Begin Again

KurzgeschichteRomanze / P12
Aoi Uruha
31.08.2019
31.08.2019
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Begin Again



Discalimer: Diese Geschichte ist ein Produkt von einem Fan für andere Fans. Ich verdiene damit weder Geld, noch besitze ich Rechte , das einzige, das mir gehört ist die Idee.

Sein warmer Atem kondensierte auf dem Spiegel und ließ sein Abbild verschwinden.

Mit einer Hand wischte Aoi darüber und starrte sich lang und hart in die Augen. Zweifel nagten an ihm, wie schon die ganze letzte Woche, nachdem er betrunken und im Affekt eine Anzeige für ein Blinddate online gestellt hatte. Er hatte es bereut, als er am nächsten Tag nüchtern und ungläubig auf die Bestätigungsmail in seinem Postfach geschaut hatte. Aber Aoi war ein Mensch, der zu seinen Entscheidungen stand.

Selbst zu den wirklich üblen, was ihn schon das eine oder andere Mal in eine – mild ausgedrückt – unangenehme Situation gebracht hatte.

Es würde sich ohnehin niemand melden, hatte er mit sich selbst argumentiert und die Sache in die letzte Ecke seines Gedächtnisses verbannt. Umso offener stand sein Mund, als er einen Tag später eine Anfrage für ein Treffen bekam. Er hatte die kleine harmlose Nachricht fassungslos angestarrt, während sie ihn schamlos dafür ausgelacht hatte. Mit zusammengebissenen Zähnen hatte er sie akzeptiert und ein paar Worte zurück geschrieben, die hoffentlich halbwegs höflich klangen. Wenn Aoi ehrlich war, dann wusste er es nicht mehr.

Stattdessen hatte er das folgende Wochenende wie ein Berserker gearbeitet und am Sonntag eine Doppelschicht angenommen, damit er Dienstag und Mittwoch frei haben würde.

Gestern, am Dienstag der Woche, wie er alles rund um das Blinddate nannte, war er dann einkaufen gewesen. Ein Blick in seinen Kleiderschrank hatte eher ein frustrierend-ernüchterndes Gefühl hinterlassen. So konnte er sich unmöglich jemandem präsentieren, den er zu einem Blinddate treffen würde. Nicht, dass sich Aoi etwas erhoffte, aber man musste ja auch nicht gänzlich als Individuum durchfallen, weil man aussah, als würde man nicht wissen, das es so etwas wie Stil und verschiedene Kleidungsoptionen gab.

Gott, es schien ewig her, dass er Sachen anprobiert hatte, die nicht auf Praxis und Langlebigkeit ausgelegt waren. Umso schwerer war es, sich nun auf eine Richtung festzulegen. Sollte er es klassisch aber leger angehen lassen? Oder lieber riskant und extravagant? Das Shakespeares war ein Ort des Multikulti und wurde von Studenten und Ärzten ebenso besucht, wie von Geschäftsleuten und Schriftstellern. Auch Aoi selbst ging gern dorthin. Er mochte die Atmosphäre dort und den Geruch nach frischem Kaffee und Gebäck. Außerdem gab es ein Klavier, an dem sich nicht selten begabte Künstler bedienten.

Allerdings hatte er sich in den letzten Monaten nie Gedanken um sein Aussehen gemacht – er achtete auf ein gepflegtes Erscheinungsbild, aber es musste nicht gleich Armani sein. Letztendlich entschied er sich für eine schlichte Stoffhose und ein weißes Hemd mit dazu passender Weste. Dieser Akt des Einkaufens hatte so viele seiner Nerven geraubt, dass er danach nur noch zum Friseur gegangen war und sich dort seinen Frust von der Seele geredet hatte.

Scott hätte es ihm ohnehin aus der Nase gezogen. Aoi konnte bei allem schwören, was ihm heilig war: der blonde Mann mit seinen grausamen Krawatten hatte durchaus einen Sinn für Stil und konnte darüber hinaus in allen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Er verpasste Aoi ungefragt eine Frisur, die frischen Wind in sein Styling brachte. Während die Farbe auf seinem Haupt wirkte, hatte Scott seine Sachen begutachtet, für gut befunden und eine Liste mit möglichen Accessoires in die Tüte geschoben.

Diese arbeitete Aoi am heutigen Morgen ab. Neben einem grauweißen Schal suchte er hochhackige Stiefel aus, in die er sich sofort verliebt hatte und schlagartig wurde ihm bewusst, wie lange es her war, dass er solches Schuhwerk getragen hatte.
Es kam Aoi wie eine Ewigkeit vor. Umso süßer war das Gefühl, als er sie nun anprobierte. Er liebte, wie das Leder sich um seine Wade schloss, das Geräusch des Reißverschlusses. Minuziös überprüfte er jede einzelne Schnürung und zog sie fest. Man würde sie unter den Hosen nicht sehen, aber das war ihm egal, es zählte allein das Tragen. Fertig bekleidet betrachtete er sich abermals kritisch im Spiegel und nach wenigen finalen Griffen entschied er, dass er so bleiben würde. Sein Blinddate würde mit ihm leben müssen.

Es war warm genug, dass er keine Jacke mitnehmen würde, doch wohin sollte er dann mit Schlüssel, Handy und Portemonnaie?

In der letzten Zeit hatte er Hoodies und Armeehosen lieben gelernt. Viele Taschen, viel Platz und nichts, dass man liegen lassen konnte. Hatte er überhaupt noch Handtaschen? Überlegend zog er die Unterlippe zwischen die Zähne und knabberte an ihr. Eine schlechte Angewohnheit, das wusste er, aber im Moment konnte er sich nicht beherrschen.

Seine Garderobe war nicht groß, bot Platz für zwei oder drei Jacken und wenige Paar Schuhe. Der Rest war in Kisten geräumt und akkurat beschriftet, weswegen es nicht lange dauerte, etwas zu finden, was er suchte. Er zog das Gebrauchte heraus und schloss die Kiste, bevor er den Rest sah, der sich darin befand.

Die gewählte Tasche hatte er vor Jahren auf einer Modemesse erworben und er fand sie bis heute ungeheuer stylisch. Sie war schwarz, aus glatten Leder und man konnte sie unter der Schulter eng am Körper tragen.

Nachdem er sie umgelegt hatte, beäugte er sich ein letztes Mal im Spiegel, doch die Tasche tat seinem elegant-lässigen Outfit keinen Abbruch. Sehr gut. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr und drei sehr tiefen Atemzügen verließ er seine kleine Wohnung.

Einen Fahrstuhl gab es in den Reihenhäusern hier nicht und die Treppenhäuser waren schmal geschnitten. Unglaublich schmal, um genau zu sein – Aoi wusste noch immer nicht genau, wie die Umzugsfirma seine Möbel in die dritte Etage bekommen hatte, ohne sie zu ruinieren.

Dafür war die Umgebung einfach herrlich. Sauber, gepflegt und ruhig, mit einer Metrostation, die nur wenige Minuten entfernt war und die ihn innerhalb von zwanzig Minuten ins Zentrum von London oder aber nach Camden brachte. Aoi liebte Camden, den Markt dort und die Atmosphäre. Es war ein Ort, mit dem er sich sofort verbunden gefühlt hatte und die Erinnerungen an den ersten Besuch dort brachten noch heute Tränen in seine Augen.

Nun aber lief er die Seitenstraße hinab und folgte der Hauptstraße, bis er das Café erreichte. Nervös blieb er im Eingangsbereich stehen und wünschte, dass er seine Zigaretten eingesteckt hätte. Was für eine beschissene Idee gerade jetzt damit aufzuhören und enthaltsam zu sein. Er atmete tief durch, zupfte an seinen Hosen, seinem Hemd, dem Schal, seinen Haaren. Es brachte nichts, machte es eigentlich nur noch schlimmer.

„Oh Gott“, wisperte er, die Augen geschlossen.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er würde wohl kaum einen guten Eindruck machen, wenn er sich vor Nervosität in den nächsten Blumenkübel erbrechen würde. Vielleicht war es noch nicht zu spät, sich einfach herum zu drehen und in die entgegensetzte Richtung zu sprinten? So etwas kam doch sicherlich öfter vor, oder? Und er kannte den anderen Mann ja gar nicht, also musste er kein schlechtes Gewissen haben, wenn er ihn versetzte. Aoi zog die Lippe zwischen die Zähne, dann seufzte er. Er konnte es nicht. Brachte es einfach nicht über sich, die Hoffnungen zu zerschlagen, die sich der Andere vielleicht machte. Selbst wenn es zwischen ihnen nicht funktionieren würde, wäre das wahrscheinlich sanfter und schonender, als sein Blinddate gar nicht zu treffen. Vermutlich würde sich sein Date selbst die Schuld an der Situation geben und den Gedanken ertrug Aoi noch weniger.

Immerhin wusste er, wie es war, über Stunden hinweg auf jemanden zu warten, nur um am Ende doch allein in ein kaltes und einsames Apartment zurück zu kehren.

Noch einmal holte Aoi tief Luft. Er stand zu seinen Entscheidungen. Auch den Üblen.

„Komm schon. Geh rein. Setz dich. Warte auf ihn, verdammt.“

Er setzte sich in Gang, seine Schritte schwer und unstetig, als würde er durch einen Morast stampfen und es war mit einem Seufzen der Erleichterung, als Aoi seinen Hintern endlich auf einem Stuhl parken konnte. Auf dem Tisch stand ein kleines Arrangement aus Essig, Öl und mehreren Gewürzstreuern, die sofort Opfer von Aois nervösen Händen wurden, während sein Blick ziellos durch das Shakespeares glitt und schließlich an der Tür haften blieb.

