50 Oneshots - Sammlung

OneshotAllgemein / P12
29.08.2019
25.01.2020
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In der Ich-Perspektive über den Sinn des Lebens schreiben? Ist doch einfach!
Dachte ich zumindest, aber das Thema für OS 7 war dann doch etwas kniffliger. Dementsprechend auch wieder etwas kurz  geraten, aber ich wünsche euch trotzdem viel Spaß beim Lesen!


Leidwelt


Langsam gehe ich den Flur entlang. Auf der linken Seite verschiedene Räume mit Sitzreihen und Rednerpult. Die Vorlesungssääle. Auf der rechten Seite eine Brüstung und der Blick auf die Eingangshalle ein Stockwerk tiefer. Ich weiß noch, als ich das erste Mal das Universitätsgebäude betreten habe: Alles war so groß und beeindruckend. Die Verzierungen an der Decke und den Wänden, die mächtigen Säulen, auf die sich in scheinbar unendlicher Höhe die Decke stützt, die riesigen Büsten am Ende der Eingangstreppe… Allein über den Eingangsbereich könnte man stundenlang staunen. Aber ich war nicht hier, um die architektonischen Besonderheiten und Details dieses Gebäudes zu studieren, sondern um etwas anderes zu lernen. Ich hatte es tatsächlich geschafft, an dieser beeindruckenden Universität studieren zu dürfen!

Aber bereits nach den ersten Wochen hatte sich wieder die alte Motivationslosigkeit aus Schulzeiten eingeschlichen. Die langweiligste und zäheste Vorlesung wurde irgendwann schon aus Prinzip regelmäßig nicht besucht und wenn ich mal so gar keine Lust habe, morgens früh aufzustehen, werden eben die ganzen Vormittagsveranstaltungen ausfallen gelassen. Wohin ist meine Motivation verschwunden? Ich hatte mich so darauf gefreut, in meinem Leben einen Schritt weiter zu kommen mit dem Studium. Ich hatte mich darauf gefreut, einen neuen Sinn, einen neuen Lebensinhalt gefunden zu haben.

Oder habe ich das doch nicht? Was ist das eigentlich, der Sinn des Lebens? Eine Frage, genauso unbeantwortet und verwirrend und ewig während, wie die Suche nach dem heiligen Gral. Manche scheinen ihn gefunden zu haben. Sie gehen in ihrer Arbeit und dem, was sie sonst noch tun, völlig auf. Aber ist das wirklich der Sinn des Lebens? Etwas zu finden, nein, rund um die Uhr etwas zu tun, das einen glücklich macht? Die Arbeit mit Büchern, Texten, Geschichten macht mich glücklich, aber der Weg dorthin eher weniger. Ist der Sinn des Lebens also, in gewisser Weise Leiden zu erfahren, um andere, schönere Dinge, wirklich schätzen zu lernen? Wahrscheinlich sogar das Leben selbst schätzen zu lernen? Aber wie kann ich etwas schätzen, dass scheinbar nicht einmal einen Sinn hat? Ich lebe und sterbe und alles, was bleibt, ist ein Häufchen Asche. Aber muss das Leben überhaupt einen Sinn haben? Vielleicht ist ja gerade die Sinnlosigkeit des Seins, der Sinn des Lebens? Wahrscheinlich hätte ich doch Philosophie studieren sollen…

Ich blicke auf. Ich war so in Gedanken vertieft, dass ich nicht bemerkt hatte, dass ich schon seit geraumer Zeit vor meinem Hörsaal stand, ohne hinein zu gehen. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen: Der Sinn des Lebens ist für jeden etwas anderes. Es ist das, was man tut, um zumindest scheinbar etwas sinnvolles zu tun. Und ich würde jetzt in diese Vorlesung gehen, um zu lernen und meinen Traum, wie mein Leben aussehen soll, zu verwirklichen!