Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

King and Lionheart

von congeries
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
31.08.2019
19.04.2020
41
184.339
105
Alle Kapitel
181 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
03.09.2019 2.879
 
Phoenix war ein Mysterium, umhüllt von mehr Mysterien.

Deacon kannte so ziemlich alles und jeden, mit dem sein Boss Geschäfte machte. Über Phoenix hatte er jedoch nie ein Wort verloren und trotzdem war Vinny kein bisschen überrascht gewesen, als dieser an einem regnerischen Sommerabend vor knapp zehn Jahren mit finsterem Gesicht auf der Türschwelle der Bar erschienen war und verlangt hatte, Vinny zu sprechen.

Seit diesem Tag war Phoenix im New Yorker Untergrund eine kleine Legende. Jeder kannte ihn und doch kannte niemand ihn.

Es gab jedoch drei Dinge, die ein offenes Geheimnis waren:

1. Er war Vinny treu ergeben. Phoenix gehörte nicht zu den Wests und auch zu keiner anderen Bande. Jeder konnte ihn für seine Zwecke anheuern, wenn die Summe stimmte, doch er nahm nie – niemals – einen Auftrag an, der den Wests schadete.
2. Phoenix brachte jeden Job zu Ende. Erfolgreich. Wenn man das Pech hatte, auf seiner Liste zu landen, dann konnte man direkt losgehen und sich einen Sarg bestellen.
3. Er bevorzugte Männer im Bett.

Die letzte Info basierte nur auf einem Hinweis, den Vinny einst einer Kellnerin gegeben hatte, die mutig genug gewesen war, Phoenix schöne Augen zu machen. Verschwendete Liebesmühe, hatte Vinny gesagt. Wenn du keinen Schwanz zwischen den Beinen hast, bellst du den falschen Baum an. Deacon hatte das als unwichtige Nebeninfo aufgenommen – was sollte es ihn auch interessieren, wo andere Leute ihren Schwanz hin steckten? –,  aber auch das kriminelle Volk hatte gelegentlich nichts Besseres zu tun, als sich Klatsch und Tratsch hinzugeben. Die Nachricht hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer.

Es gab allerdings auch drei Dinge, die niemand über Phoenix wusste:

1. Seinen richtigen Namen. Um genau zu sein, war er ein Mann vieler Namen. 'Zero' war einer von ihnen – weil er in seinem Job nie einen Fehler machte. Manchen war er auch unter 'roter Midas' bekannt, in Anlehnung an das alte Märchen. Alles, was er zu berühren schien, wurde zwar nicht zu Gold, aber endete in Tod und Blut. Vinny war es, der ihm den Namen 'Phoenix' gegeben hatte. Sein wahrer Name oder gar seine Herkunft, blieb jedoch weiterhin ein Rätsel.
2. Warum er ständig Handschuhe trug. Niemand hatte ihn je ohne gesehen und es gab unzählige Gerüchte darüber, woran das lag. Manche glaubten, dass er missgestaltete Hände hatte. Andere sagten, es war einfach nur eine miese Marotte, vielleicht auch eine Phobie vor Dreck. Deacon hatte sogar mal ein Gerücht gehört, dass Phoenix ein Dämon aus der Hölle war und seine Krallen versteckte, worüber man nur die Augen verdrehen konnte. Was auch immer der Grund war, er legte die Handschuhe zu keiner Zeit ab.
3. Alle wussten, dass er Vinny treu war, aber niemand wusste warum. Nun, niemand außer Vinny, aber der hüllte sich in einen Mantel des Schweigens, wann immer das Thema aufkam, und erinnerte jeden, der dumm genug war zu fragen, dass er sich um seinen eigenen Scheiß kümmern sollte. Deacon fand, dass das Warum keine wirklich Rolle spielte, solange Phoenix auf ihrer Seite stand und nicht auf der ihrer Feinde.

Es gab nichts, was nicht seltsam an diesem Mann war. Selbst sein Aussehen war irgendwie merkwürdig.