Sie hatten kein Zeichen verabredet und sich nur eine kurze Beschreibung des jeweils anderen gemailt. Deshalb wusste Aoi, dass sein Blinddate groß, schlank und braunhaarig war. Nicht unbedingt außergewöhnliche Attribute, aber er machte sich dennoch keine Sorgen. Er würde ihn erkennen, denn er war japanischer Abstammung. Genau wie er selbst.

~~~~

Uruha schob die Schlüssel zum Haus seiner Familie in seine Tasche, mit der freien Hand tippte er auf das Display seines Handys, damit die Musik startete.

Eigentlich sollte er sich nun umdrehen und die paar Treppenstufen hinab laufen, sich dann nach links wenden, damit er zur Metro kam, die ihn zum Treffpunkt mit seinem Date bringen würde. Stattdessen starrte er einfach geradeaus, während die Sängerin in seinen Ohren über ihre Kindheit sang und sich fragte, wohin ihr Herz gegangen wäre und wie unfair dieser Tausch mit der realen Welt wäre.

Es war ein Gefühl, dass Uruha nur zu gut kannte.

Seine Augen brannten und er realisierte, dass er kurz davor stand zu weinen. Abrupt wischte er sich übers Gesicht, um verräterische Spuren zu tilgen. Doch das Gefühl blieb hartnäckig bestehen und ließ ihn beben. Sein gesamtes Leben lang war er offen und positiv gewesen, einem Kind gleich, dass in jeder noch so kleinen Begebenheit Wunder und Staunen finden konnte. Er hatte sich diese unschuldige Sichtweise bewahrt und niemals daran gedacht wirklich erwachsen zu werden.

Für ihn waren alle Menschen große Kinder, unterdrückt in ihrer Passion und dazu erzogen, sich im Ernst des Lebens keine Blöße zu geben. Er hatte diesen Ernst des Lebens kennen gelernt. War von ihm mit der Gewalt eines Vorschlaghammers getroffen worden.

Er wäre nicht mehr willkommen, war ihm gesagt worden. Dass er seine Taschen packen und verschwinden solle, dass ihr gemeinsamer Traum nichts weiter als ein Luftschloss gewesen wäre.

Nicht einmal eine letzte Umarmung ließ man zu, seine Tränen waren missachtet worden, als man ihm aus dem Apartment geworfen hatte. Dort hatte er einige Stunden taub und benommen vor der Tür gesessen. Sein ganzes Leben lag in einem einzigen Trümmerhaufen zu seinen Füßen und alles, was in seinem Geist noch zu existieren vermochte, war diese kleine, fragile Stimme, die immer und immer wieder nur eine Frage wisperte:

Was soll ich jetzt nur tun?

Seine Schwester hatte ihn ab- und zurück nach Hause geholt. Hinein in die familiäre Liebe, die die blutende Wunde mit einem Verband aus Zuneigung und Nähe abgedeckt hatte und sie doch nicht vollständig heilen konnte. Uruha wollte niemanden mehr so nah an sich heran lassen – seine erste große Liebe war ein totales Desaster gewesen und er glaubte einfach nicht mehr daran, dass es jemanden für ihn gab. Eine Person, bei der er sich geborgen fühlen, die ihn auffangen und in der er Stärke finden konnte. Und die er im Gegenzug halten konnte, wenn es seine Aufgabe war standhaft zu sein. Ein Felsen im Sturm, wie die Schwingen eines Adlers, die sich schützend um ihr Küken schlossen.

Uruha hätte alles für Jonathan getan. Alles. Er hatte sich für ihn verbogen, immer zurück gesteckt und es gern getan. Den Anderen lächeln zu sehen, seine Lippen auf seiner Stirn zu fühlen, das war es gewesen, was an seinem Herzen gezogen hatte und was ihn auch jetzt noch zum weinen brachte. Denn er vermisste es. Vermisste die Nähe, das Streicheln von Händen, leise Liebkosungen in den frühen Stunden des Morgens, dann, wenn die Welt absolut dunkel war.

Deswegen war er sich nicht sicher, wie Akemi es geschafft hatte, ihn dazu zu überreden, sich auf dieser Webseite anzumelden.
Er hatte auf dem Bett gelegen und ein Kissen umarmt, während sie durch die Anzeigen scrollte und interessante Kandidaten vorlas. Am Ende hatte er sich nur für diesen Aoi entschieden, weil er auch japanischer Herkunft war und Uruha sich wenigstens ein nettes Gespräch über ihre Heimat erhoffte.

Er hätte es vergessen, aber Akemi sorgte dafür, dass er zu ihrem Schneider ging, um sich einen neuen Anzug fertigen zu lassen. Sie hatte die Krawatte ausgesucht und ihm eingebläut, sich ja an seine Manieren zu erinnern. Um ein Haar hätte sie ihm seine Kopfhörer weggenommen, wo er doch niemals ohne sie aus dem Haus ging. Doch sie konnte seinen bettelnden Blick nie widerstehen und so konnte er sich an seiner Musik halten, als er sich einen Ruck gab und endlich los lief.

In der Metro blieb er stehen. Er fuhr nicht weit, hatte er gedacht. Allerdings begann er diese Entscheidung gerade ganz gewaltig zu bereuen. Er war den ganzen Morgen nicht nervös gewesen und nun fühlten sich seine Knie an, als würden sie sich jeden Moment in Gelee verwandeln. So hing er praktisch im Handgriff der Metro und musste einen Krampf aus seiner Hand schütteln, als er dem Zug verließ. Leise fluchte er, als er die Treppen hinauf lief und in den hellen Sonnenschein trat. Er blieb dort wie festgefroren stehen und erst, als ihn ein kleines Kind anrempelte und ihn dafür auch noch empört ansah – so als wäre es seine Schuld, dass er hier nutzlos in der Gegend herum stand – lief er einige Schritte, sodass er niemandem mehr im Weg stehen konnte.

Er konnte das Shakespeares von seinem Standpunkt aus sehen, also war es total gerechtfertigt, dass er hier weiter stehen blieb und es erst einmal ausgiebig studierte.

Das Café lag an einer Ecke, seine Fassade war in einem satten Grün gestrichen, aus der braune Elemente als Highlight herausgearbeitet worden waren. Tische und Stühle standen auf dem gepflasterten Gehweg, umrahmt von Blumenkästen in denen bunte Blumen wie Farbtupfer leuchteten. Er schirmte seine Augen mit einer Hand ab, suchte zu erkennen, ob sein Date vielleicht schon anwesend war, aber auf diese Entfernung war es unmöglich genaue Gesichtszüge auszumachen.
Im Näherkommen sah er zwei Frauen in der hinteren rechten Ecke des Außenbereichs, die sich ein Eis bringen ließen und einen Mann zwei Tische daneben, der aber mit seinem Aktenkoffer und dem aufgeklappten Laptop hundertprozentig Banker oder Geschäftsmann war. Der letzte, sitzende Herr auf der anderen Seite der Tische war wohl auch kein Kandidat – es sei denn Aoi stellte sich als untersetzter Fünfzigjähriger heraus, dessen schütteres Haar kaum mehr den ganzen Kopf bedeckte.

Uruha hoffte wirklich dass dem nicht so war.

Sein Player wechselte in diesem Moment auf das von ihm geliebte Empire of Angels, ein monumentales Instrumentalstück, unter dem er den Mut sammelte, die letzten Meter zu gehen. Kurz vor dem Shakespeares zog er die Kopfhörer aus den Ohren und sah sich noch einmal um.

Im Inneren des Cafés saßen mehr Gäste: eine Familie mit Kindern im hinteren Bereich, an den Fenstern junge Studenten und eine Gruppe an Geschäftsleuten, deren Tisch unter den Bergen von Akten zusammenzubrechen schien. Ganz in der Ecke war noch ein Fensterplatz frei und Uruha wollte gerade darauf zusteuern, da sah er, dass sich am Tisch gegenüber ein junger Mann erhob, dessen Blick eindeutig auf ihn gerichtet war.

Schien als hätte er sein Date gefunden. Jetzt galt es wohl und mit einem letzten tiefen Durchatmen hob Uruha seine Hand in einen stummen Gruß, ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen.

~~~~

'Oh Gott.'

Aoi war sich ziemlich sicher, dass er gleich einen Herzinfarkt bekommen würde. Oder einen Hirnschlag. Oder, dass er umkippen würde. Dagegen klang das Kotzen in einen Blumenkasten bei nochmaliger Betrachtung doch gar nicht so schlecht.

Er rang sich ein Lächeln ab, von dem er sich nicht sicher war, ob es nicht wie eine Grimasse aussah, dann streckte er dem anderen eine Hand hin, wobei er sich gleichzeitig nach japanischer Art verbeugte.

„Hi!“, begrüßte er den anderen Mann in einem Tonfall, der mit Sicherheit einige Oktaven über seiner eigentlichen Stimme lag, „Ich bin Aoi.“

„Uruha.“

Ihre Finger trafen sich in einer Art Handschlag, weil sich Uruha ebenfalls verbeugte und dann ließen sei einander los, als würde der jeweils andere in Flammen stehen. Aoi räusperte sich nervös und Uruha begutachtete die Decke des Shakespeares.

'Na toll. Den ersten Eindruck hast du schon einmal vergeigt.' Innerlich krümmte sich Aoi zusammen, dann herrschte er sich an, sich zusammenreißen. Nach einigen Malen Schlucken war es ihm auch möglich, um den Klumpen in seinem Hals herum zu sprechen.

„Vielleicht, uh, sollten wir uns...“ Er brach ab, versuchte es noch einmal. „Möchtest du dich setzen?“

Ein ruckartiges Nicken und dann griffen sie beide nach dem gleichen Stuhl und wohl auch mit dem gleichen Ziel: Sie wollten dem jeweils anderen den Stuhl etwas vorziehen. Ihre Finger streiften sich abermals, sie beide erstarrten und sahen sich verdutzt an. Schließlich lachte Uruha leise und lächelte Aoi an.

„Darf ich?“

Aoi nickte und ließ die Rücklehne los, damit Uruha ihm den Stuhl vorziehen konnte. Er ließ sich helfen, sich zu setzen und bedankte mit einem schmalen Lächeln, als auch Uruha sich gesetzt hatte und sie beide erneut Blickkontakt zueinander hatten.

„Vielen Dank. Und bitte verzeih das Chaos eben.“

Zu seiner Überraschung weitete sich das Lächeln Uruhas. Es war unglaublich liebenswert. Es betonte die Wangen und ließ Grübchen an den Mundwinkeln entstehen, sodass sich das gesamte Gesicht des anderen Mannes erhellte. Aoi hatte den Impuls, sein Telefon aus der Tasche zu ziehen und es in einem Bild festzuhalten.

