King and Lionheart

von congeries
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
31.08.2019
13.10.2019
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Vincent „Vinny“ Sullivan war ein durch und durch pragmatischer Mann.

Wenn die Polizei eine Razziawelle durchführte, um die Bevölkerung daran zu erinnern, dass sie die Helden der Stadt waren, stellte Vinny seine Geschäfte einfach für eine Weile ein.

Wenn jemand auf die Idee kam ihn zu betrügen, sorgte Vinny persönlich dafür, dass derjenige den nächsten Morgengrauen nicht erlebte.

Als ihm schon mit Anfang dreißig die Haare ausfielen und sich eine Halbglatze androhte, übersprang er die männliche Midlifecrisis und rasierte sich den Schädel einfach kahl.

Kurzum: wenn es ein Problem gab, dann versank Vinny nicht im Selbstmitleid, sondern packte das Übel an der Wurzel und schlug im Idealfall so ganz nebenbei noch den meisten Profit dabei raus.

Genau das war der Grund, wieso Deacon schlecht vor Sorge wurde, als er nach Phoenix' wirklich nicht hilfreichem Abgang die Treppen hoch rannte und keine Minute später im Büro seines Bosses stand.

Vinny war äußerlich kein beeindruckender Mann. Er war weder groß noch klein, weder dünn noch dick, weder attraktiv noch hässlich. Abgesehen von der Nase, die er sich während seiner Boxkarriere mehrmals gebrochen hatte und die jetzt immer noch schief stand, war er einer dieser Menschen, denen man auf der Straße keinen zweiten Blick zuwarf. Mit Sicherheit würde niemanden denken, dass er gerade eines der höchsten Mitglieder der Wests vor sich stehen hatte. Genau das hatte Vinny so erfolgreich gemacht.

Deacon war einer der Idioten gewesen, der sich von dieser Fassade hatte täuschen lassen.

Sicher, er war nur ein Kind gewesen. Gerade einmal neun Jahre alt, mit geschickten Fingern und auf der Suche nach schnell verdientem Geld. Er hatte den Tag zuvor irgendeine dämliche Actionfigur im Spielzeugladen gesehen, die er unbedingt haben wollte. Deacon hatte nicht einmal in Erwägung gezogen, seine Eltern nach dem Geld dafür zu fragen. Sie hätten ihn eh nur ignoriert oder ihn in sein Zimmer geprügelt. Nein, für Deacon hatte es nur zwei Möglichkeiten gegeben: Die Figur stehlen oder das Geld, um sie zu kaufen.

Als er Vinny rauchend vor einem Imbiss gesehen hatte, war ihm die Entscheidung nicht schwergefallen. Deacon hatte gedacht, dass es einfach wird. Er hatte das schon hundert Mal gemacht, war nie erwischt worden und der Kerl sah einfältig genug aus!

Doch als er den Mann anrempelte, eine Entschuldigung murmelte und mit der Brieftasche in seiner Hand verschwinden wollte, packte Vinny ihn wie einen ungezogenen Hund im Nacken. Vinny war damals nur ein einfacher Fußsoldat der Wests gewesen und das lange genug, um einen Dieb zu erkennen, wenn er ihn sah.

Deacon erinnerte sich auch noch sehr gut daran, wie ihm das Herz in die Hose gerutscht war und er sein junges Leben sehr dramatisch an sich hatte vorbeiziehen sehen. Er war nicht trotzig geworden. Er hatte nicht einmal versucht wegzurennen oder irgendwas zu leugnen, sondern wappnete sich innerlich für die Strafe, die mit Sicherheit auf ihn zukommen würde.

Sie kam. Schnell und hart. Nur nicht auf die Art, die er erwartet hatte.

Denn Vinny war auch damals schon ein gerissener Geschäftsmann gewesen, der Profit zehn Meilen gegen den Wind schnupperte. Anstatt ihn an die Polizei auszuliefern oder – schlimmer noch – an seine Eltern, hatte Vinny ihn unter seine Fittiche genommen. Er hatte das Potenzial darin gesehen, ein Kind, das niemand verdächtigte, für sich arbeiten zu lassen. Und so war Deacon sein Laufbursche geworden. Er erledigte Botengänge für Vinny, beging kleine Gaunereien, sorgte für Ablenkungen, überbrachte Nachrichten und erledigte viele andere Kleinigkeiten, wofür Vinny ihn mit so vielen Actionfiguren überschüttete, wie er tragen konnte.