Phoenix war ein hochgewachsener, schlanker Mann, der sich irgendwo am Ende seiner Dreißiger oder am Anfang seiner Vierziger befand. Die kurzen, dunkelbraunen Haare waren immer ordentlich frisiert. Deacon hatte ihn noch nie mit Bart gesehen, was auch nicht zu dem aristokratisch geschnittene Gesicht passen würde. Mit den scharfkantigen Gesichtszügen und den hohen Wangenknochen sah er mehr aus wie der Prinz eines Königshauses als ein professioneller Auftragskiller. Nur die klaren, eisblauen Augen zeugten von Härte und Intelligenz. Deacon mochte es wirklich nicht, zu lange von ihm angesehen zu werden.  

Er trug immer einen Anzug der so teuer aussah, als wenn man damit eine dreiköpfige Familie ein halbes Jahr ernähren könnte. Keine einzige Falte war in dem feinen Stoff zu finden, der stets in neutralen, gedeckten Farben wie grau, schwarz oder einem dunklen Blau gehalten waren. Nur das raffiniert gefaltete Einstecktuch an der Brusttasche strahlte in einer bunten, kräftigen Farbe. Heute war es ein blutrotes Tuch, das aus der Brusttasche des schwarzen Anzugs prangte.

Noch auffälliger war nur der Fedora, den er des Öfteren auf dem Kopf trug. Deacon amüsierte sich gerne darüber, dass Phoenix vielleicht kein Mitglied einer Mafiabande war, aber dafür als Einziger so aussah, als wäre er es. Zumindest dem Klischee nach. Mit dem Anzug, dem Hut und den Handschuhen sah er für Deacon immer aus, als wäre er frisch aus einem Gangsterfilm der 20er Jahre entsprungen. Eigentlich fehlte nur noch ein Gehstock, den er lässig schwingen konnte, und eine Zigarette im Mundwinkel, um das Bild perfekt zu machen.

Wenn man nichts über Phoenix wusste, dann sah man nur einen gut gekleideten Mann, der sich viel zu elegant für eine Bar in Hell's Kitchen bewegte, und doch  schaffte es irgendwie, nicht sonderlich aus der Masse hervorzustechen.

Als Deacon sich einen Weg durch die Küche gebahnt und Knox losgeschickt hatte, um das Geld Vinnys Buchmacher zu bringen, musste er seinen Blick aufmerksam durch die schon gut gefüllte Bar schweifen lassen, bis er Phoenix entdeckte. Er saß mit Vinny zusammen am Tisch in der Ecke. Beide waren tief in ein Gespräch vertieft, mit so ernsten Gesichtern, dass Deacon sich wunderte, warum sie sich nicht in Vinnys Büro zurückzogen; weg von neugierigen Ohren.

Als Vinny ihn entdeckte, winkte er ihn sofort zu sich. Deacon seufzte innerlich, zögerte aber nicht, sondern bahnte sich seinen Weg um die besetzten Tische, über die Tanzfläche am Flügel vorbei, bis zu der Sitzecke, wo sein Boss saß.

Das Gespräch erstarb sofort, als Deacon an den Tisch trat. Er war froh darüber, dass Phoenix ihn keines Blickes würdigte. Er saß kerzengerade auf der Bank, die Unterarme auf dem Tisch und beobachtete stattdessen Vinny mit Adleraugen.

„Du bist früh zurück“, wurde er dafür von Vinny begrüßt, der völlig entspannt einen Arme auf der Lehne hinter sich ablegte und einen Plauderton aufsetzte. „Wo ist Knox?“

„Bringt das Geld zu Patrick.“

„Gab es Ärger?“

Deacon schüttelt den Kopf. „Knox muss nur noch lernen, sich nicht von einem netten Frauenlächeln einlullen zu lassen.“

„Ah, die Jugend!“ Vinny grinste so breit wie ein Frosch und entblößte seinen Goldzahn. „In seinem Alter habe ich auch jedem Rock hinterher gesehen.“

„Während der Arbeit?“ Das wollte Deacon mal stark bezweifeln.

„Er lernt es schon noch. Lass ihn seine Jugend genießen. Nicht wahr, mein Freund?“

Phoenix' Stimme war kühl. „Wir sind keine Freunde.“

Fröhlich lachte Vinny sein dröhnendes Lachen. „Das sagst du immer! Hör auf so ein Spielverderber zu sein und hab mal ein wenig Spaß!“

Phoenix starrte ihn einfach nur an, bis Vinny ergeben seufzte und wieder zu Deacon sah. „Sei so nett und hol uns was zu trinken von der Bar. Danach habt ihr frei.“

„Vodka?“

„Whiskey“, korrigierte Phoenix automatisch.