„Es ist in Ordnung.“ Ein kurzes, schüchternes Senken des Blickes. „Immerhin wissen wir nun, dass wir beide Manieren an den Tag legen können.“

Die Worte, der Sinn für Humor entlockten Aoi ein kurzes, ungewolltes Lachen und er fand, dass es dieses Mal einfacher war, Uruha ein Lächeln zu schenken, als er dem anderen die Karte reichte. Es erschien ihm nach der Sache mit dem Stuhl nur als fair. Über den Rand seiner eigenen Speisekarte hinweg beobachtete er Uruha. Aoi selbst wusste auswendig, was es hier gab und deswegen wusste er auch, was er essen würde.

Seine Gedanken kehrten zu dem Stuhl zurück. Wie eine Kinderschar, die mit den Finger auf etwas zeigte. Uruha mochte es für normal gehalten haben, den Stuhl seines Gegenübers zurück zu ziehen. Manieren, wie er es genannt hatte. Eine Geste eines Gentleman. Und er hatte Recht, es gehörte zur guten Schule, doch für Aoi war es alles andere als normal. Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft er in seinem gesamten Leben so nett behandelt worden war. Das letzte Mal war verdammt lang her, eine verschwommene Erinnerung an einem Tag im Regen. Begleitet von einem Lächeln, in das sich Aoi sofort verliebt hatte. Kurz blinzelte er, trennte die Erinnerung und Uruhas Geste, schluckte die Gefühle herunter, die einen Kloß in seinem Hals gebildet hatten. Aoi hatte fast vergessen, wie gut es sich anfühlte, solch eine kleine Aufmerksamkeit zu erhalten, wie erwünscht man sich vorkam.

Sonnenlicht berührte Uruhas Haare und ließ in dessen Braun goldene Reflexe entstehen, als dieser sich nach dem Klavier herumdrehte. Dort hatte sich soeben ein junger Mann mit einem beeindruckenden Lockenkopf gesetzt und ließ nun fließend und weich die Finger über die Tasten gleiten. Eine warme Melodie angefüllt mit dem Geruch der Blumen, Kaffee und Tee und der vielen Kuchen des Shakespeares erfüllte die Luft und ließ Aoi augenblicklich entspannen. Uruha drehte sich wieder zu ihm herum, den Kopf leicht auf die Seite gelegt – fast wie ein neugieriger Welpe, was Aoi irgendwie fesselnd fand.

„Passiert das hier öfter?“

Es war Aoi nicht ganz klar, aus welchen Grund Uruha annahm, dass er das Café öfter besuchte, bis er realisierte, dass dieser wahrscheinlich gesehen hatte, dass er die Karte nur pro forma fest gehalten und überhaupt nicht angesehen hatte. Leichte Röte legte sich auf seine Wangen, als er sich ein weiteres Mal räusperte.

„Ja. Das Klavier steht hier jedem zur freien Verfügung und bisher hatten wir das Glück, dass alle, die daran saßen auch wussten, was sie machen müssen.“

„Dann habe ich recht vermutet. Wie oft bist du hier?“

Aoi lächelte in Erinnerung an die vielen Tage und Abende, die er hier verbracht hatte. Es hatte tolle Momente gegeben, voller Freude oder auch stillen Genuss. Er hatte hier Junggesellenabschiede beobachtet, Heiratsanträge und Feiern, die das bestandene Studium begossen oder Verträge, die hier ihrem Abschluss fanden. Rückblickend konnte man sagen, dass das Shakespeares wohl einer der Orte war, an den er sich heimisch fühlte und deswegen hatte er es wohl auch als Treffpunkt ausgewählt.

Diese unschuldige und unbewusste Entscheidung flammte nun auf einmal in riesigen Buchstaben auf und ließ Aois Magen einen wirklich üblen Purzelbaum schlagen.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Ein Treffen auf neutralem Boden wäre so viel besser gewesen. Was sollte er denn nun machen, wenn Uruha es hier nicht gefiel? Vorschlagen, dass sie auch woanders hingehen konnten? Sollte überhaupt er etwas vorschlagen oder sollte er das lieber Uruha überlassen? Unter dem Tisch zupfte Aoi mit einer Hand an der Ecke des Tischtuchs und dann, weil er Angst hatte, dass man das sah, wieder an seiner Hose. Er schuldete Uruha eine Antwort und sie klang letztlich weit sicherer, als er sich fühlte. Aoi konnte geradezu stolz darauf sein!

„Ich denke zwei bis vier Mal in der Woche. Es liegt auf dem direkten Weg zu meiner Arbeit und ich mag die Scones hier. Es gibt nirgendwo bessere.“

Eine schmale Braue Uruhas wanderte nach oben.

„Tatsächlich? Dann werde ich dich beim Wort nehmen und sie kosten. Wie ist die Clotted Cream?“

Aoi Mundwinkel hob sich, derweil Uruha noch einmal die Karte studierte. Wie machte das der andere Mann nur? Ein Blick, eine Geste und Aois eben noch flatternde Nerven beruhigten sich. Vielleicht lag es daran, dass er in dem milden Tonfall des Braunhaarigen keine Anklage, keine Verachtung hören konnte. Uruha gab ihm eine Chance, urteilte nicht über ihn, nahm ihm nicht einmal den vergeigten Start ihres Treffens übel.

„Fast so gut wie meine eigene“, erwiderte er deswegen von einem Anflug von Mut beflügelt. Er konnte kochen und liebte es zu backen. Es war die eine Sache, auf die er immer stolz sein würde und von der er auch wildfremden Menschen wie Uruha erzählte. In dessen Augen lag nun ein Funkeln, das vorher nicht dagewesen war. Ein kleines bisschen Freude, weil sie noch am gleichen Tisch saßen? Sympathie? Vielleicht sogar die Hoffnung auf einen netten Nachmittag? Aoi wusste es nicht, aber das Funkeln gefiel ihm. Es ließ die brauen Augen wirken, als würde ein Sonnenstrahl durch Bernstein fallen, hell und warm und Gott, wirklich beeindruckend schön.

„Wenn das gerade ein Angebot war, mit zu dir zu kommen – dass sollte man auf dem ersten Date eigentlich vermeiden.“

Diese Antwort! Aoi liebte sie. Witzig, verspielt und so, so mutig! Sie glitt durch ihn, erwärmte sein gesamtes Sein und gab ihm ein derart wohliges Gefühl, dass er in diesem Moment beschloss, Stunden mit Uruha verbringen zu können. Und die Antwort tat noch etwas mit ihm: Sie ließ sie ihn lachen. So lachen, wie er es seit Wochen nicht mehr getan hatte. Den Kopf in den Nacken geworfen, dunkel, fröhlich und mit allem das er besaß.

~~~~~

Was für eine Wandlung Aoi gerade vor seinen Augen vollzog!

Verschwunden war der junge Mann, der so nervös gewesen war, dass er Uruha kaum in die Augen gesehen hatte und an seiner Stelle trat nun dieses Individuum, dessen Lachen den gesamten Raum erhellte und das so anziehend und mitreißend war, dass Uruha sich fühlte, als würde er in Sonnenlicht gebadet auf einer Waldlichtung stehen.

Die dunklen Augen funkelten und zogen ihn in seinen Bann – er war absolut gefesselt von ihnen, mehr noch, als von dem weiten Lächeln, das ihm nun geschenkt wurde und das sicher nicht nur ein Mädchenherz hatte schwach werden lassen.

„Du weißt, wie man das Eis bricht, das muss ich dir lassen.“ Aoi schenkte ihm ein vergnügtes Zwinkern. „Das hätten wir gleich machen sollen.“

Uruha konnte nicht anders, als zu lächeln.

„Ja“, stimmte er zu. „Das wäre wirklich gut gewesen.“

Sie unterbrachen ihr Gespräch, als Kate kam. Die Bedienung arbeitete hier, so lange Aoi das Café besuchte, ihr wildes rotes Haar in einem Dutt auf ihrem Kopf gesteckt und mit den gleichen Blumen akzentuiert, die auch in den Blumenkästen draußen wuchsen.

„Was kann ich euch bringen?“

„Ich nehme kleine Etagiere mit Scones, bitte“, begann Uruha, bevor sie nun stundenlang darüber diskutierten, wer als erstes seine Bestellung aufgeben durfte, „dazu nehme ich eine doppelte Portion Clotted Cream. Wie ist der Milchkaffee?“

„Exzellent“, erwiderte Kate ohne Zögern und Uruha sah auch Aoi aus dem Augenwinkel nicken, weswegen ihrer Bedienung ein warmes Lächeln schenkte.

„Dann einen Milchkaffee.“

Wie Uruha schon im Vorfeld vermutet hatte, wusste Aoi ganz genau, was er bestellte und er hegte sogar den Verdacht, dass auch Kate es wusste und die explizite Aufnahme der Schokoladenpastete und des zweiten Milchkaffees eine kleine Show war, die Uruha zu liebe gespielt wurde. Es war niedlich irgendwie.

„Darf ich fragen, ob du in England geboren bist?“

Aoi lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schien nun entspannter und wie auch sein Lachen war die Pose, behaftet mit natürlicher Eleganz, faszinierend und anziehend. Es überraschte Uruha, wenn er ehrlich war. So war er im Normalfall nicht und schon gar nicht nach Jonathan. Aber Aoi hatte etwas an sich, das Uruha ein gutes, sicheres Gefühl gab. Fast, als würde er dem anderen bereits vertrauen. Unerklärlich.

„Nein, ich bin erst vor sieben Jahren hergekommen.“

„Und woher kommst du ursprünglich?“ Aoi wechselte fließend auf Japanisch und Uruha war sich nicht sicher, ob der kurze Aussetzer in seinem Herzschlag daher rührte, dass er seine Muttersprache hörte, oder weil Aois Stimme einen ganz anderen Klang bekam, dunkel und samten, wie das Schnurren einer Großkatze. „Vielleicht stammen wir sogar aus der gleichen Gegend.“

„Ich stamme ursprünglich aus Kanagawa.“ Auch Uruha sprach nun Japanisch. „Aber mein Vater kam aus geschäftlichen Gründen hier her. Wir folgten ihm zwei Jahre später und ich bin an der Universität angenommen worden. Was ist mit dir?“

„Meine Mutter stammt aus Mie. Wir sind hergekommen, als ich vierzehn war.“ Aoi machte eine kleine Pause, spielte mit dem Essig, indem er ihn hin und her drehte. „Ab und an fliege ich zurück, vor allem, um die Kirschblüte ansehen. Das ist es, was ich am meisten vermisse, muss ich sagen.“

„Ja, ich auch.“ Allein darüber zu sprechen, brachte den zarten Geruch der zerbrechlichen Blüten und Uruha lächelte, vielleicht ein wenig wehmütig und gleichzeitig mit etwas, das er als zärtlich beschreiben würde. Wie eine Verbindung zu Aoi, die ihn beinahe vorschlagen ließ, dass sie eine solche Reise gemeinsam machen sollten. Gleichzeitig erschreckte ihn genau dieser Gedanke, diese Spontanität und er räusperte sich, suchte nach einem anderen Thema. Aoi war damit schneller.

„Was studierst du?“

„Uh, ursprünglich Agrarwissenschaften, aber ich habe mich nach zwei Semestern gelangweilt und bin zu den englischen Literaturwissenschaften gewechselt.“

„Wow, das ist aber ein ganz schöner Richtungswechsel.“

„Stimmt wohl“, gab Uruha zu. „Aber meine Schwester sagte, dass ich schon immer wankelmütig war.“

Und wieder lachte Aoi dieses fantastische Lachen und Uruha kam nicht umhin darüber zu staunen. Aoi schien ihn tatsächlich witzig zu finden. Etwas, das Jonathan an ihm kritisiert und sich stets über seinen fehlenden Sinn für Humor beschwert hatte.

„Schwestern haben immer recht, habe ich mir sagen lassen. Egal ob's die Großen oder die Kleinen sind.“

„Hast du auch Geschwister?“

„Nein, nicht mehr.“ Aois Augen verdunkelten sich in Kummer und sein Kinn bebte einen Moment. „Sie ist gestorben, als sie vier Jahre alt war.“

Uruhas Herz schmerzte für den anderen Mann. Er wüsste nicht, was er machen sollte, würde er Akemi oder Toshiko verlieren. Er streckte seinen Arm über den Tisch, drückte Aois Hand.
„Es tut mir aufrichtig leid.“ Für Aois Verlust und für das Fettnäpfchen, in das er getreten war, obwohl er es nicht hätte ahnen können.

„Du konntest es nicht wissen“, beeilte sich Aoi zu beschwichtigen. Uruha fiel auf, dass er Aois Hand noch immer fest hielt und dieser keinen Muskel regte, um sich ihm zu entziehen. Wenn Uruha ehrlich war, dann wollte er das gar nicht. Es war angenehm, dieser Körperkontakt. Selbst wenn sich Uruha in seinen eigenen Handlungen nicht wiedererkannte, nicht so recht verstand, was hier gerade passierte.

Kate kehrte mit ihrer Bestellung zurück und der Moment zwischen ihnen brach. Aoi lächelte die Rothaarige an und Uruha lobte das köstliche Aussehen der Scones und der vielen kleinen Marmeladen, die dazu gereicht wurden. Darüber hinaus kam ihm die doppelte Potion Clotted Cream eher wie die dreifache Menge vor, aber er würde sich sicher nicht darüber beschweren.

„So“, begann er, als er sich eines der weichen Teiggebäcke aufgeschnitten und dick bestrichen hatte. „Was hälst du von einem Thema, das hundertprozentig sicher ist? Musik zum Beispiel?“

Aoi grinste, als er seine kleine Pastete anschnitt und die erste Gabel voll mit genüsslichen Seufzten vertilgte.

„Ich weiß nicht recht. Musik kann auch ein ganz schönes Mienenfeld sein, wenn du zu denen gehörst, für die es nur die eine richtige Musik gibt.“

„Nah.“ Uruha schob die Unterlippe nach vorn und schüttelte den Kopf. „Ich bin da ganz locker und höre im Grunde alles. Das Genre ist mir egal, es ist der Song, der mich berühren muss. Verstehst du?“

„Ja. Ja, ich glaube, ich weiß, was du meinst.“ Aoi lächelte Uruha über ihren Tisch hinweg an und nahm einen weiteren Bissen seiner Pastete. „Aber trotzdem: Keinen Lieblingskünstler, oder so?“

Uruha überlegte einen Moment. Es war schwer sich zu entscheiden. Er biss sich kurz auf die Unterlippe, dann nickte er für sich.

„James Taylor.“

