebte auch schon eine Trage mit Theodore vor ihr durch die Tür.

„Ich muss mit“, murmelte Draco vor sich hin und sprang auf, um ihr zu folgen.

„Oh Draco, wir können da jetzt nichts tun, wir sind bloß im Weg.“ In Millicents Augen standen Tränen und sie versuchte, Draco zu umarmen. Aber er riss sich los. „Ich lasse ihn nicht allein“, sagte er eigensinnig. Sie seufzte und sah ein, dass sie ihn nicht aufhalten konnte.

„Zieh dir zumindest was an.“

Er hielt sich nicht damit auf, den Schlafanzug mit der Schuluniform auszutauschen, sondern schlüpfte bloß in seine Schuhe und zog die Uniformrobe über, bevor er gefolgt von den Mädchen zum Krankenflügel hastete.



„Er ist jetzt erstmal stabil“, sagte Madam Pomfrey. Sie klang erschöpft, die Falten in ihrem Gesicht schienen tiefer als sonst. „Aber nur dank des Blutbildungstranks, ich kann die Blutung einfach nicht endgültig stoppen, keine Ahnung, was er für einen Zauber verwendet hat.“ Sie war einen Schritt zurück getreten und erlaubte Draco, Daphne, Millicent und Tracey, die angespannt im Hintergrund gewartet hatten, an das Bett zu treten.

„Filius und ich können dir bei der Recherche helfen“, sagte Professor McGonagall und Professor Flitwick nickte. „So wie ich Mr Nott einschätze, ist es gut möglich, dass er den Zauber selbst entwickelt hat, es könnte also kompliziert werden.“

„Das wäre wirklich hilfreich, Minerva. Ich muss ihm regelmäßig den Trank verabreichen, werde also nicht lange am Stück Zeit haben, es gibt ja auch noch andere Patienten.“ Sie seufzte und sah auf Theodores bewusstlose Gestalt, schmal und klein im Krankenflügelbett. Er war so blass, dass sich seine Hautfarbe kaum von der Bettwäsche unterschied und seine Haare sich viel stärker als sonst von seinem Gesicht abhoben, obschon sie magisch getrocknet worden waren. Obwohl Madam Pomfrey die Blutung hatte verlangsamen können, begannen sich schon rote Flecken auf den frischen Verbänden um seine Handgelenke abzuzeichen. „Und ich kann zwar nicht sicher sagen, ob er zu sich kommen wird, so lange er noch Blut verliert“, fuhr sie fort. „Aber wenn, dann sollte ich ihn nicht aus den Augen lassen, das war nämlich nicht sein erster Suizidversuch.“

„Wieso weiß ich davon nichts?“, fragte die Schulleiterin.

„Heilergeheimnis. Und Minerva, ich brauche dir ja nicht zu sagen, dass ich dich nicht über die privaten Angelegenheiten meiner Patienten informiere, genauso wenig wie ich es bei Albus getan habe, so lange die Sicherheit Dritter nicht gefährdet ist. Außerdem war es nicht während des Schuljahrs, der erste Versuch war während der Sommerferien mit Schlaftränken, weshalb mich sein Heiler gebeten hatte, ihm nicht unbeaufsichtigt welche zur Verfügung zu stellen.“

Für einen Moment dachte Draco an all die Informationen über ihn, die Madam Pomfrey von demselben Heiler hatte und von denen er lieber nicht wollte, dass sie sie hatte, aber jetzt ging es um Theodore, nicht um ihn, und obwohl er wusste, dass Theodore ihn dafür hassen würde, musste er etwas loswerden.

„Das war nicht der erste Versuch, mit den Schlaftränken nach Askaban“, sagte er leise, seine Stimme klang kratzig, weil er vorher zu laut geschrien hatte. „Und das hier ist auch nicht der zweite Versuch.“ Er sah sie nicht an, hielt den Blick starr auf Theodores verbundene Handgelenke gerichtet, aber er spürte, wie die Erwachsenen ihn alle anstarrten.

„Was soll das heißen, wollen Sie damit sagen, er hat schon früher versucht, sich das Leben zu nehmen?“ Professor Slughorn klang, als sei er entsetzt darüber, dass er so etwas von einem Schüler seines Hauses nicht wusste. Draco fand das etwas zynisch, er hatte immer den Eindruck gehabt, dass ihr Hauslehrer sich nicht für alle Slytherins, sondern eigentlich nur für die Mitglieder des Slugklubs interessierte. Im letzten Jahr waren er und Theodore zwar Mitglieder gewesen, aber aller Wahrscheinlichkeit nur, weil sie Kinder von Todessern waren und Slughorn es sich nicht mit ihnen verscherzen wollte, auch wenn er ihre politischen Ziele bekanntermaßen ablehnte.

„Wie oft gab es denn derartige Vorfälle?“, fragte Madam Pomfrey. Ihre Stimme klang geschäftsmäßig, aber in ihren Augen lag etwas von dem Entsetzen, dass Draco auf Professor McGonagalls Gesicht sah und etwas von dem Mitleid, dass er hasste.

„Es wäre wirklich sehr hilfreich für die weitere Behandlung, wenn ich alles so genau wie möglich weiß“, sagte sie behutsam, als er nicht gleich antwortete.

Er zuckte die Achseln. „Es ist nicht so leicht zu beantworten, keine Ahnung, was ich mitzählen soll und was nicht.“ Er schwieg, aber sie sahen ihn weiter erwartungsvoll an. Er warf einen unbehaglichen Blick zu den Mädchen, die auch nicht alles wussten, was er jetzt wohl oder übel erzählen musste. „Ich hab ihn schon im Oktober einmal mit aufgeschnittenen Pulsadern im Bad gefunden, aber ich glaube nicht, dass er es damals wirklich ernst gemeint hat. Das Bad war nicht abgeschlossen, er hatte ein normales Messer genommen und die Schnitte waren nicht tief, ich konnte sie einfach mit Episkey heilen, hat nicht mal Narben gegeben.“ Er verstummte, das war der Vorfall gewesen, der am einfachsten zu erzählen war. Sich zusammenreißend fuhr er fort. „Als er aus Askaban entlassen wurde, war er ziemlich schwer verletzt.“ Dracos Blick flackerte zu Madam Pomfrey, sie kannte diese Verletzungen genau aus Theodores Akte und er konnte nicht verhindern, dass sie auch von den Verletzungen wusste, die er aus dem Gefängnis davongetragen hatte. „Er ist einfach nach Hause appariert, was an sich schon total riskant war in seinem Zustand, aber er hat niemandem Bescheid gesagt und keine Hilfe geholt, sein Vater ist ja noch in Askaban … Wenn ich nicht daran gedacht hätte, und unseren Heiler zu ihm nach Dartmoor* geschickt hätte, wäre er gestorben.“

„Wenn das wahr ist, scheint mir das eher ein Fehler der Leute in Askaban zu sein“, warf Professor Flitwick mit seiner hohen Stimme ein. „Es kommt mir unglaublich vor, dass sie ihn in einem lebensbedrohlichen Zustand ohne Versorgung entlassen haben sollen.“

„Vor allem stellt sich die Frage, wie er in diesen Zustand überhaupt kam“, sagte Professor McGonagall mit blassem Gesicht.

Draco wollte schon ärgerlich werden, weil sie erst unbedingt wollten, dass er erzählte und ihm dann nicht glaubten, aber Madam Pomfrey sagte: „Ich fürchte, es besteht kein Zweifel, dass Mr Nott mit schweren Verletzungen aus Askaban entlassen wurde, wie auch immer er sie sich zugezogen hat. Heiler Gorsemoore hat mir die Krankenakte zukommen lassen, weil Mr Nott zu Beginn des Schuljahrs noch nicht auskuriert war, und wegen der Sache mit den Schlaftränken. An Gorsemoores politischer Einstellung wurde zwar gezweifelt, aber fachlich ist er unangreifbar und wenn er etwas in einen Bericht schreibt, glaube ich das. Massive innere Blutungen durch Verletzungen an Leber, Milz und Nieren, Knochenbrüche, Lungenentzündung, die verkrüppelte Hand, Schnittwunden am ganzen Körper, viele entzündet. Ihr habt seine Arme ja gesehen… Ich weiß, dass es schwer fällt, aber wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass das nach dem Krieg, in Askaban, geschehen ist.“ Sie sah Draco an. „Gab es weitere Suizidversuche?“

