Der Klang deiner Stimme

GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
Eren Jäger Hanji Zoe Levi Ackermann / Rivaille
29.08.2019
15.10.2019
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Levi

Zischend holte ich Luft und wirbelte zu Hanji herum. Schon seit unserer Kindheit waren wir miteinander befreundet. In dieser Zeit hatte Hanji schon vieles angestellt, doch es war das erste Mal, dass es etwas Illegales war.
„Du kannst doch keinen Jungen entführen!“, zischte ich wütend. „Weißt du welchen Ärger du dir mit dieser Aktion eingehandelt hast?!“ Bei Hanji erwartete ich inzwischen vieles, aber eine Entführung hätte ich ihr nie zugetraut. Bis jetzt. Wenn die Polizei von der Entführung erfuhr, würde es sicherlich nicht bei einer Geldstrafe bleiben. Bei dem Gedanken, dass ich sie das nächste Mal wohl möglich im Gefängnis besuchen könnte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Hoffentlich hatte sie den Jungen noch nicht zu sehr verängstigt, was sich bei der Irren wohl um ein Wunder handeln müsste, sodass ich ihn noch dazu bringen konnte, dass er sie nicht anzeigte. Auch wenn es bedeuten würde, dass er lügen müsste. Erschrocken riss Hanji die Augen auf und schüttelte hektisch den Kopf.

„Nein! Levi so ist es nicht!“, sprach sie hastig und mit einer viel zu hohen Stimme. Dabei wedelte sie abwehrend mit ihren Armen.
„Hanji! Da sitzt ein fremder Junge in deinem Gästezimmer und du hast es allen Anschein nach gewusst. So etwas nennt man Entführung!“, schnitt ich ihr mit schneidender Stimme das Wort ab. Die Situation brauchte sie mir nicht zu erklären.
„Tu dir jetzt einfach selbst den Gefallen und lass mich die Sache geradebiegen.“ Mit einem warnenden Blick, der ihr sagen sollte, dass sie nicht versuchen sollte mich aufzuhalten, sah ich sie einen kurzen Augenblick lang an und drehte mich dann endlich dem Jungen zu. Es wurde Zeit, dass er hier rauskam. Er sah nicht älter aus als Achtzehn und ich war mir ziemlich sicher, dass seine Eltern ihn schon suchten. Wahrscheinlich hatten sie auch schon die Polizei verständigt.
„Nein, Levi!“, schrie Hanji. Mit ausgestreckten Armen stellte sie sich in den Türrahmen und versperrte mir so den Weg zu dem Jungen. Entschlossen mich nicht in diesen Raum zu lassen.
„Ich kann nicht zulassen, dass du ihn mitnimmst! Du würdest ihm nur Angst machen, wenn du ihn mitnimmst!“ Kurz betrachtete ich Hanji und schüttelte den Kopf. Sie hatte definitiv nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wahrscheinlich hatte der Junge mehr Angst vor ihr, als vor mir. Außerdem würde ich ihn hier rausbringen und ihn nicht an einem Ort festhalten, an dem er gar nicht sein wollte.