Deacon warf einen kurzen Blick zu Vinny und als der abnickte, verschwand er wieder in der Menge. Mit geübten Handgriffen förderte er zwei Gläser hinter der Theke hervor und wollte sich gerade auf die Suche nach dem Whiskey machen, als ihm jemand kräftig auf die Finger schlug.

„Aua!“, beschwerte er sich halbherzig. „Musste das sein?“

„Kommt drauf an.“ Clara sah ihn herausfordernd an. „Hörst du auf, hinter meiner Bar herumzupfuschen?“

„Der Boss will Whiskey.“

„Das kannst du auch einfach sagen!“ Mit Schwung schmiss sie das Geschirrtuch neben die Spüle, ignorierte den Gast am anderen Ende des Tresen, der schon zweimal nach ihr gerufen hatte, und ging in die Hocke, um im Schrank zu wühlen. „Tullamore?“

„Lambay.“

„Huh, der gute Stoff. Gibt es einen Anlass?“

„Er sitzt mit Phoenix zusammen.“

Clara stand wieder auf, und drückte ihm die Flasche in die Hand. „Das ist kein gutes Zeichen.“

„Das ist es nie“, stimmte Deacon zu.

In New York gab es zwischen den Banden das ungeschrieben Gesetz, dass man sich innerhalb der Stadt nicht gegenseitig Schaden zufügte. Es war eine Regel, die bis in die 30er Jahre zurückging und von jeder Mafia-Familie sehr ernst genommen wurde. Was niemanden davon abhielt, ein Schlupfloch zu nutzen und stattdessen einen Attentäter von außen anzuheuern.

Wenn Phoenix hier war, dann nur, weil Vinny einen Auftrag für ihn hatte, oder weil er Informationen besaß, an die selbst Vinnys Spione nicht herankamen. Keines dieser Szenarien war sonderlich beruhigend.

Er wartete im respektvollen Abstand, bis Vinny ihn wieder zu sich winkte, und stellte sowohl die Gläser als auch den Whiskey auf dem Tisch ab. Wie immer griff Phoenix sofort nach der Flasche und warf einen kritischen Blick auf den Verschluss. „Dieses Misstrauen tut weh“, kommentierte Vinny das nicht zum ersten Mal. „Ich würde doch nicht meinen besten Mann vergiften!“

„Du würdest deine eigene Mutter vergiften, wenn du daraus Profit schlagen würdest“, gab Phoenix ungerührt zurück. Er nickte zufrieden und machte sich selbst daran, die Flasche zu öffnen und sich einzuschenken.

Deacon verschwand kommentarlos und überlegte einen Moment, was er mit dem restlichen Abend anfangen sollte. Er könnte nach Hause in sein kleines Einzimmer-Appartement gehen oder aber auch ein wenig durch die Stadt streifen.

Als sein Blick auf eine riesige Gestalt bei den Billardtischen glitt, grinste er und entschied sich, noch eine Weile zu bleiben.

„Ziehst du wieder armen Touristen das Geld aus der Tasche?“

Big Joe drehte sich zu ihm um und obwohl Deacon nicht gerade winzig war, musste Joe auf ihn herabsehen. Ein freudiges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, das Deacons eigenes spiegelte. „Unterstellst du mir etwa faules Spiel?“

Empört legte sich Deacon eine Hand auf die Brust. „Würde ich so etwas jemals tun? Also wirklich!“

Big Joes Lachen klang wie das raue Bellen eines Hundes. Er stützte sich auf dem Queue ab, der unter seinem Gewicht gefährlich knarzte. „Ich warte auf Felix. Er hat mir eine Revanche für letzte Mal versprochen.“

„Um was spielt ihr?“

„Haben wir noch nicht festgelegt.“

Nachdenklich umrundete Deacon den Tisch, betrachtete die fein säuberlich aufgereihten Kugeln und schnappte sich einen Queue von der Wandhalterung. „Du kannst dich ja mit mir warm machen … und dich schon mal ans Verlieren gewöhnen.“

„Träum weiter! Um ein Bier?“

„Deal.“

Sie besiegelten die Wette mit einem Handschlag und fingen an zu spielen. Deacon lag mit einer Kugel mehr vorne, als Knox aus einem der Nebenräume kam, sich einen Hocker vom Tresen schnappte und sich zu ihnen gesellte.