Er biss sich auf die Lippe und zuckte mit den Schultern. „Er hat sich am Anfang gegen die Behandlung gewehrt, nach Askaban. Die Heiltränke ausgespuckt, Wunden wieder geöffnet und so was. Und schon vorher, in Askaban und in der Schlacht war sein ganzes Verhalten… hm, waghalsig.“ Draco knetete nervös seine Hände, an denen Theodores Blut klebte, und starrte weiter auf Theodores sich langsam rot färbenden Verband. Diese Leute hatten auf der anderen Seite gekämpft, er konnte unmöglich mit ihnen über die Schlacht reden, sie waren ja auch noch erwachsene Ordensmitglieder und nicht einfach seine Schulkameraden. Und schon gar nicht konnte er darüber reden, warum Theodores Verhalten in Askaban gefährlich gewesen war …

Madam Pomfrey schien zu merken, dass er am Ende seiner Kräfte und Nerven war. „In Ordnung, halten wir fest, dass es schon einen Suizidversuch in Hogwarts in diesem Schuljahr gab, was auch immer man von den Ereignissen davor halten mag.“

Draco nickte, froh nicht weiter darüber reden zu müssen, auch wenn sie anscheinend alles falsch verstanden hatte. Er war sicher, dass vor allem die Ereignisse in der Schlacht, als Theodore versucht hatte, durch andere umzukommen, ernster gemeint gewesen waren, als der halbherzige Versuch im Oktober. „Ich dachte wirklich, es wäre besser geworden“, murmelte er.

„Warum haben sie sich denn damals nicht an Professor Slughorn oder sonst einen Lehrer gewandt, oder auch an mich?“, fragte die Schulleiterin müde. „Falls es in Zukunft, Gott verhüte, je zu einem ähnlichen Vorfall mit Mr Nott oder einem anderen Schüler kommen sollte, müssen Sie umgehend einen Lehrer zu Hilfe holen.“ Sie warf einen strengen Blick zu den Mädchen, die zusammengedrängt am Fußende standen. Tracey hatte den Arm um Daphnes Schultern geschlungen, der jetzt, da die unmittelbare Gefahr erstmal gebannt war, still die Tränen über das Gesicht liefen. „Das gilt selbstverständlich auch für Sie, Miss Bulstrode, Miss Davis, Miss Greengrass.“

„Sie wussten nichts davon“, sagte Draco schnell. „Ich musste Theo versprechen, ihnen nichts zu sagen.“„Ein höchst unkluges Versprechen, das nicht in seinem besten Interesse war.“ Draco sank in sich zusammen und Professor McGonagall fuhr etwas sanfter fort: „Und das Versprechen, es keinem Lehrer zu erzählen, musste er Ihnen gar nicht abnehmen, weil Sie das sowieso nicht vorhatten, oder wie darf ich das verstehen?“

Draco sah ihr ins Gesicht, zum ersten Mal, seit sie hier an Theodores Bett standen, ungläubiges Erstaunen ins Gesicht gemalt. „Ich habe nicht geglaubt, dass es Sie interessiert, was mit uns passiert“, sagte er. Professor McGonagall erstarrte und schien innerhalb von Sekunden merklich zu altern. Sie tauschte einen traurigen Blick mit Madam Pomfrey und den anderen Lehrern.

„Das ist nicht wahr, dass dürfen sie niemals glauben. Das Wohlergehen aller Schüler ist Hogwarts‘ oberste Priorität.“

Draco dachte an die ewigen Beschimpfungen und Angriffe der anderen Schüler, die die Slytherins dieses Jahr über sich ergehen lassen mussten. An das letzte Jahr, als die Carrows unverzeihliche Flüche an aufmüpfigen Schülern üben ließen. An sein sechstes Schuljahr, und er zuckte bloß mit den Schultern, er glaubte ihr nicht.

Mit einem Räuspern sah Professor Flitwick auf seine Taschenuhr. „Also Horace und ich müssen jetzt trotz allem dringend zum Unterricht, damit wir wenigstens die zweite Stunde einigermaßen pünktlich beginnen können.“

„Wir können Sie für heute vom Unterricht entschuldigen, wenn Sie möchten“, bot Professor McGonagall den Schülern an. Millicent schüttelte den Kopf. „Ich hab mittwochs sowieso nur Freistunden“, sagte sie und Daphne schniefte: „Und ich nur in der letzten Stunde Kräuterkunde, das schaff ich schon.“

„Ich glaube ich geh lieber zum Unterricht, das lenkt mich wenigstens ab“, murmelte Tracey.

„Mr Malfoy, ich glaube Sie zumindest sollten sich ein bisschen hinlegen“, sagte Professor McGonagall. Draco fragte, ob er bei Theodore am Bett sitzen bleiben konnte und als Madam Pomfrey das Gesicht verzog und meinte, dass sie eigentlich Ruhe zum Arbeiten an dem unbekannten Zauber brauche, bestand er trotz ihres skeptischen Blicks darauf, zum Unterricht zu gehen, weil er sich davor fürchtete, allein in ihr leeres Schlafzimmer zurück zu kehren und weil er sich lieber nicht in seinen Gedanken verlieren wollte.



Es war dann doch schon fünf Minuten nach der Zeit, als Draco und Tracey hinter Professor Flitwick das Klassenzimmer für Zauberkunst betraten. Das unruhige Getuschel in der Klasse verstummte sofort und alle Augen hefteten sich auf sie. Natürlich gingen schon Gerüchte um, dass irgendetwas Schlimmes in den Slytherin-Kerkern vorgefallen war, etwas, das mehrere hausfremde Lehrer und die Schulheilerin auf den Plan gerufen hatte. Das hatte schon beim Frühstück für wilde Spekulationen gesorgt, die auch weitergegangen waren, während die Schüler auf Professor Flitwick gewartet hatten. Vor allem diejenigen, die in der ersten Stunde frei gehabt hatten, brannten darauf, Neuigkeiten zu erfahren, aber die Slytherins in Wahrsagen hatten auch nur sagen können, dass es um einen der Achtklässler ging. Sally-Anne war schließlich damit herausgerückt, dass es sich um Theodore handelte. Das und die Tatsache, dass Daphne und Tracey nicht da gewesen waren, waren die einzigen Erkenntnisse, die die Schüler, die Wahrsagen belegten, ihren Kameraden nach der ersten Stunde mitteilen konnten. Jetzt starrten natürlich alle Draco und Tracey an, als sie hinter Professor Flitwick erschienen, ihn bei Weitem überragend. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern und ihr Erscheinungsbild jagte den Siebt- und Achtklässlern einen Schreck in die Glieder. Bis dahin waren die Gerüchte vor allem aufregend gewesen, ein bisschen Ablenkung und Abwechslung vom Lernen für die UTZ-Prüfungen. Aber die drei sahen so blass und ernst aus, dass allen auf einmal klar war, dass das kein Spaß war, und nur die wenigsten wünschten den Slytherins wirklich Schlimmes. Vor allem Draco sah derangiert aus, und so folgten ihm alle Augen, als er mit leerem Blick zu seinem üblichen Platz nach hinten ging. Weil die Hose ungewöhnlich kurz war, fiel auf, dass er keine Socken in den Schuhen trug. Und überhaupt die Hose, der Stoff war viel glänzender als bei ihren Schuluniformen, weil es natürlich nicht die Uniformhose war, sondern die, durch einen glücklichen Zufall schwarze, Hose seines Schlafanzugs. Nach kurzem Zögern folgte Tracey ihm und setzte sich neben Draco auf Theodores leeren Platz, anstatt sich wie sonst neben Elvis Harper, dem Sucher der Quidditchmannschaft zu setzen. Es fühlte sich merkwürdig an, auf Theodores Platz zu sitzen, aber sie wollte Draco nicht allein lassen, sein abwesender Gesichtsausdruck beunruhigte sie.

„Meine lieben Schüler, bitte entschuldigen Sie die Verspätung.“ Professor Flitwick räusperte sich. „Um weiteren Gerüchten vorzubeugen und damit Sie sich auf den Unterricht konzentrieren, möchte ich kurz etwas zu dem Vorfall von heute Morgen sagen, zu dem ohne Zweifel zahlreiche Gerüchte im Umlauf sind. Ihr Mitschüler Theodore Nott wurde verletzt, ist jetzt aber außer Lebensgefahr und, wie Sie wissen, bei Madam Pomfrey in den besten Händen. Bitte sehen Sie davon ab, ihre Mitschüler, die Zeugen des Vorfalls geworden sind, mit Fragen zu belästigen, das Ganze war so sicherlich schon belastend genug.“ Sein Blick huschte zu Draco und Tracey in der letzten Reihe und offensichtlich hatte er noch sehr gute Augen, denn er stutze plötzlich und fragte dann: „Mr Malfoy, möchten Sie sich vielleicht noch die Hände waschen gehen?“

In der Tat waren Dracos Hände immer noch rostrot mit getrocknetem Blut verkrustet. Er reagierte erst nicht, aber als Professor Flitwick noch einmal nachhakte, explodierte er.

„NEIN!“, brüllte er, seine Stimme überschlug sich und brach schon beim ersten Wort, weil er heute schon zu viel geschrien hatte. „DIESES VERDAMMTE BLUT IST WERTVOLLER ALS ALLES ANDERE IN DIESEM SCHEIẞ RAUM!“ Er schnappte nach Luft. „Was, wenn das alles ist, was bleibt?“, keuchte er, viel leiser, so dass wahrscheinlich nur noch Tracey und die Schüler, die in der Nähe saßen es hören konnten.

„Oh Draco, ich weiß“, murmelte Tracey und versuche ihm über die Schulter zu streicheln. „Aber du musst aufhören, so von Blut zu reden, sie werden es falsch verstehen.“ Draco sah sie verständnislos an und Professor Flitwick sah beunruhigt zu ihm, offenbar erschrocken über seinen Ausbruch.

„Lass uns kurz rausgehen, ja?“, flüsterte Tracey und als Draco nicht reagierte, zupfte sie leicht an seiner Robe, worauf er ihr wie willenlos folgte. Sie führte ihn zurück in die Slytherin-Räume, sorgte dafür, dass er sich ordentlich anzog und brühte ihnen im Gemeinschaftsraum zwei Tassen starken Tee auf, so dass sie in der folgenden Zaubertränkestunde zumindest den Eindruck erwecken konnten, als nähmen sie am Unterricht teil, und Professor Slughorn hütete sich, ihnen Fragen zu stellen. In der Mittagspause rannten sie zum Krankenflügel, aber Madam Pomfrey sagte, Theodore sei noch nicht zu Bewusstsein gekommen und erlaubte ihnen nicht, ihn zu sehen. Tracey bestand daraufhin darauf, dass sie in die Große Halle zum Mittagessen gingen, schließlich hatten sie schon kein Frühstück gehabt. Sie setzten sich zu Daphne und Millicent, die gerade Astoria auf den neuesten Stand brachten. Über dem ganzen Slytherintisch schien eine dunkle Wolke zu schweben, obwohl die verzauberte Decke nur ein wenig Hochnebel zeigte. Obwohl er nichts gefrühstückt hatte, schob Draco nur seine Rote Bete auf dem Teller hin und her, die Farbe auf dem Teller erinnerte ihn schrecklich an die Schlieren von Theodores Blut im Wasser, bis es endlich spät genug war, dass er sich zu Verteidigung gegen die dunklen Künste verabschieden konnte.

Bis zum Abend hatte Theodore immer noch kein Bewusstsein erlangt, und die Erleichterung, die sich nachdem Madam Pomfrey ihn stabilisiert hatte in Draco ausgebreitet hatte, wich einer dumpfen Angst. Was, wenn er überhaupt nicht mehr zu sich kam? Er wusste, dass die Blutung noch nicht gestoppt war, das hätte Madam Pomfrey ihm sonst mitgeteilt, und er nur durch die ständige Gabe von Blutbildungstrank am Leben gehalten wurde. Wie lange war das überhaupt möglich? Gab es Berichte über solche Fälle? Draco wusste es nicht, und normalerweise hätte er solche Fragen Theodore gestellt, anstatt in der Bibliothek zu recherchieren. Zumindest gab Madam Pomfrey ihm anstandslos ein Fläschchen Traumlostrank, so dass Draco trotz Allem besser als sonst schlief.



Theodore blieb den ganzen Donnerstag bewusstlos, aber als Draco am Freitag nach dem Frühstück, beziehungsweise nach dem alibimäßigen Herumschieben von Rührei auf seinem Teller am Frühstückstisch, zum Krankenflügel kam, wurde er nicht von Madam Pomfrey am Eingang abgewimmelt und Theodore war wach. Er saß halbaufgerichtet mit einigen dicken Kissen im Bett, immer noch totenblass, aber mit einer Tasse Kaffee in der Hand.

Es gab ein dumpfes Geräusch, als seine Schultasche mit den schweren Büchern von Dracos Schulter glitt und auf dem Boden aufschlug. Theodore sah auf und verzog die Lippen zu dem schmerzlichen Versuch eines Lächelns. „Hey, Draco.“

Einen Moment blieb Draco wie angewurzelt stehen, dann stürmte er auf Theodore los. Er hatte den Augenblick, ihn wach zu sehen und sprechen zu hören in den letzten zwei Tagen herbeigesehnt wie nichts anderes in diesem Jahr, aber wenn er sich ausgemalt hätte, was er fühlen würde, wäre es wahrscheinlich anders gewesen, als es jetzt war. Denn was er fühlte, das alles, sogar die unglaubliche Erleichterung, überlagernde Gefühl, das er hatte, war Wut, blanke, rote Wut.

„Du verdammtes Arschloch!“ Er griff grob in Theodores Krankenflügel-Schlafanzug und schüttelte ihn hart, klirrend fiel die Kaffeetasse zu Boden und zerbrach. „Wie kannst du es wagen, mich hier allein zu lassen? Du bist so ein scheiß Egoist, was fällt dir eigentlich ein?“

„Mr Malfoy!“ Von seinem Geschrei und dem Gepolter aufgeschreckt kam Madam Pomfrey herbeigeeilt. „Mr Malfoy, was in Merlins Namen tun Sie da? Hören Sie sofort auf!“ Sie hatte schon ihren Zauberstab erhoben, um ihn magisch zurückzuziehen, aber Theodore hatte seine Arme um Dracos vor Wut zitternden Körper geschlungen und zog ihn an sich. Fast sofort hörte Draco auf, auf ihn einzuschlagen, alle Kraft schien aus ihm zu weichen. Theodore vergrub seine Finger in Dracos Haaren und er presste das Gesicht in seine Halsbeuge. Was Dracos Körper jetzt schüttelte, waren eher tonlose Schluchzer. „Es tut mir leid“, flüsterte Theodore. „Draco, es tut mir leid.“ Und Draco spürte, wie seine Stirn nass von Theodores Tränen wurde.

So lagen sie eine Weile. Nachdem sie sich versichert hatte, dass Draco ihrem Patienten keinen weiteren Schaden zufügen würde, hatte Madam Pomfrey nur still die zerbrochene Tasse repariert und den verschütteten Kaffee verschwinden lassen und war in ihr Büro zurückgegangen.

Es war aber ziemlich unbequem, und so rollte Draco schließlich zur Seite und stützte sich auf seinem Ellenbogen ab, um Theodore ins Gesicht sehen zu können, die Schatten unter seinen Augen waren dunkel wie nie, ein krasser Kontrast zu seiner bleichen Haut.

Was genau tut dir Leid?“, fragte er und fixierte Theodore mit seinem Blick. Der seufze und ließ sich in die Kissen zurücksinken. Er wich Dracos Blick erst aus, sah ihn dann aber doch an. „Dass du dir meinetwegen Sorgen machst. Dass du meinetwegen traurig bist. So war das nicht gemeint, das wollte ich nicht.“

Draco stöhnte und hätte ihn am liebsten wieder geschüttelt. „Du kannst dich nicht einfach drücken. Abgesehen davon, dass ich das ohne dich hier nicht durchstehe, kannst du doch nicht einfach sterben. Du bist neunzehn, verdammt, wir haben noch nicht mal richtig gelebt, wir müssen uns doch auf das Leben freuen“, sagte er gepresst.

„Ach ja?“, sagte Theodore scharf. „Dann sag mir doch, worauf ich mich freuen soll? Worauf denn, bitteschön? Auf ein Leben ohne Möglichkeiten? Von allen verachtet, für etwas, dass ich selbst nicht wollte, aber zu schwach war, zu verhindern?“ Draco wollte ihn unterbrechen, sagen, dass es egal war, was die anderen dachten, aber Theodore ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich kann es nicht mal ertragen, mir selbst im Spiegel in die Augen zu sehen, wie soll ich das je von anderen erwarten? Du hast ja wenigstens noch deine Eltern, aber ich? Auf mich wartet nichts und niemand, ohne mich ist die Welt ein besserer Ort.“

„Das ist nicht war“, flüsterte Draco entsetzt. Er kannte Theodore inzwischen in- und auswendig, und eigentlich hatte er gewusst, dass er sich so fühlte, aber es jetzt so klar ausgesprochen zu hören war wie ein Schlag mit einer Faust aus Eis.

„Ich habe übrigens gemeint, was ich gesagt habe“, sagte Theodore mit weicherer Stimme. „Dass ich stolz auf dich bin und dass du allein zurechtkommst. Ich hätte es nicht getan, wenn ich nicht sicher wäre, dass du ohne mich klarkommst.“

„Tja, das stimmt aber anscheinend auch nicht“, sagte Draco trotzig. Er packte Theodores Hand, die Unterarme waren dick verbunden, trotzdem zeichneten sich schon wieder rote Flecken ab, wo das Blut durchzusickern begann. „Versprich mir, dass du es nicht wieder tust.“

Theodore sah ihn an, sah dann weg, als ihm die Tränen in die Augen stiegen. „Ich kann nicht, Draco. Es tut mir leid.“

Draco stöhnte frustriert. „Du musst aber!“

Theodore sah ihn wieder an, betroffen von der Verletztheit in seinen grauen Augen, die er ausgelöst hatte. „Ich verspreche es für die Zeit, die wir zusammen in Hogwarts sind“, sagte er.

Draco schloss kurz die Augen, er wusste, ein besseres Versprechen würde er nicht kriegen, zumindest nicht jetzt. Langsam ließ er sich wieder zurück in die Kissen sinken. Er fühlte sich, als ob alles Böse und alle Grausamkeit der Welt auf ihm und Theodore lastete.


*Dank der großartigen Seite named weiß ich, dass der Name Nott in der Grafschaft Devon besonders häufig ist, deshalb habe ich Theodores Familie hier angesiedelt. Das Zentrum der Verbreitung liegt eigentlich etwas nördlich von Exeter, aber das düstere Dartmoor, das auch literarisch oft verwendet wurde, zum Beispiel in Doyles „Hund von Baskerville“, erschien mir als passendere Heimat.



Das war ein düsteres Kapitel. Wer mit jemandem sprechen möchte, aber nicht weiß, mit wem, kann sich an folgende Nummern wenden, auf den verlinkten Seiten gibt es auch die Möglichkeit, per Mail Kontakt aufzunehmen und zum Teil Chats:

Deutschland: 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123
Österreich: +43 142
Schweiz: +41 143
Luxemburg: 45 45 45
Südtirol: 0471 052 052
Belgien: +32 108

Das nächste Kapitel kommt am 6.2. und ist wieder fröhlicher, zumindest im Rahmen dieser nicht besonders fröhlichen Geschichte – es wird eine Party geben.
Review schreiben