„Jetzt mach es nicht noch schlimmer, als es so oder so schon ist.“, versuchte ich ihr klar zu machen und schob sie damit bestimmt zur Seite, um den Raum betreten zu können. Gerade als ich den ersten Schritt ins Zimmer getan hatte, schlang Hanji ihre Arme um meine Taille. Widerstand leisten konnte sie.
„Nein Levi, bitte nicht! Du kannst Sawney nicht mitnehmen!“, wimmerte sie. „Er hat niemanden außer mich und er kennt doch da draußen nichts.“ Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah ich sie an. Ganz sicher hieß dieser Junge nicht Sawney, denn nur Hanji würde jemanden nach einem Kannibalisten benennen. Ich legte meine Hände auf ihre Arme und versuchte mich aus ihrem Griff zu befreien. Doch das Einzige, was ich damit erreichte, war, dass ihr Griff sich nur verstärkte. Hanji klammerte sich wie eine Ertrinkende an mich. Mit einem Seufzen beschloss ich sie zu ignorieren und trotzdem zu dem Jungen zu gelangen. Sie würde schon irgendwann von selbst loslassen. Noch immer saß der Junge auf dem Bett und beobachtete uns mit großen Augen.
„Levi bitte! Lass ihn in Ruhe. Du machst ihm nur Angst!“, kam es erneut von Hanji. Sie stemmte ihre Füße in den Boden. Mit aller Kraft versuchte sie mich aufzuhalten. Dabei wusste sie nur zu gut, dass ich stärker war, auch wenn man es mir anhand meiner Körpergröße nicht ansah.
„Hanji, lass mich los.“, warnte ich sie und trat erneut einen weiteren Schritt auf Sawney zu. Wenn Hanji es so wollte, schleifte ich sie halt durch den ganzen Raum.
„Ich werde ihn von hier wegbringen. Ob du es nun willst, oder nicht. Du kannst nicht einfach einen Jungen entführen.“ Angsterfüllt weiteten sich Sawneys Augen und er sprang vom Bett auf. Aus seinem Gesicht war jegliche Farbe gewichen, während er sich hektisch umsah. In diesem Moment löste sich Hanji von mir, stürzte auf den Jungen und zog ihn in eine Umarmung.

„Psscht. Alles ist gut. Er wird dich nirgendwo mit hinnehmen. Das verspreche ich.“, murmelte sie beruhigend, während sie mir einen wütenden Blick zu warf. Sie brauchte mir bloß nicht zu sagen, dass es nun angeblich meine Schuld war, dass dieser Junge nun Angst hatte. Eigentlich hatte ich ja auch erwartet, dass der sich mit Haut und Haaren weigern würde, sich von Hanji überhaupt berühren zu lassen. Schließlich war sie es, die ihn gegen seinen Willen hier festhielt. Doch zu meiner offensichtlichen Überraschung krallten sich seine Hände in ihr Shirt und es schien so, als wollte er gar nicht von ihr weg. Verwirrt blieb ich in der Mitte des Raumes stehen. Das was sich gerade vor meinen Augen abspielte, ergab keinen Sinn.

„Hanji was zum Teufel ist hier los?“, fragte ich sie, als ich meine Stimme wiedergefunden hatte. Ein kurzer Blick von Hanji verriet mir, dass sie mich gehört hatte. Doch anstatt mir eine Antwort zu geben, redete sie weiter auf den Jungen ein. Sie sprach beruhigende Worte, während sie mit einer Hand seinen Rücken auf und abfuhr. Erst als der Junge sich wieder beruhigt hatte, wandte sich Hanji zu mir. Sie hatte die Arme in ihre Hüften gestemmt und funkelte mich wütend an.
„Ich hoffe du entschuldigst dich noch bei ihm! Verdammt, Levi ich weiß ja, dass du nicht gerade vor Charisma spürst, aber du kannst ihm doch nicht so eine Angst einjagen! Er ist völlig verängstigt gewesen, als ich ihm am Strand gefunden habe! Gerade fing er an sich hier wohlzufühlen und dann bringst du so eine Aktion!“, schrie mit vor Wut bebender Stimme. Auch wenn ich es nur ungern zu gab, aber Hanji hatte Recht. Vor ein paar Minuten hatte der Junge nicht so ängstlich gewirkt wie jetzt. Dabei war es ganz und gar nicht meine Absicht gewesen, dem Jungen Angst einzujagen. Ich hatte ihm nur helfen wollen und dabei wohl alles völlig falsch gedeutet.
„Tch. Tut mir leid.“, grummelte ich und steckte die Hände zur Untermalung meiner eigenen Aussage, in meine Hosentaschen. „Trotzdem wüsste ich gerne mal, warum du ihn in diesem Zimmer versteckst.“ Wenn der Junge wirklich freiwillig hier war, hätte sie mir auch von ihm erzählen können, anstatt ihm in diesem Zimmer versteckt zu halten. Das musste sie mir jetzt erklären. Außerdem war es immer noch nicht richtig, ihn hier zu verstecken, wo ihn keiner vermuten würde. Der Junge hatte mit großer Wahrscheinlichkeit eine Familie, die sich um ihn sorgte. Zufrieden, über meine Entschuldigung, nickte Hanji und grinste dann freudig, als sie mir endlich erklären durfte, warum sie einen Jungen in ihrem Gästezimmer versteckte. Ihre Stimmungswechsel waren anstrengend, genau wie diese ganze Situation.

„Das ist ganz einfach. Sawney ist ein Mann des Meeres. Besser gesagt ein Meermann. Ich habe ihn vor drei Tagen am Strand gefunden, ganz allein und so wie er sich verhält, hat er keine Ahnung von unserer Welt. Ich habe ihm angeboten, dass er hier bleiben kann, solange er möchte, denn aus irgendeinem Grund, will er nicht ins Meer zurück.“, beantwortete sie mir meine Frage. Erleichtert stieß ich die Luft aus, als sie mir nochmal bestätigte, dass der Junge aus freien Stücken bei ihr war. Doch die Erleichterung verschwand schnell, als mein Gehirn realisierte, dass Hanji ihn als Meermann bezeichnet hatte.
„Hanji dir sind wohl deine Forschungen zu Kopf gestiegen. Dieser Junge da kann unmöglich ein Meermann sein.“, widersprach ich. Ich war zwar kein Meeresbiologe, aber selbst ich wusste, dass ein Meermann beziehungsweise eine Meerjungfrau eine Schwanzflosse hatte und keine Beine, so wie er. „Er hat Beine und außerdem können Meerjungfrauen und Meermänner nicht am Land leben. Hast du mir nicht noch letztens erzählt, dass du die Leiche einer Meerjungfrau gefunden hättest? Du müsstest dann doch selbst gut genug wissen, wie genau sie aussehen und dass sie gottverdammte Kiemen haben!“
„Ja da hast du recht, aber Sawney hat mir selbst gezeigt, dass er ein Meermann ist.“, hielt Hanji bestimmt dagegen und drehte ihren Kopf zu dem Jungen, der daraufhin eifrig nickte.
Kopfschüttelnd beobachtete ich die Beiden. Hanjis Verrücktheit schien schon auf den Jungen abzufärben. Es war Zeit, dass ich Hanji zu Vernunft brachte. Vielleicht war das keine Entführung, aber wenn man den Jungen hier fand, konnte das immer noch Schwierigkeiten geben.
„Hanji… Auch wenn der Junge freiwillig bei dir ist, sollten wir ihn zur Polizei bringen. Irgendjemand wird ihn suchen und sich Sorgen um ihn machen.“
„Levi! Du hörst mir nicht zu!“, kam es von Hanji plötzlich „Sawney ist ein Meermann! Er kommt aus dem Meer und will dahin nicht mehr zurück! Hier hat er niemanden, der ihn sucht! Er hat nur mich und selbst wenn wir ihn zur Polizei oder sonst wo hin bringen, was glaubst du wird mit ihm passieren, wenn man erfährt, was er ist?!“ Mit jedem Wort, das sie sprach, wurde ihre Stimme lauter.

Nachdem sie ihren Vortrag beendet hatte, trat sie einen Schritt vor Sawney und streckte beschützend ihre Arme aus. Sie musste mir nicht sagen, dass sie diesen Jungen nicht freiwillig gehen lassen würde. Wenn ich ihn wirklich mitnehmen wöllte, müsste ich zuerst Hanji aus dem Weg räumen, denn wenn sie einmal entschlossen war, würde sie erst aufhören, wenn sie ins Gras biss. Und ich würde meine Freundin nicht aus dem Weg räumen, nur weil sie mal wieder etwas Dummes angestellt hatte. So kalt war selbst ich nicht und Freundschaften waren mir wichtig. Auch die, zu dieser bekloppten Brillenschlange hier.
„Hanji…“ Sie war zwar verrückt, aber sie musste doch einsehen, dass der Junge sie angelogen hatte, was seine Herkunft betraf. Meerjungfrauen und Meermänner sahen nicht wie Menschen aus!
„Man wird Versuche mit ihm anstellen und ihm wehtun! Willst du das Levi?! Willst du den Jungen in die Hölle schicken?“ Ich stieß ein genervtes Seufzen und schloss für einige Sekunden meine Augen. Am liebsten würde ich den Jungen am Kragen packen und ihn aus diesem Haus ziehen, allerdings schien es zur Zeit so, als würde er Hanji vertrauen. Wenn ich sie also umstimmen könnte, dass ich nämlich Recht hatte, würde das die ganze Sache für uns alle einfacher machen.
„Gut, wenn du beweisen kannst, dass er wirklich ein Meermann ist, was ich allerdings stark bezweifle, dann kann er hierbleiben, wenn er will. Wenn nicht, dass nehme ich ihn mit und tue das, was ich schon die ganze Zeit für richtig halte.“, gab ich schließlich ein klein wenig nach. Tatsächlich war es sogar besser, ihn bei Hanji zu lassen, wenn er wirklich ein Meermann war, denn ich wusste wie die Menschen waren. Sie würden keine Rücksicht darauf nehmen, dass Sawney wie ein Mensch aussah, wenn sie wussten, dass er einer ganz anderen Spezies angehörte. Auf Hanjis Gesicht bereitete sich ein siegessicheres Grinsen aus.
„Keine Sorge. Du bekommst deinen Beweis!“, versprach sie mir mit siegessicherer Stimme und drehte sich dann zu Sawney um.
„Also du hast Levi gehört. Er braucht einen Beweis, damit er uns endlich glaubt. Ich werde einfach ein DNA Test machen. Keine Sorge das wird auch alles nicht wehtun. Warte einfach kurz hier, ich hole schnell die benötigten Utensilien. Ich bin gleich wieder da.“, sprach sie hastig auf den Jungen ein, der sie mit großen Augen einfach nur anstarrte. In diesen spiegelte sich deutlich seine Verwirrtheit wider. Es schien so, als würde er nicht mal die Hälfte von dem verstehen, was sie gerade zu ihm gesagt hatte.

Als Hanji sich wieder umdrehte und schon aus dem Zimmer stürmen wollte, griff er hastig nach dem Saum ihres T-Shirts und hielt sie so zurück. Verwirrt blickte Hanji über ihre Schulter zu dem Jungen, der heftig den Kopf schüttelte. Er krallte sich so sehr in den Saum ihres Shirts, dass man das Weiß um die Knöchel sah. Sein Mund öffnete und schloss sich schnell, so als ob er ihr irgendetwas sagen wollte, es aber nicht konnte.
„Du willst nicht, dass ich dich mit ihm allein lasse, stimmts?“, fragte Hanji ihn mit sanfter Stimme, worauf Sawney heftig nickte.