„Wolltest du deine arme Freundin nicht mit Essen bestechen und sie daran erinnern, was für ein Hengst du bist?“, begrüßte Deacon ihn.

Knox brummte missmutig. „Das war, bevor Patrick mir mein letztes Geld abgenommen hat.“

„Mit Sicherheit zu Recht“, warf Big Joe ein, während er den Tisch zum dritten Mal auf der Suche nach einer guten Position umrundete.

„Was hast du gemacht?“

„Gar nichts!“

„Knox!“

Schmollend schob er die Unterlippe nach vorne und sah so noch viel jünger aus, als er eigentlich war. „Aiko hat mir einen Hunderter zu wenig in den Umschlag gelegt.“

„Die Asiatin?“

Knox nickte zerknirscht, was Big Joe dazu brachte, schadenfroh aufzulachen. Deacon hingegen packte den Queue fester und schlug Knox kräftig damit gegen das Schienbein, der vor Schreck und Schmerz fast vom Hocker fiel. „Du hast gesagt, du hast es nachgezählt!“

„Ich war vielleicht ein wenig abgelenkt! Kein Grund, gleich brutal zu werden!“

„Du bist so ein Idiot!“ Deacon schlug ihm gleich noch mal mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf, weil er das einfach nicht fassen konnte. „Wie kann man nur so dämlich sein?“

„Lass das!“ Knox konnte sich nicht entscheiden, ob er sich das Bein oder den Nacken reiben sollte. Er versuchte beides gleichzeitig, wofür er sich seltsam verbiegen musste. „Ich dachte, es wäre alles da!“

Deacon unterdrückte den Impuls, ihn noch einmal zu schlagen. „Du sollst nicht denken! Du sollst machen, was wir dir sagen!“

„Jetzt reg dich nicht so auf. Es ist doch alles gut. Ich habe Patrick das Geld ja von mir gegeben.“

„Er regt sich auf, weil er dich mag“, warf Big Joe ein. Er grinste zufrieden, weil er seine Kugel in das Loch gestoßen hatte und wog ab, bei welcher er als nächstes sein Glück versuchen sollte. „Solche Fehler kannst du nicht machen, Kleiner. Was ist, wenn das nächste Mal nicht hundert Dollar fehlen, sondern tausend? Oder fünftausend? Kannst du die auch mal eben bezahlen?“

„Außerdem geht es um unseren Ruf“, legte Deacon direkt nach. „Was passiert, wenn sich herumspricht, dass man uns so einfach übers Ohr hauen kann?“

Knox öffnete den Mund, schloss ihn, öffnete ihn wieder und wiederholte das Ganze ein paar Mal, ohne was zu sagen. Er sah aus wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Darüber habe ich nicht nachgedacht“, erklärte er schließlich kleinlaut.

„Du gehst morgen direkt als Erstes zu dem Laden und lässt dir das Doppelte von dem geben, worum sie uns versucht haben zu bescheißen“, stellte Deacon klar. „Falls du Glück hast, kriegt Vinny erst Wind davon, wenn du deinen Fehler wieder gutgemacht hast.“

„Okay.“

„Ich mein es ernst, Knox! Als allererstes! Du stellst dir einen Wecker, rollst dich aus dem Bett, gehst pissen, gibst deiner Freundin einen Kuss und läufst schnurstracks zu diesem scheiß Laden!“

„Ist ja gut!“

„Und du gehst erst wieder, wenn du das Geld hast.“

„Okay!“

„Hast du mich verstanden?“

„Ja, verdammt!“

Deacon trat vor seinen Freund, beugte sich zu ihm, bis ihre Nasenspitzen sich fast berührten und sah ihm prüfend in die Augen. Erst als er sicher war, dass Knox die Tragweite verstanden hatte, war er zufrieden und entspannte sich wieder ein wenig. „Idiot“, murmelte er leise vor sich hin, lehnte seine Stirn kurz gegen die seines Freundes und konzentrierte sich dann wieder auf sein Spiel, das Big Joe gerade dabei war, gegen ihn zu wenden.

„Hey, weiß einer, warum er hier ist?“, wollte Knox irgendwann von ihnen wissen.

