King and Lionheart

von congeries
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
31.08.2019
22.09.2019
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Vinnys Familie an Halloween aus der Stadt zu bringen, war einfacher als gedacht.

Deacon mochte den Feiertag. Er mochte jeden Feiertag, der den alltäglichen Trubel in New York noch turbulenter machte. Diese Tage verbrachte er meistens lachend mit seinen Freunden und einer Menge Alkohol, die zu einem weniger schönen Hangover führten.

Dieses Mal hingegen hatte er keine ruhige Minute gehabt, obwohl alles wie geplant verlaufen war.

Er hatte sich bewusst ein Kostüm von der Stange besorgt – ein schwarzer Umhang mit einer Scream-Maske – und in dem Aufzug Vinnys Frau und seine beiden Kinder abgeholt, die ebenfalls klassische Kostüme trugen. Missy war als Hexe gegangen, Amy als Indianermädchen und Nick als Pirat. Eine Weile waren sie einfach durch die Stadt geschlendert, hatten sich am Times Square mit Felix und seinen Kindern getroffen und wie viele andere New Yorker die Festlichkeiten genossen, um nicht aufzufallen. Jeder, der sie beobachtete, hatte nicht mehr gesehen, als Familie und Freunde, die eine gute Zeit mit ihren Kindern verbrachten.

Sie waren dreimal im Zickzack durch die Stadt gelaufen, bevor sie Missy und die Kinder schließlich zum Grand Central Terminal brachten, wo Eddie schon auf sie wartete, um Vinnys Familie den restlichen Weg zu begleiten. Deacon fand das beruhigend und besorgniserregend zugleich. Eddie war seit Jahren Vinnys rechte Hand und vermutlich der einzige West, der ihm treu ergeben war. Ohne Wenn und Aber. Vinnys Familie war bei ihm in den besten Händen. Deacon fragte sich nur, ob er an Vinnys Seite nicht besser aufgehoben wäre. Genau genommen hegte er den Verdacht, dass Vinny ihn mit Absicht aus dem Schussfeld geschickt hatte, um seinen alten Freund zu schützen. Allerdings wäre das ungewöhnlich sentimental für seinen Boss.

Deacon hatte dabei zugesehen, wie Eddie und Vinnys Familie mit dem Zug Richtung Philadelphia verschwunden waren, um von dort aus wusste der Geier wohin zu fahren. So wie er Eddie kannte, würden sie nicht mal bis dorthin kommen, sondern zwischendurch mehrmals den Zug oder ganz das Transportmittel wechseln. Deacon wusste es nicht und er wollte es auch nicht wissen. So konnte er wenigstens niemanden verraten.

Sobald seine Familie in Sicherheit war, machte Vinny mit allen reinen Tisch. Er ging zu Don Foley, um ihm von der ganzen Geschichte zu erzählen. Ohne eine große Reaktion zu bekommen. Für den Moment nahm der Don die Bedrohung einer rivalisierenden Bande nicht ernst, weil er sie nicht sah. Das würde sich ändern. Sehr bald. Spätestens, wenn das Kopfgeld auf Vinny offiziell bekannt gegeben wurde.

Vinny hatte auch seiner Crew so ziemlich alles erzählt, was er Deacon vor wenigen Tagen in seinem Büro erzählt hatte. Die Reaktionen waren sehr verschieden ausgefallen. Die Schlaueren hatten sofort verstanden, was für ein Desaster da auf sie zukam. Die weniger klugen Köpfe unter ihnen, freuten sich über die Herausforderung. Es gab sogar zwei Männer, die überlegten, die Crew zu wechseln. Andere schienen gar nichts darüber zu denken, nahmen die Info hin und machten so weiter wie bisher. Es führte auf jeden Fall dazu, dass es kein anderes Thema mehr gab.

Auch jetzt, wo er mit einem Teil seiner Kameraden im Hinterzimmer des Abys saß, wurde seit einer guten Stunde genau darüber diskutiert. Deacon wollte sich am liebsten die Hände auf die Ohren pressen. Hinter seiner Stirn begann es schmerzhaft zu pochen, was ganz wunderbar zum Gesamtzustand seines Körpers passte.

Ihm tat gefühlt alles weh und das war voll und ganz Knox' Schuld!