~~~~~

Wieder musste Aoi grinsen. Scott würde ihm niemals glauben, dass er einen anderen Menschen gefunden hatte, der James Taylor nicht nur kannte, sondern sogar als Lieblingskünstler einstufte.

„Ehrlich, jetzt?“ Er deutete mit der Gabel auf Uruha. „Das ist so cool, muss ich sagen. James ist der Beste.“

Uruha lachte und schnitt sich den nächsten Scone auf. „Absolut! Ich glaube, es gibt nichts, was ich nicht von ihm habe!“

„Das glaub dir ich nicht!“

„Kannst du ruhig.“ Uruha zwinkerte ihm fröhlich an. „Sag mir, wie ich es dir beweisen kann?“

Aoi musste nicht lange überlegen. Er aß das letzte Stück seiner Pastete, trank einen Schluck Kaffee und verkündete seinem Gegenüber anschließend, dass er ihm einen Song vorsingen würde. Alles, was Uruha dann noch tun musste, war ihn zu erkennen. Dieser willigte nicht nur ein, er kam mit seinem Stuhl um den Tisch herumgerutscht, damit sie ihre Köpfe zusammenstecken und er Aoi besser summen hören konnte.

Diese plötzliche und ganz unerwartete Nähe ließ Aoi schwindeln. Wie alles andere an Uruha war sie angenehm, warm und unglaublich vertraut. Aoi konnte ohne Zweifel sagen, dass er sich einem anderen Menschen noch nie so schnell geöffnet hatte, wie es bei Uruha gerade geschah. Hier saßen sie nun, ohne auf ihren persönlichen Raum zu achten, wie Freunde, die sich ihr ganzes Leben kannten und das obwohl ihre erste Begegnung nicht einmal eine Stunde her war.

Weniger als sechzig Minuten reichten, damit Aoi beschloss, dass er mindestens Uruhas Telefonnummer abstauben musste, bevor sie sich heute voneinander verabschiedeten. Nun aber summte er leise, stieg dann in die ersten Lyrics von You got a friend ein. Es brauchte nur eine Zeile, dann konnte Uruha ihn textsicher begleiten. Aois Mundwinkel hob sich und er sah, dass sich sein Lächeln in Uruhas Zügeln spiegelte.

„Okay, das ist wirklich beeindruckend“, stellte Aoi fest, nachdem er noch vier weitere Songs angesungen hatte und Uruha jeden einzelnen quasi augenblicklich erkannt hatte.

„Ich muss sagen, ich finde es viel beeindruckender, dass du so viele Lieder von ihm kennst. Ich hab noch nie jemanden getroffen, der mit meiner eigenen Sammlung konkurrieren konnte.“

Das Kompliment ließ Aois Herz flattern. Gott, auch das hatte er vergessen. Wie gut es tat, wenn man ob seiner Leidenschaften positiv bedacht wurde, anstatt verspottet zu werden. Wenn man sie offen ausleben durfte, anstatt sie zu verstecken. Niemand hatte ihm je gesagt, dass man seine Musiksammlung zu James Taylor beeindruckend fand. Im mildesten Fall hatte man ihn belächelt und ihm gesagt, dass er sich moderner Musik zuwenden sollte. Aber das wollte Aoi gar nicht. Er war immer offen für neues, aber er würde nie seine alten Werte und Leidenschaften vergessen.

„Das kann ich nur zurück geben.“

Uruha strahlte ihn an, als er sich endlich ein Stück weit von ihm löste, aber nicht zurück an seinen ursprünglichen Platz rutschte. Aoi stellte fest, dass sich so des öfteren ihre Beine streiften, was ihn in keinster Weise störte. Er trank den letzten Schluck seines Kaffees, deutet mit einem Kopfnicken auf Uruhas Glas.

„Magst du noch etwas trinken?“

„Gibt es denn noch etwas, dass du empfehlen kannst?“

„In der Tat.“ Aoi zwinkerte. „Lässt du dich überraschen?“

„Seit ich hier mit dir sitze, überrascht mich alles, was passiert“, antwortete Uruha, wobei seine Wangen rot wurden. Schien, als wäre diese Aussage nicht für Aois Ohren bestimmt gewesen. Es ließ sein Herz angenehm aufgeregt in seiner Brust hüpfen. Gott, es war fast wie damals und augenblicklich stieg Aoi der Geruch von Regen in die Nase. Er verdrängte ihn so schnell es ging. Er wusste nicht, ob die emotionalen Parallelen, die er gerade fühlte und die ihn an Kahlin erinnerten, gut oder schlecht waren, aber er würde nicht zulassen, dass sich der andere Mann jetzt in seine Gedanken schob. Das mit Kahlin war vorbei. Nun war Uruha wichtig und der, auf den er sich konzentrieren würde.

„Dann gebe ich mir Mühe, dich jetzt nicht hängen zu lassen.“ Aoi zwinkerte ein weiteres Mal. Vielleicht schaffte auch er es, Uruha wieder zu entspannen, so wie es vorhin umgekehrt der Fall gewesen war. Denn gerade studierte dieser verlegen die Decke, sah ihn aber auf seine Worte hin an und lächelte sogar. Aoi hob eine Hand, um Kate zu sich zu rufen. Diese beugte sich auf seine Bitte zu ihm, so dass er ihr seine Bestellung ins Ohr wispern konnte. Sie lächelte, nickte und verschwand in die Küche. Uruha sah ihr neugierig nach, dann beschäftigte er sich damit seine Clotted Creme mit Marmelade zu garnieren und aufzuessen.

Wenn Uruha jemals zu ihm nach Hause kam, überlegte sich Aoi, dann würde er ihm etwas kochen, das auf jeden Fall Creme und Früchte enthielt. Es war ein wenig unheimlich, wie angenehm der Gedanke an zukünftige Unternehmungen war. Monatelang hatte Aoi nichts und niemanden an sich heran gelassen, hatte gedacht, dass Liebe nichts anders tat als zu brechen, zu brennen und Seelen zu zerschmettern und nun war Uruha da und machte es so furchtbar einfach sich zu öffnen.