„Er ist nicht Voldemort. Du kannst ihn ruhig beim Namen nennen.“

„Lieber nicht. Nachher taucht er noch nachts vor meinem Bett auf, wenn man seinen Namen zu oft sagt.“

„Um wen geht’s?“, wollte Big Joe wissen.

Deacon beugte sich über den Tisch, kniff ein Auge zusammen und versuchte gedanklich eine Linie zwischen der Spitze des Queues und der Kugel zu ziehen. „Phoenix.“

„Ah“, machte Big Joe nur, völlig unbeeindruckt.

Anders als Knox, der verstohlen einen Blick zum Ecktisch warf. „Der Kerl ist gruselig. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was man so über ihn hört, dann gehört er in die nächste Irrenanstalt.“

„Tun wir das nicht alle?“, wollte Deacon wissen und meinte die Frage nur halb rhetorisch.

„Ich habe mal gehört, dass er ein ganzes S.W.A.T-Team nur mit einem Messer erledigt hat.“

Deacon wäre bei seinem Stoß fast ausgerutscht, weil er ganz automatisch die Augen verdrehen wollte. Doch die weiße Kugel traf exakt ihr Ziel, stieß mit einem leisen Klirren gegen die nächste, die auf ein Loch zurollte …. und kurz davor liegen blieb. Verdammt!

„Das ist totaler Schwachsinn“, bemerkte Big Joe derweil. „Copkiller haben keine ruhige Minute.“

„Ich sage ja nur, was ich gehört habe“, verteidigte Knox sich. „Stimmt es denn, dass er für das Masrati-Massaker verantwortlich ist?“

Deacon hob den Blick, zuckte andeutungsweise mit den Schultern und nickte gleichzeitig. „Ich glaube schon. Das war in derselben Nacht, in der er das erste Mal hier aufgetaucht ist.“

Knox sah ihn mit großen Augen an und schauderte dann sichtlich. „Ich sag ja, der Kerl ist gruselig.“

„Er hat uns einen Gefallen getan“, bemerkte Big Joe leichthin. „Diese Arschlöcher hätte ich am liebsten selbst mit bloßen Händen erwürgt.“

„Können wir weniger über Massenmorde sprechen und uns hier ein wenig konzentrieren?“ Deacon tippte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf den Rand des Tisches. „Ich habe Durst.“

„Dann zück schon mal deinen Geldbeutel.“ Mit einem selbstgefälligen Grinsen versenkte Big Joe auch die nächsten zwei Kugeln und gewann das Spiel wenige Minuten später. Deacon fluchte so laut, dass ein paar der Gäste vom Nebentisch ihn verwirrt ansahen. Grummelnd ging er zum Tresen, ließ sich von Clara das Bier geben und forderte erst Big Joe zu noch einem Spiel auf und danach Felix, als der zu ihnen stieß.

Deacon verlor die Hälfte seiner Spiele und damit auch fast sein ganzes Geld, das er bei sich hatte, aber je mehr Bier floss, je mehr gab es zu lachen und er wollte sich wirklich nicht beschweren.

Zwei Stunden später sah er gerade dabei zu, wie Felix haushoch gegen Knox am gewinnen war, als die Haut in seinem Nacken plötzlich anfing zu prickeln. Deacon stellte das Bier ab und drehte sich um. Phoenix hatte sich von Vinny verabschiedet und machte sich nicht wie sonst auf den Weg zur Hintertür, sondern steuerte wie ein normaler Gast die Eingangstür an. Den Blick hatte er dabei ungerührt auf ihre kleine Runde gerichtet und trotzdem wich er elegant jedem Hindernis aus.

Nein, er sah nicht in ihre Runde, wie Deacon im nächsten Moment klar wurde, in dem sich diese eisblauen Augen direkt auf seine richteten. Er sah ihn an.

Schon wieder.

Das ungute Gefühl von der Hintergasse meldete sich laut schreiend zurück. Deacons Magen zog sich fester zusammen, je näher Phoenix ihm kam. Er hielt sogar die Luft an, so angespannt war er.

Doch Phoenix hielt nicht an, er sagte auch nichts. Er ging einfach an ihm vorbei und war im nächsten Moment aus der Tür verschwunden.

Deacon blinzelte. Hatte er sich das nur eingebildet? Er versuchte das ungute Gefühl abzuschütteln, sah zu seinem Bier und entschied, dass es die letzte Flasche für heute war.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast