Kalte Asche

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Balin Dis Dwalin Thorin Eichenschild Thráin II. Thror
31.08.2019
18.11.2019
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Je heller es wurde, desto mehr stieg die Gefahr, die Spuren im Schnee zu verlieren. Sie würden Dís niemals finden. Das Weiße Gebirge war riesig, unwegsam und unübersichtlich, soweit Thorin das bei der entfernten Betrachtung sagen konnte. Und das Problem war nicht, im Gebirge zurechtzukommen. Was ihn am meisten verwunderte, war die Tatsache, dass Thrór keinen Proviant einpacken ließ, als sei er sicher, bis zum Einbruch der nächsten Nacht wieder sicher und wohlbehalten zurück in Edoras zu sein, oder in ihrem Zeltlager. Und dass sie dann Dís wieder bei sich haben würden und alles gut war.

Die Schritte der anderen sechs Zwerge knirschten im Schnee. Sie liefen über schneebedecktes Gras, dann wich der Boden rutschigem Geröll und blankem Felsgestein.

Ein Paar Stiefel beschleunigte hinter ihm seine Schritte, als der dazugehörige Zwerg zu ihm aufschloss. Er schaute zur Seite und entdeckte Nárin, der ihn aus hellgrauen Augen musterte. Schweigend stapften sie einen Moment nebeneinander her. Thorin konzentrierte sich ganz auf Dís, als könne er ihre Anwesenheit in diesem Gebirge mit purer Willenskraft erspüren. Früher, als sie noch klein gewesen waren und sie vor ihm davongelaufen war, weil sie sich vor ihm verstecken wollte, fand er sie manchmal nur deshalb, weil er insgeheim ahnte oder wusste, wo sie sich aufhielt. Vielleicht lag es auch bloß daran, dass er all ihre Lieblingsorte im Einsamen Berg kannte und die geistige Verbindung war ausgemachter Unsinn.

Doch Nárin schien etwas anderes im Sinn zu haben als Dís.
„Mein Prinz, verzeiht mir, wenn ich dieses Thema jetzt anschneide, aber mir ist aufgefallen, dass …“ Der Soldat stockte und suchte für einen Augenblick nach Worten.
„Ihr habt in letzter Zeit öfter Umgang mit meiner Schwester“, machte er dann schließlich weiter und wurde rot, weil es wie eine schwache Maßregelung klang, als würde er Thorin beobachten und jeden seiner Schritte im Blick behalten.

Der Prinz wusste nicht, was er davon halten sollte. Er umrundete ein Büschel eisbehangenen Grases, das wie ein filigranes Kunstwerk aussah. Er wusste nicht einmal, warum Thrór nicht die Gruppe anführte, sondern zurückgefallen war. Doch er würde ihn nicht darauf ansprechen. Der ältere Zwerg würde schon wissen, was er tat.

„Mit Eurer Schwester?“
Der Prinz musste einen Augenblick überlegen, ehe er die Worte des Soldaten in einen logischen Zusammenhang bringen konnte. Er war müde, er hatte gekämpft, er sorgte sich um seine Schwester, und dieser Soldat kam ihm mit einer Frage, auf die er nicht vorbereitet war. Vermutlich mit voller Absicht.
„Halla ist Eure Schwester?“
Nárin nickte stumm und fuhr fort, Thorin bohrend anzusehen.

„Und dass ich Umgang mit ihr habe, ist ein Problem?“, wollte er wissen. Er verstand den jüngeren Zwerg nicht. Er dachte aktuell nicht daran, in Halla eine Gefährtin zu sehen. Er hatte ihr das Leben gerettet, mehr nicht. Gut, seitdem dachte er öfter an sie, zumindest öfter als an andere Zwerginnen.
Nárin errötete unter seinem Helm.
„Nein! Bei Mahals Bart, natürlich nicht! Ich … es fiel mir nur auf.“

Er senkte den Blick und schwieg einen Moment. Sie liefen weiter, den Blick immer noch auf die Fußspuren gerichtet, die ihnen den Weg wiesen.
Thorin musste grinsen, trotz der Sorgen, die er sich um Dís machte.
„Nun, dann seid Ihr sehr aufmerksam, sicherlich ist dies auch der Grund, warum Balin Euch für die Wache des Königs ausgewählt hat“, erwiderte Thorin.

„Ich habe Eurer Schwester das Leben gerettet, mehr nicht. Ich gebe zu, sie ist hübsch, aber ich …“ Thorin wollte noch ausführen, was genau Halla so besonders machte, aber da hielt Nárin ihn mit ausgestrecktem Arm auf.

Auch die anderen Zwerge hinter ihnen kamen zum Stehen. Ein Paar Stiefel lief noch weiter.
„Warum halten wir an?“, verlangte König Thrór zu wissen und baute sich neben Thorin auf. Für einen Moment lauschte Nárin noch, dann schaute er Thrór an.

„Ich habe das Gefühl, wir sind nicht allein. Wir werden beobachtet.“
Bei diesen Worten suchten sie alle mit Blicken die grauen Berghänge ab, jeden einzelnen Stein und Felsblock, jeden Grasbüschel, und mochte er noch so spärlich sein.

Eigentlich wussten die Zwerge, dass das Unsinn war. Orks konnten sich nicht gewandt und leise genug im Gebirge bewegen, sie waren schließlich keine Bergziegen. Zwerge konnten es, wie sie es auch nun gerade taten. Aber wenn die Orks mit Dís noch irgendwo hier waren, würden sie sie finden, früher oder später.
Augenblicke verstrichen, in denen sie kaum zu atmen wagten. Schließlich schnaubte Thrór.

„Da ist nichts. Ihr habt Euch sicher getäuscht und es war nur der Wind.“ Mit diesen Worten lief der greise König an ihnen vorbei und setzte sich an die Spitze ihrer kleinen Exkursion.


*



Erschöpft ließ Thorin sich gegen eine Felswand fallen und schnürte den Lederschlauch mit Wasser von seiner Hüfte, an der er die ganze Zeit gebaumelt hatte. Er entkorkte den Schlauch und trank durstig zwei Schlucke, dann hängte er ihn wieder weg. Sie liefen nun schon den ganzen Morgen und einen Großteil des Mittags durch dieses verfluchte Gebirge und hatten keine Spur gefunden. Weder von Dís, noch von den Orks, und wenn sie das eine nicht fanden, konnten sie auch das andere nicht erlangen. Thorin schlug frustriert mit der Faust gegen den eiskalten Stein und rieb sich gleich darauf die Hände. Sie waren rotgefroren, mit rissigen Knöcheln und tauben Fingerspitzen.

Frerin kam zu ihm hinüber und lehnte sich ebenfalls gegen die Wand, während Nárin und Dwalin eine Stelle von Geröll und Schnee befreiten, die ähnlich einem Teller einen kleinen Sitzplatz in luftiger Höhe am Pass formte. Es fand sich kein Feuerholz, also blieb ihnen nichts anderes übrig, als hier zu sitzen und nah zusammenzurücken, um sich warmzuhalten, aber Thorin wollte nicht einmal rasten. Er wollte nur kurz einen Schluck Wasser trinken, dann könnten sie weitergehen.

Als er jedoch sah, wie Thrór sich schwerfällig zu Boden sinken ließ, verwarf er den Gedanken wieder. Er mochte die ganze Nacht in diesen Bergen herumwandern können, Frerin, Dwalin, Nárin und Andrír vielleicht auch, aber Thrór war wesentlich älter als die anderen, und auch wenn er es sich nicht allzu deutlich anmerken ließ und sich schon gar nicht lauthals beklagte, konnte Thorin seinem Großvater ansehen, dass er eine Pause brauchte.

Er hätte das Pony nehmen sollen, das Dwalin ihm angeboten hatte! Sie könnten dem Tier kurzerhand die Eisen abnehmen oder die Hufe mit Stoffstreifen umwickeln, wenn der König meinte, dies verursache zu viel Lärm. Dann könnte er sich schonen. Aber stur, wie sein Großvater seit jeher war, hatte er diese Möglichkeiten gar nicht erst in Erwägung gezogen.
Mit einem vorsichtigen Seitenblick nahm er wahr, dass Frerin ihren Großvater ebenfalls beobachtete.

„Er wird alt“, war alles, was sein älterer Bruder für einen Moment leise sagte, als fürchte er, der König könne ihn hören.
„Ja“, war alles, was der Jüngere darauf erwiderte. Er schluckte um den Kloß in seiner Kehle herum. Die Sorge um Dís und das merkwürdige Gespräch mit Nárin fraßen ihn innerlich auf. Am liebsten wollte er aufwachen und sich in seinem Bett in seinem Zelt vorfinden, sorglos und zufrieden. Oder noch besser in seinem Bett in seiner Kammer im Erebor, wo ihn einer der Bediensteten weckte, weil es Frühstück in der Residenz des Königs gab. Oder, weil eine staubtrockene Lehrstunde in Geschichte anstand.
„Ich fürchte, die Ereignisse des letzten Jahres haben ihn mehr mitgenommen, als er nach außen zeigen möchte“, machte Frerin leise weiter. Thorin hielt die Augen geschlossen, den Kopf gegen das eiskalte Felsgestein gelehnt. Die Kälte fror allmählich sein Denken ein, das zäh wurde wie Sirup, der von einem Löffel tropfte.
Innerlich lächelte er jedoch, trotz aller Sorgen und verwirrender Gedanken. Frerin versuchte, ein anderes Thema anzuschneiden, wusste aber nicht so recht, wie. Also fing er mit etwas Belanglosem an, um die Reaktion seines Bruders zu testen. Er schlich sich an wie ein Pony, das in die Hand seines Besitzers gebissen hatte und nun einen Apfel haben wollte. Das einen in den Rücken stupste, selbst wenn man versuchte, es nicht zu beachten. Bis es schließlich doch hatte, was es wollte.

„Also, ich …“, fing Frerin erneut an und Thorin öffnete die Augen einen Spalt breit, um seinen Bruder von der Seite anzuschauen.
„Ich finde immer noch falsch, was du getan hast. Oder eher, was du nicht getan hast“, stellte er klar und musterte ihn plötzlich mit neuerwachender Feindseligkeit.
„Denn ich finde immer noch, du hättest Fürsprache für den Jungen leisten können. Ob der König der Mark dem nun Gehör geschenkt hätte oder nicht. Dann hättest du es wenigstens versucht.“
Dann lösten sich die starren Gesichtszüge ein bisschen auf.

„Aber … ich hätte all diese Dinge nicht sagen sollen. Dass du kein guter König oder Vater wärst. Ich glaube, das wärst du. Ganz sicher sogar.“
Aus Frerins Mund kam das einer Entschuldigung gleich. Für seinen älteren Bruder war es schwer, sich ein Fehlverhalten einzugestehen.

„Ist schon gut. Du hast ja recht. Ich weiß, dass es falsch war, ihm gleich die Hand abschlagen zu lassen, nur kann ich das jetzt nicht mehr rückgängig machen.“

Frerin machte zwei Schritte auf einen Bruder zu, bis er vor ihm stand, und legte ihm die Hände auf die Schultern.

„Du musst dir keine Sorgen machen.“
Die Hände drückten kurz, aber fest seine Schultern.
„Wir finden sie, und es geht ihr gut, du wirst sehen.“

Allmählich versank die Sonne wieder am Horizont und schickte ihre Strahlen über das Land, das noch immer unter einer Schneedecke begraben lag. Thorin spürte die Winterkälte und den Hunger nun besonders deutlich.
Ein schneidender Wind fegte über das kleine Plateau, auf dem sie saßen und Thorin zog den pelzbesetzten Umhang enger um sich. Erst vor einigen Stunden hatte er eine Schüssel Eintopf am Feuer gegessen. Nein, fiel ihm da ein, das war gestern Abend gewesen, bevor das Lager angegriffen worden war, bevor Dís entführt worden war. Nachdem sie Azog auf der Ebene gesehen und Thrór so merkwürdig reagiert hatte. Erneut beobachtete er den alten Zwergenkönig. Was verheimlichte er vor ihnen?

Als habe er seinen Blick bemerkt, schaute Thrór sich nach Thorin und den anderen um. Die übrige Zeit hatte er nur dort gesessen und geschwiegen. Niemand hatte es gewagt, ihn anzusprechen.

„Nun, wir sollten aufbrechen.“
Mühsam stemmte er sich auf die Beine und lehnte die Hilfe der herbeieilenden Zwerge unwirsch ab. Frohen Mutes wollte Thorin seinem Großvater nacheilen, bis er bemerkte, dass der König sich in die falsche Richtung aufmachte. In die, aus der sie gekommen waren.

„Großvater, wo gehst du hin?“, wollte Frerin ungläubig und verunsichert wissen.

„Ich gehe zurück ins Tal“, erwiderte der alte Zwerg ungerührt.
Die anderen starrten ihm mit offenem Mund nach.
„Was soll das heißen, du gehst ins Tal? Wir haben Dís noch nicht …“, begehrte Thorin auf. Thrór ging noch zwei Schritte, dann drehte er sich herum.

„Schau dich um. Es wird dunkel. Wir sind seit Stunden in diesem Gebirge unterwegs, ohne sie zu finden. Sie ist nicht hier. Und bei all der Zeit, die wir verschwendet haben, kann sie überall sein.“

Thorin spürte, wie er vor Wut zu zittern begann.
„Du lässt sie einfach hier zurück. Du lässt sie im Stich.“
Das Funkeln in den Augen des Königs wurde kalt, bis er sich fühlte, als blicke er in ein Paar eisiger Wintersterne am Himmelszelt. Dieser Blick hatte die Kraft, ihm das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

„Ich lasse sie nicht im Stich. Ich sage lediglich, dass die Möglichkeiten, sie jetzt noch zu finden, gegen null gehen. Wir werden morgen früh wiederkommen, mit mehr Männern und besserer Bewaffnung.“
Thorin schluckte und wollte noch etwas sagen, aber Frerin kam ihm zuvor.

„Wenn die Orks den Arkenstein genommen und hierher verschleppt hätten, würdest du dann immer noch ins Lager zurückkehren?“
Eiskalte Stille senkte sich über alle Anwesenden. Thorin schaute über die Schulter zu Dwalin, der aussah, als habe ihm jemand in den Magen geschlagen. Die anderen starrten mit ebenso schockierter Miene abwechselnd Frerin und Thrór an, der jetzt zwei schnelle Schritte machte, mit einer Gewandtheit auf den rutschigen Felsen, die man dem König nicht mehr zugetraut hätte, dann stand er unmittelbar vor Frerin.

Das Nächste, was man hörte, war ein dumpfes Geräusch und ein Stöhnen, dann fiel Frerin auf die Knie und hielt sich die Nase, auf die der König ihn soeben geschlagen hatte. Der Blick aus dunkelblauen Augen funkelte so hell und wütend, dass Thorin fröstelte.

„Wage es nie wieder, so mit mir zu sprechen! Hast du das verstanden?“
Er fuhr fort, seinen ältesten Enkel wütend anzusehen, bis dieser nickte. Dann wandte er sich ab und lief den Pfad ins Tal hinunter. Die anderen folgten nach und nach. Thorin half seinem Bruder auf, der die Hand vor die Nase gepresst hielt, aus der Blut quoll und auf sein Wams und seinen pelzbesetzten Umhang tropfte.
Er drückte sich den Ärmel seiner dunkelblauen Tunika gegen die Nase und ächzte leise.

„Kommt, wir sollten weitergehen, andernfalls verlieren wir den Anschluss“, grummelte Dwalin und warf Frerin einen mitfühlenden Blick zu, ehe er sich an ihm vorbeischob. Mit wütendem Gesichtsausdruck folgte Frerin ihm und Thorin blieb dicht dahinter. Er ahnte schon länger, dass es mit der geistigen Gesundheit seines Großvaters nicht mehr zum Besten stand. Aber dass er gleich so reagierte …

Ihm gegenüber den Arkenstein zu erwähnen, war kein guter Einfall, das hatten sie nun alle festgestellt. Manchmal, wenn Thorin nachts nicht schlafen konnte, hörte er seinen Großvater im Schlaf den Namen des wunderschönen Schmuckstückes murmeln.

Aber der Stein war verloren, eingebettet in die Tonnen von Gold in der Schatzkammer, in der nun Smaug schlief. Vielleicht hatte ihn Frerins Aussage daran erinnert. Er hatte den Arkenstein nicht retten können und nun drohte seiner Enkelin das gleiche Schicksal. Wenngleich es hier auch kein Drache war, der sie bedrohte oder gefangen hielt.
War dies am Ende nur Thrórs Art, zu zeigen, dass er sich Sorgen machte? Thorin schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, wie er in einer solchen Situation reagierte, aber ganz sicher würde er seinen Bruder nicht schlagen.

Sie liefen schweigend nebeneinander her. Der Weg zurück ins Tal und zur Stadt war leicht zu finden, und als sie dort ankamen, waren die Feuer bereits gelöscht worden und man hatte inzwischen angefangen, sich um das Chaos zu kümmern, das von den Orks und Trollen hinterlassen worden war.

Als sie zu dem Zeltlager kamen, wurden sie von Eafa, Thráin und Balin empfangen.
Sie alle verneigten sich vor dem Zwergenkönig, doch Thorin fand es merkwürdig, die Menschenfrau hier zu sehen. Sollte sie nicht bei ihrer Familie sein?
Thráin trat ihnen mit leuchtenden Augen entgegen. Kurz trübte sich dieses Leuchten, als er Frerin mit hochgezogener Augenbraue musterte, der vorsichtig den blutigen Ärmel von seiner Nase löste und prompt zusammenzuckte. Doch sein Vater ging nicht näher darauf ein, sondern wandte sich unmittelbar an Thrór.

„Ihr habt sie nicht gefunden?“, wollte er wissen. Der König schüttelte nur den Kopf.
Niemand der anderen sagte etwas, bis ihr Vater sich an Frerin wandte.
„Und was ist mit dir passiert?“, wollte er wissen.
Frerin warf einen scheuen Seitenblick zu Thrór.
„Ich bin … gestürzt“, sagte er dann und schaute zu Boden.
„Meine Herren, wenn Ihr erlaubt, kümmere ich mich um Frerin“, bot Eafa an.
Thrór nickte nur.
„Ihr könnt mein Zelt nehmen, sofern es wieder aufgebaut ist?“, fragte er an Thráin gewandt, der nickte.
Eafa nahm Frerin bei der Schulter und ließ sich von ihm durch das Gedränge der Zelte führen.

„Ich möchte bei Sonnenaufgang zwanzig Mann in Rüstung und Bewaffnung vor meinem Zelt vorfinden“, machte der König weiter und schaute dabei Dwalin an, der den Kopf neigte und sich zurückzog, um den Auftrag auszuführen. Dann wandte der König sich ab und verließ das Zeltlager.

„Falls mich jemand sucht, ich bin bei König Fréaláf“, stellte er klar, dann war er endgültig verschwunden und ließ Balin mit Thorin allein.
„Ist Frerin wirklich hingefallen, wie er gesagt hat?“
Eines musste man dem königlichen Berater lassen: Er passte auf und hatte das feine Zögern in Frerins Stimme vernommen.

„Nein. Der König hat ihm ins Gesicht geschlagen.“
Balin schaute ihn mit offenem Mund an, doch Thorin zuckte die Schultern.
„Ich muss noch einmal mit meinem Bruder reden. Vielleicht begleitest du den König lieber zu den Menschen, ich fürchte, sie sind nicht ganz so guter Stimmung nach allem, was heute geschehen ist.“
Balin nickte und eilte dem König nach, während Thorin sich auf den Weg zu seinem Zelt machte.

Die Zelte, an denen er auf seinem Weg vorbeikam, waren größtenteils wieder aufgebaut, auch wenn sich hier und da schwarze Brandlöcher in den hellen Zeltplanen fanden. Diese würden beizeiten ausgebessert werden.

Auch die verstreuten Gegenstände, die überall herumgelegen hatten, waren fortgeräumt worden und so sah es wieder recht ordentlich aus. Thorin erblickte Halla, die zusammen mit zwei anderen Zwergenfrauen eine Feuerstelle neu aufbaute, indem sie Steine zusammentrug und Holzscheite aufschichtete. Die Gestelle für das Kochgeschirr standen daneben. Sie würden auf die Feuerstelle gesetzt werden, wenn das Feuer brannte. Thorin blieb einen Moment stehen, um das Treiben zu beobachten. Halla hatte sich in den letzten Wochen und Monaten mit Dís angefreundet, sicher machte auch sie sich Sorgen und wollte wissen, wie die Exkursion verlaufen war.

Als sie ihn bemerkte, kam sie zu ihm herüber.
„Wart Ihr erfolgreich? Habt Ihr …“
Doch sie sah in seinem Blick, dass es nicht so war, wie sie es sich wünschen mochte. Er schüttelte den Kopf und sah, wie ihr die Tränen in die Augen traten. Sie musste genau wie alle anderen wissen, was das bedeutete. Ohne vermutlich näher darüber nachgedacht zu haben, umarmte sie ihn. Für einen Augenblick war er so überrumpelt, dass er nicht wusste, wie er reagieren sollte. Dann legte er ihr seinerseits die Arme um den Körper. Es tat gut, für einen Moment von jemandem festgehalten zu werden, und mochte das auch jemand sein, mit dem er noch kaum gesprochen hatte.

„Es tut mir leid“, murmelte sie, löste sich errötend wieder von ihm und rieb sich über die Augen.
„Es ist nur … wenn ich mir vorstelle, mein Bruder würde …“
Bei diesen Worten krampfte sich sein Herz schmerzhaft zusammen.

Dann jedoch musste er schmunzeln.
„Ah ja, Euren Bruder lernte ich heute auch kennen“, erklärte er und legte ihr einen Arm um die Schulter, um zusammen mit ihr den Pfad entlangzugehen. Sie ließ sich widerstandslos führen, aber er sah an den Blicken der anderen beiden Zwerginnen, dass es ihnen weniger recht war, dass er Halla von ihrer Arbeit entführte.
Sie lachte, und es klang wie Musik in seinen Ohren.

„Nun, ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich einen Bruder habe. Ich habe nur nicht gesagt, dass es Nárin ist. Und, wurdet Ihr offiziell akzeptiert, oder hasst er Euch nun?“
Thorin schwieg einen Moment.
„Sagen wir einfach, er ist sehr … beschützend, was seine kleine Schwester angeht. Aber ich denke, er findet es in Ordnung, wenn wir weiterhin Umgang miteinander haben“, schmunzelte er und sah, wie sie erneut errötete.


Halla senkte den Blick.


„Das ist nett von ihm.“
Sie blieb stehen und musterte ihn. Eine steile Sorgenfalte grub sich zwischen ihre Augenbrauen, als sie ihn musterte.

„Ihr seht müde aus. Ihr müsst Euch große Sorgen um Dís machen.“
Thorin nickte und rieb sich über die Augen. Tatsächlich fühlte er sich wie gerädert und hätte gern ein paar Stunden geschlafen, aber das durfte er nicht. Je mehr Zeit sie verloren, desto wahrscheinlicher war es, dass Dís gar nicht mehr am Leben war oder sie sich immer weiter von ihnen entfernte und sie sie nie wieder fanden. Das durfte nicht geschehen!

„Ja, das tue ich. Und deshalb muss ich dringend mit meinem Bruder sprechen.“ Sie liefen schweigend nebeneinander her und jeder hing seinen Gedanken nach. Schließlich standen sie vor dem Zelt des Königs, das ramponierter war als die übrigen. Aber auch hier standen wieder alle Dinge an Ort und Stelle, als er das Zelt betrat.

Darin saß Frerin auf seiner Bettstatt und ließ geduldig Eafas Behandlung über sich ergehen. Die blonde Frau hatte einen hellen Stoffstreifen mit Wasser getränkt und wischte dem Zwerg das Blut aus Gesicht und Bart.

Sein Bruder lächelte, als Thorin eintrat, und zuckte gleich darauf zusammen. Er sah überhaupt nicht gut aus, weil seine Nase anfing zu schwellen und blau zu werden und er die Augen nur mühsam aufbekam. Er fluchte unterdrückt auf Khuzdul.

„Würdet Ihr bitte stillhalten?“, forderte Eafa ihn energisch auf und drehte sein Kinn so, dass sie alle Stellen erreichen konnte. Dann erst schaute sie über die Schulter zu Thorin.
„Ah, kommt Ihr als moralische Unterstützung für Euren Bruder?“, wollte sie wissen und wusch den Lappen in einer Schüssel mit Wasser aus.
„Unter anderem. Ich muss jedoch auch etwas mit ihm besprechen.“ Er trat neben die beiden und ließ sich auf einem niedrigen Schemel nieder, der dort bereitstand. Dann erst ließ er den Blick durch das Zelt schweifen. Nebenan sah er im Widerschein des Kaminfeuers im Abteil von Dís einen Schatten, der aussah wie Thráin. Er wandte sich wieder ab, weil Eafa in diesem Moment aufstand.

„Dann entschuldigt mich. Ich möchte nicht stören.“
Doch Thorin hielt ihre Hand fest, als sie an ihm vorbeigehen wollte.
„Nein, bleibt noch einen Moment. Ihr wart doch in der Stadt. Ist es sehr schlimm dort? Die Zerstörung, meine ich.“
Die Menschenfrau wandte für einen Moment den Blick ab, bevor sie Thorin wieder anschaute.
„Die Orks und Trolle haben schlimme Verwüstungen angerichtet. Wir werden lange brauchen, um alles wieder herzurichten, und der König ist naturgemäß nicht sonderlich erfreut darüber.“
Sie wand sich unbehaglich, bevor sie die Prinzen wieder anschaute.

„Er … er gibt Euch die Schuld dafür, dass das passiert ist. Ich glaube, er denkt, wenn Ihr nicht hier wärt, hätten die Orks uns nicht angegriffen.“
Thorin zuckte zusammen. Der König und die Bewohner von Edoras hatten recht, wenn sie so etwas dachten. War nicht Azog nur gekommen, um sich dem König zu zeigen? Und hatte er nicht die Stadt angegriffen und Dís entführt, um ihm zu schaden?

„Erzählt man sich dergleichen auch unter den Soldaten und Bewohnern der Stadt?“, wollte Frerin wissen. Seine Stimme klang ungewöhnlich näselnd.
Die blonde Frau zögerte, dann nickte sie schließlich.
„Lasst sie reden. Sie wissen nichts über Euch. Eigentlich sollten sie es besser wissen, denn so lange, wie Ihr Euch nun schon hier aufhaltet, habt Ihr Euch vorbildlich verhalten und viel für die Stadt getan, aber man wendet sich in einer Stadt wie dieser eben immer zuerst gegen …“
„… gegen die, die eigentlich nicht in diese Stadt gehören. Schon klar“, erwiderte Frerin und schloss für einen Moment die Augen. Eafa strich ihren Rock glatt und blickte verlegen von einem Prinzen zum anderen.
„Nun entschuldigt mich. Ich kam lediglich her, um nach dem Rechten zu sehen, als ich hörte, dass Eure Schwester vermisst wird. Nun muss ich wieder zurück zu den Meinen.“
Damit verließ sie das Zelt.

Frerin blickte ihn erwartungsvoll an.
„Und, was möchtest du mit mir besprechen?“, wollte er wissen. Vorsichtig betastete er seine Nase und zuckte zusammen.
„Verdammt, ich glaube, er hat mir glattweg das Nasenbein gebrochen.“
Dann ließ er seine Nase lieber wieder in Ruhe. Die Blutung hatte unterdessen aufgehört und er sah wieder halbwegs normal aus, wäre da nicht die blauviolette Schwellung in seinem Gesicht gewesen. Thorin blieb sitzen, wo er war.

„Ich möchte nicht warten, bis Großvater am Morgen eine Mannschaft zusammengestellt hat“, murmelte er und warf einen Blick zu der noch immer hell erleuchteten Zeltwand, hinter der er Thráin ausmachen konnte.
„Ich möchte, dass wir beide heute Nacht noch einmal ins Gebirge gehen. Von mir aus nehmen wir ein, zwei Soldaten mit. Vielleicht Andrír und Dwalin. Je mehr Zeit wir verschwenden, desto geringer sind unsere Erfolgsaussichten.“
Frerin schien einen Moment darüber nachzudenken, dann nickte er.
Er blickte Thorin bohrend in die Augen.

„Dann geh und weihe die beiden ein. Und kein Wort zu Großvater oder Vater. Wir brechen in ein paar Stunden auf, wenn alle schlafen.“
Thorin erhob sich, klopfte seinem Bruder noch einmal auf die Schulter und verließ dann das Zelt. Halla stand noch immer davor und blickte ihn neugierig an.
Thorin blieb vor ihr stehen.
„Wie geht es Frerin?“, wollte sie wissen und spähte besorgt an ihm vorbei, als könne sie so einen Blick auf den verletzten Prinzen erhaschen.
Thorin schloss für einen Moment die Augen. Wäre er doch nicht so müde gewesen. Wie aufs Stichwort musste er gähnen und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Verzeihung. Ganz gut, denke ich, auch wenn er die nächsten Tage mit einem blauen Auge und einer Nase herumläuft, die jedem Olifanten Konkurrenz macht“, schmunzelte der Prinz.
„Und was plant Ihr nun? Wegen Dís, meine ich.“
Er führte sie ein Stück von den Zelten fort, um zu verhindern, dass Thráin sie hörte.
„Wir gehen heute Nacht noch einmal ins Gebirge und suchen sie. Wenn man Euch fragt, Ihr habt uns nicht gesehen, verstanden?“

Er blickte ihr bohrend in die sturmgrauen Augen und sie nickte, auch wenn sie sich unsicher auf die Lippe biss.

„Ihr müsst wissen, ich bin eine erbärmliche Lügnerin. Aber ich gebe mein Bestes“, erwiderte sie und die unsichere Miene löste sich in ein freches Lächeln auf, das dafür sorgte, dass er ein feines Flattern irgendwo hinter seinem Nabel wahrnahm.

„Dann könnt Ihr ja die Gelegenheit beim Schopf packen und ein bisschen üben“, gab er zurück.
Das Grinsen verschwand und machte wieder der Besorgnis Platz.
„Ihr kommt doch zurück, nicht wahr?“, wollte sie wissen. Thorin schluckte. Machte sie sich wirklich Sorgen um ihn?
Er behielt ihre Augen im Blick, während er sich statt einer Antwort zu ihr hinunterbeugte und sie sanft auf die Lippen küsste.

„Nur für den Fall, dass nicht“, murmelte er, dann wandte er sich ab und lief mit raschen Schritten davon.

Er musste dringend mit Dwalin sprechen.
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