Bei dieser Sympathie, die Aoi spürte, war es leicht, sich vorzustellen, dass sie zu mehr wurde. Eine Freundschaft? Eine Liebelei? Egal, was es auch sein mochte, Aoi sah es beginnen, hier und jetzt, an einem Mittwoch in einem Café. An einen so normalen Ort und geboren aus Umständen, auf die Aoi nicht gerade stolz war. Er hatte bereut, aber es durchgezogen und Gott, er war froh darüber!

Kate kam mit zwei hohen Gläsern zurück, deren Inhalt grasgrün war. Uruha zog eine Braue in die Höhe, als er das Getränk vor sich zu stehen hatte. Er betrachtete das Glas von beiden Seiten, so als würde sich dadurch etwas am Inhalt ändern – es war niedlich, irgendwie. Letztlich landete der Blick wieder auf Aoi.

„Ich weiß nicht, ob ich mutig genug bin, etwas zu trinken, dass nicht so aussieht, als ob man es trinken sollte.“

Aoi lachte, streckte die Hand aus, um den kleinen Obstspieß, der das Glas dekorierte, perfekt auszurichten.

„Hilft es dir, wenn ich dir sage, dass es mein Lieblingsdrink hier ist?“

Uruha wiegte den Kopf nachdenklich hin und her, nickte dann.

„Doch, ja, das hilft.“ Mit diesen Worten nahm er das Glas auf, saugte kurz am Strohhalm, kostete und tat dann einen derart genüsslichen Laut, dass Aois nicht umhin kam, weit zu lächeln. Ja, genau so hatte er das erste Mal auch reagiert.

„Gut, oder?“

„Unglaublich gut! Was ist das?“

„Es hat verschiedene Namen, aber ich hab ihn bei meinen deutschen Kumpels unter „Grüne Wiese“ kennen gelernt. Der hier ist alkoholfrei, was man von meiner Version damals nicht gerade behaupten kann.“

In Uruhas Augen blitzte es vergnügt. „Ich wittere eine gute Story.“

„Wenn ich jetzt so darauf zurückblicke ist sie etwas peinlich, aber damals fand es furchtbar klasse.“ Als sich Uruha auf seine Worte ein Stück weit nach vorn beugte und unglaublich interessiert an dieser Anekdote schien, fasste Aoi den Mut, tatsächlich zu erzählen, was passiert war. Denn im Grunde hatte er befürchtet, dass Uruha nur eine Floskel daher gesagt hatte, doch dem schien nicht so. Nicht wie mit Kahlin, am Ende, als es eigentlich schon vorbei war und Aoi es nur nicht zulassen konnte.

„Es ist zwei Jahre her. Ich war im Sommer in der Welt unterwegs, hing zwischen den Jobs und musste einfach mal weg, Energie tanken und so. Ich hatte kein bestimmtes Ziel, war in ganz Europa mal hier und mal da. In Berlin bin ich dann kurzzeitig in eine WG gezogen, um ein bisschen zu jobben. Karl, Tim und Paul waren Studenten für Biochemie und oben drauf leidenschaftliche Köche. Sie haben es geschafft mich anzustecken.“

Aoi grinste, was von Uruha erwidert wurde.

„Wie dem auch sei. Paul arbeitete an den Wochenenden in diesem Club, dem Sparkle. Um ständig neue Cocktails anbieten zu können, hat er viel in der WG herum experimentiert und wir waren seine Opfer, die die Resultate trinken mussten. Seine Wiese war eigentlich mehr Rum als alles andere, aber Gott, es hat so gut geschmeckt, wie es in der Kehle gebrannt hat. Also waren wir alle innerhalb kürzester Zeit betrunken. Und kamen auf die geniale Idee von der Brücke zu springen, die es ein paar Straßen weiter gab. Wollten uns im Fluss abkühlen, weil es extrem heiß war. An Badehosen haben wir natürlich nicht gedacht.“

Uruhas Grinsen wurde noch weiter und wirklich, es war nicht schwer zu erraten, was nun kommen würde. Aoi nickte heftig.

„Ja, du denkst genau richtig. Wir sind zur Brücke und haben blank gezogen. Haben 'nen Haufen Fotos gemacht und sind gesprungen. Problem an der Sache: Paul hat die Bilder auf Facebook geteilt. Wir haben die nächsten Monate damit zugebracht, alle Spuren zu tilgen, aber das Internet vergisst bekanntlich niemals.“

„Also könnte ich über dich mit nacktem Hintern stolpern, wenn ich am surfen bin?“

Aoi rieb sich etwas verlegen den Nacken.

„Ja, das könnte dir passieren.“

„Wäre bestimmt eine lohnende Suche.“

~~~~~

Kaum das die Worte seinen Mund verließen, fühlte Uruha wie seine Wangen zu glühen begannen. Warum hatte er das gerade gesagt? Das war überhaupt nicht seine Art! Aois Wangen waren ebenfalls rot geworden, aber zu Uruhas riesiger Erleichterung war er nicht im Begriff vom Tisch aufzuspringen und vor ihm wegzurennen. Eher im Gegenteil, denn nach dem ersten Schockmoment erschien ein wunderbares, weites Lächeln auf den charmanten Zügen seines Gegenübers.

„Das ist schon das zweite Mal, dass du sowas sagst. Man könnte fast meinen, du willst mit mir flirten.“

Dabei wurden auch Aois Wangen röter, aber gleichzeitig hob er ein bisschen das Kinn, wie um sich selbst zu bekräftigen. Das machte es einfacher, ihm zu antworten.

„Vielleicht will ich das auch? Du bist ein sehr attraktiver Mann.“

Aois Grinsen schwand und wurde zu einem echten, warmen Lächeln, das wie ein warmer Sommerregen auf Uruha hinabfiel. Oh Gott, ja, diesem Lächeln würde er über kurz oder lang verfallen.

„Das kann ich nur zurück geben.“

Uruhas eigenes Lächeln war ebenso ehrlich das seines Gegenübers. Dieses Treffen, es war so anders, als er befürchtet hatte. Statt eine Stunde steif in einem Stuhl zu sitzen und Floskeln auszutauschen, die weder er noch sein Date ernst meinten, hatte er diesen jungen Mann gefunden, der witzig, charmant aber auch unbeholfen und niedlich war. Aoi nahm nicht nur sein Aussehen wahr, er hörte ihm zu und er ließ sich auf Uruha ein und wenn er ganz, ganz ehrlich mit sich selbst war, dann hatte er sich nicht einmal bei Jonathan so wohl gefühlt. Das mit Aoi und ihm, es war natürlich. Anders konnte es Uruha nicht für sich beschreiben. Es war, als würde er nichts vor dem anderen verstecken müssen und wenn dieser nach seiner Hand greifen würde, nur so, als Idee, dann würde er sicher nichts dagegen haben.

Er strich sich durch den Pony, versuchte ihn aus der Stirn zu kämmen, aber wie üblich erreichte er damit nur, dass es ein größeres Wirrwarr auf seinem Kopf gab als vorher.

Aoi lachte, dann erhob er sich halb und strich einige der Strähnen glatt, die er anschließend in die richtige Richtung zupfte.

„Erzählst du mir auch 'ne Story?“ Er wackelte mit den Augenbrauen. „Ich hätte da vielleicht auch noch die eine oder andere auf Lager.“

Uruha hob etwas hilflos eine Schulter, plötzlich wieder schüchtern. „Ich weiß nicht. So spannend wie dein Leben ist meins nicht.“ Er zupfte an seiner Serviette herum, faltete sie dann unter seinem benutzen Besteck. „Ich hocke eigentlich nur in meiner Wohnung.“

Aoi summte überlegend, dann hob er eine Augenbraue. „Erzähl mir von der ersten CD, die du dir jemals gekauft hast.“

„Die erste CD? Oh mein Gott, das ist ja schon Ewigkeiten her. Lass mich nachdenken. Das war, ja, das war so ein Mix von verschiedenen Künstlern, Trance, wenn ich mich recht erinnere. Ich dachte damals noch, dass ich mich dem Geschmack meiner Klassenkameraden anpassen muss, also bin ich los und hab in einem Second Hand Store wahllos zugegriffen. Von den Künstlern kannte ich niemanden und hab eher danach entschieden, ob mir das Cover gefällt oder nicht. Als ich dann zu Hause war und die CDs durchgehört habe war das Ergebnis ungefähr: Joa, ganz nett... nein, nein, nope, auf keinen Fall, geht so.“

Aoi summte beipflichtend. „Das kenn ich zu genüge. Es gab da diese Rockband, die mein Kumpel richtig cool fand. Er zeigte mir ein, zwei Songs – die gar nicht so übel klangen – und meinte: Hey, die sind auf Tour hier, magst du mitkommen, Liveacts sind doch immer was für dich. Und ja klar, bin ich mit hin, weil ich Livemusik wirklich extrem liebe und dann stand ich auf dem Konzert, umgeben von diesen schwarzen Massen, die alle irgendwie größer und breiter als ich waren und je länger das Konzert ging, desto mehr wollte ich nur noch raus da. Es war grausam und ich total überfordert. Nach dem Konzert habe ich gesagt: nie wieder. Ich werde mir diese Band nie wieder anhören, geschweige denn auf ein Konzert von ihnen gehen.“

„Und? Hast du deinen Schwur eingehalten?“

„Nö.“ Aoi grinste. „Sie sind zu meiner Lieblingsband aufgestiegen.“

Uruha schnaubte amüsiert. „Nette Wandlung deiner Einstellung.“

„Hey ich kann da nichts dafür! Nachdem ich aus dem Konzert gewankt bin, weil mein Gehör total kaputt war und lautstark verkündet habe, das ich nie wieder auch nur einen Titel höre, hat Tat eine Wette mit mir abgeschlossen. Und ich kann Herausforderungen wirklich nicht widerstehen.“

„Eine Wette also? Um was ging es?“ Uruha lehnte sich wieder etwas in seinem Stuhl nach vorne, einfach, weil er sich unglaublich zu Aoi hingezogen fühlte, wenn dessen Augen so voller Schelm leuchteten, wie jetzt gerade.

„Tat sagte: Aoi, Alter, gib mir drei Wochen und du bist Fan. Wenn ich verliere, bekommst du mein Bike, wenn ich gewinne, dann musst du mit mir das Artwork an der Brücke machen, um das du dich ständig herum zu drücken versuchst. Und ich, total von mir selbst überzeugt, hab ihm 'nen Vogel gezeigt und gesagt, dass ich das Ding ja schon in der Tasche habe. Ich hab mich geirrt. Und musste mit an Tats Projekt arbeiten. Vier volle Monate.“ Aoi holte sein Telefon hervor. „Willst du's sehen?“

Und ob Uruha es sehen wollte. Er nickte und nahm Aois Telefon, der ihm einen Ordner geöffnet hatte. Das Bild auf dem Display zeigte eine knallbunte Brücke, die aus der Luft fotografiert worden war. Erst als Uruha sie länger betrachtete, begann er in dem Wirbel aus Farben Formen zu erkennen, die zum Teil Buchstaben und zum Teil Gesichter darstellten.

„Wisch einfach nach rechts, wenn du noch mehr Bilder sehen willst.“

Er tat es. Es folgten Unmengen von Bildern, die ihr Augenmerk auf die Details legten. Sätze wie Kreativität ist nur der Anfang und Verwirkliche dich selbst waren in aufwendigen Buchstaben geschrieben worden, die Anfangsbuchstaben mit Ornamenten und Blumen verziert. Es erinnerte stark an das Buch seiner Schwester, in dem man verschiedenste Schriften für Karten und dergleichen erlernen konnte. Handlettering nannte sich das wohl, nur das Aoi und sein Kumpel die XXL-Variante produziert hatten.
Uruha war beeindruckt von der Schaffenskraft, dem Durchhaltevermögen und dem Ergebnis. Aber als er einige Bilder weiter wischte, begann er zu grinsen. Wirklich es ging nicht anders. Das Bild zeigte Aoi, abgeseilt an der Brücke hängend, ein Tuch um den Kopf, um den Pony zurück zu halten. Er trug kein Oberteil und jede Stelle an der man hätte Haut sehen können war mit Farbe zugeschmiert. Selbst im Gesicht und auf der dunklen Sonnenbrille sah man Farbspritzer.

„Wolltest du Teil der Brücke werden?“

„Nah. Das waren die Jungs, die dachten, es sei lustig Paintball zu spielen. Mit mir als Zielscheibe.“

Es war so trocken, so herrlich voll von Humor, dass Uruha einfach lachen musste. Er verbarg das Lachen hinter seiner Hand, aber Aoi sah es trotzdem und spiegelte es. Er streckte sich sogar über den Tisch, um die Finger um sein Handgelenk zu schieben und so sein Lachen wieder sichtbar zu machen.

„Es gibt nichts, was du verstecken musst. Du hast ein wundervolles Lachen.“
Uruha wurde so schnell rot, dass es erstaunlich war, dass keine Flammen aus seinen Ohren schlugen. Was sollte er denn darauf sagen? Er räusperte sich sehr verlegen und suchte nach einem Themenwechsel. Irgendwas und das ganz schnell. Brücken. Brücken und Aoi, das war gut.

„Du hast aber auch so eine Sache mit Brücken zu laufen, oder? Ich meine, von der einen springst du runter, die andere malst du knallbunt an. Gibt's da noch mehr, von dem ich wissen sollte?“

Aoi lachte.

„Ja, das eine oder andere schon.“ Ein Zwinkern. „Aber ich kann ja nicht alles beim ersten Date ausplaudern, oder?“

Okay, dieses Mal konnte man bestimmt die Flammen sehen. Er leuchtete so sehr, dass er einen dunklen Raum hätte erhellen können. Verdammt, dieses Hin und Her! Mal so, als ob er noch nie einen Freund gehabt hätte, mal, als ob Aoi und er schon Jahre miteinander vertraut waren. Er konnte sich nicht erinnern, dass das bei Jonathan genauso gewesen wäre.

Uruha wusste, dass er genau jetzt eine Entscheidung zu fällen hatte. Entweder er lehnte Aoi an dieser Stelle ab, oder er ließ sich auf ihn ein. Gegen ersteres wehrte sich sein Herz heftig, aber sein Kopf war mit der zweiten Entscheidung noch nicht ganz so sicher. Er wollte besser abwägen, sich mit dem wenn und aber und was wäre auseinander setzen.

Am Ende entschied sein Bauch, der offensichtlich eine direkte Verbindung zu seinem Mundwerk hatte, das am heutigen Tage ja schon ein paar Mal sehr lose gewesen war.

„Soll das heißen, du willst mich wiedersehen?“

„Sehr gerne sogar.“ Aoi griff über dem Tisch nach seiner Hand, streichelte einen Moment behutsam darüber und kaute gleichzeitig besorgt auf seiner Unterlippe herum. „Aber du musst es auch wollen. Ich will dich zu nichts verpflichten und ein zweites Treffen muss auch nichts heißen, okay?“

„Okay.“ Uruha drehte seine Hand, sodass er ihre Finger ineinander verhaken konnte. „Ich würde mich freuen. Willst du, uh, meine Nummer haben?“

„Wir wär's wenn wir sie uns gegenseitig geben? Dann ist der eine nicht von der Antwort des anderen abhängig.“

„Okay. Ja, doch, is' ne gute Idee.“ Uruha nickte abermals, zog sein Handy aus der Tasche und entsperrte es. Aus dem Augenwinkel beobachtete wie Aoi das Gleiche tat, einen Moment durch die Menüs glitt und dann kurz tippte, bevor er das Blackberry wieder zu ihm rüber schob.

„Hier, trag dich einfach ein.“

Uruha tat es, machte dann auch seine Kontaktliste auf und erstellte einen neuen Eintrag. Er speicherte und rief Aoi zur Sicherheit kurz an. Die Nummer stimmte, also aktualisierte er das Chatprogramm und fand Aoi und sein wirklich niedliches Profilbild. Er wehrte sich gegen den Impuls, es sofort größer zu machen und eingehend zu betrachten, sondern steckte sein Handy weg. Das würde er sich für heute Nacht aufheben.

Aoi trank den letzen Schluck seines Getränks, legte dann den Kopf schief. Ein Mundwinkel war in einem halben Lächeln gehoben, was frech und gleichzeitig richtig heiß aussah. Gott, Uruha fühlte praktisch wie sein Kopf schon wieder zu glühen begann. Aoi sprach es aber nicht an, sondern deutete zur Tür hinüber.

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kann langsam nicht mehr sitzen. Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang? Hier in der Nähe gibt es einen Park und die beste Eisdiele in ganz London.“
Uruha hob eine Braue. „Das beste Eis? Bist du dir sicher?“

„Bei meiner Seele“, schwor Aoi mit so ernsthafter Miene, als würden sie einen Staatsvertrag unterschreiben. „Wenn ich mich irre, dann...“ Er machte eine kurze Pause, musste wohl nachdenken. „Dann darfst du mir eine Aufgabe geben, die ich auf jeden Fall lösen muss.“

„Das klingt fair.“ Auch Uruha trank aus und rückte den Stuhl etwas zurück, damit er aufstehen konnte. „Ich verschwinde mal kurz um die Ecke.“

„Mach das. Einfach rechts neben dem Tresen lang und die Treppe runter.“

Er folgte der Beschreibung und nutzte beim Händewaschen einen Moment, um sich das Gesicht abzuspülen und an seinen Haaren herum zu zupfen. „Du fühlst dich wohl mit ihm“, murmelte er und starrte sich hart in die Augen. „Es läuft besser, als du dachtest. Viel besser. Also bau jetzt keine Scheiße, kapiert? Du hast die letzten acht Monate gedacht, das Liebe nur weh tut und jetzt hast du vielleicht die Chance, dass es dieses Mal anders ist.“ Er kroch noch näher an den Spiegel heran, sodass er sehen konnte wie seine Pupillen größer wurden. „Lass ihn nicht gehen!“

Er atmete tief ein, stieß sich vom Waschbecken ab und ging zurück zu Aoi. Dieser saß noch an ihrem Tisch, aber eine Serviette war ihm zum Opfer gefallen – sie lag in Dutzenden traurigen Kügelchen auf dem kleinen Teller, auf dem auch das Glas der grünen Wiese stand. Als Aoi ihn registrierte, räusperte er sich und dann stand auch auf.
„Ich hab schon bezahlt“, verkündete er, als er sich vor den Tisch schob und seine Tat zu verstecken suchte. „Können also gleich los gehen.“

Uruha nickte, ging erst vor, aber nachdem sie außerhalb des Cafés ein Stück miteinander gegangen und in eine der ruhigen Seitenstraßen eingebogen waren, hakte er sich spontan und mit wild klopfenden Herzen bei Aoi unter. Er lächelte ihn weit mutiger an, als ihm tatsächlich zumute war.

„Ist das okay?“

~~~~~

Aoi drückte sanft die Hand, die in seinem Ellenbogen lag, gegen seinen Körper ruhte und summte. „Ja, alles ist gut. Komm, es ist echt nicht weit.“

Trotzdem ließ er sich Zeit und zeigte Aoi die schönen Gebäude auf ihrem Weg. Zum Beispiel gab es gleich vorne an der Ecke eine alte viktorianische Vila, die man himmelblau angestrichen hatte. Im Vorgarten blühten dazu im herrlichen Kontrast rote und gelbe Rosen. Bienen und Schmetterlinge flogen zwischen ihnen umher und machten den Garten herrlich lebendig.

Kurz vor dem Park gab es ebenfalls eine Reihe an fantastischen Gärten. Bei jedem blieben sie stehen und studierten die Blüten. So erfuhr Aoi auch, dass Uruha Gladiolen und Rittersporn liebte und dass seine Lieblingsfarben Grün, richtig intensives Pink und Silber waren. Aoi war da etwas schlichter, mit seinem Blau und Schwarz, aber daran, so sagte Uruha zumindest, konnte man ja arbeiten.

Eines der Häuser hier war ebenfalls neu angestrichen worden. Gelb wie die Sonnenblumen, die den kleinen Weg zur Haustür säumten. Abermals blieben sie stehen, beide mit recht ungläubigen Blick.

„Vielleicht ist es so, damit sich die Bewohner nicht grämen, wenn es den Rest des Jahres regnet“, wisperte Uruha schließlich und Aoi hatte Mühe, sein Kichern leise und gedämpft zu lassen. Uruhas weites Grinsen half dabei kein Stück und am Ende zog er ihn einfach mit sich um die nächste Ecke. Dort allerdings konnte er sich nicht halten und lachte was das Zeug hielt. Es war so heftig, dass er sich vornüber krümmte. Uruha stützte ihn und schien schwer mit sich selbst zufrieden.

Im Schatten der Bäume seufzte Uruha leise, nachdem sie den Park betreten hatten und Aoi konnte es nachfühlen. Die Sonne brannte recht heiß vom Himmel und in ihr zu laufen war anstrengend. Uruha hatte bereits sein Jacket ausgezogen und über den Arm gehangen, jetzt öffnete er die Knöpfe am Ärmel, um diese nach oben zu rollen.

Und verdammt, Uruha sah so gut in dem hellen Hemd aus. Der reine Wahnsinn.

Gemeinsam schlenderten sie den Weg entlang zur Eisdiele, die direkt an einem kleinen See lag. Einige Tische und Stühle standen davor. Sie waren alle ausnahmslos besetzt, aber Aoi hatte sowieso nicht vorgehabt, hier bei all den Besuchern zu sitzen. Er kannte einen besseren Ort. Nun aber führte er Uruha erst einmal an den Tresen und ließ ihn die Auswahl betrachten.

Mary-Ann stand heute dahinter. Er kannte die Studentin seit letzten Sommer und wusste, dass sie sich anfangs mehr von ihm erhofft hatte, vor allem, als sie ein paar Mal miteinander tanzen gewesen waren. Und sie war hübsch, keine Frage. Klug und Charismatisch und ihre Sommersprossen extrem niedlich. Aoi fand sie süß, wirklich, aber mehr als Freundschaft gab es da nicht zwischen ihnen. Nichtsdestotrotz war ihre Beziehung kameradschaftlich geblieben und als sie ihn sah und vor allem sah, mit wem er da war, hielt sie beide Daumen in die Luft. Aoi erwiderte es und grinste, dann lehnte er sich zu Uruha, um über dessen Schulter ebenfalls die Eissorten zu betrachten.

„Schon was gefunden?“

Uruha wackelte nachdenklich mit dem Kopf. „Ich weiß nicht recht. Es sieht alles so gut aus.“ Er drehte den Kopf, um Aoi über die Schulter hinweg anzusehen. „Was isst du hier am liebsten?“

„Cranberry, Granatapfel und Schokolade“, erwiderte Aoi und sah Mary-Ann grinsen.

„Meistens auch in genau dieser Kombination“, mischte sie sich ein und angelte bereits nach einer Waffel mit Schokoladenkern. „Auch wenn ich mich redlich bemühe, ihn von anderen Sorten zu überzeugen. Bisher leider erfolglos.“

„Du kannst dein Glück ja bei mir probieren. Was würdest du mir empfehlen?“

„Irgendwelche Allergien, die ich beachten müsste?“

„Nein, gesund und munter und bereit alles zu essen, was man mir rüber reicht.“

Sie lächelte weit, studierte Uruha einen langen Moment, dann ihr Eissortiment. Schließlich griff sie zu einer normalen Waffel, füllte in dieses Mandel- und Haselnusseis, dass sie mit einer Kugel Milchkaffee zudeckte, dann streute sie Krokant und warmes Karamell über ihr Arrangement. Sie reichte die Waffel an Uruha, der sie erst etwas hilflos drehte, um die richtige Stelle zum probieren zu finden. Dann aber seufzte er in puren Genuss.

„Großartig“, sagte er an Mary-Ann gerichtet, als er das Eis bezahlte und sich anschließend zu Aoi herum drehte. „Du hattest recht, es ist wirklich das beste Eis in London.“

Aoi brummte zufrieden, als er an seinem eigenen Eis leckte. „Freut mich, dass ich dich überzeugen
konnte.“


„Sie hat ihren Teil dazu beigetragen. Sogar mehr als du, möchte ich meinen.“

„Aua!“ Aoi griff sich gespielt getroffen an die Brust. „Das war jetzt hart.“

Uruha lachte und fing einen Tropfen Karamell mit dem Finger auf, lutschte an diesem. „Ich kann direkt sehen, wie sehr es dich getroffen hat.“ Er sah sich neugierig um, als er Aoi folgte. „Wohin gehen wir?“

„Du wirst schon sehen. Es ist mein geheimer Ort hier.“ Aoi zwinkerte und brach nach wenigen Metern vom strikt gepflegten Sandweg auf die Wiese aus. Er hielt direkt auf eine Gruppe von Trauerweiden zu, deren tiefhängende Äste er für Uruha beiseite hielt und diesen mit einem Kopfnicken aufforderte voran zu gehen. „Nur zu.“

Uruha tat es und einen Moment später hörte Aoi das überraschte Einatmen. „Oh wow“, sagte Uruha, als Aoi ihm folgte und sich im Kreis herum drehte. „Damit hätte ich jetzt aber nicht gerechnet.“

Es war eine Wiese mit Wildblumen, gut geschützt von allen Seiten, sodass man sie von außen nicht sehen konnte. Aoi hatte sie auch nur gefunden, weil er vor den Trauerweiden gestolpert und sein Handy im hohen Bogen hier rein gepflogen war. Sogar zum See kam man von hier, der Aois Ziel war. „Ich war das erste Mal auch überrascht.“ Er zog die Hosenbeine so hoch, dass er die Stiefel und Socken ausziehen konnte. „Sie wollen so die natürliche Vielfalt erhalten und eigentlich soll man hier nicht herum springen.“

„Du verführst mich also zu illegalen Handlungen.“ Uruha aß sein Eis weiter, wog aber nachdenklich den Kopf. „Ich sollte in Zukunft vorsichtiger damit sein, dir einfach so zu folgen.“

„Ja, vielleicht“, gab Aoi mit einem Grinsen zu. „Aber dann weißt du auch nicht, was du vielleicht verpasst.“ Seine Hose hoch gerollt ging er ins Wasser, zischte erst, weil es im Schatten der Bäume recht kalt war und seufzte anschließend, weil es gut tat, die Zehen in den weichen Sand zu graben.

„Das stimmt allerdings. Hach, immer diese schweren Entscheidungen.“ Uruha war näher gekommen, betrachtete Aois Stiefel, dann Aoi selbst und dann schlüpfte er ebenfalls aus Schuhwerk und Socken, um die Füße ins Wasser zu tauchen, wofür er sich allerdings an den Rand des Sees setzte. „Aber eins weiß ich schon mal definitiv.“

„Ah ja? Und das wäre?“

Uruha strich mit einen Finger über einen der Stiefel, hob ihn an, um ihn genau anzusehen, dann lächelte er zu Aoi hinauf.

„Du hast einen tollen Geschmack was Schuhe angeht. Und beim nächsten Mal treffen wir uns da, wo ich mich auskenne.“

Der Schwarzhaarige grinste verlegen, ob des Kompliments und wie Uruha im Café überging er es, bevor er sich wieder in das stotternde, unfähiges Wrack vom Anfang ihres Treffens verwandelte. „Ich freu mich darauf.“

Uruha summte, schloss einen Moment die Augen, schien nur zu genießen, wo sie hier waren, bis er unvermittelt in seiner Tasche wühlte und das Handy zu Tage förderte. Er hob es etwas in die Höhe und sah Aoi fragend an.

„Ich hab meiner Schwester ein Bild versprochen. Würde es dich stören?“

„Nein, überhaupt nicht. Soll ich mich in Pose werfen?“

Uruha lachte und öffnete die Kamera des Telefons.

„Nein, bleib einfach so.“

Es war ein Foto gegen die Sonne, aber es musste dennoch gut genug sein, denn Uruha sah noch einen langen Moment auf das Display, bevor er das Handy schwer zufrieden weg steckte und an seiner Eiswaffel zu knabbern begann. Aoi war schon weiter als Uruha und hatte inzwischen den Schokoladenkern am unteren Ende seiner Waffel erreicht. Er ließ sich neben Uruha fallen, drehte etwas den Kopf, um das Profil des anderen Mannes zu studieren. Einfach nur wahnsinnig anziehend. Aoi riss sich los, indem er nach seinem eigenen Handy suchte.

„Darf ich auch eins machen?“

„Klar.“

Uruha straffte die Schultern, nahm offenbar ganz unbewusst seine „Fotopose“ ein und war dann doch überrascht, das Aoi ein Selfie von ihnen beiden machte. Mit dem Ergebnis unzufrieden, verlangte Uruha eine Wiederholung, die darin resultierte das über zwanzig verschiedene Fotos entstanden. Die ersten waren noch anständig, doch dann wurden sie immer alberner miteinander. Es war so natürlich, wie alles an ihrem Treffen heute. Aoi lächelte Uruha an, als er ihm einen Blatt aus den Strähnen zog.

„Ein letztes Foto?“

Der Blonde nickte, schnappte sich Aois Telefon, und legte sich dann in das Gras. Er klopfte neben sich auf dem Boden, damit Aoi sich zu ihm gesellte, was dieser tat. Ihre Schultern hatten sich auch in all den anderen Bildern bereits berührt, doch jetzt neigte Uruha auch den Kopf, sodass ihre Schläfen gegeneinander ruhten. Es löste ein Kribbeln in Aoi aus, das bis in seine Zehenspitzen hinunter wanderte. In ihm brannte der Wunsch, beide Arme um Uruha zu schlingen und ihn fest an sich zu ziehen. Es war schwer ihn zu unterdrücken und so konzentrierte er sich darauf, in die kleine Kamera zu schauen und kurz vor dem Abdrücken die Zunge heraus zu strecken.

Es erzielte die gewünschte Wirkung. Wie auch schon bei den Fotos zuvor, Uruha brach in extrem liebenswertes Kichern aus, weswegen das zweite Foto verwackelte. Das Dritte zeigte nur ihre Stirn, im Vierten waren sie gar nicht zu sehen. Aoi griff mit an das Handy um es ruhiger zu bekommen, aber es war vergebens, weil er ja auch lachte. Irgendwann schafften sie es dann doch und Aoi wusste in dem Moment, in dem er das Bild sah, dass es das Beste von allen war und dass er es Stunde um Stunde ansehen würde. Vielleicht sogar einrahmen und damit seiner Wohnung den ersten persönlichen Touch geben.

Endlich bereit, mit der Vergangenheit abzuschließen und in die Zukunft zu blicken. Er drehte den Kopf, um wieder zu Uruha zu schauen, dann schnaubte er amüsiert.

„Wie machst du das nur?“, wunderte er sich, während er wieder einmal allerlei Natur aus den langen hellen Strähnen befreite. „Das ist ja schon fast ein Fluch.“

„Ich würde es ja eher als etwas positives betrachten. Wie du siehst, fliegt selbst die Natur auf mich.“ Uruha zwinkerte ihm frech zu und setzte sich dann auf, um auf seine Uhr zu sehen. „Ich sollte langsam zurück fahren.“

Aoi nickte zustimmend. Die Sonne stand tief am Himmel und ein recht frischer Abendwind brachte einen Schauer mit sich, der Aois ganzen Leib hinunter wanderte. Dagegen half nur bewegen, also stand er auf und streckte Uruha seine Hand hin, um auch ihn auf die Füße zu ziehen.

„Ich bringe dich noch zur Metro und laufe von da“, teilte Aoi mit, als sie ihre Schuhe wieder anzogen.

„Was, fragst du mich nicht, ob ich auf einen Kaffee mit zu dir komme?“

Uruha wackelte verspielt und anzüglich mit den Brauen, weswegen Aoi amüsiert schnaubte.

„Nope.“ Er hielt Uruha die Zweige der Trauerweide beiseite, damit sie zurück auf dem Hauptweg des Parks gelangen konnten. „Das wäre zu klischeehaft und außerdem weiß ich nicht, ob du dich zwischen lauter Umzugskartons wohl fühlen würdest. Hab nicht mal ne Couch, die ich dir zum sitzen anbieten könnte, sondern nur mein Bett. Du siehst mein Problem?“

„Durchaus“, erwiderte Uruha mit einem ernsten Nicken. „Ein Bett ist kein guter Ort, um Kaffee zu trinken. Und wahrscheinlich hast du nur das lösliche Pulver, das einem den ganzen Magen zersetzt, korrekt?“

Aoi lachte kurz und bellend. Gott, er liebte Uruhas Humor. Dieser hakte sich abermals bei ihm ein und während sie den Park verließen und langsam die kleinen Straßen entlang liefen, überlegte Aoi, ob es klug war, zu erklären, warum seine Wohnung nach Monaten noch immer so aussah, als wäre er gestern erst eingezogen und warum er es nicht über sich brachte, die meisten seiner Kisten anzufassen und auszupacken.

Es gab einfach zu viele Erinnerungen. Es war ja nicht einmal so, dass es schlechte Erinnerungen waren, nein, eher im Gegenteil. Und das machte sie auch so schlimm. Aoi war bis jetzt nicht bereit gewesen, sich mit ihnen auseinander zu setzen und auch nicht mit dem Wehmut, die mit ihnen kamen. Gott, Zorn wäre so viel leichter. Aber daran konnte er sich nicht halten, hatte es noch nie gekonnt.

„Weißt du was mich interessiert?“

Uruhas Frage riss ihn aus seinen Gedanken und er räusperte sich kurz, hoffend, dass es nicht zu sehr aufgefallen war, dann hob er eine Braue, die Uruha stumm bedeutete, weiter zu sprechen.

„Was du so zu Weihnachten machst?“

Aoi blinzelte überrascht. Er hatte ja mit vielem gerechnet, zum Beispiel, wo genau er wohnte, ob er Tiere besaß und welche Farbe sein Bettzeug hatte, aber nicht damit. „Uh“, antwortete er unsicher, „das kommt ganz darauf an, würde ich sagen. Meist bin ich bei meiner Mutter, damit sie nicht allein hier ist. Alle paar Jahre fliegen wir nach Japan. Warum fragst du?“

Uruha hob eine Schulter. „Ich musste nur gerade an diese Tradition denken, die wir in der Familie haben und hab mich gefragt, ob es bei dir was vergleichbares gibt, oder ob ich der einzige bin, der Jahr für Jahr das Gleiche durchstehen muss.“

Ein theatralisches Seufzen folgte, dann ein Kopfschütteln als wäre es pure Grausamkeit, der man Uruha aussetzen würde. Aois Mundwinkel hob sich.

„Was musst du machen? Singen? Socken stricken?“

„Schlimmer.“ Dieses Mal warf sich Uruha sogar in eine dramatische Pose, was Aoi breiter grinsen ließ. „Wir schauen Filme. Und zwar immer und immer wieder die gleichen. Jedes. Einzelne. Jahr.“

Aoi stöhnte in absoluten Beileid. Einmal, weil es von Uruha erwartet wurde, aber auch, weil der andere Mann ihm wirklich leid tat. Diese Tradition hatte es bei ihm zwischendurch auch gegeben. Zwei Jahre lang. Doch als klar wurde, dass sich niemand außer dem Großvater vor dem Fernseher einfinden würde, wechselte man zurück auf die Gesellschaftsspiele, die man schon die Jahre davor gespielt hatte und die alle erfreuten.

„Was musst du ertragen? Dinner for one? Die Weihnachtsgeschichte? Das letzte Einhorn?“ Nun war es Aoi, der sich schüttelte. Er hatte nichts gegen diese Filme, wenn man sie dosiert und über das Jahr verteilt sah. Aber um die Weihnachtszeit flimmerten und fluteten diese rund um die Uhr über den Bildschirm und das konnte er einfach nicht ertragen. „Oder geht es noch schlimmer?“

Kevin allein zu Haus“, sagte Uruha langsam. „Seit ich sechs Jahre alt bin.“

Aoi zuckte in Sympathie zusammen. Das war wirklich eine harte Nummer. Er griff nach Uruhas Händen, drückte diese.

„Du hast mein aufrichtiges Mitgefühl. Wenn es etwas gibt, dass ich tun kann, um dieses Schicksal leichter zu machen, dann sag es mir.“

Uruha sah ihn einen Moment lang intensiv und ernst an, schien zu überlegen, mit sich zu debattieren. Seine Daumen schienen davon vollkommen unabhängig über Aois Hände zu streicheln und der Schwarzhaarige ließ ihn.

Es hätte ihn vielleicht sorgen müssen, dieses Schwanken zwischen mutig und zurückhaltend, neckend und nachdenklich, aber das tat es nicht. In vielen Punkten spiegelte Uruhas Verhalten sein eigenes wider und auch wenn er nicht in den Kopf des anderen Mannes sehen konnte, so war ihm doch klar, dass sie sich nicht an den Händen halten würden, wenn es da nichts zwischen ihnen gab.

„Ja, da gibt es etwas das du machen kannst.“ Uruha pausierte noch einmal, holte tiefer Luft. „Du kannst mir dann schreiben und mich ablenken.“

Wow.

Aoi fühlte seinen Herzschlag in seinem Brustkorb donnern und auch er musste nun tief Luft holen. Nicht, dass es was brachte. Ihm war noch genauso schlecht und schwindlig wie zuvor. Was Uruha ihm da anbot, das war weit mehr als die Aussicht auf ein zweites Treffen. Es war, Gott, Aoi konnte gar nicht in Gedanken fassen, was es denn nun genau war. Aber er wusste, dass er sich geehrt fühlte. Und das er glücklich war. Glücklich, wie schon eine sehr sehr lange Zeit nicht mehr.

Aus einem Impuls heraus hob er ihre verbundenen Hände und hauchte einen Kuss auf Uruhas Fingerknöchel.

„Alle fünf Minuten“, versprach er, so ernst, als müsse er einen Eid zur Wahrheit vor einem hohen Gericht leisten. „Ich kann dir auch Memes schicken. Und Karikaturen. Und Kommentare. Ich schaue es sogar mit dir an.“
Uruhas Lächeln war warm und schüchtern und unglaublich niedlich. „Ich bin froh, dass ich heute gekommen bin, Aoi.“ Er murmelte es nur, aber er wandte den Blick nicht ab und Aoi musste sich regelrecht losreißen, um nicht in den Augen zu versinken.

„Ja. Ich auch.“

Aoi drückte noch einmal ihre Hände, dann liefen sie weiter, bis sie die Metro erreichten. Erst da ließ Uruha seine Hand los und holte stattdessen Kopfhörer aus seiner Tasche, die er langsam um seinen Hals legte, aber noch nicht in die Ohren steckte. Er schien widerwillig, sich hier zu trennen und Aoi konnte es verstehen. Ihm ging es ganz genauso.

Aber vielleicht war es besser, für sie beide. So konnten sie den Tag in Revue passieren lassen, darüber nachdenken.

Uruha schloss die Kopfhörer an sein Handy und schenkte Aoi ein letztes Lächeln.

„Es war sehr schön heute. Danke dafür.“

„Das kann ich nur zurück geben.“

Ein kurzes Zögern auf beiden Seiten, dann schlossen sich sie doch in die Arme.

„Komm gut nach Hause, Uruha“, murmelte Aoi und strich mit der Nase über das weiche Haar. „Und melde dich, wenn du da bist.“ Nur ein Summen, keine Antwort und noch ließ keiner den anderen los. Erst als man hören konnte, dass die Bahn in einer Minute einfahren würde, löste sich Uruha, wandte sich herum und ging die Treppen hinab, wobei er immer wieder über seine Schulter zu Aoi sah.

Er winkte ihm nach, stehend bleibend, bis er ihn nicht mehr sah und noch eine lange Zeit danach.

Er dachte an Uruhas Augen, sein Lächeln, sein Humor. Er dachte an seine kalte Wohnung, an Kummer und Schmerz. Er dachte an all die hässlichen Gefühle, den Betrug, den er gefühlt hatte, als man mit ihm gebrochen hatte. Er dachte an all die Tränen und die Verzweiflung und daran, dass es sich angefühlt hatte, als würde etwas tief in ihm sterben.

Aoi war sich noch immer nicht sicher, ob es so etwas wie die perfekte Beziehung oder dauerhafte Liebe gab.

Doch heute, an diesem Mittwoch, in seinem kleinen Café, da war etwas passiert.

Etwas, dass ihm Hoffnung gab.

Es war ein Neuanfang.

Daran würde er festhalten.

In seiner Tasche vibrierte sein Handy. Aoi nahm es gedankenlos heraus, öffnete das Menü und rief die Nachricht auf. Dann lachte er, den Kopf nach hinten geworfen und wie ein kleines Kind.

Bin Zuhause, Mama.
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