Dieser dumme, kleine Idiot hatte sich gestern von einer Gruppe Touristen, die in New York irgendeinen Junggesellenabschied feierten, provozieren und zu einer Prügelei hinreißen lassen. Deacon war so versucht gewesen, ihm die Suppe alleine auslöffeln zu lassen Es wäre eine gute Lektion gewesen! Knox' Klappe war größer als gut für ihn war und er musste verdammt noch mal lernen, dass man niemanden ans Bein pisste, der größer und stärker war als man selbst. Nur war gerade nicht der richtige Zeitpunkt – sie brauchten jeden Mann – und Big Joe hatte sich mit solcher Begeisterung ins Getümmel gestürzt, dass Deacon sich mit einem unwilligen Seufzen angeschlossen hatte.

Die Kerle waren keine solchen Weicheier, wie sie aussahen. Der Sieg hatte Knox einen Zahn sowie eine aufgeplatzte Lippe gekostet und Deacon ein paar Schrammen und geprellten Rippen beschert. Nur Big Joe war – sehr zu seinem Leidwesen, wie Deacon wetten würde – ohne einen Kratzer aus dem Ganzen herausgekommen.

„Ich verstehe nicht, wieso wir diesen Melonen -“

„Moloneys“, korrigierte Felix automatisch.

„- nicht einfach den Garaus machen!“ Knox schlug sich mit der Faust in die flachen Hand und grinste. „Ein paar gezielte Anschläge und schon ist das Problem gelöst!“

„Und wie genau willst du jemanden angreifen, wenn du nicht weißt, wo er ist?“

Knox öffnete den Mund, runzelte die Stirn und schloss ihn wieder. Zumindest kurz. „Lässt sich das nicht irgendwie rausfinden?“

„Sicher.“

„Super! Und wie?“

Alle warfen ihrem jüngsten Kameraden einen genervten Blick zu. „Wenn wir das wüssten, meinst du nicht, dass wir das längst getan hätten?“, wollte Big Joe wissen.

„Naja … ja?“

Deacon rieb sich die linke Schläfe und versuchte die drohenden Kopfschmerzen wegzumassieren. Er hing wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf seinem Stuhl, um seinen Oberkörper zu entlasten, schielte die Flasche Bier auf dem Tisch an und fragte sich, wie viele er davon trinken musste, um gute Laune zu bekommen.

Anstatt nach der Flasche zu greifen, holte er sein Handy aus der Hosentasche und warf angespannt einen Blick aufs Display. Keine Nachricht von Lydia. Immer noch nicht. Seine Schwester war immer wütend, wenn er verletzt vor ihrer Haustür stand, um sich zusammenflicken zu lassen. Deacon wusste, er sollte das nicht tun, sie nicht damit belasten, aber sie war der einzige Mensch, dem er völlig traute und sie hatte einfach ein Händchen dafür. Da nahm er auch die fluchenden Vorträge darüber in Kauf, was für ein rücksichtsloser Mistkerl er war.

Diesmal war es anders gewesen. Lydia hatte keinen Ton von sich gegeben, während sie irgendeine Salbe auf seine Seite geschmiert und seine aufgeschürften Fingerknöchel desinfiziert hatte. Sie hatte auf keinen Gesprächsversuch reagiert, sondern ihn einfach nur die ganze Zeit mit traurigen Augen angesehen. Es hatte Deacon das Herz gebrochen und noch ein wenig mehr, dass er das Essen mit ihr und ihren Freund absagen musste. Bei dem ganzen Mist, der momentan los war, hatte er weder Zeit noch Nerven dafür. Lydia hatte es mit einem einfachen Nicken hingenommen, anstatt sich wie sonst mit ihm zu streiten.

Erst als er gehen wollte, bekam sie die Zähne auseinander. „Wird es irgendwann anders?“, hatte sie mit leiser Stimme gefragt. „Besser?“

„Bald“, hatte Deacon versprochen. „Es fehlt nicht mehr viel.“

Lydia wirkte nicht überzeugt und Deacon war selbst nicht sicher, ob es eine Lüge war, also küsste er seine Schwester zum Abschied auf die Wange und ging. Er hatte ihren traurigen Blick den ganzen Weg die Treppe runter im Nacken gespürt.

Seit dem reagierte sie auf keinen Anruf und keine Whatsapp-Nachricht. Es war zum aus der Haut fahren!

„Was sagst du eigentlich dazu?“, lenkte Knox ihn ab.

Deacon fühlte sich kurz angesprochen, doch Knox' Blick war auf Adam gerichtet, der gelassen am Ende des Tisches saß, die Beine über Kreuz auf einen zweiten Stuhl gelegt. Er schnipste ständig eine Münze in die Luft, fing sie wieder auf, und wiederholte das Ganze, immer und immer wieder.

Auch jetzt hörte er nicht auf. „Was soll ich dazu sagen? Es passiert, was passieren soll.“

Felix stöhnte genervt. „Fang jetzt bitte nicht wieder mit deinem Schicksalsgequatsche an. Lass mich raten: du warst bei deinem Wahrsager und er hat dir gesagt, dass die Sterne gerade zu Vinnys Gunsten stehen!“

„Nein, Klugscheißer. Es ist einfach nutzlos sich Gedanken über Dinge zu machen, auf die wir sowieso keinen Einfluss haben. Die Entscheidungen werden über unsere Köpfe hinweg getroffen.“

„Yeah, aber es wird uns beeinflussen“, hielt Felix dagegen. Er verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust. „Schon mal darüber nachgedacht, was mit uns passiert, wenn Vinny draufgeht?“

Knox' Augen wurden eine Spur größer. „Was passiert mit uns?“

„Kommt drauf an wie hässlich es wird“, meinte Big Joe. „Aber vermutlich läuft es darauf hinaus, dass jemand Vinnys Platz einnimmt oder wir uns in andere Crews aufteilen.“

„Aber … ich will nicht woanders hin!“

Felix schnaubte. „Wie alt bist du? Zwölf? Das hier ist kein Kindergarten.“

„Das weiß ich. Ich bin kein Kind!“

„Dann benimm dich nicht wie eins“, bat Deacon, obwohl er dasselbe empfand wie Knox. Er wollte in keine andere Crew. Diese Männer hier, waren seine Freunde. So sehr, wie das bei Menschen wie ihnen überhaupt möglich war. Ganz zu schweigen, dass er in einer anderen Crew wieder ganz von vorne anfangen müsste. Sich Vertrauen und Respekt erarbeiten musste, scheiß egal, wie lange er schon dabei war. Der Gedanke macht ihm mehr zu schaffen, als er erwartet hätte. Es würde ihn Jahre zurückwerfen. Lydia würde das nicht mitmachen.

Und trotzdem waren es genau diese Männer, die ihn nervös machten. Denn es könnte einer von ihnen sein, der Vinnys Untergang war. Deacon hatte sehr viel darüber nachgedacht in den letzten Tagen. Verräter waren so gut wie tot bei den Wests. Es war eines der schlimmsten Verbrechen, die man begehen konnte, und bei der Strafe gab es keinen Spielraum: Verriet man die Wests, war man tot. Wenn man Glück hatte sofort.

Normalerweise.

Hier war die Lage völlig anders. Wenn ein West Vinny umbrachte, bestand eine gute Chance, dass er nicht nur das Kopfgeld kassierte, sondern auch noch vom Don gelobt wurde. Falls er Vinny nicht vorher selbst zum Abschuss freigab. Was er eigentlich nicht tun konnte – nicht offiziell –, weil es ihn zu einem Verräter machen würde. Das alles war jetzt schon so scheiße kompliziert. Deacon hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen, weil er nicht aufhören konnte, darüber nachzudenken. Er kam sich schrecklich hilflos vor und es machte ihn jeden Tag wütender und wütender.

Für eine Weile blendete er das Gespräch der anderen aus und sah Adams Münze dabei zu, wie sie durch die Luft wirbelte, höher und höher stieg, nur um dann doch wieder zu fallen. Sie landete jedes Mal sicher in Adams Hand, der einen kurzen, kritischen Blick auf die Seite warf, auf die sie gelandet war, bevor er sie wieder in die Luft schnipste. Es war ziemlich hypnotisierend.

Bis Adam irgendwann ein nachdenkliches Geräusch von sich gab.

„Was ist los?“, hörte Deacon sich fragen.