Natürlich blieb er kein Kind. Je älter Deacon wurde, je schneller stieg Vinny in den Rängen der Wests auf und er zog Deacon mit. Jahr um Jahr um Jahr. Bis aus den Kleinigkeiten echte Prügeleien, Erpressungen, Überfälle und noch viel Schlimmeres wurde.

Wegen Vinny hatte Deacon zwei Jahre seines Lebens im Knast verbracht.

Wegen Vinny hatte er die Chance, irgendwann aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Wegen Vinny hatte er gelernt, was Schmerzen wirklich bedeuteten.

Wegen Vinny war er noch am Leben.

Man konnte also behaupten, dass ihr Verhältnis kompliziert war. Deacon wusste oftmals selbst nicht, was er darüber denken sollte.

Er wusste jedoch mit absoluter Sicherheit, dass er in den letzten 13 Jahren immer an Vinnys Seite gewesen war. Er war da, als Vinny eine Bruchbude kaufte und daraus eine der erfolgreichsten Bars der Gegend machte. Er war bei den kleinen und großen Rückschlägen dabei. Er war da, als Vinny sich hart bis zur Position des Unterboss hoch kämpfte. Bei den Wests gab es jetzt nur noch Don Foley, der über ihn stand. Er war verdammt noch mal immer da gewesen und hatte einen sechsten Sinn dafür entwickelt, wann die Scheiße richtig am Dampfen war.

Als er Vinny hinter seinen großen Eichenschreibtisch sitzen sah, meldete dieser Sinn sich laut und klar zu Wort.

Vinny wirkte erschöpft. Mit festen Griff hielt er ein halb leeres Glas Whiskey in der Hand. Die oberen beiden Knöpfe seines Hemdes waren offen und er hing in dem Stuhl, als wenn er sich nach einem Rundgang in seinem Büro einfach hätte fallen lassen.

Als er Deacon sah, zogen sich seine Mundwinkel nach oben. „Bist du endlich fertig mit dem Geklimper?“

Deacon schnaubte. „Was ist los?“

„Was soll los sein?“

Deacon schmiss die Tür hinter sich ins Schloss und tippte ungeduldig mit der Schuhspitze auf dem Boden. „Irgendwas ist im Busch. Du benimmst dich seit Tagen seltsam, erzählst uns nichts mehr und ziehst dich zurück. Dann kommt Phoenix daher und erzählt irgendwas von einem Krieg.“

„Hat er das?“ Interessiert hob Vinny den Kopf und gab ein nachdenkliches Geräusch von sich. „Interessant. Wenn er nicht aufpasst, dann wird er auf seine alten Tage noch sentimental.“

„Das bezweifel ich“, hielt Deacon trocken dagegen. „Erzähl mir, was der Grund für diesen ganzen Mist ist.“

„Ich muss dir gar nichts erzählen.“ Das Lächeln verschwand so schnell aus Vinnys Gesicht, wie es gekommen war. „Vergiss deinen Platz nicht, Junge.“

Hart biss Deacon sich auf die Zunge und wartete ab, bis das Schuldgefühl aufhörte wie Säure in seinem Magen zu brennen. „Entschuldige“, brachte er dann heraus. Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft er es sich in all den Jahren erlaubt hatte, Vinny zu widersprechen: es war selten gut für ihn ausgegangen. Normalerweise würde er es also an diesem Punkt gut sein lassen und verschwinden, aber das hier war zu wichtig.

„Es ist nur“, fing er deswegen an und rang ein wenig nach den richtigen Worten. „Gibt es etwas, um das ich mir Sorgen machen muss?“

„Oh, die Liste ist lang. Korrupte Politiker, Krebs, globale Erwärmung … und ich habe gehört, die Bandenkriminalität in der Gegend soll nicht kleinzukriegen sein!“ Vinny grinste kurz. „Nicht einmal ein Schmunzeln? Nein? Jesus, du bist heute aber schlecht drauf. Phoenix muss Eindruck hinterlassen haben.“

„Tut er das nicht immer?“

Vinny lachte auf und sah mit einem Mal recht nostalgisch aus. „Ja, das tut er. Nun, ich hatte sowieso vor, euch in den nächsten Tagen zu informieren, also warum fangen wir nicht jetzt damit an? Die Moloneys sind wieder in der Stadt“

Der Satz hing bedeutungsschwer in der Luft. Nur konnte Deacon rein gar nichts damit anfangen.

„Wer ist das?“

Irritiert sah Vinny zu ihm, bevor er über irgendwas den Kopf schüttelte. „Stimmt, das war vor deiner Zeit.“

Deacon war so lange ein West, dass er sich kaum vorstellen konnte, dass es 'vor seiner Zeit' überhaupt gab, doch natürlich war das so. Die Wests war eine Absplittung der Westies, die schon in den 60er Jahren in New York ihr Unwesen getrieben hatten. Er war sicher, es gab eine Menge Dinge, die er nicht wusste.

Vinny nahm einen Schluck von seinem Whiskey, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schob dann Gott sei Dank ungefragt eine Erklärung hinterher. „Die Moloneys waren neben uns und den Masratis die einflussreichste Bande im ganzen Staat New York. Es gab viele blutige Streits über die Vorherrschaft. Weil sie zahlenmäßig die größten waren, haben wir uns zeitweise mit den Masratis zusammengeschlossen und sie aus der Stadt vertrieben. Die Hälfte der obersten Riege der Moloneys haben diese Säuberung nicht überlebt und sind mit eingeklemmten Schwanz geflüchtet. Ich habe gehört, dass sie sich in Chicago niedergelassen und sich dort neu aufgebaut haben.“

„Der Waffenstillstand mit den Masratis hielt nicht lange?“, riet Deacon.

Vinny schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Der Zwist zwischen unseren Banden bestand über Jahre. Mal waren wir im Vorteil, mal die Masratis.“

Diese Rivalität hatte Deacon noch am eigenen Leib miterlebt. Das war keine lustige Zeit gewesen. „Bis zum Massaker“, überlegte Deacon laut. Jemand hatte jeden mit Rang und Namen aus dem Clan in nur einer Nacht erledigt. Von heute auf Morgen war alles vorbei gewesen. Deacon würde nie vergessen, wie dummer damals aus der Wäsche geschaut hatte, sobald die Nachrichten ihn erreicht hatten.  

„Stimmen die Gerüchte?“, musste er an dieser Stelle einfach nachhaken. „Ist Phoenix dafür verantwortlich gewesen?“

Vinny zögerte kurz, dann nickte er. Deacon sollte nicht überrascht sein. Von all den Gerüchten, die über den Mann kursierten, war dies das häufigste und realistischste. Er führte sich nur gerade vor Augen, dass er mit diesem Mann vor wenigen Minuten unten am Flügel gesessen und dem Instrument wunderschöne Töne entlockt hatte.

„Das muss dich ein Vermögen gekostet haben“, lenkte er sich selbst ein wenig von diesem seltsamen Gefühl ab.

Vinny lachte ein humorloses Lachen. „Ich habe keinen Cent dafür bezahlt. Sagen wir einfach, Phoenix war nicht gut auf die Masratis zu sprechen.“

„Erinner mich dran, ihm niemals ans Bein zu pissen.“

Amüsiert hob Vinny das Glas und prostete ihm zustimmend zu.

„Und diese Moloneys wollen sich jetzt wieder hier breitmachen?“, blieb Deacon bei dem eigentlichen Thema.

„Ganz genau.“

Okay, das war nicht gut. Deacon sah ein paar sehr stressige Wochen auf sich zukommen. Es war aber nicht das erste Mal, dass sich irgendwelche Banden hier einnisten wollten. Nichts davon hatte Vinny je aus der Ruhe gebracht.

„Wo ist der Haken?“, bohrte er misstrauisch nach.

Ein paar Sekunden lang starrte Vinny einfach nur in die Luft, als wäre er völlig woanders. Erst als Deacon sich leise räusperte, fokussierte sich sein Blick wieder. „Das Problem ist, sie sind seit Wochen hier.“

Deacon stutzte. „Das kann nicht sein. Das hätten wir doch mitbekommen.“

„Ich war auch so naiv das zu glauben. Aber es ist wahr. In den letzten Wochen haben sie sich unter unserer Nase in die Stadt geschlichen und sich heimlich ein Standbein aufgebaut. Sie haben mit Briefkastenfirmen Geschäfte in der Gegend aufgekauft, Leute rekrutiert und wie ich höre, sogar ihre Finger im Rathaus im Spiel.“

Oh, das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Deacon war es gewohnt, die Feinde kommen zu sehen. Zu wissen, womit er es zu tun hatte. Das hier war anders und es gefiel ihm kein bisschen.

„Dann müssen wir zuschlagen, oder? Sofort! Bevor sie sich weiter ausbreiten.“

„Sicher, sicher. Nur ist das nicht so einfach. Phoenix hat heute Informationen vorbeigebracht, die die Lage ein wenig erschweren.“

„Das klingt nicht gut.“

„Sie werden ein Kopfgeld auf mich ausssetzen“, rückte Vinny endlich mit der Sprache raus.

Deacon riss entsetzt die Augen auf. „Was?!“

„Eine ziemlich hohe Summe. Ich bin geschmeichelt, ehrlich gesagt. Laut Phoenix wollen sie mich für vogelfrei erklären. Statt einen bestimmten Auftragskiller anzuheuern, machen sie aus mir einen Preis. Der Beste und Schnellste gewinnt. Sie sind in den letzten Zügen, das Geld aufzutreiben. Sobald sie das geschafft haben ...“

„Scheiße“, fasste Deacon die Lage recht eloquent zusammen. Schockiert ließ er sich auf den Stuhl gegenüber von Vinny fallen, stemmte die Ellenbogen auf die Knie und strich sich gestresst mit beiden Hände die Haare aus dem Gesicht.

„Dann müssen wir dich wegschaffen. Verschwinde, bis Don Foley alles geklärt hat.“

„Wenn es denn so einfach wäre.“ Vinny stellte den Whiskey zur Seite, legte die Unterarme auf den Tisch ab und sah ihn an, wie er das schon so oft getan hatte: wie ein Lehrer, der davor war, seinem Schüler eine Frage zu stellen und gespannt auf die Antwort war. „Frag dich, wieso sie das Kopfgeld auf mich aussetzen und nicht auf Don Foley.“

Deacon runzelte die Stirn. „Er ist besser geschützt?“

Missbilligend schnalzte Vinny mit der Zunge. „Denk nach.“

Deacon tat genau das. Eine gute Minute war es still im Raum, während er sämtliche Informationen, die er eben bekommen hatte, im Kopf sortierte. „Sie sehen dich als den gefährlicheren Mann an“, überlegte er dann laut. „Den wichtigeren Mann.“ Womit sie Recht hatten. Don Foley war faul geworden. Er herrschte über die Wests wie ein fetter König auf seinem Thron, kassierte von allem seinem Anteil und war zufrieden mit seine Passivität. Vinny hingegen war mitten im Geschehen, regelte die meisten Geschäfte der Wests und kannte so gut wie jedes Mitglied beim Namen.

Zufrieden nickte Vinny. „Was ist das wichtigste Gut, das wir haben? Wichtiger als Geld oder Einfluss oder Angst?“

„Unser Ruf“, antwortete Deacon sofort mit dem Mantra, das er schon als Kind gelernt hatte. „Respekt.“

„Genau. Und was heißt das in diesem Fall?“

Deacon wich sämtliche Farbe aus dem Gesicht, als er endlich realisierte, was der Knackpunkt in diesem ganzen Desaster war. „Sie dürfen nicht dich als gefährlichsten Mann ansehen, sondern Don Foley. Er wird – er kann – das nicht so stehen lassen. Es würde seine Autorität untergraben.“

„Ganz genau. Du warst schon immer ein schlaues Kerlchen. Ich wusste, du kommst drauf.“

Deacon ließ diese Wendung ein wenig sacken. Mit jeder Sekunde, die verging, wurde ihm das ganze Ausmaß mehr und mehr bewusst. „Weiß der Don schon davon?“

„Nein. Ich habe ein paar Dinge zu regeln, dann werde ich es ihm persönlich sagen. Guten Willen zeigen.“

„Das wird ihm egal sein.“ Deacon lehnte sich nach vorne und machte eine ungeduldige Handbewegung. „Wir können nicht an zwei Fronten kämpfen. Schon gar nicht, wenn eine Front innerhalb der Wests ist.“

„Ich weiß.“

„Du musst von hier verschwinden.“

„Und nie wieder einen ruhigen Tag haben? Die Wests schwach aussehen lassen? Auf keinen Fall.“

„Wenn dir kein Scharfschütze ein Loch in den Schädel schießt, dann ein West! Wir sind nicht genug, um dich zu schützen.“

„Aber genug, um mir zu schaden.“

Verwirrt schüttelte Deacon den Kopf. „Wir sind deine Männer, wir würden nie -“

„Natürlich würdet ihr. Jeder hat einen Preis und das Kopfgeld ist hoch. Außerdem seid ihr am Ende des Tages nicht meine Männer. Ihr seid Wests und der Don ist euer Boss.“

„Fuck.“ Deacon sprang auf die Beine, als ihm klar wurde, dass Vinny Recht hatte. Er trat so kräftig gegen den Stuhl, bis der durch den halben Raum schlitterte. „Fuck, Fuck, Fuck!“

„Fluchen bringt dich nicht weiter.“

Aufgewühlt wirbelte Deacon um seine Achse und sah seinen Boss fassungslos an. „Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“

Vinny griff unter seinen Schreibtisch und wedelte zur Antwort mit der fast leeren Whiskeyflasche.

„Es gibt eine Sache, um die ich dich bitten muss“, bemerkte er dann und hatte sofort wieder Deacons Aufmerksamkeit. „Meine Familie. Ich muss sie aus der Stadt schaffen, bevor ich zum Don gehe.“

„Die Ressourcen dafür hast du, oder?“

„Sicher. Schwierig wird es, die richtigen Männer darauf anzusetzen.“ Er warf ihm einen vielsagenden Blick zu, der Deacon fast verlegen machte.

„Okay“, stimmte er sofort zu, lief im Büro auf und ab, und dachte darüber nach. Als ihm eine Idee kam, blieb er abrupt stehen. „Halloween.“

„Ich fürchte, das musst du erläutern“, bat Vinny ihn geduldig.

„In ein paar Tagen ist Halloween. Kannst du bis dahin einen sicheren Ort für Missy und die Kinder bereitstellen?“

Vinny dachte kurz darüber nach und nickte dann, sehr zu Deacons Erleichterung. Er setzte sich wieder an den Schreibtisch. „Die Straßen von New York werden voll sein an Halloween, jeder ist verkleidet. Egal ob Wests oder nicht, niemand wird uns erkennen. Selbst wenn uns jemand von deinem Haus aus verfolgt, wird er uns in der Masse verlieren. Wir holen Felix ins Boot. Er ist loyal und er kann seine Kinder mitnehmen, falls jemand nach Erwachsenen mit nur zwei Kindern Ausschau hält. Selbst ohne Maske würde sich an Halloween niemand über den komischen Kerl mit der Narbe im Gesicht erinnern. Wir bringen deine Familie zum nächsten Zug, Flugzeug, Schiff oder was auch immer du brauchst.“

Vinny sah ihn einen kurzen Moment einfach nur an, bevor er ein sehr seltenes, warmes Lächeln aufsetzte. „Du überrascht mich immer wieder. Der Plan ist gut. Sag mir, was du brauchst, ich organisiere alles.“

„Mache ich.“ Sein Hirn lief schon auf Hochtouren, während er alles versuchte zu bedenken, was es zu bedenken gab. „Ich fange gleich an.“

Deacon stand auf, aber bevor er auch nur einen Schritt machen konnte, legten sich überraschend kräftige Finger um seinen Unterarm und hielten ihn eisern fest. „Deacon“, sprach Vinny ihn mit ernster Stimme an und sah zu ihm hoch. „Ich vertraue dir damit. Ich halte es dir nicht nach, wenn du mir in den Rücken fällst. Wir wissen beide, wie dringend du das Geld bräuchtest und wie weit es dich in deinem Vorhaben nach vorne bringen würde. Aber meine Familie ist tabu. Verstanden?“

Ganz automatisch wollte Deacon widersprechen. Wollte Vinny sagen, dass er ihn nicht betrügen würde. Aber sein Boss hatte Recht: die Möglichkeit bestand durchaus und das wussten sie beide. Also sparte er sich die Lügen. „Missy war immer gut zu mir und Kinder sind tabu. Ich bringe sie sicher aus der Stadt. Versprochen.“

Prüfend hielt Vinny den Blick stand, bis er irgendwas in seinem Gesicht zu finden schien, das ihn beruhigte. Denn er ließ ihn wieder los und sah ihm nicht einmal hinterher, als Deacon sich verabschiedete und ging.
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