Eren

Verzweifelt krallte ich mich an Hanjis T-Shirt fest. Dieser Mann hatte selbst gesagt, dass er mich fortbringen wollte. Was war, wenn er genau diese Gelegenheit dazu nutzen würde, um mich von hier fortzubringen? Ich hatte bereits auf schmerzhafte Art musste lernen müssen, dass nicht jeder zu seinem Wort stand. Es war besser, wenn ich nicht mit ihm allein war. Nein, Hanji durfte mich nicht allein lassen. Zurzeit war sie die Einzige, der ich irgendwie vertrauen konnte.
„Sawney…“, begann Hanji sanft. Zum Glück verstand sie mich ohne Stimme. „Du kannst mit mir die Sachen holen, wenn du dich dann besser fühlst, aber Levi wird dir nichts mehr tun. Versprochen. Er sieht vielleicht nicht so nett aus, aber tief im Inneren hat er ein großes Herz. Er ist ein guter Kerl. Glaub mir, ja?“ Die letzten Sätze sprach sie mit voller Überzeugung und für einige Sekunden glaubte ich ihr sogar. Doch der Schrecken der letzten Ereignisse steckten noch zu sehr in meinen Knochen, als dass ich ihr wirklich vollständig glauben konnte. Eine Hand legte sich sanft auf meine und löste meine Finger von ihrem Shirt.
„Ich habe dir gesagt, dass du hierbleiben kannst, solange du willst und dass wird sich auch nicht ändern, nur weil er etwas anderes meint.“, fuhr sie fort und warf einen kurzen Blick über ihre Schulter zu dem Fremden. Ich folgte ihren Blick und glaubte kurz zu sehen, wie er schuldbewusst zusammenzuckte, aber das konnte ich mir auch nur eingebildet haben. Seine grauen Augen blickten direkt in meine Richtung. Sie waren vollkommen emotionslos und ich fragte mich, ob dieser Mann überhaupt etwas fühlte.
„Es tut mir leid, dass ich dir Angst eingejagt habe. Das wollte ich nicht.“ Auch wenn sein Gesicht ohne jegliche Emotionen war, so klang seine Stimme nun doch aufrichtig. Unsicher blickte ich zu Hanji, die mir aufmunternd zunickte.
„Siehst du? Er ist im Grunde genommen ein netter Kerl. Nur manchmal etwas zu voreingenommen. Außerdem hast du ja seine Worte gehört, wenn ich ihm beweisen kann, dass du wirklich ein Meermann bist, dann kannst du hierbleiben.“ Beruhigend drückte sie meine Hand und drehte sich dann um, um aus dem Zimmer zu gehen. Kurzerhand folgte ich ihr. Auch wenn ihre Worte und die Entschuldigung des Mannes mich etwas beruhigt hatten, so wollte ich dennoch nicht mit ihm allein sein.

Hanjis Labor war dunkel und vollgestopft mit Dingen, die ich nicht kannte. Viele Gegenstände, die im Raum standen, blinkten oder machten komische Geräusche, von denen ich mir nicht sicher war, was sie zu bedeuten hatten. Vielleicht sprachen sie ja mit Hanji und ich verstand es nur nicht. Während der Fremde auf einen Stuhl Platz genommen hatte, blieb ich dicht bei Hanji und schielte immer wieder zu ihm herüber. Ich vertraute zwar auf Hanjis Urteil, dass er mir nichts tun würde, aber dennoch war ich immer noch misstrauisch.
„Also gut Sawney. Du müsstest jetzt einmal kurz den Mund öffnen. Ich brauche deinen Speichel, damit ich den DNA- Test machen kann. Keine Sorge, das tut nicht weh.“, riss mich Hanji aus meinen Gedanken. Ich sah zu ihr und machte erschrocken einen Schritt zurück, denn sie hielt mir einen weißen langen Stab direkt vor die Nase.
„Wie schon gesagt, es wird nicht wehtun. Versprochen.“, fügte Hanji hinzu und lächelte mich aufmunternd an. Skeptisch beäugte ich den Stab vor meiner Nase. Ich wusste nicht, wozu dieses Teil gut sein sollte und warum ich dafür meinen Mund öffnen müsste. Andererseits wusste ich auch nicht, was dieser DNA-Test war, aber wenn er dafür sorgen konnte, dass ich hierbleiben konnte, dann sollte ich wohl auf Hanjis Anweisungen hören. Noch immer misstrauisch öffnete ich langsam meinen Mund.
„Ja genau. So ist es gut. Achtung, ich werde jetzt kurz den Stab in deinen Mund stecken. Lass ihn einfach offen.“, lobte mich Hanji und steckte langsam den Stab in meinen Mund. Tatsächlich hatte Hanji recht und es tat gar nicht weh. Auch war die Sache schneller erledigt, als ich angenommen hatte. Sobald Hanji den Stab wieder aus meinem Mund genommen hatte, wandte sie sich eins der blinkenden Dinge zu und ignorierte mich vollkommen.

Es dauerte eine Weile bis Hanji meinte, man könnte das Ergebnis sehen. Daraufhin hatte sich Levi zu Hanji gesellt und fing an, leise mit ihr zu reden. Das meiste, was die beiden zueinander sagten, verstand ich nicht, denn mal wieder benutzte Hanji diese komplizierten Wörter.
„Also ist er ein Meermann…aber wie?“, stieß Levi mit einem tiefen Seufzer aus. Es war der erste Satz, den ich wirklich von diesem Gespräch verstand. Hanji nickte bestätigend und zuckte gleichzeitig mit den Schultern.
„Ja das ist er und das versuche ich auch noch herauszufinden. Weißt du, es gibt viele Legenden über Meerjungfrauen. Einige berichten darüber, dass sie zu Menschen werden, wenn sie sich in einem Menschen verlieben. Vielleicht ist an diesen Legenden etwas dran. Er und die Leiche beweisen ja schon die Existenz der Meerjungfrauen.“, sprach Hanji nachdenklich.
Das was Hanji von sich gegeben hatte, war nicht ganz richtig. Zwar glaubten einige Meerjungfrauen an die aloha maoli, aber auch ohne sie konnten wir uns in Menschen verwandeln. Die Aloha Maoli war die Liebe zu einem Menschen, die so stark war, dass man seine Flosse für diese Liebe aufgab. Manche Meerjungfrauen sprachen davon, dass das die wahre Liebe sei, aber ich bezweifelte, dass es sich dabei um die wahre Liebe handeln konnte. Wieso sollte man für jemanden, den man liebt, etwas aufgeben was man ebenfalls liebte? Das einzige was man wirklich brauchte, war die ke mele, ein bestimmter Gesang, den nicht alle Meerjungfrauen besaßen. Ich war schon im Begriff meinen Mund zu öffnen, um ihr zu erklären, dass das was sie gesagt hatte, nicht stimmte, aber ich brachte wie immer keinen einzigen Ton heraus. Frustriert schloss ich wieder den Mund und vergrub meine Fingernägel in meine Handflächen. Würde ich nicht dieses verdammte Gift in mir tragen, könnte ich Hanji alles erzählen.

„Juhuu du darfst bleiben!“, jubelte Hanji plötzlich und fiel mir um den Hals. Ich war so sehr in meinen eigenen Gedanken versunken gewesen, dass ich das weitere Gespräch zwischen den Beiden nicht mitbekommen hatte. „Hanji…Jetzt erdrück doch nicht den Jungen.“, seufzte der Fremde und zog sie am Kragen von mir weg.
„Sag mal, mit was hast du den Jungen eigentlich in den letzten Tagen ernährt?“ Hanji lachte und rieb sich den Nacken.
„Ach weißt du. Er liebt Pizza…ich liebe Pizza-“, weiter kam sie nicht, denn Levi unterbrach sie.
„Pizza vom Lieferdienst ist keine ausgewogene Ernährung. Gott Hanji, du solltest lernen, dich vernünftig zu ernähren. Ich werde heute für euch kochen, damit der Junge mal etwas anständiges zu Essen bekommt!“, seine Stimme hatte einen bestimmenden Unterton, der keine Widerrede zuließ.
„Gut, aber dann müssen wir einkaufen. Ich habe nichts zuhause.“, erwiderte Hanji mit einem breiten Grinsen und hakte sich bei mir unter. Es schien sie nicht im Geringsten zu stören, dass Levi für unser Abendessen zuständig war. Im Gegenteil es schien sie sogar zu freuen.
„Dann kann ich dir auch gleich die Stadt zeigen. Falls du irgendwann mal Lust hast, sie zu besuchen, weißt du gleich wo alles ist. Kommt, lasst uns gehen. Ich fahre auch!“, plapperte sie fröhlich vor sich hin, während sie mich aus dem Labor zog. Levi folgte uns seufzend.
„Ganz sicher, wirst du nicht fahren! Es sei denn, du willst, dass wir alle sterben“, widersprach ihr Levi „Außerdem versinkt dein Auto im Chaos.“

Hanji, die schon einen kleinen gezackten silbernen Stab in der Hand hielt, drehte sich zu Levi um und blinzelte ein paar Mal. Bevor sie überhaupt etwas erwidern konnte, hatte Levi ihr diesen Stab aus der Hand genommen und schob sie bestimmt aus der Tür. Neugierig beobachtete ich die beiden und blieb an der Schwelle der Haustür stehen. In den letzten drei Tagen hatte ich das Haus nicht verlassen. Aus Angst ... ihm … da draußen zu begegnen. Dabei war das völlig schwachsinnig, denn anders als ich, konnte er nicht einfach so an Land kommen. Aber andererseits war ich doch neugierig auf die Welt, in der Hanji lebte. Außerdem war ich nicht an Land geflohen, um mich am Ende in einem Haus zu verstecken. Ich war geflohen, um frei zu sein und dennoch zögerte ich, das Haus zu verlassen. Hanji, die inzwischen draußen vor einem Ding mit vier Rädern stand, drehte sich zu mir um und lächelte mir ermutigenden zu.

„Komm Sawney. Ich bin mir sicher, dass dir die Stadt gefallen wird. Außerdem werden wir beide schon auf dich aufpassen, stimmt's Levi?“ Grinsend stieß sie ihm in die Rippen, woraufhin er ihr einen warnenden Blick zuwarf und dann mich anblickte. Wie schon die ganze Zeit über war sein Gesicht vollkommen ausdruckslos. Einen Moment blieb er neben Hanji stehen, bevor er langsam auf mich zu kam und direkt vor mir stehen blieb.
„Hör zu. Ich weiß, dass ich dir Angst gemacht habe, aber das war nicht meine Absicht. Ich kenne Hanji schon lange genug, um zu wissen, dass sie einen Sprung in der Schüssel hat. Außerdem siehst du wie ein Mensch aus. Ich habe aus der Situation falsche Schlüsse gezogen, ich wollte dir nur helfen und das will ich auch jetzt noch. Ich werde dich nirgendwohin bringen, wo du nicht sein willst. Versprochen.“, sprach Levi aufrichtig und hielt mir eine Hand hin. Überrascht blinzelte ich und starrte in die grauen Augen. Dachte er wirklich, dass er der Grund war, weshalb ich zögerte? Zwar wusste ich immer noch nicht, ob er wirklich die Wahrheit sagte, aber Hanji schien ihm zu vertrauen. Sie würde ihn auch sicherlich nicht in meine Nähe lassen, wenn sie glaubte, dass er mich immer noch wegbringen wollte. Sie hatte vor ein paar Stunden ihren Standpunkt deutlich gemacht.
„Dir wird nichts passieren. Bleib einfach in unsere Nähe.“, sprach er beruhigend weiter und ich spürte, wie sich meine Muskeln entspannten. Auch wenn eine leise Stimme in meinen Kopf mir zur Vorsicht riet, gab ich mir einen Ruck und ergriff seine Hand. Hanji war mit Levi befreundet und ich vertraute ihrem Urteil. Es würde schon alles gut werden…
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