„Es ist zum vierten Mal Kopf.“

„Und?“

„Das ist merkwürdig. Münzwurf basiert völlig auf Wahrscheinlichkeiten“, erklärte er, bevor Felix dazu ansetzen konnte, ihn wegen seinem Aberglauben aufzuziehen. „Es besteht eine Fifty-Fifty-Chance: Kopf oder Zahl. Wenn die Münze nicht gezinkt ist, hast du ein relativ ausgeglichenes Verhältnis. Viermal Kopf hintereinander ist ungewöhnlich.“

„Uh, lass mich raten“, warf Felix feixend ein. „Es ist ein Zeichen! Für was? Köpfe werden rollen?“

„Deiner vielleicht“, warnte Adam, nicht wirklich erbost. Er war esoterisch angehaucht, aber kein Idiot. Genau genommen kannte Deacon nicht viele Menschen, die mit beiden Beinen so fest im Leben standen wie Adam.

„Und wenn es Zahl ist?“, ließ Felix sich nicht beirren. „Heißt das, wir gewinnen im Lotto? Oder wir müssen alle bezahlen? So viele Interpretationsmöglichkeiten!“

„So viele Möglichkeiten, dir in den Arsch zu treten!“, gab Adam fröhlich zurück und warf die Münze wieder in die Luft.

Sie drehte sich so schnell, dass sie wie ein schwach gezeichneter Ball aussah.

Als sie wieder auf Adams Handfläche landete, beugte Deacon sich neugierig nach vorne, um das Resultat zu sehen.

Kopf lag oben.

„Okay, vielleicht ist das ein wenig gruselig.“ Knox murmelte die Worte in sein Glas. Trotzdem verstand ihn jeder. Einen Moment starrten alle die Münze einfach nur an, bevor Big Joe das Thema wechselte und über das letzte Yankees-Spiel debattierte. Das, wo Deacon nicht mit Lydia hingegangen war, obwohl er wollte.

Deacon hasste das. Er hasste alles, an der momentanen Situation. Und das Schlimmste war: das hier war erst der Anfang. Es würde noch viel schlimmer werden. Oh, so viel schlimmer. Und es gab nichts, was er dagegen machen konnte. Rein gar nichts.

Oder … vielleicht doch.

Big Joes bellendes Lachen verstärkte seine Kopfschmerzen nur noch. Deacon war es egal. Ihm kam eine Idee. Eine sehr dumme und vermutlich nutzlose Idee, aber immerhin war es  etwas.

Als Adam die Münze diesmal in die Luft schmiss, fing Deacon sie mitten im Fall auf und schloss seine Faust feste um das Metall.

„Hey!“, protestierte Adam. „Was machst du da?“

Das Schicksal in meine eigene Hand nehmen, wollte Deacon sagen. Es klang ihm zu sehr nach dem Spruch aus einem Glückskeks.

„Du bekommst sie wieder“, versicherte er Adam stattdessen und kämpfte sich mühselig aus dem Stuhl.

Er ignorierte die fragenden Blicke und schleppte sich die Treppen zu Vinnys Büro hoch. Er war relativ sicher, dass sein Boss nicht da war, und trotzdem stieß er erleichtert die Luft aus, als niemand auf sein Klopfen reagierte.

Deacon brauchte keine zwei Minuten, bis er das Klapphandy in der Schublade des Schreibtischs fand, von dem er wusste, dass es nur eine Nummer gespeichert hatte.




Zwei Stunden später stand er in der Hintergasse einer Studentenkneipe in Harlem, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und eine Hand stützend auf seine Seite gepresst. Er versuchte so ruhig wie möglich zu stehen, aber scheiße, selbst atmen tat weh. Die Ungeduld, die durch jede Faser seines Körpers floss wie Gift, machte es nicht gerade einfacher.

Was dachte er sich eigentlich dabei? Das hier war eine dumme Idee. Wirklich, richtig dumm. Sie hätte von Knox sein können! In den letzten zehn Minuten war Deacon fünf mal davor gewesen, einfach auf dem Absatz kehrt zu machen und von hier zu verschwinden.

Er dachte zum sechsten Mal darüber nach, als sich endlich eine vertraute Gestalt aus den Schatten der Gasse löste und mit einer Ruhe auf ihn zukam, die Deacon beneidenswert fand. Ein aufgeregtes Kribbeln machte sich sofort in seinem ganzen Körper breit. Überrascht stellte er fest, dass ein kleiner Teil davon freudige Aufregung war. Freute er sich wirklich, den Mann wiederzusehen?

Er dachte an diesen echt merkwürdigen Abend. An die vielen Melodien, die für eine kurze Zeit das Abys gefüllt hatten. Wegen ihm. Wegen Phoenix.

Okay, vielleicht freute er sich ein bisschen.

„Geht es noch klischeehafter?“ Phoenix blieb mit etwas Abstand zu ihm stehen, die Hände locker in den Taschen seines Mantels vergraben. „Ich nehme an, du machst so etwas nicht oft, aber für nächstes Mal: sich in einer dreckigen Hintergasse zu treffen, machen nur Pseudogangster in Hollywoodstreifen oder Drogendealer.“

Deacon zuckte mit den Schultern.  „Wenn du gegen Klischees bist, warum ziehst du dich dann an wie ein Gangster aus den 20ern?“

Phoenix zeigte keine Reaktion. So ein Spielverderber!

Nur kurz sah er ihm ins Gesicht, dann wanderte sein Blick weiter zu Deacons Händen, verharrte eine Sekunde auf den aufgeschürften Knöcheln, auf seine gestützte Seite und wieder zurück ins Gesicht.

„Ist Vinny tot?“

„Nein. Noch nicht.“

Es war unmöglich zu sagen, was die Information ihm bedeutete. Phoenix nahm sie einfach nur hin. „Warum kommt er dann nicht selbst, wenn er was von mir will?“

„Weil ich mit dir reden will. Er weiß nicht, dass ich hier bin.“

Milde interessiert hob Phoenix eine Augenbraue. „So? Worüber?“

„Darüber, wie wir Vinny helfen können.“

„Was lässt dich glauben, dass ich ihm helfen kann?“

„Naja, du bist du.“ Deacon machte eine etwas hilflose Geste – und hatte er schon erwähnt, dass das hier wirklich eine dumme Idee war? „Wenn stimmt, was man über dich sagt, dann bist du einer der Besten. Du kannst ihn beschützen. Sei sein Bodyguard oder so.“

Ehrlich gesagt hatte Deacon keine Ahnung, wie das lief. Er bezweifelte mal, dass Auftragskiller sich alle untereinander kannten und sich einmal monatlich zum Kaffeeklatsch trafen. Aber er war fest davon überzeugt, dass Phoenix ein verdammter Profi war und Gefahr zehnmal eher roch als normale Schläger, aus denen Vinnys Crew zum größten Teil bestand.

Phoenix verzog immer noch keine Mine. „Was lässt dich glauben, dass ich ihm helfen will?“

Das … war eine gute Frage. „Warum solltest du nicht?“, versuchte Deacon eine Antwort zu finden. „Ich habe keine Ahnung, was da zwischen euch läuft, aber ganz klar liegt dir etwas an seinem Überleben. Sonst hättest du ihn nicht gewarnt.“

Für einen kurzen Moment huschte ein Schatten über das strenge Gesicht. Nur ein Herzschlag, dann war es vorbei, doch Deacon hatte es gesehen. „Bildest du dir wirklich ein, mich zu kennen?“

„Nein. Das sind simple Fakten. Aus irgendeinem Grund sind Vinny und die Wests für dich tabu. Also liegt es nahe, dass du ihn nicht sterben lassen willst.“

„Du verkennst die Situation. Nur weil ich Vinny nicht selbst töte, heißt das nicht, dass es mich interessiert, ob er lebt oder stirbt.“

Deacon runzelte die Stirn. „Das … macht keinen Sinn.“

„Das ist nicht mein Kampf.“ Phoenix drehte sich um und machte Anstalten zu gehen.

Okay, das hier lief beschissener als gedacht und seine Erwartungen waren schon niedrig gewesen!

„Ich kann dich bezahlen!“

Das brachte Phoenix dazu, innezuhalten und ihn wieder anzusehen. „Du kannst dich mir nicht leisten.“

„Woher willst du das wissen? Ich lege jeden Cent zur Seite, den ich nicht brauche. Ich habe Geld.“

„Wozu?“

„Ich kann dich bezahlen“, beharrte Deacon und überging die Frage. „Vielleicht nicht für lange, aber … wenigstens für ein paar Tage.“

„Nicht interessiert.“

„Oh, komm schon! Warum nicht?“

„Du verschwendest meine Zeit“, behauptete Phoenix gelangweilt und wandte sich wieder ab. „Und meine Zeit ist kostbar.“

„Feigling!“ Deacon wusste nicht, was ihn gerate ritt. Er bereute das Wort, noch während es seine Lippen verließ, aber scheiße! Er war verzweifelt! Phoenix war sein letzter Strohhalm. Er war derjenige, der Vinny überhaupt erst alle Informationen besorgt hatte, also wusste er viel besser Bescheid als Deacon es jemals könnte. Vielleicht wusste er mehr. Vielleicht konnte er dem ganzen ein Ende setzen, bevor es richtig anfing. Deacon wollte das glauben. Er musste es glauben.

Es ging hier nicht nur um Vinny. Es ging um sein verdammtes Leben und das seiner Freunde.

Langsam drehte sich Phoenix erneut zu ihm um. Es war kein Zeichen von Wut in seinem Gesicht zu sehen und trotzdem gefroren Deacon die Eingeweide, als er näher kam, bis er dicht vor ihm stand. „Möchtest du mir das vielleicht noch mal ins Gesicht sagen?“

Nein, wollte er nicht. Wirklich nicht. Er dachte an Knox mit seiner großen Klappe und hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was passierte, wenn er jetzt nicht den Mund hielt und brav den Schwanz einzog. Deacon hatte keine Probleme damit. Kein Bisschen. Sein Überlebensinstinkt war schon immer größer gewesen als sein männliches Ego und wenn man einmal zusammengekauert blutend und jämmerlich weinend jemanden zu Füßen lag, dann sank das eigene Schamgefühl ziemlich rapide.

Darum schockierte es ihn selbst, dass er trotzdem den Mund aufmachte. „Feigling“, wiederholte er. „Du kannst den Stein nicht ins Rollen bringen und dich dann einfach verpissen, als würde dich das Ganze nichts angehen. Vinny ist dein Freund und du -“

Deacon fand sich schneller mit dem Rücken an der Wand wieder, als er blinzeln konnte. Phoenix rammte ihm das Knie in den Schritt, ohne danach den Druck nachzulassen, und im selben Atemzug drückte er fest mit der flachen Hand gegen seine geprellten Rippen. Der Schmerz war überwältigend!Tränen stiegen ihm sofort in die Augen. Weil er so weder Beine noch Oberkörper bewegen konnte, ohne es schlimmer zu machen, wollte er Phoenix mit den Händen von sich stoßen. Er hatte sie nicht mal gehoben, als er eine kühle Klinge unter seinem Kiefer fühlte.

Deacon hielt schlagartig mucksmäuschenstill.

Panik überflutete ihn wie eine Welle. Blut rauschte in seinen Ohren, sein Herz pochte kräftig in der Brust und sein Puls schoss in schwindelerregende Höhen. Der Schmerz war schier unerträglich und trotzdem rührte er keinen Muskeln.

Er hatte für den Rest seines Lebens genug scharfe Messer vom Nahen gesehen.

„Du machst viel zu viele Fehler“, erklärte Phoenix ihm ungefragt. „Verletzungen zeigt man nicht offen. Man versteckt sie. Sonst machen sie dich angreifbar.“ Wie zum Beweis drückte er fester gegen seine Seite. Deacon stöhnte und für einen Moment verschwamm ihm der Blick, aber er rührte sich immer noch nicht. Von ihm aus sollte dieser Mistkerl ihm die Rippen brechen. So lange er nur das scheiß Messer wegnahm!

Nur tat er nichts dergleichen. Die Klinge glitt ein Stück über seine Haut, ohne ins Fleisch zu schneiden. Deacon hörte die Bartstoppeln über das Metall kratzen. Als die Messerspitze seine Narbe berührte, ballte er die Händen zu Fäusten und versuchte die Panik in Schach zu halten. Er würde es nicht schaffen. Er spürte, wie sie unter seiner Haut kratzte, nach draußen dringen wollte. Wie seine Atmung schwer und hektisch wurde. Nicht noch mal, war alles, was er denken konnte. Bitte nicht noch mal.

Zu seiner absoluten Verblüffung hielt Phoenix inne. Diese elendig kalten Augen bohrten sich für ein paar Sekunden in seine. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Dann – zu Deacons grenzenloser Erleichterung – nahm er das Messer weg.

Obwohl es seine Situation nicht viel besser machte, atmete Deacon so erleichtert aus, dass es ihm peinlich sein sollte. Er verspürte sogar kurz den Impuls, sich zu bedanken.

„Vinny ist nicht mein Freund“, stellte Phoenix im ruhigen Tonfall klar, ohne sonst irgendwie locker zu lassen. „Freundschaft ist für Schwache. Er ist ein Geschäftspartner. Nicht mehr.“

„Ich glaube dir nicht.“ Deacon presste die Wörter durch die Zähne. Eine kleine Stimme in seinem Kopf bettelte ihn an, einfach den Mund zu halten. „Er muss dir was bedeuten. Irgendwas. Warum sonst die Sonderbehandlung? Ich wette, du verlierst eine Menge Aufträge dadurch, dass du dich nicht gegen uns wendest.“

Das Messer verschwand wieder in Phoenix' Mantel. Die jetzt freie Hand – heute in schwarzen Lederhandschuhen gehüllt – schob sich dafür in sein Blickfeld. Deacon hatte gar keine Zeit, diesmal Panik zu kriegen, denn Phoenix berührte sein Gesicht gar nicht. Stattdessen wickelte er eine der blonden Strähne lose um seinen Finger.

Jede Emotion machte absoluter Verwirrung Platz. Was sollte das werden? Die Berührung war so leicht, dass Deacon sie nicht fühlte und durch die Handschuhe fühlte Phoenix sie genauso wenig. Und selbst wenn doch: was sollte das bringen?

Phoenix' Gesicht verriet wie immer nichts. Er hatte den Kopf leicht geneigt und sah sich selbst dabei zu, was er tat. Ohne auch nur eine Regung zu zeigen, was Deacon schier in den Wahnsinn trieb! Er wollte so dringend wissen, was in diesem Kopf vor sich ging!

„Schuld“, bemerkte Phoenix irgendwann. „Ich bin Vinny was schuldig, kleiner Löwe. Das ist die Antwort.“

Ohne Vorwarnung ließ Phoenix ihn los und trat einen Schritt zurück. Deacon sackte sofort in sich zusammen. Er musste sich an der Wand abstützen, um nicht den Halt zu verlieren. Gerade konnte er nicht sagen, was schlimmer war: Das schmerzhafte Pochen in seinem Schritt oder das Stechen bei jedem Atemzug in seiner Brust. Er sollte echt angepisst deswegen sein, doch in Wahrheit war er einfach nur erleichtert, seine Freiheit zurück zu haben.

„Also ist es das?“, hielt er keuchend an dem Gespräch fest, obwohl er sich einfach nur hinsetzen und sich übergeben wollte. „Vinny hat was gegen dich in der Hand?“

Als wenn nichts passiert wäre, steckte Phoenix die Hände wieder in seine Manteltaschen. Er sah so entspannt aus, dass Deacon ihn schlagen wollte!

„Nein.“

Deacon gab seinen weichen Knien nach und setzte sich hin. Vorsichtig lehnte er sich gegen die Mauer in seinem Rücken und sah zu Phoenix nach oben. „Wenn du ihm was schuldest, dann musst du ihm helfen.“ Sprechen tat weh, aber er konnte einfach nicht locker lassen. Nicht jetzt.

„Meine Schuld ist längst beglichen.“

„Aber … was? Das macht keinen Sinn! Du hast gerade eben gesagt, dass du ihm was schuldest.“

„Das ist richtig.“

„Gott, bist du anstrengend.“

Kurz zuckten Phoenix' Mundwinkel und für einen kleinen Moment war ein amüsierter Glanz in seinen Augen zu sehen. „Du bist nicht der Erste, der mir das sagt.“ Er ging in die Hocke, bis sie auf Augenhöhe waren, und schon war sein Gesicht wieder glatt wie ein Spiegel. „Es bringt rein gar nichts, wenn ich Vinnys Bodyguard spiele. Es ist keine Garantie dafür, dass er überlebt und ich kann keine 24 Stunden bei ihm sein. Irgendwann wird irgendwer ihn erwischen, es ist nur eine Frage der Zeit. Weder du noch ich kann das verhindern.“

„Das größte Problem ist gelöst, wenn das Preisgeld verschwindet.“

Phoenix nickte.

„Dann ...“ Gott, es war gerade wirklich schwer zu denken. „Dann müssen wir denjenigen erledigen, der es aufsetzt.“

„Das ist der gesamte Moloney-Clan. Fünf bis sieben Leute, mindestens.“

„Du kannst es tun. Das ist dein Job. Du kannst es.“

Sein Gesicht wurde zu einer steinernen Maske und für einen schrecklichen Augenblick dachte Deacon, dass er zu weit gegangen war. „Natürlich kann ich“, stimmte Phoenix ihm jedoch nur zu. „Für den richtigen Preis.“

„Ich habe doch gesagt, ich kann dich bezahlen.“

„Und ich habe gesagt, dass ich das bezweifel. Warum liegt dir so viel daran? Vinny wird ersetzt. Ist es nicht egal, wer dir Befehle zubrüllt?“

Nein, war es nicht. Deacon wusste nicht warum. Nicht genau. Er wollte auch nicht darüber nachdenken. Er wusste nur, dass alles sich drastisch ändern würde und er Himmel und Hölle in Bewegung setzten würde, um das zu verhindern. Er war so weit gekommen! Er konnte nicht von vorne anfangen.

„Ich kann dich bezahlen“, wiederholte er.

„Dieser Sturheit wird dir irgendwann das Genick brechen“, prophezeite Phoenix. „Wie heißt du?“

„Deacon. Immer noch“, fügte er ein wenig säuerlich an darüber an, dass Phoenix das anscheinend schon wieder vergessen hatte.

Phoenix machte eine vage ungeduldige Handbewegung. „Das ist dein Nachname, oder? Sag mir deinen Vornamen.“

„Klar. Wenn du mir deinen sagst.“

Phoenix schnaubte leise. Deacon könnte schwören, er klang amüsiert.

Dann holte er aus seinem Mantel ein Handy raus, das genauso aussah wie Vinnys Klapphandy, und hielt es ihm auffordernd hin. „Tipp deine Nummer ein. Ich melde mich morgen bei dir und wir besprechen das Ganze, wenn du nicht kurz davor bist, zusammenzuklappen.“

„Yeah, woran du natürlich total unschuldig bist.“

Okay, er musste wirklich einen Auffrischungskurs in Sachen Selbsterhaltungsmaßnahmen machen.

Hastig – bevor Phoenix es sich anders überlegte – nahm er das Handy und tippte seine Nummer ein. Als er es Phoenix wiedergab, warf der einen prüfenden Blick aufs Display und steckte es wieder weg.

„Eis“, bemerkte er dann.

Deacon starrte ihn verwirrt an. „Was?“

„Eis hilft gegen die Schwellung in den ersten 48 Stunden.“ Er nickte zu Deacons geschundener Seite. „Danach warme, feuchte Kompressen.“

„Danke auch, Mum.“ Deacon ächzte und streckte sein rechtes Bein ein wenig aus. „Ich mache mir gerade eher Sorge darum, die nächsten Tage nicht pissen zu können.“

„Eis“, wiederholte Phoenix – und schien recht zufrieden damit zu sein, wie entsetzt Deacon das Gesicht verzog.

„Mann, du weißt wirklich, wie man die Stimmung killt“, murmelte er vor sich her.

Phoenix beugte sich ein Stück zu ihm und sah ihn mit derselben Intensität an wie vorhin, als er seine Haare berührt hatte. Doch er sagte auch jetzt nichts, stand einfach nur auf und diesmal hielt Deacon ihn nicht auf, als er ging.

„Morgen“, rief Phoenix ihm auf halben Weg zu. „Lass mich nicht warten.“

„Würde mir nie einfallen. Ich bin ein Gentleman!“

Darauf bekam er keine Reaktion. Mann, der Kerl musste eindeutig an seinem Humor arbeiten, dachte Deacon sich, bevor er realisierte, was hier gerade passiert war.

Er hatte es geschafft. Vielleicht – ganz eventuell – hatte er eine Lösung gefunden.

Selbst die Schmerzen, als er sich auf die Beine zog, hielten ihn nicht davon ab, wie ein Irrer zu grinsen
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