King and Lionheart

von congeries
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
31.08.2019
13.10.2019
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Deacon fühlte sich seltsam wohl in der Bronx.

Es war ein Stadtbezirk von New York City, den er selten betrat. Meistens nur, wenn er im Yankee Stadium war, um sich ein Spiel anzusehen. Ansonsten hatte er hier einfach so gut wie nie etwas zu erledigen und trotzdem freute er sich über jede Gelegenheit, einen Fuß in diese Gegend zu setzen.

In den 60er Jahren war die Bronx neben Hell's Kitchen als verruchter Ort und als Gosse von New York City bekannt gewesen. Hell's Kitchen hatte Iren und organisiertes Verbrechen. Die Bronx hatte Hispanics, Einwanderer aus der Karibik sowie Afrika und versank im kriminellen Chaos. Hier galt das Gesetz des Stärksten. Einer für sich selbst und niemand für alle. Doch auch hier glätteten sich die Wogen ab den 90ern, die Autoritäten setzten sich durch und die Kriminalitätsrate sank drastisch.

Der Unterschied zu Hell's Kitchen war jedoch, dass die Bronx sich nicht zu sehr verbog oder hinter Fassaden versteckte. Hier wurde man nachts nur von wenigen Neonschildern geblendet, man traf kaum herausgeptutzte Partylöwen auf den Weg zur nächsten Bar, sondern fand billige Mietshäuser und Sozialwohnungen.Hier landete man, wenn man sich sonst keine Wohnung in New York City leisten konnte oder dem klassischen Mittelstand angehörte. Nach wie vor sprach man zu gleichen Teilen Spanisch wie Englisch. Die Gegend war kein Brennpunkt mehr wie in den 60ern, aber immer noch eine raue Gegend. Hell's Kitchen war Deacons Zuhause, aber die Bronx war wie die geliebte Familie, die man zum Sonntagsbrunch besuchte. Deacon kam sich hier viel weniger Fehl am Platz vor.

Vor allem fiel er weniger auf.

Seit zehn Minuten stand er unter dem Vordach eines kleinen Lebensmittelladens in Claremont, sah dem Regen dabei zu, wie er auf dem Asphalt prasselte und den Dreck des Tages wegwischte. Passanten huschten mit eingezogenen Kopf an ihm vorbei oder schlenderten unter einem Regenschirm und gingen den immer größer werdenden Pfützen aus dem Weg. Obwohl es früher Mittag war, brach kaum ein Sonnenstrahl durch die dicke Wolkendecke. Deacon mochte Regen. Das Gefühl des kühlen Nass auf seiner Haut. Den ganz klassischen Geruch. Das Trommeln der Tropfen auf den Oberflächen. In letzter Zeit hatte er jedoch mehr als genug davon gehabt. Es war, als wenn das Wetter sich seiner Stimmung anpasste. Vielleicht sollte er Adam mal danach fragen. Der hatte bestimmt eine spannende Geschichte über Regentänze auf Lager.

Die Vorstellung ließ ihn kurz lächeln und lenkte ihn davon ab, wie dringend er eine Zigarette wollte. Das Bedürfnis war lange nicht mehr stark gewesen wie in den letzten zwei Tagen. Stress war keine große Hilfe und dass er immer noch kein Lebenszeichen von Lydia gehört hatte, machte ihn so langsam nervös.

Bei dem Gedanken an seine Schwester fiel ihm ein, dass Tim in der Bronx arbeitete. Was hatte sie noch mal erzählt? Er war Sozialarbeiter im BronxCare Health System? Oder war es das Jugendamt? Deacon war sicher, dass es irgendwas mit Kindern zu tun hatte. Nachdenklich sah er die Straße hoch.

„Du lernst schnell.“

Deacon zuckte zusammen, drehte den Kopf und konnte es sich nicht verkneifen, Phoenix vorwurfsvoll anzusehen. „Sich an Leute anzuschleichen, ist eine wirklich unschöne Angewohnheit, weißt du das?“

„Ich schleiche mich nicht an. Du bist einfach nicht aufmerksam genug.“

Deacon brummte und straffte ein wenig die Schultern. „Was lerne ich schnell?“

„Du versteckst deine Schwachpunkte“, stellte Phoenix leichthin fest, als wenn es Deacon keine Selbstbeherrschung kosten würde, seine lockere Haltung beizubehalten. Denn es war verdammt anstrengend.

Nachdem Deacon sich am gestrigen Abend nach Hause geschleppt hatte, war sein Gefrierfach das Opfer einer Plünderung geworden. Er hatte den Abend mit einem Sack gefrorener Erbsen in seinem Schoß und einem Kühlpad an seinem Rippenbogen verbracht, was ein Segen für seine Schwellungen gewesen war. Er war sich auch nur ein bisschen erbärmlich dabei vorgekommen. Es war nicht so, dass Phoenix' Ratschlag neu für ihn wäre – seine Schwester arbeitete in der Krankenpflege und das war bei Weitem nicht seine erste Verletzung in der Art. Deacon hatte es nur einfach vergessen.

Durch Lydia wusste er auch, dass Stützverbände entgegen der allgemeinen Meinung keine gute Ideen waren, weil sie den Brustkorb einengten und im schlimmsten Fall zu Lungenentzündungen führen konnte, aber scheiß drauf! Wenn er schon nicht zuhause im Bett leiden konnte wie ein Mann, dann mussten Alternativen her. Also hatte er sich einen Stützverband gemacht, ein kleines Stoßgebet gen Himmel geschickt, dass Lydia das nicht rausfinden würde, und ein paar Schmerzmittel geschluckt, bevor er auch nur daran gedacht hatte, das Haus zu verlassen.

Schmerz war ein guter Lehrer und er hatte nicht vor, noch einmal in eine Situation wie gestern zu kommen. Also ja, vielleicht lernte er wirklich schnell.

„Im Gegensatz zu dir“, gab Deacon zurück, während er den Mann vor sich genauer musterte. Den üblichen Hut hatte Phoenix heute gegen einen schwarzen Regenschirm eingetauscht, mehr aber auch nicht. Er trug denselben Mantel wie gestern, dieselben polierten Schuhe, dieselben Lederhandschuhe und der Hose nach zu Urteilen auch einen Anzug. Er sah so ordentlich aus. Deacon kam sich in seiner zerschlissenen Jeans, dem Hoodie und der Lederjacke neben ihm ein wenig underdressed vor.

Oder würde es, wenn sie nicht gerade im Herzen der Bronx stehen würden.

„So kannst du vielleicht an einer Modeshow teilnehmen, aber hier fällst du auf wie ein bunter Hund.“

„Lass uns gehen“, überging Phoenix die Kritik völlig und marschierte einfach an ihm vorbei.

Deacon zog sich die Kapuze über den Kopf, um wenigstens ein wenig Schutz vor dem Regen zu haben, und beeilte sich, ihm hinterherzukommen. „Wo gehen wir hin?“

„Das siehst du, wenn wir da sind.“

„Gar nicht kryptisch“, murmelte Deacon vor sich her. „Ich kenne Horrorfilme die so anfangen.“

Phoenix schwieg eisern. Nicht, dass er je den Eindruck auf Deacon gemacht hätte, als wäre er ein Plappermaul, aber irgendwas war anders als gestern und vor allem an dem Tag, wo sie zusammen am Piano gesessen hatten. Er wirkte noch verschlossener als sonst.

Sie verließen Claremont und schlugen einen Weg Richtung West Bronx ein. Immer, wenn jemand flüchtig einen Blick auf sie warf, fragte Deacon sich, was für ein seltsames Bild sie abgeben mussten. Was er wohl denken würde, wenn er einen Prinzen und einen Straßenköter zusammen durch solch eine Gegend laufen sehen würde? Vermutlich würde er sich denken, dass der wohlhabende Typ es nicht besser verdient hatte, als übers Ohr gezogen zu werden, wenn er sich in so fragwürdige Gesellschaft begab.

Oh, Junge, wie er sich täuschen würde.

Deacon war ziemlich gut im Schweigen. Er konnte Stunden eines von Vinnys Meetings beiwohnen, ohne auch nur einen Ton zu sagen. Was vor allem daran lag, dass niemand wollte, dass er einen Ton von sich gab. Dennoch. Er war weder Felix noch Knox, die beide keine zehn Minuten Stille genießen konnten. Deacon konnte das. Er war fantastisch darin, die Klappe zu halten.

Die einzige Erklärung, wieso er es bei Phoenix nicht konnte, war eindeutig ein drohender Schlaganfall.

„Also“, durchbrach er nämlich nach einer Weile die Stille. „Ich habe keine Ahnung, was genau ich hier mache, geschweige denn, was du hier machst. Heißt das, du bist dabei? Wir schmieden einen Plan, um Vinnys haarigen Arsch zu retten?“

Einige Herzschläge übte Phoenix sich weiter im Schweigen und Deacon fing an zu glauben, es wäre sinnvoller mit eine Mauer zu reden, als der werte Herr sich doch noch zu einer Antwort herabließ. „Ich werde dir zeigen, was zu tun ist. Den Rest wirst du selbst erledigen müssen.“

„Weil dir deine Zeit zu kostbar dafür ist?“

Zum ersten Mal heute, sah Phoenix ihn an. Richtig an. Ein wenig zu sehr, für Deacons Geschmack. Es war derselbe intensive Blick wie vor zwei Wochen im Abys oder gestern in der Gasse. Deacons Haut fing an zu prickeln und er musste den Drang unterdrücken, ein paar Schritte Abstand zu nehmen.

„Lass das!“

„Was?“

„Das!“ Deacon fuchtelte zwischen Phoenix und ihm hin und her. „Zehn Jahre ignorierst du mich völlig – zehn! – und auf einmal starrst du mich an wie ein verdammter Stalker! Das ist gruselig, Mann!“

Fast augenblicklich wandte Phoenix den Blick von ihm ab und blickte stattdessen stur gerade aus.

Erst als sie den Tretmont Park betraten, gab Phoenix wieder einen Ton von sich. „Verzeih, das war unhöflich.“

Vor Überraschung hätte Deacon fast aufgelacht. Nicht nur, dass sich überhaupt jemand bei ihm für Unhöflichkeiten entschuldigte, sondern ausgerechnet Phoenix … das war ein wenig verrückt. „Ja, war es“, ruderte er allerdings nicht zurück, sondern suhlte sich ein wenig darin, Recht zu haben. „Warum tust du es? Ich meine, es kann nichts damit zu tun haben“, riet Deacon ins Blaue und deutete vage auf die Narbe in seinem Gesicht. Phoenix hatte ihn bisher immer ignoriert. Vor und nach diesem im wahrsten Sinne des Wortes einschneidenden Erlebnis.

„Nein, damit hat es nichts zu tun“, bestätigte Phoenix mit seiner üblich ruhigen Stimme. „Starren die Leute viel deswegen?“

„Manche mehr, manche weniger. Ich meine, wir sind in New York. Die Menschen hier sind eigentlich verrücktere Anblicke gewohnt. Es gibt größere Freaks als mich im Big Apple. Lenk nicht ab. Woher das plötzliche Interesse?“

„Es kommt nicht wieder vor.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

Phoenix schwieg. Erneut. Deacon war versucht ihn einfach zu erwürgen!

Genervt klopfte er seine Jackentaschen nach der Packung Kaugummi ab und stieß ein erleichtertes Seufzen aus, als er einen letzten Streifen fand. Er schmiss die leere Verpackung in den nächsten Mülleimer, wich dabei einem miesepetrig dreinblickenden Mann aus, der mit seinem Hund Gassi ging, und schloss wieder zu Phoenix auf. Keine zwei Schritte später hörte der Regen auf, ihm ins Gesicht zu prasseln. Phoenix war so nah neben ihn getreten, dass ihre Arme sich beim Laufen berührten, und der Regenschirm sie beide schützte. Phoenix schwieg immer noch wie ein Eisblock und blickte stur gerade aus, aber Deacon musste kurz lächeln. Obwohl er schon längst bis auf die Knochen nass war, war die Geste überraschend nett.

Als sie den Park verließen und auf die 3rd Avenue Richtung Belmont und Little Italy abbogen, hatte Deacon den Punkt erreicht, wo jeder Schritt und jeder Atemzug so wehtat, dass er sich am liebsten irgendwo hinsetzen und sein Leben in Ruhe hassen würde. Wäre er nicht mit Phoenix unterwegs, würde er genau das tun, doch so biss er aus purer Sturheit die Zähne zusammen und ließ sich weiterhin nichts anmerken. Hoffte er zumindest. Es sollte ihm scheißegal sein, was der Typ von ihm dachte. Die Sache mit Tadel war nur die, dass Deacon das nicht ignorieren konnte. Noch nie. Das war eines seiner größten Probleme. Dieser verdammte Drang, sich zu beweisen. Hätte Phoenix ihm allerdings vorher gesagt, dass sie einen Spaziergang durch die Nachbarschaft machten, hätte Deacon ihn zur Hölle geschickt.

Immerhin hatte es den Vorteil, dass er sich so sehr auf seine Haltung und das Laufen konzentrieren musste, dass er keine sinnlosen Gesprächsversuche mit Mr. Serienkiller hier anfing. Natürlich nutzte dieser Sadist ausgerechnet jetzt den Moment, selbst die Zähne auseinander zu bekommen.

„Wie heißt du?“

Deacon stieß gepresst die Luft aus und konnte gerade eben so den genervten Seufzer zurückhalten, der seiner Kehle entfahren wollte. „Wie oft willst du mich das noch fragen? Ich heiße Deacon.“

„Vorname“, verlangte Phoenix mit einer Spur Ungeduld  in der Stimme.

„Du kennst den Deal: sag mir deinen, dann sag ich dir meinen.“

Und Überraschung: Phoenix schwieg. Hatte er es sich doch gedacht.

„Warum ist das so wichtig?“, hakte Deacon nach. Er verstand das nicht. Vor allem verstand er nicht, wieso er ihn ständig danach fragte. Wenn er es so dringend wissen wollte, konnte er Vinny fragen. Oder ihn googeln, Gott verdammt. Sie lebten im 21. Jahrhundert und Deacon pflegte keine geheime Identität wie gewisse andere Leute.

Als er nach einigen Sekunden wieder keine Antwort bekam, seufzte Deacon diesmal doch. „Kompromiss?“, schlug er vor. „Du verrätst mir, warum man dich 'Phoenix' nennt und ich verrate dir, wieso man mich beim Nachnamen ruft.“

Einen Moment dachte Phoenix darüber nach, denn nickte er zustimmend. „Vinny hat mir den Namen gegeben.“

„Ja, das weiß ich. Warum?“

„Weil er sich witzig findet, obwohl er es nicht ist.“

Deacon grinste. „Das kann ich so unterschreiben. Aber er muss einen Grund gehabt haben.“

„Ich bin nicht gestorben, obwohl ich es sollte.“

Deacon war so überrumpelt davon, eine ernsthafte Antwort zu bekommen, dass er einen Moment gar nicht wusste, was er dazu sagen sollte. „Also ist das wörtlich zu nehmen?“, erkundigte er sich dann. „ Wie der Phönix aus der Asche und all das?“

Phoenix nickte.

„Hmpf. Darauf hätte ich kommen können.“

„Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Du bist dran.“

„Meine Erklärung ist weniger poetisch, sei gewarnt.“ Deacon schob die Hände in die Jackentasche, um sie vor der Kälte zu schützen, und fragte sich kurz, ob es wirklich eine gute Idee war, mit einem Mann wie Phoenix über seine Familie zu sprechen. Allerdings war ein Deal eben ein Deal, also erklärte er: „Mein Vater heißt Frank. Mein ältester Bruder heißt Frank Junior. Mein anderer Bruder und ich heißen mit Zweitnamen Frank.“

Leicht hob Phoenix eine Augenbraue. „Tradition oder Mangel an Kreativität?“

„Mangel an Interesse“, riet Deacon. Lydia hatte echt Schwein, als Frau auf die Welt gekommen  und diesem Fluch entgangen zu sein. „Unsere Eltern haben uns nie nur beim Vornamen gerufen, sondern immer mit beiden Namen. Ich habe das gehasst. In meiner Klasse war ein Junge, der denselben Vornamen hatte wie ich, also haben meine Klassenkameraden irgendwann angefangen, mich 'Deacon' zu rufen. Mir hat das gefallen, also habe ich das beibehalten. Mehr steckt da nicht hinter.“

„Dich stört es, beim Zweitnamen genannt zu werden, den du mit deiner Familie teilst, aber beim Nachnamen genannt zu werden – den du mit deiner Familie teilst – ist das in Ordnung?“ Phoenix warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Das erscheint mir nicht sehr sinnvoll.“

„Ich habe noch eine Schwester. Denselben Namen zu haben wie sie, ist vollkommen in Ordnung.“

„Ah“, machte Phoenix in einem verstehenden Tonfall.

„Erzählst du mir jetzt, was wir hier machen?“, nutzte Deacon die Gelegenheit, einen Ausblick in seine nahe Zukunft zu bekommen.

Und tatsächlich kam er diesmal eine Antwort. „Wie gesagt: ich zeige dir den Weg und was du tun musst, wenn du das Kopfgeld für Vinny verschwinden lassen willst.“

„Bist du hier nicht der Profi?“, konnte Deacon sich den Hinweis nicht verkneifen. „Meine Qualifikation in diesem Bereich ist nicht gerade die beste. Ich bin kein Auftragskiller. Ich bin auch kein Spion.“

Wieder warf Phoenix ihm einen seltsamen Blick zu. Anders als vorher, aber nicht weniger intensiv. „Was bist du dann, kleiner Löwe?“

Verwirrt von dir, dachte Deacon.

„Ein simpler Fußsoldat, der macht, was man ihm sagt. Flirtest du mit mir?“

Zu seiner tiefen Befriedigung, geriet Phoenix' so eleganter Gang für einen kurzen Moment aus dem Takt. „ Wie bitte?“

Jetzt eindeutig amüsiert, schmunzelte Deacon ein wenig. „Naja, es gibt nur zwei Sorten von Menschen, die mir seltsame Spitznamen geben: Meine kleine Schwester und meine Ex-Freundinnen. Da wir eindeutig nicht verwandt sind: flirtest du mit mir? Denn ich bin nicht schwul.“

„Ich finde, 'Terminator 2' ist ein völlig überschätzter Film.“

Entsetzt schnappte Deacon nach Luft. „Der Film ist ein Meisterwerk! Hasta la vista, baby! Das ist Kult! Wie kann man das nicht gut finden? Du bist verrückt. Eindeutig verrückt!“ Deacon schüttelte fassungslos den Kopf. „Abgesehen davon, dass du ganz klar keinen Funken Filmgeschmack hast: Was willst du mir damit sagen?“

„Ich dachte wir teilen sinnlose Informationen über uns. Warum sollte mich deine Sexualität interessieren?“

„Weil ...“ Deacon runzelte die Stirn. „Vinny meinte, du stehst auf Männer.“

„Vinny redet zu viel.“

„Also stimmt es nicht?“

„Was interessiert es dich, wenn du nicht schwul bist?“

Das war eine durchaus berechtigte Frage, wie Deacon zugeben musste. „Ich habe lange keinen Korb mehr verteilt“, behauptete er scherzhaft aus Mangel einer richtigen Antwort. „Es wäre gut für mein Selbstbewusstsein.“

Ohne Vorwarnung blieb Phoenix stehen. Deacon tat es ihm gleich und wollte ihm einen fragenden Blick zuwerfen. Allerdings war er zu beschäftigt damit, sein wild klopfendes Herz in den Griff zu bekommen. Phoenix kam ihm fast so nah wie gestern. Sie verschwanden komplett unter dem Regenschirm, trotzdem beugte Phoenix sich noch ein Stück zu ihm, bis sie dieselbe Luft atmeten. „Dann tu es“, forder er mit leiser, lauernder Stimme, die Deacon einen Schauer über den Rücken jagte. „Korb mich.“

„Klar“, gab Deacon zurück. „Sobald du es nicht klingen lässt, als wenn ich damit mein Todesurteil unterzeichnen würde.“

Phoenix' Pupillen weiteten sich ein Stück. Ruckartig nahm er wieder Abstand. „So meinte ich das nicht“, erklärte er mit gruselig hohler Stimme, bevor seine ganze Körperhaltung steif wurde und er ihm einen kühlen Blick zuwarf. „Ich bezweifel das jemand so viel Geld bezahlen würde, dass ich auch nur überlege, mir die Finger an dir dreckig zu machen.“

„Du lässt das so klingen, als wäre es eine schlechte Sache.“ Deacon seinerseits war sehr froh darüber, niemanden mit diesen Möglichkeiten jemals ans Bein gepisst zu haben. „Dreht sich bei dir eigentlich alles um Geld?“

„Ja“, bemerkte Phoenix schlicht und ohne zu zögern.

„Das glaube ich nicht. Niemand hat dich dafür bezahlt, den Masrati-Clan zu zerschlagen.“

Deacon bereute die Worte, sobald er sah, wie finster Phoenix' Miene wurde. Das war nicht die Art Reaktion, die er ihm entlocken wollte. Warum konnte er Gott verdammt noch mal nicht seine Klappe halten?

„Ich habe dich schon einmal gewarnt und ich werde es kein drittes Mal tun. Bilde dir nicht ein, du würdest mich kennen.“

Diesmal waren die Worte eine Drohung. So klar und unmissverständlich, dass es Deacon nicht schwerfiel, abwehrend die Hände zu heben und den Mund zu halten. Phoenix wandte sich abrupt ab und ging.

Deacon atmete einmal schwer aus, bereute es, sobald Nadelstiche durch seine Rippen jagten, und sah dann zu, dass er Phoenix wieder einholte.

Sie schwiegen den restlichen Weg eine ziemlich unangenehmes Schweigen. Phoenix' gesamte Haltung könnte nicht abwehrender sein und Deacon war nicht dumm genug, sein Glück zu strapazieren und noch einen Gesprächsversuch zu starten.

Nur einmal hielten sie an. Phoenix lenkte sie zu einer kleinen Brücke, unter der eine Hand voll Obdachloser Unterschlupf vor dem Regen suchten. Misstrauische Augenpaare legten sich auf Phoenix, der hier ungefähr so gut reinpasste, wie die Queen von England auf einem Konzert von AC/DC. Nur schien ihn das kein bisschen zu stören. Er ließ seinen Blick über jede dieser armen Seelen fallen, bis er schließlich vor einer Frau mittleren Alters stehen blieb, die auf einer Decke ganz in der Ecke saß.

Mit morbider Faszination sah Deacon dabei zu, wie Phoenix vor der Frau in die Hocke ging, bis sie auf Augenhöhe waren, und ein leises Gespräch auf Spanisch anfingen. Deacon war verblüfft davon, wie klar und sicher die Worte aus Phoenix' Mund klangen.

Deacons Spanisch war gerade gut genug, um ein Bier zu bestellen, mit Frauen zu flirten und ein paar Beleidigungen auszustoßen. Er verstand also nur wenige Worte, die gewechselt wurden. Phoenix hielt der Frau ein Bündel Dollarscheine hin, die ihm sofort entrissen und skeptisch nachgezählt wurden. Erst dann stand die Frau von ihrer dreckigen Decke auf und überreichte sie Phoenix mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Phoenix bedankte sich höflich, faltete die Decke ordentlich zusammen, bevor er sie Deacon ohne ein Wort der Erklärung in die Hand drückte und weiter seines Weges ging. Okay, jetzt war er wirklich gespannt, wie das hier weiterging!

Seine Neugierde wurde allerdings erst befriedigt, als sie Little Italy erreichten. Sie bogen in eine Einkaufsstraße ein, die voll mit kleinen Geschäften war. Phoenix navigierte sie in die schmale Hintergasse eines Imbisses, wo nicht mehr als ein paar Mülltonnen standen. Genau hinter die ging er in Deckung und bedeutete Deacon, dasselbe zu tun.

Phoenix klappte den Regenschirm ein, lehnte ihn hinter sich an die Wand und zog sein Messer. Deacon konnte nicht verhindern, sich automatisch zu versteifen und nur bei dem Anblick der Klinge einen Adrenalinschub zu bekommen. Doch Phoenix beachtete ihn nicht einmal. Er ließ sich auf ein Knie fallen und fing an, die oberste Schicht seiner Lederschuhe abzukratzen und Teile der Sohle abzuschneiden, bis die Schuhe billig und ausgetragen wirkten. Danach riss er seine Hosenbeine ein, schnitt auf einer Seite die Naht auf und franste den Stoff aus. Deacon sah dem ganzen stumm mit einer gehörigen Portion Neid zu. Er würde auch gerne genug Geld auf der hohen Kante haben, um mal eben ohne mit der Wimper zu zucken Kleidung zu vernichten, die hunderte von Dollars wert war.

Zum Schluss steckte Phoenix das Messer wieder weg, hockte sich neben eine Pfütze und schöpfte mit den Händen so viel Dreck, wie es möglich war, den er großzügig nicht nur auf seinen Schuhen und der Hose verteilte, sondern auch im Gesicht. Es sollte lächerlich aussehen. Wirklich.

Für Deacon sah es aus, als wenn er sich mit Kriegsbemalung schmücken würde.

Als Phoenix ihm auffordernd die Hand hinstreckte, brauchte Deacon eine Sekunde, bis er verstand und ihm die Decke reichte. Phoenix hüllte sich in dem müffelnden, dreckigen Stoff ein wie in eine zweite Haut, bis nicht mehr als ein Teil seines Gesichts, die Füße und die Hälfte seiner Beine zu sehen war.

Das Absurde war, dass er trotz allem kein bisschen von dieser verdammt eleganten Aura verlor. Selbst als er wie ein Penner in einer der Mülltonnen wühlte, tat er das mit einem Selbstbewusstsein, die beeindruckend war. Er sah aus wie die Obdachlosen unter der Brücke. Schlimmer sogar noch, um ehrlich zu sein. Und trotzdem war er der Prinz unter den Pennern.

Phoenix fand einen Plastikbecher, den er mit unter die Decke nahm. Ein letztes Mal ging er sicher, dass alles so saß, wie er das wollte. „Warte hier“, befahl er Deacon dann und ließ ihm keine Zeit für Nachfragen.

Sobald er aus der Gasse trat, veränderte sich seine gesamte Haltung. Phoenix machte einen Buckel, wirkte dadurch viel kleiner und gebrochener als er war. Er humpelte sogar leicht und sah leicht gehetzt die Straße entlang, als wenn er Angst hätte, jemand könnte ihn verjagen. Eine Weile schlürfte er anscheinend ziellos durch die Gegend, bevor er sich ganz langsam einen Weg zu dem Gebäude quer gegenüber bahnte. Deacon wischte sich den Regen aus dem Gesicht und kniff die Augen zusammen, um das Schild lesen zu können. Irgendeine Speditionsfirma, von der er noch nie gehört hatte.

Phoenix betrat den Hof und verschwand komplett aus seinem Sichtfeld. Die ersten Minuten fragte Deacon sich einfach, was der Mann da trieb. Als dann immer noch kein Lebenszeichen von ihm zu entdecken war, fing er langsam an, nervös zu werden. Was ihn nervte. Konnte ihm doch egal sein, wenn der Kerl sich in die Scheiße ritt. Das war nicht Deacons Problem. Also warum spielte er mit dem Gedanken, Phoenix hinterherzugehen und nach dem Rechten zu sehen?

Bevor er aber wirklich noch so eine dumme Entscheidung treffen konnte, tauchte Phoenix wieder am Rand seines Blickfelds auf. Immer noch unter der Decke und mit einem Buckel, wanderte er schleichend über den Hof, blieb an einer Mülltonne stehen und warf einen interessierten Blick hinein. Bis ein Mann aus einem der LKWs stieg, die auf den Parkplatz standen, der sogar Big Joe in Sachen Größe und Muskeln Konkurrenz machen könnte. Er stampfte zielgenau auf Phoenix zu, rief auch irgendwas, was Deacon nicht verstehen konnte, und wirkte alles andere als erfreut über den scheinbaren Obdachlosen.

Phoenix drehte sich zu dem Mann um und tat etwas, was Deacon einen überraschten Ton entlockte: er wich ängstlich einen Schritt zurück, machte sich sogar noch kleiner. Die beiden wechselten ein paar Worte und als eine Hand unter der Decke hervorkam, die den Plastikbecher auffordernd in Richtung des Hünen hielt, verzog sich dessen Gesicht vor Zorn. Er machte Anstalten, nach Phoenix zu treten, was auf so vielen Ebenen falsch war, dass Deacon gar nicht wusste, wo er anfangen sollte. Mal abgesehen davon, dass der Idiot nicht wusste, wenn er da vor sich hatte, war es einfach scheiße auf Leuten herumzuhacken, die so viel schwächer waren als man selbst. Deacons moralischer Kompass war alles andere als gut justiert, aber es gab Grenzen, die überschritt man einfach nicht.

Auch hier reagierte Phoenix anders als erwartet. Hastig wich er von dem Mann zurück, stolperte dabei fast über seine Füße und huschte so schnell sein Humpeln es zuließ vom Hof. Der Hüne sah ihm noch einen Moment finster hinterher, bevor er im Gebäude verschwand.

Ein paar Minuten hielt Phoenix sich noch in der Straße auf, wühlte in der ein oder anderen Mülltonne herum und bettelte sogar einmal bei Passanten nach etwas Kleingeld, die ihm nur einen angewiderten Blick zuwarfen und die Straßenseite wechselten. Erst als niemand auf der Straße war, schlürfte Phoenix zurück in die Gasse. Sobald er hinter der Mülltone war, warf er die Decke von sich und richtete sich auf, als wäre nichts gewesen. Von der einen Sekunde auf die nächste war aus dem Bettler wieder ein Prinz geworden.

„Heilige Scheiße, das war beeindruckend“, konnte Deacon das nicht unkommentiert lassen. „Warst du mal Schauspieler oder so?“

Phoenix antwortete ihm nicht – natürlich nicht –, sondern zückte ein Tuch aus seinem Mantel, mit dem er sich den Dreck wieder aus dem Gesicht wischte. Im nächsten Moment hatte er den Regenschirm wieder aufgespannt und schützte sich vor den Regen. Wenn man keinen Blick nach unten warf, dann wirkte er wieder ganz wie der Gentleman, der in der Bronx nichts verloren hatte. Er verstaute die Decke sorgfältig in der Mülltonne, genau wie den Plastikbecher, und gab Deacon dann einen kurzen Wink, bevor sie die Gasse verließen – diesmal auf der anderen Seite.

Genau zwei Straßen hielt Deacon die Spannung aus. „Was war das?“, platzte es dann aus ihm heraus. „Was zur verdammten Hölle hast du da gemacht?“

Zur Antwort holte Phoenix ein Smartphone aus seiner Tasche – ein viel moderneres Modell als das simple Klapphandy von gestern – und wedelte kurz damit vor seiner Nase. „Ich bin in das Büro eingebrochen und habe Fotos gemacht, von allen Dokumente, die irgendwie interessant sein könnten. Gehaltsabrechnungen, Lieferpläne, Kassenbuch ...“

„Okay? Und warum genau interessiert uns das?“

Phoenix warf ihm einen herablassenden Blick zu, der wie ein Schlag in den Magen war. „Sie gehört den Moloneys“, schloss Deacon. Natürlich. Am liebsten hätte er sich die Hand vors Gesicht geschlagen, so offensichtlich war das.

„Mit den Informationen weißt du, wo du anfangen musst“, erklärte Phoenix. „Ich schätze, das Ganze wird nur eine Fassade für ihre wahren Geschäfte sein – woraus auch immer die bestehen. Wenn ihr wisst, wer auf der Gehaltsliste steht, habt ihr vermutlich schon die halbe Bande. Wenn ihr die Lieferpläne verfolgt, wisst ihr, mit wem sie Geschäfte machen. Irgendwas davon wird dich zu der oberen Riege führen.“

Deacon dachte kurz darüber nach und kam zu dem nicht sehr überraschenden Ergebnis, dass Phoenix Recht hatte. Selbst wenn er nicht sofort alle Antworten geliefert bekam, war das immer noch mehr als er jetzt hatte und auf jeden Fall etwas, auf dem er aufbauen konnte.

Blieb also nur noch eine Sache zu klären …

„Wo ist der Haken? Ich bezweifel, dass ich nur nett 'Bitte' sagen muss, damit du mir die Fotos gibst.“

„Ich verkaufe sie dir. Was sonst?“

Ja, was sonst? Deacon seufzte. „Wie viel?“

Leicht zuckte Phoenix mit den Schultern. „Ich muss mir noch genauer ansehen, wie viel sie wert sind. Stell dich auf zwei- bis dreitausend ein.“

Deacon lachte bitter auf. „Du willst mich doch verarschen! Tausende von Dollars für ein paar Fotos?“

„Nimm sie oder lass es. Ich verkaufe sie gerne auch an jemand anderes. Du wolltest meine Hilfe, das ist der Preis.“

Deacon öffnete den Mund, schloss ihn wieder und fluchte dann leise vor sich hin. „Ich frage mich gerade, wieso Vinny noch nicht bankrott gegangen ist an dir. Will ich wissen, wie teuer andere Dienste von dir sind? Sind wir im vier- oder schon im fünfstelligen Bereich, wenn man dich für einen Tag bucht?“

„Ich bin keine Hure“, machte Phoenix ein wenig säuerlich klar.

„Tschuldige.“

„Willst du die Fotos jetzt oder nicht?“

Nachdenklich kratzte Deacon sich am Hinterkopf. „Beantwortete mir vorher noch eine Frage.“

Ungeduldig nickte Phoenix.

„Was sollte das alles hier? Wir hätten uns nicht in Claremont treffen müssen, sonder hier in der Gegend. Scheiße, ich hätte überhaupt nicht hier sein müssen. Du hättest die Fotos einfach besorgen und mir schreiben können. Also, warum hast du mich mitgenommen?“

„Weil ich wollte“, antwortete Phoenix mit seltsam belegter Stimme.

„Ja, aber …. warum?“ Deacon verstand das nicht. Es war ja nun wirklich nicht so, als wenn er heute irgendeine Hilfe gewesen wäre.

Phoenix' sonst so glatte Miene machte einem tiefen Stirnrunzeln Platz. „Ich melde mich wegen dem genauen Preis“, war jedoch alles, was er noch sagte, bevor er ohne ein Wort des Abschieds in die nächste Straße einbog und Deacon wortwörtlich im Regen stehen ließ.
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